Nur ein paar Worte zum nunmehr fünften Teil der Captain-Sparrow-Show (mit dem Untertitel "Salazars Rache" oder "Dead Men Tell No Tales", je nachdem wo man wohnt). Ja, er ist besser als der vierte Teil (keine Kunst), und nein, er ist wieder nicht mehr als ein müder Abklatsch des Überraschungshits von 2003. Mehr ist nicht besser, und so hilft es weder, dass die Geisterpiraten löchriger als zuvor sind, noch dass die Schiffe schneller sinken, als man sie den unterschiedlichen Parteien zuordnen kann. Es gibt einen Überschuss an Kapitänen, und dabei ist Captain Sparrow längst nicht mehr der interessanteste (auch wenn ich es liebe, wie Javier Bardem den Namen ausspricht).
Diese Ehre gebührt Geoffrey Rushs Barbossa. Der Oscar-Gewinner (für sein Porträt des schizofrenen Ausnahmepianisten David Helfgott in Shine) vermag es, dem wieder in Fleisch und Blut stehenden Verbündeten/Wiedersacher Sparrows ohne extravagantes Posieren Klasse und Pathos zu verleihen. Johnny Depp hingegen ist nur noch ein Gimmick, offenbar inzwischen in persona meist betrunken, mit unerträglichen Starallüren (seine Dialoge sollen ihm angeblich per Knopf im Ohr souffliert worden sein) - hier hat die Figur den Schauspieler überholt.
Zum Glück gibt es reichlich weitere Figuren, von denen mir nach Barbossa die "Hexe" Carina (Kaya Scodelario aus Maze Runner) am besten gefiel, die ihre dämlichen Dialoge immerhin mit Feuer und Leidenschaft rezitiert. Ihr romantischer Gegenpart hingegen (Brenton Thwaites aus dem trotz Jeff Bridges und Meryl Streep öden Hüter der Erinnerung) ist ein unsägliches Weissbrot, gegen den Orlando Bloom ein Schauspielgott ist (dieser taucht übrigens nebst Keira Knightley in einem Cameo auf, mit dem vagen Versprechen auf größere Rollen in der nächsten Fortsetzung).
Javier Bardem hat seit seinem Oscar von 2008 für das Meisterstück der Coens, No Country For Old Men, den Bösewicht mit spanischem Akzent perfektioniert (und in Skyfall auch zu viel Geld gemacht), ist hier allerdings hoffnungslos unterfordert. "Faramir" David Wenham dagegen wird mit zunehmendem Alter nur farbloser.
Mehr ist nur in einer Hinsicht besser: Die beiden norwegischen Regisseure Joachim Roenning und Espen Sandberg, deren schönes Meeresabenteuer Kon-Tiki 2013 Oscar-nominiert war, setzen den dürftigen Stoff der renommierten, wahrscheinlich überbezahlten Autoren ordentlich um, mit viel Karacho und ein paar ganz hübschen Szenen (etwa die zwischen dem frankophilen Johnny Depp und einer Guillotine). Ansonsten muss man sich von dem Blödsinn einfach überspülen lassen - Augen auf und durch! Annehmbar (5/10).
Spät passe ich mich dem offiziellen Sprachgebrauch an. Für den Hugo-Gernsback-Award nominieren darf jedes Mitglied des WeltCons bis zu fünf Werke pro Kategorie. Die Finalisten sind diejenigen mit den meisten Nominierungen. Nach einer klugen Regeländerung sind dies nun sechs Gesetzte, aus denen der Gewinner gewählt wird.
Noch wichtiger, es greift nun eine Regeländerung, die Slate-Voting in diesem Jahr ziemlich erfolgreich verhindert hat, so dass nur wenige Puppy-Kandidaten ins Rennen gehen. Allerdings setzt sich der Trend zur Bevorzugung von Minderheiten und LGBT-Autoren fort. Für den Besten Roman (dazu später vielleicht mehr) sind 2017 nominiert: eine amerikanische Transgender-Frau, ein Chinese, ein Korea-amerikanischer Transgender-Mann, eine schwarze amerikanische Frau, und zwei weitere weisse Amerikanerinnen, deren Werke zumindest Gender-bewusst sind. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen schränkt es vielleicht ebenfalls die künstlerische Vielfalt ein.
