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Sonntag, 31. Dezember 2017

Klassische Rezension: Bridget Jones's Diary (Sharon Maguire, 2001)

Wer ist Bridget Jones?

Bridget Jones lebt in London, ist Anfang 30 und der Prototyp eines neurotischen weiblichen Single inklusive tickender biologischer Uhr. Sie kämpft mit ihrem Gewicht, zu viel Alkohol und Zigaretten und ihrem Interesse an den falschen Männern. Ihr Sozialleben richtet sie nach unzähligen Taschenbuch-Ratgebern vom Typ "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" aus. Von der Neujahrsfeier bis zum folgenden Sylvesterabend erleben wir das Jahr 1995 mit ihr, mit Höhen und Tiefen (zur Erinnerung: Gewicht, Alkohol, Zigaretten, Männer), einer gewissen Emanzipation im Beruf und familiären Verwicklungen. Stoff für (aber)witzige Situationen gibt es also genug. Sie steht aber auch zwischen zwei Liebhabern, einem charmanten Windhund (Hugh Grant) und einem reichen Langweiler (Colin Firth). Jedenfalls scheint es zunächst so...

Von Jane Austen über Helen Fielding zu Richard Curtis

Für das Drehbuch zeichnen Richard Curtis, Andrew Davies und Helen Fielding verantwortlich. Dazu folgender Hintergrund: Im Herbst 1995 war halb Großbritannien für einige Sonntagvormittage im Bann einer brillanten sechsteiligen BBC-Verfilmung des wohl besten Jane-Austen-Romans, "Pride and Prejudice" ("Stolz und Vorurteil"). Jennifer Ehle spielte Elizabeth Bennet, die ihre Vorurteile, und Colin Firth Mr. Darcy, der seinen Stolz überwinden muß, um dieser berühmten Liebesgeschichte ihrem Happy End zuzuführen; das Drehbuch schrieb Andrew Davies. In mehrfacher Hinsicht hat sich Helen Fielding mit ihrem Tagebuch-Roman "Bridget Jones's Diary" von diesem Stoff inspirieren lassen (abgesehen davon, daß Bridget im Buch ebenfalls Fan der Serie ist). So haben Bridgets nervtötende Mutter und der vornehm leidende Vater ihre Vorbilder in den Eltern von Elizabeth. Vor allem aber ist Mark Darcy natürlich Jane Austens "Mr. (Fitzwilliam) Darcy" nachempfunden. Im Film wird dies wunderbar auf die Spitze getrieben, indem der gleiche Schauspieler, Colin Firth, auch den modernen Darcy spielt. Hugh Grant wurde von Richard Curtis schon mehrfach hervorragend in Szene gesetzt ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Notting Hill"), diesmal als unsympathischer Gegenspieler um die Gunst der Heldin; ein Imagewechsel, der  ihm gut zu Gesicht steht. Seine Rolle ist gegenüber der Vorlage deutlich aufgewertet (wenn er auch nicht Wickham genannt wird). Überhaupt erhält das Drehbuch erst durch die Aufpolsterung mit Jane-Austen-Elementen seine Kraft, auch als Romanze zu bestehen. Im Buch wird nämlich überhaupt nicht klar, warum sich überhaupt ein Mann für diese neurotische Person interessieren sollte; erst Richard Curtis und Andrew Davies machen sie zur Sympathieträgerin und geben ihr eine Persönlichkeit (z.B. die Eigenart, stets zur Unzeit mit undiplomatischen Gedanken herauszuplatzen).

Die Entdeckung einer Komikerin

Für Qualität beim Drehbuch war also gesorgt. Doch wer kam für die Hauptrolle in Frage? Zum Glück verfiel man auf die Amerikanerin Renée Zellweger. Einigen vielleicht noch dadurch in Erinnerung, daß sie in Cameron Crowes "Jerry Maguire" in ihren wenigen Szenen Tom Cruise an die Wand spielte, war sie zuletzt in einigen kleineren, weniger gelungenen Filmen zu sehen, so in der skurillen, überambitionierten Komödie "Nurse Betty" und im neuesten Farrelly-Fäkalwitz "Me Myself & Irene". Wer sich jetzt an sie erinnert, wundert sich vielleicht? Ja, sie hat sich für "Bridget Jones" nicht nur einen Londoner Akzent angeeignet, sondern auch 10 Kilo zugenommen (und inzwischen auch wieder abgenommen - uff). Und sie hat England im Sturm eingenommen, wo "Bridget Jones's Diary" ein sensationeller Erfolg ist. Sie ist nicht nur umwerfend komisch, sondern bleibt auch stets liebenswert! Dabei zeigt sie Mut zur Peinlichkeit und vollen körperlichen Einsatz und ist angesagten männlichen Kollegen wie Jim Carrey, Robin Williams oder Ben Stiller mehr als ebenbürtig.

Für mich die Komödie des Jahres (trotz "Shrek")

Und dann ist da noch Sharon Maguire, die Regisseurin. Sie hatte bestimmt alle Hände voll zu tun, um so viel Talent zu koordinieren und das ganze zu einem flotten Film zusammenzufügen. Vielleicht muß man in einem Londoner Kino gesessen haben, um in den vollen Genuß dieser Komödie zu kommen. Ich jedenfalls habe schon seit Jahren kein Publikum erlebt, das derart vor Lachen in den Gängen rollte. Und das trifft genauso auf den männlichen Anteil zu - beileibe nicht nur ein Frauenfilm! Genauso könnte man behaupten, daß "High Fidelity" ein Männerfilm war. Und vielleicht ist das ganze nicht so romantisch wie bei Jane Austen (was ist das schon?), aber mit Sicherheit viel, viel witziger. Dafür sorgen schon die komplizierten Tücken des modernen Lebens für alle Singles, nicht erst ab 30, nicht nur in London. Herausragend (9/10)!

