Alfred Hitchcock hatte in den 50ern einen beispiellosen Lauf und schrieb Kinogeschichte mit (u.a.) Der Fremde im Zug (1951: 10/10), Das Fenster zum Hof (1954: 10/10), Über den Dächern von Nizza (1955, 8/10), Immer Ärger mit Harry (1955, 9/10), Vertigo (1958, 8/10), Der unsichtbare Dritte (1959, 10/10) und Psycho (1960, 10/10). Nach Die Vögel (1963) ging es dann steil bergab; Marnie (1964, 7/10) war noch ein Achtungserfolg, aber den folgenden vier Werken fehlten überzeugende Stoffe und die passenden Darsteller. Zum Ende seiner Karriere war der Master of Suspense unmodern geworden.
Auch nach 50 Jahren weiß dieser letzte "große" Hitchcock noch glänzend zu unterhalten. Vom Drehbuch her sicher ein B-Film, mit nicht optimaler Besetzung, wird der Zuschauer durch den magischen Touch des Meisters in eine Oase des Wohlbehagens transportiert, aus der er durch wohldosierte Schockeffekte dann langsam wieder vertrieben wird. Es beginnt wie eine romantische Komödie, mit einer originellen Begegnung der beiden Hauptfiguren in einer Zoohandlung (im Englischen nennt man das ein "Cute Meet"). Und trotz mangelnder Chemie zwischen den beiden schaut man dem Treiben doch amüsiert zu. Laut lachen mußte ich beim Anblick der beiden (offensichtlich ausgestopften) Liebesvögel auf ihrer Stange, die sich bei der rasanten Autofahrt die Küstenlinie entlang kräftig in die Kurven legen. Dies ist allerdings der letzte lustige Vogelmoment. Die Atmosphäre macht hier den Filmerfolg aus, und es ist faszinierend zu beobachten, wie die Stimmung langsam in Richtung Thriller kippt.
Für Rod Taylor waren die Schuhe von Cary Grant und James Stewart natürlich viel zu groß, aber einen gewissen Charme kann man ihm nicht absprechen (Hitch nannte die Figur einen "Trottel"). Zu Tippi Hedren hat Hitch später stolz erzählt, er habe ihr das Schauspielern beibringen müssen Aber auch er konnte aus ihr keine Grace Kelly machen (nicht einmal eine Eva Marie Saint). Vielleicht deshalb muß ihre Figur gegen Ende der Handlung besonders leiden und bekommt einen übertrieben wirkenden Nervenzusammenbruch. In weiteren (grundsätzlich weiblichen) Opferrollen waren die TV-Darstellerin Suzanne Pleshette und die damals 53jährige Jessica Tandy zu sehen, die in ihren letzten Lebensjahren mit ihrer Oscar-prämierten Hauptrolle in Miss Daisy und ihr Chauffeur (1989) und einer feinen Nebenrolle in Grüne Tomaten (1991) zu spätem Ruhm kommen sollte.
Herausragend (9/10).
Die jetzt auch einzeln erhältliche Blu-ray bietet den Klassiker endlich im korrekten 16:9-Format mit kräftigen Farben und einer allgemein guten Detailschärfe. Meiner Vermutung nach sind noch bestehende Bildmängel eher der Vorlage mit ihren vielen Effektaufnahmen und Rückprojektionen geschuldet. Die Original-Tonspur ist tadellos, dazu gibt es reichlich Extras (besonders interessant die Interviews mit Hitch).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 29. Juni 2013
Sonntag, 23. Juni 2013
The Rains of Castamere (Game of Thrones, Staffel 3)
Es gibt wohl wenig Zweifel, daß Game of Thrones zumindest im Drama-Segment die beste aktuelle Fernsehserie ist. Der jüngste Höhepunkt der dritten Staffel, "The Rains of Castamere", wurde bereits als beste Episode aller Zeiten umjubelt. Das wird man allerdings erst im Nachhinein objektiv beurteilen können. Hier nur einige Gedanken zur dritten Staffel, die durch die Teilung der Vorlage nicht so gehetzt wirkte wie die zweite:
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Die "rote Hochzeit" hat im Netz für einen ungeheuren Aufschrei (bei Nicht-Lesern) gesorgt. George R.R. Martin hat seine Saga bewußt darauf ausgerichtet, mit bestehenden Fantasy-Konventionen zu brechen. Das ist manchmal hart für den Leser oder Zuschauer. Ich selbst hatte den ersten Band schon nach 100 Seiten wütend in die Ecke geworfen (figurativ - ich wollte ja meinen Kindle nicht beschädigen) - und das nur, weil Sansas Direwolf "Lady" der Politik (und dem Sadismus Joffreys) geopfert wurde. Die Empörung zeugt aber nur davon, daß wir die Standardkonstruktionen der Fantasy (die zumeist auf Tolkien zurückgehen) bereits so verinnerlicht haben, daß wir Abweichungen nicht ertragen können. Bei Martin sterben die "Guten" auch schon mal einen "sinnlosen" Tod, wo bisher höchstens heldenhafte Opfer möglich waren. Gleiches gilt für die Handlung: Glückliche Zufälle gibt es nur selten, auch wenn sie manchmal zwingend erwartet werden. Bestes Beispiel ist Arya, die manchmal die Wiedervereinigung mit ihrer Familie buchstäblich um einige Meter verpaßt, am tragischsten natürlich genau bei jener infamen Hochzeit.
Umgekehrt gilt aber: Wenn uns die Figuren egal wären, könnte uns ihr Tod zwar überraschen, aber nicht emotional treffen. Und ihr Schicksal ist auch nicht willkürlich, sondern konsequent der Situation geschuldet. Das ist der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Serien der letzten Jahre, die Twists und Schock um ihrer selbst willen zelebrieren. Eines der ersten (leider stilgebenden) Beispiele für mich: 24 mit Kiefer Sutherland. Aktuelles Beispiel: True Blood und seine Teenager-Variante The Vampire Diaries. Wenn Figuren Loyalitäten pro Folge mehrmals ändern können, zentrale Figuren kurzfristigen dramatischen Effekten geopfert werden und dann je nach Zuschauergunst auch wieder auferstehen, wird Beliebigkeit zum Motto. Es ist zu vermuten, daß eine komplette Generation von Autoren das Joss-Whedon-Prinzip nicht so recht verstanden hat. Joss hat gern mal eine Figur sterben lassen, aber nie der billigen Dramatik wegen, und niemals ohne gravierende Konsequenzen für alle Beteiligten. Vor Buffy starben Hauptfiguren vor allem, wenn die Zuschauer sie nicht mochten oder die Gehaltsverhandlungen mit den Schauspielern gescheitert waren. Seitdem scheinen sie alle Freiwild für nur kurzfristig wirksame Schockmomente zu sein.
