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Mittwoch, 26. August 2015

Die BBC-Verfilmung des Hugo-Gewinners "Jonathan Strange & Mr. Norrell"

Man schreibt das Jahr 1806, und seit 300 Jahren ist in England keine Magie mehr ausgeübt worden. Da tauchen gleich zwei Zauberer auf, die diese verlorene Kunst zurückbringen wollen. Da ist zum einen Mr. Norrell, ein griesgrämiger Gelehrter, der Wert auf "anständige" Magie legt, Hunderte von Büchern zum Thema gehortet hat und nun in der Londoner Gesellschaft seine Anerkennung sucht. Und dann ist da Jonathan Strange, ein wohlhabender, unbekümmerter Lebemann, der per Zufall die verlorene Kunst entdeckt hat. Nachdem Norrell mit der Wiederbelebung der verstorbenen Lady Pole seinen Durchbruch erreicht, nimmt er Strange als seinen Schüler auf. Über die Jahre werden ihre unterschiedlichen Temperamente und Ziele sie zu Feinden machen, mit sehr persönlichen Konsequenzen. Norrell hat nämlich bei seinem ersten Kabinettstück einen Pakt mit einem üblen Bewohner der Feenwelt geschlossen, was beide Zauberer über Jahrzehnte verfolgen wird.

Die angewandte Magie ist übrigens nicht gerade kleinkalibrig. Norrell erweckt Statuen in einer Kirche zum Leben und gaukelt den Franzosen eine übermächtige britische Flotte vor. Strange wird gar zum Kriegsdienst eingezogen und trägt (von Wellingtons Attachée scherzhaft "Merlin" betitelt) entscheidend zu den Siegen gegen Napoleon bei, u.a. durch das Bauen von Straßen über Nacht und das Verhör verstorbener feindlicher Soldaten.

An sich sind das interessante Voraussetzungen für eine spannende, bewegende Geschichte. Leider hat mich bereits der zugrunde liegende Roman (der einzige der offenbar kränklichen Susanna Clarke) in dieser Hinsicht enttäuscht. Obwohl zu Zeiten von Jane Austen angesiedelt, erinnern Aufbau und Figuren eher an Dickens, reichen aber lange nicht an dessen Raffinesse und Reichhaltigkeit heran. Clarke breitet ihre Geschichte in 1.000 zähe Seiten aus, ohne den Leser am Ende für seine Mühen angemessen zu belohnen. Trotzdem gewann diese historische Fantasy 2005 den Hugo für den Besten Roman des Jahres (u.a. gegen Iain M. Banks' einzige Nominierung).

Die BBC hat die Geschichte nun in einer 7stündigen Mini-Serie aufwändig verfilmt, mit mäßigem Ergebnis. Zwar vergeht die Zeit beim Anschauen schneller als beim Lesen, aber die Grundprobleme der Vorlage bleiben erhalten. Bis zur Hälfte der Laufzeit gibt es kaum Sympathiefiguren, bis man sich allmählich für Jonathan Strange erwärmt, vor allem wegen der anrührenden Liebe zu seiner Frau Arabella (Charlotte Riley). Überhaupt kommen sie und Lady Pole (Alice Englert) noch am besten weg, auch wenn die Titelrollen durch Bertie Carvel und Eddie Marsan glänzend besetzt sind. Immerhin gibt es ansehnliche Schauwerte.

Die Serie kann man in Deutschland als Prime-Mitglied kostenlos bei Amazon Instant Video streamen, sogar wahlweise in Englisch oder Deutsch (dies ist bei Amazon im Gegensatz zu Netflix äußerst selten). Leider ist es mir nicht gelungen, auf meinem Samsung-Fernseher die Tonspur zu wechseln, so daß ich auf mein iPad ausweichen mußte. Dort ist die Sprachumschaltung zwar möglich, aber umständlich und muß nach jeder Pause und für jede Folge einzeln erneut erfolgen. Das kann Netflix besser!

TV der Zukunft: Die Netflix-Serie Sense8

Sense8 ist sensationelles Fernsehen, und das meine ich nicht als sinnentleertes Superlativ. Den Begriff "Fernsehen" nutze ich allerdings nur in Ermangelung einer modernen Bezeichnung für diese neue Art Kino: ein zehnstündiges Seh- und Hörerlebnis, aufgeteilt in zwölf Teile, nicht in wöchentlichen Happen, sondern in seiner Gesamtheit seit Juni zum Streamen bei Netflix verfügbar. Was nicht heißt, daß man die Serie am Stück konsumieren sollte (in moderner Lingo: Binge-Watching). Besser verteilt man diesen Genuß auf mehrere Abende, auch um eine Sinnesüberladung zu vermeiden.