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Kein Weihnachtsmärchen: Ich, Daniel Blake (8/10)

Diese Geschichte vom Zimmermann, der selbstlos seinen Nächsten hilft und schließlich dem System zum Opfer fällt, ist leider kein Weihnachtsmärchen. Daniel Blake ist Ende 50 und erlitt gerade einen Herzinfarkt. Sein Arzt hat ihm bis auf weiteres das Arbeiten verboten. Das Arbeitsamt sieht das anders: Er kann zehn Schritte laufen und sich mit beiden Händen einen Hut aufsetzen, also ist er auch arbeitsfähig. Krankengeld bekommt er demnach nicht, und für die  Arbeitslosenunterstützung muss er nachweisen, dass er 35 Stunden pro Woche für die Stellensuche aufwendet (ich selbst könnte nicht mal nachweisen, dass ich 35 Stunden pro Woche arbeite). Von den Sachbearbeitern wird er streng nach Reglement wie ein Kleinkind behandelt, und Beschwerdeformulare gibt es nur online. Eine ziemliche Hürde für jemand, der in seinem Leben noch nie einen Computer bedient hat (seine erste Begegnung mit einer Maus ist vorhersehbar komisch). Den kleinen Triumph, dass er mit seinem handgeschriebenen Lebenslauf einen potentiellen Arbeitgeber interessieren konnte, darf er seiner Sachbearbeiterin dann aber nicht erzählen, denn das Jobangebot muss er aufgrund seines schwachen Herzens ablehnen.

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Auch wenn für das Drehbuch die Auswüchse des britischen Sozialsystems recherchiert wurden, ist die Situation sicher auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Auch wenn unsere Wirtschaftsverbände uns das Gegenteil weismachen wollen, leiden gerade brave Menschen, die unverschuldet ins Unglück geraten. Um vom sozialen Netz optimal abgefangen zu werden, muss man halt clever sein. Was bedeutet das für ältere, bildungsferne oder behördenunerfahrene Hartz-IV-Empfänger? Natürlich schauen sich auch diesen Film wieder die falschen Zuschauer an. Eine Breitenwirkung bleibt auch aus, weil Ken Loach mit (hervorragenden) Laiendarstellern arbeitet, die hierzulande niemand hinter dem Ofen hervorlocken (dagegen hat Dwayne Johnson fast zwei Millionen Deutsche ins anderswo ziemlich gefloppte Baywatch-Remake gelockt). Ich fand Dave Johns als Daniel und Hayley Squires als alleinerziehende Mutter faszinierend. Sie haben unverbrauchte Gesichter und agieren ohne Starallüren. Ich habe mit ihren Demütigungen gelitten und mich über ihre kleinen Erfolge gefreut (nicht alle Räder im Getriebe wollen den Figuren Böses).

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Man könnte Ken Loach vorwerfen, dass er seit 30 Jahren immer wieder den gleichen Film dreht. Anderseits gibt es kaum jemanden in Europa, dem ähnlich präzise, kompromisslose, aufwühlende Sozialdramen gelingen. Anders als etwa sein Landsmann Mike Leigh, der seine Sujets oft satirisch überhöht und sentimental unterfüttert, bleibt Ken Loach stets bodenständig. Natürlich verdichtet er seine Stoffe, aber sie bleiben im britischen Arbeitermilieu verwurzelt. Nach einigen Höhepunkten in den 90ern, vor allem die verschrobenen Drama-Komödien Riff Raff (1991) und Raining Stones (1993) mit Ricky Tomlinson (hierzulande bekannt aus Das Leben ist eine Baustelle), verlor ich ein wenig die Lust an seinen Werken, die mir zunehmend verbissen ideologisch und weniger unterhaltsam erschienen. Mit Ich, Daniel Blake ist dem Fellow der britischen Akademie nun mit 80 Jahren wieder ein großer Wurf gelungen - er gewann, nach etlichen Nominierungen, erstmals (!) in seiner Karriere auch einen BAFTA (für den besten britischen Film). Seit 20 Jahren arbeitet er übrigens mit Drehbuchautor Paul Laverty zusammen. Ich, Daniel Blake ist für mich ihr schönster Film seit Mein Name ist Joe von 1998. Sehr gut (8/10).

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Ich, Daniel Blake lief schon vor einem Jahr in den deutschen Kinos und ist für Mitglieder jetzt kostenlos bei Amazon Prime verfügbar (in deutsch und englisch).

Klassische Rezension: Das Leben ist eine Baustelle (Wolfgang Becker, 1997)

Komödie, Drama, Romanze in einem? Das gelingt normalerweise nur den Briten, vor allem Mike Leigh und Ken Loach. Vielleicht kein Zufall, daß dessen Hauptdarsteller aus "RiffRaff" und "Raining Stones", der wunderbare Ricky Tomlinson, hier mitspielt. Ein seltener Fall eines deutschen Films über die sogenannte Unterschicht, der überhaupt nicht trocken akademisch daherkommt und trotz einiger komischer Überspitzungen glaubhaft bleibt. Die Besetzungsliste liest sich wie ein Who Is Who des deutschen Films (nicht der Stars, sondern der Könner). Neben den beiden Hauptdarstellern, Jürgen Vogel und Christiane Paul, glänzen in den Nebenrollen u.a. Martina Gedeck, Armin Rhode, Meret Becker und (ein Glücksgriff) die kleine Rebecca Hessing. Trotzdem sei mir erlaubt, die damals 21jährige Laienschauspielerin Christiane Paul hervorzuheben. Nicht wegen der offenherzigen Liebesszene (eigentlich schon, würde ich aber nie zugeben), sondern weil sie ihre Rolle mit so erstaunlich viel Leben erfüllt hat. Sie kann mit sparsamen Gesten und Blicken so viel ausdrücken... Wollen wir hoffen, daß sie Hollywood und die Medizin links liegenläßt und dem deutschen Kino erhalten bleibt - das bietet zwar nicht viele gute weibliche Rollen, aber diese wenigen kann man ihr getrost alle anvertrauen. Den Rest des Lobes muß ich nun Wolfgang Becker aussprechen, der (mit ein bißchen Hilfe von Tom Tykwer) eine originelle Geschichte (die nur ab und zu auf Klischees zurückgreift) erfunden und grandios inszeniert hat. Herausragend (9/10).

Freitag, 22. Dezember 2017

Das Wars: Die letzten Jedi (4/10)

Die beste Option für Episode 8 ist möglicherweise, die Augen zu schließen und die herrliche Musik von Altmeister John Williams zu genießen. Die wird leider ab und zu durch Explosionen und Schießereien unterbrochen, auch mal durch meist peinliche Dialoge. Zwar würde man dann auch die tollen Darstellungen der Althelden Mark Hamill und Carrie Fisher verpassen, die allerdings, vom Script im Stich gelassen, weitgehend im luftleeren Raum agieren - Leia sogar buchstäblich. Auch den Jungschauspielern kann man nichts vorwerfen, vor allem Daisy Ridley, die Rey bravourös als Ritterin ohne Furcht und Tadel verkörpert. Sogar Fiesling Adam Driver vermag seiner Rolle ein paar Nuancen zu geben, nachdem er endlich die doofe Maske ablegen darf (hier spricht mir Supreme Leader Snoke aus der Seele). Ich wünschte allerdings, er hätte sein T-Shirt angelassen.

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Leider habe ich dem Verhängnis offenen Auges ins Gesicht gestarrt. Zunächst wohlwollend, dann immer mehr irritiert, wegen mancher Längen auch gelangweilt, wurde mir immer unwohler bei der Ausbreitung dieses Puzzles von Versatzstücken, die nicht zusammenpassen und am Ende weniger als die Summe ihrer Teile ergeben. In meiner Kritik zur Vorgängerepisode hatte ich bereits vermerkt, dass Nostalgie nun von Neuerungen abgelöst werden müsse. Aber man hätte schon versuchen können, den Ton von Star Wars zu treffen. Nichts gegen ein bisschen Humor (über die putzigen Porgs konnte ich durchaus schmunzeln), nichts gegen ein Kommandounternehmen, welches zur Abwechslung mal schiefläuf, aber Twists um der Twists willen kotzen mich langsam an. Und der Twist, der im Vorfeld am meisten gehypt wurde, entpuppt sich als kein Twist. Mehr ist den Autoren nicht eingefallen? Man kann gegen George Lucas eine Menge einwenden, aber die Ursprungstrilogie folgte einem schlüssigen Konzept, und die aufgebauten Geheimnisse wurden zufriedenstellend aufgelöst. Dabei blieb ein gesundes Maß an Mysterium erhalten. Erst in der Folgetrilogie bekam etwa der Imperator eine Backstory, die diese Figur aber eher entzaubert hat. In der neuen Trilogie hat sich der zweite Autor (und Regisseur) Rian Johnson bereits soweit von J.J. Abrams' Ansatz getrennt, dass ich für dessen Abschlussepisode (er wird mangels Freiwilligen auf den Regiestuhl zurückkehren) nur noch Dunkelheit sehen kann.

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Star Wars war noch nie Science Fiction, aber nun entschwebt es endgültig ins Reich der Fantasy. Alle Regeln, die bislang für die Macht galten, werden gesprengt, Potestas ex machina sozusagen. Dass Rey im ersten Film bereits einem ausgebildeten Jedi (oder Sith) im Lichtschwertduell ebenbürtig war, konnte man gerade noch schlucken. Was nun aber alles möglich ist, hätte man sich nicht träumen lassen. Auch wurde die Macht bisher nie als Religion dargestellt - das ist eine Interpretation übereifriger Fans. Ich habe sie immer als eine leicht pantheistisch angehauchte Weltanschauung betrachtet. Nun finden sich sogar mystische Bäume und heilige Texte. Das passt übrigens zur modernen amerikanischen Unternehmenskultur, gemäß derer Ausbildung überflüssig und alles aus Büchern erlernbar ist. Apropos Lehrer - wie kann man ein Cameo von Kermit the Frog Master Yoda nur so verhunzen (Frank Oz, wie konnten Sie nur?)

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Die komplette Handlung der Episode 8 spielt sich an einem einzigen Tag ab und lässt sich spoilerfrei so zusammenfassen: "Die Rebellenflotte ist auf der Flucht vor der Ersten Ordnung, und ihr geht langsam der Sprit aus." Innerhalb dieses Tages besuchen zwei Figuren mal eben einen exotisch-kapitalistischen Waffenhändlerplaneten, um einen Codebreaker aufzutreiben (gab es jemals eine sinnlosere Nebenhandlung?). Gleichzeitig durchläuft Rey ihre Jedi-Ausbildung, ist aber rechtzeitig zurück, um den "Funken der Rebellion" zu retten. Erinnert sich noch jemand an die komplizierte Karte zu Luke Skywalkers Eremitage, um die es in Episode 7 ging? Das Ziel war offenbar gleich um die Ecke, denn der Millenium Falcon kann die Entfernung binnen Stunden zurücklegen (hin und zurück). So wie die Entfernungen in Westeros jüngst auf Drachenflugweite zusammengeschrumpft sind, so winzig scheint die Galaxie "weit, weit weg" nun plötzlich zu sein. Für eine epische Erzählung braucht es Geduld, aber die wird jungen Zuschauern wohl nicht mehr zugetraut.

