Nach meiner Kritik zu Das ewige Leben sollte klar sein, daß ich Brenner-Fan bin (auch wenn ich noch keinen der Romane gelesen habe). Da war die Box mit allen vier Filmen natürlich Pflichtkauf, auch wenn die ersten beiden Teile nur als Upscales geliefert werden. Dafür gibt's jede Menge Interviews und Szenen vom Dreh, die oft fast genauso unterhaltsam wie die Filme selbst sind. Beim Wiederschauen war ich übrigens verblüfft, welch unterschiedliche Geschichten um den unfreiwilligen Ermittler dort entstanden sind. Neben dem (vorläufigen?) Abschluß gefiel mir die Einführung schon immer am besten, daher hier meine Kritik von 2001:
Es ist kein Geheimnis, daß "die Österreicher" von den Deutschen ein wenig belächelt werden. Politisch folgen sie manch fragwürdigen Götzen, sind von spießiger Lebensart, halt ein kleines Volk mit einem großen Minderwertigkeitskomplex. So weit die Vorurteile - es gibt aber auch eine andere Seite. Wer einmal den großartigen Wiener Liedermacher und Schrammelgitarristen Roland Neuwirth erlebt hat, kann "den Österreicher" weder für humorlos noch spießig halten. Im Gegenteil kann er sehr gut über sich selbst lachen. Dies hat auch der österreichische Film schon bewiesen, zum Beispiel mit dem herrlichen Road-Movie Indien, ebenfalls mit Josef Hader in einer Hauptrolle. Komm, süßer Tod ist ein weiterer Beleg dafür.
Wolfgang Murnberger verfilmte einen Krimi von Wolf Haas. Das Drehbuch haben die beiden mit Josef Hader zusammen verzapft. Eigentlich ist es mehr eine Wild-West-Geschichte geworden, zwischen den Rettungsdiensten "Die Kreuzretter" (Cowboys) und dem "Rettungsbund" (Indianer). Und die Polizei (Kavallerie) kommt immer zu spät... Brenner (Hader: sympathisch und zum Brüllen komisch) war bei der Polizei, bis er mit der Frau seines Vorgesetzten... Nun ist er Kreuzretter, sein Chef zum Glück ledig. Dafür hat der eine Menge Traubenzucker in der Schublade. Ein Piefke (Deutscher) kommt auch vor - er faßt Angelika in der Kneipe an die Brust und darf österreichische Gastfreundschaft ... Und daß ausgerechnet der Zivi am Ende - aber ich will ja nichts verraten! Überhaupt habe ich die Kriminalhandlung nicht ganz verstanden - aber das macht gar nichts. Zwischendrin gibt es so viele Leichen, daß die Leichtverletzten allein nach Hause humpeln müssen. Aber verprügelt zu werden ist gar nicht so schlimm, wenn man danach per Mitleidstour bei Barbara Rudnik landen kann...
Es ist offenbar nicht leicht, diesen Film zu beschreiben. Ich versuch's noch mal. Wir haben hier einen schwarzhumorigen Krimi, der seine Figuren ernst nimmt, weil er sie über sich selbst lachen läßt (alle, die überleben). Die Charaktere sind nur angedeutet und lassen doch eine Tiefe ahnen, die in 90 Minuten nicht auszuloten ist. Es gibt brillante Dialoge (für uns Nordlichter mit hilfreichen Untertiteln) und einen nicht minder vor Witz sprühenden Off-Kommentar. Kamera und Schnitt sind sehr modern, was keine MTV-Ästhetik bedeuten soll, sondern: einfallsreich, zweckdienlich, überraschend, übertreibend, präzise, Schockeffekte abmildernd. Die skurrile Musik paßt sich nahtlos ein und stammt von einer Gruppe namens "Sofa Surfers", die ich auf meinem Sofa nicht surfen lassen würde. Keine Familienunterhaltung also, aber ein intelligentes, höchst kurzweiliges, gegen Ende gnadenlos spannendes, vor satirischer Kraft strotzendes Werk. Sehr gut (8/10)!
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 24. Oktober 2015
Sonntag, 18. Oktober 2015
Botaniker im All: Der Marsianer (6/10)
Eigentlich hatte ich nach Interstellar nur wenig Lust, nochmals Matt Damon im Raumanzug zu ertragen. Und der zugrunde liegende Roman von Andy Weir, von SF-Kennern nicht gerade respektiert, liest sich wohl eher wie ein Do-It-Yourself-Handbuch zum Überleben auf dem Mars. Tatsächlich nahm ein erschreckend hoher Prozentsatz amerikanischer Zuschauer an, Der Marsianer beruhe auf einer wahren Geschichte. Immerhin haben Genre-Altmeister Ridley Scott und Drehbuchautor Drew Goddard (Cabin in the Woods) dem drögen Stoff genug Leben eingehaucht, um die 140 Minuten (eine Minute pro Million Meilen Reisestrecke) unterhaltsam und einigermaßen abwechslungsreif zu gestalten. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht ganz los, bloß einen aus den Fugen geratenen NASA-Werbefilm zu erleben.