Wie oft liest man inzwischen in Kritiken: "In dieser Folge ist gar nichts passiert." Doch, Ihr jungen Schwachköpfe, ist es! Nur gestorben ist niemand, verstümmelt wurde niemand, gefoltert wurde niemand, es gab keine Schwertkämpfe oder gar Schlachten. Aber wir verstehen diese oder jene Figur jetzt besser, wir sehen manche Ereignisse in neuem Licht, wir erkennen die Richtung einer politischen Intrige."Game of Thrones" ist natürlich auch deshalb so erfolgreich, weil viel passiert, in jeder Hinsicht. Es ist deshalb so gut, weil Sex und Gewalt nicht Selbstzweck, sondern tief mit Handlung und Figurenentwicklung verstrickt sind. Und wer das nicht versteht, der soll halt zu einer der inzwischen immer erfolgreicheren gewaltpornographischen Serien wie Spartacus ausweichen. Good riddance!
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- "And Now His Watch Is Ended" hat den bisher besten Daenerys-Moment: Dracarys! (Und so sieht Emilia Clarke mit ihren natürlich-dunklen Haaren aus)
- "You know nothing, Jon Snow": Neds Bastard kam in den ersten beiden Staffeln für meinen Geschmack zu kurz, obwohl er in den Büchern eine meiner Lieblingsfiguren ist. Jetzt bekam er endlich einen schönen Handlungsbogen und ein klein bißchen Glück mit Ygritte spendiert. Kenner des Buches spüren wie bei den weiteren Liebespaaren leider bereits ein tragisches Ende.
- Wie in der Vorlage macht Jaime Lannister die größte Wandlung durch. Das Ende der Staffel erlebt der Kingslayer zwar physisch geschwächt, hat in den Augen der Zuschauer aber widerwilligen Respekt gewonnen, vor allem durch seine Freundschaft mit Brienne. Großartige Dialogstelle (sinngemäß): "Wie viele Menschen haben Sie gerettet, Sie Schlächter und Mörder?" - "Eine halbe Million - die Bevölkerung von King's Landing" (das bezieht sich auf seinen ach so ehrenrührigen Akt, dem verrückten König Aerys das Schwert in den Rücken zu rammen, als dieser die Hauptstadt verbrennen will).
- Der Schlagabtausch zwischen Diana Rigg (Queen of Thorns) und Charles Dance (Tywin Lannister): grandiose Schauspielkunst und exquisite Dialoge
- Die Hassliebe zwischen den ungleichen Geschwistern Cersei (Lena Headey) und Tyrion (Peter Dinklage) und Tyrions respektlose Behandlung seines königlich-monströsen Neffen ("You'll be fucking your own bride with a wooden cock") setzen Glanzpunkte.
- Auf die recht expliziten Folterszenen mit Theon hätte ich persönlich verzichten können, aber sie sind der Buchvorlage geschuldet und bringen wichtige Ereignisse in Gang. Und an sich ist es eine Freude, Iwan Rheon aus Misfits wiederzusehen.
- Brans Handlungsstrang kommt endlich in Fahrt und bietet gegen Ende einen echten Höhepunkt und eine (für Martin) seltene zufällige Begegnung mit einer anderen Hauptfigur.
- Conleth Hill als Lord Varys, Eunuch und die Spinne im Spionagenetz von King's Landing, hat einige großartige Szenen; er zeigt sein großes Herz gegenüber Sansa und Shae, aber auch seine unerbittlichen Rachegefühle gegenüber dem Zauberer, der ihn einst entmannte.
- Valar Morghulis: Arya rocks! Eigentlich müßte man weinen um das kleine Mädchen, das so viel Pech hat und einfach nicht zu ihrer Familie zurückfinden kann. Aber es ist erstaunlich, wie sie immer wieder über sich hinauswächst. Brillant gespielt von der zur Drehzeit gerade 15jährigen.
- Tyrions großer Moment in Buch 3 wird wohl den Höhepunkt von Staffel 4 darstellen. Hier wird in eher kleinen Schritten gezeigt, wie seine Loyalität zu seiner Familie, insbesondere seinem Vater, untergraben wird. Ohne Zweifel ist er das Herz der Show. Peter Dinklage ist Erster unter Ebenbürtigen eines unvergleichlichen Ensembles.
Die "rote Hochzeit" hat im Netz für einen ungeheuren Aufschrei (bei Nicht-Lesern) gesorgt. George R.R. Martin hat seine Saga bewußt darauf ausgerichtet, mit bestehenden Fantasy-Konventionen zu brechen. Das ist manchmal hart für den Leser oder Zuschauer. Ich selbst hatte den ersten Band schon nach 100 Seiten wütend in die Ecke geworfen (figurativ - ich wollte ja meinen Kindle nicht beschädigen) - und das nur, weil Sansas Direwolf "Lady" der Politik (und dem Sadismus Joffreys) geopfert wurde. Die Empörung zeugt aber nur davon, daß wir die Standardkonstruktionen der Fantasy (die zumeist auf Tolkien zurückgehen) bereits so verinnerlicht haben, daß wir Abweichungen nicht ertragen können. Bei Martin sterben die "Guten" auch schon mal einen "sinnlosen" Tod, wo bisher höchstens heldenhafte Opfer möglich waren. Gleiches gilt für die Handlung: Glückliche Zufälle gibt es nur selten, auch wenn sie manchmal zwingend erwartet werden. Bestes Beispiel ist Arya, die manchmal die Wiedervereinigung mit ihrer Familie buchstäblich um einige Meter verpaßt, am tragischsten natürlich genau bei jener infamen Hochzeit.
Umgekehrt gilt aber: Wenn uns die Figuren egal wären, könnte uns ihr Tod zwar überraschen, aber nicht emotional treffen. Und ihr Schicksal ist auch nicht willkürlich, sondern konsequent der Situation geschuldet. Das ist der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Serien der letzten Jahre, die Twists und Schock um ihrer selbst willen zelebrieren. Eines der ersten (leider stilgebenden) Beispiele für mich: 24 mit Kiefer Sutherland. Aktuelles Beispiel: True Blood und seine Teenager-Variante The Vampire Diaries. Wenn Figuren Loyalitäten pro Folge mehrmals ändern können, zentrale Figuren kurzfristigen dramatischen Effekten geopfert werden und dann je nach Zuschauergunst auch wieder auferstehen, wird Beliebigkeit zum Motto. Es ist zu vermuten, daß eine komplette Generation von Autoren das Joss-Whedon-Prinzip nicht so recht verstanden hat. Joss hat gern mal eine Figur sterben lassen, aber nie der billigen Dramatik wegen, und niemals ohne gravierende Konsequenzen für alle Beteiligten. Vor Buffy starben Hauptfiguren vor allem, wenn die Zuschauer sie nicht mochten oder die Gehaltsverhandlungen mit den Schauspielern gescheitert waren. Seitdem scheinen sie alle Freiwild für nur kurzfristig wirksame Schockmomente zu sein.
