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Montag, 29. Februar 2016

Nach den Oscars

Herzlichen Glückwunsch, Leonardo DiCaprio! 

Es ist geschafft. Nachdem er den ganzen Abend einen leicht gequälten Eindruck hinterlassen hatte, nahm Leo das Ereignis nicht als selbstverständlich hin. Er hat er in dieser Saison immerhin oft genug proben können, um eine flüssige, nur leicht einstudiert wirkende Rede zu halten. Die Standing Ovation kam jedenfalls von Herzen, und sichtlich bewegt bedankte er sich artig bei Marty und vielen anderen Mentoren. Auch Kate war gerührt ob seines mit dem Dank verknüpften Aufrufs, den Klimawandel ernst zu nehmen.


Bravo, Chris Rock!


Das war die beste Oscar-Moderation seit langem (besonders der Monolog). Es ist wohl leider so, dass Komiker von Konflikten leben. Jedenfalls habe ich mehrfach laut lachen müssen. Trotzdem haben manche seiner Einwürfe das Thema Diversität klüger kommentiert als z.B. die (ebenfalls schwarze) Akademiepräsidentin. Überhaupt war die Show einigermaßen kurzweilig, bis auf den Auftritt von Sam Smith, dessen Bond-Song mich immer noch nicht überzeugt. Aber das mag ein Generationenproblem sein.


Hurra Brie Larson, Mark Rylance und Alicia Vikander!

Da haben in den Nebenrollen einmal meine Favoriten und nicht die Gesetzten gewonnen. Was die Hauptrolle betrifft, bin ich jetzt sehr gespannt auf Brie Larsons Film Raum.


Mark Rylance war ganz britische Eloquenz und dankte vor allem Steven Spielberg, "einem der besten Geschichtenerzähler unserer Zeit". Wer wollte ihm da widersprechen. Und - würde es etwas ändern?


Wie Brie Larson ist auch Alicia Vikander noch keine 30, und lange nach Ingrid Bergman müssen sich die Amerikaner wieder an einen schwer auszusprchenden Namen und die Spur eines schwedischen Akzents gewöhnen. Während Kate Winslet mit Heimvorteil bereits ihren dritten BAFTA einheimsen konnte, würdigte die Akademie die Richtige, wenngleich eigentlich in der falschen Kategorie (sie spielt im Dänischen Mädchen definitiv die zweite Hauptrolle).


Willkommen zurück, Tracy Morgan!

Nach langer Krankheit spielt der Star aus 30 Rock in einem kurzen Spot das alternative Danish Girl.

Gute Reihenfolge (fast)

Die Idee, die Reihenfolge der Preisverleihung dem Entstehungsprozess eines Filmes anzupassen, hat bis zu einem gewissen Punkt funktioniert. Aus Spannungsgründen wurden Regisseur und Schauspieler aber entgegen dem Konzept zu spät ausgezeichnet.

Sacha Baron Cohen und Olivia Wilde

Molto bene, Ennio Morriocone!

Selten gelingt es einem Gewinner des Ehrenoscars, danach noch einen regulären Preis zu gewinnen. Zuletzt vollbrachte meiner Erinnerung nach Paul Newman dieses Kunststück, den man 1986 offenbar zu früh ehrte, denn im Folgejahr gewann er für Die Farbe des Geldes, und war darüber hinaus bis 2003 noch zweimal nominiert. Dem 84jährigen John Williams wäre es diesmal mit seiner 35. Nominierung wohl selbst peinlich gewesen, wenn er den noch drei Jahre älteren Kollegen ausgestochen hätte. Der Maestro musste fast auf die Bühne getragen werden und hielt seine Dankesrede mit Hilfe eines Dolmetschers auf Italienisch. War dann auch egal, für welchen Film die Auszeichnung galt. Die Statue übergab die Musiklegende Quincy Jones, auch schon jenseits der 80.


Schade, Lady Gaga!

Ihr nominiertes Lied sang sie mit Leidenschaft, und zum Schluss geriet ihr Auftritt noch zu einer Mini-Demo gegen sexuelle Gewalt an amerikanischen Universitäten. Selbst Gewinner Sam Smith fühlte sich berufen, ihr zu gratulieren.

 Gut gebrüllt, Mad Max!

Die "technischen" Preise gingen fast alle an Mad Max: Fury Road: Schnitt, Makeup, Kostüme (Jenny Beavan gewann bereits 1994 für Zimmer mit Aussicht), Ausstattung, Sound (Schnitt und Mix, was kaum jemand unterscheiden kann). Geht in Ordnung - warum ausgerechnet die Bildgestaltung des Rückkehrers gewann, und damit zum dritten Mal in Folge der Mexikaner Emmanuel Lubezki, erschließt sich mir nicht.