Was passiert, ist banal: Während der dritten Marsmission geraten die gelandeten Astronauten in einen Sturm (alle Beteiligten geben übrigens zu, daß das in der dünnen Marsatmosphäre nicht passieren könnte) und müssen ihren Kollegen Mark Watley zurücklassen, in der begründeten Annahme, er sei von Trümmerteilen erschlagen worden. Der Botaniker hat allerdings überlebt und muß sich nun von selbst angebauten, mit seinen Exkrementen gedüngten Kartoffeln ernähren. Es dauert Monate, bis ihm eine Kommunikation mit NASA gelingt, und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit um seine Rettung. Klar ist, daß er bis zur nächsten regulären Landung in vier Jahren nicht überleben kann.Eines kann ich mir dabei nicht erklären: Warum schickt man einen Botaniker zum Mars? Und wenn Watley nun Zoologe gewesen wäre, hätte er dann Karnickel statt Kartoffeln gezüchtet?
Zunächst ist es durchaus spannend zuzusehen, mit welch erfindungsreichen Mitteln Watley seine Probleme löst. Mehr und mehr stellt sich aber heraus, daß der Marsianer ein Teflon-Held ist. Angst und Frustration perlen von ihm ab, wenn er ein Hindernis nach dem andern mittels "der Wissenschaft" überwindet ("I'm going to science the shit out of you!"). Er ist eher verwandt mit Edgar Rice Burroughs' John Carter als mit Sandra Bullocks Ryan Stone. Während Gravity ganz nah dran war an seiner Hauptfigur, beobachten wir Mark Watley fast aus dem Orbit, und von dort sieht man halt nur die - für manche durchaus attraktive - Oberfläche, wenn etwa in der ersten Hälfte Matt Damon mehr als einmal seinen muskelbepackten Oberkörper entblößt (gegen Ende sieht man dann nur noch ein abgemagertes Body-Double).
Ein gefühltes Drittel des Films zeigt die Anstrengungen der NASA, eine Rettungsmission auf die Beine zu stellen, und ab und zu Watleys Kollegen auf ihrer Rückreise in der Ares 3. Bei der Besetzung der zahlreichen Nebenrollen konnte Sir Ridley aus dem vollen schöpfen, was aber ein gewisses Ungleichgewicht erzeugt. Jeff Daniels, Chiwetel Ejiofor und "Boromir" Sean Bean als NASA-Funktionäre sagen brav ihre Texte auf, und Nachwuchstars aus der zweiten Reihe (Kate Mara, Sebastian Stan) haben glorifizierte Komparsenrollen. Lediglich Jessica Chastain als Kommandantin der Ares wirkt authentisch, ansonsten hinterlassen immerhin "Kublai Khan" Benedict Wong und die junge Mackenzie Davis als NASA-Techniker einen bleibenden, sympathischen Eindruck.
Die entscheidende Rettungsaktion gelingt übrigens nur mit Hilfe der chinesischen Weltraumbehörde, eine schöne Geste, die man zwar als Anbiederung an den asiatischen Markt verstehen kann, die aber wohl schon im Roman vorkam. Das ändert aber nichts daran, daß wir es hier mit kommerziellem Kino des kleinsten gemeinsamen Nenners zu tun haben, Science Fiction Light sozusagen, die bei den Hugo-Wählern genauso durchfallen wird wie zuletzt das überkandidelte Interstellar. Ridley Scott hat schon mit dem wurmstichigen Prometheus nicht gerade an seine Klassiker Alien und Blade Runner anknüpfen können. Der Marsianer hat immerhin einen durchgehenden Unterhaltungswert. Ordentlich (6/10).
Was passiert, ist banal: Während der dritten Marsmission geraten die gelandeten Astronauten in einen Sturm (alle Beteiligten geben übrigens zu, daß das in der dünnen Marsatmosphäre nicht passieren könnte) und müssen ihren Kollegen Mark Watley zurücklassen, in der begründeten Annahme, er sei von Trümmerteilen erschlagen worden. Der Botaniker hat allerdings überlebt und muß sich nun von selbst angebauten, mit seinen Exkrementen gedüngten Kartoffeln ernähren. Es dauert Monate, bis ihm eine Kommunikation mit NASA gelingt, und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit um seine Rettung. Klar ist, daß er bis zur nächsten regulären Landung in vier Jahren nicht überleben kann.Eines kann ich mir dabei nicht erklären: Warum schickt man einen Botaniker zum Mars? Und wenn Watley nun Zoologe gewesen wäre, hätte er dann Karnickel statt Kartoffeln gezüchtet?