Anläßlich ihrer jüngsten Kino-Extravaganz (Jupiter Ascending) hatte ich die Wachowskis bereits abgeschrieben, allerdings auch erwähnt, daß sie jemand benötigen, der ihre überbordende Fantasie in vernünftige Bahnen zu lenken weiß. Mit J. Michael Straczynski konnten sie einen solchen ordnenden Co-Autor gewinnen. Der gerade 61 gewordene TV-Veteran hat in den letzten Jahren mit durchwachsenem Erfolg fürs Kino geschrieben (u.a. trug er zur Story von Thor und dem mittelmäßigen Brad-Pitt-Zombie-Spektakel World War Z bei, schrieb außerdem das Buch zum grauenhaften Clint-Eastwood-Debakel Der fremde Sohn). Aber natürlich hat er seinen Platz im SF-Pantheon bereits sicher, und zwar als Schöpfer der grandiosen Space Opera Babylon 5 (1994 - 1998). Ein Geheimnis ihres Erfolges war ein von vornherein auf fünf Staffeln angelegter Handlungsbogen mit geschickter, stufenweiser Enthüllung der unterliegenden Mythologie, ein trotz störender Einflußnahme des produzierenden Senders aufgegangenes Konzept (nach der ersten Staffel mußte der Hauptdarsteller gewechselt werden, die vierte Staffel brachte die eigentliche Haupthandlung aufgrund einer drohenden Absetzung überhastet zu Ende). Es mag manchen verwundern (wer beginnt schon einen Roman zu schreiben, ohne das Ende zu kennen), aber diese Vorgehensweise ist bei Fernsehserien ungewöhnlich; selten planen ihre Macher ("Schöpfer") mehr als ein bis zwei Jahre im voraus. Und noch seltener ergibt sich daraus ein zufriedenstellendes Ganzes (wie bei Lost); manchmal kann man hoffen, daß die Serie erst nach einigen Jahren in sich zusammenbricht (wie das neue Battlestar Galactica), aber meist stellt das Ergebnis eine amorphe Ansammlung von beliebigen Miniaturhandlungssträngen dar (Star Trek DS 9). Im schlimmsten Fall werden die Geschichten wild zusammengewürfelt, wie etwa in der katastrophalen zweiten Staffel von Sleepy Hollow, nachdem die Assistenten die Show übernommen hatten ;-)

Zurück zu Sense8. Andy und Lana (vormals Larry) Wachowski und Straczynski haben ihr neues Projekt offenbar sorgfältig geplant. Ebenfalls auf fünf Jahre angelegt, hat Netflix immerhin gerade die zweite Staffel beauftragt. Neben der Zusammenarbeit beim Drehbuch war allerdings noch mehr Kollaboration von Nöten. Sense8 ist nämlich eine cineastische Weltreise mit Handlungsorten in neun Städten auf vier Kontinenten. Viele Szenen wurde an Originalschauplätzen gedreht, und so mußte sich das Produktionsteam aufteilen, und die Regie übernahmen je nach Drehort (unabhängig von den Episoden) neben den Wachowskis Tom Tykwer (der sich mit den Geschwistern ja bereits in Cloud Atlas glänzend verstanden hatte) in Berlin und Nairobi, James McTeigue (der mit V wie Vendetta bereits vor zehn Jahren ein Wachowski-Script erfolgreich umsetzen konnte) in Mexico City und Mumbai, außerdem der Zauberer der visuellen Effekte, Dan Glass, in Seoul. Tykwer steuerte zudem mit seinem langjährigen Bandkollegen Johnny Klimek die hypnotische Musik bei.

Worum geht es? Zunächst mal werden acht separate Geschichten erzählt, um acht Figuren Anfang 30, die mal mehr, mal weniger typisch für ihre jeweilige Heimatstadt stehen. Dabei wird sicher so manches Klischees gestreift, und aus dramaturgischen Gründen gelegentlich dick aufgetragen. Es sind Außenseiter, die schnell in kriminelle oder zumindest gewalttätige Situationen verstrickt werden. Jede denkbare Schattierung von Gangstern, aber auch faszinierende Lebensläufe werden uns hier präsentiert. Oft agieren die Darsteller, mindestens die Nebendarsteller in ihrer Heimatstadt, was ihr Spiel auf eine intime Ebene hebt. Zwar filtern die amerikanischen Autoren die für uns exotischen Schauplätze notgedrungen durch eine westliche Sichtweise, aber trotzdem hat man noch nie soviel Vielfalt in einer Fernsehserie zu Gesicht bekommen (und das in atemberaubend schönen Bildern; die Kameraführung ist Oscar-würdig). Dies sind die Hauptfiguren:
  1. Da ist der idealistische Chicagoer Polizist Will (Brian J. Smith, Genre-Fans bekannt aus Stargate Universe). Als er einen angeschossenen schwarzen Teenager ins Krankenhaus bringt, werden wir gleich mit der vollen Wucht der US-amerikanischen Hybris konfrontiert. Kaum jemand rührt einen Finger für den verletzten Jungen; selbst Wills Kollege und Freund erklärt ihm, daß dieser schließlich zu einem Gangster heranwachsen und (weiße) Polizisten umbringen werde...
  2. DJ Riley mit flippig weißgefärbten Haaren (Tuppence Middleton, mir eher durch ihren Namen als bisherige Rollen geläufig) gerät in London mit Drogenhändlern aneinander und flieht in ihre Heimat Island. Ihr Vater, ein übriggebliebener Hippie und gefeierter Konzertpianist, nimmt sie freudig auf, aber ihre Vergangenheit birgt ein traumatisches Ereignis...
  3. Sun (Doona Bae aus Cloud Atlas) ist Vizepräsidentin im Konzern ihres Vaters, neben Tabellenkalkulationen beherrscht sie jedoch auch asiatische Kampfkünste. Als sie Unterschlagungen ihres nichtsnutzigen Bruders aufdeckt, soll sie sich für die Ehre ihrer Familie opfern...
  4. Capheus (der Brite Aml Ameen, in Maze Runner unauffällig wie das gesamte Ensemble) schlägt sich in Kenia als kleiner Busunternehmer durch. Um Medikamente für seine AIDS-kranke Mutter zu besorgen, läßt er sich mit einem Crime Lord ein. Seine Geschichte ist zum einen die traurigste aufgrund der verzweifelten Situation in den Slums von Nairobi (niemand weiß, ob die teuren Schwarzmarktmedikamente nicht wirkungslose Kopien sind), anderseits zeigt er auch den größten Lebenswillen, wenn er seinem Vorbild Jean-Claude Van Damme nacheifert...
  5. Kala (Tina Desai aus dem sehenswerten Best Exotic Marigold Hotel) hat in Mumbai einen guten Job als Chemikerin und soll den Sohn eines privilegierten zwielichtigen Geschäftsmannes heiraten. Wird dies wirklich die erste Liebesheirat in der Familie? Traditionen (Ganesh-Tempel) und Moderne (Bollywood-Tanz) prallen aufeinander...
  6. Wolfgang (Max Riemelt aus Die Welle, deutschen Fernsehzuschauern wahrscheinlich bekannter als mir) betreibt in Berlin einen vom Vater geerbten Schlüsseldienst, ist im Nebenjob allerdings Spezialist fürs Safe-Knacken und kommt durch einen Diamantenraub seinem schwerkriminellen Onkel ins Gehege. Auch seine Vergangenheit birgt ein dunkles Geheimnis...
  7. Lito (der Spanier Miguel Ángel Silvestre, er war in Fliegende Liebende der "Verlobte") ist ein berühmter Actionheld des mexikanischen Kinos, ein Macho par excellence - nur ist er privat mit einem Mann liiert, was im konservativen Mexico City natürlich nicht bekannt werden darf. Als allerdings seine Kollegin Daniela bei ihm Zuflucht vor einem Gangster sucht und sich mit Lito und seinem Geliebten anfreundet, muß er sich zwischen Ruhm und Liebe entscheiden...
  8. Nomi (sexy Stimme: Jamie Clayton) wurde als Michael geboren, lebt jetzt aber in der Stadt der Liebe (und der Toleranz?) San Francisco mit ihrer Geliebten, wo sie von einem fragwürdigen Doktor für eine freundschaftliche Lobotomie zwangseingewiesen wird. In einer der am schwersten zu ertragenden Szenen versucht Nomis Mutter ihrem "Michael" zu erklären, wie die Operation "ihn" von den Wahnvorstellungen befreien wird (Jamie Clayton ist selbst, wie Lana Wachowski, Transgender, was dem Handlungsstrang zu einer beklemmende Authentizität verhilft).
Diese acht ungewöhnlichen Menschen kennenzulernen, wäre allein schon lohnenswert. Doch ihr Schicksal ist auf eine geheimnisvolle Weise verknüpft. Sie bilden einen Cluster von "Sensates", die unabhängig von Entfernung und kulturellem Hintergrund in einer Art telepathischer Verbindung stehen, die sich ihnen erst allmählich erschließt (warum dies erst jetzt passiert, wurde bisher nicht erklärt). Zunächst glauben sie Halluzinationen zu erleben, finden sich plötzlich in fremden Umgebungen wieder. Die ersten Kontakte geschehen paarweise, dann baut sich ein immer komplexeres Netzwerk auf. Die Sensates lernen, Kenntnisse und Fähigkeiten auszutauschen, zunächst eher instinktiv, dann immer zielstrebiger. Filmisch wird dies erst durch fremde Reflexionen im Spiegel, dann durch virtuelle Gespräche gezeigt, bei denen die Teilnehmer mal in die Umgebung des einen, dann des anderen Partners auftauchen. Es ist wunderbar spannend, diesen langsamen Prozeß zu beobachten und herbeizusehnen, und zur Belohnung gibt es einige grandiose Szenen, wie ich sie nie für möglich gehalten hätte. Das reicht von einer nachdenkliche Unterhaltung zwischen den Stelen des Berliner Holocaust-Denkmals über achtstimmiges Karaoke zu einer ungeheuer sinnlichen Sexszene (einer intime Orgie) bis hin zu einem einzigartigen Konzerterlebnis in der Harpa Hall in Reykjavik.

