Tim Burtons erst jetzt in den deutschen Kinos angelaufener Film Big Eyes beruht auf der mir als Kunstbanause bislang unbekannten, "wahren" Geschichte der Malerin Margaret Keane, deren (zweiter) Ehemann Walter ihr Werk für sein eigenes ausgab und durch sein Marketinggeschick mit den traurigen Porträts großäugiger Kinder in den 60ern ein Millionengeschäft machte (u.a. durch den bis dahin nicht üblichen Verkauf von Drucken). Erst 1970 rang sich Margaret dazu durch, ihr Werk als ihr eigenes anerkennen zu lassen. Es gab eine berühmte Gerichtsverhandlung, in der der Richter schließlich die Kontrahenten im Gerichtssaal einen Malwettstreit ausführen ließ (den sie eindeutig gewann). Tim Burton ist offenbar seit langem Fan der inzwischen fast 90jährigen Künstlerin (sie sitzt im Abspann des Films neben ihrer Darstellerin Amy Adams auf einer Parkbank; Walter ist bereits 15 Jahren tot). Die Biographie-Spezialisten Scott Alexander und Larry Karaszewski (u.a. für Ed Wood, aber auch für Formans Larry Flynt und Der Mondmann verantwortlich) verarbeiteten den Stoff zu einem spannenden Drehbuch.
Seit ihrem Durchbruch in Spielbergs Catch Me If You Can war Amy Adams stolze fünf Mal für einen Oscar nominiert und konnte sich an der Seite von Schwergewichten wie Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman behaupten. Nur kurz geriet die heute 40jährige 2007 als Disney-Prinzessin in Verwünscht in Gefahr, zur ewig gutgelaunten Doris Day ihrer Generation zu mutieren. Für ihre Rolle als Pop-Malerin Margaret Keane wurde sie zwar nicht von der Akademie nominiert, gewann aber merkwürdigerweise einen Golden Globe als beste Hauptdarstellerin in der Kategorie "Komödie oder Musical". Das wird ihrem dramatischen, nuancierten Porträt dieser sensiblen, unterdrückten Künstlerin nicht gerecht.
Christoph Waltz als ihr Ehemann und Ausbeuter mag allerdings gedacht haben, er befinde sich in einer Komödie. Nur so erklären sich sein vor allem in der zweiten Hälfte nerviges Chargieren und sein bizarres theatralisches Gehabe. Zwar soll sich Walter im wahren Leben tatsächlich (besonders in der Gerichtsverhandlung) wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde verhalten haben, aber Waltz konnte mich nur zu Beginn überzeugen, und dies auch unter filmerisch verlogenen Voraussetzungen. Zunächst wird nämlich Mitgefühl mit diesem als Makler seinen Lebensunterhalt verdienenden Hobby-Maler erzeugt. Seine überzeugende Enttäuschung, als die Kundschaft die Großen Augen seiner Frau den eigenen Pariser Impressionen vorzieht, wird später allerdings entwertet, wenn man erfährt, daß selbst diese mittelmäßigen Bilder geklaut sind und er selbst nicht einmal den Unterschied zwischen Öl und Acryl versteht. Waltz spricht übrigens ein sehr gewähltes, künstlich wirkendes Englisch, was seinen österreichischen Akzent trotzdem nicht vollkommen cachieren kann. Tarantino weiß schon, warum er ihn nicht als Amerikaner besetzt. Allein bei Polanski konnte er im Gott des Gemetzels als Nicht-Europäer überzeugen. Daß Waltz zudem noch zu alt für die Rolle ist, fällt dann kaum noch auf.