Zunächst ist es durchaus spannend zuzusehen, mit welch erfindungsreichen Mitteln Watley seine Probleme löst. Mehr und mehr stellt sich aber heraus, daß der Marsianer ein Teflon-Held ist. Angst und Frustration perlen von ihm ab, wenn er ein Hindernis nach dem andern mittels "der Wissenschaft" überwindet ("I'm going to science the shit out of you!"). Er ist eher verwandt mit Edgar Rice Burroughs' John Carter als mit Sandra Bullocks Ryan Stone. Während Gravity ganz nah dran war an seiner Hauptfigur, beobachten wir Mark Watley fast aus dem Orbit, und von dort sieht man halt nur die - für manche durchaus attraktive - Oberfläche, wenn etwa in der ersten Hälfte Matt Damon mehr als einmal seinen muskelbepackten Oberkörper entblößt (gegen Ende sieht man dann nur noch ein abgemagertes Body-Double).
Ein gefühltes Drittel des Films zeigt die Anstrengungen der NASA, eine Rettungsmission auf die Beine zu stellen, und ab und zu Watleys Kollegen auf ihrer Rückreise in der Ares 3. Bei der Besetzung der zahlreichen Nebenrollen konnte Sir Ridley aus dem vollen schöpfen, was aber ein gewisses Ungleichgewicht erzeugt. Jeff Daniels, Chiwetel Ejiofor und "Boromir" Sean Bean als NASA-Funktionäre sagen brav ihre Texte auf, und Nachwuchstars aus der zweiten Reihe (Kate Mara, Sebastian Stan) haben glorifizierte Komparsenrollen. Lediglich Jessica Chastain als Kommandantin der Ares wirkt authentisch, ansonsten hinterlassen immerhin "Kublai Khan" Benedict Wong und die junge Mackenzie Davis als NASA-Techniker einen bleibenden, sympathischen Eindruck.
Die entscheidende Rettungsaktion gelingt übrigens nur mit Hilfe der chinesischen Weltraumbehörde, eine schöne Geste, die man zwar als Anbiederung an den asiatischen Markt verstehen kann, die aber wohl schon im Roman vorkam. Das ändert aber nichts daran, daß wir es hier mit kommerziellem Kino des kleinsten gemeinsamen Nenners zu tun haben, Science Fiction Light sozusagen, die bei den Hugo-Wählern genauso durchfallen wird wie zuletzt das überkandidelte Interstellar. Ridley Scott hat schon mit dem wurmstichigen Prometheus nicht gerade an seine Klassiker Alien und Blade Runner anknüpfen können. Der Marsianer hat immerhin einen durchgehenden Unterhaltungswert. Ordentlich (6/10).
Sonntag, 11. Oktober 2015
Gemischte Gefühle: Alles steht Kopf (6/10)
Und wieder so ein Kritiker-Juggernaut! Dieser 15. Pixar-Langfilm ist bereits auf Platz 63 der IMDB-Top 250 geschossen. Und doch häufen sich dort Kommentare frustrierter Eltern, deren Kinder sich gelangweilt und/oder überfordert gefühlt haben. Tatsächlich kann ich keine geeignete Altersgruppe für diesen Film identifizieren, und auch keine Eigenschaften, die über die gewohnte Basisqualität der Trickfilmschmiede hinausragen. Alles steht Kopf bietet weder die emotionale Achterbahnfahrt von Findet Nemo! noch die verspielte Originalität der Monster AG, weder die Eleganz von Wall-E noch die fröhliche Spannung der Unglaublichen, weder die aberwitzige Geschichte von Ratatouille noch den unendlichen Charme meines Pixar-Favoriten Oben. Überhaupt erzeugt Inside Out gerade für eine Geschichte über personifizierte Gefühle kaum eine emotionale Bindung zum Zuschauer (bis es zum Schluß dann arg sentimental wird). Natürlich gibt es ein paar sehenswerte Szenen (mein Favorit ist die Halle der abstrakten Gedanken, in der die Figuren kubistisch zerlegt werden), und die Gedankenwelt mit ihrem Kurz- und Langzeitgedächtnis und den durch Plattformen versinnbildlichten Schlüsselerlebnissen ist liebevoll ausgestaltet. Aber die handelnden Figuren bleiben blass: Freude, Kummer, Wut, Angst und Ekel (welches, durchaus plausibel, auch für die Eitelkeit zuständig ist) agieren weitgehend beliebig. Kritiker lieben es jedoch, wenn sie an einen Film ihre philosophischen Ergüsse andocken können, auch wenn diese mit dem Inhalt bald nichts mehr zu tun haben. Ich persönlich habe mich zwar nicht gelangweilt, kann aber auch nicht auf ein besonderes Erlebnis zurückblicken. Ordentlich (6/10).
