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Samstag, 27. August 2016

Now You See Me Again: Die Unfassbaren 2 (3/10)

Lumos


Nachdem die Geschichte der vier apokalyptischen Reiter vor drei Jahren ein Überraschungshit wurde, der weltweit immerhin das fünffache seines Budgets einspielte, mußte natürlich eine Fortsetzung her. Louis Leterrier gab die Regie an den Tanzspezialisten und Justin-Bieber-Fan Jon M. Chu ab, und vorab kann ich bereits bestätigen, dass alle Tanzszenen des Hokuspokus-Spektakels gelungen sind. Nach einem ähnlichen Zuschauerzuspruch wie beim ersten Mal ist der dritte Teil bereits beschlossen. Ob dann Mélanie Laurent wieder auftaucht?



Confundo

Aufgrund ihrer Schwangerschaft musste die ohnehin blasse Isla Fisher hier den Zauberstab an TV-Sternchen Lizzy Caplan weitergeben, die allerdings auch keine magische Aura aufbauen kann. Für den Erfolg am chinesischen Markt garantieren Tsai Chin (Man lebt nur zweimal) und das taiwanesische Musiker-Idol Jay Chou sowie Macau als zentraler Drehort des zweiten Akts. Der eigentliche Besetzungs-Coup ist allerdings der Auftritt von Daniel Radcliffe als Schattenguru der Technikwelt mit modisch gestutztem Vollbart , zu Beginn durchaus spaßig, bis die Darstellung des emeritierten Harry Potter etwa ab der Halbzeit wie die seiner Kollegen in sich zusammenfällt (er spielt übrigens - Spoiler-Rätsel - den illegitimen Sohn eines der Altstars). Vermisst habe ich nur Mélanie Laurent.



Geminio

Zwei Steaks schmecken besser als eines - das müssen sich die Autoren wohl eingeredet haben, als sie Woody Harrelson verdoppelten. Sein Wunder-Hypnotiseur hatte selbst im Orginal schon die Glaubwürdigkeit der Tricks strapaziert. Diesmal ist es unmittelbar albern, wie sich die Zwillingsbrüder gegenseitig über den paraphysischen Tisch ziehen. Wenn schon, dann hätte ich mich über ein Spiegelbild von Mélanie Laurent gefreut.



Riddiculus

Dann gibt es da die Szene mit der magischen Codekarte, die irgendwie alle Computer der Welt aufschließen kann, von der es aber offenbar nur eine Kopie gibt, die in einem superfuturistischen Gebäude aufbewahrt wird. Hätte ich dem Film ja alles abgekauft! Selbst dass plötzlich alle vier Zauberer Spielkarten wie Gummibälle jonglieren können. Aber auch dem arglosesten Zuschauer wird sich wohl nicht erschließen, warum die gestohlene Karte immer am Körper desjenigen Reiters versteckt sein muss, der gerade die Leibesvisitation über sich ergehen lässt. Schade - das hätte die schönste Szene des Jahres werden können (sie enthält übrigens die einzige Tanzeinlage). Und wo war Mélanie Laurent?



Arresto Momentum

In China wurde gerade eine spezielle 3D-Version von Jason Bourne gezeigt, die Übelkeit und Ärger verursacht hat. Die Unfassbaren schaffen das ganz ohne eine dritte Dimension, nur mit Handkamera und Stakkatoschnitten. Da gibt es in Macau eine Prügelei mit Mark Ruffalo, die durchaus Ansätze von Coolness hatte. Leider erinnere ich mich nur an ein paar verwischte Bewegungen und Kampfgeräusche, die wohl aus einem Jackie-Chan-Film entliehen waren. Ansonsten war ich enttäuscht von Ruffalo, der völlig uncool durch die Kulissen stolpert. Wahrscheinlich hat er Mélanie Laurent vermisst.



Alohomora

Dann findet sich Ruffalo im Tresor seines Vaters wieder. Aha, dachte ich, jetzt zeigt uns Dylan endlich mal, was ein Houdini ist. Leider Fehlanzeige - er befreit sich zwar aus dem Kasten, nur um danach zu "ertrinken". Spoiler: ein Kollege rettet ihn - das wäre ein genialer Zeitpunkt gewesen, um Alma alias Mélanie Laurent ins Spiel zu bringen.