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Und was bleibt am Ende übrig? Oder vielmehr wer? Ich finde es schon reichlich zynisch, dass die Rettung einer Handvoll Rebellen als Erfolg gewertet wird (Hauptsache, die Hauptfiguren sind dabei). Nicht einmal Star Trek entledigt sich so skrupellos Tausender von Redshirts. Das ist auch nicht "düster", sondern einfach nur gefühllos. Es erinnert mich an die zweite (und wahrscheinlich letzte) Staffel der Shannara-Chroniken, zu deren Ende es nun endgültig alle Handlungstragenden über 30 dahingerafft hat, so dass die Teenager endlich unter sich sind und sich ungestört ihren Balzproblemen widmen können. Gut, dass Carrie Fisher das nicht mehr erleben musste (Mark Hamill hat schon überraschend deutlich erklärt, dass er mit dem Weg seiner Figur nicht einverstanden war). Hoffen wir mal, dass Leia in Episode 9 nicht per Zombie-Technik am Leben erhalten wird. Unnötig verschenkt ist die Kunst von Andy Serkis, der als Supreme Leader Snoke zwar alle Register seines Könnens zieht, aber von den Autoren jämmerlich verraten. Von Captain Fantastic Gwendoline Christie ganz zu schweigen (führt man den Kalauer fort, dann wäre Finn der Dirt Brown Cowboy - politisch total unkorrekt. Pfui, Bernie Taupin!).

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Eigentlich habe ich gar nichts gegen einen Generationswechsel. Daisy Ridley als Rey habe ich schon gelobt, auch John Boyega als Finn gefällt mir trotz seines albernen Handlungsbogens nach wie vor. Gleiches gilt für Oscar Isaac als Cameron Crowe Poe Dameron, eine Figur, die Eltern wohl kaum bei der Namensgebung inspirieren wird. Er hat mehr zu tun als im Vorgängerfilm, muss aber auch als Prügelknabe und Möchtegernheld herhalten. Finn bekommt übrigens einen Sidekick spendiert, in Form der Kalifornierin (mit vietnamesischen Vorfahren) Kelly Marie Tran. Dass ihre Figur auf Dauer nervt, will ich der sympathischen Darstellerin nicht ankreiden (Diversität ist immer positiv, aber diese Besetzung ist sicher auch eine Anbiederung an den asiatischen Markt). Oscarpreisträger Benicio del Toro als Codebreaker hat so ungefähr zwei gute Momente, sein Talent ist ansonsten aber verschwendet. Für Laura Dern entwickle ich langsam Hassgefühle. Nach ihrem unangenehmen Auftritt in Twin Peaks: The Return spielt sie nun eine unpassend militärisch geprägte Vizeadmiralin (sagt man das so?) Niemals hatte eine Figur den Zuspruch "Möge die Macht mit dir sein!" mehr nötig als Holdo, denn vor ihrer neonfarbenen Perücke schreckt sicher selbst die Macht zurück.

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Ausnahmsweise sprechen die IMDB-Nutzerkritiken mir mal aus der Seele (noch deutlicher als beim Bastard Rogue One). Die letzten Jedi ist kein echter Star-Wars-Film, aber schlimmer: es ist ein schlechter Film. Fragt sich, wer all die Kritiker bestochen hat, die einen Metascore von momentan 86/100 spendiert haben. Oder wer denn diese sogenannten Kritiker überhaupt sind. Wegen der sympathischen Darsteller und aus (allerdings verblichenem) nostalgischen Gefühl heraus ergibt sich meine persönliche Wertung: Erträglich (4/10).

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Sonntag, 10. Dezember 2017

Meine Abenteuer mit Sky Ticket

Seit mehr als 15 Jahren pfeife ich aufs lineare Fernsehen. Ich bin weder über Kabel noch Satellit angeschlossen, und neuerdings empfange ich über DVBT nur noch die öffentlichen Sender. Selbst bei Arte schaue ich nicht mehr vorbei (früher habe ich dort ab und an einen Film aufgenommen). Neben Konserven (Blu-ray) greife ich in den letzten Jahren mehr und mehr auf Streamingdienste zu. Wie man meinem Blog unschwer entnehmen kann, ist dort Netflix mein Favorit, schon weil dort praktisch jeder Film und jede Serie auch im (meist englischen) Original verfügbar ist. Aber auch bei Amazon Prime werde ich gelegentlich fündig, zuletzt mit den jeweils zweiten Staffeln von Lucifer, Preacher und den Shannara-Chroniken (das ist die ultimative Guilty Pleasure unter den Fluchtfantasien: schöne junge Menschen vergnügen sich in tollen Landschaften - ein wunderbarer Ausgleich zu Babylon Berlin).

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Aufgrund der immer noch unverschämten Preise nutze ich nur sehr selten PayPerView zum Streamen. Schwer erhältliche Folgen oder Filme kaufe ich schonmal bei iTunes oder Amazon, aber der übliche Preis von 5 Euro für die HD-Version steht in keinem Verhältnis zu den Preisen, der Qualität und dem Zusatzkomfort physischer Medien.

