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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Mein Lieblingsfilm 2015: Love & Mercy (9/10)

Im Juni war ich einer von wenigen tausend Deutschen, die für Love & Mercy ein Kino besuchten. Auch die Blu-ray-Veröffentlichung der melancholischen Biographie des Musikers Brian Wilson blieb fast unbeachtet. Selbst in der Heimat der Beach Boys wollte das kaum jemand sehen. Das wird sich wohl auch durch die Golden-Globe-Nominerungen für Paul Dano und den Song One Kind Of Love (von Brians jüngstem Album No Pier Pressure) nicht ändern. Die Beach Boys waren wohl nie wirklich cool, und am wenigsten ihr Komponist, Arrangeur und vielleicht bester Sänger, Brian Wilson. Aber selbst fern von allen Surfstränden kann mir niemand erzählen, daß er nicht wenigstens eines seiner unsterblichen Lieder kennt. Zur Erinnerung ein paar Beispiele:

Fun, Fun, Fun
I Get Around
California Girls

Vielleicht ist Brian Wilson ja selbst schuld, daß er erst so spät zum Genie verklärt wurde (seinen ersten Grammy gewann er 2004). Er hätte ja sich ja auch im magischen Alter von 27 Jahren verabschieden können wie so viele andere Helden der frühen Popgeschichte. Stattdessen glitt er in einer Mischung aus Drogenmißbrauch und handfesten psychischen Schäden in die Vergessenheit (in den 70ern verbrachte er gut drei Jahre mit Depressionen im Bett). Love & Mercy konzentriert sich auf die zwei wichtigsten Phasen in seinem Leben: die 60er, als er 24jährig mit Pet Sounds eines der berühmtesten Alben der Rockgeschichte produzierte und danach fast dem Wahnsinn verfiel, und die 80er, als er seine persönlichen Dämonen (darunter in Gestalt seines "Psychiaters" Dr. Eugene Landy einen sehr handfesten) besiegte und in bescheidenem Maße seine Kreativität wiederfand. Seitdem hat er eine Handvoll durchaus schöner Soloalben veröffentlicht; mein Favorit darunter ist Brian Wilson Reimagines George Gershwin.



Paul Dano zeigt in seinem Spiel die Essenz des jungen Brian, ohne den Musiker nachzuäffen, dem er eigentlich nicht besonders ähnlich sieht. Schmerbauch und Haartolle sind nur Äußerlichkeiten, aber Dano zeigt sowohl die  Unsicherheit, ja Unbeholfenheit als auch die kreativen Sprünge und das meisterhafte "Dirigieren" seiner Studiomusiker. Brian Wilson war auch zu den Glanzzeiten der Beach Boys niemals der umschwärmte Frontman. Das überließ er schnell seinem forschen Cousin Mike Love, während er selbst sich ins Studio zurückzog und Musikgeschichte schrieb. Leider führte das dann zu Konflikten und schließlich zum berühmten Scheitern des "Smile"-Projektes, das die Bandkollegen dann zu Smiley Smile verwursteten. Trotz der Rekonstruktionsversuche in den letzten Jahrzehnten verbleiben von diesem Traumprojekt nur Bruchstücke, darunter allerdings einer der großartigsten, komplexesten Songs der Popgeschichte (und die meistverkaufte Single der Band):
Good Vibrations
und das wunderschöne, elegische Lieblingslied von Paul McCartney:
God Only Knows
Insbesondere für die Passagen aus den 60ern gelingt es dem Sound-Design des Films, den Zuschauer fast unmittelbar in den Kopf Brian Wilsons zu transportieren. Der war nicht nur der Entstehungsort jener unglaublichen Harmonien, sondern leider auch ein Debattierklub für dämonische Stimmen, die Brian seit seiner Kindheit quälten (als ihn sein Vater derart oft auf das rechte Ohr schlug, daß er auf dieser Seite praktisch taub wurde).