Wingardium Leviosa

Der Erfolg des ersten Films beruhte auf den spektakulären, trotzdem irgendwie nachvollziehbaren Tricks und der genialen Show, die die Hauptdarsteller auf die Bühne brachten. Davon ist nur noch eine Hülle übergeblieben. Vielleicht ist diese laue Fortsetzung ja eine Reflexion auf unsere moderne Medienwelt, in der eine Berühmtheit einfach nur auftreten muss, um tosenden Applaus zu ernten - die Performance ist zweitrangig. Während die laffe Handlung dem Drehbuch geschuldet ist, muss ich dem Regisseur das Talent zur Schauspielerführung absprechen - wie sonst ist es zu erklären, dass die Stars teilweise wie aufgescheuchte Hühner im Bild umherlaufen (vielleicht waren sie nur auf der Suche nach Mélanie Laurent).

Avada Kedavra

Diese Totgeburt reiht sich nahtlos in die gescheiterten Sequels des bislang bodenlos schlechten Kinojahrs ein, das zudem nicht einen einzigen Film mit Mélanie Laurent zu bieten hat (Angelina Jolie Pitts By The Sea habe ich mir wie alle anderen auch gespart). Mäßig interessant (3/10).

Samstag, 20. August 2016

Himmelfahrtskommando: Suicide Squad (4 Sterne)

Um nicht von den Comic-Fans gemobbt zu werden, verzichte ich auf eine ausführliche Kritik. Hier nur ein paar Worte des Lobs.

Suicide Squad ist komischer als Spotlight, romantischer als Der Rückkehrer, und kürzer als Batman v Superman (aber zur Verteidigung des Autors und Regisseurs David Ayers: er bekam nur drei Wochen.Zeit, das Drehbuch fertigzustellen - mehr ist so nicht zu schaffen). Wie immer, erklären die Macher am besten selbst, wie toll der Film eigentlich ist:


Suicide Squad hat einen klareren moralischen Standpunkt als Zoomania, doppelt so viele weltzerstörerische Schurken wie X-Men: Apocalypse, und die Bedrohung ist glaubwürdiger als in Ghostbusters.



Suicide Squad hat mehr Prügeleien als Captain America: Civil War, viel mehr nette Kerle als Nice Guys, und weniger queere Figuren als The Danish Girl (abgesehen vielleicht von einem gewissen Brony...)



Suicide Squad hat mehr Popsongs als Guardians of the Galaxy, mehr Oscar-Preisträger als Deadpool, und es wird weniger geflucht als in The Hateful Eight (daher PG13, aber FSK16).



In Suicide Squad glänzen Ben Affleck als erneut nicht übler Batman, Jared Leto als bester Joker seit Heath Ledger, und Will Smith mit einer Leistung, die sogar Wild Wild West übertrifft.


























Suicide Squad ist düsterer als Das Dschungelbuch, farbiger als Star Trek Beyond, und weniger dreidimensional als The BFG.



Aber mal im Ernst: Suicide Squad wäre nichts ohne Margot Robbie. Sie ist der vielleicht schönste Hollywood-Star ihrer Generation, für ihre Statur erstaunlich biegsam, und darüber hinaus höllenwitzig (besser kann ich "funny as hell" nicht übersetzen). Nachdem sie in The Wolf of Wall Street die Leinwand zum Explodieren gebracht hatte, ernten wir nun die Früchte der darauf folgenden Engagements.



Während sie in Tarzan noch recht zugeknöpft war, überzeugte sie in Whiskey Tango Foxtrot an der Seite von Tina Fey und erklärte in The Big Short schwierige Finanzbegriffe auch für Männer mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne:


Wann immer ihre Harley Quinn im Bild ist, knistert die Leinwand. Und obwohl ihre besten Sprüche bereits in den Trailern auftauchen, kann man einfach nicht weggucken (und -hören). Will Smith ist nur nominell der Star des Ensemblefilms - Harley Quinn ist der Grund, ins Kino zu gehen - oder zumindest den folgenden Trailer anzuschauen. Und nebenbei bedeutet ihr Auftritt mit Sicherheit den Durchbruch für den Baseballschläger als Mode-Accessoire.


Suicide Squad ist der bisher zweitbeste Beitrag zur Justice League, dem neuen Kinouniversum von DC, und das beste Himmelfahrtskommando des Jahres. Vier Sterne!

