Suche im Blog

Montag, 23. Februar 2015

Mein Oscar-Tip 2015

In diesem Jahr findet sich bei durchaus guten Beiträgen kein einziger herausragender Kandidat. Die Akademie hat sich keinen Gefallen damit getan, den unterhaltsamsten und erfolgreichsten Film von 2014 fast vollständig zu ignorieren. Guardians Of The Galaxy stand gerade mal für Makeup und Visuelle Effekte auf dem Wahlzettel. Mit einem gewissen Konsens wird die Einzigartigkeit von Boyhood anerkannt, was Regisseur Richard Linklater mit ziemlicher Sicherheit einen Oscar einbringen wird. Aber ob die Mehrheit dies auch als "Besten Film" honoriert, ist noch offen. Zum einen könnte ein von den Medien aufgeputschtes kollektives schlechtes Gewissen (wegen fehlender Nominierungen schwarzer Darsteller und der Regisseurin) der Martin-Luther-King-Biographie Selma zum Sieg verhelfen, zum anderen ein falscher Patriotismus Clint Eastwoods American Sniper (das ist aber unwahrscheinlich). Theoretische Chancen hat auch der von der Kritik geliebte Birdman.

Bester Film


Mein Tip und mein Favorit: Boyhood

Beste Regie

Alejandro González Iñárritu - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit
Richard Linklater - Boyhood
Bennett Miller - Foxcatcher (3/10)
Wes Anderson - Grand Budapest Hotel
Morten Tyldum - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben

Mein Tip und mein Favorit: Richard Linklater

Bester Hauptdarsteller

Steve Carell - Foxcatcher
Bradley Cooper - American Sniper
Benedict Cumberbatch - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
Michael Keaton - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit
Eddie Redmayne - Die Entdeckung der Unendlichkeit 

Mein Tip: Eddie Redmayne
Mein Favorit: Benedict Cumberbatch, aber auch für Michael Keaton würde ich mich freuen

Manchmal wundert man sich, wie Spencer Tracy (den viele für den besten Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts halten) zu seinen zwei Oscars kam, denn eigentlich liebt die Akademie Verwandlungskünstler. Hinzu kommt hier die allgemeine Bewunderung für Hawking, der bei den BAFTAs sogar noch Witzchen mit Stephen Fry austauschen durfte.

Beste Hauptdarstellerin

Marion Cotillard - Zwei Tage, eine Nacht
Felicity Jones - Die Entdeckung der Unendlichkeit
Julianne Moore - Still Alice - Mein Leben ohne Gestern
Rosamund Pike - Gone Girl - Das perfekte Opfer
Reese Witherspoon - Der große Trip - Wild

Mein Tip und Favorit: Julianne Moore (obwohl ich den Film noch nicht gesehen habe)

Sie war dieses Jahr auch im mißlungenen Maps to the Stars zu sehen, aber das sei ihr verziehen! Marion Cotillard ist immer sehenswert, hat aber genau wie Reese Witherspoon bereits eine Statue. Rosamund Pike mag ich, aber Finchers Film war überhaupt nicht meine Sache. Felicity Jones könnte höchstens von der Hawking-Welle profitieren.

Bester Nebendarsteller

Robert Duvall - Der Richter: Recht oder Ehre
Ethan Hawke - Boyhood
Edward Norton - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit
Mark Ruffalo - Foxcatcher
J.K. Simmons - Whiplash

Mein Tip und Favorit: J.K. Simmons


Beste Nebendarstellerin

Patricia Arquette - Boyhood
Laura Dern - Der große Trip - Wild
Keira Knightley - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
Meryl Streep - Into the Woods
Emma Stone - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

Mein Tip und Favorit: Patricia Arquette (so sehr ich Emma Stone und Keira Knightley auch liebe)


Bestes Originaldrehbuch

Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris & Armando Bo - Birdman
Richard Linklater - Boyhood
E. Max Frye & Dan Futterman - Foxcatcher
Wes Anderson & Hugo Guinness - Grand Budapest Hotel
Dan Gilroy - Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis

Mein Favorit: Grand Budapest Hotel
Mein Tip: Grand Budapest Hotel

Drehbuchpreise sind stets am schwierigsten einzuschätzen. Wenn es keinen Durchmarsch eines einzigen Films gibt, werden hier oft "Trostpreise" vergeben. Chancen haben auch Birdman und (unwahrscheinlich) Boyhood. Für Wes Andersons stark europäisch geprägten Film ist es bereits eine große Ehre, so stark vertreten zu sein.