Zum Glück wird dieser Niedergang eines Genies filmisch verschränkt mit der Geschichte seiner Besserung und einem kleinen Happy End seiner späten Jahre. John Cusacks etwas verlebtes Gesicht spiegelt perfekt den zunächst mit Medikamenten zugedröhnten Brian Wilson, der durch die Liebe zur Autoverkäuferin Melinda Ledbetter sein Leben wieder in den Griff bekommt. Der einstige Teen Lover und Star von Being John Malkovich und High Fidelity wird inzwischen zu Unrecht unterschätzt. Er hätte bessere Rollen verdient und ist für mich in diesem Film Paul Dano ebenbürtig (der bekannt wurde als Bruder mit Schweigegelübde in Little Miss Sunshine und gemäß Hollywood-Logik als "Nebendarsteller" in die Preisverleihungssaison geht).


Im Zentrum der wunderbar melancholischen Szenen aus den 80ern steht Elizabeth Banks als Wilsons spätere zweite Ehefrau Melinda Ledbetter. Während ich sie in anderen Filmen oft ein wenig albern finde, gibt sie hier eine herzenswarme, nuancierte Darstellung. Natürlich ist ihre Figur idealisiert, schließlich sehen wir sie aus Brians Perspektive, als Rettungsengel in einer Zeit, in der Brian selbst seinem Bruder Carl nur noch peinlich war. Aber wir sehen doch eine starke, mitfühlende Frau, selbstbewußt und hinreißend. Sie weiß sich zu behaupten gegenüber dem mißbräuchlichen Dr. Landy, den der brillante Paul Giamatti (Sideways) als schmierigste, fieseste Figur des Kinojahres gestaltet und doch offenbar der realen Vorlage kaum gerecht wird.



Don't Worry Baby
Dem bisher nur als Produzent in Erscheinung getretene Regisseur Bill Pohlad ist mit Love & Mercy eine der schönsten Musikbiographien der letzten Jahrzehnte gelungen. Das Buch von Oren Moverman und Michael A. Lerner vermeidet weitgehend die ausgetretenen Pfade des Genres. Der Film ist nostalgisch ohne dick aufgetragene Sentimentalität, hat selbstverständlich einen tollen Soundtrack und hinterläßt ein schönes Gefühl, auch wenn für den Film wie für Brians Lieder gilt, was Brians Mitstreiter Mike Love einmal als unfreiwilliges Kompliment von sich gab:
Even his happy songs are sad. (Selbst seine fröhlichen Lieder sind traurig.)
Herausragend (9/10).

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Cate Blanchett jagt Meryl Streep: Carol (7/10)

Carol handelt von Therese, einer junge Spielwarenverkäuferin, die sich auf eine Affäre mit einer Kundin mittleren Alters einläßt. Ihr Schwarm Carol ist ein Fantasieprodukt der Autorin Patricia Highsmith, die eine flüchtige Begegnung fortsponn und zu einer lesbischen Romanze verarbeitete, die sie 1952 zunächst nur unter Pseudonym zu veröffentlichen wagte. Liebe zwischen zwei Frauen gab es 1950 noch nicht einmal als Wort, und so beginnt für Therese eine schwierige Entdeckungsreise, um diese unerklärlichen Gefühle zu erforschen.



Regisseur Todd Haynes (sein letzter Film war die konfuse Dylan-Biographie I'm not There) taucht tief in die New Yorker Nachkriegszeit ein, schwelgt geradezu in Ausstattungsdetails: Automobile, Grammophone, Photoapparate, aber auch Stoffgardinen, Sofabezüge und natürlich die Kostüme (die dreifache Oscar-Gewinnerin Sandy Powell hatte offenbar viel Freude am Kontrast zwischen der einfachen Therese und der reichen Carol). Die körnige 16mm-Fotografie unterstreicht das träumerische Porträt einer vergangenen Zeit. Es ist allerdings ein kalter Traum, der nicht zufällig zur Jahreswende spielt, und der auch passend besetzt ist. Cate Blanchett besitzt ja ohnehin eine eher kühle Schönheit, und die relativ ausdrucksschwache Rooney Mara komplimentiert sie in einem Duell um die schärfsten Wangenknochen. Immerhin bringt die 30jährige Rooney eine gewisse ätherische Zerbrechlichkeit mit (im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester Kate, die Reporterin aus House of Cards, die noch weniger Emotionen, aber zusätzlich eine unsympathische Verbissenheit ausstrahlt).


