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Samstag, 23. August 2014

Eine kurzweilige Geschichte der Zeit: Lucy (9/10)

Was ist Lucy?

Lucy ist kein Action-Film, peitscht aber über 85 Minuten den Adrenalinspiegel hoch. Der umgekehrte Countdown bis zur Gehirnkapazität von 100% erzeugt eine atemlose Spannung. Eine irrwitzige Auto-Verfolgungsjagd, Schußwechsel und sonstige Schlagabtäusche sind allerdings dabei.

Lucy ist keine wirkliche Science Fiction, obwohl die Grundidee schon mehrfach im Genre verarbeitet wurde. Aber sie dient nur als Aufhänger für eine aberwitzige Geschichte, die sich einer Zuordnung entzieht, inklusive Teleportation, Telekinese und Zeitreise. Die versammelten Wissenschaftler sind nur Dekoration.

Lucy ist kein philosophisches Epos, obwohl Parallelen zu Kubricks 2001 naheliegen. Aber man hat gar keine Zeit für Reflexion. Lucy selbst ist der Knochen, der zu HAL 9000 wird, sie läßt Menschen tanzen wie Kubrick Raumschiffe.

Lucy ist keine Komödie, auch wenn viele Szenen dem Zuschauer zum Lächeln bringen können. Die Leoparden erlegen die Gazelle, aber wie wird es den koreanischen Schurken mit Lucy ergehen?

Lucy ist kein Starvehikel, bietet aber mit Scarlett Johansson und Morgan Freeman zwei Gesichter, an denen man sich nicht sattsehen kann.  Freeman persifliert mit Augenzwinkern sein Image als Stimme der Rationalität, und Johansson ist endgültig der Star des Jahres. Ihr gebührt ein Ehrenplatz in der eindrucksvollen Reihe der Besson-Heldinnen: Isabelle Adjani, Rosanna Arquette, Anne Parillaud, Natalie Portman, Milla Jovovich.

Was ist Lucy?

Lucy ist das Comeback von Luc Besson, dem französischen Blockbuster-Regisseur, der vor langer Zeit mal mit einigen ikonischen Filmen Hollywood durcheinandergerührt hat, Nach 15 Jahren Durststrecke zeigt er uns wieder Denkwürdiges, das sich auf die Netzhaut brennt und mit den ätherischen Klängen von Eric Serra untermalt ist. Es ist ein Hit, der seine Produktionskosten gleich am ersten Wochenende wieder eingespielt hat, und die meisten Kritiker vor ein Rätsel stellt.

Lucy ist herausragendes Kino (9/10).

Siehe auch:
  • Im Rausch der Tiefe (1988, 9/10) - Jean Reno und Jean-Marc Barre im Duell der Taucher um Rekorde und die schöne Rosanna
  • Nikita (1989, 8/10) - die französische Antwort auf James Bond
  • Léon der Profi (1994, 10/10) - eine Ode an einen Auftragskiller, der uns am Schluß den Ringtrick zeigt.
  • Das fünfte Element (1997, 9/10) - was bei Coppola ein Taufgottesdienst war, ist bei Besson die Opern-Arie einer außer-/überidischen Sängerin. Und Bruce Willis fährt Taxi - big bada boom.

Donnerstag, 21. August 2014

Die Hugo-Gewinner 2014

Es zeigt sich, wie weit mein eigener Geschmack von der Fangemeinde entfernt ist. Hier die diesjährigen Gewinner (pro Kategorie haben zwischen 2.600 und 3.100 Fans abgestimmt):

BEST NOVEL
Ancillary Justice, by Ann Leckie (Orbit US / Orbit UK)
 Das Ergebnis ist deutlicher als befürchtet, und die Rangliste stellt meine eigenen Präferenzen auf den Kopf (es folgen Neptune's Brood, Parasite, Wheel of Time, Warbound). Ich würde zusätzlich mal behaupten, daß jeder zweite Roman des jüngst verstorbenen und lediglich einmal nominierten Iain M. Banks mich mehr beeindruckt hat als Ann Leckies Erstling.

BEST NOVELLA
Equoid” by Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
 Hier setzte sich knapp der bekannteste Autor durch, vor Valentes Schneewittchen-Variation. Es folgten meine Favoriten "Wakulla Springs" und "The Chaplain's Legacy" vor dem immerhin bei allen durchgefallenen "Butcher of Khardov".

