Werner Lämmerhirt hasste den Winter. Als ich ihn das letzte Mal live erleben durfte, im November 2010 in der Berliner Petruskirche, erklärte er das ausführlich in seiner schnoddrigen Art, wohl als Einführung zu einem seiner jüngeren Lieder. Die kommenden kalten Winter wird Werner nicht mehr erleben - er starb bereits am 14. Oktober am Krebs, der ihn seit August ausgebremst hatte. Die Nachricht habe ich erst jetzt aus der Akustikgitarre erfahren. Den Nachruf schrieb Herausgeber Peter Finger, jetzt wohl selbst der bedeutendste deutsche Akustikgitarrist, sichtlich betroffen - er hatte gerade erst (m.W. erstmalig) Werner auf einem Stück seines Abschiedsalbums "Halbe Ewigkeit" begleitet. Das dieser Tage erschienene Album wurde nach längerer Zeit wieder von Günter Pauler für Stockfisch produziert - noch so eine Legende der deutschen Szene.
Es gibt allerdings kaum gegensätzlichere Gitarrenpersönlichkeiten als Werner und Peter. Beide bearbeiten Stahlsaiten mit Fingerpicks in teilweiser irrwitziger Geschwindigkeit, aber während Peter Finger klassisch gebildet ist und komplexe, filigrane, oft impressionistische Kompositionen spielt (und gar nicht singt), war Werner Lämmerhirt Autodidakt und gerade in der Anfangszeit durch seine swingenden Brachialpickings und seine unkonventionelle Gesangsstimme bekannt. Insofern kann man ihn als deutsches Pendant zu Leo Kottke betrachten.
In den 70ern wurde er (nach fruchbarer Zusammenarbeit mit Hannes Wader) schnell zu einem Fixstern der deutschen und europäischen Folkszene. Es macht Spaß, nachträglich seine Entwicklung zu beobachten - auf CD als Die frühen Jahre und "Collection 1+2" erhältlich. Da gab es Bearbeitungen von Folksongs und modernen Standards, eigene Lieder und immer wieder verblüffende Instrumentals. Im zugehörigen Liederbuch beschreibt er stolz seine Entdeckung des Triolenpicks für "Corinna, Corinna", versieht Tim Hardins berühmtes If I Were A Carpenter mit einer Begleitung in Dropped D, schwärmt (zu Recht) über Paul Simons Lincoln Duncan (seine wunderbare Bearbeitung habe ich leider nie vortragsreif hinbekommen) und widmet "Marcel's Rag" dem Franzosen Marcel Dadi (1951 - 1996), einem Seelenverwandten, den er gerade erst entdeckt hatte.
1978 - 1980 gehörte er zu den Folkfriends, die in Hannes Waders Windmühle zusammenkamen und zwei tolle LPs aufnahmen. Dort musizierte er mit Wizz Jones, Derroll Adams, Danny Thompson (The Pentangle) und vielen weiteren Folklegenden. Später trug zu seinen Aufnahmen immer mal wieder Klaus Weiland (Das Loch in der Banane) lyrische Gitarrenparts bei. Er selbst war gefragter Gast nicht nur immer wieder (unterbrochen von einem dummen, zum Glück irgendwann beigelegten Zerwürfnis) bei Hannes Wader, sondern auch bei Guy und Candy Carawan, Davey Arthur, Knut Kiesewetter (Fresenhof) und vielen anderen. In den 80ern ließ er sich seine Texte oft vom aus England nach Baden-Württemberg emigrierten Songpoeten Colin Wilkie schreiben. Mit der englischen Sprache hatte es der gebürtige Berliner nicht so, und so begann er Mitte der 90er damit, eigene deutsche Texte zu schreiben. Seine Texte erreichten sicher nie den Wortwitz eines Reinhard Mey, die verschmitzte Doppelbödigkeit von Franz-Josef Degenhardt oder die raue Poesie seines Freundes Hannes. Sie waren geradlinige Auseinandersetzungen mit seiner Umwelt und seinen Erfahrungen, selten platt oder übertrieben sentimental.
Daher würde es Werner wohl nicht gern hören, dass meine Lieblings-CD von ihm sein letztes Album mit englischen Texten ist: "Inbetween Times" erschien im Herbst 1992 und ist eine herzerwärmende Platte. Großen Anteil daran hatten Peer Knacke an der zweiten Gitarre, Beo Brockhausen am Saxophon und vor allem der Münsteraner Arzt Volker Leiss an verschiedenen Blockflöten. Dazu spielte wie bei den meisten Produktionen von Günter Pauler (bis hin zu "Halbe Ewigkeit") der Stockfisch-Tontechniker Hans-Jörg Maucksch seinen stimmungsvollen bundlosen Bass. Bei "Inbetween Times" war Lämmerhirt auf der Höhe seiner Kunst - eingängige Gitarrenriffs, schöne Melodielinien, mitreissende Instrumentalstücke und melancholische, zur Jahreszeit passende Texte:
(The One Who's Loosing You)
May the rain will keep on falling
May the wind will blow
May the fire will keep us warm
When the night is lonely and blue
(Pay the Bill)Danach veröffentlichte er noch sieben CDs, vornehmlich mit deutschsprachigen Liedern. Reine Instrumentals waren immer weniger dabei, auch weil er Probleme mit seiner Greifhand bekam. Dafür veröffentlichte er 2009 die Sammlung zeitreise mit 20 ausgewählten Instrumentaltiteln seiner Karriere. Nachdem er in den 70ern große Säle gefüllt hatte, tingelte er nun unermüdlich mit seinen neuen Liedern durch die Klubs, stets mit Humor und Lebensfreude. Seine Ansagen frei nach Berliner Schnauze waren stets unterhaltsam, auch wenn er es mit den Fakten nicht immer so genau nahm (er ließ den am Heroin eingegangenen Tim Hardin mit dem Flugzeug abstürzen) Seine aufkommende Diabetes bekämpfte er nicht mit Insulin, sondern mit ausgiebigem Radfahren - auf seinen Tourneen begleitete ihn stets das Rennrad.
A heavy wind is blowing round the whole world
Sometimes I wake up from a dream
Human computers sitting at their desks
Counting numbers of people who are dead.
Lämmerhirt lebte mit seiner Frau zuletzt lange Jahre in Niedersachsen, wo ich ihn vor langer Zeit mal im Hamelner Regenbogen erleben durfte. Im hohen Norden war er allerdings so unbekannt, dass er oft mit seiner Hündin Abigail verwechselt wurde:

