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Samstag, 30. April 2016

SF-Klassiker #9: Wanderer im Universum ("The Wanderer", Fritz Leiber, 1964)

Fritz Leiber (1910 - 1992) war ab den 50ern bis in die 70er ein überaus beliebter, preisgekrönter Fantasy-Autor, der den Begriff "Sword & Sorcery" prägte und als einer der Urväter des Untergenres gilt, das auch heute noch vor allem durch Rollenspiele eine riesige Fangemeinde hat. Daneben schrieb er auch Science-Fiction. Für seinen ursprünglich in Fortsetzungen veröffentlichten Kurzroman The Big Time gewann er 1958 den vierten Hugo für den Besten Roman, bevor die Kurzformen als eigene Kategorien abgespalten wurden. Von der Grundidee her ist die Novelle eine leidlich unterhaltsame Variation von Isaac Asimovs The End of Eternity, allerdings mit einer recht wackligen Konstruktion und hanebüchenen Ideen. Auch sonst gibt es kaum Parallelen zwischen den beiden Autoren. Leiber, der in Chicago Philosophie-Studium abschloss, veröffentlichte auch Poesie, sein Sprachstil wirkt auf mich eher umständlich und ungenau, seine Ideen entspringen weniger einer wissenschaftlichen Haltung denn seiner kauzigen Weltsicht (er war auch Laienprediger). Das ist natürlich Geschmacksache. Seine anhand des Namens nahgeliegende Deutschstämmigkeit beweist er übrigens in etlichen (nicht immer grammatikalisch korrekten) deutschsprachigen Einwürfen und Zitaten.

1965 gewann Leiber für seinen längerer Roman The Wanderer erneut den Hugo (drei weitere Preise für kürzere Werke sollten folgen). Im Kern ist "Wanderer im Universum" ein Katastrophenroman. In einer nahen Zukunft, in der die Nationen der Erde bereits bemannte Missionen zu Mond und Mars geschickt haben, materialisiert plötzlich ein etwa erdgroßer Planet im Erdorbit. Die entstehenden Gezeitenkräfte lösen auf der Erde Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis von apokalyptischer Wucht aus. Leiber schildert die Katastrophe aus der Perspektive vieler über alle Welt verstreuter Figuren, von denen drei Hauptrollen spielen und zudem in einer Art Liebesdreieck verbunden sind.

Astronaut Don wird von den Ereignissen auf einer Mondstation überrascht, seine Freundin Margo und sein Wissenschaftskollege Paul treffen währenddessen auf eine Gruppe von UFO-Beobachtern, die eigentlich nur die anstehende Mondfinsternis zusammengeführt hat. Als Paul irgendwann tatsächlich von einem UFO entführt wird, findet Margo eine Gravitationspistole der Aliens und versucht sie als brave Amerikanerin in die Hände von verantwortlichen Wissenschaftlern zu bringen. Zwischendurch hüpft sie wie ein Flummi von einem Alphamännchen zum nächsten. Das wirkt auf mich leider nicht romantisch, sondern nur merkwürdig. Leiber zeigt ansonsten eher eine konservative Einstellung, Jugendliche und insbesondere Hippies sind ihm offenbar suspekt. Das war damals allerdings quer durchs Establishment so, auch in TV-Serien wie Bezaubernde Jeannie (1965-1970) und Hawaii Fünf-Null (1968-1980). Trotzdem vermochten mich die Erlebnisse dieser drei Figuren noch am meisten zu fesseln. Ich muss gestehen, dass ich ab der zweiten Hälfte die Erlebnisse der "Komparsen" oft nur noch quergelesen habe. Einige witzige Momente gab es trotzdem (z.B. die Reaktionen dreier zugekifften Kleinganoven). Am Ende wird übrigens noch schnell erklärt, was es mit dem wandernden Planeten auf sich hat (eigentlich eine Tautologie, denn "Planet" bedeutet "Wanderer"). Da wirft Leiber dann nur so mit etablierten SF-Begriffen um sich, vom Hyperraum über parallele Universen, Telepathie und Antigravitation bis zum überbevölkerten Kosmos, ohne eine schlüssige oder auch nur hinreichend interessante neue Idee zu präsentieren.