Samstag, 6. August 2016

Spaßiges Femake: Ghostbusters (7/10)

In einer Zeit, in der man seine Lieblingsfilme fast in Kinoqualität zu Hause anschauen kann, muss sich die Neuverfilmung eines Kultfilms schon mit einem guten Twist rechtfertigen. Der Geschlechtertausch für dieses Femake der  Ghostbusters von 1984 ist ein solcher gelungener Twist, und das Ergebnis ist besser, als es ein dritter Teil mit der alten Besetzung je hätte werden können. Ich bin durchaus ein Fan des 1989 nachgeschobenen zweiten Teils, aber eine späte dritte Fortsetzung hätte mit ziemlicher Sicherheit die gleichen bleiernen Lähmungserscheinungen wie etwa Blues Brothers 2000 gezeigt (welches immerhin tolle Musik zu bieten hatte).



Hier spielen also gleich vier Komikerinnen auf, von denen ich zwei noch nicht kannte. Zum Glück versuchen sie nicht, die alten Haudegen aus dem Original zu kopieren, sondern schaffen vier neue Figuren, die auch überraschend gleichberechtigt rüberkommen. Die Chemie zwischen den Darstellerinnen könnte man vielleicht noch verbessern, aber für sich genommen bringt jede ihre Stärken ein. Hier sind vier nerdige, selbstbewusste Frauen, keine davon eine Sexbombe, keine auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, alle schlagfertig und unabhängig. Kein Wunder, dass das bei den (männlich nerdigen) Kernnutzern des Internets Angstzustände und Panikreaktionen hervorrief. Was kommt als nächstes - die Big Bang Theory mit weiblichen Wissenschaftlern? Anderseits: Bis auf Penny sind in der BBT doch alle Frauen auch mehr oder weniger nerdig! Ein guter Kommentar zu diesem Shitstorm findet sich bei den Fünf Filmfreunden.



Der Star, der trotz der Hasskampagne im Vorfeld dann doch die Fans in die Kinos lockte, ist natürlich Melissa McCarthy. Sie spielt klugerweise ein wenig gegen den Strich gebürstet. Ihre Abby ist zwar schrullig, aber nie vulgär, auch wenn es ein wenig schade ist, dass sie durch die PG13-Freigabe ausgebremst wird und ihrem Mundwerk nicht wie im Überraschungshit des letzten Jahres freien Lauf lassen kann. In Melissas Durchbruch (und erster Zusammenarbeit mit Regisseur Paul Feig) Brautalarm hatte Co-Star Kristen Wiig die nominelle Hauptrolle als erste Brautjungfer. Ich persönlich kann sie nur in kleinen Dosen ertragen, als leicht verklemmte Physikerin Erin ist sie hier immerhin minimal nervig. Ihre Reaktionen auf den Rezeptionisten sind allerdings herrlich (wie der Trailer bereits versprach).



Leslie Jones wird als Quotenschwarze in den Credits natürlich erst als Vierte genannt, macht aber mit viel Energie das beste aus ihrer leicht klischeehaften Rolle. Ihre pfiffige Patty steht jedenfalls lange nicht so im Abseits wie dereinst Ernie Hudson, der damals allerdings die undankbare Aufgabe hatte, in letzter Minute für Eddy Murphy einzuspringen. Und dann ist da Kate McKinnon als Ingenieurin Jillian Holtzmann. Von ihr kamen bis zum Schluss die besten Überraschungen, von ihren in Rekordzeit zusammengeflickten Gadgets über ihre flotten Sprüche bis hin zu einigen lässigen Tanzschritten.



Der fünfte im Bunde ist Donnergott Chris Hemsworth persönlich. Auch hier wird die schräge Annie Potts nicht einfach ins Männliche transponiert, sondern durch eine Neuschöpfung ersetzt. Kevin ist ein wandelnder Blondinenwitz, und die Damen geben gern zu, dass sie ihn hauptsächlich zum Angucken eingestellt haben (gegen Ende hat er immerhin fast raus, wie das Telefon zu bedienen ist). Ich kann nicht verstehen, wie einige Kritiker das als hölzern beschreiben können. Der Australier stürzt sich mit Wonne (und herrlich breitem Akzent) in diese ungewohnte Rolle, auch wenn die um ihn gestrickten Gags nicht so präzise rüberkommen wie in den Trailern (die einer komplett anderen Logik folgen). Allein seine im Abspann gezeigte Tanzchoreographie ist das Eintrittsgeld wert.



