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Mittwoch, 26. Juli 2017

Kein Big Bada Boom: Valerian - Die Stadt der tausend Planeten (6/10)

Valerian: Die Stadt der tausend Planeten ist kein Desaster wie Jupiter Ascending oder Tomorrowland, aber die 200-Millionen-Euro-Produktion geht an den Kinokassen gerade ähnlich katastrophal unter. Das konnte man bereits anhand des Trailers vorhersagen. Atemberaubende Bilder genügen nicht, um ein Publikum anzulocken, und das putzige Hauptdarstellerpärchen wirkte einfach nur lächerlich. Überraschenderweise ist es das 25jährige Fashion-Model Cara Delevingne als Laureline, das mit Leinwandpräsenz, keckem Charme und, ähem, ihren langen Beinen deutlich besser wegkommt als der gut 30jährige Schuljunge Dane DeHaan, bereits Veteran aus einer Reihe mieser Filme (Chronicle, Amazing Spider-Man 2). Den Namen muss man sich wohl nicht merken...



Dabei beginnt die Chose grandios. Zu den Klängen von Bowies Space Oddity erleben wir im Zeitraffer, wie die internationale Space Station über die Jahrhunderte wächst und wächst, bis sie schließlich zur namensgebenden Weltraumstadt mutiert, längst dem Erdorbit entwichen. Niemand geringerer als Rutger Hauer in einem Cameo als "Präsident der Weltstaatenföderation" verabschiedet dieses Symbol der Völkerverständigung, welches längst nicht mehr nur Erdenbürger beherbergt.



Ähnlich überzeugend verblüfft die folgende Sequenz auf dem Planeten Mül (verständliches Gekicher im Kinosaal), wo ätherische Hominden durch eine Schlacht im Orbit aus ihrer friedvollen Existenz gerissen werden. Wenn die "Pearls" wie Verwandte von Camerons Na'vi erscheinen, so muss man Avatar wohl unterstellen, sich bei den französischen Comics aus den 60ern bedient zu haben, wie auch George Lucas, der hier wohl die Inspiration für u.a. Jabba the Hut und den Millenium Falcon fand.



Es stellt sich heraus, dass Valerian die Geschehnisse auf Mül nur geträumt hat - oder war es eine Vision? Es folgt ein wenig gezwungenes Schäkern zwischen ihm und seiner Untergebenen Laureline (merkwürdig: Wie passen ein Major und ein Sergeant zusammen?). Dann brechen sie zu einer bizarren Mission auf, die sie zwar bravourös erfüllen, allerdings mit 20 Minuten Verspätung... Sind wir hier in einem Videospiel? Und was ist mit all den Helfern, die dabei draufgehen? Waren das alles ersetzbare Redshirts? Solche Fragen stellt man sich allerdings erst im nachhinein, denn es geht rasant weiter, mit ungeheuer detailreichen Umgebungen und verblüffend flachen Figuren. Als die Pause eingeläutet wird (ein unsägliches Ärgernis), mag man kaum glauben, dass bereits eine Stunde vergangen ist. Danach läuft sich der Film leider tot, mit immer neuen Verfolgungsjagden, exotischen Aliens und Kampfszenen, die ohne innere Logik und daher auch weitgehend spannungsfrei ablaufen. So ziehen sich die 140 Minuten doch noch ziemlich in die Länge (ein Grund für den schwer erklärbaren Erfolg des Vorgängers Lucy war sicher seine kompakte Laufzeit).



Zwischendurch gibt es gelegentlich witzige Atempausen. Gut gefallen hat mir die von der Sängerin Rihanna gespielte/gesprochene Figur Bubble, wenngleich ihre Tanzdarbietung mich nicht so beeindrucken konnte wie Valerian (kein Vergleich mit der Opernsängerin aus dem Fünften Element). In der Gefangenschaft, aus der Valerian und Bubble sie befreien wollen, ist Laureline dagegen sehr schmackhaft hergerichtet ;-) Zu diesem Zeitpunkt ist übrigens der weitere Handlungsverlauf so vorhersehbar, dass jeder Zehntklässler die Geschichte zu Ende erzählen könnte. Schade, dass diese nicht besser strukturiert war, und verschenkt, dass Clive Owen den Schurken spielt, der so blass gezeichnet ist, dass ich es kaum wage, an Gary Oldman in Léon (der Profi) zu denken...



