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Wenn zu Halloween allerorts Horrorfeste gefeiert werden, möchte ich mich nicht völlig ausschließen. Das Genre, insbesondere seine jüngeren Auswüchse, gruselt mich zwar eher unfreiwillig. Doch der Faszination des Vampirs konnte ich mich nie so recht entziehen. Als Jugendlicher hatte mir Christopher Lee als Graf Dracula Alpträume bereitet. Das Wiedersehen mit der britischen Billig-Produktionen aus dem Jahr 1958 fand ich allerdings recht enttäuschend. Lee gab den Grafen bis 1976 noch mehr als zehnmal, mehrfach mit Peter Cushing als Gegenspieler van Helsing (beide sind der jüngeren Generation nun als Star-Wars-Bösewichter bekannt). Die Horror-Ikone gefällt mir allerdings viel besser als bloßer Lord im einzigartigen Mystery-Thriller The Wicker Man von 1973 (inzwischen auch hierzulande restauriert als Blu-ray erhältlich - bitte nicht mit dem allseitig verrissenen Nicolas-Cage-Remake verwechseln!)
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Vielleicht bin ich auch verwöhnt von den expressionistischen Vorgängern aus der Frühzeit des Kinos. Max Schreck in Murnaus Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens (1922, 8/10) kann auch heute noch erschrecken, und auch Bela Lugosi in Tod Brownings erstem mit Ton gedrehten Dracula (1931, 7/10) läßt dem Zuschauer erst das Blut in den Adern erfrieren, bevor er ihm bei seinem tragischen Ende das Herz bricht. Gleiches gelang 1979 auch Klaus Kinski in Werner Herzogs versponnenem Nosferatu: Phantom der Nacht, mit Isabelle Adjani als zartestem Blutopfer der Filmgeschichte (gerade merke ich, dass der deutsche Wunderling Mina und Lucy vertauscht hat). Und dann kam (heute vor 25 Jahren) Francis Ford Coppola...
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So wie Murnau und Herzog den Namen Dracula nicht verwenden durften, musste Coppola seinen Film aus rechtlichen Gründen Bram Stokers Dracula nennen. Das Script von James V. Hart, auch sonst für leichte Kost bekannt (Hook, Contact), greift mehr Elemente aus Stokers Roman auf als die meisten Vorgänger, trifft vor allem aber ein gehöriges Stück Substanz des Originals. Coppola stellt zum einen die tragische Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, darf zum anderen aber gut 100 Jahre nach der Entstehung der spätviktorianischen Abenteuergeschichte die sexuellen Metaphern betonen. Da werden gleich zu Beginn sehr freizügig die Vorzüge von Lucys Liebhabern diskutiert, später werden Vergleiche zwischen Vampirismus und der Syphilis gezogen, und Harker darf ausführlich mit den drei "Schwestern" (darunter Monica Belluci in ihrem US-Debut) im Bett umhertollen.
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Für mich ist Coppolas Dracula (mit dem inoffiziellen, von Kenneth Branagh inszenierten Sequel Mary Shelleys Frankenstein) so etwas wie ein Wendepunkt in der Darstellung der klassischen Horror-Figuren, übrigens drei Jahre später von Mel Brooks in seinem letzten Film mit mäßigem Erfolg verulkt als Dracula: Tot aber glücklich ("Dead and loving it", mit Leslie Nielsen als Titelheld!). Danach begannen die Studios, Dracula, Frankensteins Monster, die Mumie und andere zu mehr und mehr generischen Actionstoffen zu verwursten. Damit war Coppola der letzte, der den Expressionisten Tribut zollte, mit wunderbaren Schattenspielen, die die heftigen Gewaltszenen entschärfen, und reichhaltigen Tricks aus der Effekttüte: Wolkenbilder, aus denen plötzlich bedrohlich die Augen des Grafen herabschauen; Schatten, die sich verselbständigen; Draculas Metamorphosen von Mensch zu Wolf zu Fledermaus zu grünem Dampf. Das sind phantastische Bilder, atmosphärisch unterstützt von Oscar-prämierten Soundeffekten, bei denen gelegentlich der Spannungsbogen der Abenteuergeschichte verloren geht. Das ist nicht weiter tragisch - es macht einfach großen Spaß zuzusehen. Und das liegt natürlich auch an den Darstellern.
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Bei der Besetzung konnte der Altmeister aus dem vollen schöpfen. Gary Oldman in der Titelrolle sehe ich ein bisschen zwiespältig. Ich finde, die (mit dem Oscar ausgezeichnete) Maske hat ihm gelegentlich keinen Gefallen getan, insbesondere als alter Mann wirkt er auf mich leicht lächerlich. Aber als verzweifelter Liebhaber ist er durchaus anrührend, obwohl er sonst eher für seine extravaganten Schurken bekannt war, zuletzt allerdings leicht gegen den Typ als Sirius Black (der heute 59jährige Brite wird gerade für seine Darstellung von Winston Churchill als heißer Oscar-Kandidat gehandelt). Keanu Reeves als Harker kommt seine typische Blässe einmal gelegen, und Winona Ryder als eher biedere Mina agiert geschickt im Kontrast zu Sadie Frost als mannestoller Lucy. Anthony Hopkins als van Helsing hat offensichtlich große Freude, wissenschaftsverbrämten Unsinn von sich zu geben und dann den hungrigen Helden zu spielen. Gleiches gilt für Tom Waits als Renfield, der mit Genuss Maden und Insekten vertilgt und nach seinem Meister heult. Dazu kommen Cary Elwes, Richard E. Grant und Bill Campbell als Lucys Beaus, Niemand nimmt seine Rolle allzu ernst, und so sollte es sein.
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Die Mischung war 1992 ein ordentlicher Hit und landete unter den zehn erfolgreichsten Filmen des Jahres. Für mich war es leider das letzte gelungene Werk von Francis Ford Coppola. Er hatte in den 70ern fünf Oscars gewonnen und mindestens drei Meisterwerke für die Ewigkeit geschaffen: Der Pate, Der Pate Teil 2, Apocalypse Now. Danach ging er aber mit der merkwürdig-misslungenen Musical-Romanze Einer mit Herz finanziell baden, wovon er sich nie wieder so recht erholte. Gelegentlich gelangen ihm noch unterhaltsame Filme (Peggy Sue hat geheiratet, Tucker, Der Pate Teil 3), aber davon war Bram Stokers Dracula dann auch der letzte. Sehr gut (8/10).