BEST NOVELETTE
The Lady Astronaut of Mars” by Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com /
Tor.com, 09-2013)
Hier ist meine Rangfolge fast übernommen worden, leider (aber akzeptabel) mit einem Tausch zwischen den Plätzen 1 und 2.

BEST SHORT STORY
The Water That Falls on You from Nowhere” by John Chu (Tor.com, 02-2013)
Hier hat einmal mein Favorit triumphiert! Auch die weitere Rangfolge entspricht fast meiner eigenen.

BEST DRAMATIC PRESENTATION, LONG FORM
Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films;Warner Bros.)
Mein Favorit hat sich nur knapp vor dem unsäglichen "Frozen" durchgesetzt. Demographisch scheinen bei den Votern Teenager keine Rolle zu spielen, denn die "Hunger Games" landeten abgeschlagen auf dem letzten Platz.

BEST DRAMATIC PRESENTATION, SHORT FORM
Game of Thrones “The Rains of Castamere” written by David Benioff & D.B. Weiss, directed by David Nutter (HBO Entertainment in association with Bighead, Littlehead; Television 360; Startling Television and Generator Productions)
 Keine Überraschung hier - zum Glück haben sich die Dr.-Who-Fans verzettelt, aber es war doch knapp ("Orphan Black" landete auf Platz 3).

Freitag, 15. August 2014

Hail Caesar! Planet der Affen: Revolution (6/10)

Die gelungene Erstverfilmung von Pierre Boulles SF-Satire Der Planet der Affen (1968) ist noch heute sehenswert, trotz der flach wirkenden Parallelen zur amerikanischen Sklaverei . Viele Zuschauer ließen sich durch die spärlich bekleideten menschlichen Hauptfiguren gern von den offensichtlichen Affenkostümen ablenken. Beim Reboot (über Tim Burtons Remake von 2001 breiten wir den Mantel des Schweigens) erleben wir nun den umgekehrten Effekt: Die (zumeist mittels Motion Capture Computer-animierten) Affen wirken so verblüffend real, daß die menschlichen Figuren dagegen uninteressant erscheinen.

Dementsprechend verschwinden die eigentlichen Stars (Andy "Gollum" Serkis und Judy Greer) hinter ihren Kostümen, während Jason Clarke und Keri Russell als menschliches Paar blass bleiben. Ausnahme ist hier Gary Oldman, der in einer den wenigen seiner Figur zugebilligten Leinwandminuten seinen eigenen Rekord an Overacting einzustellen versucht, dann aber doch am eigenen Desinteresse scheitert.

Die Geschichte ist so schematisch wie die Figurenkonstellation (Vater-Mutter-Sohn-Rivale) und hält keiner logischen Überprüfung statt, macht aber aus unerfindlichen Gründen trotzdem Spaß. Der erste Film hatte seine Stärken in der Selbstfindung Caesars in der Gefangenschaft und der Entwicklung erster Strukturen einer Affengesellschaft. Hier sehen wir die konsequente Weiterentwicklung, und sie ist (vor allem in der ersten, ruhigen Hälfte) durchaus atemberaubend. Dann folgt Schlag auf Schlag die Action, die weitere Reflexion übertönt. Aber wer will nicht mal Schimpansen in tiefenscharfem 3D beobachten, wie sie sich an Lianen durch ihren "Ur"wald schwingen (sozusagen Spider Man und Tarzan in einem)!

Ordentlich (6/10).

Dienstag, 12. August 2014

The Crazy One: Robin Williams (1951 - 2014)

Like catching lightning in a bottle - that's how hard it must have been to capture Robin Williams' comedy on camera. No accident then that one of his funniest performances was as Aladdin, the genie in a bottle (1992). When Williams was uncorked, he could morph from character to character within seconds, making impressions with his face, his voice and his whole body. Maybe the best vehicle for his comedy was Good Morning, Vietnam (1987), but even in bad movies he usually had some great bits to offer as consolation. Some of those bad films were colossal failures, like Robert Altman's Popeye (1980) and Barry Levinson's Toys (1992). But still, Toys has arguably one of the funniest scenes in one of the worst movies ever (the MTV parody), and also shows Williams' generosity in allowing his co-star Joan Cusack to shine. Pity it didn't come together as a movie...