Wie oft liest man inzwischen in Kritiken: "In dieser Folge ist gar nichts passiert." Doch, Ihr jungen Schwachköpfe, ist es! Nur gestorben ist niemand, verstümmelt wurde niemand, gefoltert wurde niemand, es gab keine Schwertkämpfe oder gar Schlachten. Aber wir verstehen diese oder jene Figur jetzt besser, wir sehen manche Ereignisse in neuem Licht, wir erkennen die Richtung einer politischen Intrige."Game of Thrones" ist natürlich auch deshalb so erfolgreich, weil viel passiert, in jeder Hinsicht. Es ist deshalb so gut, weil Sex und Gewalt nicht Selbstzweck, sondern tief mit Handlung und Figurenentwicklung verstrickt sind. Und wer das nicht versteht, der soll halt zu einer der inzwischen immer erfolgreicheren gewaltpornographischen Serien wie Spartacus ausweichen. Good riddance!
Kurt Vonneguts "Schlachthof 5" (1969)
Im 1969 erschienenen Roman "Schlachthof 5" versuchte Kurt Vonnegut, seine Kriegserfahrungen aufzuarbeiten. Er war 1944 in deutsche Gefangenschaft geraten und erlebte im zum Lager umfunktionierten Schlachthof 5 die Luftangriffe auf Dresden mit. Dieses Erlebnis hatte ihn wohl stark traumatisiert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren die historischen Tatsachen noch nicht objektiv geklärt. So übernimmt er die Propagandazahl von 300.000 Opfern, obwohl es wohl eher 25.000 waren, und meint eine schlimmere Zerstörung als beim Atombombenabwurf auf Hiroshima erlebt zu haben. Darin zeigt sich, wie eine persönliche Perspektive die Einordnung historischer Monumentalereignisse verzerren kann. Dies setze ich vorweg, ohne sein Trauma oder den Schrecken von Dresden kleinreden zu wollen.
Abgesehen von einer kurzen Rahmengeschichte in Ich-Form erzählt der Roman von Billy Pilgrim, wie Vonnegut Jahrgang 1922 und 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten. In dieser Figur versucht der Autor wohl, eine gewisse Distanz zu seinen eigenen Erlebnissen zu schaffen. Der Clou ist nun, daß Billy sein Leben nicht linear erlebt, sondern "nicht in der Zeit feststeckt", also quasi als Zeitreisender in verschiedene Stadien seiner eigenen Biographie wechseln kann. Dies scheint mir aber weniger ein Science-Fiction-Konzept, sondern eher ein erzählerischer Kniff, um die traumatischen Kriegserlebnisse aufzulockern mit einem ansonsten eher bürgerlichen Werdegang, der allerdings eine Entführung durch Außerirdische enthält. Jene Entführung nach Tralfamadore, wo er einige Zeit in einem Zoo der Außerirdischen verbringt, entlarvt sich durch ihre Trivialität wohl eher als fantastische Ausgeburt einer gestörten Persönlichkeit (ob Vonnegut wohl die Star-Trek-Episode "The Menagerie" gesehen hatte?) Die Aliens können nämlich in die vierte Dimension (die Zeit) sehen, und für sie ist damit das Schicksal des Universums vorherbestimmt, und der freie Wille nur eine Illusion.
Vonnegut vermag durchaus die Tragik der Kriegserlebnisse zu vermitteln, stilistisch sind aber eher sein Sprachwitz und seine bizarren, oft klug gesellschaftskritischen, die Handlung manchmal in einer Metaebene durchbrechenden Miniaturen interessant. Manche Passagen könnten Vorbilder von Douglas Adams' allerdings britsch geprägtem Humor sein. Beispiele:
Vonnegut starb 85jährig nach einem Treppensturz. So it goes.
Abgesehen von einer kurzen Rahmengeschichte in Ich-Form erzählt der Roman von Billy Pilgrim, wie Vonnegut Jahrgang 1922 und 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten. In dieser Figur versucht der Autor wohl, eine gewisse Distanz zu seinen eigenen Erlebnissen zu schaffen. Der Clou ist nun, daß Billy sein Leben nicht linear erlebt, sondern "nicht in der Zeit feststeckt", also quasi als Zeitreisender in verschiedene Stadien seiner eigenen Biographie wechseln kann. Dies scheint mir aber weniger ein Science-Fiction-Konzept, sondern eher ein erzählerischer Kniff, um die traumatischen Kriegserlebnisse aufzulockern mit einem ansonsten eher bürgerlichen Werdegang, der allerdings eine Entführung durch Außerirdische enthält. Jene Entführung nach Tralfamadore, wo er einige Zeit in einem Zoo der Außerirdischen verbringt, entlarvt sich durch ihre Trivialität wohl eher als fantastische Ausgeburt einer gestörten Persönlichkeit (ob Vonnegut wohl die Star-Trek-Episode "The Menagerie" gesehen hatte?) Die Aliens können nämlich in die vierte Dimension (die Zeit) sehen, und für sie ist damit das Schicksal des Universums vorherbestimmt, und der freie Wille nur eine Illusion.
