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Samstag, 29. Juni 2013

Klassiker auf Blu-ray #5: Alfred Hitchcocks "Die Vögel"

Alfred Hitchcock hatte in den 50ern einen beispiellosen Lauf und schrieb Kinogeschichte mit (u.a.) Der Fremde im Zug (1951: 10/10), Das Fenster zum Hof (1954: 10/10), Über den Dächern von Nizza (1955, 8/10), Immer Ärger mit Harry (1955, 9/10), Vertigo (1958, 8/10), Der unsichtbare Dritte (1959, 10/10) und Psycho (1960, 10/10). Nach Die Vögel (1963) ging es dann steil bergab; Marnie (1964, 7/10) war noch ein Achtungserfolg, aber den folgenden vier Werken fehlten überzeugende Stoffe und die passenden Darsteller. Zum Ende seiner Karriere war der Master of Suspense unmodern geworden.

Auch nach 50 Jahren weiß dieser letzte "große" Hitchcock noch glänzend zu unterhalten. Vom Drehbuch her sicher ein B-Film, mit nicht optimaler Besetzung, wird der Zuschauer durch den magischen Touch des Meisters in eine Oase des Wohlbehagens transportiert, aus der er durch wohldosierte Schockeffekte dann langsam wieder vertrieben wird. Es beginnt wie eine romantische Komödie, mit einer originellen Begegnung der beiden Hauptfiguren in einer Zoohandlung (im Englischen nennt man das ein "Cute Meet"). Und trotz mangelnder Chemie zwischen den beiden schaut man dem Treiben doch amüsiert zu. Laut lachen mußte ich beim Anblick der beiden (offensichtlich ausgestopften) Liebesvögel auf ihrer Stange, die sich bei der rasanten Autofahrt die Küstenlinie entlang kräftig in die Kurven legen. Dies ist allerdings der letzte lustige Vogelmoment. Die Atmosphäre macht hier den Filmerfolg aus, und es ist faszinierend zu beobachten, wie die Stimmung langsam in Richtung Thriller kippt.

Für Rod Taylor waren die Schuhe von Cary Grant und James Stewart natürlich viel zu groß, aber einen gewissen Charme kann man ihm nicht absprechen (Hitch nannte die Figur einen "Trottel"). Zu Tippi Hedren hat Hitch später stolz erzählt, er habe ihr das Schauspielern beibringen müssen Aber auch er konnte aus ihr keine Grace Kelly machen (nicht einmal eine Eva Marie Saint). Vielleicht deshalb muß ihre Figur gegen Ende der Handlung besonders leiden und bekommt einen übertrieben wirkenden Nervenzusammenbruch. In weiteren (grundsätzlich weiblichen) Opferrollen waren die TV-Darstellerin Suzanne Pleshette und die damals 53jährige Jessica Tandy zu sehen, die in ihren letzten Lebensjahren mit ihrer Oscar-prämierten Hauptrolle in Miss Daisy und ihr Chauffeur (1989) und einer feinen Nebenrolle in Grüne Tomaten (1991) zu spätem Ruhm kommen sollte.

Herausragend (9/10).

Die jetzt auch einzeln erhältliche Blu-ray bietet den Klassiker endlich im korrekten 16:9-Format mit kräftigen Farben und einer allgemein guten Detailschärfe. Meiner Vermutung nach sind noch bestehende Bildmängel eher der Vorlage mit ihren vielen Effektaufnahmen und Rückprojektionen geschuldet. Die Original-Tonspur ist tadellos, dazu gibt es reichlich Extras (besonders interessant die Interviews mit Hitch).

Sonntag, 23. Juni 2013

The Rains of Castamere (Game of Thrones, Staffel 3)

Es gibt wohl wenig Zweifel, daß Game of Thrones zumindest im Drama-Segment die beste aktuelle Fernsehserie ist. Der jüngste Höhepunkt der dritten Staffel, "The Rains of Castamere", wurde bereits als beste Episode aller Zeiten umjubelt. Das wird man allerdings erst im Nachhinein objektiv beurteilen können. Hier nur einige Gedanken zur dritten Staffel, die durch die Teilung der Vorlage nicht so gehetzt wirkte wie die zweite:

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  • "And Now His Watch Is Ended" hat den bisher besten Daenerys-Moment: Dracarys! (Und so sieht Emilia Clarke mit ihren natürlich-dunklen Haaren aus)
  • "You know nothing, Jon Snow": Neds Bastard kam in den ersten beiden Staffeln für meinen Geschmack zu kurz, obwohl er in den Büchern eine meiner Lieblingsfiguren ist. Jetzt bekam er endlich einen schönen Handlungsbogen und ein klein bißchen Glück mit Ygritte spendiert. Kenner des Buches spüren wie bei den weiteren Liebespaaren leider bereits ein tragisches Ende.
  • Wie in der Vorlage macht Jaime Lannister die größte Wandlung durch. Das Ende der Staffel erlebt der Kingslayer zwar physisch geschwächt, hat in den Augen der Zuschauer aber widerwilligen Respekt gewonnen, vor allem durch seine Freundschaft mit Brienne. Großartige Dialogstelle (sinngemäß): "Wie viele Menschen haben Sie gerettet, Sie Schlächter und Mörder?" - "Eine halbe Million - die Bevölkerung von King's Landing" (das bezieht sich auf seinen ach so ehrenrührigen Akt, dem verrückten König Aerys das Schwert in den Rücken zu rammen, als dieser die Hauptstadt verbrennen will).
  • Der Schlagabtausch zwischen Diana Rigg (Queen of Thorns) und Charles Dance (Tywin Lannister): grandiose Schauspielkunst und exquisite Dialoge
  • Die Hassliebe zwischen den ungleichen Geschwistern Cersei (Lena Headey) und Tyrion (Peter Dinklage) und Tyrions respektlose Behandlung seines königlich-monströsen Neffen ("You'll be fucking your own bride with a wooden cock") setzen Glanzpunkte.
  • Auf die recht expliziten Folterszenen mit Theon hätte ich persönlich verzichten können, aber sie sind der Buchvorlage geschuldet und bringen wichtige Ereignisse in Gang. Und an sich ist es eine Freude, Iwan Rheon aus Misfits wiederzusehen.
  • Brans Handlungsstrang kommt endlich in Fahrt und bietet gegen Ende einen echten Höhepunkt und eine (für Martin) seltene zufällige Begegnung mit einer anderen Hauptfigur.
  • Conleth Hill als Lord Varys, Eunuch und die Spinne im Spionagenetz von King's Landing, hat einige großartige Szenen; er zeigt sein großes Herz gegenüber Sansa und Shae, aber auch seine unerbittlichen Rachegefühle gegenüber dem Zauberer, der ihn einst entmannte.
  • Valar Morghulis: Arya rocks! Eigentlich müßte man weinen um das kleine Mädchen, das so viel Pech hat und einfach nicht zu ihrer Familie zurückfinden kann. Aber es ist erstaunlich, wie sie immer wieder über sich hinauswächst. Brillant gespielt von der zur Drehzeit gerade 15jährigen.
  • Tyrions großer Moment in Buch 3 wird wohl den Höhepunkt von Staffel 4 darstellen. Hier wird in eher kleinen Schritten gezeigt, wie seine Loyalität zu seiner Familie, insbesondere seinem Vater, untergraben wird. Ohne Zweifel ist er das Herz der Show. Peter Dinklage ist Erster unter Ebenbürtigen eines unvergleichlichen Ensembles.

Die "rote Hochzeit" hat im Netz für einen ungeheuren Aufschrei (bei Nicht-Lesern) gesorgt. George R.R. Martin hat seine Saga bewußt darauf ausgerichtet, mit bestehenden Fantasy-Konventionen zu brechen. Das ist manchmal hart für den Leser oder Zuschauer. Ich selbst hatte den ersten Band schon nach 100 Seiten wütend in die Ecke geworfen (figurativ - ich wollte ja meinen Kindle nicht beschädigen) - und das nur, weil Sansas Direwolf "Lady" der Politik (und dem Sadismus Joffreys) geopfert wurde. Die Empörung zeugt aber nur davon, daß wir die Standardkonstruktionen der Fantasy (die zumeist auf Tolkien zurückgehen) bereits so verinnerlicht haben, daß wir Abweichungen nicht ertragen können. Bei Martin sterben die "Guten" auch schon mal einen "sinnlosen" Tod, wo bisher höchstens heldenhafte Opfer möglich waren. Gleiches gilt für die Handlung: Glückliche Zufälle gibt es nur selten, auch wenn sie manchmal zwingend erwartet werden. Bestes Beispiel ist Arya, die manchmal die Wiedervereinigung mit ihrer Familie buchstäblich um einige Meter verpaßt, am tragischsten natürlich genau bei jener infamen Hochzeit.