Jedenfalls ist klar, wer hier der Star ist, und so ist im Film der Fokus verschoben auf Cate Blanchetts Titelfigur, obwohl Therese klar die interessantere Entwicklung durchläuft. Das wird sich auch bei den Oscar-Nominierungen widerspiegeln, wo Cate Blanchett bei den Haupt- und Rooney Mara bei den Nebendarstellerinnen eingeordnet wird (bei den Globes sind beide für die Hauptrolle im Rennen). Mein Einwand dabei ist, daß Carols Geschichte genauso funktionieren würde, wenn sie sich in einen jüngeren Mann verliebt hätte (ihr wird in einer bitteren Scheidungsschlacht wegen "Unmoralität" das Sorgerecht für ihre dreijährige Tochter abgesprochen). Therese ist diejenige, die ihre Sexualität entdecken und ihren Weg jenseits der konventionellen Erwartungen finden muß (es gibt mehrere Männer in ihrem Bekanntenkreis, die sie gern heiraten würden).

So ist es schade, daß der Zuschauer nicht mehr Einblick in diese wortkarge junge Frau findet, die oft nur reagiert, nachdem sie sich (aus Neugier?) auf Carols Avancen eingelassen hat. Also hängt es vom Betrachter ab, welche Emotionen er auf Rooney Maras wohlgeschminktes Gesicht projiziert, während Cate Blanchett natürlich (gerade im Schlußteil) ihren Schmerz sichtbar machen kann. Vielleicht trägt sie diesmal sogar etwas dick auf. Aber solche gut gespielten Gefühlsausbrüche sind es leider, an denen die Akademie Schauspielkunst mißt. Jedenfalls glaube ich, daß die Bewertung dieses Melodrams subjektiver als üblich ausfallen muß. Ich selbst bin der Geschichte gern gefolgt, habe auch Anteil genommen, aber begeistert war ich auch wieder nicht. Das reicht für ein Gut (7/10).

Dienstag, 22. Dezember 2015

Nostalgischer Spaß: Das Erwachen der Macht (8/10)

Selbst denjenigen, die sich in den letzten Monaten dem Hype entziehen konnten, keine Star-Wars-Batterien kaufen mußten, keine Actionfiguren mit Harrison-Ford-Grimassen, keine Spielzeuglichtschwerter (die laut Spiegel eh nicht den EU-Leuchtmittelrichtlinien entsprechen), keinen Millenium Falcon aus Legosteinen als Geschenke verpackt haben, wird vor Beginn des eigentlichen Spektakels noch einmal eingehämmert, worum es diesem 30-Milliarden-Dollar-Imperium eigentlich geht. Aber kaum jemand stimmt in mein gequältes Stöhnen ein, als eine grottenschlechte, offenbar schwedische Joda-Kopie uns eine als Todesstern verkleidete IKEA-Hängeleuchte anpreist. Als dann die berühmten Schriftzüge auf der Leinwand anrollen, die vertrauten Fanfaren von John Williams erklingen und der erste Zerstörer den Sternenteppich verdunkelt, packt mich dann doch die Aufregung, und es beginnt ein nostalgischer Spaß, den auch die unnötige, die kurzweiligen 2 1/4 Stunden unterbrechende Kommerzpause kaum mindern kann. Ich versuche, in meinem Kommentar ohne wesentliche Spoiler auszukommen.



Es ist (fast) alles richtig, was bereits geschrieben wurde: Das Erwachen der Macht ist nicht nur Fortsetzung, sondern zum Teil auch ein Remake und Beginn einer Variation auf die ursprüngliche Trilogie. Aber auch wenn einem Fan vielleicht zu viel bekannt vorkommt, gelingt es J.J. Abrams doch weitgehend, das Feeling der alten Filme zu reproduzieren. Da gibt es Low-Tech-Raumschiffreparaturen, trottelige Sturmtruppen und altmodisch unbeholfene Lichtschwertduelle. Dabei sind allerdings die Effekte flüssiger, die Dialoge geschmeidiger und die Explosionen heftiger.

Geblieben sind jene handlungsdienlichen Zufälle, wie sie nur im Krieg der Sterne möglich sind. Und so treffen wir auf einem Wüstenplaneten namens Jakku, der auch Tatooine heißen könnte, die Helden der nächsten Generation. Und hier zeigt sich, insbesondere gegenüber den mißlungenen Prequels, ein Glücksgriff für die Episode VII. Die beiden 23jährigen Jungschauspieler aus London haben mit Sicherheit eine vielversprechende Karriere vor sich. Daisy Ridley als kesse Rey und John Boyega als tollpatschiger Finn sind sympathische Identifikationsfiguren mit schauspielerischem Talent und genügen nebenbei noch den erhöhten Anforderungen der heutigen auf politische Korrektheit ausgerichteten Filmwelt. Rey ist eben keine Prinzessin, sondern füllt eher die Schuhe von Luke Skywalker und braucht auch keine männlichen Haudegen, ihr aus der Patsche zu helfen. Über Finns Rolle will ich noch weniger sagen, um auch die ersten fünfzehn Minuten des Films nicht zu spoilern. Er steht für die Emanzipation einer bisher gesichtslosen Fraktion und ist nebenbei noch schwarz und komisch und weiß damit jedes Klischee weiträumig zu umschiffen. Zum Glück schließt die ethnische Diversität erst mal aus, daß sich Rey und Finn später als Geschwister entpuppen, denn ihre Romanze beginnt vielversprechend...



Auch die übrigen Rollen sind facettenreich, im Zweifel mit Briten besetzt. Domhnall Gleason (Ex Machina) als Nachfolger von Peter Cushing kommt dabei am schlechtesten weg, hier wäre sein Vater die bessere Wahl gewesen. Viel Aufhebens wurde im Vorfeld um die Rollen von Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong'o (12 Years a Slave) und Game-of-Thrones-Star Gwendoline Christie (Brienne of Tarth) gemacht, aber leider verschwinden die beiden hinter dem Motion Capturing bzw. dem Visier einer Rüstung. Der gänzlich überflüssige Auftritt des 86jährigen Max von Sydow sollte vielleicht eine Hommage an Alec Guiness sein. Oscar Isaac als verwegenem X-Wing-Pilot gelang erneut das Kunststück, von mir nicht erkannt zu werden, und unter die Rebellen mischen sich auch die Abrams-Kumpel Ken Leung (Lost) und Greg Grunberg (Alias). Nur für schwule Liebesgeschichten scheint es in jener fernen Galaxie noch zu früh zu sein, wenn man mal von C3PO absieht, der mit R2D2 aber nur einen Kurzauftritt hat. Auch bei den Droids übernimmt mit dem knuddeligen BB-8 ein jüngerer Star das Ruder, windschnittiger und doch fast genauso anrührend.


Nicht nur mit Domhnall Gleason hat auch die Dunkle Seite der Macht eine Verjüngungskur durchgemacht. Als Darth-Vader-Verschnitt Kylo Ren fand ich den 32jährigen Adam Driver zutiefst unangenehm, auch wenn seine Figur durchaus stimmig erklärt wird (aber kann diese Heulsuse wirklich das Erzeugnis von ... - und ... sein - ach, sei's drum). Ohnehin fehlt das Mysterium des Darth Vader, das in den ersten Episoden so fabelhaft inszeniert worden war. Immerhin hat hier jemand den deutschen Begriff des Licht"schwerts" buchstäblich umgesetzt. Wie in der Episode IV bekommt man den fädenziehende Sith-Lord im Hintergrund nur kurz als Hologramm zu Gesicht. Andy Serkis legt ihn irgendwo zwischen Gollum und Thanos an, mit bisher wenig Persönlichkeit.



Ach ja, und dann waren da noch die "Altstars". Keine Überraschung ist es, daß Han Solo hier eine zentrale Rolle spielt. Harrison Ford sieht man seine 73 Jahre zwar an, aber er füllt immer noch die Leinwand wie kein anderer, und seine sarkastische Art bietet ein bewährtes Gegengewicht zu manch alberner Handlungswendung. Die Chemie mit Leia stimmt auch noch, und Carrie Fisher muß ich hier mal in Schutz nehmen. Sie tritt als elegante, selbstbewußte Dame auf und muß ihre 58 Lebensjahre nicht verstecken. Wenn ich daran denke, wie gleichaltrige Kolleginnen wie Daryl Hannah oder Melanie Griffith ihre Gesichter entstellen ließen, habe ich nichts als Respekt für Ms. Fisher, die die Schauspielerei ohnehin nur nebenbei betreibt und u.a. erfolgreiche (und lesenswerte) Romane veröffentlicht hat. In ihrem zu kurzen Auftritt vermag sie jedenfalls eine Menge Wärme und Weisheit zu vermitteln, auch wenn sie wieder durch eine, sagen wir, unkonventionelle Frisur gestraft ist (bei der Promotion, siehe Photo, ist sie dann besser gestylt). Mark Hamill hingegen hat ja ohnehin ein Charaktergesicht, das er als Riddler in The Flash und Professor in Kingsman effektvoll in Erinnerung gebracht hat. Ich vermute, daß er im Folgefilm mehr im Mittelpunkt stehen wird.



Also haben J.J. Abrams und Lawrence Kasdan (der mit Das Imperium schlägt zurück den für alle Zeiten besten Star-Wars-Film geschrieben hat) mit Hilfe von Michael Arndt (Little Miss Sunshine) gute Arbeit geleistet. Alles in allem ist der der realen Alterung der Darsteller angepaßte Zeitsprung plausibel, auch wenn ich nicht verstehe, daß die Guten immer noch dem "Widerstand" angehören. Hätte sich das mit dem Fall des Imperiums nicht umkehren müssen? Bei aller Freude muß ich ansonsten aber warnen, daß ein solcher Nostalgietrip wirklich nur einmalig gelingen kann (was Abrams leider bereits bei Star Trek bewiesen hat). Für die Fortsetzung müssen sich die Verantwortlichen wirklich etwas Neues ausdenken. Also bitte keine Figur in Carbonite einfrieren! The Empire Strikes Back bleibt unübertroffen und sollte nicht kopiert werden. Für Buch und Regie der Fortsetzung ist übrigens Rian Johnson zuständig, die Dreharbeiten haben bereits begonnen. Der gerade 42 Jahre alt gewordene Kalifornier ist bislang vor allem bekannt für Buch und Regie der mittelmäßigen SF-Merkwürdigkeit Looper (mit Joseph Gordon-Levitt als verstörend mißlungenem jungen Bruce Willis) und die Regie bei der von vielen als TV-Höhepunkt gefeierte Folge Ozymandias von Breaking Bad. Bis Mai 2017 muß ich jedenfalls J.J. Abrams, vielleicht neben Irvin Kershner, die beste Regie bei einem Star-Wars-Film bescheinigen. Da lag die Meßlatte bisher aber nicht besonders hoch. In diesem Sinne frohe Weihnachten!



