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Samstag, 30. Juni 2018

Die Hugo-Finalisten 2018: Kurzformen

Hugo-Gewinnerin Jo Walton (Among Others) beschreibt in ihrem Blog ein wichtiges Merkmal von SF und Fantasy: Der Weltenaufbau wird zu einem eigenen Charakter. Was nicht heißt, dass die menschlichen (oder un-menschlichen) Figuren unwichtig werden sollten. Je kürzer allerdings die Geschichten werden, desto mehr stehen die Ideen im Vordergrund. Dagegen ist nichts zu sagen, aber ich persönlich möchte beim Lesen Personen kennenlernen und mit ihnen mitfiebern. Vielleicht deshalb sagen mir nur wenige Kurzgeschichten zu. In den letzten Jahren hat es kaum Beispiele auf dem Niveau von Sturgeon, Dick oder LeGuin gegeben. Bei den diesjährigen Nominierungen bin ich jedenfalls nicht fündig geworden. Es drängt sich auch keine Rangfolge auf, trotz ein paar netter Beiträge.

Noveletten


6. "Children of Thorns" Aliette de Bodard
Dieses Abenteuer in einem verwunschenen Palast ist eine Coda zu einer mir unbekannten umfangreichen Fantasy-Serie. Für sich allein konnte ich damit nichts anfangen.

5. "Extracurricular Activities" Yoon Ha Lee
Diese Military SF um den Helden Shuos Jedao ist quasi ein Flashback zur Hugo-nominierten Romantrilogie der Autoren Yoon Ha Lee (Ninefox Gambit im letzten Jahr, "Raven Strategem" in diesem). Shuos Jedao ist offenbar ein intergalaktischer Ethan Hunt, der nur mit einem Kugelschreiber bewaffnet eine gegnerische Garnison infiltrieren kann und dabei nur einen leichten Schnupfen davonträgt. Seine Gegenspieler duellieren sich nämlich mit Viren. Wenn das nicht so bierernst geschrieben wäre, hätte ich mich vielleicht amüsiert. Punktabzug auch für eine weitere beliebig geschlechtslose Figur ("they").

No Award

4. "A Series of Steaks" Vina Jie-Min Prasad

Schmecken Steaks aus dem 3D-Printer weniger gut als "echte" Schlachterzeugnisse? Wäre interessanter gewesen, wenn mich die beiden weiblichen Hauptfiguren und ihre angedeutete Romanze überzeugt hätten.

3. "Small Changes Over Long Periods" K.M. Szpara
In der Nachfolge von Chuck Tingle und Stix Hiscock bietet der Transgender-Aktivist K.M. Szpara (der angeblich einen Master in Theologie abgeschlossen hat) derbe Erotik und erörtert die wichtige philosophische Frage, wie bei einem Trans-Mann die Wandlung zum Vampir vonstatten geht. Es stellt sich heraus, dass neben Blut gewaltige Zugaben Testosteron notwendig sind.

2. "The Secret Life of Bots" Suzanne Palmer
Dieses nette Nichts ist eine Variation auf den Animationsfilm The Secret Life of Pets, im Deutschen einfach nur "Pets" (den ich unterhaltsamer fand als den ambitionierten Disney-Zwilling Zootopia). Hauptfigur ist ein in die Jahre gekommener Wartungsroboter, der trotz seiner Winzigkeit (er misst nur wenige Zentimeter) fast im Alleingang sein Raumschiff und das Sonnensystem rettet. Tatsächlich bilden die Bots eine verschworene Gemeinschaft und legen schon mal eine Gedenkmillisekunde für außer Dienst gestellte Kameraden ein.

1. "Wind Will Rove" Sarah Pinsker
Als Folk-Freund habe ich mich für diese Reflektion auf Tradition und Wandlung entschieden. Sarah Pinsker (die mit dem Ego so groß wie ein Planet, siehe ihre nominierte Novelle) beschreibt, wie Musiker auf einem Generationenraumschiff verzweifelt versuchen, ihr traditionelles Liedgut zu bewahren (es gab einen Blackout und Speicherverluste). So gibt es dogmatische Folk-Sessions, bei denen immer und immer wieder die alten Tunes heruntergedudelt werden (eine Tradition besonders der Iren, der ich nicht viel abgewinnen kann). Aber Folk-Musik muss leben, muss ihre Lieder weiterentwickeln und auf aktuelle Situationen beziehen. So jedenfalls interpretiere ich den Weg der Hauptfigur (einer Fiddlerin) und die Evolution ihres Lieblingsliedes, eben jenes "Winds Will Rove".