Schon 1964 gab es übrigens Anbiederungen an die SF-Fangemeinde wie zuletzt in Scalzis Redshirts und Jo Waltons Among Others. Bei Leiber sind es die Ufologen, die das Phänomen des Planeten aus dem Hyperraum anhand ihrer Genrekenntnisse korrekt beurteilen können und fleißig "Klassiker" von Heinlein bis "Doc" E.E. Smith zitieren. Ironischerweise spricht eine seiner Figuren aus, was leider für diesen Roman ganz besonders, aber beileibe nicht für das komplette Genre gilt: "Science Fiction ist so trivial wie alle künstlerischen Formen, die von Phänomenen statt von Menschen handeln." Wenn Leibers Figuren glaubwürdig und interessant wären, hätte man heute sicher noch Spaß an diesem ehrwürdigen Klassiker des Genres. Aus genannten Gründen bezweifle ich auch, dass mir Leibers Fantasy liegen würde. So liest man den Roman heute besser als Abenteuer, wenngleich eine bessere Ausarbeitung der Seifenoperelemente geholfen hätte, die viele der Katastrophenfilme der 70er so unfreiwillig unterhaltsam machten. Daher hier als Zugabe noch meine Amazon-Rezi für die DVD von Erdbeben (1974), die übrigens einige wütende Fan-Reaktionen nach sich zog:

Charlton Heston in einer Heldenrolle garantiert stets einen soliden Unterhaltungswert. Hier ist es eine Freude, ihn ziellos im sich auflösenden L.A. umherirren zu sehen. Es kracht und donnert, daß man jauchzen möchte, und Menschen sterben auf jede erdenkliche Art (bei Lorne Greene dauert's am längsten, bei Marjoe Gortner geht's trotz Karate-Kenntnissen am schnellsten). Aber Heston und Roundtree (Shaft!) berührt das alles nicht, sie lassen die Verletzten und Sterbenden links liegen und machen sich auf die Suche nach ihren Lieben. Und wer würde das nicht tun für Geneviève Bujold oder Victoria Principal? Nur um die arme Ava Gardner kümmert sich niemand. Trotzdem hält sie tapfer bis zum Schluß durch, um dann mit ihrem Ehemann den Bach runterzugehen. So ist denn auch der Ehebruch gesühnt, und alles wird gut... Man fragt sich, was wohl Mario Puzo (Der Pate) zum Drehbuch beigetragen haben mag. Aber wozu überhaupt Autoren - die Handlung hätte doch wohl jeder Studioboss zusammenpuzzeln können, oder? Meine Empfehlung ist, es mit Walter Matthau zu halten (unter Pseudonym aufgetreten zu sein, nimmt ihn nicht von der Schande der Mitwirkung an diesem Machwerk aus): Man halte sich an seinem Drink fest und versuche bloß nicht, irgend etwas ernst zu nehmen. Dann kann man sich an dieser Katastrophe durchaus mal zwei Stunden lang laben. Annehmbar (5/10).

Sonntag, 17. April 2016

Ich wär so gern wie du - Die Neuverfilmung des "Dschungelbuch" (8/10)

Wir Deutschen haben ein besonders inniges Verhältnis zu Disneys Dschungelbuch. Nach der Erstaufführung von 1967 wurde dieser letzte von Walt Disney persönlich überwachte Zeichentrickfilm in jeder Dekade neu in die Kinos gebracht und brachte jeweils (1979, 1987, 1994) noch Umsätze um die 30 Millionen DM ein. Fernsehausstrahlungen wurden nicht zugelassen, und erst die Veröffentlichung fürs Heimkino beendete diese Erfolgskette, mit unübertroffenen 27 Millionen verkaufter Tickets in deutschen Kinos. Daher hat es vielleicht nostalgische Gründe, dass diese Musikkomödie auch mein liebster Disneyfilm ist. Der Neuverfilmung sah ich daher eher skeptisch entgegen. Zu Unrecht...



Von Beginn an zog mich die dreidimensionale, offenbar komplett am Computer entstandene Welt des indischen Dschungels in ihren Bann. Sie ist ähnlich überwältigend wie zuvor nur James Camerons Avatar, Sam Raimis Die fantastische Welt von Oz und Ang Lees Schiffbruch mit Tiger. Natürlich ergeben sich schon durch die fotorealistische Darstellung (in der nur der 12jährige Indien-stämmige New Yorker Neel Sethi als Mowgli "echt" ist) tonale Unterschiede zur Vorlage (einen guten Eindruck verschafft der Trailer). Regisseur Jon Favreau (Iron Man, Kiss the Cook) und sein wenig erfahrener Drehbuchautor Justin Marks orientieren sich zwar hauptsächlich an Wolfgang Reithermans Zeichentrickvorlage und sind damit keinen Deut näher an Kiplings charmanten Fabeln, modernisieren aber einige Handlungselemente und verzichten weitgehend auf Musicalszenen. Einige der ikonischen Lieder sind trotzdem zu hören, und auch der Score des Fernsehkomponisten John Debney macht kräftig Gebrauch von den berühmten Melodien.



