1965 gewann Leiber für seinen längerer Roman The Wanderer erneut den Hugo (drei weitere Preise für kürzere Werke sollten folgen). Im Kern ist "Wanderer im Universum" ein Katastrophenroman. In einer nahen Zukunft, in der die Nationen der Erde bereits bemannte Missionen zu Mond und Mars geschickt haben, materialisiert plötzlich ein etwa erdgroßer Planet im Erdorbit. Die entstehenden Gezeitenkräfte lösen auf der Erde Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis von apokalyptischer Wucht aus. Leiber schildert die Katastrophe aus der Perspektive vieler über alle Welt verstreuter Figuren, von denen drei Hauptrollen spielen und zudem in einer Art Liebesdreieck verbunden sind.
Astronaut Don wird von den Ereignissen auf einer Mondstation überrascht, seine Freundin Margo und sein Wissenschaftskollege Paul treffen währenddessen auf eine Gruppe von UFO-Beobachtern, die eigentlich nur die anstehende Mondfinsternis zusammengeführt hat. Als Paul irgendwann tatsächlich von einem UFO entführt wird, findet Margo eine Gravitationspistole der Aliens und versucht sie als brave Amerikanerin in die Hände von verantwortlichen Wissenschaftlern zu bringen. Zwischendurch hüpft sie wie ein Flummi von einem Alphamännchen zum nächsten. Das wirkt auf mich leider nicht romantisch, sondern nur merkwürdig. Leiber zeigt ansonsten eher eine konservative Einstellung, Jugendliche und insbesondere Hippies sind ihm offenbar suspekt. Das war damals allerdings quer durchs Establishment so, auch in TV-Serien wie Bezaubernde Jeannie (1965-1970) und Hawaii Fünf-Null (1968-1980). Trotzdem vermochten mich die Erlebnisse dieser drei Figuren noch am meisten zu fesseln. Ich muss gestehen, dass ich ab der zweiten Hälfte die Erlebnisse der "Komparsen" oft nur noch quergelesen habe. Einige witzige Momente gab es trotzdem (z.B. die Reaktionen dreier zugekifften Kleinganoven). Am Ende wird übrigens noch schnell erklärt, was es mit dem wandernden Planeten auf sich hat (eigentlich eine Tautologie, denn "Planet" bedeutet "Wanderer"). Da wirft Leiber dann nur so mit etablierten SF-Begriffen um sich, vom Hyperraum über parallele Universen, Telepathie und Antigravitation bis zum überbevölkerten Kosmos, ohne eine schlüssige oder auch nur hinreichend interessante neue Idee zu präsentieren.
Schon 1964 gab es übrigens Anbiederungen an die SF-Fangemeinde wie zuletzt in Scalzis Redshirts und Jo Waltons Among Others. Bei Leiber sind es die Ufologen, die das Phänomen des Planeten aus dem Hyperraum anhand ihrer Genrekenntnisse korrekt beurteilen können und fleißig "Klassiker" von Heinlein bis "Doc" E.E. Smith zitieren. Ironischerweise spricht eine seiner Figuren aus, was leider für diesen Roman ganz besonders, aber beileibe nicht für das komplette Genre gilt: "Science Fiction ist so trivial wie alle künstlerischen Formen, die von Phänomenen statt von Menschen handeln." Wenn Leibers Figuren glaubwürdig und interessant wären, hätte man heute sicher noch Spaß an diesem ehrwürdigen Klassiker des Genres. Aus genannten Gründen bezweifle ich auch, dass mir Leibers Fantasy liegen würde. So liest man den Roman heute besser als Abenteuer, wenngleich eine bessere Ausarbeitung der Seifenoperelemente geholfen hätte, die viele der Katastrophenfilme der 70er so unfreiwillig unterhaltsam machten. Daher hier als Zugabe noch meine Amazon-Rezi für die DVD von Erdbeben (1974), die übrigens einige wütende Fan-Reaktionen nach sich zog:
Charlton Heston in einer Heldenrolle garantiert stets einen soliden Unterhaltungswert. Hier ist es eine Freude, ihn ziellos im sich auflösenden L.A. umherirren zu sehen. Es kracht und donnert, daß man jauchzen möchte, und Menschen sterben auf jede erdenkliche Art (bei Lorne Greene dauert's am längsten, bei Marjoe Gortner geht's trotz Karate-Kenntnissen am schnellsten). Aber Heston und Roundtree (Shaft!) berührt das alles nicht, sie lassen die Verletzten und Sterbenden links liegen und machen sich auf die Suche nach ihren Lieben. Und wer würde das nicht tun für Geneviève Bujold oder Victoria Principal? Nur um die arme Ava Gardner kümmert sich niemand. Trotzdem hält sie tapfer bis zum Schluß durch, um dann mit ihrem Ehemann den Bach runterzugehen. So ist denn auch der Ehebruch gesühnt, und alles wird gut... Man fragt sich, was wohl Mario Puzo (Der Pate) zum Drehbuch beigetragen haben mag. Aber wozu überhaupt Autoren - die Handlung hätte doch wohl jeder Studioboss zusammenpuzzeln können, oder? Meine Empfehlung ist, es mit Walter Matthau zu halten (unter Pseudonym aufgetreten zu sein, nimmt ihn nicht von der Schande der Mitwirkung an diesem Machwerk aus): Man halte sich an seinem Drink fest und versuche bloß nicht, irgend etwas ernst zu nehmen. Dann kann man sich an dieser Katastrophe durchaus mal zwei Stunden lang laben. Annehmbar (5/10).