Raymond Chandler trifft auf die X-Men: So könnte man vereinfacht diese erstaunliche Trilogie des in Utah lebenden Mittdreißigers Larry Correia beschreiben, auf die ich erst im Rahmen dieser Hugo-Nominierung gestoßen bin. Sie spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, aber es liegt ihr ein alternativer Geschichtsverlauf zugrunde: Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden immer mehr Menschen mit besonderen Fähigkeiten geboren. Sie können auf natürliche Weise eine geheimnisvolle Kraftquelle anzapfen, die scheinbar magische Eigenschaften hat. Sowohl die Stärke als auch die Ausprägung dieser Fähigkeiten variiert mit den betroffenen Individuen. Da gibt es klassische Mutantenfähigkeiten (Telekinese, Teleportation, Telepathie, Heilkräfte), die Manipulation von physikalischen Gegebenheiten (Feuer, Eis, Masse), aber auch die mit Urängsten verbundenen Fähigkeiten, Tiere fernzusteuern, Dämonen aus
einer anderen Dimension heraufzubeschwören oder gar Tote zum
(Zombie-)Leben zurückzurufen.
Eine besondere Rolle spielen die sogenannten Cogs, meist ohnehin Genies, deren rationale Fähigkeiten unvorstellbar geseteigert werden. Und so hat sich auch die menschliche Technologie in andere Richtungen entwickelt. Die Erfindungen von Einstein, Edison und Tesla (!) prägen eine deutlich abweichende Wissenschaftswelt. Die Luftfahrt wird von zeppelinartigen Luftschiffen dominiert, und die Atombombe ist nicht einmal die schrecklichste bisher erfundene Waffe. Im dritten Band spielt der Cog Buckminster Fuller eine entscheidende Rolle, uns als Architekt, Erbauer geodätischer Kuppeln und Namensgeber für die Fullerene bekannt.
Vor diesem Hintergrund hat der Erste Weltkrieg zwar einen ähnlichen Verlauf wie in unserer Geschichte genommen, seine Schrecken haben aber durch das Aufeinanderprallen der Mutanten eine besondere Dimension gewonnen. So liegt Berlin in Schutt und Asche und dient, von einer hohen Mauer umgeben, nun als Ghetto für die von Kaiser Wilhelms Magiern freigesetzten Zombies. Als Gewinnermächte stehen sich weltpolitisch nun die Amerikaner und ein übermächtiges japanisches Reich gegenüber.
Als Gegengewicht zum zentral von einem scheinbar unbesiegbaren Supermutanten gesteuerten Japan mit seinen Elitetruppen, der mit übermenschlichen Kräften operierenden eisernen Garde und teleportierenden Ninjas, hat sich in den USA und anderen alliierten Ländern die Gesellschaft der "Grimnoir" etabliert, eine Art Freimaurer-Organisation der Mutanten. Sie stemmen sich meist im Verborgenen gegen die japanische Bedrohung und müssen gleichzeitig gegen die Vorurteile und Beschwichtigungspolitik des amerikanischen Establishments ankämpfen, deren Schlüsselfiguren J. Edgar Hoover und Franklin D. Roosevelt die wahre Bedrohung nicht erkennen wollen. Je mehr man jedoch über die Herkunft der geheimnisvollen Kräfte erfährt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Ich beschreibe diesen Hintergrund der Trilogie deswegen so im Detail, weil die fabelhafte Ausarbeitung dieser alternativen Realität die wesentliche Qualität der Romane ausmacht. Daneben sind aber auch einige durchaus überzeugende Charakterzeichnungen zu nennen. Insbesondere die komplexen Hauptfiguren sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Dabei entspricht Gravitationsmanipulator, Weltkriegsveteran und Privatdetektiv Jake Sullivan am ehesten einer Chandler-Figur, während die junge, hochbegabte Teleporterin Faye moderner, fast emanzipatorisch wirkt. Auch einige der Nebenfiguren beruhen übrigens auf historischen Persönlichkeiten, so etwa der (nun telepathische) General Pershing als Anführer der amerikanischen Grimnoir und sein Stellvertreter John Browning, der als Cog noch ausgefuchstere Waffen herstellt als sein ohnehin schon berühmtes Vorbild. Wie oft in mehrteiligen Erzählungen sind gerade die im zweiten Band eingeführten Figuren schwächer. Mit diesen reinen Handlungsträgern hat der Leser eine geringere emotionale Bindung. Mit dem aus der Iron Guard desertierten Toru gibt es dann aber doch noch eine interessante neuere Figur.
Während Correias Helden teilweise aus der Schwarzen Serie stammen könnten, ist die Handlung sehr von (ungemein spannenden) Actionszenen bestimmt. Zu Beginn möchte man die Romane der Urban Fantasy zuordnen, aber mit der Zeit stellt sich heraus, daß es sich tatsächlich um waschechte Science Fiction handelt, und solche gut durchdachten Szenarien findet man nur selten. Besonders bezogen auf seine Vorgängerromane wird Correias Waffenfetischismus kritisiert. In dieser Trilogie fand ich diesen Aspekt nicht störend. Es gibt viele Kampfhandlungen, bei denen (neben den Mutantenkräften) eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen zum Einsatz kommen, und die Detailliertheit der Beschreibungen fand ich durchaus angemessen. Insgesamt betrachte ich die Reihe als intelligente, spannende Unterhaltung auf hohem Niveau. Für die Hugos wäre es vielleicht geschickter gewesen, die komplette Trilogie und nicht nur den Abschlußband zu nominieren. So oder so halte ich diese Überraschung in der Kategorie Roman für einen würdigen Beitrag.
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 29. Juni 2014
Samstag, 21. Juni 2014
Die Hugo-nominierten "Noveletten"
Die Form der "Novelette" ist eine künstlich zwischen Kurzgeschichte und Novelle eingeschobene Kategorie von Erzählungen mit 7.500 bis 17.500 Wörtern. Ich würde sie eher den Kurzgeschichten zuordnen, auch wenn bei dieser Länge mehr Raum für verschiedene Handlungsebenen und die Figurenentwicklung bleibt.
Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:
5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day
Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.
“The Exchange Officers”, Brad Torgersen
Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.
“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard
Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.
“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa
Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).
“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang
Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...
Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:
5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day
Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.
“The Exchange Officers”, Brad Torgersen
Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.
“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard
Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.
“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa
Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).
“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang
Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...
Einzigartiges Erlebnis: Boyhood (8/10)
Dieses einzigartige Projekt haben viele Kritiker bejubelt, aber nur wenige Zuschauer gesehen. Über zwölf Jahre mit den gleichen Hauptdarstellern gedreht, schildert Boyhood die Kindheit und Jugend des zu Beginn etwa 6jährigen Mason (Ellar Coltrane). Es ist zwar eine überdurchschnittlich wechselhafte, aber durchaus vertraute Familiengeschichte.. Die Mutter (Patricia Arquette) fällt reihenweise auf die falschen Männer rein, der Vater (Ethan Hawke) bleibt ein entfernter Wochenendbezug, und man zieht von einer Kleinstadt nach Houston, dann wieder in eine texanische Kleinstadt. Neben Mason sieht man auch seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater, Tochter des Regisseurs) die Pubertät durchlaufen. Die episodische Erzählstruktur bringt Vorteile: Wenn eine Szene peinlich oder banal zu werden droht, wird einfach weitergeblendet. So ergeben viele bekannte Puzzleteile doch ein neues Ganzes. Und nebenbei erkennt man, daß die Makeup- und Computertricks der üblichen Hollywood-Produktionen nicht mithalten können mit den Veränderungen, die zwölf reale Jahre vor allem bei den jungen Darstellern bewirken.
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
Montag, 9. Juni 2014
Die X-Men sind zurück: Zukunft ist Vergangenheit (9/10)
Als 2011 in Erste Entscheidung die jüngeren Ausgaben der X-Men eingeführt wurden, um in den 60ern die Kubakrise aufzumischen, schien mir das Konzept noch recht bemüht, und trotz guter Darsteller wie Michael Fassbender als junger Magneto fand ich das Ergebnis nur mittelmäßig. In Zukunft ist Vergangenheit treffen nun die Generationen aufeinander, und plötzlich klickt die Verbindung. Vielleicht ist das Gelingen auch auf die Rückkehr von Hugh Jackmans Wolverine zurückzuführen, der als nicht alternder "Unsterblicher" in beiden Zeitebenen agieren kann und sich bereits in der Ursprungstrilogie zur Identifikationsfigur des Zuschauers entwickelt hatte.
Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.
Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.
Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.
Herausragend (9/10)!
Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.
Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.
Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.
Herausragend (9/10)!
Gelungener SF-Actioner: Edge of Tomorrow (8/10)
Tom Cruise war mal ein Garant für unterhaltsame Actionfilme, aber zu viele Flops wie Oblivion, Jack Reacher oder gar Knight and Day haben dieses Image in den letzten Jahren doch ziemlich geschwächt. So ist es schade, aber nicht überraschend, daß kaum jemand es merkt, wenn er wieder zu alter Form zurückfindet. Edge of Tomorrow ist spannend, clever und überaus amüsant. Cruise ist überzeugend und findet den richtigen Grad an Selbstironie in der Rolle des ängstlichen PR-Soldaten, der plötzlich selbst an die Front gerät und (natürlich) zuletzt in die Heldenrolle hineinwächst. Der an Computerspiele erinnernde Kniff, nach dem er bei jedem Tod wieder zum selben (gespeicherten) Zeitpunkt zurückkehrt und seine Erfahrung zur Verbesserung des nächsten Durchgangs nutzen kann, ist intelligent in die Handlung integriert und technisch brillant inszeniert. Wichtig für den Sehgenuß: Die innere Logik dieses futuristischen Films über den Kampf gegen eine Alien-Invasion bleibt intakt.
Und dann kann Bourne-Regisseur Doug Liman in dieser Verfilmung eines Graphic Novel noch mit einer besonderen Geheimwaffe aufwarten: Emily Blunt ist jenes seltene Pflänzlein, eine englische Rose, die schauspielern kann, eine Schönheit, die hier als Elitesoldatin eindrucksvolle (hoffentlich nur getrickste) Muskelpakete zur Schau stellt. Seit ihrem Durchbruch als magersüchtige Assistentin von Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada hat die 31jährige eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt, ob sie nun Tom Hanks in Der Krieg des Charlie Wilson mit ihren Kurven verführt oder in Young Victoria die zugeknöpfte junge Königin spielt. In ihrem ersten SF-Spektakel, dem überschätzten Looper mit Bruce Willis, wirkte sie noch unterfordert, aber in Edge of Tomorrow überzeugt sie auf ganzer Linie.