Samstag, 3. Oktober 2015
SF-Klassiker #8: Hieros Reise (Sterling E. Lanier, 1973)
Obwohl an sich eher Fantasy, entspringen immerhin die Voraussetzungen dieses postapokalyptischen Romans der Science Fiction. Im achten Jahrtausend unserer Zeitrechnung, fünftausend Jahre nach einem katastrophalen Atomkrieg, sind die Menschen nicht mehr die Herrscher der Natur, sondern müssen in einer feindseligen Umgebung um ihr Leben kämpfen. Schreckliche Mutationen sind durch den Strahleneinfluß entstanden: riesige Frösche und Schnecken, übergroße Raubkatzen und Fledermäuse, undefinierte Monster am Grunde von Teichen und Seen. Überhaupt geht der Trend in Richtung Gigantomanie, Godzilla läßt grüßen. Es gibt aber auch freundliche Entwicklungen, und die Menschen kultivieren neue Haustiere, die an Elche, Büffel oder Känguruhs erinnern. In den Nachfahren von Bären, Bibern und Hauskatzen finden sie sogar Verbündete, die Intelligenz und Kultur entwickelt haben. Leider gibt es auch weniger wohlgesonnene Intelligenzen unter dem Sammelnamen der "Unreinen", die natürlich die Weltherrschaft anstreben und die Macht des Atoms wiederbeleben wollen. Ihre Anführer haben telepathische Fähigkeiten, wie auch einige Auserwählte der "Guten". Die ziemlich klare Grenze zwischen Gut und Böse erinnert stark an Tolkien, etwaige Grauzonen werden schnell als Mißverständnisse aufgeklärt.
Der Titelheld Hiero ist für mich eine der originellsten Figuren der Fantasy schlechthin. Nominell ein Mönch und Nachfahre kanadischer Ureinwohner ("Indianer"), ist er Soldat, Gelehrter und Priester in einer Person, ein Lederstrumpf der Zukunft, teils konservativ, teils progressiv. Sein bei Ottowa gelegenes Kloster scheint eher protestantisch geprägt; tatsächlich trifft er im "Süden" (=Delaware) auf eine für ihn pervertierte, an Katholizismus angelehnte religiöse Sekte mit Zölibat und arroganten Würdenträgern. Er selbst darf durchaus heiraten, eine Prinzessin sollte es aber schon sein ;-) Und wie es sich für einen solchen Helden gehört, wachsen seine Fähigkeiten an den Herausforderungen, und im Bedarfsfall finden sich neue Verbündete.
Hieros Reise ist eine klassiche Abenteuergeschichte, in der Tradition des Goldenen Zeitalters der Science Fiction. Die Figuren sind zweidimensional, aber liebevoll gezeichnet, und die Welt ist mit atemberaubender Fantasie gestaltet. Abwechslungsreiche Hindernisse sorgen für kaum nachlassende Spannung, und trotzdem fühlt man sich geborgen in der Gesellschaft dieses postapokalyptischen Odysseus. Ein abschließendes Happy End steht nie in Frage, auch wenn Hieros offizieller Auftrag, die Erforschung und Reaktivierung der mystischen vor-apokalyptischen "Computer", ein wenig bizarr erscheint. Auch die ökologische Botschaft wirkt aufgesetzt und naiv, das war in den 70ern (zu Zeiten der "Ölkrisen") allerdings im Trend. Dem Lesevergnügen tut das alles keinen Abbruch, und Hiero hat zu Recht auch heute noch viele Fans.
Die Kindle-Ausgabe ist leider mit über acht Euro unverschämt teuer, vor allem wenn man die grauenvolle Formatierung berücksichtigt. Zwar sind wohl viele Druckfehler gegenüber einer früheren Edition korrigiert worden, aber immer noch sind die Absätze durch viel Leerraum getrennt, und darüber hinaus finden sich viele Umbrüche mitten im Satz, was den Lesefluß deutlich stört. Den Nachfolgeband (The Unforsaken Hiero, 1983) gab es meines Erachtens schon mal im Shop, momentan ist er leider nicht mehr zu finden. Er ist genauso lesenswert wie der erste Band (diese Rezension bezieht sich im Grunde auf beide Romane), den Abschluß der geplanten Trilogie ist dem Autor leider vor seinem Tod nicht mehr gelungen.