Costume Design mit Range: Jenny Beavan


Wow, Ex Machina!

Die größte Überraschung des Abends war der Preis für die Spezialeffekte, der nicht an einen der Bombastfilme Mad Max, Star Wars, Der Marsianer und Der Rückkehrer ging, sondern mit Ex Machina an den besten SF-Film des Jahres, dessen fast unauffälligen Effekte nahtlos die Geschichte unterstützen.
Andy Serkis präsentiert den Preis für die besten Spezialeffekte




Basta, Alejandro!

Während ich mich für Leo noch freuen kann, ist der Regie-Oscar für Iñárritu einfach übertrieben. Strapazen allein machen noch keine künstlerische Leistung aus. Wenn Linklater letztes Jahr gewonnen hätte, könnte ich dieses Ergebnis vielleicht eher verstehen. So scheint mir dieser mexikanische Hatrick ziemlich hohl.

Ende gut, alles gut!

Morgan Freeman verliest den Gewinner






Michael Keaton freut sich


Der Beste Film 2015: Spotlight


Sonntag, 28. Februar 2016

Vor den Oscars

Zum wiederholten Male hat mich die Qualität der nominierten Filme nicht überzeugt, und von Jahr zu Jahr sinkt das Erwartungsfieber. Als Show ziehe ich ohnehin die Globes und die BAFTAS (solange Stephen Fry moderiert) vor. Trotzdem folgen ein paar Gedanken und mein Tip in den Hauptkategorien.


Bester Film

Abgesehen von Love & Mercy fehlt in dieser Liste definitiv das Ghetto-Drama Straight Outta Compton. Ich möchte mir eine Besprechung nicht anmaßen, aber trotz dramaturgischer Schwächen in der zweiten Hälfte ist dies ein kraftvoller Beitrag zu einer mir ziemlich fremden Subkultur. Der Hollywood Reporter hat zum Thema Diversität einen interessanten Gastbeitrag des (drittrangigen) Regisseurs Rod Lurie veröffentlicht.Er schlägt vor, die Nominierungen von einem einigermaßen paritätisch besetzten Komitee der jeweiligen Akademiezweigs bestimmen zu lassen, während die Schlussabstimmung wie bisher von allen Mitgliedern durchgeführt werden sollte. Tatsache ist, dass gerade die "arbeitenden", jüngeren Akademiemitglieder einfach nicht die Möglichkeit haben, alle in Frage kommenden Filme zu sichten. Man kann aber schon erwarten, dass die Abstimmenden pro Kategorie alle nominierten Beiträge gesehen haben (das ist leider nicht selbstverständlich - ich habe schon mehrfach Zitate gelesen wie "Ich habe viel Gutes über diesen Film gehört, also werde ich für ihn stimmen").


Mein Favorit: Spotlight
Tip: Der Rückkehrer

Beste Regie

  • George Miller (Fury Road)
  • Lenny Abrahamson (Raum)
  • Adam McKay (The Big Short)
  • Alejandro G. Iñárritu (Der Rückkehrer)
  • Tom McCarthy (Spotlight)

Mein Favorit: Tom McCarthy
Tip: Alejandro G. Iñárrit


Bestes Originaldrehbuch

  • Pete Docter et al.: Alles steht Kopf (6/10)
  • Andrea Berloff, Jonathan Herman et al.: Straight Outta Compton (7/10)
  • Matt Charman, Ethan & Joel Coen: Der Unterhändler (8/10)
  • Alex Garland: Ex Machina (8/10)
  • Tom McCarthy, Josh Singer: Spotlight (9/10)
Ironischerweise sind die weissen Autoren des Dramas über die bahnbrechende Hip-Hop-Gruppe NWA ("Niggaz Wit Attitudes") nominiert.

Mein Favorit: Spotlight (oder Ex Machina)
Tip: Spotlight


Bestes Adaptiertes Drehbuch

  • Emma Donoghue: Raum (?)
  • Drew Goddard: Der Marsianer (6/10)
  • Phyllis Nagy: Carol (7/10)
  • Nick Hornby: Brooklyn (7/10)
  • Adam McKay: The Big Short (8/10)
Eigentlich müsste ich ja für Cabin in the Woods-Regisseur und Co-Autor Drew Goddard sein ;-) The Big Short lebt mehr von den Darstellern als dem Script.