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Zum Jubiläum wurde der Film neu in 4K abgetastet und jetzt auch als UHD-Blu-ray veröffentlicht. Der Aufwand hat sich gelohnt, das Ergebnis wirkt frischer als viele aktuelle Produktionen. Leider liegt der Vertrieb der UHD-Scheibe exklusiv bei Saturn und MediaMarkt, die nicht nur überhöhte Preise dafür verlangen, sondern auch zu knausrig sind, um (wie sonst üblich) die Blu-ray beizulegen. Dadurch bekommt man auch keine Extras geboten (die alle auf der Blu-ray zu finden wären). Gleiches gilt übrigens auch für Spielbergs Unheimliche Begegnung der Dritten Art (die nach 40 Jahren zwar toll aussieht, aber noch genauso langweilig ist). So wird sich das neue Format nie durchsetzen!
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Montag, 30. Oktober 2017
Samstag, 21. Oktober 2017
Dilettantisch: Blade Runner 2049 (1/10)
Vielleicht ist die Zeit der originalen Stoffe vorbei. Vielleicht gibt es keine neuen Ideen mehr. Aber wenn man schon alte Kamellen aufwärmt, sollte man zumindest wissen wie. Hauptkompetenz heutiger Regisseure scheint aber zu sein, innerhalb von Budget und Zeitrahmen zu bleiben. Der Francokanadier Denis (gesprochen: "Denny") Villeneuve ist ein gutes Beispiel dafür. Nach den 164 Minuten IMAX-Bedröhnung seiner von Ridley Scott produzierten Fortsetzung meines Lieblingsfilms erkenne ich, dass meine bisherigen Kritiken (Sicario, Arrival) viel zu wohlwollend waren. Villeneuves Werken wird gern audiovisuelle Kraft unterstellt. Aber ein paar expressive Farbtupfer ergeben noch kein meisterhaftes Gemälde, und ein paar schräge Akkorde noch keinen Progrock. Gleich die erste Szene von Blade Runner 2049 ist ihm misslungen. Die Konfrontation von K (Ryan Gosling) und Sapper (Dave Bautista) sollte wohl cool sein, wirkt aber nur konfus. Und so geht es leider weiter. Ja, es gibt tolle Bilder, aber Atmosphäre will sich trotzdem nicht einstellen. Und die Musikuntermalung aus der industriellen Hans-Zimmer-Schmiede "zitiert" gelegentlich Vangelis mit einem Synthesizerklang, bleibt aber vor allem als Hintergrunddröhnen im Gedächtnis.
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Filmemachen ist ja so einfach. Man hält die Kamera auf die Schauspieler drauf und reiht die Bilder danach aneinander. An Filmhochschulen kann man das Handwerk lernen: Totale, Halbtotale, Nahaufnahme. Dolly, Schwenk, Handkamera. Fokus, Tiefenschärfe, Framing. Farbgebung, Beleuchtung, Ausstattung. Aber niemand kann so recht lehren, wie man mit diesen Mitteln eine Geschichte erzählt. Und viele junge (und auch etliche ältere) Regisseure können das einfach nicht. Es ist ein nicht fassbares Talent, das Studioleitern und Produzenten nicht messen können und deshalb weitgehend ignorieren. Schlimmer noch: Viele Zuschauer bemerken gar nicht mehr, ob eine Geschichte gut oder schlecht erzählt wird! Auch bei vielen Kritikern kann man beobachten, dass sie das Gesehene im Nachhinein nach Gutdünken uminterpretieren. So wird dann in einer Rezension plötzlich Luv zur Hauptfigur, ihren Tränen emotionale Bedeutung unterstellt (für mich sah es eher so aus, dass der Darstellerin gelegentlich unmotiviert das Wasser in den Augen stand). Das ist dann so wie in Computer- oder Rollenspielen, wo jeder sich aus einem Baukasten von Klischees Zutaten entnimmt und seine eigene Fantasie erzeugt. Das ist aber keine Art Kino, an der ich interessiert bin. Dann sind wir bald soweit, dass man statt der Kinoleinwand eine Fassade von Spiegeln installieren kann, so dass sich jeder Zuschauer selbst zwei Stunden lang aus interessanten Blickwinkeln begutachten kann.
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Viele Musikstudenten können heute "im Stil von Mozart" komponieren, viele angehende Maler "wie Van Gogh" malen. Hörens- oder Sehenswertes kommt dabei trotzdem nicht raus. Kino ist zudem viel komplizierter als die bildenden Künste. Es ist nie nur der Regisseur, der einen Film formt. Manchmal gebiert der chaotische Schmelztiegel von herausragenden Talenten ein Meisterwerk, bei dessen Fertigsteller der Regisseur nur Motor war (siehe etwa Casablanca). Und natürlich waren schon immer die handwerkliche gediegenen Regisseure in der Überzahl, die ein gutes Script gelegentlich auch mal zu einem herausragenden Film verarbeiten konnten. Auch das sinnentleerte Kopieren von Stilmitteln hat Tradition. Bestes Beispiel hierfür ist Peter Bogdanovich, der die Methoden seiner Helden (insbesondere Hawks und Hitchcock) akribisch kopierte, dabei aber vielleicht zweimal etwas eigenständiges zur Filmgeschichte beitrug (mit Die letzte Vorstellung und Paper Moon). Da lobe ich mir Ed Wood, der zwar keinerlei handwerkliche Fähigkeiten hatte, aber immerhin einen unbändigen Willen, seine eigenen Geschichten zu erzählen. Das ist der Grund, warum Plan 9 From Outer Space trotz an Fäden aufgehängter UFOs und Styropor-Grabsteinen auch heute noch zu unterhalten weiss. Villeneuve hingegen kann seine teuren Hilfsmittel und sein begabtes Team (inklusive Drehbuchbeteiligung von Originalautor Hampton Fancher) nicht in den Dienst eines ordentlichen Films stellen. Sein Kamerachef Roger Deakins zum Beispiel, der nach 13 Nominierungen noch immer auf seinen ersten Oscar wartet, hat mit O Brother, Where Art Thou? und No Country For Old Men zwei der schönsten Coen-Filme photographiert.