Der Titelheld Hiero ist für mich eine der originellsten Figuren der Fantasy schlechthin. Nominell ein Mönch und Nachfahre kanadischer Ureinwohner ("Indianer"), ist er Soldat, Gelehrter und Priester in einer Person, ein Lederstrumpf der Zukunft, teils konservativ, teils progressiv. Sein bei Ottowa gelegenes Kloster scheint eher protestantisch geprägt; tatsächlich trifft er im "Süden" (=Delaware) auf eine für ihn pervertierte, an Katholizismus angelehnte religiöse Sekte mit Zölibat und arroganten Würdenträgern. Er selbst darf durchaus heiraten, eine Prinzessin sollte es aber schon sein ;-) Und wie es sich für einen solchen Helden gehört, wachsen seine Fähigkeiten an den Herausforderungen, und im Bedarfsfall finden sich neue Verbündete.
Hieros Reise ist eine klassiche Abenteuergeschichte, in der Tradition des Goldenen Zeitalters der Science Fiction. Die Figuren sind zweidimensional, aber liebevoll gezeichnet, und die Welt ist mit atemberaubender Fantasie gestaltet. Abwechslungsreiche Hindernisse sorgen für kaum nachlassende Spannung, und trotzdem fühlt man sich geborgen in der Gesellschaft dieses postapokalyptischen Odysseus. Ein abschließendes Happy End steht nie in Frage, auch wenn Hieros offizieller Auftrag, die Erforschung und Reaktivierung der mystischen vor-apokalyptischen "Computer", ein wenig bizarr erscheint. Auch die ökologische Botschaft wirkt aufgesetzt und naiv, das war in den 70ern (zu Zeiten der "Ölkrisen") allerdings im Trend. Dem Lesevergnügen tut das alles keinen Abbruch, und Hiero hat zu Recht auch heute noch viele Fans.
Die Kindle-Ausgabe ist leider mit über acht Euro unverschämt teuer, vor allem wenn man die grauenvolle Formatierung berücksichtigt. Zwar sind wohl viele Druckfehler gegenüber einer früheren Edition korrigiert worden, aber immer noch sind die Absätze durch viel Leerraum getrennt, und darüber hinaus finden sich viele Umbrüche mitten im Satz, was den Lesefluß deutlich stört. Den Nachfolgeband (The Unforsaken Hiero, 1983) gab es meines Erachtens schon mal im Shop, momentan ist er leider nicht mehr zu finden. Er ist genauso lesenswert wie der erste Band (diese Rezension bezieht sich im Grunde auf beide Romane), den Abschluß der geplanten Trilogie ist dem Autor leider vor seinem Tod nicht mehr gelungen.
Ambivalenter Drogenthriller: Sicario (4/10)
Denis Villeneuve vermag selbst einem Autobahnstau an der mexikanischen Grenze noch eine atemlose Spannung zu verleihen. Ein wichtiges Element dabei ist die rastlose musikalische Untermalung von Jóhann Jóhannsson (Oscar-nominiert für Die Entdeckung der Unendlichkeit). Leider wirkt diese Spannung rein mechanisch, sie gründet weder in besonderer Anteilnahme an den Figuren noch in einem packenden Handlungsverlauf. Die dargestellte Grausamkeit hat zwar eine unmittelbare Wirkung auf den Zuschauer, ordnet sich aber nicht in ein übergreifendes Motiv ein. Das Erstlingsscript des Gelegenheitsschauspielers Taylor Sheridan möchte ambivalent sein, wirkt aber beliebig, und das Ergebnis zeigt zu keinem Zeitpunkt Wahrhaftigkeit.