Vonnegut vermag durchaus die Tragik der Kriegserlebnisse zu vermitteln, stilistisch sind aber eher sein Sprachwitz und seine bizarren, oft klug gesellschaftskritischen, die Handlung manchmal in einer Metaebene durchbrechenden Miniaturen interessant. Manche Passagen könnten Vorbilder von Douglas Adams' allerdings britsch geprägtem Humor sein. Beispiele:
Billy coughed when the door was opened, and when he coughed he shit thin gruel. This was in accordance with the Third Law of Motion according to Sir Isaac Newton. This law tells us that for every action there is a reaction which is equal and opposite in direction. - This can be useful in rocketry.In einer längeren Passage zur Bibel:
He supposed that the intent of the Gospels was to teach people, among other things, to be merciful, even to the lowest of the low. - But the Gospels actually taught this: Before you kill somebody, make absolutely sure he isn't well connected. So it goes.Über den amerikanischen Traum:
Their most destructive untruth is that it is very easy for any American to make money. They will not acknowledge how in fact hard money is to come by, and, therefore, those who have no money blame and blame and blame themselves. This inward blame has been a treasure for the rich and powerful, who have had to do less for their poor, publicly and privately, than any other ruling class since, say, Napoleonic times."Schlachthof 5" ist das beste Beispiel für Vonneguts Bastardrolle in der Science Fiction. Seine 1963 erschienene wunderbare Satire "Cat's Cradle" beinhaltete ebenfalls eine haarsträubenden SF-Idee (Ice-9), hatte aber ansonsten eine eher "konventionelle" Endzeitgeschichte. Nach seinem reinrassigen SF-Roman "The Sirens of Titan" (1959) und Cat's Cradle bekam Schlachthof 5 Vonneguts dritte und letzte Hugo-Nominierung für den besten Roman und verlor (verdient) gegen Ursula LeGuins Meisterwerk "The Left Hand of Darkness" ("Winterplanet"). Sein gestörtes Verhältnis zur SF-Literatur kann man auch an der Darstellung des in seinen Werken mehrfach vorkommenden fiktiven, aber deutlich von Theodore Sturgeon inspirierten SF-Autors Kilgore Trout erkennen. Sturgeon war ein brillanter Stilist und Meister der Kurzform, wenngleich ihm nie der große Roman gelang. Er war sicher eine schwierige Persönlichkeit, aber Vonneguts Porträt eines schäbigen Pulp-Autors tut ihm arg Unrecht.
Vonnegut starb 85jährig nach einem Treppensturz. So it goes.
Samstag, 22. Juni 2013
Gar nicht so grimmig: Grimm - Erste Staffel (2011)
Es gibt ja nur wenige wirklich originelle Fernsehshows (gleiches gilt natürlich auch für Kinofilme). Aber wenn ein Konzept gerade im TV einmal erfolgreich ist, wird es solange kopiert und (wenn man Glück hat) variiert, daß man manchmal selbst den Spaß am Original verliert. Bestimmt gibt es Perlen unter den ersten Westernserien der 50er und 60er. Aber nach hunderten Folgen von Bonanza, Rauchenden Colts etc. war die Luft irgendwann raus. Das gleiche droht jetzt mit SF- und Fantasy-Serien, die ja erst durch die digitale Tricktechnik-Revolution ermöglicht wurden. Und so wurde die neue Serie Grimm von vielen Kritikern gleich abgehakt als "noch ein Prozedural-Krimi mit übernatürlichem Twist". Wenn's aber gut gemacht ist, kann das durchaus noch viel Spaß bringen. Mich haben Konzept und Darsteller jedenfalls eher angesprochen als die zeitgleich gestartete und offenbar bisher erfolgreichere Serie Once Upon a Time.
Nick Burkhardt (David Giuntoli) arbeitet als junger Leutnant bei der Mordkommission in Portland (Oregon). Eines Tages bemerkt er, daß sich manche Menschen in seinen Augen für Sekunden in tierähnliche Monstergestalten verwandeln. Er glaubt zunächst an Halluzinationen, bis ihn seine Tante aufklärt, er sein ein "Grimm" und könne mit seinen besonderen, von den deutschen Märchenbrüdern ererbten Fähigkeiten die Mitglieder einer übernatürlichen Parallelgesellschaft erkennen und ggf. bekämpfen. Schnell stellt sich heraus, daß nicht alles schwarz oder weiß ist. So freundet sich Nick mit dem vegetarischen Blutbad Monroe an, einem wolfsähnlichen Wesen (die Amerikaner sprechen das "Vessen" aus). Für uns deutschsprachige Zuschauer bietet die Mythologie viel Grund zum Schmunzeln. Da gibt es Blutbaden, Hexenbiests, Fuchsbau (!), Fuchsteufelwild, ,Geier, Bauerschweine, Hässliche und (Highlight!) einen Seltenvogel, der einmal im Leben ein "Unbezahlbar" ausbrütet.. Manchmal liegen die Autoren sogar richtig, etwa bei der Erklärung des deutschen Wortes "Gift" (engl. Gift = Geschenk). Besonders Monroe spricht mit viel Gusto quasi-deutsche Zungenbrecher wie Zaubertrank, Siegbarste, Gefrierengeber etc.
Die Serie präsentiert wie viele Vorbilder zunächst ein Monster der Woche, bevor Nick langsam in den Konfliktstrudel zwischen Polizist und Grimm gerät und größere Zusammenhänge erkennbar werden. Wie in amerikanischen Serien (siehe CSI) üblich, ist die Kriminalpraxis reichlich idealisiert: DNA-Proben, Mobilfunkortungen und Bilder von Überwachungskameras stehen sofort und perfekt passend zur Lösung des Falls zur Verfügung. Außerdem ist es ein unwahrscheinlicher Zufall, daß die Kriminalfälle, die Nick mit seinem Partner Hank bearbeitet, alle eine Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben. Darin liegen aber die Komik und oft auch die Spannung. Nick muß seine besonderen Fähigkeiten nämlich vor Hank und sogar seiner Freundin Juliette verbergen. Und dann gibt es noch den undurchsichtigen Polizeikapität Renard (Sasha Roiz)...
Was ist nun die Besonderheit von Grimm?
Zunächst einmal gelingt eine angenehme, konsistente Stimmung. Trotz Spannung und einigen Brutalitäten nimmt sich die Serie nie zu ernst. Insbesondere Monroe (Silas Weir Mitchell) lockert auch die brenzligsten Situationen mit seinem trockenen Humor auf. Die manchmal an deutsche Waldgebiete erinnernde Umgebung von Portland sorgt für Athmosphäre und wunderschöne Bilder.
Zweitens wird hier ein echtes Ensemble aufgebaut. Beim erfolgreichen (vermeintlichen) Vorbild Supernatural dreht sich alles so sehr um die beiden Hauptdarsteller, daß alle übrigen Figuren in den Hintergrund gedrängt werden. Nach drei Staffeln ging mir das ewige Hin und Her zwischen den Brüdern derart auf die Nerven, daß ich aufgab. Grimms Hauptautor David Greenwalt hingegen hat sich seine Sporen bei Buffy und Angel verdient und sicher einiges von Joss Whedon gelernt. Zu den genannten Charakteren gesellen sich noch der sarkastische Polizeisergeant Wu (Reggie Lee) und seit dem letzten Staffeldrittel "Apothekerin" Rosalee Calvert, dargestellt von der bezaubernden Bree Turner, die ein wenig wie eine erdigere Judy Greer (das Edel-Callgirl Trixi in Californication) wirkt. Fast alle Hauptfiguren sind um die 30 Jahre alt und bilden eine sympathische Serienfamile mit unverbrauchten Gesichtern. Sasha Roiz ist mit seinen 40 Jahren bereits der Veteran (er ist u.a. aus Warehouse 13 bekannt).