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Nach der Abwicklung des Amazon-eigenen Lovefilm-Versands nutze ich übrigens nun ein vergleichbares Leihpaket von Videobuster. Der größte Unterschied zu Lovefilm ist, dass die pfiffigerweise immer gleich zwei Scheiben im Umschlag versenden, der ansonsten auf dem gleichen Patent beruht. Tip: Man sollte die Flex-Option zunächst deaktivieren, denn ansonsten bekommt man zusätzlich zu der vorgesehenen monatlichen Anzahl von Filmen automatisch weitere Sendungen, die zusätzliches Geld kosten (soweit ich das verstanden habe). Das Angebot von Videobuster scheint mir ähnlich wie das von Lovefilm, aber wahrscheinlich ist der Service noch nicht so überlaufen, denn bisher habe ich stets die Titel mit der höchsten Priorität meiner Wunschliste sofort bekommen. Dabei waren übrigens auch schon UHD-Blu-rays!

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Da nun O2 einen Einsteigetarif bot und dort exklusiv Twin Peaks: The Return, Game of Thrones und Babylon Berlin laufen, habe ich mich nun für ein halbes Jahr auf Sky Ticket eingelassen. Nachdem die genannten Serien nun abgelaufen sind, bin ich froh, mein Abonnement wieder kündigen zu können. Dass sich der Premiere-Nachfolger überhaupt hierzulande halten kann, liegt wohl nur an der Fußballvernarrtheit der Deutschen. Einige Gründe für meinen Frust:

Der Preis

10 Euro im Monat erscheinen zunächst fair und wären vergleichbar mit den Kosten der Konkurrenz. Das ist allerdings nur der Preis für das sogenannte "Entertainment Ticket" für TV-Serien. Kinofilme und Sport müsste man separat dazubuchen, das wären dann 30 Euro pro Monat. Lächerlich.

Das Angebot

Sky wirbt damit, Partner von HBO zu sein. Prima, dachte ich, dann schaue ich mal in Westworld rein. Pustekuchen - der neue Hoffnungsträger des GoT-Studios war im Sommer nicht verfügbar. Im Herbst, als ich mir bereits die UHD-Veröffentlichung bestellt hatte, wurde die Staffel dann mit großem Tamtam wieder bereitgestellt. Darüber hinaus finden sich viele Ladenhüter oder Serien, die auch woanders verfügbar sind, oft nicht in englischer Sprache (was in der Übersicht gar nicht leicht feststellbar ist).

Allgemein gilt darüber hinaus, dass oft nur einzelne Staffeln oder sogar nur einzelne Folgen der beworbenen Serien zur Verfügung stehen, die gerade auf den Sky-Kanälen gelaufen sind. Sky Ticket ist kein Streaming-Service, sondern eine wurmstichige Mediathek für das altbackene Premiere-Programm.

Die Technik

Auch bei der Technik hinkt Sky hinterher. Die Neuigkeit vom Digitalton hat sich noch nicht bis zu diesem Anbieter durchgesprochen. Dolby Surround ist das Maximum, was man erwarten kann. Von UHD ganz zu schweigen - meist scheint die Bildqualität nur bis 720P zu reichen. Auch die Wartezeiten bis zum Streaming-Start sind länger als gewohnt. Dazu passt, dass bei "Twin Peaks" zunächst die Folgen 13/14 vertauscht wurden, so dass zum gewohnten Tag dann keine neue Folge angeboten wurde. Bei "Game of Thrones" bin ich deshalb doch auf iTunes-Folgen ausgewiechen.

Sky sieht das Serienangebot offenbar als eine bunte Sammlung von Einzelepisoden. Hat denn Netflix die einzig sinnvolle Herangehensweise patentiert? Logisch wäre die Navigation von der Serie zur Staffel zur Einzelfolge. Schon bei Amazon Prime stehen die Einzelstaffeln (oft noch getrennt nach deutscher und Originalfassung) separat, auch etwa in den Suchergebnissen (dort gibt es dann oft eine Mischung von Flatrate- und Bezahlinhalten). Sky muss diesem Unfug noch einen draufsetzen. Selbst die Liste der gesehenen Titel enthält eine bunte, ungeordnete Mischung von Einzelfolgen, oft auch noch mit abgelaufenen (nicht mehr verfügbaren) Folgen: "This content has currently expired". Das kommt übrigens so häufig vor, dass es (immerhin) eine Suchkategorie "Letzte Chance" gibt. Bei Twin Peaks etwa lief das so: zwei Tage lang war die neue Folge nur in OF im Programm. Dann wurde die OF auf "abgelaufen" gesetzt (aber nicht entfernt), und es kam die deutsch-englische Variante hinzu.

Die Bedienung

Hier beurteile ich im wesentlichen die App meines modernen Samsung-Fernsehers. Auf dem iPad sieht es aber wohl nicht besser aus. Zunächst einmal muss ich mich bei jedem Aufruf (sogar mehrmals innerhalb eines Tages) erneut mit meiner vierstelligen Pin-Nummer anmelden. Und zum Anmeldebildschirm muss man erstmal hinnavigieren! Dazu kommt, dass bereits ab FSK16 der Jugendschutz greift und ich dafür zusätzlich nochmals eine Pin eingeben muss. Aber vielleicht ist es schon ein Fortschritt, dass ich solche Inhalte überhaupt tagsüber anschauen darf. Im linearen Fernsehen gelten immer noch die bizarren Regeln aus den 60ern: FSK16 ab 22 Uhr und FSK18 ab 23 Uhr. Jugendliche würden sich bestimmt darüber amüsieren, wenn sie am alten Fernsehmodell noch Interesse hätten.

