Suche im Blog

Samstag, 23. Februar 2019

Bitterböse Komödie: Vice (9/10)





Vice führt unwiderlegbare Beweise an für eine Tatsache, die in gewissen Kreisen natürlich als Fake News gebrandmarkt werden wird: Dick Cheney hat ein Herz. Zugegeben, es musste mehrere Infarkte durchleiden und wurde schließlich durch ein jüngeres ersetzt. Aber es existiert, es schlägt, es pumpt Blut durch seine Leibesfülle (immer noch - der ehemalige Vizepräsident ist gerade 78 geworden). Reine Spekulation von Adam McKays filmischer Biographie ist es hingegen, dass Cheney jemals Entscheidungen aufgrund von Gefühlen oder gar Empathie getroffen hat. Die herzerwärmende Szene, in der Cheney nach dem Coming Out seine lesbische Tochter Mary in die Arme schließt, ist allerdings ein raffinierter Drehbuchkniff, um ein Minimum an Sympathie für diesen unbeliebtesten Politiker der letzten fünfzig Jahre zu erzeugen. Damit nenne ich bewusst einen Zeitraum, der auch einen anderen Tricky Dick einschließt. Kaum zu glauben, dass 2009, zum Ende von Cheneys Amtszeit, noch 13 Prozent der Amerikaner zu ihm hielten!

Embed from Getty Images

Vor drei Jahren nahm sich der 50jährige Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay mit The Big Short die Bankenkrise vor. Im Nachfolger Vice geht es nun nicht nur um Dick Cheney, sondern um die US-amerikanische Politikkultur der letzten 30 Jahre. Und wieder zieht McKay alle satirischen Register, mit noch größerem künstlerischen Erfolg. Die Machart erinnert an Michael Moores polemische Dokumentationen (Fahrenheit 9/11), aber mit hochkarätig nachgespielten und dazuerfundenen Dramaszenen. Diesmal gibt es zwar nicht Margot Robbie in der Badewanne, aber immerhin Naomi Watts als Fox-Nachrichtensprecherin, dazu an Shakespeare angelehnte Dialoge und Jesse Plemmons als Kommentator aus dem einfachen Volk. Das ist stellenweise höchst komisch; am besten das "falsche" Ende nach einer Stunde, als alles auf ein Happy End weist, bis zu jenem fatalen Anruf von Bush Jr., der einen erfahrenen Mitstreiter sucht. Aber meist bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Unfassbar ist der Kontrast zur idealisierten Utopie von The West Wing, wo der Vizepräsident tatsächlich nur eine fotogene Schießbudenfigur war, nicht der Strippenzieher im Hintergrund, im Dienst der Rüstungs- und Energiekonzerne, insbesondere natürlich des Molochkonzerns Halliburton, als dessen CEO Cheney zwischen seinen Posten als Verteidigungsminister (unter Bush Sr.) und Vizepräsident (über Bush Jr.) ein kleines Vermögen anhäufte (wobei ihm Macht offenbar stets wichtiger war als Geld). Um seine Schlussrede im Film zu zitieren: Man muss sich mit der Realität auseinandersetzen, dass es Monster gibt in dieser Welt.

Embed from Getty Images

Christian Bale gehört nicht zu meinen Lieblingsschauspielern. Der 45jährige Dark Knight gab sein Debut im zarten Alter von 13 Jahren in Spielbergs Reich der Sonne, hat sich 2004 für Der Maschinist 30 Kilo runtergehungert und nun für Vice 20 Kilo zugefuttert, dazwischen 2011 als Muskelpaket einen Oscar für The Fighter gewonnen. Mit seiner diesjährigen vierten Nominierung ist er der Geheimfavorit hinter Rami Malek (obwohl mein Herz immer noch für Viggo Mortensen schlägt). Ich muss zugeben, dass Bale (und den Maskenbildnern) in der Darstellung von Dick Cheney über vier Jahrzehnte hinweg nicht nur eine verblüffende Mimikry gelungen ist, sondern dass er der Figur soviel Leben einhaucht, wie dies bei einem solchen undurchschaubaren Monster überhaupt möglich ist. Ihm zur Seite steht ein glänzendes Ensemble. McKay schöpft aus einem Fundus von Komikern mit dramatischem Potential, so etwa Steve Carell als schmieriger Donald Rumsfeld und Blödelbarde Tyler Perry als Colin Powell (Will Ferrell hat zum Glück nur produziert). Spot-on sind die Oscar-nominierten Nebendarsteller Sam Rockwell als George W. und Amy Adams als Cheneys Ehefrau Lynne (wenngleich mir ihre merkwürdigen Perücken aufgefallen sind). Ebenfalls hervorheben möchte ich Jesse Plemmons (übrigens mit Kirsten Dunst verlobt) als Erzähler Kurt mit einer mysteriösen Verbindung zur Hauptfigur (er spielte bereits in Hostiles an der Seite von Bale, ein vollkommen misslungener Western, über den ich ansonsten schweigen möchte), dazu Alison Pill (Scott Pilgrim, Midnight in Paris) als Mary Cheney, Justin Kirk (Weeds) als Cheneys schleimiger Chief of Staff und Eddie Marsan als Cheneys Chefberater (der Londoner mit dem Wieselgesicht taucht immer öfter in amerikanischen Filmen auf). In McKays nächstem Projekt soll Jennifer Lawrence die Hauptrolle übernehmen, ich bin schon sehr gespannt!