Mein Favorit: Nick Hornby
Tip: Adam McKay


Beste Hauptdarstellerin

  • Cate Blanchett (Carol)
  • Brie Larson (Raum)
  • Saoirse Ronan (Brooklyn)
  • Jennifer Lawrence (Joy)
  • Charlotte Rampling (45 Years)
Rampling und Larson habe ich noch nicht gesehen, daher:

Mein Favorit: Saoirse Ronan
Tip: Brie Larson


Bester Hauptdarsteller

Von Trumbo mit Breaking-Bad-Star Bryan Cranston kenne ich nur den Trailer, trotzdem:

Mein Favorit: Bryan Cranston
Tip: Leonardo DiCaprio


Beste Nebendarstellerin

  • Jennifer Jason Lee (The Hateful Eight)
  • Alicia Vikander (The Danish Girl)
  • Kate Winslet (Steve Jobs)
  • Rachel McAdams (Spotlight)
  • Rooney Mara (Carol)

Ironischerweise könnte Leo dieses Jahr mit Kate gleichziehen, nur um sie gleich wieder mit ihrer zweiten Statue davonschwimmen zu sehen. Ich fand ihre Darstellung aber lediglich kompetent, während Vikander mich gleich in zwei Filmen überzeugt hat. Rachel McAdams war ebenfalls wundervoll, die erste Nominierung für die profilierte 38jährige ist jedenfalls hochverdient.

Mein Favorit: Alicia Vikander (oder Rachel McAdams)
Tip: Kate Winslet


Bester Nebendarsteller

  •  Mark Rylance: Bridge of Spies
  • Sylvester Stallone (Creed: Rocky's Legacy)
  • Tom Hardy (Der Rückkehrer)
  • Mark Ruffalo (Spotlight)
  • Christian Bale (The Big Short)

Es zeigt sich, dass manche nur lange genug ihre Fresse in die Kamera halten müssen, um am Ende ihrer Karriere Kultstatus zu erlangen. Es gab 2015 bestimmt Hunderte von verdienteren (womöglich sogar schwarzen) Darstellern.

Mein Favorit: Mark Rylance (oder Mark Ruffalo)
Tip: Sylvester Stallone

Samstag, 27. Februar 2016

MEIN Oscar-Favorit: Spotlight (9/10)

Spotlight bezieht seinen Titel aus der Bezeichnung für ein Journalistenteam beim Boston Globe, das zu speziellen Themengebieten monatelang, manchmal über ein Jahr recherchiert, bevor auch nur eine Zeile veröffentlicht wird. Mir war nicht klar, dass in unserer schnelllebigen Zeit noch in solchen Aufklärungsjournalismus investiert wird, und es ist nicht absehbar, ob das noch lange so möglich sein wird. Zwischen 2001 und 2003 untersuchte das vierköpfige Team Kindesmissbräuche durch katholische Priester und insbesondere deren systematische Vertuschung durch die katholische Kirche. Dafür wurde es 2003 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Allein in Boston wurden aufgrund ihrer Arbeit fast 90 Übeltäter und über 1.000 Opfer identifiziert.


Zeitungsreporter sind kein beliebtes Kino-Sujet. Das herausragende Drama um die Watergate-Enthüllung Die Unbestechlichen (Alan J. Pakula, im Englischen pfiffiger: All The President's Men) ist nun genau 40 Jahre alt, und Billy Wilders bissige Satire Ace in the Hole (mit dem plakativen deutschen Titel "Reporter des Satans") hat noch 25 Jahre mehr auf dem Buckel. Fernsehreporter werden etwas öfter porträtiert, so im gleichen Jahr wie Die Unbestechlichen im schwarzhumorigen, mir etwas zu überdrehten Network, und vor zehn Jahren in George Clooneys überzeugender, von Herzen kommender Biographie Good Night, and Good Luck. 2010 gab es dann mit Morning Glory noch eine schöne Komödie zum Thema, mit Harrison Ford, Diane Keaton und übrigens ebenfalls Rachel McAdams.