Like many great comedians, Williams wanted to be recognized as a "serious" actor, which resulted in quite a few memorable roles. He was properly goofy in The World According to Garp, and touching in Moscow on the Hudson (1984), Awakenings (1990), Terry Gilliam's Fisher King (1991),and his (finally) Oscar-winning role in Good Will Hunting (1997). He was equally effective in his sinister roles of 2002, in One Hour Photo and Christopher Nolan's Insomnia.

I have yet to revisit his break-through TV show Mork and Mindy, but I guess its silliness is more palatable for children. It's not the worst accomplishment to make children laugh, though, so he's excused for Mrs. Doubtfire (1993), too. Also forgiven is his tendency to make grown men cry, especially with Dead Poets Society (1989) - O Captain, my Captain!

One of the last attempts to reign in Williams' talent came from renowned TV producer David E. Kelley (Ally McBeal) with The Crazy Ones. Williams plays a recovering alcoholic who runs an ad agency with his daughter ("Buffy" Sarah Michelle Gellar). It had spots of brilliance and some sympathetic co-stars, but never really found its stride. Maybe in these times of political correctness, it was simply too risky to let Robin Williams loose. So the show was canceled after one season, and Williams reverted to playing the occasional American President (three times as Teddy Roosevelt in Night at the Museum and once as Dwight D. Eisenhower in The Butler). His last role, fittingly, will be as "Dennis the Dog"  in Terry Jones'  2015 SF comedy Absolutely Anything.

So thank you Robin, for making us cry and making us think and - still your greatest gift to us - to make us laugh like crazy.

Donnerstag, 7. August 2014

Enttäuschendes Ende einer Ära: Hayao Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" (5/10)

In den meisten Filmen von Hayao Miyazaki kommen Flugzeuge, Flugmaschinen, Flugwesen oder (in seinem schönsten Werk) eine fliegende Hexe vor. Diese Begeisterung für die Flugkunst gipfelt nun im Abschlußfilm des 73jährigen japanischen Meisters, dessen Abschied nun zumindest vorläufig auch die Schließung des Ghibli-Studios bedeutet.

Leider kann sich Miyazakis Biographie des bedeutenden japanischen Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi weder politisch noch erzählerisch entscheiden. Ist Jiro ein genialer Depp oder ein naives Genie, wenn er nach dem Bau des "Zero"-Kampffliegers für den Zweiten Weltkrieg seinen Freund fragt: "Gegen wen kämpfen wir eigentlich?" Und ist dies nun eine tragische Liebesgeschichte (Jiros Frau starb an Tuberkulose) oder die Geschichte eines Ingenieurs, der seine Träume verwirklichen will?

Technisch ist Wie der Wind sich hebt brillant umgesetzt, und gerade im Vergleich mit dem (ansonsten gelungenen) Mohnblumenberg seines Sohnes Goro erkennt man immer noch einen deutlichen Qualitätsvorsprung, was den zeichnerischen Fluß und die Detaildichte der erschaffenen Welt anbelangt. Erzählt wird allerdings irritierend elliptisch, was gerade ohne viel historische Vorkenntnisse störend wirkt. Man erkennt weder den genauen Beitrag Jiros an der Konstruktion der verschiedenen Flugzeuge noch den allgemeinen technischen Fortschritt (Senknieten können doch nicht das einzige Geheimnis gewesen sein). In einigen Szenen allerdings blitzt Genie auf, etwa beim Erdbeben von 1923 und dem Besuch in Deutschland (inklusive expressionistischer Schattenbilder von Nazischergen).

Insgesamt enttäuschend. Annehmbar (5/10).

Die Hugo-nominierten Romane

Bevor am 17. August die diesjährigen Preise vergeben werden, hier noch ein paar Anmerkungen zur Königskategorie.