Doch Sense8 ist beileibe kein trockenes intellektuelles Werk mit Seifenopern-Komponenten. Es gibt genug Prügeleien, Verfolgungsjagden und Shootouts, um den Actionfan in uns allen zu befriedigen, und mehr und mehr muß der Cluster alle seine Fähigkeiten integrieren, um einzelne Sensates aus verzwickten Situationen zu retten. Er hat nämlich mächtige Feinde, die bereits in der ersten Episode ihren Auftritt haben, als nämlich Angelica (keine Jungfrau am Haken mehr: Daryl Hannah) sich nur durch Selbstmord vor dem finsteren Mr. Whispers (Terrence Mann, "Bob" aus den Dresden Files) retten kann (und damit möglicherweise den neuen Cluster gebiert). Und dann ist der der zwielichtige Jonas (Naveen Andrews aus Lost), der eine spezielle Verbindung zu Will hat - steht er auf der Seite der Sensates, oder hilft er Mr. Whispers bei der Jagd nach ihnen? So kann man die Serie auch einfach als spannendes Abenteuer betrachten. Mich spricht allerdings besonders an, daß hier bei allen dargestellten Konflikten und sogar Tragödien endlich mal wieder eine positive Utopie präsentiert wird. Die Verbindung der Sensates postuliert zumindest die Möglichkeit der Kommunikation über Kultur- und Geschlechterschranken hinweg, eine Fähigkeit, die uns die Evolution an sich nicht mitgegeben hat.

Es dauert eine Weile, bis man sich in der komplexen Welt von Sense8 orientiert hat. Die Pilotfolge hat bestimmt nicht nur mich etwas verwirrt und ratlos zurückgelassen. Ich glaube nicht, daß man dann diese Folge ein zweites Mal schauen sollte. Stattdessen empfehle ich, direkt die zweiten Folge anzuschließen. Ich verspreche, daß alles spätestens ab der dritten Folge nachträglich einen Sinn ergibt und ab dann den aufnahmebereiten Zuschauer komplett in seinen Bann schlägt. Vielleicht wäre es besser gewesen, nicht alle acht Hauptfiguren sofort einzuführen, vor allem da die wenigsten Schauspieler dem Zuschauer geläufig sein dürften. Im Nachhinein mag es aber besser sein, daß man beim Start dem gleichen Schock wie die acht Sensates ausgesetzt ist. Und Sense8 ist eine Serie, die man sicher mehrfach anschauen wird. Vielleicht hilft Einsteigern auch dieses Interview mit J. Michael Straczynski, in dem er auch die Art der Zusammenarbeit mit den Wachowskis erläutert (und übrigens Wert darauf legt, daß die Transgender-Figur seine und nicht Lanas Idee war und sich logisch aus ihrer Rolle im Cluster ergab).