Valerian ist aufgrund seiner visuellen Wunder nicht vollkommen gescheitert. Man darf gespannt sein, wie diese im Heimkino zur Geltung kommen. Dann sicher nicht in 3D, denn die Computeranimationen dürften auch in zwei Dimensionen noch plastisch genug sein. Leider hat Luc Besson bei der Musik auf seinen langjährigen Collaborateur Éric Serra verzichtet, der vielleicht die Exotik besser untermalt hätte als der eigentlich von mir geschätzte Alexandre Desplat, der hier nicht in seinem Element zu sein scheint. So kann ich Valerian zwar Neugierigen ans Herz legen, Skeptikern ansonsten aber lieber die für August angekündigte Neuaufführung von Das Fünfte Element empfehlen, auf dessen 4K-Restauration ich mich schon sehr freue.  Die UHD-Scheibe ist in den USA bereits erhältlich, hierzulande wohl im Herbst zu erwarten. Der 20 Jahre alte Klassiker mag seinen Regisseur bezüglich der Tricktechnik enttäuscht haben, hat aber Herz, einen Spannungsbogen, einen Bruce Willis in Bestform und ein Big Bada Boom. Valerian mag sich in den kommenden Jahren (nachdem seine Produktionsfirmen längst Konkurs angemeldet haben) zum Geheimtip entwickeln, aber bis dahin kann ich nicht mehr als ein Ordentlich (6/10) vergeben.

Samstag, 22. Juli 2017

Im Netz des MCU gefangen: Spider-Man: Homecoming (6/10)

Die erste Blockbuster-Comicverfilmung hat demnächst bereits 40 Jahre auf dem Buckel. Sie präsentierte selbstverständlich den berühmtesten aller Superhelden: Superman. 1978 warb das Studio mit der kühnen Behauptung "You'll believe a man can fly". Es war, kurz nach Star Wars, der Höherpunkt der praktischen Effekte, und so sah man Christopher Reeve tatsächlich fasziniert beim Fliegen zu. Gut zehn Jahre später folgte Tim Burton mit Batman. Beide sind aus heutiger Sicht biedere Klassiker, die jedoch immer noch Charme und visuelle Kraft haben. Da ich mich nie besonders für Comic-Figuren interessiert habe, entdeckte ich sie erst nachträglich, via Fernsehen und Heimkino.



Es war dann doch eine Marvel-Figur, der ich schließlich ins Netz ging, in den Anfangszeiten Computer-generierter Effekte. Bryan Singers X-Men hatte mich noch nicht überzeugt, das gelang erst Spider-Man. Und deshalb wird Tobey Maguire für mich auch immer der definitive Peter Parker bleiben. Im Kinojahr 2002 notierte ich:
"Der bessere Teenie-Film, mit einem für das Genre hervorragenden Drehbuch. Mehr Spaß als Atmosphäre. Willem Dafoe ist ohne Zweifel der Bösewicht des Jahres. Herausragend nur im Jahresvergleich."
Das war im Juni, bevor dann doch noch tolle weitere Filme erschienen, kulmunierend im ersten Teil des Herr der Ringe, und kurz darauf stufte ich die Wertung auf acht Sterne ab. Ein Jahr später zeigte Bryan Singer, dass Comic-Verfilmungen neben verblüffender Tricks und starken Figuren auch gesellschaftliche Relevanz haben können; X-Men 2 war für mich der erste herausragende Superhelden-Film.



Sam Raimis Fortsetzung von 2004, bei den meisten Kritikern hoch angesehen, fand ich dann bereits überladen. Der Abschluss der Trilogie wurde 2007 dann allgemein als enttäuschend klassifiziert. Nur fünf Jahre später wagte Sony bereits ein Reboot, welches ausser den charismatischen Jungdarstellern (Andrew Garfield und Emma Stone) aber nichts Neues zu bieten hatte (von der lahmen Fortsetzung ganz zu schweigen). In der Zwischenzeit wurde Spidey aber von zwei anderen Phänomenen in den Schatten gestellt: Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie (für mich zu düster und fragmentiert) und Marvels von niemandem vorhergesehener Erfolg mit seinem "Marvel Cinematic Universe", kurz MCU, eingeleitet von einem Superhelden aus der zweiten Reihe: Iron Man. Der Rest ist Geschichte...