Die seit Jahren zunehmende Konzentration auf Fantasy spiegelt hingegen lediglich den Buchmarkt wieder. Trotzdem ist es ein trauriger Rekord, dass in diesem Jahr alle sechs Novellen (mit jeweils einer Länge von ca. 100-200 Seiten) dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Im einzelnen sind dies (in meinem Stimmzettel entsprechend aufsteigender Reihenfolge):
(6) This Census-Taker, by China Miéville
Der Brite China Miéville ist einfach nicht mein Fall. "The City & the City" gewann 2010 als vierter seiner fünf nominierten Romanen den Hauptpreis, aber stilistisch und erzählerisch kann ich mit seinen Büchern nichts anfangen. Da diese Fantasy-Novelle zudem dem Voters Package nur als PDF beiliegt, habe ich mir das Lesen gespart.
(5) The Ballad of Black Tom, by Victor LaValle
Die erste von zwei Lovecraft-Nacherzählungen mit Twist in dieser Kategorie handelt von einem 20jährigen schwarzen Blues-Gitarristen im New York der 20er, der zwischen die Fronten mächtiger Zauberkräfte gerät. Atmosphärisch, aber trotz der Kürze unfokussiert erzählt und dadurch nicht besonders fesselnd. Der Twist ist natürlich die gelungene Perspektive des Jugendlichen aus Harlem. Der Assistenzprofessor an der Columbia University Victor LaValle ist in Queens aufgewachsen und schreibt offenbar nur im Nebenjob - daran gemessen ist er recht erfolgreich.
(4) Penric and the Shaman, by Lois McMaster Bujold
Meine SF-Lieblingsautorin geht langsam auf die 70 zu, und darin liegt vermutlich der Grund für diese kürzeren Ausflüge in ihre Fantasy-Welt der Sechs Götter (inzwischen sind bereits zwei weitere Novellen um Pendric und Desdemona erschienen). Spannende, sympathische Unterhaltung ohne viel Tiefe.
(3) The Dream-Quest of Vellitt Boe, by Kij Johnson
Diese zweite Lovecraft-Adaption der 57jährigen Akademikerin Kij Johnson hat es in sich. Eine Mathematik-Professorin versucht einer ausgebüxten Schülerin aus der "Traumwelt" in die reale Welt zu folgen und sie zur Rückkehr zu bewegen, bevor deren Großvater, ein seniler Gott, aus Wut ihre Heimat zerstört. Die durchaus spannende Erzählung lebt von der übersprudelnden Phantasie der Autorin, die die mysteriöse Traumwelt mit immer neuen Details ausschmückt, dabei allerdings bis auf die Hauptfigur keine überzeugenden Charaktere aufbaut. Für meinen Geschmack ein zu komplexer Weltenaufbau für eine kurze Erzählung. Der Twist ist hier die weibliche Perspektive. H.P. Lovecraft, 1890 - 1937, wurde postum als Meister des Horros verklärt, seine Welten sind aber wie die seiner meisten Zeitgenossen männlich und zumindest Rassen-elitär (dies nur aus dritter Hand erschlossen).
(2) A Taste of Honey, by Kai Ashante Wilson
"A Taste of Honey" ist eine "Romeo & Julius"-Geschichte in einer komplexen Fantasy-Welt verschiedener Rassen, Kulturen und Götter, die Kai Ashante Wilson bereits in einem Roman eingeführt hatte. Die Erzählstruktur ist ein wenig kompliziert, mit vielen Zeitsprüngen, und der Stil des schwarzen New Yorkers ist gelegentlich allzu selbstverliebt, mit Zitaten in Latein und Sprüngen zwischen Umgangssprache und Hochsprache. Im Mittelpunkt steht die Kontemplation einer wegweisenden Entscheidung im Leben des Protagonisten (für die Familie oder den Geliebten) und ist trotz erzählerischer Holprigkeiten überaus anrührend. Trotzdem bin ich nicht besonders auf den zugehörigen Roman erpicht.