Sense8 ist keine Show für Fans von Teenie-Serien, die unendlich darüber diskutieren können, wer wann wie oft mit wem verbändelt werden sollte. Sie wird auch nicht die Breitenwirkung von House of Cards haben, welches ich aufgrund seines zynischen Grundtons nicht besonders schätze. Und natürlich gibt es für die einen "zu viel Sex", für die anderen "zu wenig Action". Aufgrund der Kommentare in der IMDB muß man schließen, daß der Kern der Geschichte an vielen Zuschauern völlig vorbeigeht. Das ist aber in Ordnung, Qualität kann man leider nicht am Konsenzvermögen messen. Frank Darabonts geniale Stephen-King-Verfilmung Die Verurteilten (The Shawshank Redemption) steht ja nicht deshalb an der Spitze der IMDB Top 250, weil sie der beste Film aller Zeiten ist, sondern weil sie offenbar viele unterschiedliche Menschen anspricht  (mich eingeschlossen). Sense8 ist gedacht für eine Generation von Science-Fiction-Fans, die neben coolen Weltraumschlachten auch an menschlichen Schicksalen, vielleicht sogar am Schicksal der Menschheit interessiert ist. Es ist gedacht für meine Generation und die ihrer Regisseure, gerade endgültig aus den Zielgruppen der Werbewirtschaft herausgefallen und doch noch aufgeschlossen für neue Stoffe, die neuartig präsentiert werden. Insofern macht sich Netflix (neben HBO, Showtime und anderen) verdient um das Fernsehen der Zukunft. Inzwischen bietet Netflix übrigens einen interessanten 20minütigen Blick hinter die Kulissen der Produktion.

Montag, 24. August 2015

Die Hugos sind vergeben - oder auch nicht...

Am Wochenende wurden beim diesjährigen WeltCon die Gewinner bekanntgegeben. Als Konsequenz der Welpen-Slates bei den Nominierungen wurden nur zwei Preise in den Kernkategorien vergeben, beide für übersetzte Werke:

Bester Roman: The Three Body Problem, Cixin Liu, übersetzt von Ken Liu
Beste Novellette: The Day the World Turned Upside Down, Thomas Olde Heuvelt, übersetzt von Lia Belt

Immerhin hat damit in der Königskategorie mein Favorit gewonnen, der nur dank des Rückzugs von Marko Kloos überhaupt nachnominiert werden konnte.

Bei den dramatischen Präsentationen gewannen Guardians of the Galaxy und (etwas überraschend) Orphan Black. Es zeigt sich wohl eine gewisse GoT-Müdigkeit.



Es bleibt zu hoffen, daß es nächstes Jahr wieder einen fairen Wettbewerb gibt. Zwar wurde eine Regeländerung für den Nominierungsprozeß in Gang gesetzt, aber diese kann frühestens für 2017 in Helsinki in Kraft gesetzt werden.

Samstag, 8. August 2015

Alterserscheinungen? Mission Impossible: Rogue Nation (6/10)

Seit fast einem halben Jahr schwirren Berichte und Bilder seines neuesten Stunts durch die Medien. Der gerade 53 Jahre alt gewordene Tom Cruise hat offenbar persönlich an der Außenseite eines startenden Airbus A400 gehangen. Das ist auch gleich die Eröffnungsszene des neuen Films. Aber das Staunen hält sich in Grenzen. Das war's? Hätte man das nicht auch im Windkanal des Studios drehen können? Im Gegensatz zum Vorgänger, bei dem der Hotel-Stunt in Dubai noch ein zentrales Puzzlestück der spannenden Handlung war, hat der fünfte Teil des Cruise-Impossible-Franchise damit schon sehr frühzeitig sein Pulver verschossen. Eine Alterserscheinung? Die Coolness des genau 20 Jahre älteren Harrison Ford jedenfalls (der im März eine reale Bruchlandung bravourös überstanden hat) wird Cruise wohl nie erreichen.

An sich bin ich ein großer Fan der Mission-Impossible-Filme. Meine Favoriten sind die von John Woo bzw. Brad Bird inszenierten Teile 2 und 4. Es ist gar nicht leicht, in so einem Action-Spektakel den richtigen Ton zu treffen. Cruise-Kumpel Christopher McQuarrie, Oscar-prämierter Autor von Die üblichen Verdächtigen, zuletzt an der gelungenen Adaption von Edge of Tomorrow beteiligt, hätte sich auch diesmal auf das Drehbuch beschränken sollen. Bereits seine Regieleistung im mäßigen Jack Reacher konnte nicht überzeugen, und auch hier unterlaufen ihm etliche Patzer, so etwa, daß ein Schurke auf fünf Meter Distanz mit einer automatischen Waffe Hunt mehrfach verfehlt, und der offensichtlich computergenerierte Vierfachpurzelbaum des Fluchtautos von Ethan und Benji (es fehlt eigentlich nur noch der alberne Soundeffekt aus Der Mann mit dem goldenen Colt). Immerhin werden die beiden einigermaßen glaubwürdig durch Gurt und Airbag gerettet, während auch ein Superheld Hunts Motorrad-Crash ohne Helm kaum überlebt hätte. Gravierender und teilweise dem Drehbuch geschuldet ist allerdings die zu keiner Zeit wirklich spannende Handlung. Die Idee der "Rogue Nation" ist einfach zu abgehoben, und am Ende geht es um so viele Billionen Dollar, daß ich mich unfreiwillig an Dr. Evils maßlose Forderungen erinnert fühlte. Der Film zerfällt in Einzelteile unterschiedlicher Qualität - während die Attentatssequenz in der Wiener Oper zu kompliziert geraten ist, konnte mich immerhin der (wenngleich absolut sinnlose) Heist mit Taucheinsatz überzeugen.


Nachdem Brian De Palmas erste Mission aufgrund des Zerbrechens des IMF-Teams einen deprimierend-nihilistischen Beigeschmack hatte, führten die Folgefilme doch wieder einige interessantes Kollegen ein. Aber Ving Rhames als Luther hat auch diesmal kaum mehr als einen Gastauftritt, von Paula Pattons Jane ist nicht mehr die Rede (das ist vielleicht auch besser so), und Jeremy Renners Figur hätte man auch in Basil Exposition umtaufen können. Zum Glück ist da noch Simon Pegg als Benji, der in der heimlichen zweiten Hauptrolle Pfiff in all seine Auftritte bringt und die fehlende Präzision der Action mit seinem perfekten komischen Timing ausgleicht. Ein Volltreffer ist auch die Neuentdeckung Rebecca Ferguson als Ilsa Bond Faust, die als (möglicherweise kompromittierte) britische Agentin Ethan Hunt gleich zweimal das Leben retten darf. Sean Harris als Drahtzieher der Geheimorganisation Spectre Syndicate erreicht allerdings nicht die Intensität seiner Vorgänger Philip Seymour Hoffman und Michael Nyqvist. Alec Baldwin ist ja seit dem Ende "seiner" Show 30 Rock in jedem dritten Kinofilm zu sehen; hier wird er als Nachfolger von Peter Graves und Jon Voight eingeführt.

Alles in allem ist Mission Impossible: Rogue Nation nicht mal der schlechteste fünfte Teil dieses Sommers, aber doch eine kleine Enttäuschung. Das Konzept, jeder Fortsetzung durch einen stilsicheren Regisseur einen originellen Anstrich zu geben, geht diesmal nicht auf, und Tom Cruise täte gut daran, die Rennereien und Prügeleien langsam einem jüngeren Kollegen zu überlassen - die Fernsehserie hat damals doch auch etliche Wechsel im IMF-Team verkraftet. Kobra, übernehmen Sie! Ordentlich (6/10).