Short Stories


6. "Clearly Lettered in a Mostly Steady Hand" Fran Wilde
Eine poetische Allegorie, zu der ich keinen Zugang finden konnte.

5. "Carnival Nine" Caroline M. Yoachim
Und noch ein Abklatsch von The Secret Life of Pets, diesmal mit Aufziehpuppen. Der "Maker" zieht allmorgendlich das Gewinde der Puppen auf, was je nach Anzahl der Windungen zu unterschiedlich langen Aktivitätsdauern führt. Die Geschichte selbst ist leider schematisch-kitschig.

No Award

4. "Sun, Moon, and Dust" Ursula Vernon
Ursula Vernons Tomatendieb gewann letzes Jahr als beste Novelette. Diese Fantasy um einen Kartoffelfarmer und drei Heldengeister, die in einem magischen Schwert gefangen sind, fand ich deutlich schwächer, insbesondere den vagen homoerotischen Funken am Ende.

3. "Fandom for Robots" Vina Jie-Min Prasad
Die zweite diesjährige Nominierung der Autorin aus Singapur, die "gegen die Weltmaschine schreibt", ist ähnlich belanglos, hat aber wie mein Favorit bei den Novellen als Hauptfigur einen Roboter mit zweifelhaftem TV-Geschmack (in diesem Fall Anime), was sogar in eigenen Fangeschichten mündet.

2. "The Martian Obelisk" Linda Nagata
Linda Nagata lebt in Hawaii und schreibt vor allem "Nanopunk", wie ich aus der Wikipedia erfahre. Der Obeliks auf dem Mars soll ein Denkmal werden für die aussterbende menschliche Zivilisation. Aber ist dieses wichtiger als das Überleben der letzten Menschen auf dem Nachbarplaneten?

1. "Welcome to your Authentic Indian Experience™" Rebecca Roanhorse
Fast zufällig landet dieses Garn um virtuelle Erlebniswelten und indianische Tradition auf dem ersten Platz. Es gewann bereits den Nebula (die Nominierungen überschneiden sich nur noch bei Wilde und Prasad). Ein bisschen sperrig erzählt, hat es dann doch etwas von Phil Dicks Splittern der Realität. Authentische Ureinwohner hat Amerika ja nicht mehr zu bieten, aber Rebecca Roanhorse gibt ihre Wurzeln an mit Ohkay Owingeh (mit "schwarzer" Beimischung). Wie Prasad ist sie in diesem Jahr auch für den Campbell als "beste neue Autorin" nominiert.

Samstag, 23. Juni 2018

Spielberg Light: Die Verlegerin (6/10)

In den USA heißt Spielbergs jüngstes Oscar-Futter einfach The Post - die Amerikaner wissen, dass damit die "Washington Post" gemeint ist. 1971 war das die immerhin auflagenstärkste Lokalzeitung im (für US-Verhältnisse) Kaff Washington D.C. Zeitgleich zum Börsengang folgte die Post der New York Times in der Veröffentlichung der sogenannten "Pentagon Papers" (trotz gerichtlicher Verfügungen gegen die Times) und etablierte sich bundesweit als Sprachrohr für Pressefreiheit und regierungskritische Berichterstattung. Die Pentagon Papers enthielten eine über 6000 Seiten lange, streng geheime Studie über den Vietnamkrieg, waren vom ehemaligen Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben und dann unter Verschluss gehalten worden ("für die Nachwelt"). Da die Ergebnisse in direktem Widerspruch zu den öffentlichen Aussagen der Regierungen seit Kennedy standen, riskierte Daniel Ellsberg, einer der Autoren der Studie, eine Anklage wegen Hochverrats und machte sie den beiden Zeitungen zugänglich. Das war übrigens damals lange nicht so einfach wie in unseren Zeiten von WikiLeaks - er musste die Papiere nach und nach aus dem Verteidigungsministerium herausschmuggeln und auf einen Kopierer legen.