Thematisch muß man den Drogenthriller (unvorteilhaft) mit Soderberghs Meisterwerk Traffic vergleichen. Vielschichtigkeit kann man Sicario allerdings nicht vorwerfen, und die Handlung entpuppt sich am Ende als noch geradliniger als erwartet. Emily Blunt (Edge of Tomorrow) spielt die idealistische FBI-Agentin Kate, die ein CIA-Team bei einem Schlag gegen ein mexikanisches Drogenkartell unterstützen soll. Sie soll die Identifikationsfigur für den Zuschauer sein und wird von der bizarren Vorgehensweise der Kollegen genauso überrollt wie wir. Da gibt es Schußwechsel inmitten von Zivilisten, paramilitärische Einsätze an der Grenze nach Mexiko, Folter und Exekutionen. Schließlich stellt sich heraus, daß Kates Anwesenheit die Operation des CIA sogar teilweise legitimiert, denn dieser darf auf amerikanischem Boden nicht ohne Verbindung mit einer weiteren Behörde agieren. Die Motivation der CIA-Agenten (angeführt von einem unpassend dauerheiteren Josh Brolin) bleibt unklar, ein übergeordnetes Ziel könnte die Konzentration des Drogenhandels auf ein einziges, von Amerikanern lenkbares Kartell sein. Vielleicht wird auch nur, eher holprig, die Rachegeschichte des Sicarios (=Hitman) Alejandro erzählt, vom ausgerechnet für Traffic Oscar-prämierten Benicio Del Toro eher routiniert als charismatisch dargestellt. Das zwischendurch immer mal wieder aufgegriffene, platt ominös angelegte Familienidyll eines seiner späteren Opfer bleibt Staffage. Das endgültige Scheitern des Films zeigt sich in meinem Wunsch als Zuschauer, daß Kate am Ende Alejandro einfach abgeknallt hätte. Dabei soll die Entscheidung ihrer Figur ja eigentlich die moralische Überlegenheit zurückgewinnen, die ihr im Laufe der Geschichte mehr und mehr entglitten war.
Villeneuve gesellt sich damit zu einer Reihe von Regisseuren (etwa Michael Mann, Brian de Palma), die das Medium zwar technisch beherrschen, aber selten inhaltlich bereichern. Das belegen auch sein mittelmäßiges, Oscar-nominiertes Familiendrama Die Frau die singt von 2010 und sein grauenvoller Selbstjustiz-Thriller Prisoners (mit Jake Gyllenhall und Hugh Jackman) vom vorletzten Jahr. Es ist merkwürdig, daß der Kanadier jetzt mit seinem Landsmann Jean-Marc Vallée befreundet zu sein scheint. Der Regisseur von Dallas Buyers Club und Wild könnte künstlerisch kaum weiter von ihm entfernt sein. Den allgemeinen Jubel für Sicario (IMDB-Schnitt: 8,1/10, Metascore: 83/100) kann ich jedenfalls nicht teilen. Erträglich (4/10).
Die folgenden Ausführungen enthalten Spoiler!
Thematisch muß man den Drogenthriller (unvorteilhaft) mit Soderberghs Meisterwerk Traffic vergleichen. Vielschichtigkeit kann man Sicario allerdings nicht vorwerfen, und die Handlung entpuppt sich am Ende als noch geradliniger als erwartet. Emily Blunt (Edge of Tomorrow) spielt die idealistische FBI-Agentin Kate, die ein CIA-Team bei einem Schlag gegen ein mexikanisches Drogenkartell unterstützen soll. Sie soll die Identifikationsfigur für den Zuschauer sein und wird von der bizarren Vorgehensweise der Kollegen genauso überrollt wie wir. Da gibt es Schußwechsel inmitten von Zivilisten, paramilitärische Einsätze an der Grenze nach Mexiko, Folter und Exekutionen. Schließlich stellt sich heraus, daß Kates Anwesenheit die Operation des CIA sogar teilweise legitimiert, denn dieser darf auf amerikanischem Boden nicht ohne Verbindung mit einer weiteren Behörde agieren. Die Motivation der CIA-Agenten (angeführt von einem unpassend dauerheiteren Josh Brolin) bleibt unklar, ein übergeordnetes Ziel könnte die Konzentration des Drogenhandels auf ein einziges, von Amerikanern lenkbares Kartell sein. Vielleicht wird auch nur, eher holprig, die Rachegeschichte des Sicarios (=Hitman) Alejandro erzählt, vom ausgerechnet für Traffic Oscar-prämierten Benicio Del Toro eher routiniert als charismatisch dargestellt. Das zwischendurch immer mal wieder aufgegriffene, platt ominös angelegte Familienidyll eines seiner späteren Opfer bleibt Staffage. Das endgültige Scheitern des Films zeigt sich in meinem Wunsch als Zuschauer, daß Kate am Ende Alejandro einfach abgeknallt hätte. Dabei soll die Entscheidung ihrer Figur ja eigentlich die moralische Überlegenheit zurückgewinnen, die ihr im Laufe der Geschichte mehr und mehr entglitten war.