Im Zentrum von All the President's Men standen die kraftvolle Hauptfiguren, mit Dustin Hoffman und Robert Redford durch zwei der größten Stars der 70er besetzt. Spotlight hingegen ist ein Ensemble-Film, bei dem die Recherche im Vordergrund steht. Das Internet hatte noch lange nicht die heutige Durchdringung des öffentlichen Lebens erreicht, und so sehen wir Sachbearbeiterinnen, wie sie in düsteren Kellern Papierberge durchstöbern, juristische Wortgeplänkel mit Winkeladvokaten, und immer wieder Interviews, die auf herkömmlichen Notizblöcken dokumentiert wurden. Der Seifenopernanteil entfällt völlig, es gibt weder Liebesgeschichten noch Eifersuchtsdramen. Und trotzdem ist allein der Prozess der Wahrheitsfindung ungemein spannend, selbst wenn man das Ergebnis grob kennt. Vielleicht habe ich mich ja von Howard Shores klavierbestimmter Hintergrundmusik manipulieren lassen, aber ich habe mich lange nicht mehr so niveauvoll unterhalten gefühlt.


Obwohl oder vielleicht gerade weil keine Superstars beteiligt sind, erscheinen die Figuren fast dokumentarisch real. Die Darsteller haben ihre Vorbilder offenbar sorgfältig studiert und vermitteln überzeugend die Freude, aber auch die Frustrationen und Zwiespältigkeiten des Berufs. Fast scheint es Konzept, dass hier ehemalige Superhelden zu Alltagshelden werden. Primus inter pares ist Michael Keaton (Batman) als Teamleiter, unglaublich zurückhaltend und nuanciert, und doch kann man nicht genug bekommen von diesem Charaktergesicht. Seit seiner letztjährigen Oscar-Nominierung feiert der gelernte Komiker ein kleines Comeback, und auch wenn er im September seinen 65. Geburtstag feiert, darf man von ihm noch Großes erwarten. In diesem Jahr wurden Mark Ruffalo (Hulk) und Rachel McAdams (Irene Adler aus den Holmes-Filmen mit Robert Downey Jr. und Jude Law), fast möchte ich sagen, beispielhaft nominiert, denn genauso überzeugend waren neben Michael Keaton auch Liev Schreiber (Sabretooth) als mutiger Herausgeber, John Slattery (Howard Stark) als sein Stellvertreter, Stanley Tucci (Erfinder des Captain-America-Superserums) als mitfühlender Anwalt und Billy Crudup (Dr. Manhattan aus Watchmen) als schmieriger Anwalt.


Der 50jährige Regisseur Tom McCarthy hat seit seinem fulminanten Debut The Station Agent (2003, mit "Tyrion" Peter Dinklage in der Hauptrolle) noch einen Volltreffer gelandet mit Ein Sommer in New York (2007, Oscar-Nominierung für Richard Jenkins), dazu kam 2011 das ordentliche Win Win mit Paul Giamatti und 2014 ein kleiner Flop mit Der Schuhmagier. Spotlight ist also erst sein fünfter Film, und er kann sich durchaus Chancen auf den Regie-Oscar ausrechnen. Mein Favorit ist er ohnehin, denn von Iñárritus Selbstgefälligkeit habe ich erstmal genug. Ich fürchte allerdings, dass es beim Preis für das Originaldrehbuch bleibt, das McCarthy gemeinsam mit Josh Singer verfasst hat (der ein wenig West-Wing-Atmosphäre beizutragen hatte). Damit wäre der Film in guter Gesellschaft, denn Die Unbestechlichen mussten sich 1977 ebenfalls geschlagen geben - nicht etwa Scorseses ebenfalls nominiertem Meisterwerk Taxi Driver, auch nicht dem genannten Mitkandidaten Network oder der bewegenden Woody-Guthrie-Biographie Dieses Land ist mein Land, sondern der dumpfbackigen Boxer-Schmonzette Rocky (dessen unerträglicher Star gerade Oscar-Favorit für die Nebenrolle im Sequel Creed ist).


Auch wenn The Revenant als Favorit ins Rennen geht, ist Spotlight für mich eine späte Überraschung und der mit Abstand beste der acht nominierten Filme (ok, Raum konnte ich noch nicht begutachten). Immerhin hat er sein bescheidenes Budget in den USA wieder eingespielt. Auch in Deutschland wird es nur für einen Bruchteil der 2,5 Millionen Zuschauer reichen, die bisher Leos Passionsspiel sehen wollten. Bleibt zu hoffen, dass dies ein Klassiker fürs Heimkino wird. Herausragend (9/10).

Sonntag, 21. Februar 2016

Nostalgietrip: Hail, Caesar!