Sehr gut (8/10)!
Und dann kann Bourne-Regisseur Doug Liman in dieser Verfilmung eines Graphic Novel noch mit einer besonderen Geheimwaffe aufwarten: Emily Blunt ist jenes seltene Pflänzlein, eine englische Rose, die schauspielern kann, eine Schönheit, die hier als Elitesoldatin eindrucksvolle (hoffentlich nur getrickste) Muskelpakete zur Schau stellt. Seit ihrem Durchbruch als magersüchtige Assistentin von Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada hat die 31jährige eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt, ob sie nun Tom Hanks in Der Krieg des Charlie Wilson mit ihren Kurven verführt oder in Young Victoria die zugeknöpfte junge Königin spielt. In ihrem ersten SF-Spektakel, dem überschätzten Looper mit Bruce Willis, wirkte sie noch unterfordert, aber in Edge of Tomorrow überzeugt sie auf ganzer Linie.
Sehr gut (8/10)!
Sonntag, 1. Juni 2014
Die Hugo-nominierten Kurzgeschichten
Kurzgeschichten sind nicht so mein Ding. Vielleicht liegt es daran, daß ich mehr an Charakteren als an Ideen interessiert bin, und mich zudem eher klassische als experimentelle Erzählformen ansprechen. Wie auch immer, abgesehen von einigen Meistern (Sturgeon, Dick, Böll, LeGuin) lese ich Kurzgeschichten nur sporadisch und tue mich daher ein wenig schwer, diese Kategorie zu beurteilen.
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
Sonntag, 25. Mai 2014
Heiteres Chaos: Beziehungsweise New York (8/10)
Schon der Vorspann bestimmt den Ton für diese französische Komödie von Cédric Klapisch, mit dem unnötig eingedeutschten Titel Beziehungsweise New York (im Original Casse-tête chinois = Chinesisches Puzzle). Verspielt und von heiterer Musik untermalt werden Puzzle-Teile verschoben, bis sie den Blick auf die Hauptbeteiligten freigeben. Da sind sie wieder: Xavier der chaotisch-romantische Schriftsteller, seine französische Ex Martine, seine große Liebe Wendy und seine lesbische Kumpanin Isabelle. Diese vier Figuren sind übriggeblieben aus dem europäischen Schmelztiegel der Auberge Espagnole in Barcelona (2002) und der Hochzeit mit Hindernissen von Wendys Bruder William in St. Petersburg (2005). Diesmal treffen sie sich im Big Apple: in Chinatown, in Brooklyn, am Central Park. Sie sind mit ihren Darstellern (Romain Duris, Audrey Tautou, Kelly Reilly, Cécile de France) älter geworden, und vielleicht ein wenig klüger? Inzwischen gibt es eine nächste Generation. Xavier und Wendy haben zwei Kinder, genau wie Martine, und dann ist noch ein Patchwork-Baby von Isabelle geplant, das sie mit ihrer Freundin Ju (Sandrine Holt) aufziehen möchte.
Xavier beschreibt in diesen Filmen den Roman seines Lebens, vielleicht romantisch geglättet und mit glücklichen Fügungen, die man so nur erfinden kann, und spielt ein wenig mit der Chronologie. Diesmal springt die Erzählung in der ersten Hälfte leichtfüßig zwischen den Ereignissen in NY und der Vorgeschichte hin und her, um dann für das Finale in Richtung (vorläufiges) Happy End ein wenig konventionell zu geraten. Aber man verbringt gern zwei Stunden mit diesen sympathisch-verrückten Personen, schmunzelt über ihre Verfehlungen (auch wenn Isabelle einmal zu heftig in die Macho-Rolle gedrängt wird) und darf auch mal laut lachen, etwa wenn Martine in einer herrlich überzogenen Präsentation für Bio-Tee ihr Mandarin zur Geltung bringt.
Wie bei den Vorgängern entfaltet sich der Spaß nur in der Originalfassung richtig, wenn Wendy und Xavier mit Englisch und Französisch jonglieren und zwischendurch ein wenig Spanisch einwerfen - das Jahr in Barcelona hat sie in dieser Hinsicht für alle Eventualitäten vorbereitet. Und wenn sich auch viele Szenen aus Klischees speisen, so sind es doch selten gezeigte Klischees (ganz im Gegensatz zu Julie Delpys misslungenem 2 Tage New York vom vorletzten Jahr) Die leichte jugendliche Überladung des ersten Films weicht hier einer willkommenen Konzentration auf die Lebensmitte, ohne altersweise wirken zu wollen. Oder einfacher ausgedrückt: Auch mit 40 kann man noch Spaß haben! Sehr gut (8/10).
Xavier beschreibt in diesen Filmen den Roman seines Lebens, vielleicht romantisch geglättet und mit glücklichen Fügungen, die man so nur erfinden kann, und spielt ein wenig mit der Chronologie. Diesmal springt die Erzählung in der ersten Hälfte leichtfüßig zwischen den Ereignissen in NY und der Vorgeschichte hin und her, um dann für das Finale in Richtung (vorläufiges) Happy End ein wenig konventionell zu geraten. Aber man verbringt gern zwei Stunden mit diesen sympathisch-verrückten Personen, schmunzelt über ihre Verfehlungen (auch wenn Isabelle einmal zu heftig in die Macho-Rolle gedrängt wird) und darf auch mal laut lachen, etwa wenn Martine in einer herrlich überzogenen Präsentation für Bio-Tee ihr Mandarin zur Geltung bringt.