Umgekehrt gilt aber: Wenn uns die Figuren egal wären, könnte uns ihr Tod zwar überraschen, aber nicht emotional treffen. Und ihr Schicksal ist auch nicht willkürlich, sondern konsequent der Situation geschuldet. Das ist der entscheidende Unterschied zu vielen anderen Serien der letzten Jahre, die Twists und Schock um ihrer selbst willen zelebrieren. Eines der ersten (leider stilgebenden) Beispiele für mich: 24 mit Kiefer Sutherland. Aktuelles Beispiel: True Blood und seine Teenager-Variante The Vampire Diaries. Wenn Figuren Loyalitäten pro Folge mehrmals ändern können, zentrale Figuren kurzfristigen dramatischen Effekten geopfert werden und dann je nach Zuschauergunst auch wieder auferstehen, wird Beliebigkeit zum Motto. Es ist zu vermuten, daß eine komplette Generation von Autoren das Joss-Whedon-Prinzip nicht so recht verstanden hat. Joss hat gern mal eine Figur sterben lassen, aber nie der billigen Dramatik wegen, und niemals ohne gravierende Konsequenzen für alle Beteiligten. Vor Buffy starben Hauptfiguren vor allem, wenn die Zuschauer sie nicht mochten oder die Gehaltsverhandlungen mit den Schauspielern gescheitert waren. Seitdem scheinen sie alle Freiwild für nur kurzfristig wirksame Schockmomente zu sein.

Wie oft liest man inzwischen in Kritiken: "In dieser Folge ist gar nichts passiert." Doch, Ihr jungen Schwachköpfe, ist es! Nur gestorben ist niemand, verstümmelt wurde niemand, gefoltert wurde niemand, es gab keine Schwertkämpfe oder gar Schlachten. Aber wir verstehen diese oder jene Figur jetzt besser, wir sehen manche Ereignisse in neuem Licht, wir erkennen die Richtung einer politischen Intrige."Game of Thrones" ist natürlich auch deshalb so erfolgreich, weil viel passiert, in jeder Hinsicht. Es ist deshalb so gut, weil Sex und Gewalt nicht Selbstzweck, sondern tief mit Handlung und Figurenentwicklung verstrickt sind. Und wer das nicht versteht, der soll halt zu einer der inzwischen immer erfolgreicheren gewaltpornographischen Serien wie Spartacus ausweichen. Good riddance!

Kurt Vonneguts "Schlachthof 5" (1969)

Im 1969 erschienenen Roman "Schlachthof 5" versuchte Kurt Vonnegut, seine Kriegserfahrungen aufzuarbeiten. Er war 1944 in deutsche Gefangenschaft geraten und erlebte im zum Lager umfunktionierten Schlachthof 5 die Luftangriffe auf Dresden mit. Dieses Erlebnis hatte ihn wohl stark traumatisiert. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung waren die historischen Tatsachen noch nicht objektiv geklärt. So übernimmt er die Propagandazahl von 300.000 Opfern, obwohl es wohl eher 25.000 waren, und meint eine schlimmere Zerstörung als beim Atombombenabwurf auf Hiroshima erlebt zu haben. Darin zeigt sich, wie eine persönliche Perspektive die Einordnung historischer Monumentalereignisse verzerren kann. Dies setze ich vorweg, ohne sein Trauma oder den Schrecken von Dresden kleinreden zu wollen.

Abgesehen von einer kurzen Rahmengeschichte in Ich-Form erzählt der Roman von Billy Pilgrim, wie Vonnegut Jahrgang 1922 und 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten. In dieser Figur versucht der Autor wohl, eine gewisse Distanz zu seinen eigenen Erlebnissen zu schaffen. Der Clou ist nun, daß Billy sein Leben nicht linear erlebt, sondern "nicht in der Zeit feststeckt", also quasi als Zeitreisender in verschiedene Stadien seiner eigenen Biographie wechseln kann. Dies scheint mir aber weniger ein Science-Fiction-Konzept, sondern eher ein erzählerischer Kniff, um die traumatischen Kriegserlebnisse aufzulockern mit einem ansonsten eher bürgerlichen Werdegang, der allerdings eine Entführung durch Außerirdische enthält. Jene Entführung nach Tralfamadore, wo er einige Zeit in einem Zoo der Außerirdischen verbringt, entlarvt sich durch ihre Trivialität wohl eher als fantastische Ausgeburt einer gestörten Persönlichkeit (ob Vonnegut wohl die Star-Trek-Episode "The Menagerie" gesehen hatte?) Die Aliens können nämlich in die vierte Dimension (die Zeit) sehen, und für sie ist damit das Schicksal des Universums vorherbestimmt, und der freie Wille nur eine Illusion.

Vonnegut vermag durchaus die Tragik der Kriegserlebnisse zu vermitteln, stilistisch sind aber eher sein Sprachwitz und seine bizarren, oft klug gesellschaftskritischen, die Handlung manchmal in einer Metaebene durchbrechenden Miniaturen interessant. Manche Passagen könnten Vorbilder von Douglas Adams' allerdings britsch geprägtem Humor sein. Beispiele:
Billy coughed when the door was opened, and when he coughed he shit thin gruel. This was in accordance with the Third Law of Motion according to Sir Isaac Newton. This law tells us that for every action there is a reaction which is equal and opposite in direction. - This can be useful in rocketry.
In einer längeren Passage zur Bibel:
He supposed that the intent of the Gospels was to teach people, among other things, to be merciful, even to the lowest of the low. - But the Gospels actually taught this: Before you kill somebody, make absolutely sure he isn't well connected. So it goes.
Über den amerikanischen Traum:
Their most destructive untruth is that it is very easy for any American to make money. They will not acknowledge how in fact hard money is to come by, and, therefore, those who have no money blame and blame and blame themselves. This inward blame has been a treasure for the rich and powerful, who have had to do less for their poor, publicly and privately, than any other ruling class since, say, Napoleonic times.
"Schlachthof 5" ist das beste Beispiel für Vonneguts Bastardrolle in der Science Fiction. Seine 1963 erschienene wunderbare Satire "Cat's Cradle" beinhaltete ebenfalls eine haarsträubenden SF-Idee (Ice-9), hatte aber ansonsten eine eher "konventionelle" Endzeitgeschichte. Nach seinem reinrassigen SF-Roman "The Sirens of Titan" (1959) und Cat's Cradle bekam Schlachthof 5 Vonneguts dritte und letzte Hugo-Nominierung für den besten Roman und verlor (verdient) gegen Ursula LeGuins Meisterwerk "The Left Hand of Darkness" ("Winterplanet"). Sein gestörtes Verhältnis zur SF-Literatur kann man auch an  der Darstellung des in seinen Werken mehrfach vorkommenden fiktiven, aber deutlich von Theodore Sturgeon inspirierten SF-Autors Kilgore Trout erkennen. Sturgeon war ein brillanter Stilist und Meister der Kurzform, wenngleich ihm nie der große Roman gelang. Er war sicher eine schwierige Persönlichkeit, aber Vonneguts Porträt eines schäbigen Pulp-Autors tut ihm arg Unrecht.

Vonnegut starb 85jährig nach einem Treppensturz. So it goes.

Samstag, 22. Juni 2013

Gar nicht so grimmig: Grimm - Erste Staffel (2011)

Es gibt ja nur wenige wirklich originelle Fernsehshows (gleiches gilt natürlich auch für Kinofilme). Aber wenn ein Konzept gerade im TV einmal erfolgreich ist, wird es solange kopiert und (wenn man Glück hat) variiert, daß man manchmal selbst den Spaß am Original verliert. Bestimmt gibt es Perlen unter den ersten Westernserien der 50er und 60er. Aber nach hunderten Folgen von Bonanza, Rauchenden Colts etc. war die Luft irgendwann raus. Das gleiche droht jetzt mit SF- und Fantasy-Serien, die ja erst durch die digitale Tricktechnik-Revolution ermöglicht wurden. Und so wurde die neue Serie Grimm von vielen Kritikern gleich abgehakt als "noch ein Prozedural-Krimi mit übernatürlichem Twist". Wenn's aber gut gemacht ist, kann das durchaus noch viel Spaß bringen. Mich haben Konzept und Darsteller jedenfalls eher angesprochen als die zeitgleich gestartete und offenbar bisher erfolgreichere Serie Once Upon a Time.

Nick Burkhardt (David Giuntoli) arbeitet als junger Leutnant bei der Mordkommission in Portland (Oregon). Eines Tages bemerkt er, daß sich manche Menschen in seinen Augen für Sekunden in tierähnliche Monstergestalten verwandeln. Er glaubt zunächst an Halluzinationen, bis ihn seine Tante aufklärt, er sein ein "Grimm" und könne mit seinen besonderen, von den deutschen Märchenbrüdern ererbten Fähigkeiten die Mitglieder einer übernatürlichen Parallelgesellschaft erkennen und ggf. bekämpfen. Schnell stellt sich heraus, daß nicht alles schwarz oder weiß ist. So freundet sich Nick mit dem vegetarischen Blutbad Monroe an, einem wolfsähnlichen Wesen (die Amerikaner sprechen das "Vessen" aus). Für uns deutschsprachige Zuschauer bietet die Mythologie viel Grund zum Schmunzeln. Da gibt es Blutbaden, Hexenbiests, Fuchsbau (!), Fuchsteufelwild, ,Geier, Bauerschweine, Hässliche und (Highlight!) einen Seltenvogel, der einmal im Leben ein "Unbezahlbar" ausbrütet.. Manchmal liegen die Autoren sogar richtig, etwa bei der Erklärung des deutschen Wortes "Gift" (engl. Gift = Geschenk). Besonders Monroe spricht mit viel Gusto quasi-deutsche Zungenbrecher wie Zaubertrank, Siegbarste, Gefrierengeber etc.

Die Serie präsentiert wie viele Vorbilder zunächst ein Monster der Woche, bevor Nick langsam in den Konfliktstrudel zwischen Polizist und Grimm gerät und größere Zusammenhänge erkennbar werden. Wie in amerikanischen Serien (siehe CSI) üblich, ist die Kriminalpraxis reichlich idealisiert: DNA-Proben, Mobilfunkortungen und Bilder von Überwachungskameras stehen sofort und perfekt passend zur Lösung des Falls zur Verfügung. Außerdem ist es ein unwahrscheinlicher Zufall, daß die Kriminalfälle, die Nick mit seinem Partner Hank bearbeitet, alle eine Verbindung mit der übernatürlichen Welt haben. Darin liegen aber die Komik und oft auch die Spannung. Nick muß seine besonderen Fähigkeiten nämlich vor Hank und sogar seiner Freundin Juliette verbergen. Und dann gibt es noch den undurchsichtigen Polizeikapität Renard (Sasha Roiz)...

Was ist nun die Besonderheit von Grimm?

Zunächst einmal gelingt eine angenehme, konsistente Stimmung. Trotz Spannung und einigen Brutalitäten nimmt sich die Serie nie zu ernst. Insbesondere Monroe (Silas Weir Mitchell) lockert auch die brenzligsten Situationen mit seinem trockenen Humor auf. Die manchmal an deutsche Waldgebiete erinnernde Umgebung von Portland sorgt für Athmosphäre und wunderschöne Bilder.

Zweitens wird hier ein echtes Ensemble aufgebaut. Beim erfolgreichen (vermeintlichen) Vorbild Supernatural dreht sich alles so sehr um die beiden Hauptdarsteller, daß alle übrigen Figuren in den Hintergrund gedrängt werden. Nach drei Staffeln ging mir das ewige Hin und Her zwischen den Brüdern derart auf die Nerven, daß ich aufgab. Grimms Hauptautor David Greenwalt hingegen hat sich seine Sporen bei Buffy und Angel verdient und sicher einiges von Joss Whedon gelernt. Zu den genannten Charakteren gesellen sich noch der sarkastische Polizeisergeant Wu (Reggie Lee) und seit dem letzten Staffeldrittel "Apothekerin" Rosalee Calvert, dargestellt von der bezaubernden Bree Turner, die ein wenig wie eine erdigere Judy Greer (das Edel-Callgirl Trixi in Californication) wirkt. Fast alle Hauptfiguren sind um die 30 Jahre alt und bilden eine sympathische Serienfamile mit unverbrauchten Gesichtern. Sasha Roiz ist mit seinen 40 Jahren bereits der Veteran (er ist u.a. aus Warehouse 13 bekannt).

Drittens drängen gegen Ende der ersten Staffel die Mythologie und weltumspannende Konflikte (Grimms stammen schließlich aus Europa) in den Vordergrund. Die ersten Reaper werden eingeführt, die offenbar Spezialisten im Köpfen von Grimms sind, und Captain Renard werden die ersten Geheimnisse entlockt. Es gibt offenbar noch viel zu entdecken. Ich glaube, die Serienschöpfer, neben Greenwalt noch Jim Kouf (Angel, Ghost Whisperer) und Stephen Carpenter, haben von Anfang an ihre Welt gut geplant.

Grimm ist vielleicht keine Top-Serie, bietet aber prächtige Unterhaltung. Die erste Staffel ist günstig als UK-Version erhältlich und erscheint im August auch in Deutschland. Sie wird wohl auch gerade bei Vox im deutschen Fernsehen gezeigt (ich bezweifle allerdings, ob eine deutsche Synchron hier erfolgreich sein kann). Die zweite Staffel ist bereits ausgestrahlt und erscheint im UK im Oktober. Die dritte Staffel läuft in den USA ab Herbst.

Kästner "endlich" als eBook - mit unverschämten Preisen

Die frohe Kunde erreichte mich als Werbebotschaft: Kästner jetzt endlich in elektronischer Form. Prima, dachte ich - meine Werkausgabe, die ich als Student mal für ein paar Mark erworben hatte, landete bereits vor einigen Jahren wegen zunehmender Zerfledderung im Müll. Meine Suchergebnisse bei Amazon liefern nun u.a.:
  • Emil und die Detektive: 9,99€
  • Das fliegende Klassenzimmer: 9,99€
  • Drei Männer im Schnee: 15,99€!

Zum Vergleich: Das Taschenbuch von "Drei Männer im Schnee" kostet 7,90€. Alle Preise sind vom Verlag festgelegt, Buchpreisbindung läßt grüßen. Die Kosten für Druck und Vertrieb eines Papierbuchs sind mit Sicherheit höher als die Provision, die Amazon für die Kindle-Edition einstreicht. Daraus schließe ich zum wiederholten Male: Deutsche Verlage möchten keine eBooks verkaufen. Ich persönlich jedenfalls mache bei diesem Nepp nicht mit. Über Heinrich Bölls gesammelte Erzählungen für 9,99€ hatte ich mich vor Jahren noch gefreut, muß aber nun feststellen, daß eine gebundene Ausgabe zum gleichen Preis erhältlich ist!

Über Vor- und Nachteile elektronischer Bücher ist ja schon viel geschrieben worden. Ich persönlich genieße es, auch auf Reisen und in der U-Bahn eine komplette Bibliothek parat zu haben. Und ich spare Regalplatz, den ich dann für Blu-rays und CDs nutzen kann. Trotzdem muß das Preisniveau sich m.E. deutlich unter dem für Taschenbücher einpendeln. Auf ein gewichtiges Argument hierzu bin ich neulich aufmerksam geworden: Was passiert mit meiner Sammlung nach meinem Tod? Die meisten Kindle-Bücher sind per DRM geschützt und nur auf meinen Geräten lesbar. Eigentlich müßte es möglich sein, ein Amazon-Konto auf einen Erben umschreiben zu lassen. Andernfalls löst sich meine Sammlung mit dem unvermeidlichen Ausfall meiner Geräte in Luft auf...

Samstag, 15. Juni 2013

Spiegel einer Generation: Before Midnight (9/10)

1995 begegnen sich Jesse (Ethan Hawke) und Celine (Julie Delpy) in Before Sunrise zum ersten Mail. Der amerikanische Tourist überredet die hübsche Französin, mit ihm einen Tag und eine Nacht in Wien zu verbringen, bevor beide in unterschiedliche Richtungen weiterreisen. Es ist wunderbar anzuschauen und herzergreifend romantisch, wie sich die jungen Leute kennen- und liebenlernen, und natürlich verabreden sie ein Wiedersehen...

Aufgrund unglücklicher Umstände gibt es dieses Wiedersehen erst 2004, neun Jahre später. In Before Sunset treffen sich die beiden halb-zufällig bei Jesses Autorenlesung in Paris: Er hat die romantische Nacht in einem erfolgreichen Roman verarbeitet, sie hat ihm ein sehnsüchtiges Liebeslied geschrieben: Sie sind offenbar Seelenverwandte, und am Ende scheinen die Gefühle trotz praktischer Widerstände die Überhand zu gewinnen (er hat Frau und Sohn in New York, sie ist in Frankreich verwurzelt).

In Before Midnight erfahren wir nun, daß die beiden zusammengeblieben sind und mit ihren siebenjährigen Zwillingstöchtern in Frankreich leben. Zur Zeit verbringen sie allerdings einige Urlaubswochen in einem idyllischen griechischen Dorf. Jesse hat gerade schweren Herzens seinen inzwischen 13jährigen Sohn am Flughafen verabschiedet, und nun wartet auf das Paar ein romantischer, kinderfreier Abend in einer klimatisierten Hotelsuite, ein Abschiedsgeschenk der griechischen Gastgeber. Doch unbeschwerte Zweisamkeit läßt sich nicht erzwingen, und so drängen plötzlich eine Menge Unsicherheiten, offene Wunden, unterdrückte Feindseligkeiten an die Oberfläche.

Jesse und Celine finden sich in der gleichen Situation wie viele berufstätige Eltern mit Kleinkindern. Der Alltag ist bis auf die letzte Minute durchorganisiert, Freiräume für über das praktische hinausgehende Gespräche gibt es nur selten. Widersprüche klassischer und moderner Vorstellungen zu den Geschlechterrollen kommen hinzu. Celine sieht die Last der Erziehung auf ihrer Seite ("Kennst Du überhaupt den Namen unseres Kinderarztes?"), kann aber auch schwer Verantwortung abgeben. Gleichzeitig neidet sie Jesse die gelegentlichen Auszeiten von der Familie, wenn er zu Autorenlesungen unterwegs ist (sie würde gern mal wieder Gitarre spielen). Jesse leidet unter der Trennung von seinem Sohn und wähnt sich in der Vaterrolle gescheitert. Beide haben berufliche Zweifel und spüren, wie ab 40 der körperliche Verfall einsetzt. Und so kann auch eine Seelenverwandschaft in eine schwere Krise geraten...