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Die Replikanten aus Blade Runner waren Pinocchios: Kunstwesen mit fast kindlicher Persönlichkeit, entwickelt in nur wenigen Jahren Lebenszeit, verwandt mit Sebastians mechanischen Spielzeugautomaten, und doch menschlicher als die meisten ihrer Gegenspieler. Da war Leon, der sein Leben riskiert für die gefälschten Fotos seiner erfundenen Kindheit; Pris, die vor Lebensfreude übersprudelt und doch bei Sebastians Verführung ihre Unsicherheit kaum übertreiben muss; Rachael, äußerlich elegant, innerlich todtraurig und zerrissen. Und natürlich Roy, der scheinbar so sadistische herzlose Mörder, der beim Tod seiner Geliebten in Tränen ausbricht (und melancholisch ihr Blut kostet). Am Ende ist ihm Leben in jeder Form so wertvoll, dass er seinem Gegenspieler Deckard das seine schenkt.
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Die Replikanten von 2049 hingegen sind Kampfmaschinen: Terminatoren, wie ein anderer Rezensent bemerkte. Sie sind ideale Ausführende für die typisch orchestrierten Actionszenen, die wir inzwischen selbst in romantischen Komödien geboten bekommen. Aber Empathie kann man als Zuschauer für sie nicht aufbringen. Es ist schon der Hohn, dass K's Gegenspielerin Luv mit einer Niederländerin besetzt ist. Ihr holländisches Englisch lässt mich nur wehmütig Rutger Hauer vermissen. Harrison Ford taucht erst in der letzten halben Stunde auf, zeigt Ryan Gosling dann aber, wie man auch mit begrenzten mimischen Fähigkeiten den Zuschauer für eine Figur einnehmen kann. Aber schon wieder wird ihm ein sehr merkwürdiges Kind untergeschoben! Am meisten Eindruck hinterlassen Dave "Drax" Bautista und Mackenzie Davis in ihren Kurzauftritten. Davis, die nach den Emmy-Gewinnen für San Junipero jetzt hoffentlich bald zum Star aufsteigt, agiert zwar auch im luftleeren Raum, schmuggelt aber eine verblüffend bewegende Hommage an Daryl Hannahs Pris in die quietschende Mechanik ihres Handlungsstranges. Die hübsche Kubanerin Ana de Armas als Joi dagegen wird auf ihr Äußeres reduziert, ihrer Figur wirkt zweidimensional (so weit ist die Hologramm-Technik wohl doch noch nicht).
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Die vorkommenden Menschen sind so bizarr wie die Replikanten, aber auch so vergessenswert. Am schlimmsten chargiert Oscar-Preisträger Jared Leto als Tyrell-Nachfolger Wallace, aber er ist nur einer von vielen. Robin Wright spielt inzwischen nur noch Variationen ihrer Kartenhaus-First-Lady - je öfter ich sie als kaltherzige Manipulatorin sehe, desto weniger mag ich sie. Lobenswert, dass der wahrscheinlich ärmste und unbekannteste Oscar-nominierte Darsteller Hollywoods, Barkhad Abdi (Captain Phillips), eine Rolle bekam, aber an sein Pendant James Hong (der Augen-Erfinder) kommt auch er nicht ran. Edward James Olmos zeigt in seinem Cameo Gravitas und immer noch Origami-Geschick (und darf wie Harrison Ford alt aussehen), während Sean Youngs Rachael mittels digitaler Tricks immer noch 30 ist. Keine Ahnung, ob die 57jährige überhaupt selbst beteiligt war oder ihr Kurzauftritt komplett am Computer entstand. Sie galt ja immer schon als "schwierig", aber inzwischen erfahren wir ja mehr und mehr, was das in Hollywood heissen mag. Frauen kommen jedenfalls auch im Jahr 2049 nicht gut weg - trotzt nominell vieler Frauenrollen fällt der Film durch beim entsprechenden Lackmus-Test: Gibt es Szenen, in denen zwei Frauen eine sinnvolle Unterhaltung führen, ohne nur über Männer zu reden?
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Würden die Menschen Schlange stehen für die "Mona Lisa: 30 Jahre später" eines Schülers von Da Vinci? Würden sie die Kopie dem Original vorziehen, weil sie großformatiger und bunter ist? Wie sich herausstellt, ist das Zuschauerinteresse für Blade Runner 2049 zwar nicht übermäßig, aber glaubt man der IMDB oder den diversesn Kritikerspiegeln (was ich schon lange aufgegeben habe), so übertrifft das Sequel das Original offenbar bei weitem. Was ist das für ein Kinojahr, in dem ein seelenloses Remake eines herzigen Disney-Klassikers mit einem fehlbesetzten Teenie-Schwarm mit Piepsstimme in der Hauptrolle weltweit die meisten Dollars eingespielt hat und die Kritiker sich überschlagen ob einer ultrabrutalen, nihilistischen Comicverfilmung mit genug Handlungslöchern, um alle X-Men darin zu versenken? Bei all den müden Fortsetzungen, Reboots und Remakes bringe ich kaum noch die Energie auf, mich darüber zu mokieren. Abgesehen von Wonder Woman und den Guardians hätte ich mir in diesem Jahr viele Kinogänge lieber gespart. Ärgerlich (1/10).