Mit Homecoming kehr Spider-Man nun heim ins Reich Marvel-Universum. Im jungen Engländer Tom Holland (gerade volljährig =21 geworden) fand man einen netten Jungdarsteller, der seinen ersten Auftritt bereits in Captain America: Civil War hatte. Nun wurde die Geschichte des Protegés von Tony Stark weitergesponnen. Im Film ist Peter Parker erst 15 und muss sich mit nervigen Lehrern, Schulflegeln und zu hübschen Mitschülerinnen rumschlagen. Die Handlung dreht sich, erfreulich geradlinig, um die Aufdeckung der Machenschaften des Waffenhändlers Adrian Toomes aka Vulture (Michael Keaton mit kluger Zurückhaltung). Das ist alles in Ordnung, ich habe mich auch zwei Stunden lang solide unterhalten gefühlt, aber wahre Begeisterung wollte sich dann doch nicht einstellen. Besonders gekünstelt fand ich die gewollt coolen Sprüche, die Spider-Man während seiner atemberaubenden Stunts ziemlich wahllos verstreut.



Zentraler Fehler des Drehbuchs (von einem Komitee, u.a. mit John Francis Daley, der in Bones den jungen Smartass-Psychologen Dr. Sweets gab) scheint mir der Hightech-Anzug zu sein, den Tony Stark seinem "Praktikanten" überlässt. Und auch wenn der Film am Ende eine Moral daraus zu ziehen versucht, dass Spider-Man sich zunächst mal aus eigener Kraft bewähren muss, wirkt es schon befremdlich, wie Tony versucht, den jungen Möchtegern-Avenger zu seinem Ebenbild zu formen. Peters Anzug verfügt sogar über eine eigene KI, mit der charmanten Stimme von (wem sonst) Jennifer Connelly, Oscar-Preisträgerin, Ex-Gespielin des Hulk und Ehefrau von Paul Bettany, der Stimme von Jarvis, inzwischen als "Vision" zum vollwertigen Avenger aufgestiegen. Zusätzlich muss ich feststellen, dass es nach 20 Jahren CGI immer noch nicht gelingt, am Computer überzeugende Flammen zu erzeugen. Schon in Captain America hatte mich der künstliche Spidey nicht überzeugt, und so glaube ich auch heute noch nicht daran, dass ein Mann fliegen kann. Ordentlich (6/10).



Hier als Bonus meine damaligen Gedanken zum ersten X-Men, der im nachträglich vor allem durch die grandiose Fortsetzung meine Sympathie gewonnen hat (heute: 7/10):
Schade eigentlich. Die Voraussetzungen waren gar nicht so schlecht. Die Grundidee - zwei Mutantenfraktionen bekämpfen sich wegen unterschiedlicher "politischer" Auffassungen - hätte Raum geben können für spannende Abenteuer und faszinierende Charaktere. Dazu gab es ein passables Budget (gemessen an den heutigen Möglichkeiten digitaler Special Effects), einige hervorragende Schauspieler und einen Regisseur, der mit "Die üblichen Verdächtigen" ein beachtliches Debut hingelegt hatte. Tim Burton hat unter ähnlichen Voraussetzungen mit "Batman" viel, viel mehr erreicht. Leider scheitert "X-Men" an einem miserablen Drehbuch, einer statischen Inszenierung und größtenteils blassen Darstellern (inklusive Patrick "Jean-Luc Picard" Stewart). Die einzigen Figuren, die Singer zum Leben erwecken kann, sind Wolverine (Hugh Jackman), Rogue (die junge Oskar-Preisträgerin Anna Paquin, deren Leistung merkwürdigerweise in keiner Vorschau oder Kritik erwähnt wurde), daneben mit Abstrichen Magneto (Ian McKellen). Die äußere Handlung plätschert behäbig dahin, eine innere Spannung wird nicht aufgebaut. Dafür werden uns dümmliche Dialoge präsentiert: "[Bist du der echte Wolverine?] Beweise es!" - "Du bist ein Arschloch!" - "Ok." Bleibt zu hoffen, daß aus den reichlichen Einnahmen wenigstens ein geringer Prozentsatz ins Drehbuch für die (bereits fest geplante) Fortsetzung fließt.