Mittwoch, 5. August 2015

SF-Klassiker #7: A Deepness in the Sky (Vernor Vinge, 1999)

Der inzwischen 70jährige Vernor Vinge ist der Stanley Kubrick der SF-Literatur. Von seinen neun veröffentlichten Romanen wurden fünf für den Hugo nominiert, drei davon (plus zwei Novellen) gewannen den begehrten Preis. Der emeritierte Mathematikprofessor und Computerwissenschaftler aus San Diego vertritt die Ansicht, daß unsere Zivilisation auf eine (nicht-apokalyptische) technologische Singularität zusteuert, durch die Schaffung von künstlicher Intelligenz oder die grundsätzliche Integration von Computern und Menschen. In seinem Werk spekuliert er über Szenarien der fernen Zukunft und ist damit wesensverwandt zu David Brin und Charles Stross (zumindest mit seinen Space Operas). Vinge war in den 70ern mit der Anthropologin Joan Vinge verheiratet, ebenfalls eine hervorragende SF-Autorin, deren Werk aber eher ökologisch und soziologisch ausgerichtet ist (sie gewann 1981 einen Hugo für ihren von Hans Christian Andersen inspirierte grandiosen ersten Tiamat-Roman Die Schneekönigin).

A Deepness in the Sky ist der zweite von drei Romanen in Vinges "Zones of Thought" benannten Reihe, in der die Galaxis in Bereiche mit unterschiedlichen physikalischen Möglichkeiten aufgeteilt ist. Da die Handlung von "Deepness" aber lange vor den anderen Beiträgen angesiedelt ist, empfiehlt es sich vielleicht, hier zu beginnen: Seit Jahrtausenden erforscht die Menschheit in Raumschiffen, die relativistische Geschwindigkeiten erreichen, ihre unmittelbare Nachbarschaft und hat inzwischen in einem ca. 400 Lichtjahre durchmessenden Einflußbereich Kolonien aufgebaut. Während die planetaren Zivilisationen (inklusive der Erde) kommen und gehen, sorgt seit etwa 5.000 Jahren die Handelsorganisation Queng Ho für eine gewisse technologische und kulturelle Kontinuität. Durch perfektionierten Kälteschlaf und medizinischen Fortschritt mißt sich die objektive Lebensdauer privilegierter Händler in Jahrhunderten, die subjektive Lebenszeit durchaus in Jahrtausenden (es ist üblich, nicht nur auf der Reise, sondern auch im oft Jahrzehnte währenden Handelskontakt mit planetaren Zivilisationen einen Großteil der Zeit im Kälteschlaf zu verbringen).

Die Geschichte beginnt, als ein Queng-Ho-Flottenkapitän auf dem Planeten Triland einen geheimnisvollen Einsiedler aufstöbert, nach dem offenbar das Flagschiff benannt ist: Pham Nuwen. Der macht sich mit der Flotte auf den Weg zu einem rätselhaften, nur 50 Lichtjahre entfernten Sternensystem mit einer Sonne (dem OnOff-Stern), die in 200 Jahren nur für 30 Jahre scheint. Man erhofft sich physikalische Erkenntnisse, aber natürlich auch profitable Geschäfte - und möglicherweise die für die Menschheit erste Begegnung mit intelligenten Aliens. Leider trifft man am Ziel auf eine zweite Flotte der "Emergents", brutale Abgesandte eines totalitären Mehrplanetensystems, und schnell eskalieren die Feindseligkeiten, bevor der vorgefundene Planet Arachna genauer untersucht werden kann.

Arachna beherbergt nämlich tatsächlich eine fremdartige Zivilisation, spinnenartige Lebewesen, durch die Evolution perfekt an den extremen Sonnenzyklus angepaßt. Während der Dunkelphase suchen sie Zuflucht in Höhlen (damit ist der Begriff Deepness verbunden) und verfallen in einen Jahrzehnte dauernden Winterschlaf, um nach dem Erwachen ihre Welt wieder aufzubauen. Im aktuellen Zyklus sind sie allerdings gerade an dem Punkt angelangt, daß ihre technologischen Möglichkeiten ein Wachbleiben auch während der Kälteperiode ermöglichen. Zunächst ohne es zu wissen, werden sie zum Zankapfel der Emergents, die sie versklaven , und der Queng Ho, die vom Technologieaustausch profitieren wollen. Die detaillierte Darstellung der Aliens (genannt Spinnen/Spiders), ihrer Gesellschaft, Traditionen und Familienbande, ist eine der Stärken des Romans. Vinge bedient sich dabei eines cleveren Tricks. Die Spinnen haben aufgrund ihres komplexen Sehvermögens (die Augen scheinen an den zehn Beinen platziert zu sein) kein Fernsehen oder Video entwickelt, sondern könenn im wesentlichen nur über ihre Radiosendungen "beobachtet" werden. Dadurch bekommt der Leser ein durch die Übersetzer der Menschen im Orbit gefiltertes, anthropomorphes Bild. Trotzdem gehören die eingeführten Spinnen-Figuren zu den überzeugendesten Alien-Charakteren, die ich kenne. Mit Sherkaner Underhill, Victory Smith, ihren Kindern und ihrem Freund Hrunkner Unnerby, den herausragenden Wissenschaftlern, Ingenieuren und Soldaten der Spinnen, konnte ich mich oft stärker identifizieren als mit den Menschen der Zukunft und ihren verblüffenden technischen Möglichkeiten. Erst gegen Ende zeigt sich, wie fremdartig die Aliens tatsächlich sind und wie stark sie von den menschlichen Besuchern unterschätzt wurden.