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Der deutsche Verleihtitel Die Verlegerin verdeutlicht den Fokus des Drehbuchs von Josh Singer (Spotlight) und seiner jungen Kollegin Liz Hannah und stellt natürlich gleichzeitig werbewirksam die Hauptdarstellerin Meryl Streep in den Vordergrund. Tatsächlich wurde Katharine "Kay" Graham, Herausgeberin der Post seit dem Tode ihres Mannes Phil, 1972 der erste weibliche Chef einer Fortune-500-Firma. Leider bauscht Spielberg diesen Meilenstein künstlich auf. Es gibt zwar eindrückliche Momente, etwa wenn Kay Graham zum ersten Mal einen Börsenraum vollgestopft mit würdevollen weißen Männern betritt. Meryl Streep weiß auch Kays anfängliche Unsicherheit im Umgang mit den Alphamännern darzustellen. Von den Aufsichtsratmitgliedern über ihren Chefredakteur Benjamin Bradlee (Tom Hanks) bis zu ihrem Anwalt wird sie immer wieder belächelt und herablassend behandelt. Trotzdem hat sie die Entscheidungsbefugnis und nimmt sie im wichtigsten Moment auch wahr. Aber der Weg dahin wirkt auf mich nicht wahrhaftig und wird dann in typischer Spielberg-Manier am Ende untergraben durch das Spalier von bewundernden Frauen nach der Entscheidung des Supreme Courts für die Pressefreiheit. Kay Graham wurde bestimmt zum Vorbild für viele Frauen, aber dieser Prozess war sicher gradueller - und weniger kinotauglich. Der Pulitzer-Preis ging 1972 übrigens an die New York Times, erst ein Jahr später an die Post: für die Enthüllung der Watergate-Affäre. Einen weiteren Pulitzer gewann Kay Graham 1998 - für ihre Memoiren. Sie starb 2001.

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Neben Streep verblassen dann auch die männlichen Kollegen, die natürlich alle solide agieren (weniger würde man bei Spielberg nie erwarten). Tom Hanks' Chefredakteur wird auf einen reinen Handlungsträger reduziert, obwohl ihm das Script sogar Szenen mit seiner Ehefrau (Sarah Paulson) spendiert. Am überzeugendsten fand ich noch Bob Odenkirk (Better Call Saul) als Chefreporter, Bruce Greenwood als McNamara und Bradley Whitford (The West Wing, Cabin in the Woods) als Aufsichtsrat Arthur Parsons. Dank Spielbergs flüssiger Erzählweise und Januscz Kaminskis eleganter Kameraführung wird die Geschichte nie wirklich langweilig, bekommt aber auch nie den mitreißenden Schwung etwa des verwandten Oscar-Gewinners Spotlight. Das Zeitkolorit wird zwar ganz gut eingefangen, wirkt aber nie so beklemmend echt wie etwa in Mad Men (trotz dessen satirischer Sichtweise - vielleicht fehlt der Zigarettenqualm). Und den bedeutungsschweren Score von John Williams fand ich diesmal besonders manipulativ. So wirken sowohl das Lob auf die Pressefreiheit als auch der Ruf nach Geschlechtergleichheit aufgesetzt. Ein wenig hat mich das an Oprah Winfreys begeisternde #Time's-Up-Rede bei den diesjährigen Golden Globes erinnert. Das reine Heraufbeschwören von Veränderungen beschleunigt diese nicht unbedingt. Die TV-Milliardärin ist bestes Symbol, dass sich seit 1971 die Rolle von Frauen stark verändert hat. Was die Pressefreiheit betrifft, gibt es in den USA nur noch wenige Bastionen, die sich gegen das Establishment halten. Vor diesem Hintergrund ist Die Verlegerin einfach zu brav, Spielberg Light sozusagen. Ordentlich (6/10).

Sonntag, 17. Juni 2018

Die Hugo-Finalisten 2018: Novellen

Während die Auswahl in der Kategorie "Roman" in diesem Jahr sehr enttäuschend ist - es sieht nach einem Hatrick für N.K. Jemisin aus - hatte ich an den Novellen überwiegend Freude. Es handelt sich eigentlich um Kurzromane, zwischen 100 und 200 Seiten lang, abgeschlossen oder Teil einer Serie. Nicht unter die Finalisten gekommen sind übrigens die beiden jüngsten Penric-Erzählungen von Lois McMaster Bujold, dafür ist ihre "World of the Five Gods" bei den Serien im Rennen. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:

6. River of Teeth: Sarah Gailey

Die Grundidee ist eigentlich ganz nett: Im 19. Jahrhundert werden am Mississippi Flusspferde angesiedelt und lösen bald gewöhnliche Pferde als Reittiere ab. Vor diesem Hintergrund gibt es dann eine Wildwestgeschichte, die vor allem in der Figurenzeichnung jämmerlich scheitert. Insbesondere die wild durcheinandergeworfenen Gender-Typisierungen reiben sich mit dem historischen Hintergrund, vom bisexuellen Helden, der zu Beginn des Abenteuers erstmal einen blauäugigen Buchhalter vernascht, über die taffe, schwangere Kopfgeldjägerin bis hin zu einer Person, die das Geschlechterroulette verloren hat und deshalb nur mit "they" referenziert wird. Das ist reine Anbiederung an die LGBT-Gemeinde. Die bereits erhältliche Fortsetzung kann mir gestohlen bleiben!