(1) Every Heart a Doorway, by Seanan McGuire
Seanan McGuire, die auch als Mira Grant schreibt, ist sicher eine der sympathischsten und rührigsten Autorinnen des Genres. Die 39jährige Kalifornierin ist dieses Jahr auch in der neuen (fragwürdigen) Kategorie "Beste Serie" Finalistin. "Every Heart a Doorway" gewann in diesem Jahr bereits den Nebula Award der amerikanischen Autorenschaft, und ein erster Hugo wäre ihr wirklich zu gönnen. Ihre sprachlichen Mittel sind im Vergleich zur Konkurrenz eher einfach, ihre Erzählstruktur konventionell, und doch ist ihre Geschichte keineswegs trivial, und die stets überzeugend weibliche Perspektive der Autorin nicht selbstverständlich.
Die 17jährige Nancy trifft in einem Internat für "gestörte" Kinder ein; "gestört" jedenfalls in den Augen der Eltern - tatsächlich sind dies alles Jugendliche (zumeist Mädchen), die ähnlich wie "Alice im Wunderland" eine Zeit in einer Phantasiewelt verbracht haben, von den Erwachsenen interpretiert als traumatische Entführungen. Die meisten betroffenen Kinder möchten nichts lieber als wieder in ihre jeweilige Welt zurückkehren, aber dies ist offenbar nur selten möglich. Im Internat lernen sie nun, dass sie in ihrem Schicksal nicht allein sind, auch wenn es sehr verschiedene Phantasiewelten gibt. Tatsächlich kann man diese grob anhand eines Kompasses mit den Hauptrichtungen Logik, Unsinn, Tugend und Laster einordnen (die Welt von Alice liegt wohl klar in Richtung Unsinn). Doch bevor sich Nancy auch nur richtig eingelebt hat, wird bereits ihre Zimmerkameradin ermordet, und sie findet sich im Zentrum der Untersuchung wieder...
Dass er mein Lieblingsbond war, habe ich bereits ausführlich dargelegt: Nobody does it better. In Deutschland wenig bekannt ist, dass Roger Moore in den 60ern bereits ein berühmter Fernsehstar war. Als Simon Templar (im Original The Saint) spielte er zwischen 1962 und 1969 bereits einen Playboy/Detektiv, und nur aufgrund seiner vertraglichen Bindung an diese Serie musste er dem übrigens drei Jahre jüngeren Sean Connery den Vortritt als James Bond lassen. Beliebt war Moore in Deutschland allerdings durch seine Folgeserie Die 2 ("The Persuaders", 1971/72), seit einigen Jahren als schöne Blu-ray-Edition erhältlich Die gut ausgestattete, an phantastischen Schauplätzen gedrehte Abenteuerreihe bietet auch heute noch gediegene Unterhaltung, wenngleich ich kein Fan der für die 70er typisch überdrehten deutschen Synchronisation bin. Auch im Original sprühen da oft die Charme-Funken zwischen Roger Moore und seinem Co-Star Tony Curtis, auch wenn dieser am Set meist betrunken gewesen sein soll.
Natürlich spielte Moore gelegentlich auch in Nicht-Bond-Filmen mit, auch wenn nichts herausragendes dabei war. Ich persönlich schätze etwa das kriegerische Abenteuer vor Apartheits-Hintergrund Die Wildgänse kommen von 1978, wo er an der Seite von Richard Burton, Richard Harris, Hardy Krüger und Stewart Granger Teil eines unglaublichen Ensembles war. Das ist sicher ein Stück Kitsch, das man jung gesehen haben muss; ich habe mich jedenfalls gefreut, als es vor zwei Jahren nach etlichen unbefriedigenden Versionen endlich in einer schönen Fassung wiederveröffentlicht wurde.
