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Sonntag, 27. November 2016

Deutscher Großmeister der Gitarre - Werner Lämmerhirt: 1949 - 2016



Werner Lämmerhirt hasste den Winter. Als ich ihn das letzte Mal live erleben durfte, im November 2010 in der Berliner Petruskirche, erklärte er das ausführlich in seiner schnoddrigen Art, wohl als Einführung zu einem seiner jüngeren Lieder. Die kommenden kalten Winter wird Werner nicht mehr erleben - er starb bereits am 14. Oktober am Krebs, der ihn seit August ausgebremst hatte. Die Nachricht habe ich erst jetzt aus der Akustikgitarre erfahren. Den Nachruf schrieb Herausgeber Peter Finger, jetzt wohl selbst der bedeutendste deutsche Akustikgitarrist, sichtlich betroffen - er hatte gerade erst (m.W. erstmalig) Werner auf einem Stück seines Abschiedsalbums "Halbe Ewigkeit" begleitet. Das dieser Tage erschienene Album wurde nach längerer Zeit wieder von Günter Pauler für Stockfisch produziert - noch so eine Legende der deutschen Szene.


Es gibt allerdings kaum gegensätzlichere Gitarrenpersönlichkeiten als Werner und Peter. Beide bearbeiten Stahlsaiten mit Fingerpicks in teilweiser irrwitziger Geschwindigkeit, aber während Peter Finger klassisch gebildet ist und komplexe, filigrane, oft impressionistische Kompositionen spielt (und gar nicht singt), war Werner Lämmerhirt Autodidakt und gerade in der Anfangszeit durch seine swingenden Brachialpickings und seine unkonventionelle Gesangsstimme bekannt. Insofern kann man ihn als deutsches Pendant zu Leo Kottke betrachten.


In den 70ern wurde er (nach fruchbarer Zusammenarbeit mit Hannes Wader) schnell zu einem Fixstern der deutschen und europäischen Folkszene. Es macht Spaß, nachträglich seine Entwicklung zu beobachten - auf CD als Die frühen Jahre und "Collection 1+2" erhältlich. Da gab es Bearbeitungen von Folksongs und modernen Standards, eigene Lieder und immer wieder verblüffende Instrumentals. Im zugehörigen Liederbuch beschreibt er stolz seine Entdeckung des Triolenpicks für "Corinna, Corinna", versieht Tim Hardins berühmtes If I Were A Carpenter mit einer Begleitung in Dropped D, schwärmt (zu Recht) über Paul Simons Lincoln Duncan (seine wunderbare Bearbeitung habe ich leider nie vortragsreif hinbekommen) und widmet "Marcel's Rag" dem Franzosen Marcel Dadi (1951 - 1996), einem Seelenverwandten, den er gerade erst entdeckt hatte.


1978 - 1980 gehörte er zu den Folkfriends, die in Hannes Waders Windmühle zusammenkamen und zwei tolle LPs aufnahmen. Dort musizierte er mit Wizz Jones, Derroll Adams, Danny Thompson (The Pentangle) und vielen weiteren Folklegenden. Später trug zu seinen Aufnahmen immer mal wieder Klaus Weiland (Das Loch in der Banane) lyrische Gitarrenparts bei. Er selbst war gefragter Gast nicht nur immer wieder (unterbrochen von einem dummen, zum Glück irgendwann beigelegten Zerwürfnis) bei Hannes Wader, sondern auch bei Guy und Candy Carawan, Davey Arthur,  Knut Kiesewetter (Fresenhof) und vielen anderen. In den 80ern ließ er sich seine Texte oft vom aus England nach Baden-Württemberg emigrierten Songpoeten Colin Wilkie schreiben. Mit der englischen Sprache hatte es der gebürtige Berliner nicht so, und so begann er Mitte der 90er damit, eigene deutsche Texte zu schreiben. Seine Texte erreichten sicher nie den Wortwitz eines Reinhard Mey, die verschmitzte Doppelbödigkeit von Franz-Josef Degenhardt oder die raue Poesie seines Freundes Hannes. Sie waren geradlinige Auseinandersetzungen mit seiner Umwelt und seinen Erfahrungen, selten platt oder übertrieben sentimental.


Daher würde es Werner wohl nicht gern hören, dass meine Lieblings-CD von ihm sein letztes Album mit englischen Texten ist: "Inbetween Times" erschien im Herbst 1992 und ist eine herzerwärmende Platte. Großen Anteil daran hatten Peer Knacke an der zweiten Gitarre, Beo Brockhausen am Saxophon und vor allem der Münsteraner Arzt Volker Leiss an verschiedenen Blockflöten. Dazu spielte wie bei den meisten Produktionen von Günter Pauler (bis hin zu "Halbe Ewigkeit") der Stockfisch-Tontechniker Hans-Jörg Maucksch seinen stimmungsvollen bundlosen Bass. Bei "Inbetween Times" war Lämmerhirt auf der Höhe seiner Kunst - eingängige Gitarrenriffs, schöne Melodielinien, mitreissende Instrumentalstücke und melancholische, zur Jahreszeit passende Texte:
(The One Who's Loosing You)
May the rain will keep on falling
May the wind will blow
May the fire will keep us warm
When the night is lonely and blue
(Pay the Bill)
A heavy wind is blowing round the whole world
Sometimes I wake up from a dream
Human computers sitting at their desks
Counting numbers of people who are dead.
Danach veröffentlichte er noch sieben CDs, vornehmlich mit deutschsprachigen Liedern. Reine Instrumentals waren immer weniger dabei, auch weil er Probleme mit seiner Greifhand bekam. Dafür veröffentlichte er 2009 die Sammlung zeitreise mit 20 ausgewählten Instrumentaltiteln seiner Karriere. Nachdem er in den 70ern große Säle gefüllt hatte, tingelte er nun unermüdlich mit seinen neuen Liedern durch die Klubs, stets mit Humor und Lebensfreude. Seine Ansagen frei nach Berliner Schnauze waren stets unterhaltsam, auch wenn er es mit den Fakten nicht immer so genau nahm (er ließ den am Heroin eingegangenen Tim Hardin mit dem Flugzeug abstürzen) Seine aufkommende Diabetes bekämpfte er nicht mit Insulin, sondern mit ausgiebigem Radfahren - auf seinen Tourneen begleitete ihn stets das Rennrad.


Lämmerhirt lebte mit seiner Frau zuletzt lange Jahre in Niedersachsen, wo ich ihn vor langer Zeit mal im Hamelner Regenbogen erleben durfte. Im hohen Norden war er allerdings so unbekannt, dass er oft mit seiner Hündin Abigail verwechselt wurde:


Samstag, 26. November 2016

Für unbegabte Musikliebhaber: Florence Foster Jenkins (9/10)

Jeder Hobbymusiker kennt das: Man ist von einem Stück so begeistert, dass man es unbedingt selbst darbieten möchte, auch wenn man stimmlich, technisch, musikalisch eigentlich nicht dafür geeignet ist. Im eigenen Kopf hört man dann eine idealisierte Version, aber meist gelingt es dem Umfeld, solch peinliche Misserfolge vor der Öffentlichkeit fernzuhalten. Was aber, wenn das nicht passiert? Wenn man weder ehrliche Mitmusiker hat noch genug Selbstzensur, so dass die Illusion selbst beim Hören der Aufnahme intakt bleibt? Unter glücklichen Umständen wird dann vielleicht eine Legende wie Florence Foster Jenkins geboren, die es 1944 trotz fehlender Begabung bis in die Carnegie Hall schaffte. Ihr Hit war, wie sollte es anders sein, der von Mozart in Koloratur gegossene Nervenzusammenbruch der Königin der Nacht:



Niemand hat uns in den letzten Jahrzehnten so viele Legenden nahegebracht wie Meryl Streep. Ob Vogue-Chefin Anna Wintour, die Eiserne Lady Maggie Thatcher oder Starköchin Julia Child, stets ist es ihr gelungen, sich äußerlich wie innerlich in diese Figuren zu verwandeln. Aber so komisch und gleichzeitig herzzerreissend tragisch war sie schon lange nicht mehr. Ich mache mich ja gern über ihre "automatischen" Oscar-Nominierungen lustig, aber diesmal wäre wirklich eine angebracht. Es erfordert schon großes Können, diese matronenhaft ausgepolsterter Figur mit ihren exaltierten Kostümen und den albernen Perücken mit Würde zu präsentieren. Und damit habe ich über ihren Gesang noch kein Wort verloren. Ihr musikalisches Talent hat die 67jährige Mimin schon vielfach unter Beweis gestellt. Wie sie hier manche Töne fast trifft, andere total verfehlt, manche Phrasen bis zur Unkenntlichkeit verhunzt und anderen fast erfolgreich nachhechelt, das ist wahrhaft unerhört.



Der dreifachen Oscar-Preisträgerin steht mit Hugh Grant einer der am meisten unterschätzten Darsteller zur Seite. Viele haben sich 1994 die Augen gerieben, als bei den Oscar-Nominierungen die Jahrhundertkomödie Vier Hochzeiten und ein Todesfall zwar als Bester Film nominiert wurde, der Garant für diesen Erfolg von der Akademie aber übersehen wurde (er gewann immerhin einen BAFTA und einen Golden Globe). Es wäre auch zu einfach, ihn als Komiker abzustempeln. Immerhin ist er in guter Gesellschaft mit seinem Namensvetter Cary Grant, der nach dürftigen zwei Nominierungen schließlich mit 66 Jahren den Ehren-Oscar mit nach Hause nehmen durfte. Es ist schade, dass sich der smarte Brite inzwischen so rar macht. Er kann zwar immer noch seinen bübischen Charme anknipsen, sein in Würde gealtertes Gesicht läßt aber auch tief in die Seele seiner Figuren blicken. Als Florences hingebungsvoller Ehemann Bayfield rührt er uns, ohne die Widersprüche zu verleugnen, die diesen gelegentlich mit seiner jungen Geliebten (Rebecca Ferguson aus Mission Impossible: Rogue Nation) zu einem "Golf"-Wochenende treiben.



Und dann ist da Simon Helberg als Begleiter der Diva am Piano. Wer hätte nach neun Jahren Big Bang Theory gedacht, dass ausgerechnet der Darsteller der raumfahrenden Knallcharge Howard Wolowitz, die dort von Jahr zu Jahr nerviger und peinlicher wird, zu solch differenzierter Schauspielkunst fähig ist. Sein Cosmé McMoon (der Name ist nicht erfunden) ist zwar auch ein Klutz, zeigt aber ein großes Herz und ist komischer als Howard in einer ganzen Staffel (nicht dass ich dem 35jährigen die Millioneneinnahmen missgönnen würde). Nebenbei spielt Helberg seine Klavierpassagen nicht nur selbst live zur Kamera, sondern auch noch ungeheuer gefühlvoll, so etwa beim Vorspielen Saint-Saëns' Schwan. Wenn die Akademie im kommenden Frühjahr nur eine Nominierung für diesen Film vergeben sollte, dann bitte für diese "männliche Nebenrolle" (leider sieht es so aus, als ob Hugh Grant auch in diese Kategorie geschoben werden soll).



Nach 15 Jahren gehobenem Mittelmaß hat der 75jährige Altmeister Stephen Frears mich endlich mal wieder begeistert. Zugegeben, ich habe eine Schwäche für Musikfilme im weiteren Sinne, sein letztes herausragendes Werk war für mich High Fidelity aus dem Jahr 2000. Dazu liegen ihm wohl auch historische Themen, von seiner meisterhaften Verfilmung von Choderlos De Laclos' Briefroman Gefährliche Liebschaften aus dem 18. Jahrhundert bis hin zu den klugen Diskursen über das 20. Jahrhundert: The Queen, Philomena (seine Lance-Armstrong-Biographie The Program vom letzten Jahr habe ich mir allerdings bislang gespart). Seine Stärke ist es, einen Stoff mit genau dem richtigen Ton zu inszenieren. Dabei gibt er seine Figuren nie der Lächerlichkeit preis. Das Drehbuch stammt vom Engländer Nicholas Martin, bisher nur für einige TV-Arbeiten bekannt.



Florence Foster Jenkins ist großes Unterhaltungskino, regt aber auch zum Nachdenken an. Die britische Produktion war kein großer Hit, hat ihr bescheidenes Budget aber locker wieder eingespielt. Es ist ein Film für Musikliebhaber, aber vor allem ein Film für Erwachsene, und das hat es in diesem Jahr seit Spotlight nicht mehr gegeben. Herausragend (9/10).

Freitag, 25. November 2016

Enttäuschender Abschluss von Cixin Lius Trilogie: Death's End

Vielleicht war meine Erwartungshaltung zu hoch, aber andere Rezensenten sehen das genauso: Mit Death's End dümpelt die vielversprechende Trilogie zu einem unbefriedigendem Abschluss, deren erster Band The Three-Body Problem 2015 verdient den Hugo gewonnen hatte. Hauptproblem scheinen mir dabei, bis auf zwei Ausnahmen, die Charaktere zu sein, die so unscheinbar geraten sind, als ob der Autor sie nur aus dem Orbit beobachtet hätte. Aber auch die Handlungsentwicklung ist enttäuschend. Wie so oft, wenn Science Fiction in eine Äonen entfernte Zukunft blickt, weicht fundierte Spekulation immer mehr esoterischen Szenarien. Berühmtestes Beispiel dafür ist sicher das Ende von Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (nach der Novelle von Arthur C. Clarke).

Im Zentrum des dritten Bandes steht Cheng Xin, eine junge Wissenschaftlerin, die zwar begabt und beliebt ist, aber eher zufällig die Geschicke der Menschheit beeinflusst. Durch lange Kälteschlafphasen erlebt sie die entscheidenden Kapitel der Geschichte und ist nebenbei noch in eine tatsächlich kosmische Romanze verstrickt. Sie ist für mich die einzige Identifikationsfigur. Allerdings strotzt der Band nur so vor nüchterner Exposition, nicht nur in den kurzen essayistischen Zwischenkapiteln, sondern auch in den übrigen Abschnitten.

Der erste Teil wirkt fast wie eine Resteverwertung. Besonders irritiert hat mich der Prolog, der 1453 den Fall Konstantinopels schildert, mit einer kleinen magischen Ausschmückung, die wohl eine Vorahnung auf zu entdeckende fünfdimensionale Phänomene geben soll. Dann geht es in die frühen Jahre der Trisolar-Krise, mit der Beschreibung eines parallelen Projekts zum Wallfacer-Programm (Wallfacer Luo Ji aus The Dark Forest taucht noch ab und an auf), mit dem aberwitzigen Ziel, der trisolarischen Invasionsflotte das gefrorenes Gehirn des todkranken Yun Tianming entgegenzuschicken - diese Figur ist die zweite, die etwas plastischer wirkt, verschwindet aber zu schnell aus der Erzählung.

************ ES FOLGEN KLEINE SPOILER *************************

Im zweiten Drittel versucht dieser Yun Tianming, von den Trisolarern tatsächlich reanimiert, über ein dreiteiliges Märchen der Menschheit hinter dem Rücken der Trisolarer Informationen zukommen zu lassen. Das ist tatsächlich eine hübsche, gut ausgeführte Idee. Die sich dahinter verbergenden technischen Konzepte sind allerdings teilweise haarsträubend (insbesondere die Konvertierung von dreidimensionalen in zweidimensionale Objekte). Aus der Entschlüsselung des Märchens resultiert dann die "Bunkerphase", in der sich ein Großteil der Menschheit in Habitaten im Schatten der Großplaneten (Jupiter, Saturn etc.) vor der drohenden Zerstörung der Sonne zu verstecken versucht. Wie viele der Hard SF zuzuordnende Autoren unterschätzt m.E. Liu hier die gesellschaftlichen Probleme und überschätzt die technischen Möglichkeiten. Eine realistischere (wenngleich dramaturgisch auch nicht bessere) Darstellung einer solchen Flucht ins Weltall kann man in Neal Stephensons Seveneves nachlesen. Die Idee eines Teilchenbeschleunigers im Orbit um die Sonne ist allerdings nett.

Danach wurde es mir dann endgültig zu bunt, mit der Manipulation von physikalischen Konstanten (Verringerung der Lichtgeschwindigkeit), relativistischen Reisen durch die Äonen und außerdimensionalen Blasen, die Douglas Adams Restaurant am Ende des Universums Konkurrenz machen könnten.Dass am Ende dann die kosmische Romanze auch noch in den Weiten des Universums verpufft, passt zum Gesamteindruck. Die Übersetzung scheint mir übrigens sehr gut gelungen, die Kindle-Ausgabe ist tadellos formatiert. Zum Glück hat sich Cixin Liu  mit den beiden Vorgängern bei mir bereits fest etabliert - gerade habe ich zum fairen Preis seinen Kurzgeschichtenband "The Wandering Earth" erstanden und bin schon sehr gespannt...

Samstag, 19. November 2016

Klassische Rezension: Harry Potter und der Stein der Weisen (2001, 8/10)

Wenn man einmal von der Bibel und dem kommenden "Herrn der Ringe" absieht, ist wohl noch nie ein bekannteres Buch verfilmt worden als nun der erste Streich von "Harry Potter". Automatisch teilt sich das Publikum in die zwei Gruppen der Leser und Nicht-Leser. Meine Vermutung ist, daß letztere auch auf Grund der Verfilmung nicht in eine Potter-Euphorie verfallen wird. Zu komplex ist die dargestellte Zauberwelt, zu simpel die Handlung selbst. Leider kenne ich niemanden aus der zweiten Kategorie, den ich befragen könnte. Ich bin selbst schuld, denn ich habe die bisherigen vier Bände nach Kräften weiterempfohlen, bei Bedarf (und Interesse an der Originalfassung) auch verliehen. Was fasziniert mich als kinderlosen Mittdreißiger nun an einer Reihe von Jugendbüchern?

Zunächst bietet Harry Potter ein ungetrübtes Lesevergnügen von solchem Ausmaß, wie ich es vielleicht seit Michael Endes "Jim Knopf" nicht mehr erlebt habe. Während mein literarischer Hunger nicht auf Hauptmahlzeiten etwa von Fjodor Dostojewski, Charles Dickens, Jane Austen, Heinrich Böll oder John Irving verzichten mag, liebe ich doch auch Leichtverdauliches, Zwischenmahlzeiten, Romane, die man wie im Fieber innerhalb von zwei Tagen verschlingt. Wenn das ein "Kinderbuch" leisten kann, dann her damit!

Aber - zum zweiten - Intelligenz muß sein, nichts verabscheue ich mehr als intravenös verabreichte Zuckerlösungen. Doch wer ein paar Seiten Rowling liest und das ganze dann als eine Art "Hanni und Nanni" in einer Zauberwelt verwirft, tut der Autorin großes Unrecht. Ja, sie benutzt traditionelle Versatzstücke aus der Fantasy-, Märchen- und Sagenwelt. Das hat Tolkien auch getan, und (um das ganze etwas übertrieben auf den Punkt zu bringen) auch Shakespeare hat Brudermord und Liebeswahn nicht erfunden. Es kommt auf die Konstruktion einer Geschichte, glaubwürdige Charaktere und die zur Verfügung stehenden erzählerischen Mittel an. Joanne Rowling hat ihren Zyklus von vornherein auf sieben Bände konzipiert, der erste ist lediglich als Einleitung zu sehen. Ihre Figuren erleben eine kritische Phase in der Geschichte der magischen Welt. In diesen sieben Jahren werden sie von Kindern zu pubertierenden Jugendlichen, reifen zu verantwortlichen jungen Erwachsenen. Durch all dies ziehen sich ein unnachahmlicher Humor, die Freude an skurrilen Details und Sympathie für alle beteiligten Charaktere.

Zum dritten ist die verborgene Zweitwelt der Zauberer und Hexen mehr als eine Flucht vor der Realität. Sie ist ein satirischer Spiegel der britischen Gesellschaft (die unser eigenen durchaus ähnelt), zusätzlich polarisiert durch die kindliche Sichtweise, die noch vereinfachend versucht, in Gut und Böse zu unterscheiden, was doch längst untrennbar ist. Wenn auf den ersten Blick im Hause Gryffindor die Braven und Ehrlichen wie Harry, Ron und Hermine vertreten sind, im Konkurrenzhaus Slytherin jedoch die Fiesen und Hinterhältigen wie Draco Malfoy, so ist dessen Vater doch ein wichtiger Minister, und der Vorsitzende Snape (eine der interessantesten Figuren) ein mächtiger und respektierter Magier, der entgegen dem Schein der Versuchung des Bösen Voldemort widersteht. Kennen wir das nicht - aus unbeliebten Rabauken werden einflußreiche Wirtschaftsbosse, aus jugendlichen Hitzköpfen pragmatische Minister? In Rowlings Utopie geht längst nicht alles so aus, wie der Leser es sich wünscht. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Durchschnitts-Fantasy, in der das Gute stets das Böse besiegt. Sei noch erwähnt, daß ab dem dritten Band die Reihe auch sicherlich nicht mehr für jüngere Kinder geeignet ist, aufgrund eines ziemlich düsteren Tons und einer sehr differenzierten Handlung.

Daß ich so viel Vorrede auf die Romanvorlage verwende, hat seinen Grund - der Film reicht in keiner Hinsicht über die Vorlage hinaus. Für sich allein stehend, finde ich, daß weder die Internatswelt noch die Figuren besonders gut eingeführt werden. Die Handlung mußte denn doch gekürzt werden, einige charmante Details sind wohl dem Schnitt zum Opfer gefallen. Insgesamt ist das Resultat ein Augenschmaus, der sein Leben eher aus der Kenntnis der Bücher bezieht. Ein paar witzige Szenen sind sehr gut gelungen, die meisten Spezialeffekte erfüllen ihren Zweck. Aber schmerzlich vermißt habe ich Einblicke ins Innenleben von Harry. Es genügt halt nicht, ihn nachts grübelnd vorm Fenster sitzend zu zeigen - wo bleiben seine Demütigungen, seine Selbstzweifel, die Leere, die nur allmählich durch seine Freunde und die Vaterfiguren Hagrid und Dumbledore ausgefüllt wird? Und - was mir im Buch schon ein wenig missfallen hat, steht hier auch noch recht unerklärt für sich, nämlich der ungerecht erscheinende Gewinn des Hauspokals durch nachträgliche Zuerkennung von Punkten für die drei Freunde.

Die Besetzung ist zum größten Teil perfekt, herausheben möchte ich Robbie Coltrane als Hagrid (wunderbar, wenn sein Gesicht nebst Haarpracht die Widescreen-Leinwand ausfüllt) und die erfrischend lebhafte Emma Watson als Hermine. Es ist schwer festzumachen, ob dem etwas enttäuschenden Daniel Radcliffe in der Titelrolle nun das gewisse Etwas fehlt, oder ob hier Drehbuch und Regie versagt haben. Jedenfalls ist er kein Haley Joel Osment, dessen Präsenz der Rolle gut angestanden hätte (natürlich ist Haley selbst längst zu alt). Nun aber zur größten produktionstechnischen Panne: die Musik. Da hat Joanne Rowling schon darauf geachtet, britische Schauspieler einzusetzen, die Handlung in England zu belassen - und dann wird mit John Williams ein alternder amerikanischer Bombastkomponist engagiert, dessen Glanzzeiten längst vorüber sind und der sein Werk nur noch wieder und wieder recycelt (siehe die dem lausigen Werk allerdings ebenbürtige schlechte Arbeit zu "Star Wars - Episode 1"). Die Lautstärke des Scores kann nicht über seine Armseligkeit hinwegtäuschen - hier waren magische Themen gefragt! Hat niemand mal an Rachel Portman ("Chocolat") gedacht, oder, wenn's schon ein Amerikaner sein sollte, Danny Elfman (der Tim-Burton-Hauskomponist). Mir schaudert schon bei der Aussicht, einen solchen Soundbrei noch sechs weitere Male ertragen zu müssen.

Ansonsten habe ich mich tatsächlich großartig amüsiert - unter den gegebenen optimalen Voraussetzungen war gute Unterhaltung auch die Mindesterwartung an die Beteiligten, und die haben sie erfüllt. Da ich als Leser Figuren praktisch nicht visualisiere, sondern mich eher für ihr Inneres interessiere, war ich auch nicht irritiert von etwaigen Abweichungen von der Vorlage. Ich frage mich allerdings, wie es nun weitergehen soll. Der Erfolg wird Chris Columbus am Ruder natürlich bestätigen. Aber daß er für den vergleichsweise schmalen und einfach gestrickten ersten Band schon über 150 Minuten benötigt, läßt für die Nachfolger nichts Gutes erwarten. Spätestens beim dritten Band wird er vollkommen überfordert sein. Man beachte, daß der dritte und vierte Band in Hinsicht auf Komplexität und erzählerischer Dichte die Vorgänger um Klassen überragen. Nicht umsonst hat der "Feuerkessel" den Hugo-Gernsback-Award als bester SF/Fantasy-Roman des Jahres gewonnen (wenngleich begünstigt durch schwache Konkurenz). Was nun den "Stein der Weisen" betrifft: Wäre die Musik nicht so stimmungstötend gewesen, hätte ich mich vielleicht sogar zu einem "Herausragend" durchringen können. So immerhin ein "Sehr gut" (8/10).

The road goes ever on and on: Phantastische Tierwesen (6/10)

Warner Bros.: Why did Harry Potter have to end? He was only 17, and we need a success...
Rowling: Pottermore - em - More Potter?
Warner Bros.: Say Potter no more. Make us a franchise to rule them all!
Rowling: I want to bring fantastic beasts to the screen.
Warner Bros.: You will need some cash for the CGI. What did Jurassic World cost? Here's more.
Rowling: We'd better hire some actors, too. No more children, though.
Warner Bros.: Not even some ugly kids? We need to make Ezra Miller famous, he will be our new Flash!
Rowling: Ok, but I want an Oscar winner for the lead.
Warner Bros.: Agreed, but make his character childish.



Eddie Redmayne hat ausgesorgt. Das Publikum für die auf fünf Filme ausgelegte neue Kinoserie ist garantiert, und niemand geht irgendwelche Risiken ein. Dafür sorgen die Potter-erfahrenden Davids Heyman (Produktion) und Yates (Regie),  Auch wenn die Geschichte 1926 in New York spielt, wird sie doch mit dem bekannten Schriftzug und John Williams' berühmten Thema eingeleitet. Leider ist der bisherige Adapteur Steve Kloves zwar noch als Produzent beteiligt, doch seine Handschrift ist nicht zu erkennen. Rowling wäre gut beraten gewesen, wieder nur eine Vorlage zu liefern. Ihr Drehbuch bietet zwar tolle Ideen, ist aber schwach strukturiert, und die Figuren sind lange nicht so plastisch wie erwartet. Gerade Newt birgt mit seiner offenbar tragischen Vorgeschichte zwar dramatisches Potential, das aber bisher nicht ansatzweise zum Tragen kommt. Sein Love Interest (Porpen)Tina kommt noch schlechter weg.



Im Quartett der Protagonisten sind Newt und Tina (Katherine Waterston) nominell die Hauptfiguren, wirken aber eher langweilig im Vergleich zu Tinas Charme versprühender Schwester Queenie (Alison Sudol) und vor allem Muggle/NoMag Kowalski (Dan Fogler), der den Magiern wieder und wieder die Show stiehlt (etwa wenn nicht Alohomora, sondern seine kräftige Schulter eine Tür öffnet). Die beiden bislang recht unbekannten Darsteller gehören übrigens zu den wenigen Amerikanern der britischen Produktion, was mich gelegentlich schon irritiert hat: Was bringt den Iren Colin Farrell oder die Engländerin Samantha Morton nach New York? Was die Nebenfiguren betrifft, hat die Besetzung auf mich ohnehin einen merkwürdigen Effekt. Zum Vergleich:
Harry Potter: Oh, Professor McGonagall, eine faszinierende Figur. Sie kann sich in eine Katze verwandeln! Übrigens toll gespielt von der zweifachen Oscar-Preisträgerin Maggie Smith.
Fantastische Tierwesen: Oh, das ist Jon Voight (Asphalt-Cowboy). Ist der alt geworden! Ob Tochter Angelina in 30 Jahren auch so aussehen wird? Wen spielt der Oscar-Gewinner hier noch mal?



Der Schauplatz New York bringt interessante Satire-Möglichkeiten, die leider fast alle verschenkt werden. Gerade mal erwähnt wird das Verbot von Misch-Ehen (zwischen Magiern und Muggles). Der Subtext von Samantha Mortons "Mary Lou" (ernsthaft?) sektenartig geleiteter Suppenküche und der fast faschistisch anmutenden amerikanischen Zauberervereinigung geht im bunten Geschehen unter. Rowlings Touristensicht auf das Land der unbegrenzten Möglichkeiten kommt dadurch eher bitter rüber. Geradezu garstig fand ich die beiläufigen Todesurteile durch Auror Graves und die Todeskammer des Magischen Kongresses mit den sadistischen "Kranken"schwestern. Dann doch lieber Dementoren! Völlig unglaubwürdig ist auch eine schwarze Präsidentin des Kongresses. Es ist nicht nachvollziehbar, warum die magische Gesellschaft derart progressiv gewesen sein sollte. Selbst einer besseren Schauspielerin hätte ich das nicht abgenommen - erst seit 1920 hatten Frauen in den USA überhaupt das Wahlrecht, Schwarze in vollem Umfang erst 1965!



Eigentlich befinden wir uns in den Goldenen Zwanzigern - Prohibition, Gangster - aber bis auf ein kleines Zwischenspiel in einer Untergrundbar (mit einem gelungenen Cameo von Hellboy Ron Perlman als Kobold) ist davon nichts zu spüren. Und auch wenn wir uns an die Zauberei gewöhnt haben und ein "Petrificus Totalis" höchstens für ein Schmunzeln gut ist, wurde für mich die Glaubwürdigkeit durch Newts wundersamen Koffer doch arg strapaziert. Hermines Tasche (mit Zelt, Büchern, Klamotten) konnte ich gerade noch akzeptieren, aber das? Immerhin reitet niemand auf einem Besen. Und über allem liegt die aufdringliche Musik von James Newton Howard, die uns wohl einhämmern soll, wie phantastisch das alles ist. Nur gelegentlich lockern Jazz-Klänge die Atmosphäre auf. Die 3D-Effekte sind dagegen schön, wann immer es phantastisch wird, und nervig, wenn Menschen im Vordergrund stehen.



Die nächste Folge soll in Paris spielen. Gibt es jetzt ein munteres Städtehüpfen? Klar ist jedenfalls, dass in der Fortsetzung ein gewisser abgehalfterter Star den Schurken spielt. Der wird in den letzten fünf Minuten aus dem Hut gezaubert, was in Fankreisen bereits für Empörung gesorgt hat. Und Albus Dumbledore, man kann es in der Potter-Wikipedia nachlesen, ist 1926 bereits 45 Jahre alt (er starb also mit zarten 116 Jahren). Er wird diesmal nur als Newts Hogwarts-Mentor erwähnt, das Casting ist aber bereits im Gange. Vielleicht nimmt das Franchise dann Fahrt auf. Mit 133 Minuten hat die Einführung einige Längen, bietet ansonsten aber gediegene Unterhaltung. Ordentlich (6/10).

Sonntag, 13. November 2016

Leonard Cohen: 1934 - 2016



Vor 25 Jahren schenkte mir ein etwas älterer Freund ein Werbeheftchen, das er wohl aus den 70ern rübergerettet hatte: "The Poet of Rock Music - Leonard Cohen: Lieder und Gedichte". So wird heute niemand mehr verkauft - Bilder eines nachdenklichen Mannes, schwermütige, sexuell explizite Poesie und Kommentare zu ausgewählten Liedern, die mindestens so kryptisch wie die Texte selbst sind. Folgenden Text nannte er einfach nur "Poem" (Gedicht).
I heard of a man
who says words so beautifully
that if he only speaks their name
women give themselves to him.
If I am dumb beside your body
while silence blossoms like tumors on our lips
it is because I hear a man climb stairs
and clear his throat outside our door.



Er war ein Mann der Widersprüche. Dichter aus Leidenschaft, Musiker aus Widerwillen, ein jüdischer Buddhist, Ladies Man, aber nicht klassisch gutaussehend:
You told me again you preferred handsome men
but for me you would make an exception.
Es begann schon mit dem gescheiterten Versuch einer stilistischen Einordnung. Den Begriff Singer-Songwriter gab es noch nicht, und so wurde er seit seinem Debut 1967 in die Folk-Ecke gestellt, obwohl er mit der Szene nichts am Hut hatte. Daher klingen die Arrangements seiner frühen Alben heute recht merkwürdig, vor allem auf modernen Stereoanlagen - mal in Streichern ertränkt, mal wie aus dem Nebenzimmer kommend. Was zählte, war aber immer das Zusammenspiel von Gitarre und Gesang. Wie viele Folkies besitze auch ich ein Songbook aus dieser Phase und hatte mehrere seiner Lieder im Repertoire. Suzanne, sein meistgewünschter Lagerfeuer-Song, war natürlich dabei, aber lieber waren mir "Winter Lady", "Famous Blue Raincoat" und "Sisters of Mercy". Letzteres liegt mir besonders am Herzen - das Schöne an Poesie ist ja, dass jedem eine eigene Interpretation erlaubt ist. Cohens Sisters of Mercy hießen Alberta, Barbara und Lorraine, meine Andrea und Barbara:
If your life is a leaf
that the seasons tear off and condemn
They will bind you with love
that is graceful and green as a stem



Cohen war kein Virtuose wie Donovan, Cat Stevens oder gar Paul Simon. Harmonische Raffinessen wie bei Nick Drake oder Joni Mitchell waren ihm fremd. Seine Gitarrenparts waren einfach, aber effektiv. Bis auf das gelegentlich fingerbrecherische Tempo seiner Akkordzerlegungen waren sie technisch nicht anspruchsvoll und konnten durch die meisten Hobby-Gitarristen verziert und verbessert werden. Dass er mit den berühmten drei Akkorden auskam, ist allerdings eine grobe Verallgemeinerung. Die Begleitung von Sisters of Mercy arbeitete er angeblich mit einem Jazz-Bassisten aus - die Akkordfolge ist gar nicht so einfach zu lernen. Aber selbst mit den Grundakkorden gelangen ihm geschmackvolle Untermalungen. Und dann war da natürlich seine unnachahmliche Stimme...



Cohen war universell. 1971 integrierte Robert Altman drei Songs aus Cohens erstem Album in seine herausragende Western-Tragödie McCabe & Mrs. Miller. Sie wirkten wie eigens für den Film komponiert. Cohens Lieder wurden auch schon früh durch andere Künstler gecovert. Mein liebstes Beispiel ist Joan Baez' Version von "Famous Blue Raincoat" aus dem Livealbum "Diamonds and Rust in the Bullring". Die Kombination aus Klavier, traurigem Cello und Joans himmlischer Stimme ist fast unerträglich schön (Joan änderte klugerweise die letzte Zeile des Briefs, die Widmung, von "Sincerely, L. Cohen" zu "Sincerely, a friend").



Abgesehen von Liedern, die ich selbst sang, haben mich die Texte eigentlich immer zuletzt interessiert. Es ist schwer beschreibbar, warum das bei Cohen anders ist. Seine melancholische Grundstimmung kommt mir entgegen, aber der Genuss seiner Lieder rührt aus der Verbindung von Music & Lyrics.  Doch auch wenn man nicht auf die Texte achtet, transportiert seine Musik starke, universelle Gefühle. Und darin liegt der Unterschied zu Bob Dylan. Auch wenn ich es begrüße, dass Liedtexte als Literaturform anerkannt werden, ist mein Zugang zu Dylan rein intellektuell. Zudem gefallen mir praktisch nur die Interpretationen anderer Künstler, die ihn ab den 60ern auch berühmt machten: Joan Baez, Peter, Paul & Mary, die Byrds. Nicht nur sein nasaler Gesang verleidet mir das Vergnügen an seinen Originalen, sondern auch die Sabotage, die er mit seinen eigenwilligen Betonungen und seinem Genuschel an seinen eigenen Texten begeht. Insofern wäre Cohen der würdigere Preisträger gewesen.



Nach einer Orientierungsphase in den 70ern brachte Cohen zwischen 1984 und 1992 drei Alben mit starken Songs heraus. Die Musik war jetzt deutlich rythmischer und durch Synthesizer geprägt. Auf dem ersten, "Various Positions", fand sich das erst später berühmt gewordene "Hallelujah". Besonders das mittlere Album, "I'm Your Man", bietet ein mitreissendes Erlebnis, aber auch "The Future" lohnt sich. Zu dieser Zeit begann Cohen, bei der Vertonung seiner Texte auf Kollegen zurückzugreifen, vor allem auf die Sängerin Sharon Robinson, die ihn später auch live begleitete.


Fast wäre es das gewesen mit Cohens Musikkarriere - er zog sich in ein Zen-Kloster zurück und hatte keine Rückkehrabsichten. Insofern muss man seiner Managerin dankbar sein, die mit seinem Vermögen durchbrannte. Die finanzielle Not und die resultierenden Schulden bescherten uns seine berühmte Comeback-Tour und fünf weitere Studio-Alben. Mit diesen Live-Auftritten eroberte er sein Werk zurück. Sie sind umfangreich auf DVD und Blu-ray dokumentiert - seine Bühnenschau zelebrierte er fast ritualistisch, wenn er demütig seinen Hut zog vor dem begeisterten Publikum und seinen virtuosen Mitmusikern ("The Divine Webb Sisters").



Ob alt oder neu, endlich wurden seine Lieder in angemessene Gewänder gekleidet - so wie er sich selbst schon immer im eleganten Maßanzug präsentierte. Und immer war der Mann mit der inzwischen noch tiefergelegten "Golden Voice" gut gelaunt, verschmitzt und sprühte vor Witz und Lebenslust. Da spielt er in "Tower of Song" eine läppische kleine Passage auf dem Clavicord und erwiderte den Szenenapplaus wohlwollend-ironisch mit "You are too kind!".



Leonard Cohen starb wenige Wochen nach Veröffentlichung seines Abschiedswerks, "You Want It Darker", das er nur noch unter Schmerzen und mit kräftiger Hilfe seines Sohnes Adam vollenden konnte. Es war der US-amerikanische Wahltag in diesem trüben November. Traurig für mich ist nicht, dass hier ein alter, auf den Tod vorbereiteter Mann starb, sondern die Ungewissheit, ob vergleichbare Künstler nachwachsen. Leonard Cohens Lieder bleiben und wärmen unsere Seelen wie ein knisterndes Kaminfeuer, wann immer wir das nötig haben. Aber der Kanadier hinterlässt eine Lücke, in der alle auswanderungswilligen US-amerikanischen Künstler Platz haben. Zum Abschluss ein mit Absicht aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat des Poeten der Rockmusik:
Warum sollte man einem Berg eine Medaille umhängen, nur weil er der höchste ist?

Samstag, 12. November 2016

Ein Traum bleibt ein Traum: Woody Allens "Café Society" (6/10)

Ein etwa 30 Jahre alter Bekannter hat mir neulich etwas verschämt gestanden, dass er noch nie einen Woody-Allen-Film gesehen hat. Das ist für meine Generation schier unvorstellbar. Wie die Dire Straits oder Otto Waalkes war Woody Allen gerade in den 80ern Popkulturgut. Aus den Programmkinos war er nicht wegzudenken, Wiederholungen insbesondere seiner "frühen komischen" Filme waren nicht nur im Studentenwohnheim Fernsehereignisse. Seine mit vier von fünf der wichtigsten Oscars ausgezeichnete Annie Hall (Richard Dreyfuss schnappte Woody den Preis als Hauptdarsteller weg) war in Deutschland als "Der Stadtneurotiker" bekannt. Dieser hiesige Verleihtitel fasste Allens Faszination grob vereinfachend zusammen. Und natürlich gab es das alles nur in der deutschen Fassung. Maßgeblich zum Erfolg trug damals sein Synchronsprecher Wolfgang Draeger bei. Der im Berliner Wedding aufgewachsene Kabarettist wusste Allens nervösen jüdischen Witz kongenial zu übertragen und war über Jahrzehnte die unverwechselbare deutsche Stimme des Meisters.



Diese Stimme ist im Original inzwischen ziemlich brüchig geworden. In Café Society taucht nur gelegentlich Woody Allens Voice-over auf, um das umfangreiche Personal in Los Angeles und New York einzuführen. Untermalt wird das wie üblich, aber diesmal zur Handlungszeit passend, vom Playback verschiedener Jazz-Kombos. Neu ist das für Woody extreme Breitbildformat (2.00 : 1) des dreifachen Oscar-Preisträgers Vittorio Storaro (Apocalypse Now, Der letzte Kaiser). Allen hat schon viele tolle Kameraleute (im Englischen besser: Directors of Photography) beschäftigt, so Gordon Willis (Der Stadtneurotiker, Manhattan), Carlo DiPalma (Hannah und ihre Schwestern) und Ingmar-Bergman-DP Sven Nykvist (Verbrechen und andere Kleinigkeiten). Auch diese erste Zusammenarbeit mit dem 76jährigen Italiener Storaro schenkt uns fabelhafte Bilder, so etwa traumhafte Silhouetten der beiden Handlungsstädte. Trotdem sollte man vielleicht die Entdeckung Woody Allens nicht hier beginnen.