Wie bei den Vorgängern entfaltet sich der Spaß nur in der Originalfassung richtig, wenn Wendy und Xavier mit Englisch und Französisch jonglieren und zwischendurch ein wenig Spanisch einwerfen - das Jahr in Barcelona hat sie in dieser Hinsicht für alle Eventualitäten vorbereitet. Und wenn sich auch viele Szenen aus Klischees speisen, so sind es doch selten gezeigte Klischees (ganz im Gegensatz zu Julie Delpys misslungenem 2 Tage New York vom vorletzten Jahr) Die leichte jugendliche Überladung des ersten Films weicht hier einer willkommenen Konzentration auf die Lebensmitte, ohne altersweise wirken zu wollen. Oder einfacher ausgedrückt: Auch mit 40 kann man noch Spaß haben! Sehr gut (8/10).
Sonntag, 18. Mai 2014
Zwiespältig: Jason Reitmans "Labor Day" (6/10)
Der erst 36jährige Jason Reitman (Sohn des Ghostbusters-Regisseurs Ivan) hatte bisher ein gutes Händchen bei der Auswahl seiner Projekte. Herausragend dabei die Verfilmung des Diablo-Cody-Drehbuchs Juno und seiner eigenen Adaption des Romans Up in the Air, mit denen er sich einen Namen als Experte für intelligente Komödien machte. Es ist durchaus verständlich, wenn er sich nun auch an anderen Stoffen versuchen möchte. Vorgänger Young Adult mit Charlize Theron war mit seinen tragikomischen Untertönen manchmal schon schwer zu ertragen. Aber mit der Adaption des 2009 erschienenen Romans von Joyce Maynard als seinem fünften Film kehrt er nun seinen erprobten Fähigkeiten wohl zu früh den Rücken. Reitman schafft zwar eine spannende Atmosphäre mit einigen schönen Szenen und schauspielerischen Glanzpunkten, die Zutaten mischen sich aber nicht zu einem befriedigenden Ganzen.
Labor Day spielt, bis auf einige Rückblenden und einen Epilog, am Labor-Day-Wochenende 1987, beschwört aber eher Rollenbilder der 60er herauf. Der entflohener Sträfling Frank (sympathisch: Josh Brolin, Hauptdarsteller aus No Country for Old Men) versteckt sich bei einer geschiedenen, psychisch labilen Mutter Adele (kompetent wie immer: Kate Winslet) und ihrem 13jährigen Sohn Henry und wächst binnen Tagen in die Rolle des Ehemanns und Vaters. Tobey Maguire liefert die Erzählstimme des älteren Henry, der auf dieses Schlüsselerlebnis seiner Jugend zurückblickt. Vielleicht wird in der Vorlage deutlich, ob diese Perspektive verklärt oder anderweitig verzerrt ist. Durch den Blickwinkel des Vorpubertierenden wird den Szenen zwischen Frank und Adele jdenfalls jegliche Erotik entzogen, und Henrys Gefühlswelt bleibt rätselhaft, besonders in seiner Begegnung mit der gleichaltrigen Eleanor. Diese wirkt in einer Mischung aus Zynismus und Verführung so bizarr, daß ich lange die These verfolgte, sie existiere nur in Henrys Vorstellung.
Im Ergebnis hat mich Labor Day über seine 111 Minuten zwar gefesselt, aber doch mehr und mehr verwirrt, um schließlich einen recht merkwürdigen Nachgeschmack zu hinterlassen. Ordentlich (6/10).
Labor Day spielt, bis auf einige Rückblenden und einen Epilog, am Labor-Day-Wochenende 1987, beschwört aber eher Rollenbilder der 60er herauf. Der entflohener Sträfling Frank (sympathisch: Josh Brolin, Hauptdarsteller aus No Country for Old Men) versteckt sich bei einer geschiedenen, psychisch labilen Mutter Adele (kompetent wie immer: Kate Winslet) und ihrem 13jährigen Sohn Henry und wächst binnen Tagen in die Rolle des Ehemanns und Vaters. Tobey Maguire liefert die Erzählstimme des älteren Henry, der auf dieses Schlüsselerlebnis seiner Jugend zurückblickt. Vielleicht wird in der Vorlage deutlich, ob diese Perspektive verklärt oder anderweitig verzerrt ist. Durch den Blickwinkel des Vorpubertierenden wird den Szenen zwischen Frank und Adele jdenfalls jegliche Erotik entzogen, und Henrys Gefühlswelt bleibt rätselhaft, besonders in seiner Begegnung mit der gleichaltrigen Eleanor. Diese wirkt in einer Mischung aus Zynismus und Verführung so bizarr, daß ich lange die These verfolgte, sie existiere nur in Henrys Vorstellung.
Im Ergebnis hat mich Labor Day über seine 111 Minuten zwar gefesselt, aber doch mehr und mehr verwirrt, um schließlich einen recht merkwürdigen Nachgeschmack zu hinterlassen. Ordentlich (6/10).
