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Samstag, 17. Juni 2017

Göttlich: Wonder Woman (10/10)

Es stellt sich heraus, dass im Kinosaal doch Männer zugelassen sind. Und niemand sonst ist im Wonder-Woman-Kostüm erschienen. Aber Spaß beiseite: Anlässlich der Reaktionen einiger junger Männer in meiner Sitzreihe wünschte ich mir, man müsste beim Einlass eine Mindestreife nachweisen. Dieses Mosern bei  Knutschszenen kenne ich von Zwölfjährigen, aber ab 20 sollte diese Phase vorbei sein. Scheinbar nicht, wie auch viele IMDB-Kommentare junger Männer zeigen, die wohl besser mit Fließband-Action à la Die Mumie versorgt wären. Die kennen die Physiologie von Wonder Woman so genau wie den Transporter der Enterprise, und erläutern wissenschaftlich genau, dass Diana Prince in dieser und jener Szene eigentlich hätte sterben müssen, so wie sie auch die exakte Entfernung kennen, ab welcher Beamen nicht mehr möglich ist, weil dann der Partikelstrahl seine Kohärenz verliert. Obwohl ich es eigentlich müde bin, hier eine kleine Gegenrede: Gene Roddenberry hat das Beamen nur erfunden, weil Shuttle-Flüge im Budget nicht drin waren, und die Stärke von Wonder Woman kommt von Innen und ist nicht durch physikalische Gesetze bestimmt, sondern nur durch die Kraft ihres Selbstbewusstseins.



Darüber hinaus zeigt sich, dass die Gerüchteküche Hollywood immer mehr zur Schmähküche wird. Im Vorfeld hieß es, die Produktion sei in Schwierigkeiten und die Regisseurin Patty Jenkins überfordert (die immerhin vor 14 Jahren mit ihrem brillanten Mörderporträt Monster Charlize Theron zu ihrem Oscar führte). Tatsächlich kommt nun ein Cut in die Kinos, der fast genau ihrem Rohentwurf entspricht, und nach dem ersten Sehen kann ich nicht erkennen, wie man diese Fassung übertreffen könnte. Selten bietet das moderne Kino 140 solch kurzweilige Minuten, für mich die besten seit Scorseses Wolf of Wall Street. Komponist Rupert Gregson-Williams steigert mit seiner Musik die Spannung, indem er uns das inzwischen berühmte, nur aus sechs Tönen bestehende Motiv (von Hans Zimmer) möglichst lange vorenthält. Nur der Vorteil einer 3D-Version hat sich mir nicht erschlossen, aber sei's drum. Im Heimkino wird ohnehin die UHD-Version trumpfen.



Wonder Woman ist alles, was ich mir von einem Superheldenfilm erhoffen könnte, und mehr. Dass eine Frau im Mittelpunkt steht, ist dabei fast nebensächlich. Es wird so manches Klischee auf den Kopf gestellt. Während herkömmliche Origin-Geschichten die Entwicklung eines Menschen zum Superhelden beschreiben, findet hier eine Heldin ihre Bestimmung als Mensch. Regisseurin Patty Jenkins erzählt das in einer perfekten Balance zwischen Mythologie und Realität. Klar gibt es da Amazonen, Götter gar, Wunderwaffen und übermenschliche Stunts, und doch ist die Handlung fest in der Zeit zu Ende des Ersten Weltkrieges verwurzelt, dessen Schrecken hier ganz und gar nicht verharmlost werden. Vor diesem historischen Hintergrund muss Diana Prince lernen, das das Besiegen eines einzelnen Übeltäters einen solchen Krieg nicht beenden kann. Was bin ich dankbar, dass die Autoren die Handlungszeit entgegen den Comicvorlagen vorverlegt haben, denn gegen Nazis haben Superhelden schon oft genug gekämpft (und der Erste Weltkrieg hatte keinen zentralen Bösewicht). Den IMDB-Trollen, denen diese Verfilmung "nicht amerikanisch genug" ist, kann ich nur entgegnen, dass wir schon bei Captain America eine Überdosis amerikanischen Patriotismus zu ertragen hatten.