Woody Allens Drehbücher waren im Laufe seiner Karriere für 15 Oscars nominiert (er gewann für Der Stadtneurotiker, Hannah und ihre Schwestern, Midnight in Paris), und so vergißt man oft, welch ein großartiger Regisseur er ist. Egal wie schematisch und vorhersehbar seine Geschichten inzwischen sein mögen, so vermag er sie doch mit traumwandlerischer Sicherheit zu inszenieren und holt aus seinen Darsteller stets das Optimum heraus. Aber leider scheint ihm doch langsam der Stoff auszugehen. Ich wünschte mir, er würde sich mehr Zeit für seine Drehbücher nehmen. Stattdessen hat er sich im letzten Jahr weiter verzettelt und für Amazon die Miniserie Crisis in Six Scenes geschaffen, von der ich nur so viel Positives berichten möchte, dass er in der fast vergessenen Comedy-Legende Elaine May eine ebenbürtige (und gleichaltrige) Partnerin gefunden hat. Für den Streaming-Dienst ist das natürlich ein genau an meine Generation gerichtetes Prestige-Projekt. Da Amazon, Netflix und Co. nicht an die demographischen Forderungen von Werbekunden gebunden sind, gehen sie auch ältere Zielgruppen an (am erfolgreichsten war in diesem Jahr wieder einmal Netflix mit der netten, weit überschätzten Horror-Hommage an die 80er Stranger Things).



Zurück zu Café Society. Wir schreiben das Jahr 1936, Fred Astaire und Ginger Rogers tanzen in Swing Time, einem ihrer schönsten Musicals. Phil Stern, Hollywood-Agent von der nicht tödlichen Sorte, wartet auf einen Anruf von Ginger. Er möchte den Star repräsentieren (und Prozente kassieren), doch zu sehen bekommt man Astaires Lieblingspartnerin nicht, genauso wenig wie Phils restliche berühmte Kundschaft. Es bleibt beim "Name-dropping": Joel McCrea, Paul Muni, Gary Cooper, Errol Flynn (über den Phil immerhin eine herrliche Anekdote parat hat). Aber leider bleibt es in dieser Hinsicht, anders als etwa bei Hail, Caesar! von den Coens, bei der bloßen Behauptung von Kino-Glamour. Nicht dass es dem Film an Stars mangeln würde...



Phil wird, nicht besonders glaubwürdig, von Steve Carrell gespielt, der allerdings in letzter Minute für Bruce Willis eingesprungen ist. Während andere dessen Diva-Verhalten zähneknirschend in Kauf nehmen, schmiss Woody den Actionstar kurzerhand vom Set, als der wieder mal unvorbereitet seinene Text nicht parat hatte (Kevin Smith hat seine schlechten Erfahrungen bei CopOut immerhin nachträglich öffentlich gemacht). Aber sei's drum, im Mittelpunkt dieser tragischen Liebesgeschichte stehen ohnehin die jungen Leute, Phils Neffe Bobby und seine Sekretärin Vonnie. Jesse Eisenberg und Kristen Stewart sind hier nach Adventureland (das mir überhaupt nicht gefallen hatte) und der überaus sehenswerten schrägen Brutalkomödie American Ultra zum dritten Mal gemeinsam zu sehen, und es sprühen tatsächlich Funken. Eisenberg hält seine zuletzt als Lex Luthor perfektionierten Manierismen diesmal klug zurück und wirkt eher nach innen gewandt. Aber die Sensation hier ist Kristen Stewart; angeblich hatte Woody bei dieser Besetzung übrigens keine Ahnung von ihrem Twilight-Fame.



Kristen Stewart war mir bereits 2007 mit ihrem Kurzauftritt im ansonsten vergessenswerten Into The Wild aufgefallen, ohne dass ich den Bezug zu Jodie Fosters kleiner Tochter in Finchers Panic Room gezogen hatte. Der Twilight-Trubel hat sie als ernstzunehmende Schauspielerin allerdings weit zurückgeschlagen. Tiefpunkte waren ihre freizügige Darbietung in der Jack-Kerouac-Verfilmung Unterwegs und ihr Auftritt als Schneewittchen in Snow White and the Huntsman, wo sie mit stets halbgeöffnetem Mund eher dümmlich als sexy wirkte. Aber seitdem befindet sie sich auf dem Weg der Besserung. In Still Alice spielte sie kompetent Julianne Morres Tochter, in Die Wolken von Sils Maria begeisterte sie neben Juliette Binoche die Kritiker in Cannes. Vielleicht hat Woody Allen sie ja nur dazu gebracht, ihren Mund geschlossen zu halten, aber so ausdrucksvoll wie bei ihm war Kristen noch nie. Klar ist die 26jährige atemberaubend schön, aber nun passiert etwas in ihrem Gesicht. Vielleicht hatte sie nach über 15 Jahren im Geschäft nun endlich Zeit zu reifen, vielleicht hilft ihr das persönliche Glück mit ihrer ehemaligen Assistentin, nach der praktisch vom Studio verordneten Romanze mit Co-Vampir Robert Pattinson. Für eine Oscar-Nominierung wird es diesmal noch nicht reichen, aber von Kristen kann man noch viel erwarten.



Wie üblich, sind auch die Nebenrollen von Café Society mit versierten Charakterdarstellern besetzt. Am besten in Erinnerung bleibt Corey Stolls Mafioso Onkel Ben. Seltsam ineffizient sind allerdings die meisten anderen Familienmitglieder - Allen-Kenner werden vielleicht seufzen: Noch eine jüdische Großfamilie. Gesichtet wurden jedenfalls "Balin" Ken Stott als Patriarch, Sheryl Lee (die Leiche aus Twin Peaks) als Phils Ehefrau, Anna Camp (True Blood) als jüdisches Möchtegern-Callgirl, Blake Lively als Barbie-Ehefrau und Parker Posey, die schon in Irrational Man zu sehen war, in blonder Lockenperücke. In der Summe hat mir das etwas besser gefallen als die beiden Vorgänger, kommt aber nicht an Witz und Charme von Woody europäischer Phase heran. Ordentlich (6/10).