Probier's mal mit Gemütlichkeit
Der Star des Projekts ist eindeutig Bill Murray, der nach langer Zeit mal wieder zeigt, wie komisch er in der richtigen Rolle aufspielen kann. Sein Baloo, der Mowgli auszunutzen versucht und doch schnell seinem Charme erliegt, ist eine eigenständige, aber ähnlich unterhaltsame Interpretation des Bären, und Murray brummt mit Neel Sethi auch überzeugend von den Bare Necessities, wenngleich die Version von Phil Harris natürlich ein Klassiker bleibt.


Ich wär gern wie du
Christopher Walken lässt in seinen Filmen ja keine Gelegenheit aus, eine coole Sohle aufs Parkett zu legen (siehe etwa Hairspray). Sein Orang-Utan King Louie erreicht bei Favreau fast King-Kong-Dimensionen und ist entsprechend täppisch, sein I Wanna be like you ist aber ähnlich beschwingt wie die Version von Jazz-Trompeter Louis Prima. Der 73jährige Oscar-Gewinner (Die durch die Hölle gehen) strahlt aber auch Bedrohlichkeit aus, er war schließlich auch schon Bond-Bösewicht und bei Tarantino zu Gast.


Hör auf mich
Keine Überraschung ist es, wie wunderbar Scarlett Johansson die Python Kaa spricht. Bei ihrer Verführung Mowglis kommt der Raumklang besonders gut zur Geltung, wenn ihre Stimme an verschiedenen Ecken des Kinos erklingt. Erst im Abspann darf sie dann das schöne, in den 60ern von Sterling Halloway eher gesäuselte Lied interpretieren. Es ist der musikalische Höhepunkt des Films. Scarlett ist schließlich nebenberuflich schon länger als Sängerin unterwegs (auch wenn mir ihre Tom-Waits-Interpretationen nicht so zusagen).



Man stelle sich einmal vor, der Tiger in Life of Pi hätte angefangen zu sprechen - es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Der Panther Baghira (Sir Ben Kingsley) hat mich am wenigsten überzeugt, die Wölfe (darunter die Oscar-Gewinnerin für 12 Years a Slave, Lupita Nyong'o) waren unauffällig, dafür war Idris Elba als Tiger Shere Khan stark, wenngleich ich hier der Animation ein wenig mehr Mut zur Entstellung des gebrandmarkten  Raubtiers gewünscht hätte. Putzig ist all das eingestreute Kleintier, sei es das vom Regisseur selbst gesprochene Zwergschwein oder Sam Raimis Rieseneichhörnchen. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass bei der Synchronisation ins Deutsche einige Feinheiten verloren gegangen sind. Einen interessanten Einblick gibt dieser Hintergrundbericht.



Tatsächlich hat Disney hier mit ähnlicher Vorgehensweise wie bei Star Wars ein neues Franchise erschlossen. Eine Fortsetzung ist bereits beschlossen. Dabei tut mir Andy Serkis leid, der für Warner Bros. gerade eine weitere Realverfilmung des Stoffes vollendet, mit Benedict Cumberbatch als Shere Khan und Christian Bale als Baghira, die erst 2018 ins Kino kommen wird und sich allein schon aus rechtlichen Gründen eher am Buch orientieren wird. Disney hat sich schließlich viele Freiheiten genommen - in Kiplings Geschichten sind die Rollen von Baloo und Baghira fast vertauscht, Mowgli hat viel früher Kontakt zu Menschen und wehrt sich auch frühzeitig mit Feuer gegen Shere Khan. Aber der Großmeister der Motion-Capture-Technik wird es schwer haben, gegen Jon Favreaus Konkurrenz zu bestehen. Alles in allem kommt dieses Remake also nicht ans Original heran, bereitet die Geschichte aber gekonnt für die Teenager von heute auf. Für kleinere Kinder ist die Neufassung wohl weniger geeignet. Sehr gut (8/10).

Samstag, 2. April 2016

Gruppenprügelei mit Dame - Batman v Superman: Dawn of Justice (5/10)

Wenn man bei einem Feuerwerk alle Raketen gleichzeitig zündet, muss man sich nicht wundern, wenn das Ergebnis nur durchwachsene Kritiken erntet. In Batman v Superman wird nicht nur Regisseur Zack Snyders Mangel an Subtilität deutlich. Nach Man of Steel zeigt er auch hier überdeutlich, dass er kein Geschichtenerzähler ist und seine Projekte weder mit einem durchgängigen Ton noch einer rudimentären Handlungslogik ausstatten kann, geschweige denn mit stimmigen Figuren. Den Titelzusatz "Dawn of Justice" sollte man ehrlicherweise mit "Ein Vorgeschmack auf kommende DC-Verfilmungen" übersetzen. Viele Fans und Kritiker betrachten Batman v Superman daher als den längsten (und mit 250 Millionen Dollar sicher auch teuersten) Trailer der Filmgeschichte. 150 Minuten Einstimmung auf die kommenden League-Of-Justice-Filme frustrieren auch die hartgesottensten Fans, die nun auf eine Ablösung des Regisseurs für die Fortsetzungen drängen. Besonders lesenswert: die fünf Tips des Hollywood-Reporter.