Während man in Batman vs. Superman Gal Gadots Potential in dieser ikonischen Rolle nur erahnen konnte, zeigt sie in ihrem eigenen Film eine Oscar-reife Leistung. Sie hat eine atemberaubende physische Präsenz in den Actionszenen, komisches Timing insbesondere in ihrem Zusammenspiel mit Chris Pine, und erdet ihre Figur gleichzeitig mit glaubwürdigen Emotionen. Chris Hemsworth hat per Twitter bereits zugegeben, dass sie seinem Thor jederzeit den Hintern versohlen könnte. Die 32jährige Israelin hat das notwendige exotische Aussehen, aber ihr nimmt man auch die Unschuld einer behütet aufgewachsenen Frau ab, die in Steve Trevor zum ersten Mal in ihrem Leben einem Mann begegnet. Dabei gleitet sie nie in Naivität oder albernen Slapstick ab und überzeugt auch in potentiell kitschigen Situationen, von ihrer Begeisterung über ein Kind in London bis zur Erschütterung über die Flüchtlingsströme in Belgien.



Nach seinen jämmerlichen Auftritten im Star-Drek-Reboot hätte ich nicht gedacht, dass ich Chris Pine noch einmal loben würde. Dabei hat er mir zu Anfang als Captain Kirk durchaus gefallen. Aber seit der inzwischen 36jährige in Star Trek: Into Darkness vergeblich versuchte, die Gravitas des 50jährigen Shatners zu imitieren, hatte ich ihn aufgegeben. Vielleicht wird er aber nur regelmäßig fehlbesetzt, worin im Falle des Oscar-nominerten Hell or High Water viele Kritiker mit mir übereinstimmten. Als amerikanischer Soldat, der im Auftrag des britischen Geheimdienstes den Machenschaften eines deutschen Generals auf die Schliche kommt und bei der Flucht eine Bruchlandung bei den Amazonen macht, kommen ihm jedenfalls sein spitzbübiger Charme und sein überdurchschnittliches Aussehen 😏 gelegen. Herrlich auch sein überdrehter "deutscher" Akzent, der hollywood-üblich untertitelte deutschsprachige Dialoge ersetzt.



Auch in den Nebenrollen können fein ausgewählte Asse trumpfen. "Prof. Lupin" David Thewlis als britischer General zeigt unerwartete Widerhaken, Angelicas weniger berühmter Halbbruder Danny Huston ist passend perfide als sein deutsche Gegenspieler von Ludendorff. Ihm zur Seite steht die aparte, hier mit entstelltem Gesicht kaum erkennbare Spanierin Elena Anaya (aus Julio Medems herausragendem erotischen Kammerspiel Room in Rome) als besessene Wissenschaftlerin. Bei den Amazonen bleibt Connie Nielsen als Dianas Mutter Hippolyta ein wenig blass (die Dänin ist wohl nicht verwandt mit ihrer Landsfrau Brigitte aka Red Sonja), was allerdings Robin Wright als Schwester und Generälin der Königin wieder gutmacht. Der 51jährige House of Cards-Superstar hat an der Fitness wohl hart gearbeitet und geht die martialische Lehrerrolle mit sichtlicher Freude an.



Bleibt noch Steves Howling Commando zu erwähnen - oops, falscher Comic-Verlag. Aber wirklich: dort Steve Rogers, hier Steve Trevor - wer hat von wem abgeschrieben? Vom Schild mal ganz zu schweigen - kann es sein, dass Wonder-Woman-Erfinder William Moulton Marston bereits 1942 die Standards absichtlich umkehrte? Jedenfalls haben wir auf den Trupp bereits letztes Jahr einen Blick erhaschen können, auf jener berühmten, von Bruce Wayne entdeckten Daguerreotypie, und trotz kurzer Auftritte bleiben die Herren durchaus im Gedächtnis, Als da wären: der kanadische Blackfoot-Indianer und hauptberufliche Stuntman Eugene Brave Rock als Chief, der sangeslustige Schotte Ewen Bremner ("Spud" aus Trainspotting) als tattriger Scharfschütze Charlie und der Franco-Marokkaner Saïd Taghmaoui (La Haine) als wortgewandter Schmuggler Sameer.