Embed from Getty Images

Am Boxoffice ist Vice natürlich mehr oder weniger gefloppt. Lehrreiche Filme werden fast nie von denjenigen angeschaut, denen es nützen könnte. Und die jüngste Presidency hat der Farce ja noch einen draufgesetzt. Trump ist Cheney ohne den Mittelsmann. Ohne jedwede Subtilität treibt er jenes fragwürdige politische Kontrukt (Unitary Executive Theory) auf die Spitze, nach dem jede Handlunge des Präsidenten rechtmäßig ist, "da sie vom Präsidenten ausgeht". Das ist quasi die Unfehlbarkeitsdoktrin der katholischen Kirche auf die amerikanische "Demokratie" angewandt.

Embed from Getty Images

Bei den Globes gewann Bale als Komödiendarsteller (Green Book siegte in der Kategorie Musical/Komödie), ansonsten ging Vice bei den Preisverleihungen meist leer aus. Bei den Oscars wird es nicht anders aussehen. Von den Kandidaten haben mir dieses Jahr die Komödien, vor allem BlacKkKlansman und Vice, am besten zugesagt, vielleicht weil man den Realitäten unserer Welt ohnehin nur noch mit Humor ins Auge sehen kann. Herausragend (9/10).

Samstag, 16. Februar 2019

Schwarzer Humor: BlacKkKlansman (9/10)

Das Internet wimmelt nur so von "Experten", die dem Kassenknüller und Kultphänomen Black Panther jetzt auch den Oscar als Besten Film zusprechen wollen (einer von acht Nominierten ist er bereits). Dabei gibt es einen künstlerisch viel besseren Konkurrenten, der auch von Schwarzen Panthern handelt, allerdings nur ein Vierzehntel des Umsatzes gemacht hat: BlacKkKlansman. In Deutschland war das Zuschauerverhältnis nur 1:5, aber das Interesse am Kino hat hierzulande ohnehin stark nachgelassen. Die Werke von Ryan Coogler und Spike Lee haben übrigens in den USA jeweils mehr Umsatz gemacht als im Rest der Welt zusammen (das ist gerade wegen des stark wachsenden asiatischen Marktes ungewöhnlich).



BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t

Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.

Embed from Getty Images

Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.

Embed from Getty Images

Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.

Embed from Getty Images

Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.

Embed from Getty Images

Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.

Embed from Getty Images

Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.

Embed from Getty Images

Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).

Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:

BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)

BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.

Samstag, 9. Februar 2019

Driving Dr. Shirley: Green Book (8/10)



Das Grüne Buch für motorisierte Neger (so benannt nach dem Herausgeber, Victor Hugo Green, aber auch dem grünen Cover) war zwischen 1936 und 1966 ein wichtiger Begleiter für Schwarzamerikaner, insbesondere wenn sie in die Südstaaten reisten. Es listet Motels und Restaurants auf, in denen sie willkommen sind, und warnt u.a. vor "Sundown towns", in denen es Schwarzen verboten ist, sich nach Sonnenuntergang innerhalb der Stadtgrenzen zu bewegen. Das war offenbar auch 1962 noch gängige Praxis, als der Jamaika-stämmige Pianovirtuose Dr. Don Shirley zu einer Tour durch den "Tiefen Süden" aufbrach. Als Fahrer und Bodyguard engagierte er den Bouncer Tony "Lip" Vallelonga, und der musste sowohl seine Lippe (er nennt sich selbst einen genialen "Bullshitter") als auch seine Muskeln spielen lassen, um seinen Boss heil durch die Rassismushölle zu chauffieren. Die Konzertauftritte selbst, oft in Herrschaftshäusern, mit Unterstützung zweier russischer Kollegen an Kontrabass und Cello, wirken zunächst wie Kunstoasen in einer Wüste von Banausen, aber hinter der Fassade der Superreichen und Mächtigen verbergen sich die gleichen Dünkel und Vorurteile wie im Hinterland ("Wir haben die [farbigen] Bediensteten gefragt, was Ihnen wohl schmecken könnte...")