Sonntag, 11. Mai 2014
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Dramatische Präsentation, Kurzform)
Während der ersten Jahren nach der Aufteilung der Kategorie ab 2003 präsentierte sich die Kurzform zunächst als spannendes Feld, mit Nominierungen u.a. aus den Whedeon-Shows Buffy, Angel und Firefly. Erste Gewinner waren eine Episode aus der letzten Buffy-Staffel, Gollums Preisrede bei den MTV-Awards (ok, welcome to Nerdtown) und die Premiere der großartigen ersten Staffel von Battlestar Galactica. Leider entwickelte sich die Kategorie ab 2006 dann zunehmend zur Lachnummer. Sechsmal gewannen Dr.-Who-Folgen, durchbrochen nur durch den (fragwürdigen) Preis für Joss Whedons amüsantes Internet-Musical Dr. Horrible's Sing-Along Blog. Insgesamt gab es seitdem über 20 Nominierungen aus dem Reboot einer BBC-Kinderserie aus den 60ern, bevor letztes Jahr dieser Lauf durch den Höhepunkt der zweiten Staffel von "Game of Thrones" (Blackwater) gebrochen wurde. Nur wenige Folgen der weitaus komplexeren Shows Galactica, Lost, Dollhouse und zuletzt Fringe schafften es überhaupt in die Auswahl.
Tatsächlich gibt es momentan einen Mangel an preiswürdigen Genre-Shows. Die genannten Highlights haben bisher noch keine ebenbürtigen Genre-Nachfolger gefunden, abgesehen von der alles überragenden Fantasyserie Game of Thrones. Ich könnte ein paar unterhaltsame Fantasy-Shows nennen, unter ihnen die (trotz offenbarer Vorliebe für Whedon-Shows nicht nominierten) Agents of Shield, Grimm, Arrow (obwohl die zweite Staffel immer mehr überdreht) und sogar, trotz des religiösen Unsinns, Sleepy Hollow. Gute Science Fiction aber fehlt völlig, da gibt es nur Rohrkrepierer wie Continuum, Under The Dome und Almost Human sowie indiskutable Teenie-Seifenopern unter dem SF-Deckmantel (Star-Crossed). Daher habe ich auf eigene Nominierungen verzichtet. Herausgekommen ist folgendes (selbst die Moderatoren konnten sich bei der Bekanntgabe ein Schmunzeln nicht verkneifen):
Tatsächlich gibt es momentan einen Mangel an preiswürdigen Genre-Shows. Die genannten Highlights haben bisher noch keine ebenbürtigen Genre-Nachfolger gefunden, abgesehen von der alles überragenden Fantasyserie Game of Thrones. Ich könnte ein paar unterhaltsame Fantasy-Shows nennen, unter ihnen die (trotz offenbarer Vorliebe für Whedon-Shows nicht nominierten) Agents of Shield, Grimm, Arrow (obwohl die zweite Staffel immer mehr überdreht) und sogar, trotz des religiösen Unsinns, Sleepy Hollow. Gute Science Fiction aber fehlt völlig, da gibt es nur Rohrkrepierer wie Continuum, Under The Dome und Almost Human sowie indiskutable Teenie-Seifenopern unter dem SF-Deckmantel (Star-Crossed). Daher habe ich auf eigene Nominierungen verzichtet. Herausgekommen ist folgendes (selbst die Moderatoren konnten sich bei der Bekanntgabe ein Schmunzeln nicht verkneifen):
- An Adventure in Space and Time, written by Mark Gatiss, directed by Terry McDonough (BBC Television)
- Doctor Who: “The Day of the Doctor”, written by Steven Moffat, directed by Nick Hurran (BBC Television)
- Doctor Who: “The Name of the Doctor”, written by Steven Moffat, directed by Saul Metzstein (BBC Televison)
- The Five(ish) Doctors Reboot, written & directed by Peter Davison (BBC Television)
- Game of Thrones: “The Rains of Castamere”, written by David Benioff & D.B. Weiss, directed by David Nutter (HBO Entertainment in association with Bighead, Littlehead; Television 360; Startling Television and Generator Productions)
- Orphan Black: “Variations under Domestication” written by Will Pascoe, directed by John Fawcett (Temple Street Productions; Space/BBC America)
Zwiespältiger Kritikerliebling: die kanadische TV-Serie Orphan Black
Orphan Black ist eine spät zum Kritikerliebling gewordene Serie von BBC Kanada, die gerade auch in Deutschland angelaufen ist. Nachdem auch noch eine Folge für den Hugo nominiert wurde, habe ich mir die zehn Teile der ersten Staffel (à 45 Minuten) mal angeschaut (die zweite ist in Amerika bereits angelaufen). Das kanadische Fernsehen hat sicher eine Reihe unverbrauchter Schauplätze und Gesichter zu bieten, allerdings oft auch nur einen Bruchteil des Budgets der vergleichbaren US-amerikanischen Serien, mit für mich ein wenig zwiespältigen Ergebnissen. Mir scheint allerdings, daß gerade europäische Kritiker gern "anders" mit "besser" verwechseln. Wenn schon Toronto, hätte ich lieber noch weitere Staffeln der intelligenteren Heroes-Variante Alphas mit David Strathairn gesehen.