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Filmemachen ist ja so einfach. Man hält die Kamera auf die Schauspieler drauf und reiht die Bilder danach aneinander. An Filmhochschulen kann man das Handwerk lernen: Totale, Halbtotale, Nahaufnahme. Dolly, Schwenk, Handkamera. Fokus, Tiefenschärfe, Framing. Farbgebung, Beleuchtung, Ausstattung. Aber niemand kann so recht lehren, wie man mit diesen Mitteln eine Geschichte erzählt. Und viele junge (und auch etliche ältere) Regisseure können das einfach nicht. Es ist ein nicht fassbares Talent, das Studioleitern und Produzenten nicht messen können und deshalb weitgehend ignorieren. Schlimmer noch: Viele Zuschauer bemerken gar nicht mehr, ob eine Geschichte gut oder schlecht erzählt wird! Auch bei vielen Kritikern kann man beobachten, dass sie das Gesehene im Nachhinein nach Gutdünken uminterpretieren. So wird dann in einer Rezension plötzlich Luv zur Hauptfigur, ihren Tränen emotionale Bedeutung unterstellt (für mich sah es eher so aus, dass der Darstellerin gelegentlich unmotiviert das Wasser in den Augen stand). Das ist dann so wie in Computer- oder Rollenspielen, wo jeder sich aus einem Baukasten von Klischees Zutaten entnimmt und seine eigene Fantasie erzeugt. Das ist aber keine Art Kino, an der ich interessiert bin. Dann sind wir bald soweit, dass man statt der Kinoleinwand eine Fassade von Spiegeln installieren kann, so dass sich jeder Zuschauer selbst zwei Stunden lang aus interessanten Blickwinkeln begutachten kann.
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Viele Musikstudenten können heute "im Stil von Mozart" komponieren, viele angehende Maler "wie Van Gogh" malen. Hörens- oder Sehenswertes kommt dabei trotzdem nicht raus. Kino ist zudem viel komplizierter als die bildenden Künste. Es ist nie nur der Regisseur, der einen Film formt. Manchmal gebiert der chaotische Schmelztiegel von herausragenden Talenten ein Meisterwerk, bei dessen Fertigsteller der Regisseur nur Motor war (siehe etwa Casablanca). Und natürlich waren schon immer die handwerkliche gediegenen Regisseure in der Überzahl, die ein gutes Script gelegentlich auch mal zu einem herausragenden Film verarbeiten konnten. Auch das sinnentleerte Kopieren von Stilmitteln hat Tradition. Bestes Beispiel hierfür ist Peter Bogdanovich, der die Methoden seiner Helden (insbesondere Hawks und Hitchcock) akribisch kopierte, dabei aber vielleicht zweimal etwas eigenständiges zur Filmgeschichte beitrug (mit Die letzte Vorstellung und Paper Moon). Da lobe ich mir Ed Wood, der zwar keinerlei handwerkliche Fähigkeiten hatte, aber immerhin einen unbändigen Willen, seine eigenen Geschichten zu erzählen. Das ist der Grund, warum Plan 9 From Outer Space trotz an Fäden aufgehängter UFOs und Styropor-Grabsteinen auch heute noch zu unterhalten weiss. Villeneuve hingegen kann seine teuren Hilfsmittel und sein begabtes Team (inklusive Drehbuchbeteiligung von Originalautor Hampton Fancher) nicht in den Dienst eines ordentlichen Films stellen. Sein Kamerachef Roger Deakins zum Beispiel, der nach 13 Nominierungen noch immer auf seinen ersten Oscar wartet, hat mit O Brother, Where Art Thou? und No Country For Old Men zwei der schönsten Coen-Filme photographiert.
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Die Replikanten aus Blade Runner waren Pinocchios: Kunstwesen mit fast kindlicher Persönlichkeit, entwickelt in nur wenigen Jahren Lebenszeit, verwandt mit Sebastians mechanischen Spielzeugautomaten, und doch menschlicher als die meisten ihrer Gegenspieler. Da war Leon, der sein Leben riskiert für die gefälschten Fotos seiner erfundenen Kindheit; Pris, die vor Lebensfreude übersprudelt und doch bei Sebastians Verführung ihre Unsicherheit kaum übertreiben muss; Rachael, äußerlich elegant, innerlich todtraurig und zerrissen. Und natürlich Roy, der scheinbar so sadistische herzlose Mörder, der beim Tod seiner Geliebten in Tränen ausbricht (und melancholisch ihr Blut kostet). Am Ende ist ihm Leben in jeder Form so wertvoll, dass er seinem Gegenspieler Deckard das seine schenkt.
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Die Replikanten von 2049 hingegen sind Kampfmaschinen: Terminatoren, wie ein anderer Rezensent bemerkte. Sie sind ideale Ausführende für die typisch orchestrierten Actionszenen, die wir inzwischen selbst in romantischen Komödien geboten bekommen. Aber Empathie kann man als Zuschauer für sie nicht aufbringen. Es ist schon der Hohn, dass K's Gegenspielerin Luv mit einer Niederländerin besetzt ist. Ihr holländisches Englisch lässt mich nur wehmütig Rutger Hauer vermissen. Harrison Ford taucht erst in der letzten halben Stunde auf, zeigt Ryan Gosling dann aber, wie man auch mit begrenzten mimischen Fähigkeiten den Zuschauer für eine Figur einnehmen kann. Aber schon wieder wird ihm ein sehr merkwürdiges Kind untergeschoben! Am meisten Eindruck hinterlassen Dave "Drax" Bautista und Mackenzie Davis in ihren Kurzauftritten. Davis, die nach den Emmy-Gewinnen für San Junipero jetzt hoffentlich bald zum Star aufsteigt, agiert zwar auch im luftleeren Raum, schmuggelt aber eine verblüffend bewegende Hommage an Daryl Hannahs Pris in die quietschende Mechanik ihres Handlungsstranges. Die hübsche Kubanerin Ana de Armas als Joi dagegen wird auf ihr Äußeres reduziert, ihrer Figur wirkt zweidimensional (so weit ist die Hologramm-Technik wohl doch noch nicht).
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Die vorkommenden Menschen sind so bizarr wie die Replikanten, aber auch so vergessenswert. Am schlimmsten chargiert Oscar-Preisträger Jared Leto als Tyrell-Nachfolger Wallace, aber er ist nur einer von vielen. Robin Wright spielt inzwischen nur noch Variationen ihrer Kartenhaus-First-Lady - je öfter ich sie als kaltherzige Manipulatorin sehe, desto weniger mag ich sie. Lobenswert, dass der wahrscheinlich ärmste und unbekannteste Oscar-nominierte Darsteller Hollywoods, Barkhad Abdi (Captain Phillips), eine Rolle bekam, aber an sein Pendant James Hong (der Augen-Erfinder) kommt auch er nicht ran. Edward James Olmos zeigt in seinem Cameo Gravitas und immer noch Origami-Geschick (und darf wie Harrison Ford alt aussehen), während Sean Youngs Rachael mittels digitaler Tricks immer noch 30 ist. Keine Ahnung, ob die 57jährige überhaupt selbst beteiligt war oder ihr Kurzauftritt komplett am Computer entstand. Sie galt ja immer schon als "schwierig", aber inzwischen erfahren wir ja mehr und mehr, was das in Hollywood heissen mag. Frauen kommen jedenfalls auch im Jahr 2049 nicht gut weg - trotzt nominell vieler Frauenrollen fällt der Film durch beim entsprechenden Lackmus-Test: Gibt es Szenen, in denen zwei Frauen eine sinnvolle Unterhaltung führen, ohne nur über Männer zu reden?