Embed from Getty Images

Green Book basiert auf Interviews, die Tonys Sohn Nick Vallelonga mit seinem Vater und Dr. Shirley (mit Titeln u.a. in Musik und Psychologie) geführt hatte (die beide 2013 verstarben). Das nach langer Entwicklungszeit mit Regisseur Peter Farrelly und dessen Kumpel Brian Hayes Currie fertiggestellte Produkt geht nun bei der Akademie als Originaldrehbuch ins Oscar-Rennen. Niemand muss sich also wundern, dass die Hauptfigur des Films Nicks Vater Tony ist. Es handelt sich nicht um eine Biographie von Don Shirley, und die nachträglichen Einwände von Shirleys Familie halte ich daher für sinnlos. Natürlich ist anzunehmen, dass die Freundschaft der beiden ungleichen Männer im Film stark übertrieben wird (auch wenn es durchaus verbriefte Aussagen Shirleys in diese Richtung gibt). Aber es ist nun mal Hollywood-Praxis, eine solche "wahre" Geschichte in zwei Stunden auf einen unterhaltsamen Kern zu reduzieren. Und die Begegnung zwischen dem derben, ungebildeten Italoamerikaner mit Mafia-Verbindungen und dem mehrsprachigen, vielgereisten Feingeist bietet genug Potential für Sentiment, aber auch Überraschungen. Immer wieder kollidieren die Welten des Familienmenschen und die des einsamen Künstlers, und dabei lernen beide dazu.

Embed from Getty Images

Schwerer als die Frage nach der Echtheit der Freundschaft wiegt schon der Vorwurf, dass der Film den alltäglichen Rassismus des Jahres 1962 verharmlost, oft verbunden mit Anfeindungen an den Regisseur, der bislang gemeinsam mit seinem Bruder Bobby Farrelly für meist überalberne Komödien bekannt ist (einsamer Glanzpunkt 1998: Verrückt nach Mary). Für mich wurden durchaus genug Repressalien gezeigt. Für meinen Geschmack hat Peter Farrelly genau den richtigen Ton für diesen Film getroffen, der weder Politthriller noch Anprangerung sein will, sondern nur eine kleine, warmherzige Geschichte erzählt, einen winzigen Mosaikstein im Porträt der 60er Jahre durch das Hollywood-Kino, welches sicher noch nicht abgeschlossen ist. Und er hat zwei glanzvolle Darsteller zu Oscar-Nominierungen geführt.

Embed from Getty Images

Mahershala Ali, in Hidden Figures noch Eye Candy, müsste eigentlich ein großer Star sein. Er hat eine Ausstrahlung, die mich an James Stewart erinnert, aber aufgrund seiner Hautfarbe ist er bislang auf Nebenrollen beschränkt. Das könnte ihm in diesem Jahr immerhin (nach Moonlight) den zweiten Oscar einbringen. Nächste Woche wird er schon 45, aber vielleicht klappt's ja noch mit den Hauprollen. Und, ich widerspreche mir, eigentlich spielt er in Green Book die zweite Hauptrolle, und stärker als zuvor zeigt er, was in ihm steckt. Sein Porträt eines Genies zwischen allen Stühlen, weder in der schwarzen Kultur verwurzelt noch vom weißen Publikum als Mensch anerkannt, ist absolut erstaunlich. Seinen Gegenpart hatte ich im Trailer erst gar nicht erkannt. Viggo Mortensen hat sich für die Rolle des Bodyguards nicht nur zehn Kilo angefuttert, sondern ist auch sonst in Tonys Haut geschlüpft, in seinen Sprachrhythmen und der Körpersprache, ohne jemals in Richtung Karikatur zu geraten. Das wäre wohl einfach gewesen, denn Tony Lip war nach seiner Chauffeurskarriere als Schauspieler u.a. in den Sopranos zu sehen. Aber Viggo schafft eine ganz eigene Figur, gerade zu Beginn nicht gerade sympathisch, aber immer nachvollziehbar. Und dafür, dass er 2001 bereits einen 87jährigen gespielt hat, trumpft der 60jährige mit unerschöpflicher Energie auf und überzeugt nun als junger Familienvater. Ihm zur Seite steht die wunderbare Linda Cardellini (Hawkeyes Ehefrau) in einer kleinen, aber wichtigen Rolle, auch als Empfängerin von Tonys (historisch verbürgten) Liebesbriefen, die mit etwas Poesienachhilfe von Don entstanden.

Embed from Getty Images

Es ist jetzt 30 Jahre her, dass Morgan Freeman die damals 80jährige Jessica Tandy zu ihrem Oscar-Gewinn chauffierte. Driving Miss Daisy ("Miss Daisy und ihr Chauffeur") war auch damals schon kein Meisterwerk, setzte aber ein Zeichen mit seinem Gewinn als Bester Film. In diesem Jahr sind die Voraussetzungen umgekehrt. Aber wieder gilt der Passagier als sicherer Oscar-Kandidat, und wieder würde ich diese Ehre eher dem Fahrer gönnen. Außerdem hoffe ich nicht, dass die Akademie in zwei Wochen diese Mücke einer Botschaft zum Elefanten des Besten Films macht. Das würde in meinen Augen das Verdienst dieses schönen Films eher schmälern, und wenn man schon um Proporz bemüht ist, sollte man den Hauptpreis eher an Black Panther vergeben. Viel wichtiger finde ich, dass mit Octavia Spencer eine schwarze Produzentin an Green Book beteiligt ist. Und übrigens: Ich hätte Peter Farrelly ja eine Nominierung als bester Regisseur gegönnt, aber viel erschrockener war ich, dass Urgestein Spike Lee in diesem Jahr zum ersten Mal in dieser Kategorie nominiert ist (vor drei Jahren wurde er bereits mit dem Ehrenoscar abgespeist, aber dazu voraussichtlich nächste Woche mehr). In einem Jahr ohne herausragenden Beitrag gilt der Golden-Globe-Gewinner immer noch als Top-Favorit für die Oscars. Bei mir kommt es wie die bisher gesichteten Konkurrenten über ein Sehr gut nicht hinaus (8/10).

Embed from Getty Images

Samstag, 2. Februar 2019

Meins! The Favourite (8/10)

The Favourite ist merkwürdig vom Vor- bis zum Abspann, der zunächst von Elton Johns Skyline Pigeon (ärakonform nur mit Cembalobegleitung) und dann nur noch von Vogelgezwitscher untermalt ist. Das ist keine Überraschung für Kenner des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos, der vor seinem Ausflug nach Hollywood sein Publikum bereits mit etlichen selbsterdachten Arthouse-Hits verstört hatte. In Dogtooth (2009, 1/10) wurden da drei Teenager von ihren Eltern gefangengehalten und mit Sprachverwirrungen terrorisiert, in seinem ersten englischsprachigen Film The Lobster (2015, 4/10) nonkonforme Bürger in Tiere verwandelt. Aber diesmal ist alles anders! Vor allem wohl, weil das Drehbuch nicht vom Regisseur (und seinem regulären Co-Autor Efthymis Filippou) stammt, sondern auf einem aus historischen Gerüchten entstandenen Originaldrehbuch der bislang unbekannten Deborah Davis beruht, welches wohl vom TV-erfahrenen Tony McNamara "aufgefrischt" wurde. Die Kombination der vielschichtigen Vorlage mit der schrägen Inszenierung funktioniert bei diesem Oscar-Favoriten prächtig.