Habe ich mich also angemeldet, lande ich immer erst bei den Filmen, die aber gar nicht Teil meines Tickets sind. Zu den Serien muss ich erst mühsam hinnavigieren. Auch die zuletzt gesehene Serie ist nicht so einfach zu finden. In der "Merkliste" wie auch unter "Zuletzt gesehen" stehen Einzelfolgen. Manchmal gibt es einen Button, um die aktuelle Serie fortzusetzen, aber eine Regelmäßigkeit habe ich dort nicht erkennen können. Bei "Babylon Berlin" habe ich mir angewöhnt, immer schon die ersten Sekunden der nächsten Folge abzuwarten, damit diese dann unter "Zuletzt gesehen" auf mich wartet. Trotzdem bin ich einmal versehentlich mitten in der zweiten Staffel gelandet. Das habe ich allerdings schnell aufgrund der Zusammenfassung am Anfang ("Bisher bei Babylon Berlin") erkannt, die man übrigens nicht überspringen kann (nicht gerade dem Binge-Watching zuträglich).

Kaum erwähnenswert ist das Ärgernis, dass die Sprachumschaltung (sofern denn vorgesehen) nur mit der gelben Taste der Fernbedienung möglich ist. Die gibt es auf der Smart Remote aber gar nicht. Na super - jetzt habe ich nur deswegen wieder Batterien in die herkömmliche Fernbedienung gepackt.

Samstag, 9. Dezember 2017

Deutsche Prestige-Serie: Babylon Berlin

Wir schreiben das Jahr 1928. Der junge Kölner Kommissar Gereon Rath ist zu Gast bei der Berliner Sittenpolizei. Wie er dem Polizeipräsidenten im Vertrauen mitteilt, wird Kölns Oberbürgermeister Dr. Adenauer erpresst. Rath hat den Auftrag, die kompromittierenden Fotos sicherzustellen und zu vernichten. Wie sich herausstellt, ist unser späterer erste Bundeskanzler nur vorgeschoben, die Hintergründe liegen im persönlichen Umfeld Raths, der noch am Trauma des Ersten Weltkriegs leidet, aus dem sein Bruder nicht zurückkehrte. Diese Ermittlung tritt aber schnell in den Hintergrund, und Rath gerät in einen Dschungel aus politischen Unruhen, internationalen Intrigen, schnittiger Gangstern und korrupter Polizisten. Dabei kreuzen sich seine Wege mit denen der jungen Berlinerin Charlotte Ritter, die ihr mageres Einkommen als freie Stenotypistin im Präsidium durch nächtliche Prostitution im Edelclub Moka Efti ergänzt, um ihre Familie ernähren zu könnne. Sie hat allerdings mehr Spaß an Detektivarbeit und träumt von einer Karriere als Kriminalassistentin.



Anders als bei Fassbinders Verfilmung von Döblins zeitgenössischem Roman Berlin Alexanderplatz beruht Babylon Berlin auf aktuellen historischen Romanen des 1962 geborenen Journalisten Volker Kutscher (die ich nicht kenne). Künstlerisch gestemmt wurde die Adaption von einem Dreierteam: Tom Tykwer, mein deutscher Lieblingsregisseur seiner Generation, sowie Achim von Borries und Henk Handlhoegten, beide langjährige Vertreter der X-Filme-Produktionsfirma und u.a. Mitautoren von Good Bye, Lenin!. Über Kosten und Produktionsaufwand ist schon viel geschrieben worden, siehe etwa die Süddeutsche oder Spiegel. Ja, das Berlin der 20er erwacht in verblüffendem Detailreichtum zum Leben, und ja, Bilder und Sound können sich auch international sehen und hören lassen, und ja, da agieren tolle Darsteller in weitgehend überzeugender Manier. Trotzdem konnte sich bei mir keine rechte Begeisterung einfinden. Warum?

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Babylon Berlin ist konsequent horizontal erzählt. Einzelne Folgen können nicht für sich stehen, sondern ergeben nur im Zusammenhang einen Sinn. Im traditionellen Fernsehen ist dies ein recht modernes Phänomen, ein frühes Beispiel dafür wäre Twin Peaks (1990). Allerdings gab es schon länger etwas ähnliches, nämlich die sogenannten "Mini-Serien". In dieser Form hat etwa die BBC fast alle Dickens- und Austen-Romane auf die Bildschirme gebracht. Aus meiner Jugend erinnere ich mich auch an andere Beispiele, etwa diverse Jules-Verne-Epen oder den immer noch sehenswerten Fünfteiler Shogun. Was sich stark geändert hat, sind die Sehgewohnheiten. Die zweimal acht 45minütigen Folgen von Babylon Berlin sind zwar nominell über Oktober und November verteilt bei Sky angelaufen, stehen nun aber in ihrer Gesamtheit zum Streamen zur Verfügung. Ich persönlich habe sie mir binnen einiger Wochen verteilt angeschaut. Mehr als zwei Folgen pro Abend habe ich nicht geschafft, dafür erfordert die Serie zu viel Aufmerksamkeit und ist auch zu deprimierend. Nach der vorletzten Folge (2.7) war ich nachgerade sauer, auch wenn der tragische Ausgang schon früh telegraphiert wurde (und damit meine ich nicht den ebenfalls vorhersehbaren Cliffhanger um Charlotte).