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Würden die Menschen Schlange stehen für die "Mona Lisa: 30 Jahre später" eines Schülers von Da Vinci? Würden sie die Kopie dem Original vorziehen, weil sie großformatiger und bunter ist? Wie sich herausstellt, ist das Zuschauerinteresse für Blade Runner 2049 zwar nicht übermäßig, aber glaubt man der IMDB oder den diversesn Kritikerspiegeln (was ich schon lange aufgegeben habe), so übertrifft das Sequel das Original offenbar bei weitem. Was ist das für ein Kinojahr, in dem ein seelenloses Remake eines herzigen Disney-Klassikers mit einem fehlbesetzten Teenie-Schwarm mit Piepsstimme in der Hauptrolle weltweit die meisten Dollars eingespielt hat und die Kritiker sich überschlagen ob einer ultrabrutalen, nihilistischen Comicverfilmung mit genug Handlungslöchern, um alle X-Men darin zu versenken? Bei all den müden Fortsetzungen, Reboots und Remakes bringe ich kaum noch die Energie auf, mich darüber zu mokieren. Abgesehen von Wonder Woman und den Guardians hätte ich mir in diesem Jahr viele Kinogänge lieber gespart. Ärgerlich (1/10).
Samstag, 7. Oktober 2017
Queen Judi: Victoria & Abdul (6/10)
"There is nothing like a dame!" verkündete Robin Williams zur Oscar-Verleihung 1999, als er den Umschlag für die Beste Nebendarstellerin öffnete. Dame Judi Dench war es ein wenig peinlich, den Preis für ganze fünf Leinwandminuten zu bekommen. Von der amerikanischen Akademie wurde sie spät entdeckt. Bei ihrer ersten Nominierung ein Jahr zuvor für Mrs. Brown (ebenfalls unter der Regie von John Madden) war sie bereits 63 Jahre alt und in den USA vor allem als Chefin "M" von Pierce Brosnans James Bond bekannt. Den ersten "echten" BAFTA hatte sie bereits 1968 gewonnen, nach der Auszeichnung 1966 als vielversprechendste Debütantin. Im kommenden Jahr wird sie wohl für ihren 25. regulären BAFTA nominiert werden, neunmal gewann sie bereits, dazu kommt die Fellowship der britischen Akademie. Bei den Oscars wäre dies ihre achte Nominierung. Nur Meryl Streep, Katherine Hepburn und Bette Davis wurden öfter vorgeschlagen.
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Ihren Oscar gewann sie als Queen Elizabeth I. in Shakespeare in Love. Queen Victoria spielt sie jetzt nach Mrs. Brown zum zweiten Mal, jeweils in historisch verbürgtem, wenngleich natürlich künstlerisch ausgeschmücktem Kontext. Damals ging es um die Beziehung der frisch verwitweten Königin Anfang 40 zu ihrem schottischen Diener John Brown, nun in Victoria & Abdul um die (platonische) zum muslimischen Inder Abdul Karim in ihren letzten Lebensjahren (1887 - 1901). Und wie immer ist es ein Genuss, der 1988 zur "Dame Commander of the Order of the British Empire" ernannten Legende zuzuschauen, übrigens mit acht Oliviers auch die meistausgezeichnete britische Theaterschauspielerin. Die inzwischen 82jährige ist fast blind und muss sich zum Lernen ihre Dialoge vorlesen lassen. Man glaubt es nicht, wenn mal wieder der Schalk aus ihren wasserblauen Augen blitzt. Trotz Drehbuchschwächen schafft sie auch diesmal, eine glaubwürdige Figur zu erschaffen, mit der die Zuschauer mitfühlen können, ohne ins Sentimentale abzudriften.
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Leider kann man gleiches nicht über ihren Leinwandpartner Ali Fazal sagen. Daran ist der 30jährige, bis auf eine kleine Rolle in Fast & Furious 7 praktisch unbekannte Darsteller (geboren übrigens wie Cliff Richard 😎 in der indischen Großstadt Lucknow), nicht einmal schuld. Das Drehbuch lässt ihn als das Rätsel stehen, als das er wohl dem Stab des britischen Königshauses erschienen sein muss. Ob das an der Adaption von Lee Hall (Billy Elliot) liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Obwohl der zugrunde liegende Roman von der in Indien aufgewachsenen Journalistin Shrabani Basu stammt, erfährt man fast nichts über das Indien der Kolonialzeit, geschweige denn über die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Besatzung. Dafür ist das Porträt des britschen Königshofes erwartungsgemäß detailfreudig und wartet mit exzellenten Nebendarstellern auf (darunter Eddie Izzard als garstiger Thronfolger in Wartestellung - Prince Charles kann bestimmt mitfühlen).
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Abdul Karim war offenbar gebildet, er beherrschte Hindi und Urdu in Wort und Schrift, hatte (angeblich?) den kompletten Koran im Kopf und zitierte geschmackvolle Poesie. In Indien hatte er als Schreiber in einem Gefängnis der Kolonialherren gearbeitet - für die Präsentation zum Kronjubiläum wurde er aufgrund seiner hochgewachsenen Statur ausgewählt. War es nur Fassade, die ihm zur Position des "Munshi", also sprituellem Lehrers der Königin verhalf? Nach den Recherchen der eifersüchtigen Höflinge war er von einfacher Geburt, zudem litt er an einer Gonorrhoe. Wie passt das zusammen? Der Film gibt nicht einmal Erklärungsansätze. Vielleicht sah Regisseur Stephen Frears (Florence Foster Jenkins) das Thema als zeitgemäße Auseinandersetzung mit Rassismus, insbesonder gegenüber Muslimen an. Das kann ich aber nur als gescheitert betrachten. Abduls Glaube wird kaum thematisiert; die Ausnahme ist ausgerechnet die Ankunft seiner vollverschleierten Ehefrau und Schwiegermutter, eine mittelalterliche Erscheinung, die auch nicht ins Viktorianische Zeitalter passt.