Sonntag, 16. Juli 2017

Ansteckend: iZombie

Nach einem Jahrzehnt der Spazierengehenden Toten bin ich nun auch vom Virus infiziert. Nicht vom Dallas-inspirierten Original, nicht von der hirnlos-brutalen Variante Z Nation, nicht von der hochrangig besetzten (durchaus sehenswerten) Sitcom-Version Santa Clarita Diet. Gepackt hat mich vielmehr eine sonnige CW-Variante, die in Seattle spielt, aber in Vancouver gefilmt wird: iZombie



Basierend auf den Klassikern, entwickelt jede übernatürliche Show ihre eigene Mythologie mit der gewünschten Zielgruppe und Dramaturgie angepassten Abweichungen. Während Vampire bei Buffy noch (mit wenigen Ausnahmen) rein dämonengesteuert waren, behielten sie in True Blood bereits ihre Persönlichkeiten (ggf. nach einigen Jahrhunderten megalomanisch aufgebläht). In den Vampire Diaries unterliegen sie sogar Jahrtausende lang ihren pubertären Hormonschwankungen (wie sonst wollte man die Kapriolen von Urvampir "Klaus" erklären?) Das gleiche gilt für Zombies. In iZombie werden Infizierte nur dann zu Romeros Monstern, wenn sie nicht regelmäßig menschliche Gehirne verspeisen können. Die Ansteckungsgefahr ist allerdings hoch, was Liebesbeziehungen kompliziert macht. Ansonsten hat der Tod auch Vorteile...



Medizinstudentin Olivia "Liv" Moore hat die Not zur Tugend gemacht und arbeitet nun in der Pathologie, wo sie sich regelmäßig mit ihrem Grundnahrungsmittel versorgt (tot darf die Nahrungsquelle schon sein). Die Zubereitung wird übrigens, nur mäßig eklig, mit der Ästhetik eines hippen Kochstudios zelebriert. Dies ist einer von etlichen visuellen Kniffen, mit denen Schöpfer Rob Thomas (Veronica Mars) der Serie seinen Stempel aufdrückt (und sich an die Ursprungs-Comic von Chris Roberson and Michael Allred anlehnt). Gelungen sind auch die Zwischentitel, in denen sich aus einem gezeichneten Standbild jeweils die nächste Szene entwickelt, untermalt von eingeblendeten Kalauern (gleiches gilt auch für die Episodentitel, etwa "Brother, can you spare a Brain?"): "Dead Giveaway", "Major Buzzkill", " Zom-Boy and his Dog", "Pawn of the Dead", etc. Dazu passt die Titelsequenz, auch wenn die Musik (von "Deadboy & the Elephant Men") diskussionswürdig wäre:



Der mit dem Tod einhergehende Albinolook steht Liv übrigens ausgezeichnet - ihre Mit-Zombies greifen gelegentlich zu Färbemitteln und Makeup und sind dann nur schwer von lebenden Menschen zu unterscheiden (sicheres Indiz ist allerdings, dass sie durch ein Messer ins Herz nicht zu stoppen sind). Eine kuriose Begleiterscheinung nutzt Liv nun "beruflich": Die verspeisten Gehirne lösen in ihr kurze Visionen mit Erinnerungs-Flashbacks der Opfer aus. So kann sie Detective Babineaux bei der Aufklärung diverser Morde helfen. Eine weitere Nebenwirkung möchte ich als zentralen Kniff der Serie hervorheben: Liv nimmt während einer solchen Diät (ein Gehirn langt offenbar für mehrere Tage) Persönlichkeitsmerkmale der Vorbesitzer an. Natürlich ist dieses Ermittlungsteam noch absurder als das  Bones-Duo. "Ich bin Detektiv Beabineaux, und das ist die Leichenbeschauerin Moore (für den Fall, dass wir bei Ihnen noch Tote unter'm Sofa finden)". Livs ganz spezielle Einsichten ins Leben der Opfer gibt der ansonsten eher drögen, in hunderten von Cop-Shows bereits durchgespielten Aufklärung der Kriminalfälle eine besondere Würze, die gefühlt für ein Drittel des Spaßes sorgt. Die anderen Drittel gehen aufs Konto von Livs sympathischen Mitstreitern und das der charismatischen Schurken.



Livs engster Vertrauer ist Ravi, ihr Chef in der Pathologie, mit britische Eleganz gespielt vom Londoner (mit offenbar indischen Vorfahren) Rahul Kohli. Er ist von Anfang an in ihr Geheimnis eingeweiht und forscht fieberhaft nach einer Heilungsmöglichkeit für den Virus. Dazu züchtet er eine lange Versuchsreihe von Zombie-Ratten, die ihrerseits viel Verwirrung stiften. Detektiv Clive Babineaux habe ich bereits erwähnt. Er ist zwar misstrauisch ob Livs Wunderseher-Fähigkeiten, die Erfolge bei den Ermittlungen stellen ihn aber zunächst zufrieden. Obwohl seine Figur weniger entwickelt ist,  versieht Malcolm Goodwin sie mit trockenem Humor, aber auch zielstrebiger Kompetenz. Dritter Mann im Spiel ist Livs (Ex-)Verlobter namens "Major Lilywhite", gemäß seinem Namen das einzige Weissbrot des Trios. Mit dem Sozialarbeiter mit Model-Look und Bodybuilder-Muskeln wurde ich am wenigsten warm. Dafür gibt es noch eine Reihe interessanter (und attraktiver) Frauen, so Livs Mitbewohnerinnen Peyton und (in der zweiten Staffel) die geheimnisvolle Gilda, nicht ohne Grund nach Rita Hayworths Paraderolle benannt.