Der (tatsächlich alleinige) Drehbuchautor Allan Heinberg war  zuvor laut IMDB ausschließlich fürs Fernsehen tätig, allerdings in hochkarätigen, oft frauenzentrierten Serien wie Gilmore Girls oder Sex and the City. Er hat aus dem reichhaltigen Comicfundus mit Input von Zack Snyder und Jason Fuchs (Ice Age 4 - wtf?) eine geradlinige Geschichte gewoben, die für den Zuschauer eine wunderbare Reise bereithält, ohne die Düsternis vielgelobter Vorgänger (The Dark Knight), die künstliche Kompliziertheit der bisherigen Justice-League-Filme und die Selbstzweifel praktisch aller übrigen Comicverfilmungen. Wonder Woman macht mindestens so viel Spaß wie die beiden Guardians-Filme, hat für mich aber mehr Resonanz und könnte sich über die Jahrzehnte ähnlichen Kultstatus verdienen wie etwa Star Wars oder Der Herr der Ringe. James Gunn hat bereits sein Lob ausgesprochen, genauso wie Joss Whedeon (" a goddam delight"), der nicht nur mit Buffy die prägende weibliche TV-Heldin schlechthin erfunden hat, sondern vor Jahren (vor den Avengers) auch mit einem eigenen, wohl recht eigenwilligen Wonder-Woman-Script hausieren ging. Jetzt ist er gerade von Marvel zu DC übergelaufen, und schon setzt Patty Jenkins hohe Hürden für sein kommendes Batgirl-Projekt (da Zack Snyder wegen einer familiären Tragödie indisponiert ist, hat Whedon auch weitreichende Änderungen und Nachdrehs für das im November kommende Justice-League-Spektakel verantwortet). Wenn selbst für einen ollen Zyniker wie mich ein Film so packend und emotional aufwühlend ist, kann ich nur das tun, wofür ich mich noch bei keinem Superhelden-Film aufraffen konnte (nicht mal bei meinen Lieblingen, X-Men 2+4, Avengers 1+2, Guardians 1+2): Ich vergebe die (gemäß meiner bescheidenen Meinung) für Meisterwerke reservierte Höchstnote (10/10).

Samstag, 10. Juni 2017

Witzloses Reboot: Die Mumie (3/10)

Nach mehreren Beiträgen zu "Prequels, Sequels, Squeakles" nun endlich wieder etwas aus der Reihe "Remakes, Reboots, Retreads": Die Mumie. Mutig: Nicht "Die Mumie beginnt" oder "Nick gegen die Mumie: Dämmerung im Dunklen Universum". Einfach nur "Die Mumie", als ob es das noch nie gegeben hätte.



Mit einem fatalen Startdatum zwischen Guardians und Wonder Woman wurde es kaum beworben, und doch haben es einige gemerkt (das Kino war zur Premiere fast halb gefüllt): Ethan Hunt Jack Reacher Tom Cruise hat zur Abwechslung mal wieder einen Action-Film gedreht. So aus den Augenwinkeln hatte ich irgendwas gelesen von Stunts in Schwerelosigkeit, und gleich an Mission: Impossible 6 gedacht. Die kommt zwar auch noch (nächstes Jahr), aber nein, Tom Cruise ist für Die Mumie zum Mars geflogen (na ja, bis in einen niedrigen Orbit). Passt ja auch gut zum alten Ägypten. Mitgeflogen ist als Jenny Halsey die 33jährige Annabelle Wallis ("Grace Burgess" aus Peaky Blinders), denn der bald 55jährige ehemalige Actionstar hat ein Auge für farblose Jungdarstellerinnen. Immerhin kann die athletische Blondine attraktiv rennen. Trotzdem entwickelt sich keine Chemie zwischen den beiden, weder im Flugzeug noch sonstwo (die Null-G-Szenen sind übrigens komplett als "noch mehr Action" an mir vorbeigeflogen). Dann gibt's noch eine Unterwasser-Sequenz, die wahrscheinlich aus übriggebliebenem Material aus MI:5 zusammengeschnitten wurde. Kann man alles (und ich meine ALLES) bereits im Trailer sehen.