Beginnend mit Broadway Melody, dem (mittelmäßigen) Oscar-Gewinner von 1929, bestanden Hollywood-Musicals oft nur aus einer Reihe von Revue-Nummern, halbherzig zusammengehalten durch eine dünne Rahmenhandlung. Mit Hail, Caesar! verfolgen Ethan und Joel Coen offenbar ein ähnliches Schema. In Gestalt des Studio-Managers Eddie Mannix (Josh Brolin), der wie ein Marlowe-Klon durch Hollywoods Nachtleben geistert, geben die Brüder noch einen Schuss Noir hinzu (inklusive des nicht unbedingt erhellenden Voice-Overs von "Dumbledore" Michael Gambon), und fertig ist ihre Hommage an das Studiosystem der 50er. Oder ist es eine Persiflage, die Studie des Zerfalls eben dieses Systems? Ich persönlich hätte mir einen stärkeren roten Faden gewünscht. So zerfällt die Geschichte in viele einzelne, verschachtelte Episoden, von denen die meisten allerdings durchaus amüsant sind.


Die Werbung hat sich dabei auf George Clooney als Baird Whitlock konzentriert, der durch die Hauptrolle eines Monumentalfilms à la Ben Hur stolpert und nebenbei in die Hände von kommunistischen Autoren fällt - der zelluloidgewordene Traum von Senator Joseph McCarthy, mit einem an Die Russen kommen! Die Russen kommen! erinnernden Höhepunkt. Die beste Szene dieses titelgebenden Handlungsstranges ist allerdings die der Zensur zuvorkommende Diskussionsrunde mit kirchlichen Würdenträgern. Punkten kann dort vor allem Voyager-Doktor Robert Picardo als zynischer Rabbi, dem eine pietätvolle Darstellung Christi mehr als egal ist.


Dann wäre da Channing Tatum im Matrosenanzug, in einer Tanznummer, die aus On The Town stammen könnte. Und tatsächlich steppt der Stripperprinz besser als Frank Sinatra und singt besser als Gene Kelly (umgekehrt wäre es allerdings ein Wunder). Trotzdem fehlt No Dames der Funke, den die Vorbilder in den 40ern noch hatten. Gleiches gilt für das Wasserballett nach Symmetrie-Fetischist Busby Berkley, in dem Scarlett Johansson als Badenixe eine herrliche Esther-Williams-Kopie gibt. Dies ist ihr erster Auftritt für die Coens, seit sie 2001 als 17jährige Billy Bob Thornton in The Man Who Wasn't There den Kopf verdrehte. Diesmal muß Jonah Hill dran glauben, dessen einzige Szene bereits im Trailer zu sehen war - was sie natürlich nicht weniger komisch macht.


Zwischendurch gibt es weitere Ablenkung durch Cameos von Mrs. Joel Coen Frances McDormand, als konfuse Cutterin in einem schönen Sketch, und Tilda Swinton als Klatschreporterinnen (sie hat schon praktisch alles gespielt: Hexen und Vampire, Männer und Frauen, Königinnen und Sozialarbeiterinnen - warum also nicht Zwillinge). Und immer wieder versucht Eddie Mannix Ordnung ins Chaos zu bringen. Dabei muß er eine schwere Lebensentscheidung treffen: Soll er weiter als "Zirkusdirektor" das Image von wasserstoffblonden Starlets schützen, oder lieber in ein handfestes, "einfaches" Fach wechseln und Wasserstoffbomben vermarkten?


Trotz des genannten Star-Aufgebots hinterläßt allerdings ein Nachwuchstalent den stärksten Eindruck. Der 26jährige Kalifornier Alden Ehrenreich hatte bisher immerhin die Hauptrolle in Beautiful Creatures, einem der weniger schmerzhaften Beiträge der aktuellen YA-Schwemme, und einen kleinen Auftritt in Woody Allens Blue Jasmine als Cate Blanchetts Stiefsohn. Hier spielt er mit breitem texanischen Akzent einen (verspäteten) Roy-Rogers-Verschnitt. Der singende Rodeokünstler soll plötzlich in einem Prestigeprojekt eine dramatische Rolle übernehmen, zur Verzweiflung von Regisseur Laurence Laurentz (Ralph Fiennes, der sich nach Grand Budapest Hotel weiter seiner komischen Ader hingibt). Seit Alec Baldwin in 30 Rock hat niemand so gut einen so schlechten Schauspieler verkörpert. Trotzdem ist der Naivling ein Sympathieträger, spätestens wenn er sein vom Studio arrangiertes Date (die erfrischende Veronica Osorio) mit einem Spaghetti-Lasso unterhält. Er ist es übrigens auch, der den richtigen Verdacht ob der Entführung von Baird Whitlock äußert, auch wenn dieser einem Vorurteil über Komparsen entspringt. Wer allerdings Wayne Knight (Newman!) mit einer Leier in eine römische Orgie setzt, darf sich nicht wundern...


