Spotlight bezieht seinen Titel aus der Bezeichnung für ein Journalistenteam beim Boston Globe, das zu speziellen Themengebieten monatelang, manchmal über ein Jahr recherchiert, bevor auch nur eine Zeile veröffentlicht wird. Mir war nicht klar, dass in unserer schnelllebigen Zeit noch in solchen Aufklärungsjournalismus investiert wird, und es ist nicht absehbar, ob das noch lange so möglich sein wird. Zwischen 2001 und 2003 untersuchte das vierköpfige Team Kindesmissbräuche durch katholische Priester und insbesondere deren systematische Vertuschung durch die katholische Kirche. Dafür wurde es 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Allein in Boston wurden aufgrund ihrer Arbeit fast 90 Übeltäter und über 1.000 Opfer identifiziert.
Zeitungsreporter sind kein beliebtes Kino-Sujet. Das herausragende Drama um die Watergate-Enthüllung
Die Unbestechlichen (Alan J. Pakula, im Englischen pfiffiger:
All The President's Men) ist nun genau 40 Jahre alt, und Billy Wilders bissige Satire
Ace in the Hole (mit dem plakativen deutschen Titel "Reporter des Satans") hat noch 25 Jahre mehr auf dem Buckel. Fernsehreporter werden etwas öfter porträtiert, so im gleichen Jahr wie
Die Unbestechlichen im schwarzhumorigen, mir etwas zu überdrehten
Network, und vor zehn Jahren in George Clooneys überzeugender, von Herzen kommender Biographie
Good Night, and Good Luck. 2010 gab es dann mit
Morning Glory noch eine schöne Komödie zum Thema, mit Harrison Ford, Diane Keaton und übrigens ebenfalls Rachel McAdams.
Im Zentrum von
All the President's Men standen die kraftvolle Hauptfiguren, mit Dustin Hoffman und Robert Redford durch zwei der größten Stars der 70er besetzt.
Spotlight hingegen ist ein Ensemble-Film, bei dem die Recherche im Vordergrund steht. Das Internet hatte noch lange nicht die heutige Durchdringung des öffentlichen Lebens erreicht, und so sehen wir Sachbearbeiterinnen, wie sie in düsteren Kellern Papierberge durchstöbern, juristische Wortgeplänkel mit Winkeladvokaten, und immer wieder Interviews, die auf herkömmlichen Notizblöcken dokumentiert wurden. Der Seifenopernanteil entfällt völlig, es gibt weder Liebesgeschichten noch Eifersuchtsdramen. Und trotzdem ist allein der Prozess der Wahrheitsfindung ungemein spannend, selbst wenn man das Ergebnis grob kennt. Vielleicht habe ich mich ja von Howard Shores klavierbestimmter Hintergrundmusik manipulieren lassen, aber ich habe mich lange nicht mehr so niveauvoll unterhalten gefühlt.
Obwohl oder vielleicht gerade weil keine Superstars beteiligt sind, erscheinen die Figuren fast dokumentarisch real. Die Darsteller haben ihre Vorbilder offenbar sorgfältig studiert und vermitteln überzeugend die Freude, aber auch die Frustrationen und Zwiespältigkeiten des Berufs. Fast scheint es Konzept, dass hier ehemalige Superhelden zu Alltagshelden werden. Primus inter pares ist Michael Keaton (Batman) als Teamleiter, unglaublich zurückhaltend und nuanciert, und doch kann man nicht genug bekommen von diesem Charaktergesicht. Seit seiner
letztjährigen Oscar-Nominierung feiert der gelernte Komiker ein kleines Comeback, und auch wenn er im September seinen 65. Geburtstag feiert, darf man von ihm noch Großes erwarten. In diesem Jahr wurden Mark Ruffalo (Hulk) und Rachel McAdams (Irene Adler aus den Holmes-Filmen mit Robert Downey Jr. und Jude Law), fast möchte ich sagen, beispielhaft nominiert, denn genauso überzeugend waren neben Michael Keaton auch Liev Schreiber (Sabretooth) als mutiger Herausgeber, John Slattery (Howard Stark) als sein Stellvertreter, Stanley Tucci (Erfinder des Captain-America-Superserums) als mitfühlender Anwalt und Billy Crudup (Dr. Manhattan aus
Watchmen) als schmieriger Anwalt.
Der 50jährige Regisseur Tom McCarthy hat seit seinem fulminanten Debut
The Station Agent (2003, mit "Tyrion" Peter Dinklage in der Hauptrolle) noch einen Volltreffer gelandet mit
Ein Sommer in New York (2007, Oscar-Nominierung für Richard Jenkins), dazu kam 2011 das ordentliche
Win Win mit Paul Giamatti und 2014 ein kleiner Flop mit
Der Schuhmagier.
Spotlight ist also erst sein fünfter Film, und er kann sich durchaus Chancen auf den Regie-Oscar ausrechnen. Mein Favorit ist er ohnehin, denn von Iñárritus Selbstgefälligkeit habe ich erstmal genug. Ich fürchte allerdings, dass es beim Preis für das Originaldrehbuch bleibt, das McCarthy gemeinsam mit Josh Singer verfasst hat (der ein wenig
West-Wing-Atmosphäre beizutragen hatte). Damit wäre der Film in guter Gesellschaft, denn
Die Unbestechlichen mussten sich 1977 ebenfalls geschlagen geben - nicht etwa Scorseses ebenfalls nominiertem Meisterwerk
Taxi Driver, auch nicht dem genannten Mitkandidaten
Network oder der bewegenden Woody-Guthrie-Biographie
Dieses Land ist mein Land, sondern der dumpfbackigen Boxer-Schmonzette
Rocky (dessen unerträglicher Star gerade Oscar-Favorit für die Nebenrolle im Sequel
Creed ist).
Auch wenn
The Revenant als Favorit ins Rennen geht, ist
Spotlight für mich eine späte Überraschung und der mit Abstand beste der acht nominierten Filme (ok,
Raum konnte ich noch nicht begutachten). Immerhin hat er sein bescheidenes Budget in den USA wieder eingespielt. Auch in Deutschland wird es nur für einen Bruchteil der 2,5 Millionen Zuschauer reichen, die bisher Leos Passionsspiel sehen wollten. Bleibt zu hoffen, dass dies ein Klassiker fürs Heimkino wird. Herausragend (9/10).