Bestes adaptiertes Drehbuch

Jason Hall - American Sniper
Graham Moore - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
Paul Thomas Anderson - Inherent Vice - Natürliche Mängel
Anthony McCarten - Die Entdeckung der Unendlichkeit
Damien Chazelle - Whiplash

Mein Tip: Die Entdeckung der Unendlichkeit
Mein Favorit: The Imitation Game 

Chancen haben auch American Sniper und Whiplash.


Bester fremdsprachiger Film

Ida
Leviathan
Tangerines
Timbuktu
Wild Tales - Jeder dreht mal durch

Obwohl ich den Favoriten nicht gesehen habe:

Mein Tip: Leviathan (es kann aber auch Ida gewinnen)
Mein Favorit: Timbuktu (hat gerade immerhin etliche Césars gewonnen)


Bei den übrigen Kategorien müßte ich raten. Leider ist Wim Wenders bei den Dokumentarfilmen wieder nicht Favorit (Er ist seit seinen Nominierungen für Buena Vista Social Club und Pina Enttäuschungen gewohnt). Alexandre Desplat müßte es mit zwei Nominierungen dieses Jahr eigentlich schaffen, aber viele mochten auch Jóhann Jóhannsons Score für die Hawking-Biographie.

Überfällige, erneut brave Geschichtsstunde: Selma (7/10)

Selma ist erstaunlicherweise die erste Filmbiographie von Martin Luther King Jr. und als solche sicherlich überfällig. 50 Jahre nach den Märschen von Selma kann  trotz eines schwarzen Präsidenten immer noch nicht behauptet werden, die Bürgerrechtsbewegung sei am Ziel angekommen. Insofern ist dies eine wichtige Geschichtsstunde zu einem Thema, mit dem sich die Amerikaner offenbar schwer tun. Abgesehen von der amerikanischen Regisseurin Ava DuVernay scheinen hier vor allem Briten beteiligt zu sein.

Anders als der letztjährige Butler fokussiert Selma auf ein spezifisches Ereignis, auch wenn es sich nicht verkneifen kann, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises zu beginnen. Es wird versucht, den Menschen und Politiker King zu zeigen, aber weder das Drehbuch (der erste Credit eines weißen Autors) noch die Regie vermögen dem Stoff Außergewöhnliches zu entreißen. Gegen Ende zweier langer Stunden nimmt der Pathos dann endgültig überhand, und der (Oscar-nominierte) Rap zum Abspann versucht arg verkrampft, den Bezug zum Heute herzustellen.

David Oyelowo (im Butler spielte er wohl den Sohn von Forest Whitaker) ist sicherlich kompetent, aber begeistert hat mich seine Darstellung nicht. Insbesondere spricht er in den Familienszenen im gleichen Tonfall wie bei seinen berühmten Reden, was eine gewisse Monotonie erzeugt. Im übrigen erschließt es sich mir nicht, warum die beiden Hauptrollen (King und seine Frau) durch Briten besetzt wurden, genauso wie die allerdings überzeugenden Tom Wilkinson als Präsident Johnson und Tim Roth als Gouverneur Wallace.

Ich bin hier auf der Seite der Akademie-Mitglieder, die sich beleidigt fühlen, wenn von ihnen eine quotengerechte Abstimmung verlangt wird. Das Grundproblem ist doch, daß es in den USA zu wenige Filme von Schwarzen mit Schwarzen gibt (und daneben auch Filme von Frauen). Schuld daran sind nicht das Abstimmungsverhalten oder die Zusammensetzung der Akademie, sondern die Machtverhältnisse in der Filmindustrie insgesamt. Selma war übrigens ein kleiner Hit und hat seine Kosten locker eingespielt. Gut (7/10).