In den Nebenrollen geben sich etliche bekannte Gesichter die Ehre, Fans von Saturday Night Live haben natürlich die Nase vorn. Da geben sich etwa "Tywin Lannister" Charles Dance als Autoritätsfigur (was sonst) und der Pate dritter Generation Andy Garcia als Bürgermeister die Ehre. Es gibt Blinzel-und-du-hast-es-verpasst-Cameos von Dan Aykroyd (als Taxifahrer, der nicht an Geister glaubt), Ernie Hudson (als Pattys Onkel), Annie Potts (sorry, hab ich übersehen) und dem Sohn des 2014 verstorbenen Harold Ramis. Bis auf Rick Moranis sind tatsächlich alle Helden von damals vertreten, Bill Murray (als Entlarver von Scharlatanen des Übernatürlichen) und Sigourney Weaver (in den Credits als Jillians Professorin) sogar ein wenig ausführlicher.



Leider sind im Remake zwar die Figuren eigenständig, die Handlung aber ist viel zu stark an die ollen Kamellen angelehnt, die schon in den 80ern nur einen allzu wackligen Rahmen für die Kapriolen der Darstellertruppe boten. Das Buch stammt übrigens von Regisseur Paul Feig und Katie Dippold (die für Melissa bereits das gar nicht üble Taffe Mädels geschrieben hatte). Die Effekte waren am Computer bestimmt einfacher zu erzeugen als in den 80ern; leider wurde hier das Budget bis zum Overkill ausgereizt. Dass am Ende eine ewig lange Zerstörungsorgie steht, kennen wir ja schon von jedem anderen Blockbuster. Immerhin gibt es diesmal ein paar nette 3D-Effekte, auch wenn die dritte Dimension ansonsten nicht notwendig für den Filmgenuss ist. Auch wenn das erhoffte Gagfeuerwerk nicht immer zündet und viele Szenen eher zum Schmunzeln geraten sind, kann man hier bei einem vorurteilslosen Besuch viel Spaß haben. Gut (7/10).

Donnerstag, 4. August 2016

Nostalgisches von John Irving: Avenue of Mysteries

Die "Straße der Rätsel" liegt in Mexico Stadt und führt zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe. Der Legende nach erschien Guadalupe im Jahr 1531 dem Bauern Juan Diego. Die katholische Kirche beeilte sich, die dunkelhäutige Heilige als Inkarnation der Jungfrau Maria zu vereinnahmen. Der Roman spielt allerdings (in seinen mexikanischen Rückblicken) in der Kleinstadt Oaxaca und erzählt, wie dort eine überlebensgroße Marienstatue ihrer Nase verlustig wurde und diese später wiedergewann (nebst einer Nachdunklung ihrer Hautfarbe). Bin ich nicht hier, da ich doch Deine Mutter bin?



Hauptfigur ist Juan Diego, im Jahr 2010 ein weltberühmter Autor, der mit 14 Oaxaca verließ und nach Iowa zog. Nun ist er Mitte 50 und reist zu den Philippinen, um ein altes Versprechen einzulösen. Teilweise bedingt durch unkluges Experimentieren mit seinen Bluthochdruck-Medikamenten, verbringt er den Großteil seiner Reisewoche im verwirrten Traumzustand und erinnert sich an seine Jugend in Mexiko; ein Thema, welches er in seinen Romanen stets vermieden hatte. As I walked out in Laredo one day, I spied a young cowboy, all wrapped in white linen, Wrapped up in white linen and cold as the clay.



John Irving legt Wert darauf, dass sein Werk nicht autobiographisch ist. Er zieht als Beispiel die Shakespeare-Kontroverse heran, mit der strittigen Hypothese, nach der die Werke des Barden unmöglich alle aus dem Erfahrungsschatz einer einzigen Person herrühren können. Irving schlägt sich auf die Seite der Fantasie; er ist (wie Shakespeare) ein Autor, dessen Vorstellungskraft Figuren schaffen kann, die vielleicht nicht außerhalb seines Erfahrungshorizonts, aber doch weit jenseits seiner eigenen Biographie liegen. Trotzdem scheint mir, dass sich Irving mit Juan Diego besonders identifiziert. Er gibt seinem Protagonisten zwar seinen sehr spezifischen eigenen Werdegang, dazu aber seinen persönlichen schriftstellerischen Hintergrund mit (eine Reihe von Irvings Lieblingsautoren und -bücher werden im Roman genannt, siehe etwa die Liste aus der New York Times). Zudem sind die genannten Motive aus Juan Diegos Werk fast Zitate aus Irvings Oeuvre, vom Wassertrinker bis hin zum Abtreibungsdoktor. Auch die Handlung enthält bekannte Versatzstücke. Die transsexuelle Prostituierte Flor erinnert an Roberta aus Garp, wieder spielt ein Zirkus eine wichtige Rolle, und die Teilgeschichte um Juan Diegos Adoptiveltern ist fast eine Coda zu In One Person. Und dann gibt es die Obsession mit Betablockern und Viagra, die eher zu einem älteren Mann passen würde. Nur Bären kommen nicht vor - ein Umstand, der Irving sicher viel Überwindung gekostet hat. All dies erzeugt ein für Irving ungewöhnliches Gefühl der Nostalgie; ob sich hiermit der 74jährige Autor in der Verkleidung eines 54jährigen von seinen Lesern verabschiedet?