Bei Hail, Caesar muss man den Verdacht haben, dass die Ausführenden mehr Spaß als die Zuschauer hatten. Es ist ein amüsanter Nostalgietrip durch die Filmgeschichte, aber viele Szenen strapazieren die Geduld und dauern lange über den Punkt hinaus an, zu dem man schmunzelnd die cineastischen Parallelen anerkennt. Für den Eröffnungsfilm der Berlinale ist das in Ordnung, das breite Publikum wird aber weniger Verständnis für solche Exzesse haben. Mir persönlich hat's schon gefallen, ein Meilenstein im Werk der Coens ist es aber kaum. Gut (7/10).

Samstag, 13. Februar 2016

Marvel-Großkotz: Deadpool (8/10)

Die folgende Besprechung ist nicht für Jugendliche geeignet. Ernsthaft Kinder, verpisst Euch! Ihr habt hier nichts zu suchen! Und was den Rest betrifft: Mein Text spoilert den derben Sprachgebrauch und den Mangel an politischer Korrektheit dieser Comic-Verfilmung. (Damit sollte ich fast zwei Drittel meiner fünf Leser vergrault haben - aber mal ehrlich, welcher normaler Mensch liest schon überhaupt noch Kritiken.) Was die Handlung von Deadpool betrifft, gibt es ansonsten nicht viel zu sehen, was nicht bereits in tausend Variationen von der Leinwand geflimmert ist. Junge trifft Mädchen, Junge verliebt sich in Mädchen, Mädchen nimmt Geld für Sex, Mädchen verliebt sich in den Jungen, die beiden haben noch viel mehr Sex (vorzugsweise an amerikanischen Nationalfeiertagen). Und wie bei romantischen Komödien notwendig, kommt dann ein kleines Hindernis ins Spiel: Der Junge erkrankt unheilbar an Krebs (für Hispanophile: El Cancer), Junge verläßt Mädchen, Junge wird vom Schurken unter unerträglicher Folter zum X-Man mutiert, was zwar den Krebs heilt, aber als Nebenwirkung unansehnliche Akne hinterläßt. Wird der Junge sich an seinem Quälgeist rächen und das Mädchen zurückgewinnen können? Aber es liegt mir fern, über dieses Schema F zu urteilen; ich schreibe schließlich auch immer den gleichen Scheiss...


Nach seinem ersten verpatzten Auftritt als Deadpool in Wolverines lahmarschiger Origin-Story von 2009 machte sich Ryan Reynolds zwei Jahre später als Star des unfassbar albernen Abenteuers The Green Lantern zum Gespött des Fandoms. Lange wollte ihm niemand dieses grüne Loch des DC-Universums verzeihen, doch schließlich gab Marvel ihm und dem bewährten Autorenteam Rhett Reese und Paul Wernick (Zombieland) dann doch noch eine Chance. Das mit 58 Millionen Dollar kümmerliche Budget vertraute man immerhin einem erfahrenen Regisseur an: Tim Miller durfte in den letzten 15 Jahren bereits zwei Kurzfilme selbst drehen und für weitere drei Kurzfilme als ausführender Produzent zeichnen. Um fair zu bleiben, muß man auch erwähnen, daß er als einer von etwa 250 Fachleuten für die (tatsächlich erstaunlichen) visuellen Effekte von Edgar Wrights abgefahrener romantischen Nerdkomödie Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt verantwortlich war.

Nicht im Film: Hugh Jackman

Jedenfalls machte das Studio definitiv zu wenig Kohle locker, um irgendeinen Star der X-Men verpflichten zu können. Daher hat Hugh Jackman ("Sexiest Man Alive") nur ein Cameo als Magazincover. Seine Gage hätte ja ein Drittel des Budgets aufgefressen. Aber auch Professor X sucht man vergebens (nicht mal für die Billigvariante McAvoy hat's gereicht). Stattdessen muss den Fans sein berühmtes Schulgebäude genügen, nur der BX-Man Colossus gewährt Deadpool widerwillige Unterstützung (und spricht diesmal aus mithilfe von Zeitverschlingungen sicher erklärbaren Gründen mit russischem Akzent).