Villeneuve gesellt sich damit zu einer Reihe von Regisseuren (etwa Michael Mann, Brian de Palma), die das Medium zwar technisch beherrschen, aber selten inhaltlich bereichern. Das belegen auch sein mittelmäßiges, Oscar-nominiertes Familiendrama Die Frau die singt von 2010 und sein grauenvoller Selbstjustiz-Thriller Prisoners (mit Jake Gyllenhall und Hugh Jackman) vom vorletzten Jahr. Es ist merkwürdig, daß der Kanadier jetzt mit seinem Landsmann Jean-Marc Vallée befreundet zu sein scheint. Der Regisseur von Dallas Buyers Club und Wild könnte künstlerisch kaum weiter von ihm entfernt sein. Den allgemeinen Jubel für Sicario (IMDB-Schnitt: 8,1/10, Metascore: 83/100) kann ich jedenfalls nicht teilen. Erträglich (4/10).
"Klassische" Rezension: Steven Soderberghs "Traffic" (2000, 10/10)
Vier miteinander verflochtene Episoden werfen ein Schlaglicht auf den amerikanischen Drogenmarkt. Mit spröden, dokumentarisch anmutenden Bildern, durch Farbfilter verfremdet, die mexikanischen Szenen gar in untertiteltem Spanisch, wird die Geschichte einiger typischer Vertreter dieser Welt erzählt: der Drogenbeauftragte der Regierung (Michael Douglas), dessen Tochter selbst der Sucht verfällt; die FBI-Agenten (Don Cheadle und Luis Guzmán), die ihre Hoffnung auf die Überführung eines Drahtziehers nicht aufgeben, aber meist nur kleine Fische an der Angel haben; die Frau eines verhafteten Drogenbosses (Catherine Zeta-Jones), die nach kurzem Schock ihre Skrupel über Bord wirft und die Geschäfte ihres Mannes weiterführt; der mexikanische Cop (Benicio del Toro), der verzweifelt an seinen Idealen festhält, aber im Sumpf der Korruption zu versinken droht.
Steven Soderbergh hat wieder einmal ein vorzügliches Ensemble versammelt. Trotzdem ist er selbst der eigentliche Star (und hat daher auch zu Recht den Regie-Oscar gewonnen). Neben der künstlerischen Anerkennung kommt ein kaum zu erwartender Erfolg an den Kinokassen. Ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, wie er das gemacht hat. Man kann sich kaum ein sperrigeres, unzugänglicheres Thema aussuchen, und dann greift er noch tief in die inszenatorische Trickkiste. Ihm gelingt es, über fast zweieinhalb Stunden eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Das Zusehen erfordert Aufmerksamkeit, aber schnell wird man dafür belohnt und regelrecht ins Geschehen hineingesaugt. Jede Geschichte für sich hätte das nicht vermocht - es gibt kaum Action, emotionale Momente werden nicht ausgekostet, sondern geschickt auf den Punkt gebracht, um dann zum nächsten Handlungsstrang überzublenden. Soderbergh hat einen neuen Ton gefunden, eine Filmsprache, die trotz aller künstlerischer Tricks wahrhaftig und unterhaltsam ist. Damit ist er in meinen Augen erfolgreicher als andere seiner Kollegen. Im letzten Jahr waren das z.B. Paul Thomas Anderson mit dem ähnlich langen, aber viel anstrengenderen und schlußendlich unbefriedigenden Magnolia, außerdem Michael Mann mit dem technisch beeindruckenden, aber inhaltsleeren Insider.
American Beauty, das Meisterwerk des letzten Kinojahres, karikiert vordergründig eine amerikanische wohlhabende Durchschnittsfamilie. Eigentlich aber ist es eine Ode an die Schönheit des Lebens. Traffic, der bisher beste Film des aktuellen Jahres, hat natürlich auch einen "doppelten Boden" (um einen Lieblingsbegriff von Marcel Reich-Ranicki zu benutzen). Sein Thema ist tatsächlich die Drogenproblematik, aber es handelt sich nicht um eine umfassende Analyse der Situation, wie man anhand der Handlungsbeschreibung vermuten könnte. Die Aussage ergibt sich vielmehr aus der Art der Schilderung. Keine Figur ist Herr der Situation; wir erleben sozusagen die Froschperspektive des kleinen Mannes. Und was der vom Gesamtmosaik erkennen kann, ist so unscharf und verwackelt wie die Bilder von Kameramann Soderbergh (!). Obwohl das Drehbuch allen Handlungssträngen eine Art Happy End zugebilligt, wird gezeigt, daß die Situation sich durch ihre Komplexität jeder umfassenden Darstellung entzieht und eine Gesamtlösung kaum denkbar erscheint. Die bisherige filmerische Herangehensweise an dieses Thema war die Isolation eines einzelnen Verbrechers oder Verbrecher-Syndikates. Allein diese Vereinfachung schafft die Illusion der Lösbarkeit des Problems. Traffic dagegen führt uns schonungslos die Naivität einer Politik vor Augen, die eine Beendigung von Anbau und Verbreitung der Drogen allein durch polizeiliche Maßnahmen für möglich hält. Es wird die Doppelzüngigkeit der Moralapostel gegeißelt, die illegale Drogen verdammen, gleichzeitig aber reichlich dem Alkohol zusprechen (der für amerikanische Jugendliche offenbar schwerer zu beschaffen ist als Heroin). Das Grundproblem ist nicht der Zugang zu Betäubungsmitteln, sondern die Langeweile und Perspektivelosigkeit, die junge Menschen in die Arme der Dealer treibt. Umgekehrt macht Geld allein offenbar respektable Bürger, auch wenn ihr Vermögen ganz offensichtlich nicht mit legalen Mitteln erwirtschaftet wurde.