Sonntag, 22. Februar 2015

Zu den Löwen: Into the Woods (5/10)

Neuinterpretationen klassischer Märchen liegen im Trend. Von der vorsichtig modernisierten, durchaus spaßigen Trickfassung von Rapunzel (im Deutschen mit dem unsäglichen Untertitel "neu verföhnt") bis hin zur dämlichen Horroraction (Hänsel und Gretel: Hexenjäger - kein Witz) gibt es die verschiedensten Ansätze. Von den Disney-Studios selbst kam letztes Jahr das interessante, aber doch enttäuschende Fantasy-Abenteuer Maleficent, Dornröschen aus der Sicht der doch nicht so bösen Hexe Angelina Jolie. Den Zeichentrick-Klassiker von 1959 halte ich zwar eher für langweilig, aber immerhin hat es der fantastische Titelsong "Once Upon a Dream" in die Realfilm-Neuauflage geschafft, berückend gesungen von Lana Del Rey.

Nun hat sich Disney an die Verfilmung des Broadway-Hits Into the Woods gewagt. Das Stück mischt Motive aus Aschenputtel, Jack und die Bohnenstange, Rapunzel und Rotkäppchen zu einer nicht jugendfreien, düster-ironischen Geschichte. Das weiß ich allerdings nur aus zweiter Hand, denn natürlich macht der Film daraus brave, ob der Auslassungen leicht verwirrende Familienunterhaltung. Manchmal ist es trotzdem noch verblüffend spaßig, wie die Märchenkonventionen dekonstruiert werden. So funktioniert die Rettung von Rotkäppchen und ihrer Großmutter aus dem Bauch des Wolfes (nicht durch den Jäger, sondern einen Bäcker) nur als surreale Traumsequenz. Und daß Aschenputtel mit Vögeln sprechen kann, sorgt bei ihren Freunden doch für Verwunderung.

Übrigens, und bereits der Trailer verschwieg das verschämt, handelt es sich um ein Musical, ohne Tanz oder Choreographien, aber gelegentlich schwillt die Orchesteruntermalung an, und die Schauspieler wechseln unmotiviert in ihre Singstimme. In Opern gibt es ja Passagen, in denen die Sänger Luft holen können und die Handlung per Sprechgesang vorantreiben. Into the Woods besteht nur aus solchen Passagen, als ob man die eigentlichen Lieder herausgeschnitten hätte. Komponist Steven Sondheim wäre wohl besser bei seinen Libretti (z.B. für West Side Story) geblieben. Zwar gewann er 1991 einen Oscar für den farblosen Dick Tracy-Song "Sooner or Later", aber musikalisches Talent kann ich bei ihm nicht entdecken. Ähnliches gilt für das ebenfalls von ihm verbrochenen Sweeney Todd, bei dessen Verfilmung Tim Burton immerhin einen Teil des Schwarzen Humors retten konnte.

Regisseur Rob Marshall kongeniale Inszenierung des Broadway-Hits Chicago (mit Richard Gere, Catherine Zeta-Jones und Renée Zellweger) verhalft dem Genre 2002 zu einer kleinen Renaissance, der Oscar für den Besten Film kam über 30 Jahre nach dem letzten preisgekrönten Musical (Carol Reeds bravem Oliver!). Danach allerdings ist ihm nichts Ordentliches mehr gelungen, und dieses Jahr gab's keine nennenswerten Nominierungen (Meryl Street erscheint inzwischen automatisch auf dem Stimmzettel, das hat nichts zu bedeuten). Sein offenbar unter dem Einfluß von Halluzinogenen entstandener Fellini-Verschnitt Nine verheizte 2009 Stars wie Daniel Day-Lewis, Penélope Cruz, Sophia Loren, Nicole Kidman, Judi Dench, und Marion Cotillard.