Mit den genannten Einschränkungen habe ich mich tatsächlich für 12 bis 14 Parsecs beschwingt unterhalten gefühlt. Auf die dritte Dimension werde ich allerdings bei der Blu-ray verzichten. Sehr gut (8/10)!

Sonntag, 20. Dezember 2015

Zwischenruf an Emma Stone

Liebe Emma,

fast drei Jahre ist es her, daß ich mich gemeldet habe. Jetzt habe ich das Gefühl, Du könntest ein paar tröstende Worte gebrauchen. Sei gewiß, daß wir (ältere Männer) Dich immer noch schätzen und bewundern. In den USA stehst Du immer noch auf Platz Zwei der beliebtesten Jungschauspielerinnen, natürlich nach Jennifer Lawrence, aber vor Kristen Stewart, die sich erst langsam von ihren zwielichtigen Teenager-Rollen emanzipiert. Auch wenn die Spiderman-Millionen sicher noch nicht aufgebraucht sind, gründet sich Dein Ruhm momentan allerdings eher auf Talk-Shows und andere Fernsehauftritte. Schade übrigens, daß es mit der Star-Wars-Audition nicht geklappt hat.

Was das Kino betrifft, gab es nach der Euphorie über die Oscar-Nominierung (im "Besten" Film des Jahres) eine Durststrecke. In der Nachfolge von Scarlett Johansson konntest Du Woody Allen leider nicht zu filmischen Glanzleistungen inspirieren. Nach dem zweiten Flop verstehe ich, daß Du die dritte Hauptrolle in Folge dankend an Kristen Stewart abgegeben hast. Bei Woody weiß man halt nie.  Das mußte bereits vor gut 20 Jahren Jodie Foster feststellen, als er die zweifache Oscar-Gewinnerin mit Schatten und Nebel in einem seiner sperrigsten Filme besetzte.

Aber genug um den heißen Brei herumgetanzt: Was war los mit Aloha? Wie bist Du an ein Projekt geraten, das sich mit Clint Eastwoods dumpf-patriotischem, ziellosem American Sniper die zweifelhafte Ehre des Schlechtesten Films des Jahres teilt (und den bedauernswerten Bradley Cooper in der Hauptrolle)? Für den man neue Kategorien erfinden müßte, um sein Scheitern zu beschreiben? Als Du plötzlich als zackiger Captain der US Air Force auftauchtest, dachte ich noch, ich sei in eine M*A*S*H-artige Parodie geraten. Aber dann ging's erst richtig los mit Satelliten, Hackern, chinesischen Spionen, Atombomben in Privatbesitz, stummen Männergesprächen mit Untertiteln, Eingeborenen-Mystik, 10-Sekunden-Flashbacks, Hofstaat im Schlamm (war das wirklich der "echte" König des Inselreichs?), Verhandlungen um Handy-Empfang, Ex-Geliebte, unehelicher Tochter, zerhackstückelten Tänzen... Seit Jahren hat mich kein Film so ratlos zurückgelassen (selbst Roy Anderssons Songs From The Second Floor konnte ich noch mehr Sinn abtrotzen).

Und was ist mit Cameron Crowe? Ist er krank, bloß dem Alkohol und anderen Drogen verfallen, oder wurde er von Aliens entführt und durch eine Pflanze ersetzt? Wie inkompetent muß man sein, um Dich mit Bill Murray und Alec Baldwin agieren lassen, ohne den geringsten Unterhaltungswert herauszuschlagen? Wie schafft man es, Hawaii so lieblos zu fotografieren, daß jede Five-0-Folge mehr Lokalkolorit vermittelt? Ja, es ist 15 Jahre her, daß das ehemalige Wunderkind der Rockszene der 70er mit Almost Famous ein kraftvolles Denkmal setzte, und danach schien seine Kreativität langsam zu versiegen. Und sicher darf jeder Regisseur mal danebenliegen. Aber dieses Desaster muß doch vorhersehbar gewesen sein! Dabei muß man gar nicht darauf eingehen, daß Deine blonde Figur eine chinesisch-hawaiianische Mutter haben soll, was eine völlig am Thema vorbeigehende Diskussion um politische Korrektheit ausgelöst hatte. Die später geschasste Studiochefin Amy Pascal soll allerdings früh die Qualität des Drehbuchs bemängelt haben (um es freundlich auszudrücken), aber das konnte dieses Trainwreck offenbar nicht mehr stoppen (nicht zu verwechseln mit Amy Schumers amüsanter Komödie mit dem Titel Trainwreck).