Das erste Meisterwerk des neuen Jahrzehnts (10/10).
Steven Soderbergh hat wieder einmal ein vorzügliches Ensemble versammelt. Trotzdem ist er selbst der eigentliche Star (und hat daher auch zu Recht den Regie-Oscar gewonnen). Neben der künstlerischen Anerkennung kommt ein kaum zu erwartender Erfolg an den Kinokassen. Ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, wie er das gemacht hat. Man kann sich kaum ein sperrigeres, unzugänglicheres Thema aussuchen, und dann greift er noch tief in die inszenatorische Trickkiste. Ihm gelingt es, über fast zweieinhalb Stunden eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Das Zusehen erfordert Aufmerksamkeit, aber schnell wird man dafür belohnt und regelrecht ins Geschehen hineingesaugt. Jede Geschichte für sich hätte das nicht vermocht - es gibt kaum Action, emotionale Momente werden nicht ausgekostet, sondern geschickt auf den Punkt gebracht, um dann zum nächsten Handlungsstrang überzublenden. Soderbergh hat einen neuen Ton gefunden, eine Filmsprache, die trotz aller künstlerischer Tricks wahrhaftig und unterhaltsam ist. Damit ist er in meinen Augen erfolgreicher als andere seiner Kollegen. Im letzten Jahr waren das z.B. Paul Thomas Anderson mit dem ähnlich langen, aber viel anstrengenderen und schlußendlich unbefriedigenden Magnolia, außerdem Michael Mann mit dem technisch beeindruckenden, aber inhaltsleeren Insider.
American Beauty, das Meisterwerk des letzten Kinojahres, karikiert vordergründig eine amerikanische wohlhabende Durchschnittsfamilie. Eigentlich aber ist es eine Ode an die Schönheit des Lebens. Traffic, der bisher beste Film des aktuellen Jahres, hat natürlich auch einen "doppelten Boden" (um einen Lieblingsbegriff von Marcel Reich-Ranicki zu benutzen). Sein Thema ist tatsächlich die Drogenproblematik, aber es handelt sich nicht um eine umfassende Analyse der Situation, wie man anhand der Handlungsbeschreibung vermuten könnte. Die Aussage ergibt sich vielmehr aus der Art der Schilderung. Keine Figur ist Herr der Situation; wir erleben sozusagen die Froschperspektive des kleinen Mannes. Und was der vom Gesamtmosaik erkennen kann, ist so unscharf und verwackelt wie die Bilder von Kameramann Soderbergh (!). Obwohl das Drehbuch allen Handlungssträngen eine Art Happy End zugebilligt, wird gezeigt, daß die Situation sich durch ihre Komplexität jeder umfassenden Darstellung entzieht und eine Gesamtlösung kaum denkbar erscheint. Die bisherige filmerische Herangehensweise an dieses Thema war die Isolation eines einzelnen Verbrechers oder Verbrecher-Syndikates. Allein diese Vereinfachung schafft die Illusion der Lösbarkeit des Problems. Traffic dagegen führt uns schonungslos die Naivität einer Politik vor Augen, die eine Beendigung von Anbau und Verbreitung der Drogen allein durch polizeiliche Maßnahmen für möglich hält. Es wird die Doppelzüngigkeit der Moralapostel gegeißelt, die illegale Drogen verdammen, gleichzeitig aber reichlich dem Alkohol zusprechen (der für amerikanische Jugendliche offenbar schwerer zu beschaffen ist als Heroin). Das Grundproblem ist nicht der Zugang zu Betäubungsmitteln, sondern die Langeweile und Perspektivelosigkeit, die junge Menschen in die Arme der Dealer treibt. Umgekehrt macht Geld allein offenbar respektable Bürger, auch wenn ihr Vermögen ganz offensichtlich nicht mit legalen Mitteln erwirtschaftet wurde.
Das erste Meisterwerk des neuen Jahrzehnts (10/10).
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