Dabei gibt es durchaus auch Gutes zu berichten. Da ist zunächst Ben Affleck als bereits fünfter Kino-Batman in 25 Jahren. Der 43jährige macht nicht nur durch seine sicher unter Qualen antrainierten Muskeln eine gute Figur, sein ausdrucksarmes Gesicht vermag den Schwermut und die Todessehnsucht des einsamen Rächers auch überzeugend zu vermitteln. Seine Besetzung löste im Vorfeld bereits einen beispiellosen Shitstorm aus, doch nun ist er klarer Gewinner des Projekts, das trotz aller Klagen innerhalb einer Woche weltweit bereits über 500 Millionen Dollar eingespielt hat. Da kann er es sich leisten, bei Interviews Zurückhaltung zu üben, denn der Spott ist inzwischen in Sympathie umgeschlagen: The Sounds of Silence (unbedingt bis zum Ende schauen!) Seine Gedanken über den Film darf er natürlich nicht äußern, vielleicht trauert er aber auch einfach seinen Jennifers hinterher...



Mit Afflecks Co-Star Henry Cavill bin ich immer noch nicht warm geworden. Sein in Stein gemeisseltes Gesicht vermag bei mir keine Empathie zu wecken, und mir fehlt insbesondere die selbstironische Seite des Clark Kent, die Christopher Reeves Darstellung so einmalig machte. Da hat mir selbst Brandon Routh noch besser gefallen, der übrigens inzwischen einen Gang zurückgeschaltet hat und im Fernsehen als Atom (DCs Ant-Man) auftritt (und immer noch gern seinen eindrucksvollen nackten Oberkörper zur Schau stellt). Düsterheit widerspricht einfach dem Konzept von Superman.



Das muss wohl auch Jesse Eisenberg erkannt haben. Sein Lex Luthor spaltet zwar die Zuschauerreaktionen, für mich ist dies aber die einzige Hauptfigur, an der ich Spaß hatte. Ich verstehe, dass seine Manierismen manche nerven können, aber der 32jährige Jungstar schöpft hier einen Bösewicht, der nur leicht verwandt ist mit seinem Zuckerberg-Porträt in The Social Network und dem magischen Con-Artist aus Die Unfassbaren. Sein Lex Luthor ist nicht so albern wie der von Gene Hackman und nicht so oberflächlich wie der von Kevin Spacey. Leider gönnt ihm das Drehbuch keinen nachvollziehbaren Handlungsbogen, und so erreicht seine Darstellung nicht die gleiche Klasse wie Heath Ledgers unnachahmlicher Joker.



Über den Rest des Ensembles breiten wir gnädig den Mantel des Schweigens. Jeremy Irons als Alfred darf immerhin ein paar gute Sprüche von sich geben. Unfassbar dagegen, welchen Unsinn Diane Lane und Kevin Costner als Clarks Eltern von sich geben müssen - hoffentlich sind sie finanziell entsprechend entschädigt worden. Amy Adams als Lois Lane ist ähnlich verschenkt wie im Man of Steel, Holly Hunter als nuschelnde Senatorin wirkt vollends deplaziert (und was sollte das mit dem Pfirsichtee?) Ohnehin gibt es nur noch eine Frauenfigur, die die Fanherzen im Vorfeld höher schlagen ließ. Hat sich das Warten auf Gadot gelohnt? Ich muss zugeben, dass die spärlichen Auftritte von Gal Gadot als Diana Prince aka Wonder Woman supercool waren, allerdings genauso fragmentiert wie der Rest der Geschichte. Und ich könnte schwören (allerdings nicht belegen), in einem Trailer mehr von der abgebrochen wirkenden Szene im Flugzeug (der Turkish Airlines) gesehen zu haben als im fertigen Film. Bei der allgemeinen Inkompetenz der Mitwirkenden könnte das durchaus sein. Immerhin stach das von perkussiven Streichern bestimmte Wonder-Woman-Thema aus dem dröhnenden Soundbrei heraus, der vom Kitschpapst Hans Zimmer und einer Entität namens Junkie XL stammt.



Dank Ben Affleck, Jesse Eisenberg und Gal Godot bietet Batman v Superman immerhin etwas mehr Unterhaltungswert als der Mann aus Stahl. Vielleicht habe ich auch nur die romantische Komponente übersehen, die dieser Trailer unterstreicht. Annehmbar (5/10).