Im Mittelpunkt der hochgelobten SF-Serie steht die Kleinkriminielle Sarah Manning, eine junge Frau Ende Zwanzig mit mysteriöser Vergangenheit, die plötzlich in ein Netz von Intrigen gerät. Sie entdeckt, daß sie einer von mindestens neun genetisch identischen, gleichaltrigen (?) Clonen ist, alle übrigens bravourös, wenngleich nicht gerade mit subtiler Differenzierung gespielt von der bislang unbekannten Tatiana Maslany. Leider dient diese SF-Idee nur als Grundlage für eine zugegeben meist unterhaltsame Mischung aus Action, Thriller, Krimi und Sozialkomödie/-drama sowie einem Schuß Erotik/Romantik. Die wissenschaftlichen Aspekte werden nicht nur vernachlässigt, sondern sind teilweise eher lachhaft und wenig fundiert. Hinzu kommen bereits nach wenigen Folgen die inzwischen üblichen überraschenden Wendungen, die mehrfach die Geschichte auf den Kopf stellen und gähnende Logiklöcher erzeugen. Zudem ist mir nicht ganz klar, wie das ganze auf längere Sicht konsistent weitererzählt werden kann, ohne ins Lächerliche oder Abstruse abzugleiten. Bisher jedenfalls nicht übel, aber auch nichts Besonderes.
Im Mittelpunkt der hochgelobten SF-Serie steht die Kleinkriminielle Sarah Manning, eine junge Frau Ende Zwanzig mit mysteriöser Vergangenheit, die plötzlich in ein Netz von Intrigen gerät. Sie entdeckt, daß sie einer von mindestens neun genetisch identischen, gleichaltrigen (?) Clonen ist, alle übrigens bravourös, wenngleich nicht gerade mit subtiler Differenzierung gespielt von der bislang unbekannten Tatiana Maslany. Leider dient diese SF-Idee nur als Grundlage für eine zugegeben meist unterhaltsame Mischung aus Action, Thriller, Krimi und Sozialkomödie/-drama sowie einem Schuß Erotik/Romantik. Die wissenschaftlichen Aspekte werden nicht nur vernachlässigt, sondern sind teilweise eher lachhaft und wenig fundiert. Hinzu kommen bereits nach wenigen Folgen die inzwischen üblichen überraschenden Wendungen, die mehrfach die Geschichte auf den Kopf stellen und gähnende Logiklöcher erzeugen. Zudem ist mir nicht ganz klar, wie das ganze auf längere Sicht konsistent weitererzählt werden kann, ohne ins Lächerliche oder Abstruse abzugleiten. Bisher jedenfalls nicht übel, aber auch nichts Besonderes.
Sonntag, 4. Mai 2014
Klassiker auf Blu-ray #9: Good Morning Vietnam (Barry Levinson, 1987)
I see trees so green, red roses too
I see them bloom for me and you.
And I think to myself what a wonderful world.
I see skies so blue and clouds so white.
The bright blessed day, the dark sacred night.
And I think to myself what a wonderful world.
Während die unvergleichliche Stimme von Louis Armstrong fast zärtlich diese Liedzeilen intoniert, sieht man zunächst eine Idylle vietnamesische Dorfbewohner bei der Feldarbeit, die dann übergangslos (und ohne Klangeffekte) durch Bomben und Maschinengewehre in ein blutiges Chaos verwandelt wird. Man schreibt das Jahr 1965, und die "Polizeiaktion" in Südvietnam entpuppt sich als grausamer Krieg, bei dem abstrakte Ideologien aufeinanderstoßen und unzählige konkrete Menschen den Preis zahlen müssen.
Moderator Adrian Cronauer (Robin Williams) betrachtet sowohl seine militärische Hörerschaft als auch die vietnamesischen "Gastgeber" als Individuen. Es ist vielleicht eine naive Sichtweise, er ist der Idealist im Mikrokosmos der Radiostation in Saigon, wo nur zensierte Nachrichten verlesen werden, Nixon als unbefleckter Held gefeiert wird und Rock'n Roll des Teufels ist. Cronauers Nemesis ist Leutnant Steven Hauk (Bruno Kirby), der am liebsten Polkas auflegt und dessen sterilen "Readers Digest"-Witze im Vergleich mit Cronauers anarchischer, politisch nicht unbedingt korrekter Komik eher Mitleids- als Lachtränen verursachen. Und was können Polkas schon gegen James Brown, die Beach Boys und (im Geiste, da für den Soundtrack zu teuer) die Beatles ausrichten...
Good Morning Vietnam war ein seltenes perfektes Vehikel für Robin Williams, das Genie des improvisierten Monologs, der mit Wortspielen und Stimmimitationen scharfsinnige Beobachtungen des Weltgeschehen zu einer einzigartigen Komikmischung verbrämen konnte. Man sieht aber auch seine verletzliche Seite, spürt am Ende seine Enttäuschung und Frustration. Ihm zur Seite steht ein junger Forest "King of Scotland" Whitaker als enthusiastischer Assistent Edward Garlick ("als erstes müssen Sie mal Ihren Namen ändern, Herr Knoblauch"). Ein großes Lob auch an Regisseur Barry Levinson, der eine gute Balance zwischen Komik und Drama findet, Robin Williams laufen läßt wenn möglich und zügelt wenn notwendig. Das Drehbuch von Mitch Markowitz basiert zwar auf einer Episode aus dem Leben des Adrian Cronauer, nimmt sich aber so viele Freiheiten wie nötig.