Aber auch die menschlichen Charaktere bleiben in Erinnerung. Da gibt es die "bösen" Emergents: der pragmatische, sich als Vermittler aufspielende Podmaster Tomas Nau; sein sadistischer Stellvertreter Ritser Brughel und seine wie ein menschlicher Computer wirkende rechte Hand Anne Reynolt (hinter ihrer Perfektion verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis). Und natürlich die "guten" Queng Ho: der junge Ezr Vinh, der nach dem Konflikt als einziger verbliebener Sproß der Eigenerfamilien die Leitung übernehmen muß; seine große Liebe, die von Triland stammende Trixia Bonsol; die geniale, aber fehlgeleitete Qiwi Lin Lisolet, die beim Abflug noch ein Teenager war; und vor allem ein gewisser Pham Trinli, der das größte Geheimnis der Expedition verkörpert und vielleicht bereits seit Jahrtausenden bei den Queng Ho seine Intrigen spinnt...

Mehr will ich von der Handlung eigentlich nicht verraten. Es gelingt Vinge, mit seiner reichhaltigen, aber doch klaren Sprache die komplexen Zusammenhänge deutlich zu machen, ohne sich im esoterischen Wischiwaschi zu verlieren (wie es in Space Operas oft üblich ist). Aufgrund der Vielzahl der Charaktere und der Vielschichtigkeit der präsentierten Ideen bedarf es einer gewissen Anfangsanstrengung, bevor man in diesen Roman eintauchen kann. Aber der Lohn ist gewaltig, sowohl auf emotionaler Ebene als auch rein intellektuell. Allein die Kultur der kapitalistischen, aber ansonsten apolitischen Queng Ho, mit ihren Kälteschlaf-Zyklen, ihrer Freude an Bonsai-Züchtungen und anderen über Jahrtausende aufgebauten Traditionen ist so überzeugend wie faszinierend. Gerade durch den Kontrast zu den faschistischen Emergents erscheinen sie so glaubwürdig, wie es einer Zukunftserzählung nur gelingen kann. Und natürlich ist die Grenze zwischen "gut" und "böse" längst nicht so klar gezogen, wie es die Voraussetzungen vielleicht erscheinen lassen. Außerdem gefällt mir, daß es fast keine direkte Exposition gibt. Die raffinierten technologischen Extrapolationen werden fast beiläufig eingeführt und nur genau so weit erklärt, wie es für die Handlung von Nöten ist. Beispiel ist der Ramscoop-Antrieb, dessen Theorie bereits in den 60ern aufkam und der inzwischen von verschiedenen Autoren genutzt wird. Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit kommen hier übrigens genausowenig vor wie künstliche Intelligenz (was aufgrund von Vinges Hintergrund ein wenig verwundert).

Die Kindle-Edition ist ordentlich formatiert, nur selten sind mir Fehler aufgefallen ("show" statt "snow"). Ab und zu gibt es fehlerhafte Umbrüche innerhalb eines Satzes. Schlimmer ist die Preispolitik. Wenn man bedenkt, daß die meisten Leser (wie ich) die Romane bereits als Taschenbücher besitzen, ist der aktuelle Preis von 6,99€ leicht unverschämt, mehr noch die 12,99€ für das Bündel mit dem Vorgänger "A Fire Upon the Deep". Zum Glück konnte ich beide Bände in einem kurzzeitigen Amazon-Angebot für jeweils 3,99€ erstehen, was ich als fairen Preis ansehe.