Auch diesmal geben sich Berühmtheiten die zweifelhafte Ehre. Am besten komm dabei Emily Blunt (Edge of Tomorrow) weg, der ich persönlich  für ihre unverkrampft-witzige Darstellung am ehesten eine Nominierung gegeben hätte. Dann ist da "Captain Kirk jr." Chris Pine als Prinz, der gemeinsam mit seinem Bruder in einer zugegeben (unfreiwillig?) lustigen Szene seiner "Agony" Ausdruck gibt (Rapunzel und Aschenputtel wollen nicht so wie die Königssöhne). Die Talente von Christine Baranski (Mamma Mia, Cybill) und Tracey Ullman sind in winzigen Rollen verschwendet. Johnny Depp hat einen unbehaglich-schrägen Cameo als pädophiler "Wolf", und Meryl Streep, mit 65 Jahren in ihrer ersten Hexenrolle, agiert angemessen exzentrisch und punktet (seit Mamma Mia bekanntermaßen) mit der besten Singstimme. Und dann ist da Anna Kendrick als Aschenputtel. In Up in the Air war sie perfekt in der Rolle des jungen It-Girls (und bekam eine Oscar-Nominierung), aber seitdem habe ich eine gewisse Abneigung gegen sie entwickelt. Ausschlaggebend sind nicht ihre (winzigen) Auftritte in der Twilight-Saga, sondern vielleicht eher ihr gelackten Aussehen und ihre metallische, nach Autotune klingende Singstimme, die mich bereits in Pitch Perfect ziemlich gequält hat.

Trotz allem hat Disney mit dem Endprodukt einen kommerziellen Erfolg landen können, und einen gewissen Unterhaltungswert will ich auch nicht abstreiten. Daher noch knapp Annehmbar (5/10).

Samstag, 21. Februar 2015

Der pervertierte amerikanische Traum: Whiplash (6/10)

Und noch mehr Trommelwirbel! Nach der teils aufdringlichen Untermalung in Birdman kommt mit Whiplash nun die Geschichte des jungen Schlagzeugers Andrew (Miles Teller), der an der Top-Musikschule der USA in das prestigeträchtige Jazz-Orchester des berühmten Bandleaders Fletcher (J. K. Simmons) aufgenommen wird. Es entwickelt sich ein packendes Psychoduell zweier besessener Persönlichkeiten, das allerdings an einer Übertreibung der Geschehnisse und den unsympathischen Hauptfiguren leidet.

Mit der Realität von Jazz-Musikern hat die Geschichte wenig zu tun, obwohl sie angeblich auf Erfahrungen des Regisseurs beruht. Fletcher treibt seine Schüler zu Höchstleistungen an, mit Demütigungen, Erniedrigungen, psychischer und physischer Gewalt. Er ist auf der Suche nach einem Genie vom Range Charlie Parkers und geht dabei als Einpeitscher fast buchstäblich über Leichen. Im Unterricht legt er aber offenbar nur Wert auf Tempo und Präzision, Musikalität scheint keine Rolle zu spielen. Das wirkt besonders ironisch, wenn man ihn später in einem Jazzclub entspannt am Piano erlebt. Viele Kritiker haben ihn mit einem Drill-Sergeant verglichen, aber bei der Armee gibt es Gründe, warum Kreativität in den unteren Rängen nicht gefragt ist...

Andrew möchte "der Größte" werden, dafür spielt er sich die Hände blutig und vernachlässigt alles, was ihn bei der Erreichung seines Ziels stören könnte. So stößt er seine nette neue Freundin bald wieder ab, denn vom Leben will er sich nicht ablenken lassen. Wo aber bleibt die Liebe zur Musik? Und kann eine Combo funktionieren, die aus eingeschüchterten Duckmäusern besteht? Am Ende will Fletcher seinen aufbockenden Musterschüler bloßstellen, aber Andrews Siegeswille führt ihn trotzdem zum Triumph. Das hört sich eher nach einem Sportfilm an, und die Absicht des Regisseurs bleibt nebulös. Allerdings kann man leicht Parallelen ziehen zum aktuellen Prominenzwahn. Gemäß dem neuen amerikanischen Traum suchen alle die Abkürzung zur Berühmtheit. Dazu muß man möglichst schnell möglichst viele Menschen beeindrucken. Show ist alles, Talent und gewiß die Kunst bleiben auf der Strecke. Aber ich bin mir sicher: Charlie Parker wollte nicht der Größte sein, er wollte die bestmögliche Musik spielen.

Whiplash ist erst der zweite Langfilm des gerade 30jährigen Regisseurs und Autors Damien Chazelle. Er ergatterte nicht nur Oscar-Nominierungen für den Besten Film und das beste adaptierte Drehbuch (die Akademie ist der Ansicht, der Langfilm beruhe auf dem Kurzfilm, den Chazelle mangels Budget zuvor abgedreht hatte), er steht in der IMDB-Beliebtheitsskala momentan auf Platz 38 Das sehe ich als ein Beispiel dafür, daß oft nicht das Werk selbst, sondern sein vermeintlich wichtiges Thema bewertet und dabei mißverstanden wird. Wenn etwas Gutes dabei herauskommt, dann immerhin der Oscar für J. K. Simmons. Eigentlich ein ebenbürtiger Antagonist, ist er doch nur für die beste Nebenrolle nominiert und in dieser Kategorie klarer Favorit. Das sei dem vielbeschäftigten 60jährigen gegönnt, denn es gelingt ihm, seine Figur doch mit genug Menschlichkeit auszustatten, daß man ein gewisses Mitgefühl entwickelt. Daneben ist er seit Jahrzehnten für seine Charakterrollen bekannt, oft mit brillantem trockenen Humor. Er war der CIA-Vorgesetzte in der Coen-Farce Burn After Reading ("Burn the body. Get rid of it!") und Junos sarkastisch-liebevoller Vater - kein Zufall, denn er war bei allen Filmen von Jason Reitmann dabei. Auch bei Whiplash war Reitman beteiligt, wenn auch nur als Executive Producer.

Eine fragwürdige Botschaft spannend präsentiert - schwer nachvollziehbare Figuren, aber gut gespielt - wie ist das in Punkten zu messen? Ich entscheide mich für eine Mischwertung, auch als Protest, denn zu den 250 besten Filmen aller Zeiten gehört dieser bestimmt nicht: Ordentlich (6/10).

Donnerstag, 12. Februar 2015

Unsportlich: Foxcatcher (3/10)

Sportfilme sind nicht so mein Fall. Sicher gibt es Ausnahmen - Schlittschuhlaufen (Moderne Zeiten, Blade Runner),  Billard (Haie der Großstadt/The Hustler) und Schach (Das Siebente Siegel) sind noch ok. Auch Bend it Like Beckham ist ein toller Film, aber Frauenfußball wird hierzulande ja auch nicht ernstgenommen. Am schlimmsten die amerikanische Dreifaltigkeit: Football, Baseball, Basketball - gähn. Vom Ringen habe ich eigentlich bereits durch John Irving eine reichliche Portion abbekommen, jetzt kommt mit dem diesjährigen Oscar-Kandidaten Foxcatcher die Überdosis.

Aus diesem Stoff, "basierend auf einer wahren Geschichte", hätte David O. Russell vielleicht eine schöne Satire machen können (ihm bin ich allerdings immer noch böse für American Hustle). Da kauft also in den 80ern der alternde Milliardär John Du Pont den jungen Olympiasieger Mark Schultz, spielt sich als sein Trainer auf und hofft, daß die nächste Medaille auf ihn abfärbt. Meist steht er nur im Trainingsraum rum und läßt die Profis gewähren. Einmal jedoch möchte er seine greise Mutter beeindrucken, und sein Versuch, ein echtes Training zu leiten, könnte tragisch oder komisch sein, wirkt hier aber nur peinlich. Dabei hilft es nicht, daß Du Pont von einem mit viel Oscar-nominiertem Makeup verunstalteten Steve Carrell gespielt wird. Der Starkomiker (The Office, Crazy Stupid Love) konnte bisher durchaus auch in dramatischen Rollen bestehen (etwa als selbstmordgefährdeter Onkel in Litte Miss Sunshine), scheint hier aber mehr damit beschäftigt, trotz seiner Zahnprotese verständlich zu sprechen. Die meiste Zeit wirkt er fast katatonisch, und die Oscar-Nominierung scheint mehr eine Belohnung für die Demütigungen, die er in den Ringszenen auf sich nimmt, ohne seine falsche Nase zu verlieren. Das mit der Mutter (um die Küchenpsychologie des Films zu erwähnen) ist übrigens so: Sie hält Ringen für eine schmutzige Sportart und schwört auf den Pferdesport. Da stimme ich allerdings mit ihr überein. Zumindest sind mir Kleines Mädchen, Großes Herz (1944, mit der entzückenden 12jährigen Liz Taylor) und Der Schwarze Hengst (1979, mit Mickey Rooney) in guter Erinnerung.

Drei Dinge möchte ich noch erwähnen.
  • Muskelprotz Channing Tatum (gerade auch in Jupiter Ascending zu bestaunen) gibt besagten Olympiasieger mit minimalem Ausdruck als beschränkte Dumpfbacke ohne einen einzigen unabhängigen Gedanken. Das kann dem historischen Vorbild kaum entsprechen, das immerhin einen ordentlichen Universitätsabschluß vorzuweisen hatte. 
  • Zum anderen bekommt man im Film niemals einen Eindruck vom Alltag amerikanischer Ringer. Von der Weltmeisterschaft geht es da zur Qualifikation und weiter zu den Olympischen Spielen. Gibt es da keine Liga, keine zwischenzeitlichen Mannschaftswettbewerbe? Einige Rezensenten haben Mark Schultz als "Profiringer" bezeichnet. Wer hat ihn denn dann bezahlt? Am Anfang gibt es eine alleinstehende Szene, in der er dankbar einen Scheck über 20 Dollar für einen Vortrag vor einer Schulklasse entgegennimmt...
  • Als drittes scheint mir der Schluß (Du Pont erschießt Marks Bruder, den Cheftrainer der Mannschaft) dramaturgisch völlig aus der Luft geholt, auch wenn er entgegen der "wahren Geschichte" chronologisch direkt an das Debakel bei der Olympiade von 1988 anzuschließen scheint (tatsächlich geschah der Mord erst Mitte der 90er).
Das Erkaufen von Prestige und narzissistischer Patriotismus könnten nicht nur im Sportzusammenhang ergiebige Themen sein. Regisseur Bennett Miller macht aus diesem Stoff leider ein humorloses Drama ohne Dramatik, eine Charakterstudie ohne Charaktere. Beim Regie-Zweig der amerikanischen Akademie ist er damit tatsächlich unter die fünf Nominierten gekommen. Bezeichnenderweise konnte Foxcatcher trotzdem keine der acht (!) Nominierungen für den Besten Film ergattern. Diese werden nämlich von der kompletten Mitgliedschaft benannt. Mir unverständlich, wie auf das herausragende Capote (2005) und das ordentliche Moneyball (2011 - Baseball!) ein solcher Flop folgen kann. Die Nominierung für Mark Ruffalo als Bester Nebendarsteller geht aber in Ordnung, mit ihm weht immer mal wieder eine frische Brise durch diesen öden Film. Lustigerweise tritt damit in diesem Jahr der aktuelle Hulk gegen seinen Vorgänger Edward Norton an (gesetzt ist aber der wunderbare J.K. Simmons für Whiplash - Rezi folgt hoffentlich zum Kinostart nächste Woche). Ruffalo war im letzten Jahr auch noch im schönen Musikdrama Begin Again an der Seite von Keira Knightley zu sehen. Ihm verdankt Foxcatcher, der Höchststrafe entgangen zu sein. Mäßig interessant (3/10).