Die Geschichte beginnt, ziemlich geschmacklos, im Irak, wo IS-Krieger antike Statuen zerschießen, bis die Söldner-Soldaten Nick (Tom Cruise) und Chris (Jake Johnson) ihnen zeigen, wie das geht, und einen Luftschlag per Drohne anfordern. Die Explosion fordert zufällig keine zivilen Opfer, sondern legt ein 5.000 Jahre altes ägyptisches Grab frei - oder ist es ein Gefängnis? (fragt die hinzukommende Jenny). Wer im Vorspann aufgepasst hat (denn bevor die Geschichte begann, gab es den üblichen Vorspann), weiss nun, dass es sich um die Prinzessin Ahmanet handelt, gut erhalten für ihr Alter, aber doch etwas bulimisch löchrig wirkend. Dass auch alle aufpassen, dafür hat ganz am Anfang das Voiceover von Russell Crowe gesorgt, der als geheimnisvoller Henry in London eine Grabesstätte für Kreuzritter entdeckt. Was diese mit einer in Mesopotamien verbuddelten ägyptischen Mumie zu tun haben, sorgt für das einzige Spannungsmoment, bleibt aber bis zum Schluss ungeklärt (wo bleibt Robert Langdon, wenn man ihn braucht?)



Jetzt kommt das genannte Flugzeug ins Spiel, denn irgendwie müssen die Protagonisten von Irak nach England und endlich ins Computer-animierte London kommen. Dort gibt es eine Reihe von Showdowns: In Waverley Abbey in Surrey kämpft man gegen Skelette, im Naturkundemuseum gegen noch mehr Skelette, und im Prodigium gibt es Pandemonium. Ab jetzt beginnen echte Spoiler! Oder auch nicht, konnte man alles schon vorher den Trailern und Werbeartikeln entnehmen.



Jedenfalls, das Prodigium ist offenbar die Schaltzentrale von Dr. Henry Jekyll, Monsterjäger und auch ohne Augenklappe ein offensichtlicher Klon von Nick Fury (der Name Nick war halt schon besetzt). Aber Russell Crowe ist nicht Samuel L. Jackson, trotz Oscar-Ehren und Klugscheisserbrille (die er zur Transformation in Mr. Hyde dann abnimmt - überraschend wiederum nur für Leute, die noch nie was von Stevensons Roman gehört haben). Dafür bekommt er den größten Lacher des Films, als er Tom Cruise als "junger Mann" anspricht. Tatsächlich ist der Gladiator mit dem Schönen Verstand zwei Jahre jünger als das Stuntwunder mit den geweissten Zähnen. Trotz dessen gut geöltem Oberkörper ist es weit hergeholt, dass Ahmanet den hübschen ägyptischen Jüngling aus dem Vorspann durch diesen ollen Scientology-Priester ersetzen will - auch wenn sein Gebiss noch gut erhalten ist. Zurück zum Prodigium - das wirkt mehr wie ein Provisorium mit Sicherheitstüren und allem Pipapo, allerdings gefüllt mit zerbrechlichen Glasvitrinen, damit es bei der Prügelei zwischen Nick und Henry ordentlich scheppert. Die Inhalte (Überbleibsel von Vampiren, Werwölfen etc.) rauschen am Zuschauer allerdings ähnlich schnell vorbei wie die Videoclips zu Aquaman, The Flash etc. in Batman vs. Superman.



Für alle, die dieser komplizierten Geschichte nicht folgen können, gibt es weitere Erklärungen von Russell Crowe, der sich beste Mühe gibt, Morgan Freeman den Rang abzusprechen. Hinzu kommt nun Chris, inzwischen zum Zombie mutiert (lange, langweilige Geschichte), der seinen Kumpel Nick immer wieder mit guten Ratschlägen heimsucht ("Tu was sie sagt, sie ist mächtig!"). Nichts gegen den Komiker Jake Johnson, der als "Nick" (schon wieder ein Nick? Wen wollt Ihr hier verwirren?) in der Sitcom New Girl an der Seite von Zooey Deschanel schlumpfig-spaßig agiert (es war sein peinlicher Kumpel "Schmidt", den ich nach einer Saison nicht mehr ertragen konnte).