Nach 1985 nutzte Moore seine Popularität vor allem für Wohltätigkeitsarbeit, so für UNICEF und PETA. Seit 2003 durfte er sich Sir Roger nennen - er war ein Gentleman durch und durch (um dem auf den Grund zu gehen, müsste man natürlich auch seine vielen Frauen befragen). Mir ein Vorbild ist er vor allem durch seinen Humor - er nahm sich und die Welt nicht zu ernst. Moore wäre im Oktober 90 geworden. Es ist wohl passend, dass er als zwar nicht erster, aber als ältester "offizieller" Bond-Darsteller nun als erster die Bühne verlässt (zählt man Casino Royale von 1967, so wären da allerdings noch David Niven, Peter Sellers und Woody Allen zu erwähnen). Harald Schmidt hat er übrigens 1996 erzählt, er sei schon mit Frack geboren worden.
Welch ein feiner Mensch Roger Moore war, erhellt am besten eine Anekdote, die momentan über Twitter verbreitet wird. Ich versuche mal, das Original frei in Deutsch zusammenzufassen:
1983 wartete ein 7jähriger Junge mit seinem Großvater am Flughafen Nizza und erkannte plötzlich am Gate den zeitungslesenden James Bond. Opa, Opa, bitte besorg mir ein Autogramm? Der Opa kannte den Herrn zwar nicht, fragte aber höflich im Namen seines Enkels und bekam auch die Unterschrift. Der Junge war allerdings enttäuscht, denn es war die falsche: "Roger Moore" stand da, nicht "James Bond". Also schickte er den Opa erneut los, mit der Bitte um Korrektur. Da rief der Herr den Jungen zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: Ich muss als "Roger Moore" unterschreiben, denn sonst könnte mich Blofeld finden! Bitte erzähl auch niemandem, dass du mich getroffen hast. Danke, dass du mein Geheimnis bewahrst!
Es war einmal ein kleiner SF-Horror-Film, der durch eine Verkettung glücklicher Umstände über sich hinauswuchs, Fortsetzungen und Querschläger inspirierte und immer noch zurecht als Klassiker des Genres gefeiert wird. Alien nahm 1979 seinen Namen noch ernst und schlug maximales Kapital aus der Fremdartigkeit der Bedrohung, mit sparsamer Zurschaustellung der Designs des Schweizer Künstlers HR Giger. Daraus resultierte ein packender Überlebenskampf, aus dem (für die damalige Zeit ungewöhnlich) eine starke Frau als Siegerin hervorging. Regisseur Ridley Scott wurde damit berühmt.
Lange sorgten andere für das Fortleben der Aliens, aber nun versucht der inzwischen 79jährige, 2003 von der Queen zum Ritter geschlagene Engländer, Original und Fortsetzung als Eckpfosten seiner ansonsten durchwachsenen Karriere zu inszenieren. Aus meiner Sicht zerstört er damit eher den Mythos, den er miterschaffen hat, genauso wie bei der kommenden Fortsetzung seines Opus Magnissimum Blade Runner, die er allerdings lediglich produziert. Aber trotz gelegentlich hübschen Beiträgen (Ein gutes Jahr, 2006) und Publikumslieblingen (Der Marsianer, 2015) sind seine besten Zeiten lange vorbei. Oscar-Ehren gab es nur für das (tatsächlich feministische) Roadmovie Thelma & Louise (1991) und den ultrabrutalen Sandalenfilm Gladiator - der "Beste Film" des Jahres 2000 blieb für mich allerdings weit hinter seinen Vorbildern wie z.B. Spartacus zurück, und der Oscar für die Beste Regie ging an Steven Soderbergh (dessen Meisterwerk Traffic auch die Krone verdient gehabt hätte).
Alien: Covenant verkehrt die Stärken von Alien in ihr Gegenteil. Die Besatzung der Nostromo bestand aus sympathischen Typen, deren Schicksal den Zuschauer bewegte. Die Crew der Covenant ist weitgehend eine Nummernrevue von Komparsen, deren Beweggründe undurchschaubar bleiben und die mit ihren Aktionen lediglich die Handlung vorantreiben. Ist es zu viel verlangt von heutigen Drehbuchautoren, sich in eine futuristische Situation hineinzuversetzen und plausible Reaktionen zu erfinden? Stattdessen verhalten sich die Profi-Raumfahrer wie grüne Rekruten. Am menschlichsten wirken die Roboter: Sie leiden mehr unter den Verlusten als ihre Schöpfer.