Auch bei den Schurken war Sparen angesagt. Den selbstredend britischen Folterer Francis (Verzeihung, Ajax - wie das Putzmittel) gibt Ed Skrein, der für drei Folgen in Game of Thrones Daenerys' Spielzeug Daario Naharis mimen durfte, bevor er aufmuckte und durch den niederländischen Softie Michiel Huisman ersetzt wurde. Um möglichst vielen Zielgruppen gerecht zu werden, haben beide einen weiblichen Sidekick: Colossus eine feurige junge Auszubildende, deren zungenbrecherischen Mutantennamen ich schon wieder vergessen habe, Ajax eine abgefuckte Amazone mit Titten, die Russ Meyer Freudentränen in die Augen getrieben hätten (und die ihr gegen den schüchternen Colossus als schärfste psychologische Waffe dienen).


Eine Entscheidung hat jedenfalls mitten ins Brünette getroffen. Morena Baccarin zeigt nach anfänglicher Sprödigkeit, dass ihr Herz am rechten Fleck sitzt, und auch sonst werden ihre ideal angeordnen Körperteile perfekt in Szene gesetzt.  Die schöne Brasilianerin hat schon für Joss Whedon eine Kurtisane gespielt, aber so geheimnisvoll und zerbrechlich ihre Inara aus Firefly war, so vulgär und erfrischend ist nun ihre Vanessa. Auch wenn die 36jährige im letzten Jahrzehnt meist in kleineren Fernsehrollen zu sehen war, empfiehlt sie sich hier für größere Auftritte (sie erwartet allerdings zunächst einmal ihr zweites Kind).


Jetzt die große Überraschung: Irgendwie ist es diesem zusammengewürfelten Team allen Unkenrufen zum Trotz gelungen, ein krass-spaßiges Filmerlebnis auszubrüten. Die Erzählstruktur ist pfiffig, alles beginnt mit einem überdrehten Actionspektakel, bevor dann in gut dosierten Rückblenden die Vorgeschichte präsentiert wird. Nachdem diese auserzählt ist, verliert die Handlung ein wenig an Fahrt, und das Showdown ist in alter Marvel-Tradition dann etwas ermüdend. Es gibt halt nur endlich viele Variationen, wie fünf praktisch unkaputtbare Mutanten aufeinander einprügeln können. Trotzdem ist Deadpool, wenn schon kein Heldenepos, dann doch ziemlich Super. Man muß einfach Respekt vor der dargebotenen Respektlosigkeit haben. Vielleicht war es Zeit, dass sich die Marvel-Maschine mal ordentlich auf die Schippe nahm. Im Mai wird der Ernst mit X-Men: Apocalypse und Captain America: Civil War schon früh genug zurückkehren. Und übrigens: Wer hätte gedacht, dass die Wham-Schnulze Careless Whisper ein Plätzchen in einem Actionfilm finden könnte? In diesem Sinne: Alles Gute zum Valentinstag! Sehr gut (8/10).

Samstag, 6. Februar 2016

Acht Ärgernisse: The Hateful Eight (1/10)

1. Tarantinos Ego

Tarantinos Ego ist inzwischen offenbar so aufgeblasen wie das verwendete spezielle 70mm-Bildformat, für das weltweit 50 Kinos für angeblich über 10 Millionen Dollar aufgerüstet wurden. Tatsächlich gibt es ein paar schöne Bilder, insbesondere tolle Kutschenfahrten im Schnee, aber ob das einen Oscar für die beste Kameraführung rechtfertigt? Gemessen an den Produktions- und Werbekosten ist der Western, den die Weinstein-Company prahlerisch als "Tarantinos achten Film" ankündigt, ein ziemlicher Flop. Ein wenig Schadenfreude kann ich nicht abstreiten.



2. Dünne Handlung

Die Handlung der Hasserfüllten Acht würde kaum für einen Kurzfilm ausreichen, geschweige denn für ein dreistündiges Epos. Wenige Jahre nach dem amerikanischen Bürgerkrieg sucht ein Kopfgeldjäger (Kurt Russell) mit seiner Gefangenen in einem Blizzard Zuflucht in Minnies Haberdashery (ein Gasthaus und Kleinwarengeschäft, das wohl nur so heißt, weil dem Autor der Klang gefiel). Unter den Anwesenden vermutet er (zu recht) Verbündete der Todgeweihten, auf die immerhin 10.000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt sind. Die möglichen Variationen sind begrenzt, genauso wie die Abfolge der Todesfälle (wie von Tarantino zu erwarten, gibt es am Ende nicht viele Überlebende). Epische Länge erfordert auch eine epische Geschichte!