5. The Black Tides of Heaven: JY Yang

Die quere Autor*in erfindet ein unwahrscheinliches Zwillingspaar, das sich in einer mittelalterlichen Fantasywelt auf unterschiedlichen Seiten eines weltumspannenden Konfliktes wiederfindet. Auch hier gibt es Abzüge für die beliebigen Geschlechtertypisierungen. Während manche Personen schon mit vier (4!) Jahren ein Geschlecht zugewiesen bekommen, warten die Zwillinge damit 17 Jahre, also ca. bis zur Halbzeitpause der Erzählung. Bis dahin werden sie einzeln mit "they" angesprochen, was zu Verwirrung und Verärgerung führt. Ansonsten sind Weltenaufbau wie Charakterisierungen hier aufgrund der Kürze nicht besonders überzeugend. Auch hierzu soll es eine Fortsetzung/Erweiterung geben - pah.

NO AWARD

4. And then there were (N-One): Sarah Pinsker

Das Ego der Autorin muss größer als ein Planet sein, denn wie sonst hätte sie sich trauen können, uns diese Geschichte vorzusetzen, in der sie alle Haupt- und Nebenrollen mit sich selbst besetzt. In Ich-Form erzählt Sarah von einem Kongress, an dem Sarahs aus ausgewählten parallelen Dimensionen teilnehmen. Da ist nämlich die Physikerin (oder "Quantologin") Sarah, die mal eben nicht nur Kommunikation, sondern auch Reisen zwischen alternativen Realitäten erfunden hat. Daneben haben die Sarahs trotz identischer Gene offenbar unendliche Talente, denn es gibt preisgekrönte Autorinnen genauso wie Grammy-gewinnende Musikerinnen - allerdings keine Ärztinnen. Unsere Erzählerin ist eine schnöde Versicherungsdetektivin, was aber praktisch ist, denn eine Sarah wurde gerade tot aufgefunden - ermordet? Das erklärt die an Agatha Christie angelehnte Titelvariation. Eigentlich führt die Autorin die so beliebte Multiverse-Theorie ad absurdum, aber sie zeigt eindrücklich die reale Wahrheit, dass kleinste Entscheidungen und Zufälle einen Lebenslauf aufs nachdrücklichste beeinflussen können. Spaßig und anregend!

3. Binti - Home: Nnedi Okorafor

Dies ist die Fortsetzung des Hugo-Gewinners vom vorletzen Jahr, genauso toll geschrieben, mit einer detailliert ausgemalten, exotischen Zukunft und einer faszinierenden Hauptfigur. Mein Hauptkritikpunkt ist, dass "Home" eigentlich die erste Hälfte eines Romans darstellt. Es endet mit einem Cliffhanger und bildet damit keine abgeschlossene Geschichte wie der erste Teil. Der Abschluss ist für faire 2 Euro als eBook erhältlich (ein Preismodell, das für Novellen leider nicht üblich ist), und daher werde ich ihn direkt als nächstes lesen (er käme dann in die Auswahl für nächstes Jahr). Ein weiterer Aspekt der Binti-Saga hat mich zudem gestört. Es ist in Ordnung, dass auch in einer Zukunft mit Raumschiffen und Alienkontakten Traditionen bewahrt werden. Aber müssen dazu auch abergläubische Rituale gehören? Was ich meine (nur ein Beispiel, kommt im Buch nicht vor!): Die Aufführung eines traditionellen Regentanzes ist schön, solange die Qualität der Darbietung nicht an der Regenmenge des folgenden Monats gemessen wird. Besonders genervt hat mich, dass Binti (und übrigens nur die Himba-Frauen) nicht ohne auf die Haut aufgetragenen Schutzschlamm (otjize) in die Öffentlichkeit gehen kann - auch auf dem Universitätsplaneten, der kein Wüstenklima hat. Das ist keine zu verteidigende Tradition mehr, sondern eine angelernte Neurose, und ein gutes Beispiel, wie eine an sich vernünftige Vorschrift verknöchert und nicht mehr hilft, sondern behindert.