Auch Alien: Covenant versucht eine starke Frau aufzubauen. Nichts gegen Katherine Waterston, die hier wie auch in Phantastische Tierwesen kompetent und nett rüberkommt, aber sie ist nicht Sigourney Weaver, und Daniels ist nicht Ripley. Aus politischer Korrektheit heraus gibt es heute oft eine Frauenquote von 1:2 (gegenüber 1:5 von vor 30 Jahren), aber was nützt das, wenn Männer- und Frauenfiguren beliebig austauschbar sind? Ripley war taff, hatte aber eine feminine Charakterisierung, was James Cameron in seiner fulminanten Action-Forsetzung Aliens zu einem Zweikampf der Mütter zuspitzte. Daniels dagegen hätte man ohne jegliche Drehbuchänderungen mit einem Mann besetzen können (analoges gilt übrigens für das kaum wahrnehmbare Männerpärchen).
Der schlimmste Fehler von Alien: Covenant ist aber ein anderer. Ich sprach schon von der Dekonstruktion eines Mythos. Das passiert hier leider buchstäblich. Fast jeder Schockeffekt des Originals wird hier wiederholt, aber in Großaufnahme und im Zeitraffer. Heutigen Zuschauern ist offenbar nicht zuzumuten, länger als fünf Minuten auf die Konsequenzen einer Infektion zu warten. Und als der Captain so unschuldig das Alien-Ei begutachtet, ist meine einzige Reaktion Verwunderung - über die Dummheit der Figur und die Dreistigkeit der Drehbuchautoren (während Alien vom Team O'Bannon/Shusett stammt, kam hier ein Komitee unter Teilnahme des Oscar-nominierten Veteranen John Logan zum Zuge). Daher mein Vorschlag für einen deutschen Verleihtitel: "Alien: Alte Bekannte".
Und wie üblich in sogenannten "Origin"-Filmen, wird jedes Geheimnis so lange auseinandergenommen, bis es auch jedes Schulkind verstanden hat. Willkürliches Zitieren von Byron und Shelley gibt dem Ganzen auch keinen doppelten Boden. Schon gar nicht das Gequängel des Ersten Offiziers, er werde nur wegen seines "Glaubens" nicht ernstgenommen (nichts gegen Billy Crudup, aber das war ziemlich lächerlich). Nachdem ich mich durchaus 40 Minuten auf die stilsicher ausgestattete SF-Welt einlassen wollte, habe ich mich nachfolgend nur noch amüsiert zurückgelehnt und die Geschehnisse aus der Ferne beobachtet. Nur durch Michael Fassbender, schon das einzige Highlight im Vorgänger Prometheus, hier in einer cleveren Doppelrolle, war das dann doch noch Erträglich (4/10).
🎝VEEEEronika!
🎝Veronika, Veronika, der Lenz ist da!
🎝Veronika, der Lenz ist da,
🎝die Vöglein singen Trallalla
🎝die ganze Welt ist wie verhext
🎝Veronika, der Spargel wächst
Moment mal, was? Das kann man denken, aber doch nicht singen! Sagte angeblich Ari Leschnikoff, das bulgarische Mitglied der Combo, der deutschen Sprache kaum mächtig, aber mit seinem zartschmelzenden Jahrhunderttenor und verschmitzten Charme doch der Frauenschwarm unter seinen Kollegen, die für kurze Jahre die Welt verhexten mit ihrem respektlosen Trallalla. Wie so oft war es eine Mischung starker Individuen, die im Ergebnis weit mehr als die Summe ihrer Teile ergab: Die Comedian Harmonists (1927 - 1935). Da war Erich Collin, präziser zweiter Tenor, dessen klare Stimme Leschnikoff ergänzte und kontrastierte; der Polen-stämmige Roman Cycowski, dessen kraftvoll-schöner Bariton die Brücke schlug zum sonoren, oft humoristisch polternden Bass des Berliner Urgesteins Robert Biberti; der junge (zu Beginn gerade 21jährige) Begleitpianist Erwin Bootz mit seinen leichtfüßig tanzenden Fingern; und natürlich der Gründer und Arrangeur Harry Frommermann, nominell dritter Tenor, klanglich angesiedelt irgendwo zwischen Vöglein und Flügelhorn (das Duell in Duke Ellingtons "Creole Love Call" zwischen Bibertis Posaune und Frommermanns krächzender Trompete, die bald in eine geschmeidige Klarinette übergeht, wäre allein schon den Eintrittspreis wert).