Und dann wären da noch die Schurken - nicht die Verbrecher, die wöchentlich den Ermittlern ins Netz gehen, sondern diejenigen, die die langfristigen Handlungsbogen speisen. Der übelste und beste und hinterlistigste und charmanteste von ihnen ist Blaine, der die Untoten als Geschäftsmodell begreift und reiche Mitbürger zombifiziert, um sie dann zu überhöhten Preisen mit Gehirnnahrung zu versorgen (in der zweiten Staffel hat er sich clevererweise als Beerdigungsunternehmer etabliert). Thomas Anders spielt Blaine mit soviel Elan und Doppelbödigkeit, dass er inzwischen als Hauptdarsteller genannt wird. Der Genre-Veteran hat seinen schmierigen Charme bereits erfolgreich in Alias, Heroes und die Vampire Diaries (als Elenas Vater John Gilbert) eingebracht. Blaine ist inzwischen lange nicht mehr der einzige Bösewicht, denn mit seinem Vater (Robert Knepper), dem Crime-Lord Mr. Boss (Eddie Jemison) und insbesondere dem "Max Rager"-CEO Vaughn Du Clark (Steven Weber), der den Virus für seinen Energy Drink "Super Max" ausschlachten möchte, werden erfolgreich weitere starke Player eingeführt. Bei einem solch gemischtem Spielfeld findet sich Liv durchaus ab und zu auf der Seite von Blaine wieder, denn beiden ist nichts an der Zombie-Apokalypse gelegen.



Herz der Geschichte bleibt trotzdem Liv, und Rose McIver hätte ähnliche Beachtung verdient wie Tatjana Maslani für Orphan Black, die jüngst überraschend einen Emmy gewann. Die noch nicht 30jährige Neuseeländerin (sie spielte bereits 2009 für Peter Jackson eine Nebenrolle in The Lovely Bones) muss zwar nicht gleichzeitig mehrere Klone darstellen, aber doch fast jede Woche in eine andere Haut schlüpfen. Von der Nörglerin ("Grumpy Old Liv") über die notorische Lügnerin hin zur ewig-fröhlichen Kaffeehausbesitzerin hat sie alle Nuancen drauf. In "Even Cowgirls Get the Black and Blues" verblüfft sie sogar mit authentischem Country-Gesang und passender Gitarrenbegleitung. Es ist überaus beeindruckend, wie subtil sie ihre Körperhaltung und ihre Sprachrhythmen anpassen kann. Trotz mancher Rückschläge und Depressionen bleibt Liv in ihrer Grundpersönlichkeit zum Glück immer noch ein hinreissender Sonnenschein. Hatte ich schon erwähnt, dass sie auch mit weissen Haaren und blassem Gesicht sehr attraktiv ist?



Mit seinem heiteren Grundton, den sympathischen Figuren und herrlichen, mit Popkultur-Referenzen gespickten Dialogen ist iZombie für mich ein würdiger Nachfolger für Grimm, spaßige Unterhaltung mit Spannung und Herz. Mit Veronica Mars konnte ich trotz einer ansprechenden Hauptfigur (Kristen Bell) nicht sonderlich viel anfangen, aber hier hat Schöpfer Rob Thomas gemeinsam mit Diane Ruggiero ein höchst unterhaltsam Konzept entwickelt. Natürlich gibt es noch genug Möglichkeiten, den Spaß zu ruinieren, und der Höhepunkt der zweiten Staffel lässt befürchten, das es in Zukunft süsterer weitergehen könnte. Bis dahin aber vermisse ich Liv, Ravi, Clive und Blaine bereits - die zweite Staffel kann man seit einigen Monaten bei Netflix streamen, die dritte läuft im US-TV gerade aus, und eine vierte ist angekündigt.

