Nach ihrem Pyrrhussieg über die feindliche Enklave verwandelt sich Essun wie ihr Ex und Mentor Alabaster Körperteil für Körperteil in Stein. Sie muss mit ihren Kräften haushalten, um noch eine Chance zu haben, mit Hilfe der Obelisken das seismische Gleichgewicht der Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das bedeutet aber, dass sie für die Castrima-Gemeinschaft auf der Suche nach einem neuen Zufluchtsort nur eine Bürde ist. Zunächst geht es also ums nackte Überleben.
Nassun und der ehemalige Guardian Schaffa haben sich dem Einfluss der übrigen Guardians entzogen und entdecken mit Hilfe des Steinfressers ("Stone Eater") Steel funktionierende Überbleibsel einer uralten Zivilisation. Essuns 11jährige Tochter entwickelt bereits erstaunliche orogenische Kräfte und findet einen intuitiven Zugang zur Magie der Obelisken. Das Ziel des traumatisierten Kindes ist allerdings nicht Heilung, sondern Rache...
In Zwischenkapiteln erzählt der Steinfresser Hoa (oder Houwha), der sich als der bisher versteckte Ich-Erzähler entpuppt, die Jahrtausende zurückliegende Geschichte der hochmütigen Zivilisation von Syl Anagist, deren rücksichtslose Suche nach einer unerschöpflichen Energiequelle die "Fünfte Saison" auslöste und zudem durch den Beinahverlust des Mondes "Vater Erde" zum Feind der Menschen gemacht hatte. Es ist die Historie eines Genozids, der kapitalistischen Ausbeutung von Individuen und blinder Technologiegläubigkeit. Dass die ursprünglich als Werkzeuge "gezüchteten" Steinfresser unverschämterweise begannen, Persönlichkeiten zu entwickeln, war einer der entscheidenden Faktoren bei der Zerstörung von Syl Anagist, deren Bewohner übrigens alle orogenische Fähigkeiten hatten...
Die Autorin verarbeitet eine Vielzahl von schwerwiegenden Themen: Sklaverei, Pogrome, Diskriminierung, rücksichtslose Umweltzerstörung, Raubkapitalismus. Zentral waren für sie allerdings (wie sie im Nachwort zugibt, geprägt vom Leidensweg ihrer eigenen Mutter) unterschiedliche Ausprägungen von Mutterschaft. Ihre Figurenzeichnung leidet allerdings darunter, dass diese gleich eine ganze Welt retten müssen. Diese Überhöhung steht im Widerspruch zur Erörterung grundlegender menschlicher Wesenszüge, und dadurch verliert der Leser nie eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Der Weltenbau ist allerdings phänomenal, und ich würde das Werk nachträglich eher der Science Fiction als der Fantasy zuordnen. Der SF-Geschichte wird eigentlich nur eine phantastische Ebene übergestülpt, in Gestalt der magisch anmutenden Fähigkeiten der Bewohner von Syl Anagist, unterschiedlich vererbt an die Orogene und die Steinfresser, und natürlich der Zeichnung von "Vater Erde" als eigenständige Intelligenz.
Grundsätzlich verstehe ich die Trilogie als einen einzigen Roman in drei nicht in sich abgeschlossenen Teilen, und das ist mein Hauptproblem mit den vergebenen Preisen. Falls "The Stone Sky" das bisher nicht dagewesene Kunststück gelingen sollte, dass ein Autor den Hugo dreimal hintereinander gewinnt (und das hängt natürlich stark von der Konkurrenz ab), so handelt es sich dann eigentlich um drei Auszeichnungen für das gleiche Werk. Die Situation ist also ganz anders als die bisherigen vergleichbaren Fälle in der Hugo-Geschichte. Der erste Autor, der zweimal hintereinander für den Besten Roman gewann, war Orson Scott Card: 1986 für "Ender's Game" und 1987 für die Fortsetzung "Speaker for the Dead". Dies sind aber zwei in sich abgeschlossene, sehr unterschiedliche Meisterwerke, die erst nachträglich in das sogenannten "Ender-Quartett" eingeordnet wurden (inzwischen hat Card leider aus rein kommerziellen Gründen noch etliche weitere Romane im Ender-Universum veröffentlicht). Ähnlich verhält es sich mit den Vorkosigan-Romanen von Lois McMaster Bujold, die 1991/92 und 1995 den Preis gewannen, wobei übrigens der Gewinner von 1992, Barrayar, in der Timeline von Miles Vorkosigan ein Prequel des Vorgängers war (wenn ich es richtig verstehe, entstanden die Bände konzeptionell schon chronologisch, aber "The Vor Game" kam als kommerziell vielversprechender zuerst heraus).
Es bleibt zu hoffen, dass J.K. Jemisin sich in ihren nächsten Projekten vielleicht besser auf glaubwürdige Charaktere fokussiert, die nicht gleich eine ganze Welt retten müssen. Aber wie auch immer, sie ist eine fantastische neue Stimme in der SF, die das Genre mit ungewohnten Sichtweisen bereichert. Dafür lohnt sich auch ein wenig Lese-Arbeit, bis man von ihrem Erzählstil mitgerissen wird.
Nachtrag: Die Hugos für 2017
Bei den literarischen Formen haben sich zu meiner Freude stets meine Favoriten durchgesetzt, entweder Platz Eins oder Zwei meines Stimmzettels, übrigens mit knappem Ergebnis bei den Romanen. Bei den dramatischen Formen sieht es wie so oft anders aus. Für die Langform gewann Arrival (auf Platz Zwei abgeschlagen Hidden Figures), für die Kurzform die Expanse-Episode, die immerhin meine Anerkennung als SF für Erwachsene fand (mal sehen, was die zweite Staffel zu bieten hat, die inzwischen auf Netflix verfügbar ist). Hier landete mein Favorit San Junipero auf Platz 2, die Black-Mirror-Episode konnte zum Trost allerdings gerade zwei Emmys einheimsen.
Wen's interessiert: Hier sind alle Nominierungen und das genaue Abstimmungsergebnis.