Die Comedian Harmonists waren für einige Jahre eine der Hauptattraktionen auf den europäischen Bühnen. Ihr Repertoire bestand großenteils aus bekannten Schlagern ihrer Zeit, aber ihre Interpretationen transzendierten selbst die banalsten Volkslieder. Und welchem Schlagertexter würde heute noch wie Fritz Löhner-Beda vor 90 Jahren in der "Bar zum Krokodil" einfallen, "Ramses" auf "da ham'Ses" zu reimen! Umwerfend komisch, gelegentlich auch mit Pathos vorgetragen, immer originell und unterhaltsam - ein paar Auftritte in Kinofilmen (etwa 1930 in Die Drei von der Tankstelle) lassen ihre damalige Wirkung wohl nur erahnen. Ein Stück deutscher Kulturgeschichte, das dem Dritten Reich zum Opfer fiel und lange Zeit vergessen war. Bis dann...
50 Jahre später Eberhard Fechner für den NDR eine dreistündige Dokumentation über die Comedian Harmonists mit dem Untertitel Sechs Lebensläufe produzierte (auch das Begleitbuch ist lesenswert). Vier der sechs Originalmitglieder konnte er noch befragen, leider starb Frommermann kurz vor Beginn der Dreharbeiten (er und der 1961 verstorbene Collin sind durch Partner und Geschwister vertreten). Selten ist eine derart packende Musikdokumentation gelungen, mit komischen und tragischen Aspekten, getragen immer wieder von jenen herrlichen historischen Aufnahmen. Am glücklichsten hatte es Cycowski getroffen, für den sich eine lange Karriere als angesehener Kantor in San Francisco anschloss. Am traurigsten ist der Werdegang des genialen Frommermann (später Frohman), der nach dem Krieg nie wieder richtig Fuß fasste und zeitweise in einer Fabrik am Fliessband arbeiten musste! Faszinierend, wie in den Gesichtern von Bootz und Biberti nach all den Jahren ihre Persönlichkeitsfehler auch äußerlich sichtbar geworden waren. Überhaupt entsteht gerade in den Widersprüchen der Interviews ein plastisches Bild jener Zeit, in der die Musiker mit ungeheurer Energie und Fleiss über sich hinauswuchsen, viel Freude dabei hatten, aber auch unter zunehmenden Spannungen innerhalb der Gruppe litten, so dass die Trennung wahrscheinlich auch ohne die äußeren Umstände unausweichlich erscheint. Man weiss es nicht - es waren die Nazis, vor denen die drei Juden Cycowski, Frommermann und Collin schließlich fliehen mussten. 20 Jahre nach der Ausstrahlung der Dokumentation im deutschen Fernsehen kam sie übrigens in zwei Teilen wieder ins Kino, aus Anlass...