Drittens drängen gegen Ende der ersten Staffel die Mythologie und weltumspannende Konflikte (Grimms stammen schließlich aus Europa) in den Vordergrund. Die ersten Reaper werden eingeführt, die offenbar Spezialisten im Köpfen von Grimms sind, und Captain Renard werden die ersten Geheimnisse entlockt. Es gibt offenbar noch viel zu entdecken. Ich glaube, die Serienschöpfer, neben Greenwalt noch Jim Kouf (Angel, Ghost Whisperer) und Stephen Carpenter, haben von Anfang an ihre Welt gut geplant.
Grimm ist vielleicht keine Top-Serie, bietet aber prächtige Unterhaltung. Die erste Staffel ist günstig als UK-Version erhältlich und erscheint im August auch in Deutschland. Sie wird wohl auch gerade bei Vox im deutschen Fernsehen gezeigt (ich bezweifle allerdings, ob eine deutsche Synchron hier erfolgreich sein kann). Die zweite Staffel ist bereits ausgestrahlt und erscheint im UK im Oktober. Die dritte Staffel läuft in den USA ab Herbst.
Nick Burkhardt (David Giuntoli) arbeitet als junger Leutnant bei der Mordkommission in Portland (Oregon). Eines Tages bemerkt er, daß sich manche Menschen in seinen Augen für Sekunden in tierähnliche Monstergestalten verwandeln. Er glaubt zunächst an Halluzinationen, bis ihn seine Tante aufklärt, er sein ein "Grimm" und könne mit seinen besonderen, von den deutschen Märchenbrüdern ererbten Fähigkeiten die Mitglieder einer übernatürlichen Parallelgesellschaft erkennen und ggf. bekämpfen. Schnell stellt sich heraus, daß nicht alles schwarz oder weiß ist. So freundet sich Nick mit dem vegetarischen Blutbad Monroe an, einem wolfsähnlichen Wesen (die Amerikaner sprechen das "Vessen" aus). Für uns deutschsprachige Zuschauer bietet die Mythologie viel Grund zum Schmunzeln. Da gibt es Blutbaden, Hexenbiests, Fuchsbau (!), Fuchsteufelwild, ,Geier, Bauerschweine, Hässliche und (Highlight!) einen Seltenvogel, der einmal im Leben ein "Unbezahlbar" ausbrütet.. Manchmal liegen die Autoren sogar richtig, etwa bei der Erklärung des deutschen Wortes "Gift" (engl. Gift = Geschenk). Besonders Monroe spricht mit viel Gusto quasi-deutsche Zungenbrecher wie Zaubertrank, Siegbarste, Gefrierengeber etc.
Die Serie präsentiert wie viele Vorbilder zunächst ein Monster der Woche, bevor Nick langsam in den Konfliktstrudel zwischen Polizist und Grimm gerät und größere Zusammenhänge erkennbar werden. Wie in amerikanischen Serien (siehe CSI) üblich, ist die Kriminalpraxis reichlich idealisiert: DNA-Proben, Mobilfunkortungen und Bilder von Überwachungskameras stehen sofort und perfekt passend zur Lösung des Falls zur Verfügung. Außerdem ist es ein unwahrscheinlicher Zufall, daß die Kriminalfälle, die Nick mit seinem Partner Hank bearbeitet, alle eine Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben. Darin liegen aber die Komik und oft auch die Spannung. Nick muß seine besonderen Fähigkeiten nämlich vor Hank und sogar seiner Freundin Juliette verbergen. Und dann gibt es noch den undurchsichtigen Polizeikapität Renard (Sasha Roiz)...
Was ist nun die Besonderheit von Grimm?
Zunächst einmal gelingt eine angenehme, konsistente Stimmung. Trotz Spannung und einigen Brutalitäten nimmt sich die Serie nie zu ernst. Insbesondere Monroe (Silas Weir Mitchell) lockert auch die brenzligsten Situationen mit seinem trockenen Humor auf. Die manchmal an deutsche Waldgebiete erinnernde Umgebung von Portland sorgt für Athmosphäre und wunderschöne Bilder.
Zweitens wird hier ein echtes Ensemble aufgebaut. Beim erfolgreichen (vermeintlichen) Vorbild Supernatural dreht sich alles so sehr um die beiden Hauptdarsteller, daß alle übrigen Figuren in den Hintergrund gedrängt werden. Nach drei Staffeln ging mir das ewige Hin und Her zwischen den Brüdern derart auf die Nerven, daß ich aufgab. Grimms Hauptautor David Greenwalt hingegen hat sich seine Sporen bei Buffy und Angel verdient und sicher einiges von Joss Whedon gelernt. Zu den genannten Charakteren gesellen sich noch der sarkastische Polizeisergeant Wu (Reggie Lee) und seit dem letzten Staffeldrittel "Apothekerin" Rosalee Calvert, dargestellt von der bezaubernden Bree Turner, die ein wenig wie eine erdigere Judy Greer (das Edel-Callgirl Trixi in Californication) wirkt. Fast alle Hauptfiguren sind um die 30 Jahre alt und bilden eine sympathische Serienfamile mit unverbrauchten Gesichtern. Sasha Roiz ist mit seinen 40 Jahren bereits der Veteran (er ist u.a. aus Warehouse 13 bekannt).
Drittens drängen gegen Ende der ersten Staffel die Mythologie und weltumspannende Konflikte (Grimms stammen schließlich aus Europa) in den Vordergrund. Die ersten Reaper werden eingeführt, die offenbar Spezialisten im Köpfen von Grimms sind, und Captain Renard werden die ersten Geheimnisse entlockt. Es gibt offenbar noch viel zu entdecken. Ich glaube, die Serienschöpfer, neben Greenwalt noch Jim Kouf (Angel, Ghost Whisperer) und Stephen Carpenter, haben von Anfang an ihre Welt gut geplant.