Vor dem Mumifizieren werden der Leiche zunächst alle Organe entnommen (das Gehirn durch die Nase - argh). Leider ist dies ein gutes Bild für die Entstehung dieses Films. Regisseur Alex Kurtzman ist bestimmt ein netter Mensch, und hat sich als Autor der Genreshows Xena, Alias, und Fringe einen Namen gemacht, bevor er als "Schöpfer" von Sleepy Hollow (das immerhin eine tolle erste Staffel hatte), dem Reboot von Hawaii Five-0 und der neuen, nun endgültig noch für dieses Jahr erwarteten neuen Star-Trek-Serie Discovery zum Produzenten aufstieg. Nebenbei trug er zu mehr oder minder erfolgreichen Kinodrehbücher bei, so zu den Star-Trek-Reboots, Transformers und The Amazing Spider Man 2 (offenbar leidet er an Sequelphilia). Als Regisseur hat er aber bisher nur das nette, mit u.a. Chris Pine und Michelle Pfeiffer toll besetzte Comedy-Drama Zeit zu leben auf seinem Resümee, und mit diesem teuren Action-Spektakel hat er sich kräftig überhoben. Für das Studio war er ohnehin nur die dritte Wahl, nach u.a. Underworld-Regisseur Len Wiseman. Zusätzlich ist er als einer von sechs Autoren genannt, übrigens ohne seinen langjährigen Schreibpartner Roberto Orci.



Warum gerade die Mumie? Für meine jüngeren Leser muss ich jetzt ein wenig weiter ausholen. Das Studio Universal veröffentlichte in den 30er und 40er Jahren eine Reihe überaus erfolgreicher und auch heute noch sehenswerter Horrorfilme, darunter Dracula mit Bela Lugosi (1931), Der Wolfsmensch mit Lon Chaney Jr. (1941), James Whales Meisterwerke Frankenstein (1931) und Frankensteins Braut (1935) mit Boris Karloff als Monster, und eben Die Mumie (1931) mit erneut Karloff als Imhotep (und sein kaum weniger geheimnisvoller Widersacher). Das waren von den deutschen Expressionisten beeinflusste Kammerspiele in Schwarzweiss, mit wenig Action und umso mehr Atmosphäre. Als Mumie war Karloff, mithilfe eines damals bahnbrechenden Makeups, eine absolut magnetische Erscheinung. Die Geschichte des Schamanen Imhotep, der sich in die Frau des Pharaos verliebt und darum alles verliert, war wie alle guten Monstergeschichten im Kern eine Tragödie. Ist es wirklich eine gute Idee, diese Monster und/oder ihre Jäger nun zu Helden eines Dunklen Universums zu machen? Und ist es redlich, aus Whales' von vielen (nicht mir: ich mag beide, ziehe aber den ersten vor) als überlegen angesehenen Frankenstein-Fortsetzung den Spruch "To a new world of gods and monsters"zu zitieren, nachdem dieser bereits für Bill Condons bewegende Biographie seiner letzten Jahre Pate stand: Gods and Monsters mit Ian McKellen als James Whale und Brendan Fraser (s.u.) als seine (erfundene) letzte Liebe?



Warum gerade die Mumie? Ich bin gar nicht orientiert, ob die Flops Dracula Untold (2014, mit Luke Evans) und Wolfman (2010, mit Benicio Del Toro) schon dazugehören oder erneut neu erfunden werden sollen, aber rein von der "Mumie" ausgehend, scheint mir das Franchise-Projekt bereits in den Anfängen gescheitert. Und: Während Marvel weitgehend unbekannte oder zumindest überraschende Darsteller für seine Helden gefunden hat, versucht Universal Zuschauer mit abgehalfterten Altstars zu ködern (neben Russell Crowe und Tom Cruise sind u.a. Johnny Depp als der "unsichtbare Mann" und Angelina Jolie als Frankensteins Braut angekündigt). Einen Mumienfilm, bei dem die Titelfigur zur Staffage wird, halte ich jedenfalls für sinnlos. Dabei hat man mit Sofia Boutella eine elektrisierende Darstellerin gefunden, die in wenigen Minuten eine emotionale Bindung zum Zuschauer aufbauen kann, obwohl ihre Figur dazu nicht gerade einlädt. Anders als Imhotep handelt die Pharao-Tochter Ahmanat nämlich nicht aus Liebe, sondern rein aus Geltungssucht. Sie will den Thron erben und dreht durch, als ihre Stiefmutter dem Pharao doch noch einen Sohn gebärt. Keine Tragik, kein Mitleid - eigentlich, denn: Sofia Boutella. Man sieht hier zwar auch nicht viel mehr von ihren Beinen als in Kingsman, dafür hat sie neckische Tattoos und zwei (2!) Pupillen pro Auge.