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So bleibt Stephen Frears dritte Zusammenarbeit mit Judi Dench im Mittelmaß stecken. Auch wenn er durch die überragende Hauptdarstellerin noch sehenswert ist, gerät Victoria & Abdul für mich zum schwächsten Film dieses Trios, ergänzend zu Mrs. Henderson Presents (2005, 7/10, in herrlichem Zusammenspiel mit Bob Hoskins) und Philomena (2013, 7/10). Ordentlich (6/10).
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Ihren Oscar gewann sie als Queen Elizabeth I. in Shakespeare in Love. Queen Victoria spielt sie jetzt nach Mrs. Brown zum zweiten Mal, jeweils in historisch verbürgtem, wenngleich natürlich künstlerisch ausgeschmücktem Kontext. Damals ging es um die Beziehung der frisch verwitweten Königin Anfang 40 zu ihrem schottischen Diener John Brown, nun in Victoria & Abdul um die (platonische) zum muslimischen Inder Abdul Karim in ihren letzten Lebensjahren (1887 - 1901). Und wie immer ist es ein Genuss, der 1988 zur "Dame Commander of the Order of the British Empire" ernannten Legende zuzuschauen, übrigens mit acht Oliviers auch die meistausgezeichnete britische Theaterschauspielerin. Die inzwischen 82jährige ist fast blind und muss sich zum Lernen ihre Dialoge vorlesen lassen. Man glaubt es nicht, wenn mal wieder der Schalk aus ihren wasserblauen Augen blitzt. Trotz Drehbuchschwächen schafft sie auch diesmal, eine glaubwürdige Figur zu erschaffen, mit der die Zuschauer mitfühlen können, ohne ins Sentimentale abzudriften.
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Leider kann man gleiches nicht über ihren Leinwandpartner Ali Fazal sagen. Daran ist der 30jährige, bis auf eine kleine Rolle in Fast & Furious 7 praktisch unbekannte Darsteller (geboren übrigens wie Cliff Richard 😎 in der indischen Großstadt Lucknow), nicht einmal schuld. Das Drehbuch lässt ihn als das Rätsel stehen, als das er wohl dem Stab des britischen Königshauses erschienen sein muss. Ob das an der Adaption von Lee Hall (Billy Elliot) liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Obwohl der zugrunde liegende Roman von der in Indien aufgewachsenen Journalistin Shrabani Basu stammt, erfährt man fast nichts über das Indien der Kolonialzeit, geschweige denn über die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Besatzung. Dafür ist das Porträt des britschen Königshofes erwartungsgemäß detailfreudig und wartet mit exzellenten Nebendarstellern auf (darunter Eddie Izzard als garstiger Thronfolger in Wartestellung - Prince Charles kann bestimmt mitfühlen).
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Abdul Karim war offenbar gebildet, er beherrschte Hindi und Urdu in Wort und Schrift, hatte (angeblich?) den kompletten Koran im Kopf und zitierte geschmackvolle Poesie. In Indien hatte er als Schreiber in einem Gefängnis der Kolonialherren gearbeitet - für die Präsentation zum Kronjubiläum wurde er aufgrund seiner hochgewachsenen Statur ausgewählt. War es nur Fassade, die ihm zur Position des "Munshi", also sprituellem Lehrers der Königin verhalf? Nach den Recherchen der eifersüchtigen Höflinge war er von einfacher Geburt, zudem litt er an einer Gonorrhoe. Wie passt das zusammen? Der Film gibt nicht einmal Erklärungsansätze. Vielleicht sah Regisseur Stephen Frears (Florence Foster Jenkins) das Thema als zeitgemäße Auseinandersetzung mit Rassismus, insbesonder gegenüber Muslimen an. Das kann ich aber nur als gescheitert betrachten. Abduls Glaube wird kaum thematisiert; die Ausnahme ist ausgerechnet die Ankunft seiner vollverschleierten Ehefrau und Schwiegermutter, eine mittelalterliche Erscheinung, die auch nicht ins Viktorianische Zeitalter passt.
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So bleibt Stephen Frears dritte Zusammenarbeit mit Judi Dench im Mittelmaß stecken. Auch wenn er durch die überragende Hauptdarstellerin noch sehenswert ist, gerät Victoria & Abdul für mich zum schwächsten Film dieses Trios, ergänzend zu Mrs. Henderson Presents (2005, 7/10, in herrlichem Zusammenspiel mit Bob Hoskins) und Philomena (2013, 7/10). Ordentlich (6/10).
Klassische Rezension: Billy Elliot (Stephen Daldry, 2000)
Komödien sind oft umso besser, je näher sie der Realität sind, Melodramen am wirkungsvollsten, desto unwahrscheinlicher ihre Ausgangssituation ist. Billy Elliot gelingt die Balance zwischen beiden Extremen. Wenn da Schulkinder unbefangen am Schilderwald der die Streikbrecher bewachenden Polizisten entlanglaufen, hat das eine fast verzweifelte Komik, die länger nachhallt als der beste Slapstick oder der geschliffenste Wortwitz. Und wenn ein Bergarbeitersohn, dem die Boxhandschuhe des Großvaters quasi in die Wiege gelegt wurden, von einer Ballettkarriere träumt, fühlt man mehr mit ihm als mit den vielen Alkoholikern und Todeszelleninsassen, die in Hollywood-Produktionen Mode geworden sind.