Samstag, 8. Juli 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Serien

Dies ist eine neue Kategorie, die dieses Jahr testweise eingeführt wurde. Die Voraussetzungen (mindestens drei Bände, von denen einer im Vorjahr veröffentlicht wurde) sind bereits von anderen kritisiert worden. Schön wäre es, nur abgeschlossene Serien zuzulassen, wie etwa Robert Jordans "Wheel of Time", welches vor einigen Jahren aufgrund einer Lücke in den Statuten als Roman nominiert war. Und darf eine Serie wieder und wieder nominiert werden?

Von den sechs Finalisten waren mir nur vier geläufig, nur die "Rivers of London" habe ich mitnominiert. Mein zweiter Vorschlag, die bisher dreibändige Fantasy-Reihe "Wall of Night" von Helen Lowe, fand keine Berücksichtigung. Inzwischen habe ich mich in vertretbarem Maß kundig gemacht. Hier meine Rangfolge:

(6) The Craft Sequence, by Max Gladstone

Die bisher fünf Bände dieser Fantasy-Reihe sind günstig für den Kindle erhältlich, waren aber auch Teil des Voters Package. Ich habe allerdings nach etwa 50 Seiten aufgegeben. Gladstone entwirft eine komplexe Welt mit eindimensionalen Figuren, für die ich einfach kein Interesse entwickeln konnte.

(5) The Expanse, by James S.A. Corey

Von dieser bisher sechsteiligen SF-Serie hatte ich vor Jahren den ersten Band gelesen, der zwar eine anregende Zukunft präsentiert, mich dramaturgisch aber auch nicht überzeugen konnte. Die erste Staffel der Fernsehserie (bei Netflix streambar) fand ich etwas besser.

(No Award)

(4) The October Daye Books, by Seanan McGuire

Seanan McGuire ist dieses Jahr in einer anderen Kategorie mein Favorit. Ihre Newsfeed-Reihe (als Mira Grant) hatte mich nicht vom Hocker gerissen, aber die Abenteuer der Halb-Fae October "Toby" Daye scheinen Potential zu haben. Alle zehn Romane und etliche Kurzgeschichten waren Teil des Voters Package, zu mehr als dem Erstling bin ich bisher noch nicht gekommen. Seit Potter und Twilight gibt es Urban Fantasy inzwischen in Massenproduktion, aber diese scheint lesenswert zu sein.

(3) The Temeraire series, by Naomi Novik

Naomi Noviks Märchen Uprooted war im letzten Jahr mein Favorit bei den Romanen. Von ihrer mit neun Bänden nun abgeschlossenen Fantasy um den Drachen Temeraire hatte ich immerhin sechs Bände (noch in Papierform!) gelesen, bevor ich wie offenbar die Autorin die Lust verlor. Trotzdem ist diese Alternativwelt der um eine Drachenluftwaffe erweiterten Napoleonischen Kriege ein erstaunliches Konstrukt, und Temeraire und sein Reiter Laurence sind unvergessliche Figuren.

(2) The Peter Grant / Rivers of London series, by Ben Aaronovitch

Gerade lese ich mit ungemindertem Vergnügen den sechsten Band dieser Urban Fantasy, die trotz offensichtlicher Parallelen ihre Qualität gerade in den Unterschieden zu Jim Butchers "Dresden Files" zeigt. Hier wie dort steht die Entwicklung eines jungen Magiers im Mittelpunkt, hier wie dort wird die Handlungsstadt (Chicago bzw. London) zu einem wesentlichen Charakter. Aber während Harry Dresden trotz seines Day Jobs als Privatdetektiv fest in der magischen Welt verhaftet ist, steht PC (Police Constable) Peter Grant  mit beiden Polizeistiefeln fest auf dem Boden des 21. Jahrhunderts. Gerade die Passagen, in denen er sich gewitzt durch die Wirrnisse der Polizeibürokratie manövriert, sind satirische Highlights (und lange nicht so übertrieben und selbstgefällig wie in den Laundry-Erzählungen von Charles Stross).