Warum gerade die Mumie? Da gab es doch schon was um die Jahrhundertwende? Ja, und zwar Actionspektakel mit Brendan Fraser und Rachel Weisz, in der, wenn nicht Stein-, dann zumindest Bronzezeit der CGI-Effekten. Der erste Teil (1999) und seine Fortsetzung (2001) waren Überraschungshits, der dritte Teil 2008 dann ein müder Nachgedanke. Dazwischen gab es Spinoffs um eine Nebenfigur von Die Mumie kehrt zurück, nämlich den "Scorpion King". Wäre jetzt nicht weiter erwähnenswert, wenn der Hauptdarsteller nicht inzwischen der größte Boxoffice-Star Amerikas geworden wäre: Dwayne Johnson, damals noch mit seinem Wrestling-Alias "The Rock" angekündigt. Jedenfalls sind trotz veralteter Effekte die Originalfilme auch heute noch sehenswert (die sich übrigens ebenfalls am Imhotep-Mythos anlehnten, mit einem gut passenden Arnold Vosloo als Mumie). Ihren Charme beziehen sie nicht zuletzt aus der Handlungszeit zwischen den Weltkriegen. Zur DVD-Veröffentlichung notierte ich (Regisseur war Stephen Sommers, von dem man nach dem lachhaften Van Helsing von 2004 mit Hugh Jackman nicht mehr viel gehört hat):

Schon wieder habe ich keinen Regisseur parat - macht nix bei diesem Film. Ausschlaggebend waren wohl mehr ein gutes Buch, sympathische Hauptdarsteller und tolle Tricks aus dem Computer (aber filmdienlich, nicht als Selbstzweck). Beinahe wäre ich nicht in den Genuß gekommen, weil der Film als Horror verpackt war. Reingelegt - es war eine waschechte Komödie mit Thrillerelementen. Eine sehr positive Überraschung. Tut mir leid, wenn ich nicht gezittert habe, aber dafür hatte der Bösewicht zu viel Ausstrahlung, und an die menschenfressenden Käfer habe ich auch nicht geglaubt. Mal eine Neuverfilmung, die sich gelohnt hat (8/10).



Und zur direkten Fortsetzung:

Als 1999 "Die Mumie" in den Kinos anlief, war sie zwar überraschend erfolgreich, galt jedoch mit ihren eindrucksvollen digitalen Effekten eher als Generalprobe für George Lucas' erste Sternenwahn-Episode. Nur zwei Jahre später werden wir mit ähnlich aufwendigen Werken geradezu überrannt: "Jurassic Park III", "Tomb Raider", "Pearl Harbor", "Herr der Ringe", "Harry Potter" - all diese Projekte wurden erst durch die rasante Entwicklung der Computer-Technik möglich. Trotzdem ist das ganze immer noch ziemlich teuer - so muß man befürchten, daß nicht genug Geld für Drehbuchautoren übrig blieb. Jedenfalls erweckt "Die Mumie kehrt zurück" eher den Eindruck, da habe jemand die Geschichte des ersten Films in einen elektronischen Drehbuchgenerator gespeist und als Vorgaben "größer, unwahrscheinlicher, mehr von allem" hinzugefügt. Also wurden der Originalmumie Imhotep eine sadistische Gespielin und mit dem Scorpion-König ein weiterer finsterer Bösewicht zur Seite gestellt, letzterer bereits im Bewußtsein, gut für ein Prequel geeignet zu sein. Ansonsten haben die O'Connells aus Gründen der Familientauglichkeit inzwischen einen Sohn, der ähnlich unbefangen wie seine Eltern zwischen Spinnweben, Untoten und Giftschlangen zu Hause ist.

Wer den ersten Teil übrigens verpaßt hat, dem muß man erklären, daß es sich hier keineswegs um Horror handelt. Vielmehr sollte man eine (etwas alberne) Komödie mit eindrucksvoll inszenierten Kampfszenen, phantasievollen Kulissen und mäßiger Spannung erwarten. Dieses Rezept funktioniert auch beim zweiten Mal recht gut, wenngleich ich beim ersten Teil mehr Spaß hatte. Die Gags wirken etwas müde dargeboten, wofür aber einige nette Einfälle entschädigen (am besten die Enterprise-förmige Silhouette des Luftschiffes, die sich wie dereinst E.T. vor dem Vollmond abzeichnet). Natürlich werden zu keiner Zeit Atmosphäre, Spannung oder der trockene Humor etwa der Indiana-Jones-Trilogie erreicht. Insgesamt entfalten die Effekte aber ihre kurzweilige Wirkung, so daß ich das ganze als ordentliches Popcorn-Kino empfehlen kann (6/10).