Dienstag, 10. Februar 2015

Abgehoben: Michael Keaton als "Birdman" (7/10)

Bereits in den 60ern stellt Paul Simon in "The Dangling Conversation" die provokante Frage: "Is the theatre really dead?" (Joan Baez interessierte das so wenig, daß sie die Zeile durch "Is the church really dead?" ersetzte). Tatsächlich hat das Theater im Zeitalter des Kinos einen schweren Stand und könnte als überholte, prätentiöse Kunstform für eine kleine Elite verstanden werden. Anderseits haben sich Theater und Kino immer wieder gegenseitig befruchtet, und etliche Stars (von Olivier bis Blanchett) fühlen sich durchaus in beiden Welten zu Hause. So finde ich das bösartige Porträt der Theaterkritikerin Tabitha in diesem hochgehandelten Oscar-Kandidaten doch recht befremdlich (sie wird dargestellt von Lindsay Duncan, manchen vielleicht noch in Erinnerung als Brutus' Mutter Servilia in der TV-Serie Rom.) Immerhin läßt sie sich am Ende dazu hinreißen, die "unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" des Hauptdarstellers zu loben (daher der deutsche Untertitel). Möchte Regisseur Iñárritu zeigen, daß Superhelden-Darsteller auch nur Menschen sind?

Tim Burtons Batman Michael Keaton allerdings ist brillant als abgehalfterter Filmschauspieler Riggan Thomson, dessen berühmte Rolle als "Birdman" ihm auch nach Jahrzehnten noch nachhängt. Jetzt möchte er es allen noch einmal zeigen, ausgerechnet mit der Inszenierung und Hauptrolle in einem Theaterstück nach Raymond Carver (Short Cuts). In den wenigen Tagen der letzten Proben und schließlich der Broadway-Premiere kämpft er mit seinen eigenwilligen Co-Stars, seiner drogengefährdeten Tochter und vor allem sich selbst, personifiziert durch sein Alter Ego, den Birdman, der ihn mit Superheldenstimme immer wieder zum Aufgeben auffordert, worauf schon mal per "Telekinese" die Garderobeneinrichtung zu Bruch geht. Eigentlich klar als Thomsons Halluzinationen erkennbar, wird dieses Konstrukt meiner Meinung nach durch das Ende leider ruiniert.

Rein intellektuell betrachtet ist dies ein toll inszenierter Film, mit eleganten Kamerafahrten, die übergangslos zwischen Realität und Fantasie, Aufführungen und Proben wechseln. Dazu kommt der ungewöhnliche Soundtrack, meist hört man nur ein Schlagzeug, lediglich die Traumszenen des Birdman werden von Streichern umhüllt. Aber leider hat das alles bei mir eine solche Unruhe erzeugt, daß ich auf emotionaler Ebene kaum etwas davon hatte. Und dabei meine ich noch nicht einmal die Szene, als Emma Stone auf dem Außensims des fünften Stockwerkes sitzt, und ich vor lauter Höhenangst kaum den Dialogen folgen konnte. Aber ach, es sind solch fabelhafte Dialoge und Darstellerleistungen! Nicht nur die drei diesjährigen Oscar-Nominierten Michael Keaton, Edward Norton und Emma Stone zeigen hier ihre Klasse, sondern auch Naomi Watts und sogar Zach Galifianakis, dessen bodenständiger, einfühlsamer Manager eher an Eliza Dushkus Mentor in Tru Calling als an seine jüngeren Hangover-Erfolge erinnert.

Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu hat sich seit seinem (für den Fremdsprachen-Oscar nominierten) furiosen Debut Amores Perros (2000, 8/10) einen Namen gemacht als Regisseur für intelligent konstruierte, leider aber auch sperrige Filme. Seine frühen Filme nach Drehbüchern seines Landsmannes Guillermo Arriaga (daneben auch 21 Gramm, 2003, 6/10 und Babel, 2006, 7/10) haben mir dabei besser gefallen, das erste Werk seines eigenen Autorenteams Biutiful (2010, 2/10) überhaupt nicht. Birdman hat aber so viele tolle Elemente, daß ich ihm meinen Respekt nicht verweigern kann. Gut (7/10).