Im Ergebnis ist diese sanfte Allegorie immer noch einer der besten Vietnamfilme, die Hollywood produziert hat. Schon 1987 war die Mischung von Komik und Kriegsgeschehen so umstritten, daß es nur eine einzige Oscar-Nominierung gab, immerhin für den Hauptdarsteller Robin Williams (gewonnen hat Michael Douglas für Wall Street). Die aus meiner Sicht besten Filme des Jahres schnitten bei den Oscars alle nicht besonders ab. Verstehen kann ich noch, daß der überragende Himmel über Berlin sich nicht bis zur amerikanischen Akademie durchgesprochen hatte, aber auch Rob Reiners erster Geniestreich, Die Braut des Prinzen, ging leer aus! Das dritte Meisterwerk des Jahres, John Boormans nostalgische Kindheitgeschichte aus dem bombenbelagerte London, Hoffnung und Ruhm, war immerhin nominiert. Gewonnen hat schließlich Bertoluccis mittelmäßiges, aufgeblähte Historienepos Der letzte Kaiser. Nun ja, Barry Levinson wurde im Folgejahr für Rain Man ausgezeichnet, während Robin Williams auf seinen Oscar noch zehn Jahre warten mußte (beste Nebenrolle für Good Will Hunting, 1997).
Herausragend (9/10)!
Sonntag, 27. April 2014
Hugo-nominiert: Ancillary Justice (Ann Leckie)
Ancillary Justice ist der erste Roman der Amerikanerin Ann Leckie, die zuvor nur Kurzgeschichten in verschiedenen SF-Magazinen veröffentlicht hatte. Er ist in diesem Jahr als einziges Werk dieser Kategorie sowohl für den Nebula (den Preis der amerikanischen SF- und Fantasy-Autoren) als auch den Hugo nominiert und geht somit ein wenig als Favorit ins Rennen.
Die Geschichte ist angesiedelt in einer Galaxis, die von mehreren hochtechnologisierten, systemumspannenden Zivilisationen geprägt ist. Ihre Raumschiffe beherrschen FTL und werden von künstlichen Intelligenzen gesteuert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Breq, eine geheimnisvolle Person, deren Herkunft in Rückblenden erzählt wird. Dadurch wechseln sich für etwa zwei Drittel des Buches zwei Erzählebenen ab. Schnell stellt sich heraus, daß Breq tatsächlich ein "Ancillary" ist/war, ein Avatar eines Raumschiffes mit künstlicher Intelligenz, dessen Zerstörung Breq allein zurückließ. Vor allem diese originelle Figur kam bei vielen Kritikern gut an.
Übrigens wird auf alle Figuren meist geschlechtsneutral in der weiblichen Form Bezug genommen. Das ist als Konzept ganz interessant, wirkt aber auf Dauer leicht nervig. Zudem ist nicht ganz nachvollziebar, warum Breq bei all ihrer Erfahrung scheinbar das Geschlecht anderer nicht zuverlässig identifizieren kann. Immerhin ist die Hauptfigur damit auch in keine Romanzen eingebunden - menschliche Beziehungen werden meist beiläufig und oberflächlich geschildert, bis auf die zentralen Charaktere (Breq und zwei ihrer menschlichen Leutnants).
Leider sind gerade die Rückblenden recht dröge und anstrengend zu lesen. Die geschilderte Technologie erinnert ein wenig an Ian M. Banks' Culture-Romane, es fehlen aber deren Komplexität und Verspieltheit. Es dauert lange, bis man mit Breq warm wird, und eigentlich ist man erst im letzten Drittel wirklich gefesselt. Dann stellt sich leider heraus, daß dies als erster Teil einer Trilogie konzipiert ist, was bei mir insgesamt einen unbefriedigten Nachgeschmack verursacht hat. Warum üben sich junge Autoren neuerdings nicht mehr in abgeschlossenen, kürzeren Werken? Der Fortsetzungswahn führt oft nur zu überambitonierten, aufgeblähten Werken. So sehe ich bei Ann Leckie zwar Potential, bin von diesem Roman aber doch enttäuscht.
Die Geschichte ist angesiedelt in einer Galaxis, die von mehreren hochtechnologisierten, systemumspannenden Zivilisationen geprägt ist. Ihre Raumschiffe beherrschen FTL und werden von künstlichen Intelligenzen gesteuert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Breq, eine geheimnisvolle Person, deren Herkunft in Rückblenden erzählt wird. Dadurch wechseln sich für etwa zwei Drittel des Buches zwei Erzählebenen ab. Schnell stellt sich heraus, daß Breq tatsächlich ein "Ancillary" ist/war, ein Avatar eines Raumschiffes mit künstlicher Intelligenz, dessen Zerstörung Breq allein zurückließ. Vor allem diese originelle Figur kam bei vielen Kritikern gut an.
Übrigens wird auf alle Figuren meist geschlechtsneutral in der weiblichen Form Bezug genommen. Das ist als Konzept ganz interessant, wirkt aber auf Dauer leicht nervig. Zudem ist nicht ganz nachvollziebar, warum Breq bei all ihrer Erfahrung scheinbar das Geschlecht anderer nicht zuverlässig identifizieren kann. Immerhin ist die Hauptfigur damit auch in keine Romanzen eingebunden - menschliche Beziehungen werden meist beiläufig und oberflächlich geschildert, bis auf die zentralen Charaktere (Breq und zwei ihrer menschlichen Leutnants).