Vier Kandidaten habe ich bereits besprochen, der fünfte ist der 12teilige "Wheel of Time"-Zyklus von Robert Jordan, postum vervollständigt von Brandon Sanderson. Vor einigen Jahren habe ich mich mal bis zum vierten Band durchgekämpft und dann zumindest vorläufig aufgegeben. Jordan schreibt an sich unterhaltsam und schöpft mit viel Fantasie eine erstaunlich detaillierte Welt. Seine Figuren sind vielleicht ein wenig stereotyp, aber durchaus einprägsam. Nicht so überzeugend fand ich den mythologischen Unterbau. Der Gedanke vom "Rad der Zeit" basiert auf der Wiedergeburt mythischer Helden und satanischer Schurken, die in einem ewigen Kampf immer wieder die gleichen Fehler begehen und jedesmal auf ähnliche Weise scheitern (und offenbar den Weltuntergang orchestrieren). Nun scheint eine Zeit des Durchbruchs gekommen, in der vielleicht erstmals die Helden triumphieren könnten. Der Kampf spielt sich ab in einer weitgefächerten mittelalterlichen Welt voller magischer Orte, Völker und Einzelfiguren. Tatsächlich scheint den Entdeckungen auch nach 4.000 Seiten noch keine Grenze gesetzt zu sein, und das ist auch der Hauptkritikpunkt an der Serie. Ein Rezensent bei Amazon hat die Handlung mal treffsicher mit einem Rollenspiel am Computer verglichen. Die Figuren irren umher, finden Verbündete oder  machen sich Feinde, sammeln magische Gegenstände und Fähigkeiten, setzen diese in diversen Scharmützeln ein und gewinnen oder verlieren Lebens- oder Gesundheitspunkte. In jeder Schlacht scheint es nicht nur um Leben oder Tod, sondern um das Schicksal der ganzen Welt zu gehen, und doch folgt jedem Erfolg nur eine noch größere Herausforderung. Kurz gesagt: Es fehlt der Erzählung an Struktur, sie ist ein amorphes Monster, das zwar passagenweise immens unterhalten kann, aber den Leser auch extrem frustriert.

Trotzdem halte ich den Zyklus für den diesjährigen Favoriten. Er ist ohne Zweifel ein Klassiker und hat eine große Fangemeinde. Mein persönlicher Favorit ist zwar Larry Correias Grimnoir-Roman, aber dem rechne ich nicht viele Chancen aus. Neben dem "Wheel of Time" könnte auch Ancillary Justice das Rennen machen, nachdem Ann Leckies Debut bereits den Nebula und weitere Preise gewonnen hat. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:
  1. Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
  2. The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
  3. Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
  4. Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
  5. Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)

Hugo-nominiert: Parasite (Mira Grant)

Nachdem ich mich mit Mira Grants Zombie- und Blogger-verseuchten Newsflesh-Trilogie gar nicht anfreunden konnte, hatte ich diesen ersten Band einer neuen Trilogie lange vor mir hergeschoben. Zu Unrecht, wie sich herausstellte: Es geht zwar auch hier nebenbei um Zombies ("Schlafwandler" genannt), aber es fehlen die atemlose Action genauso wie die überdrehten Figuren und der bemühte Blogger-Stil. Stattdessen erzählt Parasite unaufgeregt und doch spannend eine völlig neue Geschichte, die auf einer brillanten SF-Idee basiert. Nach einem medizinischen Durchbruch der nahen Zukunft haben sich viele Millionen Menschen einen genetisch manipulierten Bandwurm implantieren lassen, der sie symbiotisch vor den meisten Stoffwechsel- und Kreislaufkrankheiten schützt. Doch nun scheinen erste Nebenwirkungen aufzutreten, die von der das Patent haltenden BioTech-Firma aber zunächst vertuscht werden können...

Erzählt wird das in Ich-Form von der jungen Sally, die nach einem Unfall und dem überraschenden Aufwachen aus dem Koma ihr Gedächtnis verloren hatte und nun ihren Erinnerungen entsprechend eigentlich erst sechs Jahre alt ist (im Gegensatz zu ihrem etwa 25jährigen Körper). Sie hat mühsam fast alle kognitiven Fähigkeiten wiedererlernen müssen, und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn sie auf einige Leser ein wenig eindimensional wirkt. Für mich ist sie eine gelungene, überhaupt nicht langweilige Identifikationsfigur. Ihre Genesungsgeschichte birgt ein (leicht zu erratendes) Geheimnis, und gegen Ende dieses Einführungsbandes gewinnen sie und ihre Bezugspersonen genug Komplexität, um mich auf die Fortsetzung neugierig zu machen.

Mira Grant ist ein Pseudonym für die Kalifornierin Seanan McGuire (geboren 1978), die bisher offenbar durchaus erfolgreiche Urban Fantasy schrieb und nun unter neuem Namen eine ambitioniertere Richtung einschlägt, was ihr nun die vierte Hugo-Nominierung in Folge für den besten Roman einbrachte (nach den drei Newsflesh-Bänden). Wenn ihr ein überzeugender Abschluß dieser Trilogie gelingt, winkt ihr vielleicht der Preis im übernächsten Jahr.