Es ist erstaunlich, wie diese überwiegend in Dialogen erzählte Geschichte den Zuschauer packen kann. Zugegeben, 20jährige werden sich kaum angesprochen fühlen. Regisseur Richard Linklater ist gerade zehn Jahre älter als die beiden Hauptdarsteller und hat die Drehbücher mit ihnen entwickelt. Und so sprechen die drei Filme eher eine spezifische, mitgealterte Generation an. Wie kann ein junger Mensch verstehen, daß es keine perfekten Lebenswege gibt? Jesse hat sich für Celine (und die gemeinsamen Töchter) entschieden und damit seinen Sohn zurückgelassen. Nun muß er die unglücklichen Folgen dieser Entscheidung versöhnen mit dem eigentlich vorhandenen Glück, die große Liebe gefunden zu haben. Und Celine muß verstehen, daß Jesse dieses Stückchen Unglück stets mit sich tragen wird.

Herausragend (9/10).

Sonntag, 2. Juni 2013

Klassiker auf Blu-ray #4: Krzysztof Kieslowskis Drei-Farben-Trilogie (1993/94)

Das Drei-Farben-Projekt muß wohl als einzigartig in der Filmgeschichte gelten. Ein polnischer Regisseur dreht in Frankreich, Polen und der Schweiz mit europäischen Darstellern drei vollkommen unterschiedliche Filme mit zentralen Frauenfiguren, konzeptionell an die Farben und Mottos der Trikolore angelehnt. Die visuelle Zuordnung ist schon durch das genutzte Farbschema einfach (es wurden übrigens drei verschiedene Kameramänner beschäftigt). Die thematische Zuordnung fällt schon schwerer. Roger Ebert hat die drei Filme sehr treffend charakterisiert als Anti-Tragödie, Anti-Komödie und Anti-Romanze.

In der Anti-Tragödie Blau (Liberté) findet sich Juliette Binoche durch den Tod ihres Mannes und ihrer Tochter plötzlich befreit von allen sozialen Bindungen, bis ausgerechnet die Begegnung mit der Geliebten ihres Mannes ihre Mauer der Trauer durchbricht. In der Anti-Komödie Weiß (Egalité) verläßt Julie Delpy ihren Ehemann Zbigniew Zamachowski, der daraufhin alles unternimmt, um ihr diese Demütigung in gleicher Münze heimzuzahlen. Im der Anti-Romanze Rot (Fraternité) schließlich trifft Irène Jacob auf den pensionierten Richter Jean-Louis Trintignant, der die Telefonate seiner Nachbarn abhört, woraus sich trotz anfänglicher Abneigung schließlich eine brüderliche Beziehung entwickelt.

Handlungszusammenfassungen können diesen Werken kaum gerecht werden. Kieslowskis Filme spielen in ihrer eigenen, leicht mythischen Welt, beherrscht von Zufällen und dramaturgisch zugespitzten Situationen, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Wenn man sich mit etwas Konzentration darauf einläßt, entwickelt sich beim Zuschauer ein überhaupt nicht verkopfter, sondern sehr emotionaler Sog.

Blau ist eine strenge, intensive Studie einer Frau, die sich gegen ihre Trauer wehrt, mit einer brillanten Juliette Binoche, in sehr präziser Bildsprache mit unerbittlichem Blick auf eine zerrüttete Seele und dazu passender eindrucksvoller Musik. Sehr gut (8/10).

Weiß ist eine etwas unebene teils lakonische, teils slapstickartige Komödie mit skurillen Handlungswendungen, die unter einer unglaubwürdigen, sehr gerafft dargestellten Entwicklung der Hauptfigur Karol Karol (Zbigniew Zamachowski) leidet, aber trotzdem zu unterhalten weiß. Gut (7/10).

Besonders gelungen und gemäß dem Thema Brüderlichkeit auch am versöhnlichsten und menschlichsten ist der Abschlußfilm Rot. Irène Jacob, die drei Jahre zuvor bereits in der Hauptrolle der Zwei Leben der Veronika beeindruckt hatte, spielt ein Fotomodell und Mannequin, jedoch ohne glamourös zu wirken. Sie hat ein hübsches, noch recht unbeschriebenes Gesicht, was zur unbestimmten Lebenssituation ihrer Figur paßt. Man schaut ihr gern über die hundert Minuten zu, und der schroffe und doch magnetische Altstar Jean-Louis Trintignant (er war zuletzt übrigens mit über 80 Jahren im preisgekrönten Amour zu sehen) bietet dazu den idealen Kontrast. Herausragend (9/10).

Zur Neuauflage: Vor zehn Jahren war ich mit der DVD-Box sehr zufrieden. Auch ohne direkten Vergleich vermute ich, daß die Blu-rays eine deutliche Bildverbesserung bieten, davon zeugen auch diverse Rezensionen auf den Fachseiten. Ich war jedenfalls sehr zufrieden mit der Farb- und Detaildarstellung, Bildfehler sind mir nicht aufgefallen. Meine Empfehlung ist, die einwandfreien französischen (bzw. französisch/polnischen) Originalversionen mit den guten, wenngleich manchmal leicht verkürzten (optionalen) deutschen Untertiteln anzuschauen. Leider werden keine französischen UT mitgeliefert. Die Extras entsprechen meiner Erinnerung nach der alten DVD-Box und sind damit sehr zufriedenstellend: jeweils eine Filmlektion mit dem Regisseur und ausführliche Interviews mit den Hauptdarstellerinnen und an der Produktion Beteiligten.

Montag, 20. Mai 2013

Hugo-nominiert: John Scalzis "Redshirts"

Der Begriff "Redshirts" stammt aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise aus den 60ern. Dort nahmen an Landeunternehmen neben den Hauptdarstellern oft auch ein oder zwei Komparsen teil, oft Sicherheitsoffiziere, die rote Uniformen trugen und eine hohe Sterblichkeitswahrscheinlichkeit hatten. In der herrlichen Genre-Parodie Galaxy Quest, in der Seriendarsteller sich nach einer Zeitreise tatsächlich als Besatzung eines Raumschiffs wiederfinden, macht sich das einzige mitgereiste Rothemd entsprechende Sorgen um seine Sicherheit. Der Roman "Redshirts" stellt diese Geschichte nun praktisch auf den Kopf.

Fähnrich Andrew Dahl und vier weitere Offiziersanwärter werden auf die UUCS Intrepid versetzt, das Flaggschiff der Universal-Union im 25. Jahrhundert. Und schon bald finden sie heraus, daß die Teilnahme an Landemissionen nicht unbedingt erstrebenswert ist. Tatsächlich meiden erfahrenere Besatzungsmitglieder die Brückenoffiziere, um nicht für gefährliche Missionen rekrutiert zu werden, und ein schon fast legendärer Kollege fehlt völlig auf der offiziellen Mannschaftsliste. Dahl und seine Freunde müssen in einem Wettlauf mit der Zeit herausfinden, wie sich die absurden Todesfälle bei den Landemissionen erklären und zukünftig vielleicht sogar verhindern lassen...

Es ist nicht leicht, eine Handlungszusammenfassung zu liefern, ohne das Lesevergnügen zu gefährden. Und das ist zumindest in der ersten Hälfte durchaus garantiert. Allerdings sollte man wirklich ein paar Enterprise-Folgen gesehen haben, sonst läßt sich die Komik der Situation kaum erschließen. Eine Geschichte aus der Perspektive der Rothemden zu erzählen ist wirklich eine gute Idee. Viele Details laden zum Schmunzeln ein, und über die "Schwarze Box" mußte ich tatsächlich laut lachen. Allerdings finde ich, daß die Figuren selbst nicht besonders gut ausgeführt sind. Am Ende hätte ich immer noch nicht alle fünf Freunde mit Namen aufzählen können. Das liegt zwar auch an der durchaus cleveren Konstruktion der Geschichte, in der alle eine bestimmte Rolle zu spielen haben, was wenig Raum für genaue Charakterisierungen bietet. Erst gegen Ende, und paradoxerweise in den Codas, fühlte ich mich auch emotional ein wenig beteiligt. Ansonsten betrachte ich die Codas eher als Gimmick: Epiloge in der ersten, zweiten und dritten Person erzählt. Die erste Coda in Blog-Form fand ich sehr langweilig, die dritte schließlich doch bewegend.

"Redshirts" ist in diesem Jahr für den Hugo als bester Roman nominiert. Es ist bereits die vierte Nominierung des Autors in dieser Kategorie (er hat bereits einen Hugo gewonnen für ein SF-bezogenes Sachbuch). Die erste Nominierung galt 2005 seinem Debut Old Man's War. Das war ein spannender, mit orginellen Ideen versetzter militärischer SF-Roman, den ich wie auch seine Fortsetzungen durchaus mochte, auch wenn das Untergenre nicht unbedingt mein Fall ist. Ideologisch ist John Scalzi wohl irgendwo zwischen Heinlein und Haldeman anzusiedeln, dessen Hugo-Gewinner Der ewige Krieg natürlich DER Klassiker in diesem Bereich ist. Scalzi wirkte übrigens als Berater beim kurzlebigen Stargate-Ableger Stargate Universe mit, welcher im ansonsten recht action-orientierten Franchise immerhin die am wenigsten militärisch ausgerichtete Serie war und wenigstens versucht hat, Charaktere und Forschung in den Mittelpunkt zu stellen.

Redshirts ist ein eher mittelmäßiger Roman, eine nette Lektüre für einen Sonntagvormittag, kurz und widerstandslos. Es wäre schade, wenn das für den Hugo reichen sollte, nur weil der Autor vielleicht an der Reihe wäre. Die Konkurrenz ist in diesem Jahr allerdings nicht besonders stark, mit Lois McMaster Bujolds solidem jüngsten Barrayar-Roman, Mira Grants Abschluß ihrer Zombie-Blogger-Trilogie und Saladin Ahmeds ordentlichem Fantasy-Erstling "Throne of the Crescent Moon", der vor allem durch seine orientalisch anmutende Kulisse punkten kann. Als Favorit muß wohl Kim Stanley Robinsons "2312" gelten, vor dem ich noch zurückschrecke, weil ich seine preisgekrönte Mars-Trilogie recht langatmig fand.

Skyfall im Weltall: Star Trek Into Darkness (5/10)

Da sich Regie-Wunderkind J.J. Abrams demnächst in beiden Franchises bewegen wird, möchte ich versuchen klarzustellen, was eigentlich der Unterschied zwischen Star Wars und Star Trek ist. Mit seinem anbiedernden Lapsus des "Jedi Mind Meld" hat selbst Präsident Obama bewiesen, daß die beiden Pop-Phänomene in der breiten Öffentlichkeit nicht sauber voneinander abgegrenzt sind.

Im Krieg der Sterne kämpft ein junger Held um das Leben der Prinzessin und die Befreiung des Reichs vom bösen Imperator. Unterstützt wird er dabei von einem weisen Ratgeber, zwei magisch anmutenden Automaten und einem zwielichtigen Schmuggler. Gute wie Böse zapfen eine mythische Macht an und erlangen dadurch übermenschliche Fähigkeiten. Obwohl das Abenteuer in einer fernen Zukunft angesiedelt ist und die Schlachten mit Raumschiffen und Lasterpistolen geschlagen werden, spielt Wissenschaft keine Rolle, im Gegenteil sind die wenigen technischen Details auch mit geringen Physikkenntnissen schnell als Humbug entlarvt (anderthalbfache Lichtgeschwindigkeit? Ein Wettrennen in weniger als 12 Parsecs?) . Star Wars ist eine Flucht in eine romantisch verbrämte Phantasiewelt, ein Weltraummärchen, das allerdings ungeheuer viel Spaß macht. Tatsächlich gehört Das Imperium schlägt zurück zu meinen Lieblingsfilmen.

In Raumschiff Enterprise geht es um philosophische, soziale, technische Ideen, Minidramen, die in einer idealisierten nahen Zukunft angesiedelt sind. Technik ist großenteils genauso Humbug, aber immerhin in sich einigermaßen konsistent, und dient nur als Mittel zum Zweck. Im Vordergrund stehen die Konflikte der Charaktere, die oft genug Politik und Gesellschaft der Gegenwart widerspiegeln. In vielen der besten Episoden fällt kein einziger Schuß (The City on the Edge of Forever, The Trouble With Tribbles). Und wenn Captain Kirk die Waffen sprechen läßt, bekommt er oft genug eins auf die Nase und wird als ewiger kalter Krieger entlarvt. Star Trek ist Science Fiction im besten Sinne, deren stärkste Utopie in der Idee besteht, daß die Menschheit binnen weniger Jahrhunderte emotional reifen und Gewalt und Armut weitgehend hinter sich lassen kann.

Mit Star Trek Into Darkness hat nun J.J. Abrams ein neues Untergenre etabliert, das ich mal als FAD bezeichnen möchte - "Future Action Drama". Sein Reboot von 2009 war in sich spannend und interessant konstruiert, und die Einführung jüngerer Versionen der sieben durch die Filme 1-6 kanonisierten Hauptfiguren bot zumindest eine Menge Potential. Leider gelingt es ihm nicht, dieses in der Fortsetzung zu verwirklichen. Wiederum wird die Freundschaft zwischen Kirk und Spock in den Mittelpunkt gestellt (und verrät damit übrigens das durch McCoy zu vervollständigende ursprüngliche Triumvirat). Als Gimmick hat man offenbar ihre Persönlichkeiten vertauscht, so daß Spock den Faustkampf austrägt und Kirk die rationale Entscheidung fällt. Alle übrigen Figuren sind nur Stichwortgeber. Die Kinofilme der "alten" Generation hatten in dieser Hinsicht ja einen großen Vorteil: Alle Charaktere besaßen eine reiche Hintergrundgeschichte, ihre Beziehungen waren etabliert und ihre Schwächen und Stärken bekannt. Eine Szene wie die Selbstopferung Spocks in "Der Zorn des Khan" erhält so eine ungeheure emotionale Durchschlagkraft. In einer wohl als clever gedachten, fast spiegelgleichen Szene im neuen Film zeigt sich der größte Fehler im neuen Konzept. Die Beziehungen und Freundschaften werden lediglich behauptet, gehen tatsächlich aber im Action-Feuerwerk unter. Als Zuschauer war ich emotional sehr unbeteiligt.

Die Handlung an sich ist durchaus spannend und für einen Action-Film kompetent umgesetzt. Leider liegt dem ganzen keine einzige Idee tiefergehende Idee zugrunde, und das ist der eigentliche Verrat am Franchise. Wir haben hier lediglich eine Rachegeschichte mit einem gewissen Twist, und das hat für mich schon im jüngsten James-Bond-Abenteuer nicht gut funktioniert. Und übrigens: Wenn schon eine große Enthüllung geplant ist, sollte man den Dialog der entsprechende Szene vielleicht besonders gut durchdenken? Um ja keinen Spaßverderb zu riskieren, ersetze ich im Zitat die Namen durch harmlose:

Mein Name ist nicht Max Mustermann! Mein Name ist Peter!

Das hätte Ricardo Montalban besser hinbekommen. Oops, doch ein Spoiler für Fans...

Bis auf diese Enttäuschung macht sich Benedict Cumberbatch eigentlich gut als Bösewicht. Sein Charisma stellt er als Sherlock ja regelmäßig unter Beweis, und seine eindrucksvolle Stimme wird er demnächst dem Drachen Smaug im Hobbit leihen. Wenn man ihm doch eine eigenständige Figur auf den Leib geschrieben hätte! Alice Eve als Carol Marcus kann leider das (alte) Problem nicht beheben, daß Frauen (bis auf Uhura) nur als "Hot Space Babe of the Week" auftreten. Um uns alte Fans noch so richtig darauf aufmerksam zu machen, wird auch noch Nurse Chapel erwähnt, eine weitere schwache Frauenfigur aus der Originalserie. Und gegen Paul Weller als Admiral Marcus wirkte selbst Brock Peters als Admiral Cartwright (Das unentdeckte Land) dreidimensional. Das alles scheint junge Leute aber nicht zu stören, denn die strömen wie die Lemminge in solche "SF-Actioner".

Apropos dreidimensional: Dieser 12. Kinofilm im Star-Trek-Universum bietet weitere Argumente gegen 3D-Konvertierung. Vielleicht liegt es daran, daß ursprünglich mit IMAX-Kameras gefilmt wurde, aber die Bildkomposition wirkt oft sehr unnatürlich, mit Schattengestalten im Vordergrund und verzerrten Figuren in den Außenbereichen. Immerhin gibt die Dolby-Atmos-Installation im CineStar Berlin die zahlreichen Explosionen eindrucksvoll räumlich wieder.

Gesamturteil: Ordentlicher Actionfilm, als Star-Trek-Film durchgefallen. Annehmbar (5/10).

Samstag, 11. Mai 2013

Kinskis Stern: Die Kraft und die Herrlichkeit

Ergänzung nötig. Der Stern für Klaus Kinski am Potsdamer Platz. - Foto: Kai-Uwe Heinrich


Laut einem Tagesspiegel-Bericht vom 10. 5. 2013 ist für Klaus Kinskis Stern am Potsdamer Platz "ein Hinweis auf die Missbrauchsvorwürfe" gegen ihn geplant.

Tatsächlich? Wem ist denn damit gedient? Es war doch schon immer bekannt, daß Kinski eine fragwürdige Persönlichkeit war. Nun stellt sich heraus, daß er privat sogar viel schlimmer war, als wir uns vorgestellt hatten. Was hat das aber mit seiner Kunst zu tun, den Filmen, die er uns hinterlassen hat? Die Intensität, mit der er seine Figuren auf die Leinwand brachte, war gespeist vom Kampf mit den Dämonen in seinem Kopf. Welch ein schwieriger Mensch er war, davon kann nicht nur sein berühmtester Regisseur Werner Herzog ein paar Lieder singen. Aber das Ergebnis war oft Kinomagie, und diese können uns keine Erkenntnisse über sein Privatleben nehmen.

Daß Künstler privat keine Vorbilder sind, ist ja nichts Neues. Doch Picassos schmählicher Umgang mit seinen Frauen schmälert nicht den Wert seines Werkes, und Wagners Musik verliert nicht an Größe, wenn man von seinem Antisemitismus weiß. Natürlich verstehe ich, daß manche Wagners Musik nicht gern hören, weil sie den Zuhörer an Wagners Judenhaß ERINNERT. Das muß man akzeptieren, ohne daß es ein künstlerisches Werturteil ist. Nachgerade lächerlich wird diese vermeintliche politische Korrektheit, wenn man jetzt keinen Derrick mehr schauen darf, weil Horst Tappert als 20jähriger Mitglied der SS (und damit wie wahrscheinlich 95% damaliger deutscher Jugendliche in den Nazi-Apparat integriert) war.

Anders gelagert ist der Fall, wenn ein künstlerisches Werk durchdrungen ist von fragwürdigen Ansichten. Am häufigsten passiert das naturgemäß bei Autoren. In letzter Zeit wird zum Beispiel dem zweifachen Hugo-Gewinner Orson Scott Card (Enders Spiel, Sprecher für die Toten) seine Verurteilung von Homosexualität vorgeworfen. Tatsächlich hat er als bekennender, orthodoxer Mormone eine fast hinterwälderische, simplizistische Weltanschauung. Trotzdem zeigen gerade seine frühen Romane eine tiefschürfende, faszinierende Auseinandersetzung mit grundlegenden humanistischen und gesellschaftlichen Fragen. Erst später setzen sich in seinem Werk mehr und mehr Vorurteile und unglaubwürdige Vereinfachungen der menschlichen Natur durch. (Vielleicht ursächlich damit verknüpft scheint er sich mit dem kommerziellen Erfolg künstlerisch festgefahren zu haben und produziert meist nur noch langweilige Ableger aus Enders Universum.) Deutlich extremer sehe ich das in der Beurteilung des vielbewunderten Altmeisters Robert Heinlein (ich könnte auch Scientology-Gründer Hubbard nennen, aber der wird ja nur im kleinen Kreis gelesen). Seinen demagogischen militaristischen Jugendroman Starship Troopers halte ich regelrecht für gefährlich (während Paul Verhoevens gelungen Verfilmung einen die Aussage des Buchs negierenden satirischen Unterton hat), und seine restlichen (zahlreichen) Bücher sind zwar meist gut geschrieben und unterhaltsam, aber derart von Bigotterie und Chauvinismus durchsetzt, daß ich mich bereits vor vielen Jahren von ihm verabschiedet habe.

Um zum Film zurückzukommen: Betrachten wir Roman Polanski. Die Vergewaltigung einer 14jährigen, die seine Flucht aus den USA bedingte, war eine abscheuliche Tat, die er offenbar bis heute nicht wirklich bereut, auch wenn er sich mit dem Opfer "versöhnt" hat. Polanski ist kein Mensch, mit dem ich gern einen Kaffee trinken würde. Aber er ist ein großer Regisseur, der mit Chinatown und Der Pianist bleibende Meisterwerke geschaffen hat und immer wieder mit kleineren Filmen unterhält (von Tanz der Vampire bis Der Gott des Gemetzels). Oder schauen wir uns John Ford an, Regielegende mit vier Oscar-Gewinnen (Die Früchte des Zorns, So grün war mein Tal, Der Sieger). Seine Western waren durchdrungen von einer üblen Geringschätzung der amerikanischen Ureinwohner. Das schmälert weder seine Verdienste noch sein Gesamtwerk, aber es gibt halt Ford-Filme, die man heute differenzierter betrachten muß als in den Entstehungszeit. Ich persönlich schätze z.B. seinen berühmtesten Western, Der Schwarze Falke, nicht besonders, da seine rassistischen Untertöne sich nicht auf die von John Wayne gespielte Hauptfigur beschränken, sondern allgegenwärtig sind und mir trotz der fabelhaften Bilder das Zuschauen verderben. Wenden wir uns zuletzt dem ebenfalls preisgekrönten Regisseur Elia Kazan zu (Tabu der Gerechten, Die Faust im Nacken). Er hat in den 50ern vor den McCarthy-Ausschüssen Namen genannt, um seine eigene Karriere zu retten, und damit das Leben von Kollegen ruiniert. Pardoxerweise sind viele seiner Filme geprägt von Toleranz und Zivilcourage. Trotzdem mußte er noch Jahrzehnte später bei der Annahme seines Ehrenoscars Buhrufe ertragen. Klar, er wäre nie ein Kandidat für den Jean Hersholt Humanitarian Award gewesen. Aber genauso absurd wäre es, die Gravur seines Oscars zu ändern in "Regisseur, Autor, Denunziant".

Niemand würde nach heutigem Kenntnisstand eine Straße oder gar eine Schule nach Klaus Kinski benennen. Dies soll menschlichen wie künstlerischen Vorbildern wie etwa Marlene Dietrich vorbehalten bleiben. Aber man muß den Menschen vom Künstler trennen. Der Stern für Klaus Kinski würdigt den Schauspieler, und für mich gibt es keinen Grund, daran etwas zu ändern.

Dienstag, 7. Mai 2013

Superheld in Therapie: Iron Man 3 (8/10)

Shane Black ist einer der wenigen Drehbuchautoren, die Dialoge auf dem Niveau von Avengers-Guru Joss Whedon schreiben können. Nach seinem Durchbruch mit den herausragenden ersten beiden Lethal-Weapon-Filmen verkrachte er sich jedoch schnell mit den Hollywood-Mächtigen, und erst 2005 hatte er sein Comeback, diesmal auch als Regisseur der tollen Krimikomödie Kiss Kiss Bang Bang. In der Hauptrolle brillierte Robert Downey Jr., ebenfalls zurückgekehrt nach gravierenden Drogenproblemen. Sieben Jahre später ist dieser, einst als junges Genie gefeiert und für die Titelrolle in Richard Attenboroughs leider recht schematischen Chaplin-Biographie bereits 1992 für den Oscar nominiert, der bestbezahlte Schauspieler des Planeten (gemunkelt wird inklusive Gewinnbeteiligung von 50 Mio Dollar für The Avengers). Klar, daß er nach dem Rücktritt Jon Favreaus als Regisseur (er ist in einer Nebenrolle als Starks Freund Happy zu sehen) seinen Einfluß geltend machte, um seinem Freund Shane Black den Job zu verschaffen.

Der Akzent und die Stärke von Iron Man 3 liegen denn auch eher bei den intimen als bei den Actionszenen. Nach den Mafiosi Robert de Niro als Paul Vitti in Reine Nervensache und James Gandolfini in den Sopranos erleben wir nun einen Superhelden mit Therapiebedarf; die nur knapp verhinderte Selbstaufopferung im Finale der Avengers hat Spuren hinterlassen. Das gibt viel Raum für Selbstironie des ohnehin gebrochenen Helden, und selbst die notwendige Zusammenarbeit mit einem forschen Zwölfjährigen meistert er weitgehend kitschfrei. Gwyneth Paltrow als seine Freundin Pepper und Don Cheadle als Colonel Rhodes allerdings bleiben weiter blaß, genauso wie Neuzugang Rebecca Hall. Dafür haben Guy Pearce (Memento) und Sir Ben Kingsley (Gandhi) sichtlich Spaß an ihren Schurkenrollen.

Im Netz wird die Umdeutung der Comicfigur des Mandarin sehr kontrovers diskutiert. Ohne Kenntnis der Comics kann ich nur sagen, daß der Glaubwürdigkeitslevel des Avengers-Universums durch Aliens und "Götter" bereits arg strapaziert ist, und die zusätzliche Einführung eines Magiers mich nicht unbedingt überzeugt hätte. Black macht aus dem Mandarin einen eher Bin Laden nachempfundener Terrorist. Eine dadurch ermöglichte herrliche Wendung der Geschichte möchte ich hier nicht verraten, denn solche Überraschungen sind arg selten geworden. Was den Spaß mindert, sind einige riesige Logiklöcher, insbesondere die unglaubwürdigen "Feuerkrieger", die angeblich durch Freisetzung ungenutzen Hirnpotentials entstanden sind, und das resultierende abschließende Actionfeuerwerk, das durch das Duell zweier praktisch unzerstörbarer Gegner bis auf einige Schauwerte eher Langeweile erzeugt. Shane Black wollte ja im zweiten Lethal-Weapons-Film Mel Gibsons Figur Martin Riggs am Ende sterben lassen. Hier hat er leider die Gelegenheit verpaßt, wenigstens eine Nebenfigur loszuwerden.

Auch wenn ich wegen des überlangen und vorhersehbaren Actionfinales ein wenig zwiespältig bin, halte ich diesen dritten und wohl kaum abschließenden Teil der Saga um den populärsten Avenger doch für deutlich besser als den Vorgänger und vergebe wie für den ersten Teil ein Sehr Gut (8/10).

Sonntag, 5. Mai 2013

Jetzt auf Blu-ray: Cloud Atlas (9/10)

Freut Euch auf eine unvergleichliche Bilderflut, bewundert berühmte Schauspieler in ungewöhnlichen Rollen und frech aufspielende Neulinge, laßt das zu Tränen rührende Cloud Atlas Sextett in Euren Ohren klingen!  Macht Euch auf zu einer spirituellen Reise durch sechs Jahrhunderte und dutzende verknüpfte Schicksale!

Sorgt Euch um den naiven Adam Ewing und ärgert Euch über den fiesen Doktor Goose; Leidet mit dem sensiblen Nachwuchskomponisten Robert Frobisher, verkannt, verstoßen, in verbotener Liebe gefangen; Fiebert mit der Journalistin Luisa Rey um die Aufklärung einer nuklearen Verschwörung; Lacht und weint mit dem trotteligen Verleger Timothy Cavendish; Staunt mit der Replikantin Sonmi-451 über ein futuristisches Seoul; Kämpft mit Zachry in einer postapokalyptischen Welt gegen seine inneren Dämonen und handfeste Kannibalen.

Entdeckt einen neuen Hugh Grant als misantropischen Pensionär, schmierigen Manager, ekelhaften Restaurantaufseher  und tätowierten Kono-Krieger. Ärgert Euch über Hugo Weaving (Agent Smith aus The Matrix, Elrond aus Der Herr der Ringe) als Hitman Bill Smoke, die schrecklichste Krankenschwester seit Nurse Ratchet (Einer flog über das Kuckucksnest) und Zachrys Dämon. Erinnert Euch an Jim Sturgess (Across the Universe) in seinem Porträt des jungen Rechtsanwalts Adam Ewing, verzeiht seine nicht komplett gelungene Wandlung zum asiatischen Widerstandskämpfer Chang. Genießt den Auftritt der alterslosen Susan Sarandon als weiser Mittelpunkt eines postapokalyptischen Dorfs. Bewundert Halle Berry als jüdische Ehefrau des Komponisten Vyvyan Ayrs, tapfere Journalistin Luisa Rey und als Meronym, eine letzte Hoffnung auf Rettung der wenigen überlebenden Menschen in ferner Zukunft. Erkennt Jungtalent Ben Wishaw (Das Parfum, Skyfalls Q) als verstoßenen Adeligen, überseht ihn als Denholme Cavendishs Ehefrau Georgette. Verliert Euch in den großen Augen von Doona Bae als versklavtes Kunstwesen Sonmi, schmunzelt über ihren Auftritt als irischen Rotschopf und mexikanische Furie. Verachtet Jim Broadbent als egoistischen, ausgebrannten Künstler, fühlt mit ihm als überfordertem Verleger. Hofft auf die Läuterung Tom Hanks' als mörderischer Doktor Goose, gieriger Portier, Wissenschaftler zwischen Liebe und Loyalität und als mit seinen Ängsten hadernder Ziegenhirte.

Liebe Leute, hier haben wir einen intelligenten, spannenden, komischen, bewegenden Film mit Stars und tollen Schauwerten, und was passiert? Kaum eine Million deutscher Zuschauer haben sich ins Kino bemüht (zum Vergleich: Ziemlich beste Freunde - 9 Millionen, American Pie Teil 4 - 2,5 Millionen), weltweit wurde nicht mal das (stattliche) Budget eingespielt. Und die Kritiker streiten sich, ob ein mit Weltstars in englischer Sprache gedrehten Film noch als deutsches Werk gezählt werden kann, und ob es politisch korrekt ist, Schauspieler per Maske Geschlechts- und Rassengrenzen überschreiten zu lassen. Jugendliche lassen sich von Tom Hanks und Halle Berry offenbar nicht mehr ins Kino locken, aber was ist mit meiner Generation und damit jener der Regisseure? Das aus meiner Sicht ziemlich dröge Buch wurde noch umjubelt, aber wo dieses harter Arbeit bedarf, spricht der Film direkt alle Sinne an; wo das Buch frustriert, kann der Film faszinieren; wo man sich im Buch kaum an die Charaktere gewöhnen kann, nehmen einen im Film alte Bekannte an die Hand; wo das Buch Emotionen behauptet, durchlebt man sie im Film.

Ich kann nur hoffen, daß Tom Tykwer, Lana und Andy Wachowski sich den kommerziellen Mißerfolg nicht zu Herzen nehmen. Tykwer hat das ganze mit seiner fabelhaften Parfum-Verfilmung ja bereits in ähnlicher Form durchlebt. Die Wachowskis haben seit ihrem sensationellen Meisterwerk The Matrix aus meiner Sicht zwar künstlerisch eher Flops geliefert, bei diesem Projekt aber einen kongenialen Gegenpol zu Tykwers Sensibilität geliefert. Cloud Atlas hat beim Wiedersehen auf Blu-ray erneut ungeheuer Spaß gemacht und reiht sich bei den Filmen ein, die man sich alle paar Jahre gern wieder anschaut. Herausragend (9/10).

Samstag, 4. Mai 2013

"Echte Menschen": eine schwedische SF-Serie

Echte Menschen (Äkta människor/Real Humans) ist eine aktuelle schwedische Science-Fiction-Serie, deren erste, 10 einstündige Folgen umfassende Staffel gerade auch im deutschen Fernsehen gelaufen ist. Eine zweite Staffel soll sich in Produktion befinden. Handlungsort ist eine parallele schwedische Gegenwart, in der menschenähnliche Kunstwesen, sogenannte Hubots ("Human Robots"), ein selbstverständlicher, wenn auch umstrittener Teil der Gesellschaft sind. Hubots könnte man natürlich auch Androiden oder Replikanten nennen. Sie haben eine USB-Schnittstelle im Nacken und ein einziehbares Stromkabel in der Achsel, mit dem sie sich täglich an einer Steckdose aufladen müssen. Ansonsten kann man sie kaum von echten Menschen unterscheiden. Das hängt allerdings vom Modell ab - ältere Ausführungen wirken in Bewegungen und sprachlich noch recht roboterhaft, neuere Varianten sind möglicherweise physisch und kognitiv den meisten Menschen überlegen. Sie unterliegen in der Basisprogrammierung zwar den asimovschen Gesetzen (*1), aber natürlich gibt es findige Hacker, die diese zu umgehen suchen. Eingesetzt werden sie sowohl für manuelle Arbeiten, bei der Müllabfuhr oder in Fabriken (und schlüpfen so in die Rolle von "Gastarbeitern") als auch für die Hausarbeit und im "Unterhaltungsbereich" (bis hin zu sexuellen Dienstleistungen).

Die Grundsituation wirft eine Reihe interessanter Fragen auf, von denen viele auch mehr oder weniger erfolgreich thematisiert werden. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Gruppe von acht Hubots, die durch zunächst rätselhafte Umstände keine Besitzer haben, sondern offenbar Bewußtsein und freien Willen gewonnen haben. Die Geschichte ihrer Flucht vor den Behörden wird verschränkt mit der Situation zweier benachbarter Familien. Da sind Anwältin Inger und Hans Engmann mit Sohn Tobbe und Tochter Matilda. Ingers Vater Lennart besitzt zunächst den einfachen Hubot Odin, der für ihn aber mehr Gefährte als Chauffeur und Haushaltshilfe ist und mit dem er herrliche, wenngleich dem schrillen Farbempfinden Odins geschuldet postmoderne Schiffsmodelle bastelt. Nachdem Odi mit einem Defekt ausrangiert werden muß und Lennart gesundheitliche Probleme bekommt, wird ihm die seniorengerechte Haushaltshilfe Vera aufgedrängt. die eher als strenge Zuchtmeisterin denn als Gefährtin konzipiert zu sein scheint. Nun muß er selbst um seine geliebte wöchentliche Lasagne kämpfen.

Gratis zu diesem Modell bekommt die Familie Engmann die Haushaltshilfe Anita. Sie wird von der aparten koreastämmigen Lisette Pagler gespielt, und ihre Attraktivität bereitet denn sowohl Hans als auch seinem Teenager-Sohn schlaflose Nächte. Inger war zu Beginn gegen Hubots, freundet sich aber immer mehr mit Anita an. Dann findet Matilda heraus, daß Anita ein Geheimnis in ihrer Programmierung birgt...

In der zweiten Familie verläßt gerade Therese mit Sohn Kevin ihren Mann Roger, um eine Beziehung mit ihrem Hubot-Fitnesstrainer Rick einzugehen. Dies treibt Roger in die Arme einer terroristischen Untergruppe der Anti-Hubots-Partei ("Echte Menschen"). Teil dieser Gruppe ist auch die hübsche Polizistin Bea, die aber ebenfalls ein Geheimnis verbirgt. Therese läßt währenddessen ihrem Gespielen einen illegalen Sexchip einbauen, handelt sich womöglich aber nur neue Beziehungsprobleme ein. Als das Paar nicht gemeinsam in einen Club eingelassen wird, bittet Bea Inger um Hilfe, um ihr Recht einklagen zu lassen. Kurz darauf wird Inger auch noch mit der Verteidigung eines Mannes beauftragt, der teils Mensch, teils Hubot zu sein scheint...

Schweden und SF, das scheint ja von vornherein ein Widerspruch zu sein. "Echte Menschen" ist aber eine schöne Überraschung. Das Konzept ist intelligent und gemessen an europäischen TV-Budgets fantasievoll umgesetzt. Es gibt auch willkommene Einblicke in die schwedische Alltagswelt, zumindest für mich, der ich kaum Krimis oder europäisches Fernsehen konsumiere. Weitgehend gelungen ist die Darstellung der verschiedenen Hubot-Typen, von den einfach gestrickten Modellen über die gut gebauten Animateure hin zu den komplexen, fast emotionalen Variationen. Das Streben nach Menschlichkeit erinnert natürlich an Star Treks Data, wenngleich in teilweise zum Schmunzeln anregenden Abwandlungen. Während ein Hubot sein Heil in der Bibel sucht, hadert eine andere mit der Entdeckung eines "unnatürlichen" lesbischen Ehepaars und strebt selbst eine möglichst konventionelle Ehe an. Eine dritte entwickelt soziopathe Tendenzen und wird zur Gefahr für Hubots und Menschen zugleich. Nicht alle Schauspieler wissen zu überzeugen, aber das kann man von den in USA inzwischen massenhaft produzierten SF-Serien auch nicht behaupten. Was ich weniger verzeihen kann, sind die Ausrutscher in Seifenoper-Klischees und einige verunglückte Handlungsstränge. Peinlich zum Beispiel die Diagnose Tobbes als "THS" (TransHuman-Sexualität), hier wirkt die Parallele zur Homosexualität platt und überstrapaziert.

"Echte Menschen" lief deutsch synchronisiert bei Arte, offenbar fast zeitgleich mit der Ausstrahlung in Schweden. Schön bei Arte ist, daß man verpaßte Folgen innerhalb von fünf Tagen nach der Ausstrahlung in der Internet-Mediathek anschauen kann. Das funktioniert auch tadellos über iPad und AppleTV.


*1: Für Laien: die asimovschen Robotergesetze
1. Du sollst keinen Menschen verletzen oder durch deine Handlungen zu Schaden kommen lassen.
2. Du sollst Menschen gehorchen, außer dies verstößt gegen Regel 1.
3. Du sollst deine Unversehrtheit schützen, außer dies verstößt gegen Regel 1 oder 2.

Sonntag, 28. April 2013

Schon lange wirkungslos: Steven Soderbergh's "letzter Film" Side Effects (4/10)

Im Mittelpunkt von Side Effects steht der von Jude Law sehr zurückhaltend gespielte Psychiater Jonathan Banks. Er plaudert ein wenig mit seinen Patienten und verteilt dann großzügig Psychopharmaka. Auch seine wegen Jobsuche gestreßte Ehefrau bekommt ein paar Betablocker ab, und der depressiven, selbstmordgefährdeten Emily (eintönig: Rooney Mara) verschreibt er die neue Wunderdroge Ablixa, die sogar auf der Rückseite von Modezeitschriften beworben wird - und offenbar tödliche Nebenwirkungen hat. Leider gerät dieses an sich Potential bietende Thema zunehmend in den Hintergrund, zugunsten einer abstrus konstruierten Krimigeschichte, die zudem die Intelligenz des Zuschauers beleidigt, indem nach der "überraschenden" Wende die Schlüsselereignisse erneut aus anderer Perspektive vor ihm ausgebereitet werden. Die Figuren sind weder glaubwürdig noch sonderlich sympathisch, und den Regisseur (wie immer gleichzeitig Kameramann und Cutter) scheinen mehr die verschiedenen eingesetzten Kameratricks zu interessieren, die aber eher zur Verwirrung des Publikums beitragen.

Erträglich (4/10).

Preise scheinen für Regisseur Steven Soderbergh schon immer der falsche Anreiz gewesen zu sein. Nach seinem tollen, 1989 in Cannes umjubelten, selbstverfaßten Debut Sex, Lügen und Video drehte er einige sperrige, rätselhafte Kunstfilme, bevor er ab 1998 mit Out Of Sight, The Limey, Erin Brockovich, Traffic und Ocean's Eleven konsistente Unterhaltung auf hohem Niveau lieferte. Für sein erstaunliches und unerwartetes Meisterwerk Traffic heimste er 2001 den Oscar für die beste Regie ein (im gleichen Jahr war er auch für Erin Brockovich nominiert, für das bekanntermaßen Julia Roberts ausgezeichnet wurde). Das sollte es denn leider auch sein. Es folgten "kleine" Experimentalfilme, bei denen er offenbar eine maximale Kontrolle des Produktionsprozesses anstrebte, und mittelmäßige größere Produktionen, ermöglicht durch seine Stammmannschaft von Topstars wie George Clooney und Matt Damon. Beide Varianten sorgten regelmäßig für Enttäuschungen und (schlimmer) langweilige Kinostunden. Schlecht beraten vor allem die Zusammenarbeit mit Autor Scott Z. Burns (Der Informant, Contagion, Side Effects), da paarten sich akademische Bücher mit leidenschaftsloser Inszenierung. Mit 50 Jahren hat Soderbergh jetzt seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft angekündigt. Was mich betrifft, kommt dieser 10 Jahre zu spät.

Samstag, 6. April 2013

Filmkritiker, Literat, Showman: Roger Ebert 1942 - 2013

Wenn ich mal von mir auf die Allgemeinheit schließen darf, sind selbst Kinofans nur wenige Kritikernamen geläufig. In Deutschland ist da höchstens Hellmuth Karasek mit seiner unbedingt lesenswerten Werkschau Mein Kino. Die 100 schönsten Filme zu nennen. In den USA war bis in die 90er hinein die beim New Yorker angesiedelte Pauline Kael so populär wie umstritten; sie gewann einen National Book Award für ihre 1973 veröffentlichte vierte Sammlung von Kritiken. Roger Ebert war zwar seit 1967 fester Kinokritiker der Chicago Sun-Times und gewann 1974 einen Pulitzer-Preis, wurde überregional aber vor allem durch seine Fernsehsendungen bekannt. Ende der 60er schrieb er einige Drehbücher zu Trash-Filmen seines Freundes Russ Meyer, darunter jenes zum herrlich verrückten Blumen ohne Duft/Beyond the Valley of the Dolls. Sein Blog und Online-Versionen seiner Reviews machten ihn in den letzten Jahrzehnten zum vielleicht weltweit berühmtesten und einflußreichsten Kinokritiker.

Obwohl Ebert mit seinem TV-Partner Gene Siskel von der Chicago Tribune Filmbewertungen auf eine einfache Daumenwertung reduzierte ("2 Thumbs up"), hatten seine schriftlichen Urteile Substanz, literarische Qualität und zeugten von einer unbedingten Liebe zum Medium Film. Im Gegensatz zur eigenwilligen Pauline Kael waren seine Meinungen eher im Einklang mit der Kritikergemeinde, wenngleich Ausreißer durchaus vorkamen. So benennt er Charlie Kaufmans für mich (und die meisten anderen) vollkommen mißlungenes Synecdoche, New York als besten Film von 2008 und verspottet das unterhaltsame Cave Man von 1981 mit Ringo Starr (obwohl er eigentlich einen Hang zum Trash hat). Aber gute Kritiken sind für mich nicht unbedingt jene, die am besten meine eigene Meinung reflektieren. Sie dürfen subjektiv und persönlich sein, solange sie mir eine neue Perspektive und Einblicke gewähren und nicht einfach nur lobhudeln oder verdammen.

Manchmal möchten einem natürlich einfach die objektiven Worte nicht einfallen. Einige Zitate aus seiner Sammlung von Verrissen This Movie sucks ("Dieser Film stinkt") - die meisten dieser oft vielumworbenen Filme konnte ich bisher meiden:

Zu Battlefield Earth (Machwerk nach Hubbard mit John Travolta):

Battlefield Earth ist wie eine Busreise mit jemand, der schon seit langer Zeit ein Bad nötig gehabt hätte.

Zu Die Flintstones in Viva Rock Vegas:

Dies ist ein idealer erster Film für Kleinkinder, die die grellbunten Farben auf der Leinwand genießen und mit ihren winzigen Händen zur Musik winken können.

Zu Die Legende des Zorro:

Ich suche nach dem korrekten Wort zur Beschreibung der Szene, als Zorro die Scheidungspapiere bekommt. Ah, gefunden! Schade, kann ich nicht benutzen, dies ist eine Famlienzeitung. Beginnt mit "S".

Zu Pearl Harbor:

Die Filmemacher scheinen auf ein Publikum abzuzielen, daß möglicherweise noch nie von Pearl Harbor gehört hat, vielleicht nicht einmal vom Zweiten Weltkrieg.

Zu The Village (Shyamalan):

Nach der Pressevorführung wurde darum gebeten, keine Handlungsgeheimnisse preiszugeben. Grund war nicht, Ihnen den Film zu verderben. Wenn Sie die Geheimnisse wüßten, würden Sie den Film gar nicht mehr sehen wollen.

Zu Scooby-Doo:

Dieser Film existiert in einem geschlossenen (Film-)Universum, und wir übrigen sind dort Fremde. Das Internet wurde erfunden, damit Sie die Kritik von jemand anderem zu "Scooby Doo" finden können. Starten Sie Ihren Browser!

Zu Charlie's Angels:

Charlie's Angels ist wie der Trailer für einen Film zum Videospiel, nur ohne das Videospiel und den Film.

Zu The Hot Chick (mit Rob Schneider):

Die MPAA hat diesen Film ab 13 freigegeben. Er ist zu vulgär für alle unter 13 und zu dämlich für alle über 13.

Manchmal freut man sich natürlich, wenn eine Kritik die eigene Meinung widerspiegelt. Zuletzt möchte ich daher noch erwähnen, daß Roger Ebert Cloud Atlas fabelhaft fand, wenn auch ohne Kenntnis des Buches verwirrend, und sich bereits auf ein Wiedersehen freute. Leider ist dieses wohl nicht mehr zustande gekommen.