Leider sind gerade die Rückblenden recht dröge und anstrengend zu lesen. Die geschilderte Technologie erinnert ein wenig an Ian M. Banks' Culture-Romane, es fehlen aber deren Komplexität und Verspieltheit. Es dauert lange, bis man mit Breq warm wird, und eigentlich ist man erst im letzten Drittel wirklich gefesselt. Dann stellt sich leider heraus, daß dies als erster Teil einer Trilogie konzipiert ist, was bei mir insgesamt einen unbefriedigten Nachgeschmack verursacht hat. Warum üben sich junge Autoren neuerdings nicht mehr in abgeschlossenen, kürzeren Werken? Der Fortsetzungswahn führt oft nur zu überambitonierten, aufgeblähten Werken. So sehe ich bei Ann Leckie zwar Potential, bin von diesem Roman aber doch enttäuscht.
Montag, 21. April 2014
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Dramatische Präsentation, Langform)
Bis 2002 gab es hier nur eine Kategorie, bevor zwischen Kurz- und Langform unterschieden wurde. Hier können nicht nur Filme und Fernsehserien/-folgen berücksichtigt werden, sondern auch z.B. Hörspiele.
Einige prominente Gewinner (siehe Wikipedia):
- 2001: A Space Odyssee (1969)
- Nachrichtenbilder von der Apollo 11 (Mondlandung: 1970)
- Sleeper (Woody Allen, 1974)
- Star Wars (1978)
- Blade Runner (1983)
- Galaxy Quest (2000)
- eine TNG-Folge, zwei Babylon-5-Folgen
Meine Nominierungen waren:
- Game of Thrones, Staffel 3
- Her
- Only Lovers Left Alive
- The World's End
- Iron Man 3
Nun ja, man kann halt träumen - hier die Nominierungen, die sich durchgesetzt haben:
BEST DRAMATIC PRESENTATION (LONG FORM) (995 ballots)
- Frozen screenplay by Jennifer Lee, directed by Chris Buck & Jennifer Lee (Walt Disney Studios)
- Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films; Warner Bros.)
- The Hunger Games: Catching Fire screenplay by Simon Beaufoy & Michael Arndt, directed by Francis Lawrence (Color Force; Lionsgate)
- Iron Man 3 screenplay by Drew Pearce & Shane Black, directed by Shane Black (Marvel Studios; DMG Entertainment; Paramount Pictures)
- Pacific Rim screenplay by Travis Beacham & Guillermo del Toro, directed by Guillermo del Toro (Legendary Pictures, Warner Bros., Disney Double Dare You)
Frozen (Die Eiskönigin) ist natürlich indiskutabel, selbst das Märchenelement (Fantasy mag ich das nicht nennen) ist vollkommen verhunzt.
Gravity ist ein toller Film, aber keine Science Fiction (das waren die Bilder von der Mondlandung aber wahrscheinlich auch nicht).
Catching Fire geht in Ordnung, Pacific Rim eher nicht. Mit Iron Man 3 geht meine einzige Nominierung ins Rennen, wahrscheinlich ohne viele Chancen. Ich werde wohl doch für "Gravity" stimmen müssen...
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Fiction)
Der Hugo Gernsback Award für Science Fiction und Fantasy wird seit 1953 vergeben, seit 1963 durch die Teilnehmer des jährlichen SF-WorldCons, einer Versammlung von Fans aus aller Welt. Dieses Jahr findet er im August in London statt, es werden um die 5000 Teilnehmer erwartet. Aus kommerzieller Sicht und bezogen auf die Medienwirkung ist dies immer noch eine marginale Veranstaltung, keinesfalls vergleichbar etwa mit dem ComiCon, der inzwischen eine Schlüsselfunktion für das Marketing von Filmen und TV-Serien des Genres hat.
Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:
Best Novel (1595 nominating ballots)
Best Novella (847 nominating ballots)
Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:
Best Novel (1595 nominating ballots)
- Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)
- Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
- Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
- Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
- The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
Best Novella (847 nominating ballots)
- The Butcher of Khardov, Dan Wells (Privateer Press)
- “The Chaplain’s Legacy”, Brad Torgersen (Analog, Jul-Aug 2013)
- “Equoid”, Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
- Six-Gun Snow White, Catherynne M. Valente (Subterranean Press)
- “Wakulla Springs”, Andy Duncan and Ellen Klages (Tor.com, 10-2013)
- “Opera Vita Aeterna”, Vox Day (The Last Witchking, Marcher Lord Hinterlands)
- “The Exchange Officers”, Brad Torgersen (Analog, Jan-Feb 2013)
- “The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com/Tor.com, 09-2013)
- “The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang (Subterranean, Fall 2013)
- “The Waiting Stars”, Aliette de Bodard (The Other Half of the Sky, Candlemark & Gleam)
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
Sonntag, 20. April 2014
Nur das Chaos ist erstaunlich: Amazing Spider Man 2 (4/10)
Hollywoods Marketingabteilungen versorgen inzwischen zuverlässig jede Generation mit den Filmen, die sie verdient. Aber brauchen wir wirklich jedes Jahrzehnt einen neuen Spider Man? Und welche Altersgruppe soll sich jetzt angesprochen fühlen? Ich jedenfalls halte es mal mit Murtaugh: I'm too old for that shit!
Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.
Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!
Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!
Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).
Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.
Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!
Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!
Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).
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