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Dabei war das sicher nicht so anstrengend wie Fassbinders Epos Berlin Alexanderplatz, dessen 13 Folgen ich über Monate verteilen musste. Tykwer ist ja ein großer Fan, was man in seinem Essay für Criterion nachlesen kann. Babylon Berlin ist trotzdem fast als Antithese angelegt. Dort der Fokus auf Franz Biberkopf, hier auf ein umfangreiches Beziehungsgeflecht. Dort ein poetisch-surrealer Grundton, hier eine zwar komplexe, aber realistische Erzählstruktur. Dort spiegeln sich die historischen Ereignisse in den menschlichen Schicksalen, hier sind sie wesentlich in die Handlung integriert. Günter Lamprecht, war zwar als Biberkopf 1980 mindestens 10 Jahre zu alt, seine wuchtige Darstellung bleibt aber trotzdem im Gedächtnis. In Babylon Berlin hat der 87jährige einen netten Gastauftritt als Reichspräsident von Hindenburg.

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Tykwer war übrigens bereits an einer anderen Fernsehserie beteiligt, die unterschiedlicher nicht sein könnte: Sense8 gehört zu seiner eher Hollywood-orientierten Seite (Das Parfum, Der Wolkenatlas), Babylon Berlin zu der des Autorenfilmers (Winterschläfer, Drei). Sense8 hat sein Publikum nicht gefunden, weil die Welt nicht aufgeschlossen genug dafür war (aufgrund massiver Proteste nach der Absetzung, denen ich mich ebenfalls angeschlossen hatte, hat Netflix immerhin eine zweistündige Abschlussfolge für nächstes Jahr finanziert). Babylon Berlin steht momentan ohnehin nur einer Randgruppe, nämlich den Sky-Abonnenten, zur Verfügung. Ob es Ende 2018 bei der ARD-Ausstrahlung eine zu den Kosten passende Beachtung finden wird, halte ich für unwahrscheinlich. Selbst die auf Unterhaltung getrimmte Historienserie Deutschland 83 ist ja bei den Zuschauern hierzulande eher durchgefallen. Woher soll dann die Zielgruppe für dieses anstrengend-deprimierende Sittengemälde kommen?

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Grundproblem in Babylon Berlin sind für mich die Figuren, zu denen ich nur schwer eine Beziehung aufbauen konnte. Nehmen wir Gereon Rath. Gegen Mitte der ersten Staffel zweifelt sein Partner Wolter an einem Urteil Raths, und Rath fragt ihn darauf (sinngemäß): "Du kennst mich doch als guten Polizisten!" Der Zuschauer erinnert sich zu diesem Zeitpunkt allerdings vor allem daran, dass Rath bereits zweimal seine Dienstpistole verloren hat - einmal ist sie bei einer Verfolgungsjagd in einen Schacht gefallen, beim zweiten Mal entriss sie ihm ein Verdächtiger beim Verhör und erschoss sich damit. Kein Indiz für eine besondere Befähigung als Polizist, oder? Auch Kollege Wolter, als Berliner Urgestein brillant von Peter Kurth verkörpert, bleibt als Figur eine Summe von widersprüchlichen Behauptungen. Erst reiben sich die beiden, dann sind sie ganz plötzlich, nach einem einsamen Bier, Kumpel und per Du, und später wiederum - aber ich möchte nicht zu sehr spoilern...

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Besser steht es um Charlotte Ritter, der zwar ein bisschen viel aufgebürdet wird, mit deren Schicksal man aber am ehesten mitfiebert. Das liegt für mich auch an der Darstellerin. Die Berlinerin Liv Lisa Fries ist erst 27, aber schon seit zehn Jahren gut im Geschäft. Sie bringt die Widersprüche ihrer Figur glaubwürdig rüber - zerbrechlich und stark, opportunistisch und loyal. Ob eine solche Frau historisch in die Weimarer Republik passt, mag man bezweifeln, aber es wäre auch langweilig, eine reine Männerwelt zu zeigen. Es ist dramaturgisch immer reizvoll, Aussenseiter in den Mittelpunkt zu stellen. Gereon Rath ist mit Absicht ein Fremdkörper in Berlin, überhaupt bei der Polizei. Er ist schmal und sensibel, dazu Morphium-abhängig (oder ist das am Ende bereits Heroin?) Den zehn Jahre älteren Münchener Volker Bruch sehe ich in der Hauptrolle deutlich zwiespältiger als seine Kollegin. Er zeigt eine technisch brillante Leistung, ob in den Suchtszenen oder beim ausgelassenen Tanzen, aber das wirkt selten richtig natürlich. Man vergisst nie, dass er schauspielert (vielleicht ist es auch unmöglich, diese schwierige Figur überzeugend darzustellen).

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Die Nebenfiguren sind oft noch schwächer gezeichnet. Und wenn mal jemand gerade Kontur gewonnen hat, wird er oft gleich wieder beseitigt. So etwa Assistent Jänicke, der lange nur so nebenbei erscheint, an den man sich dann gerade zu erinnern beginnt (er hat taubstumme Eltern und kann daher gut Lippen lesen), bevor er dann kaltblütig erschossen wird. Bei einer Figur, der man gerade erst einen Namen zuordnen kann, entsteht dann auch keine emotionale Wirkung (wenn überhaupt, war ich betroffen von Charlottes Reaktion). Das ist aber kaum die Schuld der Darsteller, deren Namen selbst mir als Nicht-Fernsehgucker oft geläufig sind, so etwa Hannah Herzsprung, Jördis Triebel, Lars Eidinger, Fritzi Haberland und Benno Fürmann (der Tykwer-Veteran aus Der Krieger und die Kaiserin wird wohl in der Fortsetzung eine größere Rolle spielen).