Großen Anteil daran hat allerdings auch das Darstellertrio. Nominell in der Hauptrolle (und dadurch auch Oscar-Favoritin) spielt Olivia Colman mit viel Mut zur Häßlichkeit (und zusätzlich angefutterten Pfunden) die schicksalsgeplagte Queen Anne, die England von 1702 bis 1714 regierte. Schon zeitgenössische Porträts zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild der Matrone, deren 17 Kinder alle nicht überlebten, und die nach dem Tod des Ehemanns ihre letzten Jahre einsam und kränklich verbrachte. Das eröffnete das Spielfeld für die beiden historisch verbürgten Nebenbuhlerinnen um die Gunst der Königin. Früh etabliert war Annes Altersgenossin Sarah Churchill, Herzogin von Marlborough (Rachel Weisz), die lange die Geschicke des Landes steuerte, bis ihr schließlich ihre jüngere Cousine Abigail Hill (Emma Stone) den Einfluss streitig machte. Eigentlich ist es absurd, dass Emma Stone und Rachel Weisz nun als Nebendarstellerinnen ins Oscar-Rennen gehen, in dem allerdings Regina King (Beale Street) Favoritin ist. Es ist jedenfalls ein ungeheures Vergnügen, den drei Hofdamen beim Tanz zuzuschauen. Dagegen sind die Männer am Hofe Staffage, etwa Sarahs Ehemann und General ("Mycroft" Mark Gatiss), Oppositionsführer Harley (Nicholas Hoult), ganz zu schweigen von Abigails armseligem Gatten, zu dem mir jetzt weder Gesicht noch Name einfällt. Immerhin ist ihm eine der acht Kapitelüberschriften gewidmet: "Welch ein Outfit!"

Embed from Getty Images

The Favorite ist natürlich ein Kostümfilm, mit herrlich überzogenen Gewändern, Perücken und Schminkmasken, und damit sind vor allem die Männer beschrieben. Offenbar versuchte der englische Hof die Dekadenz des feindlichen Sonnenkönigs Ludwig XIV. noch zu übertreffen. Dazu kommt die opulente Ausstattung der Schlafgemächer, Speisesäle und Besprchungsräume. Aber entgegen der Konvention schwelgt die Kamera nicht in der Bebilderung dieser Opulenz, sondern zeigt die formale Schönheit quasi aus der Sicht der kleinen Leute, der Bediensteten, für die das Schloss kaum Museumscharakter hatte, sondern sicher vor allem ein beängstigender Ort war, wo ein Blick in die falsche Richtung schnell den Zorn der Monarchin erwecken konnte (wenn sie gerade meinte, "wie ein Dachs" auszusehen). So gibt es durch extreme Weitwinkelaufnahmen fast keine geraden Linien, sondern man sieht buchstäblich Gewölbe, mit schier unendlichen Korridoren und zugigen Kaminzimmern. Genauso schräg ist die Musikuntermalung, die teilweise aus zeitgenössischen Stücken und teilweise aus atonalen Spannungsmomenten besteht, manchmal sogar geschickt übereinander gemischt. So entsteht formal so etwas wie ein "Anti-Kostümfilm".

Embed from Getty Images

Obwohl die Figuren und der grobe geschichtliche Ablauf verbürgt sind, ist die Handlung von The Favourite reine Fantasie. Unter dieser Prämisse entstehen die besten Historienfilmen, denn sie können zwar eine vergangene Zeit heraufbeschwören, spiegeln aber notwendig unsere Gegenwart. Und was könnte aktueller sein als die Geschichte von Politikern, die das Wohl des Landes oder gar des Volkes zwar auf den Lippen, aber kaum im Herzen tragen? So werden Entscheidungen aufgrund des Wohlklangs der Argumente getroffen. Mit einem Feldzug ist es wie mit einer Party: Man sollte modegerecht zu spät kommen! Und das Volk soll ruhig hungern, denn nur mit einer Steuererhöhung kann der General ruhmreiche Schlachten schlagen! Der Mann mit der schönsten Perücke (gleichzeitig der geschickteste Intrigant) soll Premierminister werden! Ja, es gibt hier viel zu Lachen, aber manchmal bleibt die fette Mahlzeit einem doch im Halse stecken. Komischer Höhepunkt ist übrigens ein historisch zweifelhafter Balztanz der Herzogin, der die Königin vor Eifersucht fast tobsüchtig macht (aber Sarah hat so ihre Mittel, um die Herrscherin wieder zu beruhigen).



So bizarr die Vorgänge auch sind, so schräg das ganze abgefilmt ist, so kalt und berechnend die Handlungen der Hauptfiguren oft sind, so anrührend ist doch das Schicksal der drei Frauen in Szene gesetzt, selbst das von Abigail, eine Paraderolle für Emma Stone, die noch nie so scheußlich unsympathisch agieren durfte. Für mich jedenfalls hat der Widerspruch von bizarrem Spaß und feinem Pathos fabelhaft funktioniert. Sehr gut (8/10)!