The Wachowskis Descending: Jupiter Ascending (4/10)

Laut Douglas Adams hat der Genuß eines pangalaktischen Donnergurglers eine Wirkung, „als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen“. So ähnlich habe ich mich beim IMAX-3D-Erlebnis von Jupiter Ascending gefühlt, der neuen Extravaganz der Wachowski-Geschwister. Nach diesem 200-Millionen-Dollar-Flop ist wohl endgültig klar, daß sie ihr kreatives Pulver bereits mit der Matrix (erstem Teil) verschossen hatten und höchstens noch durch starke Zügelung via Co-Regisseur und ergiebigem Quellmaterial wie bei Cloud Atlas zu Höchstleistungen fähig sind.

Das ist schon ein trauriger Abschied von Mila Kunis, die sich nach der Geburt ihrer Tochter ins Privatleben zurückziehen möchte. Sie spielt Jupiter, eine Putzfrau, die durch eine kosmische Fügung die EXAKT GLEICHE Genkonfiguration hat wie eine verstorbene galaktische Potentatin. Das ist etwa so wahrscheinlich, als ob sämtliche Putzfrauen der Welt gleichzeitig im Lotto gewinnen würden, aber sei's drum. Es beginnt ein großes Gezanke der drei Sprößlinge der Potentatin, denn Jupiter erbt DIE ERDE (warum kleckern, wenn man klotzen kann). Warum die so wertvoll ist, will ich hier nicht verraten, nur ein kleiner Tip: "Soylent Green is People!"

Der Film wurde lange vor Milas Schwangerschaft gedreht, und der Starttermin des Spektakels wurde sicher auch deswegen so lange verschoben, damit Eddie Redmayne im Jahr seines Oscar-Triumphes nicht auch noch ins Rennen für die Goldene Himbeere gehen muß. Er spielt den mit 14.000 Jahren ältesten Sohn jener gengleichen Potentatin, die er natürlich selbst umgebracht hat. Zugegeben würde er auch für 1.000 Jahre durchgehen, aber leider ist seine Figur mit unerträglich heiserer Stimme und britisch-aristokratischem Gehabe viel zu langweilig, um den Zuschauer zum Hingucken zu bewegen.

Die Handlung besteht dann darin, daß Jupiter vom ersten Sproß gekidnappt wird, mit viel Wirbel befreit wird, dann dem nächsten Sproß in die Hände fällt, wieder gerettet wird, nur um zuletzt beim Oberschurken zu landen. Es wäre ja schön, wenn sie dabei über sich hinauswachsen und aktiv zu ihrer Rettung beitragen würde, aber dazu gibt's ja den generischen Actionhelden: Channing Tatum ist spätestens seit Magic Mike der Lieblingsschwarm aller Frauen und der heimliche Schwarm vieler Männer, aber hier wirkt er mit Bärtchen und Hundeohren so unattraktiv, daß kaum eine Reinigungskraft sich für ihn begeistern könnte - selbst wenn man in Betracht zieht, daß er praktisch im Alleingang gegen eine komplette galaktische Zivilisation antritt. Nun, nicht ganz, denn Sean Bean kämpft gelegentlich auf seiner Seite, und stirbt dabei nicht mal. Wäre aber auch nicht aufgefallen, wenn man ihn rausgeschnitten hätte.

So bewegt sich der Film zwischen tosenden Actionszenen mit durchaus coolen Ideen, die aber schnell ausgereizt sind, und öder Exposition. Dazwischen gibt es eine surreale Hommage an Brazil, inklusive Cameo vom Meister Terry Gilliam selbst, bei dem Jupiter der galaktischen Bürokratie ihre Erbansprüche melden will. Dies und die tricktechnischen Schauwerte und Milas Charme machen das ganze gerade noch

Erträglich (4/10).