Warum also jetzt erneut Die Mumie? Keine Ahnung! Noch zu erwähnen: Die 3D-Präsentation war eher schmerzhaft, die Musik vorhersehbar uninteressant. Selten allerdings, dass im Abspann soviele Darsteller als "Undead" aufgelistet werden. Das waren wohl all die Skelette, die Nick und Kumpane verkloppt haben. Warum noch drei Sterne? Ich mag halt Nutella. Mäßig interessant (3/10).

Nächste Woche: Wonder Woman! Freue mich schon ganz doll drauf, bin allerdings noch unschlüssig wegen meiner Kleiderwahl - ich habe gehört, da dürfen nur Frauen rein! Kilt oder Niquab?

Montag, 5. Juni 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Kurzgeschichten

Wieder (fast) nur Frauen, (fast) nur Fantasy. Trotzdem ein nicht übler bunter Strauß.

(6) “An Unimaginable Light”, by John C. Wright

John C. Wright lese ich nicht mehr, seit der Schwemme von 2015. Trifft sich gut, dass seine Geschichte der Voters Package auch nicht im Kindle-gerechten Format beilag.

(5) “Our Talons Can Crush Galaxies”, by Brooke Bolander

Brooke Bolander mag ich auch nicht besonders, ihre Prosa ist mir zu negativ. Diese Rachegeschichte eines misshandelten Engels ist immerhin die kürzeste in der diesjährigen Auswahl.

(No Award)

(4) “A Fist of Permutations in Lightning and Wildflowers”, by Alyssa Wong

Der zweite diesjährige Beitrag von Alyssa Wong ist eine stilistisch brillante Allegorie auf eine junge Frau, die mit dem Tod ihrer Schwester zurechtkommen muss.

(3) “The City Born Great”, by N. K. Jemisin

Die Stadt ist New York, und die frischgebackene Hugo-Gewinnerin aus Brooklyn erzählt von einem hispanischen Straßenjungen, der als Geburtshelfer die Lieblingsstadt der Autorin zum Leben erweckt. Diese wird damit in die Gesellschaft solch ehrwürdiger Geschwister wie Mexico City und Paris aufgenommen. Ob Los Angeles diesen Schritt auf schaffen wird?

(2) “Seasons of Glass and Iron”, by Amal El-Mohtar

Die Kanadierin Amal El-Mohtar baut aus dem "Glashügel" und den "eisernen Schuhen" ihr eigenes Märchen zusammen, mit einer klugen Botschaft und einer anrührenden Frauenfreundschaft. Ihrer siebenjährigen Nichte Lara gewidmet, ist dies auch für Erwachsene ein hübsches Lesevergnügen.

(1) “That Game We Played During the War”, by Carrie Vaughn

Das Spiel heisst Schach, aber wie spielt man dieses, wenn einer der Kontrahenten Gedanken lesen kann? Trotzdem haben die Enith den telepathischen Gaan einen Waffenstillstand abgetrotzt, so dass die Krankenschwester Calla mit dem feindlichen Major Larn das Spiel fortsetzen kann, welches sie im Gefangenencamp begonnen hatten (und über das sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelte).
Das Ziel ist, "kleine Kriege" zu kämpfen, ohne jemanden zu verletzen.
Carrie Vaughn ist bekannt durch ihre romantische Werwolf-Fantasyreihe "Kitty Norville", liefert hier aber eine kluge SF-Geschichte.

Sonntag, 4. Juni 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Noveletten

Die ernstzunehmenden wählbaren Noveletten (typischerweise unter einer Stunde lesbar) stammen alle von Teilzeit-Autorinnen. Höchstens zwei davon kann man der Science Fiction zuordnen. Hier meine Rangfolge:

(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock

Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.

(No Award)

(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong

Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.

(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman

Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.

(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde

Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.

Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).

(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon

Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.

(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan

Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.

Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.