Grimm ist vielleicht keine Top-Serie, bietet aber prächtige Unterhaltung. Die erste Staffel ist günstig als UK-Version erhältlich und erscheint im August auch in Deutschland. Sie wird wohl auch gerade bei Vox im deutschen Fernsehen gezeigt (ich bezweifle allerdings, ob eine deutsche Synchron hier erfolgreich sein kann). Die zweite Staffel ist bereits ausgestrahlt und erscheint im UK im Oktober. Die dritte Staffel läuft in den USA ab Herbst.
Kästner "endlich" als eBook - mit unverschämten Preisen
Die frohe Kunde erreichte mich als Werbebotschaft: Kästner jetzt endlich in elektronischer Form. Prima, dachte ich - meine Werkausgabe, die ich als Student mal für ein paar Mark erworben hatte, landete bereits vor einigen Jahren wegen zunehmender Zerfledderung im Müll. Meine Suchergebnisse bei Amazon liefern nun u.a.:
Zum Vergleich: Das Taschenbuch von "Drei Männer im Schnee" kostet 7,90€. Alle Preise sind vom Verlag festgelegt, Buchpreisbindung läßt grüßen. Die Kosten für Druck und Vertrieb eines Papierbuchs sind mit Sicherheit höher als die Provision, die Amazon für die Kindle-Edition einstreicht. Daraus schließe ich zum wiederholten Male: Deutsche Verlage möchten keine eBooks verkaufen. Ich persönlich jedenfalls mache bei diesem Nepp nicht mit. Über Heinrich Bölls gesammelte Erzählungen für 9,99€ hatte ich mich vor Jahren noch gefreut, muß aber nun feststellen, daß eine gebundene Ausgabe zum gleichen Preis erhältlich ist!
Über Vor- und Nachteile elektronischer Bücher ist ja schon viel geschrieben worden. Ich persönlich genieße es, auch auf Reisen und in der U-Bahn eine komplette Bibliothek parat zu haben. Und ich spare Regalplatz, den ich dann für Blu-rays und CDs nutzen kann. Trotzdem muß das Preisniveau sich m.E. deutlich unter dem für Taschenbücher einpendeln. Auf ein gewichtiges Argument hierzu bin ich neulich aufmerksam geworden: Was passiert mit meiner Sammlung nach meinem Tod? Die meisten Kindle-Bücher sind per DRM geschützt und nur auf meinen Geräten lesbar. Eigentlich müßte es möglich sein, ein Amazon-Konto auf einen Erben umschreiben zu lassen. Andernfalls löst sich meine Sammlung mit dem unvermeidlichen Ausfall meiner Geräte in Luft auf...
- Emil und die Detektive: 9,99€
- Das fliegende Klassenzimmer: 9,99€
- Drei Männer im Schnee: 15,99€!
Zum Vergleich: Das Taschenbuch von "Drei Männer im Schnee" kostet 7,90€. Alle Preise sind vom Verlag festgelegt, Buchpreisbindung läßt grüßen. Die Kosten für Druck und Vertrieb eines Papierbuchs sind mit Sicherheit höher als die Provision, die Amazon für die Kindle-Edition einstreicht. Daraus schließe ich zum wiederholten Male: Deutsche Verlage möchten keine eBooks verkaufen. Ich persönlich jedenfalls mache bei diesem Nepp nicht mit. Über Heinrich Bölls gesammelte Erzählungen für 9,99€ hatte ich mich vor Jahren noch gefreut, muß aber nun feststellen, daß eine gebundene Ausgabe zum gleichen Preis erhältlich ist!
Über Vor- und Nachteile elektronischer Bücher ist ja schon viel geschrieben worden. Ich persönlich genieße es, auch auf Reisen und in der U-Bahn eine komplette Bibliothek parat zu haben. Und ich spare Regalplatz, den ich dann für Blu-rays und CDs nutzen kann. Trotzdem muß das Preisniveau sich m.E. deutlich unter dem für Taschenbücher einpendeln. Auf ein gewichtiges Argument hierzu bin ich neulich aufmerksam geworden: Was passiert mit meiner Sammlung nach meinem Tod? Die meisten Kindle-Bücher sind per DRM geschützt und nur auf meinen Geräten lesbar. Eigentlich müßte es möglich sein, ein Amazon-Konto auf einen Erben umschreiben zu lassen. Andernfalls löst sich meine Sammlung mit dem unvermeidlichen Ausfall meiner Geräte in Luft auf...
Samstag, 15. Juni 2013
Spiegel einer Generation: Before Midnight (9/10)
1995 begegnen sich Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) in Before Sunrise zum ersten Mail. Der amerikanische Tourist überredet die hübsche Französin, mit ihm einen Tag und eine Nacht in Wien zu verbringen, bevor beide in unterschiedliche Richtungen weiterreisen. Es ist wunderbar anzuschauen und herzergreifend romantisch, wie sich die jungen Leute kennen- und liebenlernen, und natürlich verabreden sie ein Wiedersehen...
Aufgrund unglücklicher Umstände gibt es dieses Wiedersehen erst 2004, neun Jahre später. In Before Sunset treffen sich die beiden halb-zufällig bei Jesses Autorenlesung in Paris: Er hat die romantische Nacht in einem erfolgreichen Roman verarbeitet, sie hat ihm ein sehnsüchtiges Liebeslied geschrieben: Sie sind offenbar Seelenverwandte, und am Ende scheinen die Gefühle trotz praktischer Widerstände die Überhand zu gewinnen (er hat Frau und Sohn in New York, sie ist in Frankreich verwurzelt).
In Before Midnight erfahren wir nun, daß die beiden zusammengeblieben sind und mit ihren siebenjährigen Zwillingstöchtern in Frankreich leben. Zur Zeit verbringen sie allerdings einige Urlaubswochen in einem idyllischen griechischen Dorf. Jesse hat gerade schweren Herzens seinen inzwischen 13jährigen Sohn am Flughafen verabschiedet, und nun wartet auf das Paar ein romantischer, kinderfreier Abend in einer klimatisierten Hotelsuite, ein Abschiedsgeschenk der griechischen Gastgeber. Doch unbeschwerte Zweisamkeit läßt sich nicht erzwingen, und so drängen plötzlich eine Menge Unsicherheiten, offene Wunden, unterdrückte Feindseligkeiten an die Oberfläche.