Bei aller Nostalgie hat Irving doch nichts von seinem Biss verloren und ist immer noch zu kraftvollen Neuschöpfungen fähig. Zunächst dachte ich, es ginge um das Thema Einwanderung. Aber wie im Werk von Juan Diego wird dies kaum thematisiert - sein Lebenslauf besteht einfach aus zwei verschiedenen Lebensabschnitten. Stattdessen steht die katholische Kirche im Mittelpunkt. Nachdem Irving bereits in Owen Meany den Theodice-Begriff ad absurdum geführt hatte, macht er sich nun über die Marienverehrung lustig. Dabei ist es geschickt, wie er auf der einen Seite seiner Verachtung des Katholizismus (insbesondere des polnischen Papstes Johannes Paul II.) Ausdruck verleiht und auf der anderen Seite einige Vertreter des Klerus in sympathisches Licht rückt, insbesondere Bruder Pepe, den Lehrer und Beschützer Juan Diegos, den er als "Müllhaldenleser" entdeckt und in seine Obhut genommen hatte. Aber auch die konservativen Priester Alfonso und Ocatavio sind keine Schurken (Pädophilie gibt es hier nur in Gestalt eines Löwenbändigers). Über Mexiko sonst erfährt man allerdings nicht besonders viel.

Die Philippinen dienen übrigens eher als Spiegel Mexikos, mit einer vergleichbaren Missionierungs- und Kolonialisierungsgeschichte, ähnlichem Klima (Geckos!) und besagter Marienverehrung - die Heilige Guadalupe wird auch in den Philippinen verehrt. Natürlich mögen die Ähnlichkeiten nur oberflächlich sein oder sich gar nur im gelegentlich delirischen Kopf von Juan Diego so darstellen. Die Geschehnisse in Manila sind ohnehin nicht so interessant wie die Rückblicke auf die Kindheit zwischen Waisenhaus und Müllhalde, deren Boss übrigens "wahrscheinlich" Juan Diegos Vater, aber "ziemlich sicher nicht" der Vater seiner kleinen Schwester (Guada)Lupe ist. Die Mutter ist, wie man fast erraten kann, Putzfrau und Prostituierte. In der Gestalt von Lupe (in den Rückblicken) und dem Mutter-Tochter-Gespann Miriam und Dorothy in der Gegenwart findet sich übrigens eine für Irving gehörige Portion von magischem Realismus (Marquez' Hundert Jahre Einsamkeit gehört zu Irvings und meinen Lieblingsromanen). Die neunmalkluge, unflätige, gedankenlesende Lupe, deren Kauderwelsch jedoch nur von ihrem Bruder verstanden werden kann, ist bei weitem die interessanteste Figur des Romans, und (wie bei Irving zu erwarten) auch die tragischste. Miriam und Dorothy dagegen sind eher komisch-erotisch angelegt. Zwar offenbar nicht komplett der Vorstellungskraft von Juan Diego geschuldet, scheinen sie eine Form von Succubi zu sein (wobei die Viagra-Tabletten von Nutzen sind). Dagegen verblassen auch die dem Müllhaldenleser gelegentlich erscheindenden Geister der amerikanischen Soldaten, die von den Vietkong zu Tode gefoltert wurden.