Nun ja, Kopf hoch, Du hast ja bereits wieder einige Eisen im Feuer, darunter ein Projekt mit dem für Whiplash Oscar-nominierten Autorenfilmer Damien Chazelle. Bis dahin muß ich mich halt mit merkwürdigen Musikvideos und ähnlichen YouTube-Clips begnügen.

Mit den besten Wünschen für das neue Jahr

Paul Kahl

Klassische Rezension: Almost Famous (10/10)

Inzwischen nicht mehr in der Top250 der IMDB, gehört Almost Famous noch immer zu meinen Lieblingsfilmen nicht nur des Musikgenres. In meiner Rezension direkt nach dem Kinobesuch hatte ich damals noch nicht einmal die junge Anna Paquin als weiteres Groupie und  den großartigen Philip Seymour Hoffman als Musikjournalisten-Legende Lester Bangs erwähnt. Inzwischen habe ich natürlich den Film auf Blu-ray genossen. Hier also, als Gegengewicht zu Cameron Crowes jüngstem Desaster, meine jugendlich-enthusiastische Kritik von 2001 zum Höhepunkt seiner Karriere:

Manchmal (viel zu selten) gelingt es einem Kinofilm, in knapp zwei Stunden eine komplett eigene Welt zu erschaffen, mit Orten, die man persönlich besuchen, Ereignissen, die man miterleben, und Menschen, die man gern kennenlernen möchte. Almost Famous ist ein solcher Film. Er erzeugt eine unstillbare Sehnsucht nicht nur nach einer vergangenen Zeit, sondern auch nach der Unschuld und den Idealen der Jugend. Für immer möchte man in den 70ern verbleiben, als Simon & Garfunkel noch als jugendgefährdend galten, auch arme Rockstars schon als Helden verehrt wurden und Sex und Liebe so leicht verwechselbar waren. Wer möchte nicht ebenfalls mit "Stillwater" auf Tour gehen, mit dem jungen William an seinen Reportagen feilen und vielleicht einen Kuß des süßen Groupies Penny Lane erhaschen? Doch ach, der Alltag hat mich wieder, und mir bleibt nur die Hoffnung, daß Almost Famous noch vielen Zuschauern ein ähnlich glückliches Erlebnis verschaffen kann.