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3. Schwache Dialoge

Tarantinos berühmte Dialoge haben immer noch ihren unverwechselbaren Rhythmus, strotzen hier aber vor Trivialitäten. Es wird ja gern behauptet, manche Stars könnten selbst das Telefonbuch vorlesen und dem noch Unterhaltungswert abtrotzen. Nun, hier kann man die Probe aufs Exempel machen: Wo sind die Kaffeebohnen? Was kosten die Lakritzstangen? Darf ich mich zu Ihnen setzen? Diskussionen über Cheeseburger und Fußmassagen darf man hier nicht erwarten. Der interessanteste Kniff ist noch ein angeblicher Brief von Abraham Lincoln an den schwarzen Bürgerkriegs-Leutnant. Bodenlos flach ist die in kurzer Rückblende erzählte Demütigung des Generalssohns.



4. Enttäuschende Musik

Die Musik des 87jährigen Ennio Morricone ist eine ziemliche Enttäuschung. Gefühlt höchstens über ein Drittel der Laufzeit eingesetzt, ist sie wenig melodisch und legt vor allem eine atemlos-spannende Stimmung über die malerischen, ansonsten aber inherent langweiligen Szenen. Angeblich nutzte der Meister teilweise verworfene Stücke für das (m.E. misslungene) Carpenter-Remake von Das Ding, übrigens ebenfalls mit Kurt Russell in der Hauptrolle. An sich wäre es schön, wenn Morricone nach seinem Ehrenpreis mal einen regulären Oscar gewinnen würde. Es ist schließlich schandhaft, daß ein John Williams fünf Statuen einheimsen konnte und der ihm künstlerisch sicherlich ebenbürtige Italiener noch nie ausgezeichnet wurde.


5. Flache Figuren

Für keine der zehn in der Haupthandlung auftauchenden Figuren konnte ich mich so recht erwärmen. Sie sind nicht nur verabscheungswürdige Individuen, sondern auch sehr eindimensional charakterisiert. Für mich wirkt es eher wie Faulheit des Regisseur, wenn seine Stars ihre bekannten Archetypen variieren und sich lediglich auf ihre naturgegebene Bühnenpräsenz verlassen. Insbesondere Kurt Russell, Samuel L. Jackson, Tim Roth und Bruce Dern glänzen in der eitlen Kunst der Selbstdarstellung. Am meisten hat mich noch der relative Tarantino-Neuling Walton Goggins überzeugt (in Django Unchained spielte er den Aufseher, der Django gegen Ende kastrieren möchte).



6. Oscar-Nominierung für die Beste weibliche Nebenrolle

Warum nun ausgerechnet Jennifer Jason Leigh mit einer Oscar-Nominierung belohnt wurde, erschließt sich mir nicht. Zwar hat sie die wenigsten Dialoge und daher eine vom Drehbuch wenig gestaltete Rolle, aber sie nutzt diesen Freiraum nur, um noch abscheulicher und widerwärtiger als ihre männlichen Kollegen daherzukommen. Ihre Figur ist allerdings eine Singularität in der Kinogeschichte, ein weiblicher Prügelknabe, fluchend und Galle spuckend, der von Szene zu Szene geschundener und häßlicher wirkt.



7. Langeweile

Wenn man sich schon mit den Figuren nicht identifizieren kann, ist es mit der Spannung schwierig. Die spannendsten Szenen aus Django Unchained (das Dinner beim Plantagenboss) und Inglorious Basterds (das Verhör im Blockhaus, die Kartenrunde im Keller) rührten aus Reibungen der Figuren her und waren für sich perfekte Miniaturthriller (übrigens jeweils mit Christoph Waltz im Mittelpunkt, an dessen Süffisanz Tim Roth hier nicht herankommt). Daher wirken die als spannend konzipierten Szenen, etwa um den vergifteten Kaffee, eher befremdend, und man wartet fatalistisch auf die Entladung der Stimmung, die dann wie vorhergesehen eher einer Verpuffung gleicht.



8. Das war nix

Langsam muß man akzeptieren, dass Tarantino die Fähigkeit verlorengegangen ist, aus Versatzstücken der Filmgeschichte neue Filmkunst zu schaffen. So hatte ich etwa an einem offensichtlichen Vorbild, King Hus Die Herberge zum Drachentor von 1967, genau den Spaß, den mir The Hateful Eight nicht bringen konnten. Hier kommt in der Summe viel weniger raus, als man vom beteiligten Talent hätte erwarten können. Ärgerlich (1/10).