Jesse und Celine finden sich in der gleichen Situation wie viele berufstätige Eltern mit Kleinkindern. Der Alltag ist bis auf die letzte Minute durchorganisiert, Freiräume für über das praktische hinausgehende Gespräche gibt es nur selten. Widersprüche klassischer und moderner Vorstellungen zu den Geschlechterrollen kommen hinzu. Celine sieht die Last der Erziehung auf ihrer Seite ("Kennst Du überhaupt den Namen unseres Kinderarztes?"), kann aber auch schwer Verantwortung abgeben. Gleichzeitig neidet sie Jesse die gelegentlichen Auszeiten von der Familie, wenn er zu Autorenlesungen unterwegs ist (sie würde gern mal wieder Gitarre spielen). Jesse leidet unter der Trennung von seinem Sohn und wähnt sich in der Vaterrolle gescheitert. Beide haben berufliche Zweifel und spüren, wie ab 40 der körperliche Verfall einsetzt. Und so kann auch eine Seelenverwandschaft in eine schwere Krise geraten...
Es ist erstaunlich, wie diese überwiegend in Dialogen erzählte Geschichte den Zuschauer packen kann. Zugegeben, 20jährige werden sich kaum angesprochen fühlen. Regisseur Richard Linklater ist gerade zehn Jahre älter als die beiden Hauptdarsteller und hat die Drehbücher mit ihnen entwickelt. Und so sprechen die drei Filme eher eine spezifische, mitgealterte Generation an. Wie kann ein junger Mensch verstehen, daß es keine perfekten Lebenswege gibt? Jesse hat sich für Celine (und die gemeinsamen Töchter) entschieden und damit seinen Sohn zurückgelassen. Nun muß er die unglücklichen Folgen dieser Entscheidung versöhnen mit dem eigentlich vorhandenen Glück, die große Liebe gefunden zu haben. Und Celine muß verstehen, daß Jesse dieses Stückchen Unglück stets mit sich tragen wird.
Herausragend (9/10).
Aufgrund unglücklicher Umstände gibt es dieses Wiedersehen erst 2004, neun Jahre später. In Before Sunset treffen sich die beiden halb-zufällig bei Jesses Autorenlesung in Paris: Er hat die romantische Nacht in einem erfolgreichen Roman verarbeitet, sie hat ihm ein sehnsüchtiges Liebeslied geschrieben: Sie sind offenbar Seelenverwandte, und am Ende scheinen die Gefühle trotz praktischer Widerstände die Überhand zu gewinnen (er hat Frau und Sohn in New York, sie ist in Frankreich verwurzelt).
In Before Midnight erfahren wir nun, daß die beiden zusammengeblieben sind und mit ihren siebenjährigen Zwillingstöchtern in Frankreich leben. Zur Zeit verbringen sie allerdings einige Urlaubswochen in einem idyllischen griechischen Dorf. Jesse hat gerade schweren Herzens seinen inzwischen 13jährigen Sohn am Flughafen verabschiedet, und nun wartet auf das Paar ein romantischer, kinderfreier Abend in einer klimatisierten Hotelsuite, ein Abschiedsgeschenk der griechischen Gastgeber. Doch unbeschwerte Zweisamkeit läßt sich nicht erzwingen, und so drängen plötzlich eine Menge Unsicherheiten, offene Wunden, unterdrückte Feindseligkeiten an die Oberfläche.
Jesse und Celine finden sich in der gleichen Situation wie viele berufstätige Eltern mit Kleinkindern. Der Alltag ist bis auf die letzte Minute durchorganisiert, Freiräume für über das praktische hinausgehende Gespräche gibt es nur selten. Widersprüche klassischer und moderner Vorstellungen zu den Geschlechterrollen kommen hinzu. Celine sieht die Last der Erziehung auf ihrer Seite ("Kennst Du überhaupt den Namen unseres Kinderarztes?"), kann aber auch schwer Verantwortung abgeben. Gleichzeitig neidet sie Jesse die gelegentlichen Auszeiten von der Familie, wenn er zu Autorenlesungen unterwegs ist (sie würde gern mal wieder Gitarre spielen). Jesse leidet unter der Trennung von seinem Sohn und wähnt sich in der Vaterrolle gescheitert. Beide haben berufliche Zweifel und spüren, wie ab 40 der körperliche Verfall einsetzt. Und so kann auch eine Seelenverwandschaft in eine schwere Krise geraten...
Es ist erstaunlich, wie diese überwiegend in Dialogen erzählte Geschichte den Zuschauer packen kann. Zugegeben, 20jährige werden sich kaum angesprochen fühlen. Regisseur Richard Linklater ist gerade zehn Jahre älter als die beiden Hauptdarsteller und hat die Drehbücher mit ihnen entwickelt. Und so sprechen die drei Filme eher eine spezifische, mitgealterte Generation an. Wie kann ein junger Mensch verstehen, daß es keine perfekten Lebenswege gibt? Jesse hat sich für Celine (und die gemeinsamen Töchter) entschieden und damit seinen Sohn zurückgelassen. Nun muß er die unglücklichen Folgen dieser Entscheidung versöhnen mit dem eigentlich vorhandenen Glück, die große Liebe gefunden zu haben. Und Celine muß verstehen, daß Jesse dieses Stückchen Unglück stets mit sich tragen wird.
Herausragend (9/10).
Sonntag, 2. Juni 2013
Klassiker auf Blu-ray #4: Krzysztof Kieslowskis Drei-Farben-Trilogie (1993/94)
Das Drei-Farben-Projekt muß wohl als einzigartig in der Filmgeschichte gelten. Ein polnischer Regisseur dreht in Frankreich, Polen und der Schweiz mit europäischen Darstellern drei vollkommen unterschiedliche Filme mit zentralen Frauenfiguren, konzeptionell an die Farben und Mottos der Trikolore angelehnt. Die visuelle Zuordnung ist schon durch das genutzte Farbschema einfach (es wurden übrigens drei verschiedene Kameramänner beschäftigt). Die thematische Zuordnung fällt schon schwerer. Roger Ebert hat die drei Filme sehr treffend charakterisiert als Anti-Tragödie, Anti-Komödie und Anti-Romanze.
In der Anti-Tragödie Blau (Liberté) findet sich Juliette Binoche durch den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter plötzlich befreit von allen sozialen Bindungen, bis ausgerechnet die Begegnung mit der Geliebten ihres Mannes ihre Mauer der Trauer durchbricht. In der Anti-Komödie Weiß (Egalité) verläßt Julie Delpy ihren Ehemann Zbigniew Zamachowski, der daraufhin alles unternimmt, um ihr diese Demütigung in gleicher Münze heimzuzahlen. Im der Anti-Romanze Rot (Fraternité) schließlich trifft Irène Jacob auf den pensionierten Richter Jean-Louis Trintignant, der die Telefonate seiner Nachbarn abhört, woraus sich trotz anfänglicher Abneigung schließlich eine brüderliche Beziehung entwickelt.