Wie immer man den Nostalgiefaktor versteht, mit Avenues of Mysteries hat mein Lieblingsautor erneut einen tollen Roman veröffentlicht. Es ist wohl kein Publikumsliebling wie Garp, und wie er die Welt sah oder das Hotel New Hampshire, sicher kein zeitloses Meisterwerk wie Gottes Werk und Teufels Beitrag oder A Prayer for Owen Meany, auch nicht so packend und emotional umwerfend wie der Vorgänger In One Person (2012), aber (wenn es so sein soll) auf jeden Fall ein würdiger Abgang. Nachdem mir Last Night in Twisted River (2009) überhaupt nicht gefallen hatte, war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Aber das war wohl nur ein einzelner Aussetzer. Auf die bedächtige, noch stärker als sonst von Wiederholungen geprägte Erzählweise in Avenida de los Misterios muss man sich einlassen; zu keinem Zeitpunkt ist sie sentimental - Empfindungen müssen im Leser selbst entstehen, wenn Irving etwa nüchtern und fast im medizinischen Fachjargon das Leiden einer 14jährigen nach einer verpfuschten Abtreibung schildert. Dies ist kein guter Moment für ein Erdbeben...

Mittwoch, 3. August 2016

Naives Abenteuer: Die Legende von Tarzan (4/10)

Warum ausgerechnet Tarzan?

Vielleicht hat irgendeine Studiomanagerin Alexander Skarsgards magnetischen Auftritt als Wikinger-Vampir Eric Northman in True Blood bewundert und nach einem passenden Vehikel für den beeindruckenden Oberkörper des US-Schweden gesucht (Alexander ist übrigens der Sohn von Stellan, dem spinnerten Wissenschaftler aus den Thor-Filmen). Leider bleibt vom Sex-Appeal des 39jährigen in diesem jugendfreien Abenteuer nicht viel übrig. Und als Tarzan kann er nicht mal fliegen ;-)



Warum gerade Tarzan?

Margot Robbie, seit ihrem Durchbruch in The Wolf of Wall Street ein gefragter Star, macht immer eine gute Figur. Sie kann auch mehr als hübsch aussehen, aber hier beeindruckt nur, wie wenig ihr Makeup in der afrikanischen Wildnis in Mitleidenschaft gezogen wird (erst gegen Ende verschmiert eine Träne die Schminke ein wenig). Heimlich hatte ich natürlich gehofft, dass Margot wie dereinst Maureen O'Sullivan (bzw. ihr Body-Double) beim Baden in freier Natur die Hüllen fallen lassen würde. Pustekuchen - Freigabe ab 12. Bleibt zu hoffen, dass die Trailer zum in drei Wochen anlaufenden Suicide Squad nicht zu viel versprechen ("We're the BAD guys! It's what we do...") - die ersten Kritikerstimmen sind leider nicht positiv...



Warum heute Tarzan?

1984 war es (zeitgemäß) eine Botschaft gegen Tierquälerei, mit der Hugh Hudson und Schreiberlegende Robert Towne im (ansonsten durchaus sehenswerten) Greystoke die Geschichte zu modernisieren versuchten - in der Hauptrolle "Highlander" Christopher Lambert, der fehlende Muskeln mit Persönlichkeit wettmachte. Diesmal kämpft Tarzan gegen Kolonialismus und Ausbeutung und befreit mal eben den kompletten Kongo aus den Fesseln des belgischen Königs. Platter geht's kaum. Empfehlung: die ersten Abenteuer mit Johnny Weissmueller aus den 30ern nochmal anschauen! Da ist die Naivität der Burroughs-Erzählungen noch mit Charme gepaart, und die politischen Missklänge sind verzeihbar.



Warum dieser Tarzan?

Immerhin sorgen Schurke Christoph Waltz und Sidekick Samuel L. Jackson (als historisch verbürgter Retter des Kongos) für unterhaltsame Augenblicke. Das überraschungsfreie Abenteuer ist ansonsten immerhin geradlinig erzählt, nur auf die Rückblenden hätte ich verzichten können. Während Regisseur David Yates aufgrund des tollen Stoffes bei Harry Potter 5-8 Kompetenz genügt hatte, wäre hier Vision gefragt gewesen.



Warum überhaupt Tarzan?

Jon Favreaus Dschungelbuch hat in diesem Jahr bereits vorgemacht, wie man in einem liebevoll gestalteten 3D-Dschungel Tiere mit Persönlichkeit agieren lassen kann. Die Legende von Tarzan ist genau das Gegenteil. Beliebige Landschaften, belanglose Massenszenen, banale Figuren aus Mensch- und Tierwelt bestimmen das Bild, das den Betrachter trotz bestimmt teurer Effekte zu keinem Moment in die nachträglich zu 3D konvertierte Welt eintauchen lässt. Gepflegte Langeweile zum Preis von 180 Millionen Dollar. Erträglich (4/10).