Sich eine solche Geschichte auszudenken (Drehbuch: Lee Hall, von dem mir nichts bekannt ist), ist eine bewundernswerte Leistung - daran zu glauben, daß sie verfilmbar ist, ein kleines Wunder. Der Theater-Regisseur Stephen Daldry hat in seinem Film-Debut ein bemerkenswertes Gespür für die Choreographie der Handlung. Mit trockenem Humor, fast ohne Sentimentalität (wenn man vom Ende absieht, das denn doch an die Tränendrüsen appelliert) und mit der typisch britischen Zuneigung zu allen Figuren gelingt ihm eine Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Anspruch. Allerdings hat er Glück, glaubwürdige Darsteller gefunden zu haben. Gary Lewis als Billys Vater gibt der Masse der unter der Thatcher-Knute verzweifelnden Arbeiter ein Gesicht, Julie Walters als Tanzlehrerin zeigt eine solch rauhe Schale, daß der weiche Kern stets sichtbar bleibt, und sämtliche Nebenrollen (diese aufgeklärten und doch so unschuldigen Kinder!) sind ebenfalls perfekt besetzt. Aber ohne Jamie Bell als Billy wäre dieser Film trotzdem nichts wert. Sein Lächeln sieht man vielleicht zwei-, dreimal - alles, was Billy ausmacht, drückt er im Tanz aus. Und genau wie die Musik, die zwischen Schwanensee und T. Rex hin- und herspringt, sind auch seine Bewegungen mal zart-ausdrucksstark, mal unbändig-kraftvoll und lebenslustig.
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Ob als Komödie, Analyse einer Vater-Sohn-Beziehung, Bergarbeiterdrama oder Tanzfilm, Billy Elliot überzeugt als der beste britische Film seit Ganz oder gar nicht. Herausragend (9/10).
Sich eine solche Geschichte auszudenken (Drehbuch: Lee Hall, von dem mir nichts bekannt ist), ist eine bewundernswerte Leistung - daran zu glauben, daß sie verfilmbar ist, ein kleines Wunder. Der Theater-Regisseur Stephen Daldry hat in seinem Film-Debut ein bemerkenswertes Gespür für die Choreographie der Handlung. Mit trockenem Humor, fast ohne Sentimentalität (wenn man vom Ende absieht, das denn doch an die Tränendrüsen appelliert) und mit der typisch britischen Zuneigung zu allen Figuren gelingt ihm eine Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Anspruch. Allerdings hat er Glück, glaubwürdige Darsteller gefunden zu haben. Gary Lewis als Billys Vater gibt der Masse der unter der Thatcher-Knute verzweifelnden Arbeiter ein Gesicht, Julie Walters als Tanzlehrerin zeigt eine solch rauhe Schale, daß der weiche Kern stets sichtbar bleibt, und sämtliche Nebenrollen (diese aufgeklärten und doch so unschuldigen Kinder!) sind ebenfalls perfekt besetzt. Aber ohne Jamie Bell als Billy wäre dieser Film trotzdem nichts wert. Sein Lächeln sieht man vielleicht zwei-, dreimal - alles, was Billy ausmacht, drückt er im Tanz aus. Und genau wie die Musik, die zwischen Schwanensee und T. Rex hin- und herspringt, sind auch seine Bewegungen mal zart-ausdrucksstark, mal unbändig-kraftvoll und lebenslustig.
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Ob als Komödie, Analyse einer Vater-Sohn-Beziehung, Bergarbeiterdrama oder Tanzfilm, Billy Elliot überzeugt als der beste britische Film seit Ganz oder gar nicht. Herausragend (9/10).
Montag, 2. Oktober 2017
Für den Stinkefinger: Kingsman - The Golden Circle (5/10)
Es war ja zu erwarten, dass die amerikanische Statesman-Organisation ähnlich ausgetretene Klischees bedient wie Kingsman für die Briten. Hüben Gentlemen im Massanzug, drüben Cowboys im Stetson. Hüben der kugelspeiende Regenschirm, drüben das tödliche Lasso. Aber musste es denn gar so viel John Denver im Soundtrack sein? Besonders wenn sein Gegenstück von der Insel derart lahm inszeniert wird...
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Das Spektakel beginnt mit einem Zweikampf zwischen Eggsy und einem Cyborg und erinnert an Captain America gegen den Winter Soldier. Was ist das Geheimnis des Kingsman-Drills, der in wenigen Wochen aus Waschlappen Superhelden formt? Na gut, kann man gerade noch akzeptieren. Aber dann wird in einer herzlosen Aktion sämtlicher Ballast des Vorfilms abgeworfen, einschließlich des Hündchens! Das ist harter Tobak - für die Ritter der Tafelrunde UND die Anonymen Alkoholiker war wohl kein Platz...
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Die Statesmen sind zwar bestens ausgerüstet mit Überschalljets und Cryotechnik, aber wenn's drauf ankommt, können sie doch nicht mehr als zwei Agenten entbehren, von denen einer sich mit illegalen Freizeitaktivitäten gleich selbst aus dem Rennen nimmt. "Tequila" Channing Tatum war zwar groß angekündigt, verschläft dann aber die Action - eine müde Visitenkarte für die erhoffte Fortsetzung (oder sogar einen Ableger). "Champ(agner)" Jeff Bridges wurde lediglich zur Exposition engagiert, und "Ginger Ale" Halle Berry sieht zwar mit 50 immer noch toll aus, kommt über eine Statistenrolle aber auch kaum hinaus. So steht "Whiskey" Pedro Pascal im Rampenlicht - nicht die schlechteste Option, aber der schnauzbärtige Chilene, der zuletzt schon Matt Damon an die Wand spielte, trägt sehr dick auf mit seinem Südstaaten-Akzent und seinen Amerikanismen. Starke Frauen: Fehlanzeige! Wo bleibt Charlize Theron, wenn man sie mal braucht?
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Ok, es gibt diesmal eine SchurkIN, durchaus amüsant von Julianne Moore personifiziert. Aber ihr Plot zur Erlangung der Weltherrschaft ist genauso unglaubwürdig wie ihr Rezept für den perfekten Hamburger. Von den Roboterhunden Benny und Jet ganz zu schweigen - dies übrigens eine holprige Hommage an Sir Elton John. Die übergewichtige Legende hat sich für sein erweitertes Cameo wohl ins Buch schreiben lassen, dass er am Ende seinen Wärtern in den Hintern treten darf. Wird trotzdem nichts mit dem zweiten Oscar!