Die Handlung soll auf den Erinnerungen des Regisseurs und Autors (Oscar fürs beste Originaldrehbuch) Cameron Crowe beruhen, der tatsächlich schon als Jugendlicher für den "Rolling Stone" über berühmte Rockgruppen geschrieben hat. So ist der 15jährige hochbegabte, aber schüchterne William das Alter Ego des Autors. Seine Musikbesessenheit ist auch Protesthaltung gegen seine konservative alleinerziehende Mutter, vor der seine Schwester mit 18 in eine Ausbildung zur Stewardeß geflohen ist. William schreibt zunächst für lokale Musikmagazine, bis ein Redakteur des "Rolling Stone" auf ihn aufmerksam wird und ihm (ohne Kenntnis seines zarten Alters) den Auftrag zu einer umfangreichen Reportage über die aufstrebende (für den Film erfundene) Rockgruppe "Stillwater" erteilt. So kommt es, daß der lebensunerfahrene 15jährige, unter strengen Auflagen seiner Mutter (täglich anrufen, keine Drogen!) in den Tourbus zu Musikern, Roadies und Groupies steigt. Die kommenden Tage werden sein Leben verändern, er wird Freundschaft und Liebe, aber auch den Loyalitätskonflikt eines ehrgeizigen Journalisten kennenlernen. Nicht nur für ihn ist dies ein entscheidender Abschnitt, sondern auch für die Band an der Schwelle des kommerziellen Erfolgs, der eine schwere Krise bevorsteht, und für das Groupie (nein, Verzeihung: das "Band-Aid") Penny Lane ("Wir schlafen nicht mit den Musikern, wir blasen ihnen höchstens mal einen!"), das im Konflikt zwischen Schein und Realität gefangen scheint. Und so ist Almost Famous eine Geschichte über das Erwachsenwerden und den Zerfall von Idealen, gleichzeitig eine Reflexion über den Wandel des Musik"geschäfts" in den 70ern, als der Spaß an der Musik immer mehr zugunsten des Kommerz verdrängt wurde.

Ein Regisseur ist dann am besten, wenn er dem Stoff besonders verbunden ist. Eine solche Verbundenheit hat zu Meisterwerken wie Der große Frust von Lawrence Kasdan und Schindlers Liste von Stephen Spielberg geführt. Auch Cameron Crowe hat sich hier selbst weit übertroffen (z.B. gegenüber dem schon sehr guten Jerry Maguire, der ein ähnliches Thema im Sportbereich behandelt.) Offenbar hat er lange gezögert, diesen persönlichen Stoff anzugehen. Jetzt aber verdanken wir ihm einen herrlichen Musikfilm. Wenn ich das richtig verstanden habe, spielen die Darsteller der Band selbst die Songs im Stil der 70er Jahre, die u.a. von Peter Frampton beigesteuert wurden. Das wirkt authentisch und völlig ungekünstelt und trägt wesentlich zum Gelingen des Projektes bei. Natürlich gibt es daneben jede Menge Klassiker der 60er und 70er zu hören. Und dann ist da das exquisite Darstellerensemble, noch in den kleinsten Nebenrollen perfekt ausgesucht. Niemandem merkt man an, daß da Rollen verkörpert werden - die Schauspieler gehen in ihren Figuren auf. Das gilt für den unglaublichen Patrick Fugit in der Hauptrolle (der 17jährige wuchs zum Entsetzen der Crew während der Dreharbeiten um sieben Zentimeter und kam in den Stimmbruch) wie für Frances McDormand (Fargo), die als satirisch überspitzt gezeichnete, überbehütende Mutter völlig ohne Ironie und dadurch ungeheuer witzig daherkommt. Das gilt ebenfalls für die Band, insbesondere Billy Crudup als Gitarrist und Kopf der Gruppe, und vor allem für Kate Hudson als Penny Lane. Sie ist das Herz des Films - strahlend schön, komisch, unschuldig, verdorben, geheimnisvoll, innerlich zerrissen und doch voller Wärme. Wer hätte das der Tochter von Amerikas Darling Goldie Hawn zugetraut? Ihre Oscar-Nominierung war mehr als verdient.

Ich hoffe, ich habe deutlich gemacht, daß dies mehr als nur ein Geheimtip ist und auch keine besondere Vorliebe für Rockmusik der 70er voraussetzt. In den USA hat sich dieses Meisterwerk schleichend durchgesetzt und wird inzwischen in der IMDB-Liste der beliebtesten Filme aller Zeiten auf Platz 61 geführt. In Deutschland wird der Film nicht besonders gut vermarktet, aber vielleicht wird er doch mehr als nur fast berühmt. Ein zumindest deutschsprachiger älterer Herr war jedenfalls begeistert, und ihn hat Cameron Crowe in seiner Dankesrede für den Oscar auch besonders erwähnt: Regie-Altmeister Billy Wilder.