Des wiederauflebenden Interesses aufgrund Joseph Vilsmaiers Biographie, die 1997/98 mit um die drei Millionen deutschen Zuschauern überaus erfolgreich war. In zwei Stunden wurde hier die Geschichte der Comedian Harmonists erzählt, linear und konventionell, aber liebevoll ausgestattet und mit geschickt integrierten, überzeugend restaurierten Originalaufnahmen gespickt. Das Drehbuch hangelt sich von Anekdote zu Anekdote und konzentriert sich ansonsten auf die Spannungen zwischen Frommermann und Biberti. Es bleibt damit an der Oberfläche, die Geschehnisse an sich bieten aber genug Substanz, so dass sich durchaus eine kleine Geschichtslektion aus dem (wie heute noch recht provinziellen) Berlin der 30er entwickelt, gelegentlich plakativ, aber trotzdem bewegend. Unvergesslich der Schock des nationalkonservativen Musikalienhändlers Grünbaum (Rudolf Wessley), als er von Polizisten als "Judensau" beschimpft wird. Ein ausgelassener Höhepunkt dagegen ist die Hochzeit Cycowskis, bei der Klezmermaestro Giora Feidman persönlich zum Tanz aufspielt (er war in den 90ern in Deutschland omnipräsent, siehe auch Jenseits der Stille). Ansonsten sind die Mitglieder der Comedian Harmonists zufällig durchaus repräsentativ, von den Nazi-Mitläufern Bootz und Biberti bis zu den so unterschiedlichen Juden: der fromme Cycowski, der weltliche Frommermann und der getaufte, nur durch seine Herkunft gebrandmarkte Collin. Die Frauen an ihrer Seite sind dabei eher Staffage.
Als Darsteller engagierte Vilsmaier sympathische, durchweg etwas zu alte Typen, denen schauspielerisch nur wenig abverlangt wurde, die technisch allerdings hart arbeiten mussten, um als (Playback-)Sänger und Entertainer zu überzeugen. Damals war das eine Mischung aus bekannten Gesichtern und Neulingen, heute sind sie fast alle berühmt: für Ulrich Noethen (Frommermann) war es fast ein Debut; für Heino Ferch (Cycowski) und Ben Becker (Biberti) war es der Durchbruch; Kai Wiesinger (Bootz) war bereits aus Kleine Haie und Der bewegte Mann bekannt; Max Tidof und Heinrich Schafmeister waren als Nebendarsteller bereits Veteranen. Dazu gesellten sich Meret Becker (Bens Schwester als Spielball zwischen Frommermann und Biberti mit der größten Frauenrolle) und Katja Riemann (Mary Cycowski), ebenfalls seit Kleine Haie und Der bewegte Mann ein Star, sowie Vilsmaiers Muse Dana Vavrova als irgendeine der übrigen Partnerinnen. Wie in jedem bedeutenden deutschen Film taucht auch irgendwann Otto Sander auf (übrigens der Stiefvater der Beckers).
Als erstes nenneswertes deutsches Vokalensemble ihrer Art hatten die Comedian Harmonists viele Nachahmer. Ich persönlich kann z.B. die münsterschen Sechszylinder und der Berliner Männerwirtschaft nennen. Aber in all den Jahren hat niemand diesen Grad an Perfektion erreicht. Inzwischen sind sie ein Teil der deutschen Popkultur geworden, mit Bewunderern von Loriot bis Otto. Der Kinofilm bietet nur ein blasses Abbild dessen, und doch ist er als Ganzes viel besser als die Summe seiner Teile. Obwohl nicht für den Oscar eingereicht, wurde er in Arthouse-Kreisen als "The Harmonists" auch in den USA bekannt, selbst der damalige Präsident Bill Clinton soll ihn geschätzt haben. Jetzt ist endlich eine Blu-ray-Edition erschienen, die diesem Kleinod in glanzvollem Bild und Ton wieder gerecht wird (das Bild der DVD-Ausgabe war grauenhaft beschnitten und unscharf). Leider hat es nicht mal die 20minütige Doku der DVD auf die Blu-ray geschafft, in der immerhin der greise Roman Cycowski kurz zu Wort kam (er starb ein Jahr später). Fechners Dokumentation erzielt als DVD immer noch Fantasiepreise und ist demnach einer der größten Schätze in meinem Regal. Eine ordentliche Zusammenstellung der Aufnahmen auf CD ist leider immer noch nicht in Sicht, so dass man nach wie vor mit einem Sammelsurium von "Best of"-Ausgaben leben muss.
Man könnte vieles kritisieren, aber mal ehrlich: Das ist immer noch der spaßigste, abgefahrenste (sorry Vin), ausgefuchsteste (sorry Rocky) Trip des 21. Jahrhunderts. Trotz Stallone und Hasselhoff. Es hilft allerdings, wenn man ELO und Fleetwood Mac mag.