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Neben Sir Elton habe ich bereits drei weitere Oscar-Preisträger aufgezählt (Berry, Moore, Bridges), - der Auftritt des vierten ist ein offenes Geheimnis, welches besser verschlossen geblieben wäre. In der 20. Instanz einer Filmreihe darf man reichlich zitieren, in der zweiten wirkt das nur peinlich. Und einfach eine alte Figur zu reaktivieren statt neue zu etablieren, ist nur ein Zeichen von Faulheit der Autoren (und Feigheit der Produzenten). Wenngleich ich durchaus über die Schmetterlinge schmunzeln konnte...
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Bleibt "Lancelot" Taron Egerton als Eggsy, dessen Wandlung vom Loser zum Gentleman das Herzstück des ersten Films war. Leider überschreitet er hier mehrfach die feine Linie zwischen Coolness und Arroganz (was seinem Mentor nie passiert wäre). So ließ mich das Innenleben der Hauptfiguren seltsam kalt, selbst das heroische Opfer einer an sich sympathischen weiteren Figur. Gleiches gilt für die romantischen Verwicklungen, bei der uns in einer computeranimierten Szene das pornographische Innenleben von Cara "Laureline" Delevinges älterer Schwester Poppy aufgedrängt wird. In den Zeiten des Megaerfolges Fifty Shades of Grey darf man sich wohl nicht wundern, dass Beziehungen mit Analverkehr beginnen und einer königlichen Hochzeit enden...
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The Golden Circle ist überlang, die dröhnende Musikuntermalung macht selbst bessere Momente schwer erträglich, und die Actionszenen wirken plötzlich reichlich mechanisch. Die futuristische Technik strapaziert die Glaubwürdigkeit (das Heilverfahren für Kopfverletzungen wäre selbst in der Stadt der tausend Planeten eine Sensation), und die Geschichte kippt mehr als einmal in Richtung geschmacklos. Die Teile, die mir gut gefallen haben, sind meist diejenigen, die aus dem Vorgänger kopiert wurden. Daher ist meine Wertung noch gutmütig: Annehmbar (5/10).
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Das Spektakel beginnt mit einem Zweikampf zwischen Eggsy und einem Cyborg und erinnert an Captain America gegen den Winter Soldier. Was ist das Geheimnis des Kingsman-Drills, der in wenigen Wochen aus Waschlappen Superhelden formt? Na gut, kann man gerade noch akzeptieren. Aber dann wird in einer herzlosen Aktion sämtlicher Ballast des Vorfilms abgeworfen, einschließlich des Hündchens! Das ist harter Tobak - für die Ritter der Tafelrunde UND die Anonymen Alkoholiker war wohl kein Platz...
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Die Statesmen sind zwar bestens ausgerüstet mit Überschalljets und Cryotechnik, aber wenn's drauf ankommt, können sie doch nicht mehr als zwei Agenten entbehren, von denen einer sich mit illegalen Freizeitaktivitäten gleich selbst aus dem Rennen nimmt. "Tequila" Channing Tatum war zwar groß angekündigt, verschläft dann aber die Action - eine müde Visitenkarte für die erhoffte Fortsetzung (oder sogar einen Ableger). "Champ(agner)" Jeff Bridges wurde lediglich zur Exposition engagiert, und "Ginger Ale" Halle Berry sieht zwar mit 50 immer noch toll aus, kommt über eine Statistenrolle aber auch kaum hinaus. So steht "Whiskey" Pedro Pascal im Rampenlicht - nicht die schlechteste Option, aber der schnauzbärtige Chilene, der zuletzt schon Matt Damon an die Wand spielte, trägt sehr dick auf mit seinem Südstaaten-Akzent und seinen Amerikanismen. Starke Frauen: Fehlanzeige! Wo bleibt Charlize Theron, wenn man sie mal braucht?
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Ok, es gibt diesmal eine SchurkIN, durchaus amüsant von Julianne Moore personifiziert. Aber ihr Plot zur Erlangung der Weltherrschaft ist genauso unglaubwürdig wie ihr Rezept für den perfekten Hamburger. Von den Roboterhunden Benny und Jet ganz zu schweigen - dies übrigens eine holprige Hommage an Sir Elton John. Die übergewichtige Legende hat sich für sein erweitertes Cameo wohl ins Buch schreiben lassen, dass er am Ende seinen Wärtern in den Hintern treten darf. Wird trotzdem nichts mit dem zweiten Oscar!
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Neben Sir Elton habe ich bereits drei weitere Oscar-Preisträger aufgezählt (Berry, Moore, Bridges), - der Auftritt des vierten ist ein offenes Geheimnis, welches besser verschlossen geblieben wäre. In der 20. Instanz einer Filmreihe darf man reichlich zitieren, in der zweiten wirkt das nur peinlich. Und einfach eine alte Figur zu reaktivieren statt neue zu etablieren, ist nur ein Zeichen von Faulheit der Autoren (und Feigheit der Produzenten). Wenngleich ich durchaus über die Schmetterlinge schmunzeln konnte...
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Bleibt "Lancelot" Taron Egerton als Eggsy, dessen Wandlung vom Loser zum Gentleman das Herzstück des ersten Films war. Leider überschreitet er hier mehrfach die feine Linie zwischen Coolness und Arroganz (was seinem Mentor nie passiert wäre). So ließ mich das Innenleben der Hauptfiguren seltsam kalt, selbst das heroische Opfer einer an sich sympathischen weiteren Figur. Gleiches gilt für die romantischen Verwicklungen, bei der uns in einer computeranimierten Szene das pornographische Innenleben von Cara "Laureline" Delevinges älterer Schwester Poppy aufgedrängt wird. In den Zeiten des Megaerfolges Fifty Shades of Grey darf man sich wohl nicht wundern, dass Beziehungen mit Analverkehr beginnen und einer königlichen Hochzeit enden...
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The Golden Circle ist überlang, die dröhnende Musikuntermalung macht selbst bessere Momente schwer erträglich, und die Actionszenen wirken plötzlich reichlich mechanisch. Die futuristische Technik strapaziert die Glaubwürdigkeit (das Heilverfahren für Kopfverletzungen wäre selbst in der Stadt der tausend Planeten eine Sensation), und die Geschichte kippt mehr als einmal in Richtung geschmacklos. Die Teile, die mir gut gefallen haben, sind meist diejenigen, die aus dem Vorgänger kopiert wurden. Daher ist meine Wertung noch gutmütig: Annehmbar (5/10).
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