Aaronovitch, Jahrgang 1964, war in seiner ersten Karriere als Drehbuchautor u.a. für Doctor Who tätig. Seinen Romanen merkt man die Liebe zu seinem Heimatort an - zur Architektur, zu den Bewohnern, aber vor allem zur Multikulti-Gesellschaft, zu der auch Grant selbst einen Beitrag leistet: Seine Mutter stammt aus Sierra Leone, sein Vater, noch exotischer, ist ein weisser Jazz-Musiker. Grant ist übrigens trotz wachsender Fähigkeiten immer noch der kleine Azubi seines Chefs Nightingale, seines Zeichens Leiters der "Folly", einer inoffiziellen Abteilung der Londoner Polizei, die sich mit übernatürlichen Fällen beschäftigt (und nebenbei auf Sir Isaac Newton zurückgeht). Er ist ein Ausbilder der altmodischen Art, der noch regelmäßig die Eltern seines Lehrlings über dessen Fortschritte informiert. Grund mag sein, dass er im 19. Jahrhundert geboren wurde. Trotzdem sollte man den Veteranen nicht unterschätzen, der es im Zweiten Weltkrieg, wie es die Anekdote will, mal allein mit einem Tigerpärchen aufgenommen hatte (nicht die putzigen Raubkatzen, sondern deutschen Kampfpanzer). Er rekrutierte Peter für die Folly, als dieser versehentlich ein Gespenst als Zeugen eines Verbrechens angab.

Die Flüsse von London, nach der die Reihe benannt ist, schlängeln sich tatsächlich durch die komplette Handlung, personifiziert von mehr oder minder mächtigen Flussgöttinnen, von denen eine (nun gut, mehr eine Bachgöttin: Beverly Brook) sogar in Herz und Bett unseres jungen Helden geplätschert ist. Es sind jedenfalls liebevoll gezeichnete Figuren, mit denen ich gern Zeit verbringe (momentan etwa Grants Hidschab-tragende Kollegin Guleed, die "Muslim Ninja"). Dass Aaronovitch nicht die atemlose Spannung der Dresden Files aufbaut, sehe ich eher als erholsam an. Spannungsmomente gibt es trotzdem, nur eben punktuell, etwa wenn das Team auf den dunklen, (bisher) gesichtslosen Magier "Mr. Punch" trifft, der seine Kräfte offenbar vor allem zur Befriedigung seiner sadistischen Gelüste entwickelt hat. Ansonsten ist es einfach herrlich, Grant bei der Entwicklung seiner unkonventionellen Zauberformeln und der gleichzeitigen wissenschaftlichen Untersuchung derselben zu folgen: Praktizierte Magie zerstört z.B. elektronische Geräte in der Umgebung, etwa Mobiltelefone. Aber diese Zerstörung genügt dem Entfernungsgesetz 1/r², was Peter durch Experimentieren bestätigen kann.

(1) The Vorkosigan Saga, by Lois McMaster Bujold

Ich hatte gar nicht gewagt, diese Serie zu nominieren, genauso wenig wie den nominierungsrelevanten siebzehnten (17!) Band der Reihe, "Gentleman Jole and the Red Queen". Bujold hat bereits mehr als genug Hugos gewonnen, aber wenn diese meine Lieblingsserie nun zur Auswahl steht, kann ich nicht anders als auch für sie stimmen.

Die "Rote Königin" ist natürlich Cordelia, inzwischen Dowager Countess Vorkosigan und Vice Reine von Sergyar, des Planeten, auf dem sie in "Shards of Honor" ihren "Klingonen" Aral kennengelernt hatte. Mit kaum 70 Jahren hat sie nach Beta-Standards noch rüstige Jahrzehnte vor sich. Im Roman geht es um ihre Beziehung zu Admiral Jole, mit dem sie und Aral zu seinen Lebzeiten eine Dreiecksbeziehung gelebt hatten. Finden die beiden einsam Hinterbliebenen zueinander? Zweites Thema ist eine schwindelerregende Anzahl von möglichen Kindern, die dank moderner Fortpflanzungstechnologie  "ausgebrütet" werden könnten...

Samstag, 1. Juli 2017

Die Hugo-Finalisten 2017: Romane

Den großen Wurf gab es dieses Jahr nicht. Frauen und Fantasy dominieren mehr und mehr. Hier meine Rangliste:

(6) Too Like the Lightning, by Ada Palmer

Ada Palmer ist keine Schriftstellerin, sondern Historikerin, und ihr Debut "Too Like the Lightning" ist kein Roman, sondern der erste Teil eines Traktats. Sie konstruiert die unwahrscheinliche Weltordnung einer entfernten Zukunft, in der es zwar Umfragen und Wahlen gibt, aber hinter den Kulissen wirken einflussreiche Lenker der Geschicke, die historischen Figuren nachempfunden sind: Könige, Päpste, Philosophen. In der undurchdringlichen Prosa verbergen sich gelegentlich interessante Ideen, so etwa die Ablösung organisierter Religionen (die streng verboten sind) durch private Therapiesitzungen zur Erörterung spiritueller Fragen. Lesbar oder gar lesenswert ist das trotzdem nicht. Bis zum Schluss tauchen immer wieder neue wichtige Figuren auf, aber keine davon hat etwas mit realen Menschen gemein. Wenig hilfreich ist auch die Genderverwirrung (hier im Englischen mit der dritten Person Plural - "they" umschrieben). Selten habe ich mich derart über ein Buch geärgert (Ada Palmer ist in diesem Jahr als Neuling auch für den Campbell nominiert).

(5) Ninefox Gambit, by Yoon Ha Lee

 Yoon Ha Lee ist ein Korea-stämmiger Texaner. Der Mathematiker publiziert seit fast 20 Jahren Kurzgeschichten, dies ist sein erster Roman. Soweit ich verstanden habe, werden in einer fernen Zukunft Schlachten durch die Manipulation geometrischer Figuren gewonnen. Hurrah, endlich hat unsere abstrakte Kunst mal einen realen Nutzen! Leider ist das Result immer noch das gleiche - Menschen leiden und sterben. Im Zentrum der verworrenen Geschichte stehen durchaus interessante Figuren, aber lohnt sich dafür die Lesearbeit? Kompliziert ist nicht gleich literarisch.

(4) Death’s End, by Cixin Liu, translated by Ken Liu

Siehe meine ausführliche Kritik: Nicht preiswürdig

 (No Award)

(3) A Closed and Common Orbit, by Becky Chambers

 Enid Blyton im Weltall. So könnte man polemisch den zweiten Roman der jungen Kalifornierin Becky Chambers beschreiben. Der Vorgänger, "The Long Way to a Small, Angry Planet", war eine Art Firefly ohne Konflikte (selbst die Raumpiraten waren höflich und zuvorkommend), aber diese Geschichte einer sich findenden künstlichen Intelligenz hat etwas mehr Substanz. Erzählt wird in abwechselnden Kapiteln die "Jugend" der A.I. Sidra in ihrem neuen, fremden Androidenkörper, und der entflohenen Klonsklavin Jane, die von einer Schiffs-A.I. erzogen wird. Aufgrund der einfachen Sprache und übersichtlich konstruierten Geschichte ist der Roman eher für Jugendliche geeignet, beschäftigt sich aber durchaus mit aktuellen Themen wie Geschlechteridentität. Tatsächlich kann man Sidras Fremdeln mit ihrem Körper sowohl mit den Erscheinungen der Pubertät allgemein als auch mit dem Leidensweg von Transsexuellen vergleichen. Sidra hat nämlich vorher ein komplettes Raumschiff gesteuert, und die Autorin schildert sehr überzeugend den Übergang zum Androidenkörper, der noch nicht einmal eine Rückkamera hat...

(2) All the Birds in the Sky, by Charlie Jane Anders

Das Time Magazine zählte den ersten Roman der Hugo-Preisträgerin Charlie Jane Anders (beste Novelette 2012) zu den zehn Top-Romanen 2016, unabhängig vom Genre. "All the Birds in the Sky" ist eine Mischung aus SF-und Fantasy, sollte aber eher als Fabel oder Parabel gesehen werden, in der die Fantasy-Elemente für Naturverbundenheit und die SF-Elemente für Technologie stehen. Im Zentrum steht die Freundschaft der "Hexe" Patricia und des Tech-Wizards Laurence. Es ist eine wilde Geschichte mit etlichen tonalen Sprüngen, die als Jugendromanze beginnt und etwas verquer mit der Verhinderung der Apokalypse endet. Trotzdem ist das Buch spannend und unterhaltsam, wenngleich vielleicht etwas überschätzt. Es gewann bereits den Nebula und ist wohl auch der Hugo-Favorit des Jahres.

(1) The Obelisk Gate, by N. K. Jemisin

Der Vorgänger war  letztes Jahr nicht mein Favorit. In der Fortsetzung sind naturgemäß die Anfangsschwierigkeiten verschwunden. Die Erzählstruktur hat sich vereinfacht, es wird nur noch im Wechsel aus der Sicht von Essun und ihrer Tochter erzählt. Es wird sogar erklärt, warum die Essun-Kapitel in der zweiten Person stehen: Es gibt einen bisher verborgenen Ich-Erzähler, der nun gelegentlich seinen Schleier lüftet. Ansonsten erzählt Jemisin fesselnd und mit großer Empathie für ihre Figuren und rechtfertigt nachträglich den eher politisch motivierten Gewinn des letzten Jahres (als "erste schwarze Autorin" etc.) Den Abschlussband habe ich bereits vorbestellt, ich bin sehr gespannt!