Handlungszusammenfassungen können diesen Werken kaum gerecht werden. Kieslowskis Filme spielen in ihrer eigenen, leicht mythischen Welt, beherrscht von Zufällen und dramaturgisch zugespitzten Situationen, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Wenn man sich mit etwas Konzentration darauf einläßt, entwickelt sich beim Zuschauer ein überhaupt nicht verkopfter, sondern sehr emotionaler Sog.
Blau ist eine strenge, intensive Studie einer Frau, die sich gegen ihre Trauer wehrt, mit einer brillanten Juliette Binoche, in sehr präziser Bildsprache mit unerbittlichem Blick auf eine zerrüttete Seele und dazu passender eindrucksvoller Musik. Sehr gut (8/10).
Weiß ist eine etwas unebene teils lakonische, teils slapstickartige Komödie mit skurillen Handlungswendungen, die unter einer unglaubwürdigen, sehr gerafft dargestellten Entwicklung der Hauptfigur Karol Karol (Zbigniew Zamachowski) leidet, aber trotzdem zu unterhalten weiß. Gut (7/10).
Besonders gelungen und gemäß dem Thema Brüderlichkeit auch am versöhnlichsten und menschlichsten ist der Abschlußfilm Rot. Irène Jacob, die drei Jahre zuvor bereits in der Hauptrolle der Zwei Leben der Veronika beeindruckt hatte, spielt ein Fotomodell und Mannequin, jedoch ohne glamourös zu wirken. Sie hat ein hübsches, noch recht unbeschriebenes Gesicht, was zur unbestimmten Lebenssituation ihrer Figur paßt. Man schaut ihr gern über die hundert Minuten zu, und der schroffe und doch magnetische Altstar Jean-Louis Trintignant (er war zuletzt übrigens mit über 80 Jahren im preisgekrönten Amour zu sehen) bietet dazu den idealen Kontrast. Herausragend (9/10).
Zur Neuauflage: Vor zehn Jahren war ich mit der DVD-Box sehr zufrieden. Auch ohne direkten Vergleich vermute ich, daß die Blu-rays eine deutliche Bildverbesserung bieten, davon zeugen auch diverse Rezensionen auf den Fachseiten. Ich war jedenfalls sehr zufrieden mit der Farb- und Detaildarstellung, Bildfehler sind mir nicht aufgefallen. Meine Empfehlung ist, die einwandfreien französischen (bzw. französisch/polnischen) Originalversionen mit den guten, wenngleich manchmal leicht verkürzten (optionalen) deutschen Untertiteln anzuschauen. Leider werden keine französischen UT mitgeliefert. Die Extras entsprechen meiner Erinnerung nach der alten DVD-Box und sind damit sehr zufriedenstellend: jeweils eine Filmlektion mit dem Regisseur und ausführliche Interviews mit den Hauptdarstellerinnen und an der Produktion Beteiligten.
In der Anti-Tragödie Blau (Liberté) findet sich Juliette Binoche durch den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter plötzlich befreit von allen sozialen Bindungen, bis ausgerechnet die Begegnung mit der Geliebten ihres Mannes ihre Mauer der Trauer durchbricht. In der Anti-Komödie Weiß (Egalité) verläßt Julie Delpy ihren Ehemann Zbigniew Zamachowski, der daraufhin alles unternimmt, um ihr diese Demütigung in gleicher Münze heimzuzahlen. Im der Anti-Romanze Rot (Fraternité) schließlich trifft Irène Jacob auf den pensionierten Richter Jean-Louis Trintignant, der die Telefonate seiner Nachbarn abhört, woraus sich trotz anfänglicher Abneigung schließlich eine brüderliche Beziehung entwickelt.
Handlungszusammenfassungen können diesen Werken kaum gerecht werden. Kieslowskis Filme spielen in ihrer eigenen, leicht mythischen Welt, beherrscht von Zufällen und dramaturgisch zugespitzten Situationen, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Wenn man sich mit etwas Konzentration darauf einläßt, entwickelt sich beim Zuschauer ein überhaupt nicht verkopfter, sondern sehr emotionaler Sog.
Blau ist eine strenge, intensive Studie einer Frau, die sich gegen ihre Trauer wehrt, mit einer brillanten Juliette Binoche, in sehr präziser Bildsprache mit unerbittlichem Blick auf eine zerrüttete Seele und dazu passender eindrucksvoller Musik. Sehr gut (8/10).
Weiß ist eine etwas unebene teils lakonische, teils slapstickartige Komödie mit skurillen Handlungswendungen, die unter einer unglaubwürdigen, sehr gerafft dargestellten Entwicklung der Hauptfigur Karol Karol (Zbigniew Zamachowski) leidet, aber trotzdem zu unterhalten weiß. Gut (7/10).
Besonders gelungen und gemäß dem Thema Brüderlichkeit auch am versöhnlichsten und menschlichsten ist der Abschlußfilm Rot. Irène Jacob, die drei Jahre zuvor bereits in der Hauptrolle der Zwei Leben der Veronika beeindruckt hatte, spielt ein Fotomodell und Mannequin, jedoch ohne glamourös zu wirken. Sie hat ein hübsches, noch recht unbeschriebenes Gesicht, was zur unbestimmten Lebenssituation ihrer Figur paßt. Man schaut ihr gern über die hundert Minuten zu, und der schroffe und doch magnetische Altstar Jean-Louis Trintignant (er war zuletzt übrigens mit über 80 Jahren im preisgekrönten Amour zu sehen) bietet dazu den idealen Kontrast. Herausragend (9/10).
Zur Neuauflage: Vor zehn Jahren war ich mit der DVD-Box sehr zufrieden. Auch ohne direkten Vergleich vermute ich, daß die Blu-rays eine deutliche Bildverbesserung bieten, davon zeugen auch diverse Rezensionen auf den Fachseiten. Ich war jedenfalls sehr zufrieden mit der Farb- und Detaildarstellung, Bildfehler sind mir nicht aufgefallen. Meine Empfehlung ist, die einwandfreien französischen (bzw. französisch/polnischen) Originalversionen mit den guten, wenngleich manchmal leicht verkürzten (optionalen) deutschen Untertiteln anzuschauen. Leider werden keine französischen UT mitgeliefert. Die Extras entsprechen meiner Erinnerung nach der alten DVD-Box und sind damit sehr zufriedenstellend: jeweils eine Filmlektion mit dem Regisseur und ausführliche Interviews mit den Hauptdarstellerinnen und an der Produktion Beteiligten.
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