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Gerade wenn man sich in der zweiten Staffel ein wenig besser zurechtfindet, wird das vertraute Personal gewalttätig abgebaut. Was in einem Roman dramaturgisch sinnvoll sein kann, wirkt im Fernsehen schnell frustrierend. Es wäre besser gewesen, man hätte zur Einführung eine Staffel vor dem ersten Roman angesiedelt, in der man die Protagonisten im "Fall der Woche" erstmal kennen- und schätzenlernt, bevor man vom Intrigengeflecht der Romanhandlung überwältigt wird. Diese Vorgehensweise findet man heute oft bei amerikanischen Serien, siehe etwa Person of Interest. Manchmal ist anderseits die Hinwendung zur horizontalen Erzählweise und zur Betonung der Seifenoperelemente auch nur Kalkül, um die Zuschauer bei der Stange zu halten (siehe etwa Grimm).

Zu Asche, zu Staub
Der Ohrwurm und inoffizielle Titelsong von Tom Tykwer und Johnny Klimek, in der Serie in einer bizarren Performance von Severija Janusauskaite live dargeboten (Cabaret lässt grüßen!), setzt den morbiden Grundton (den späteren Auftritt des müden 72jährigen Bryan Ferry, der auch ein paar unscheinbare Songs zum Soundtrack beitrug, wollen wir mal vergessen). Die Dekadenz der ausgelassenen 20er Jahre mündet in einer Wirtschaftskrise. Es wird immer noch getanzt und gesungen in den Clubs, aber nebenan hungern und frieren die Arbeitslosen und ihre Familien. Kommunisten, Anhänger des Kaisers und Nazis buhlen um Anhänger (wir wissen ja, wer die Oberhand gewann). Ein paar mehr oder weniger redliche Menschen stemmen sich noch gegen den Strom, aber die Lage ist hoffnungslos. Die auf acht Bände ausgelegten Romane sollen wohl 1938 enden, als wohl jeder das bittere Ende absehen konnte. Gut möglich, dass wir wieder auf solche Goldenen Zwanziger zusteuern. Aber will Babylon Berlin warnen oder uns nur in der Hoffnungslosigkeit ertränken? Für mich hat sich die Anstrengung zwar gelohnt, aber ich freue mich nicht gerade auf die bereits beschlossene Fortsetzung.

Klassische Rezension: Heaven (Tom Tykwer 2002, 8/10)

Tom Tykwer hat das Pech, durch einen Film international bekannt geworden zu sein, der in seiner Art ebenso einmalig wie unwiederholbar ist. Nicht einmal in Hollywood gibt es die Schublade "Rennende Rothaarige". Bei der Aufregung um die rote Lola wurde gern übersehen, daß das Regietalent mit Die tödliche Maria und vor allem Winterschläfer bereits zwei hervorragende Werke abgeliefert hatte, ganz zu schweigen von seinem Beitrag zu Das Leben ist eine Baustelle. Nach dem (auf hohem Niveau) gescheiterten Der Krieger und die Kaiserin meisterte Tykwer nun mit Heaven seine erste internationale Produktion.

Das Drehbuch stammt von Krzystof Kieslowski, der wenige Jahre nach seinem frühen Tod bereits zum Genie verklärt wird, obwohl selbst seine berühmten Drei-Farben-Filme von durchaus unterschiedlicher Qualität sind. Es ist eine schlichte Geschichte um zwei Menschen und ein schwieriges ethische Problem. Zur Handlung möchte ich nicht viel verraten, nur eines klarstellen, was in manchen Beschreibungen falsch dargestellt wurde. Philippa geht es nicht um die Rache am (mittelbaren) Mörder ihres Mannes. Vielmehr möchte die Lehrerin ihre Schüler vor diesem Drogenboß schützen; nur wenige Tage vor ihrer Verzweiflungstat hat sich eines dieser jugendlichen Opfer umgebracht.

"Heaven" erinnert in seiner Art am ehesten an "Winterschläfer". Es ist emotional fesselnd, arbeitet mit ruhigen, hypnotischen Bildern und kommt mit sehr wenigen Dialogen aus (die italienischen sind untertitelt, die englischen synchronisiert). Die Kameraführung ist brillant, aber unaufdringlich, die Musikuntermalung minimalistisch (sie stammt vor allem von Arvo Pärt) und zweckdienlich. Cate Blanchett, deren Nicht-Oscar für Elisabeth die offensichtlichste Fehlentscheidung der US-Akademie der letzten Jahre war, füllt ihre Rolle perfekt aus. Ihr Partner Giovanni Ribisi wirkt dagegen etwas blaß, aber er soll ja vor allem Jugendlichkeit und die Unbedingtheit einer ersten Liebe ausstrahlen, was man ihm abnimmt.

Tykwers Verdienst ist es für mich, die Geschichte auf das Wesentliche reduziert zu belassen. Wie einfach wäre es gewesen, aus der Flucht dramatisches Kapital zu schlagen oder die Romanze zu verkitschen. Man muß schon etwas genauer hinsehen, um zu wissen, was in den Figuren vorgeht (wunderbar, was alles zwischen den Worten im Gespräch mit Filipos Vater gesagt wird). Um das Ende zu begreifen, sollte man sich übrigens an den Vorspann (die Hubschrauber-Simulation) erinnern...

Tom Tykwer gelingt es also auch unter erschwerten Bedingungen, gute Arbeit zu leisten. Angeblich hat er 30 abgedrehte Stunden auf die nun 95 Minuten zusammengeschnitten, allein drei Drehtage wurden auf die drei Minuten des entscheidenden ersten Verhörs verwandt. Meiner Meinung nach hätte der Stoff auch nicht die Substanz für mehr gehabt, so daß ihm sozusagen eine optimale Auswertung gelungen ist. Sicher kein Film für jeden Zuschauer, aber nicht nur Cineasten zu empfehlen. Sehr gut (8/10).