2. Down Among the Sticks and Bones: Seanan McGuire

Seanan McGuire ist eine Vielschreiberin, was der Qualität ihres Werks nicht unbedingt bekommt. Bisher kenne ich nur einen kleinen Querschnitt, aber zum einen vermute ich, dass sie im Laufe der Jahre besser geworden ist, zum anderen gibt es wohl Erzählungen, in die sie mehr Arbeit hineinsteckt. So gewann sie mit ihrer Novelle Every Heart a Doorway letztes Jahr verdient ihren ersten Hugo. "Down Among the Sticks and Bones" ist nun eine Art (abgeschlossene) Vorgeschichte, um die Zeit der Zwillingsschwestern Jack (Jacqueline) und Jill(ian) in ihrer Fantasiewelt. Besonders reizvoll ist das Spiel mit den Geschlechterrollen (und dies ist ein Beispiel dafür, wie man das thematisieren kann, ohne penetrant zu wirken). Der Vater hat sich einen Sohn gewünscht und unterstützt Jills Tom-Boy-Verhalten, die Mutter dagegen formt Jack zu einer neurotischen Ballerina (und ach, wie wünschen sie sich, die Schwestern könnten die Namen tauschen!) In der Fantasiewelt, in die sie mit 11 Jahren gelangen und erst mit 17 wieder verlassen, lösen sich die Schwestern dann von den Erwartungen der Eltern. Jack wird das Mündel des herrschenden Vampir-Barons, während Jill beim ortsansässigen Frankenstein-Verschnitt in die Lehre geht. Das ist spannend, komisch und traurig zugleich. Bravo!

1. All Systems Red: Martha Wells

In einer fernen Zukunft besiedelt und terraformt die Menschheit ferne Planeten. Das ist ein kommerziell gesteuertes Verfahren. Mit der Bewertung eines neuen Siedlungsplaneten wird ein kleiner Trupp von Wissenschaftlern beauftragt, bewacht von einem Standard-Kampfandroiden (nach den Regeln der federführenden Gesellschaft muss den Prospektoren pro zehn Personen eine solche Maschine zugeteilt werden). Dieser Android ist allerdings nur nach außen ein Standardmodell. Nach einem traumatischen Einsatz, bei dem er aufgrund eines Programmierfehlers Unschuldige niedergemetzelt hatte, hat er kurzerhand sein eigenes Steuerprogramm gehackt und ist nun sein eigener Herr, auch wenn er seinen Auftrag, die Wissenschaftler zu beschützen, immer noch sehr ernst nimmt. Mit typischer Künstlicher Ironie nennt er sich den "Murderbot" und erzählt in Tagebuchform seine Erlebnisse. Sogleich sympathisch wird er uns, weil er in seiner Freizeit Fernsehserien konsumiert, insbesondere Seifenopern (die leider auch sein Menschenbild prägen). Außerdem ist er in seinen Fähigkeiten eingeschränkter als wir das sonst in der SF gewohnt sind. Er ist halt als Sparmodell konzipiert, das den Vorgaben genügen muss, aber auch nicht allzu teuer in der Produktion sein darf. So ist offenbar seine Multitasking-Fähigkeit stark eingeschränkt (im Gegensatz zu Data, der bei einem Gespräch mit Menschen zeitgleich noch Shakespeares Werk analysieren kann). Zudem ist er, auch aufgrund seiner Traumatisierung, extrem schüchtern im Umgang mit Menschen. Aber gerade diese Beschränkungen machen ihn zu einer faszinierenden Figur.

Die Texanerin Martha Wells, Jahrgang 1964, kann bereits auf umfangreiche Veröffentlichungen im SF- und Fantasy-Genre zurückblicken. Vor Jahren habe ich mal eine Urban Fantasy von ihr begonnen und nach ein paar Kapiteln wieder aufgegeben ("The Death of the Necromancer"). Vielleicht war das voreilig, jedenfalls werde ich ihr jetzt noch ein paar Chancen geben. Sie ist mit ihren Raksura-Fantasy-Romanen in diesem Jahr auch für die Beste Serie im Rennen. "All Systems Red", die erste Novelle in ihren "Murderbot Diaries", hat in diesem Jahr bereits den Nebula gewonnen und ist auch mein Favorit für den Hugo. Das ist mal waschechte Science Fiction, humorvoll und actiongeladen (auch wenn ich nicht so weit wie andere Rezensenten gehen würde, dies als Military SF zu klassifizieren).

Samstag, 9. Juni 2018

Blue's Eleven: Jurassic World 2 (6/10)

Dies ist das Abenteuer von elf starken Frauen, die eine Reise ins Unbekannte antreten. Die Menschheit hat sie bereits aufgegeben, aber Blue und ihre Freundinnen verzweifeln nicht. Gerade erst einer Naturkatastrophe entronnen, planen sie bereits den Heist des Känozoikums. Sie mischen die Villa eines Milliardärs auf und setzen sich gegen ihre ärgste Widersacherin durch, eine lasergesteuerte Replikantin.

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Zu Beginn der Geschichte ist Blue einsam und verbittert - die Letzte ihrer Art (wir dickhäutigen Menschen erinnern uns kaum noch, aber ihre drei Schwestern wurden in Jurassic World dahingemetzelt). Daher fällt es ihr auch schwer, ihrem Menschenfreund Owen zu vertrauen, als dieser so urplötzlich wieder auf ihrer Insel erscheint. Aber die Umstände zwingen sie schnell, ihre Depression zu überwinden. Es heißt geschwind die Koffer zu packen und zu verschwinden, denn ein Vulkan bricht aus, und Lava verschlingt ihren Lebensraum. So findet sie sich unfreiwillig in Gesellschaft ihrer Verwandten wieder. Aber nicht alle können sich retten, und so müssen die Flüchtlinge aus der Ferne die Qualen von Brunhildes Schwester mit ansehen, die in der Hitze des Vulkanausbruchs dahinschmilzt (ein ikonisches Bild, welches wir Zuschauer nicht so schnell vergessen werden).

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Auf der Schiffsreise zeigt sich dann die starke Solidarität innerhalb der Familie. Blue ist verwundet und benötigt eine Bluttransfusion. In ihrer Not muss sie sich an jene Tante wenden, mit der sie eine respektvoll distanzierte Hassfreundschaft verbindet. Wer erinnert sich nicht an Tryxi mit ihrem Appetit auf Anwälte! Aber trotz aller Vorurteile lässt Tryxi ihre Nichte nicht im Stich und spendet ohne Zögern den notwendigen Kübel Blut. Hier zeigt sich wieder, dass Blut dicker als Wasser ist und auch Dinosaurier Gefühle haben! Kaum erwähnenswert, dass Blue die Operation auch ohne Betäubung durchsteht - man darf vermuten, dass äonenalte Autosuggestionstechniken zur Anwendung kamen.



Endstation der Reise ist besagte Milliardärsvilla bei London. Nicht unbedingt naheliegend, mag das damit zusammenhängen, dass schon Jurassic-Park-Gründer John Hammond aus England stammt. Leider konnte nach Richard Attenborough keine weitere britische Legende gewonnen werden, und so muss ein Amerikaner mit britisch-klingendem Namen genügen. James Cromwell mimt den reichen Aristokraten mit fragwürdigen Motiven vom Krankenbett aus. Aber die menschlichen Beweggründe sind hier ja nebensächlich. Zurück zu Blue und ihren Freundinnen, die von der Notlage immer mehr zu einem Team zusammengeschweisst werden. Jede darf ihre besonderen Fähigkeiten entfalten. Besonders bezaubernd ist in dieser Hinsicht Stiggy, die gern mit dem Kopf durch die Wand will - genau das, was die Lage erfordert. Schließlich kommt es zum Showdown, bei dem Team Blue ihre schwächlichen Menschenfreunde vor der bösen Replikantin beschützen müssen.

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Na also, es gibt doch noch Blockbuster mit rein weiblichen Hauptdarstellern! Allerdings herrscht schon ein Ungleichgewicht zwsichen den Stars (Blue, Tryxi, Brunhilde) und den Nebendarstellerinnen - hier hätte ich mir vom Script bessere Charakterisierungen gewünscht. Aus Sicherheitsgründen kamen in der Werbung übrigens eher die menschlichen Statisten zu Wort. Trotz dieser Publicity-Strategie drücken wir die Daumen für Blues Oscar-Nominierung. Die Entwicklung ihrer Figur war schon beeindruckend gespielt. Falls es nicht klappt mit dem Preis, kann sie ja immer noch den Moderator verspeisen...

Alles in allem eine kleine Verbesserung gegenüber dem Vorgänger. Ordentlich (6/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Well I had an old dog and his name was Blue
Yes, I had an old dog and his name was Blue
Well I had an old dog and his name was Blue
Bet ya five dollars he's a good dog too