Tim Burton hat uns vor zwanzig Jahren mit Ed Wood die wunderschöne Biographie eines talentlosen Künstlers geschenkt, und Martin Landau den Oscar für sein bewegendes Porträt von Bela Lugosi. Burton hatte meist, insbesondere in seiner Zusammenarbeit mit Johnny Depp, ein glückliches Händchen bei Besetzungen, aber Schauspielerführung war nie wirklich seine Stärke. Eine Persönlichkeit wie den Veteran Terence Stamp (General Zod aus Superman) als Kritiker der New York Times weiß er allerdings ins rechte Licht zu rücken. Punkte kann er diesmal wie meist mit der Ausstattung, die die 50er und 60er Jahre eindrucksvoll zum Leben erweckt, und einigen geschickten optischen Tricks, bei denen Margaret plötzlich die umgebenden Personen mit "großen Augen" wahrnimmt. Dazu paßt die Musik seines Stammkomponisten Danny Elfman, der dazu ein paar schöne Lieder von Lana Del Rey integriert hat. Wenn Burton statt auf Waltz auf Johnny Depp gesetzt hätte, wäre vielleicht ein tonal geschlossenerer Film herausgekommen (und Depps Karriere hätte eine solche Herausforderung nur gut tun können). So ist dies zwar kein zweiter Ed Wood, aber dank Amy Adams' herausragender Leistung immer noch eine gute Biographie (7/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 25. April 2015
Sonntag, 19. April 2015
Sehenswert: Chris Rocks Top Five (7/10)
Chris Rock habe ich das erste Mal wahrgenommen, als er in Kevin Smiths herrlicher Religionssatire Dogma den dreizehnten Apostel spielte. Solche respektlosen Rollen scheinen ihm auf den Leib geschrieben. Mit seinem an Richard Pryor und Eddie Murphy erinnernden Mundwerk, der schlacksigen Gestalt und seinem zwar zu komischen Verrenkungen fähigen, aber doch attraktiven Gesicht gelang es ihm, dieser komischen Nebenfigur Herz zu verleihen. Zugleich strahlt er eine gewisse Intellektualität aus, die seinen Kollegen oft abzugehen scheint. Für mich ist er daher der bessere Chris Tucker (Das Fünfte Element, Rush Hour). Er soll ein großartiger Standup-Komiker sein, wovon man in seinen Kurzauftritten leider zu wenig mitbekommt. In Lethal Weapon 4 war er als Murtaughs Schwiegersohn in spe eher nervig, als Zebra Marty in den Madagaskar-Filmen durchaus witzig (auch wenn er dabei in die ausgetretenen Fußstapen von Eddie Murphys Esel aus Shrek trat). In Julie Delpys wenig gelungener Culture-Clash-Komödie Zwei Tage in New York (die Fortsetzung der viel besseren Zwei Tage Paris) konnte man vor einigen Jahren dann die Grenzen seiner Schauspielkunst erkennen.
Top Five ist bereits Chris Rocks dritte Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor, die Vorgänger taugen nach Kritiker- und Publikumsmeinung wohl nicht viel. Dieser sehr persönliche Film des 50Jährigen kam bei der Kritik zwar sehr viel besser an, läuft in deutschen Kinos aber trotzdem höchstens im Spätprogramm. Rocks Hauptfigur Andre Allen kann man als eine Mischung aus verschiedenen schwarzen Komikern verstehen, Hauptinspiration scheinen neben ihm selbst Martin Lawrence (Big Mamas Haus) und Eddie Murphy zu sein. Wir erleben einen Tag im Leben des seit vier Jahren trockenen Alkoholikers, der vom Ruhm einer Reihe von albernen Polizeikomödien lebt, aber nun versucht, "ernsthafte" Filme zu drehen und nebenbei als Bräutigam für die Hochzeit mit einem Reality-TV-Star (überzeugend: Gabrielle Union) gecastet wurde. In dieser Krisensituation läßt er sich darauf ein, von der Reporterin Chelsea Brown begleitet und interviewt zu werden, die ihrerseits an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt ist. Sie wird gespielt von der fabelhaften Rosario Dawson. Die dunkelhäutige Latina war ebenfalls schon bei Kevin Smith zu bewundern, in einer völlig anders gelagerten Hauptrolle in Clerks II. Hier spielt sie die Reporterin der New York Times mit Eleganz und einer verblüffenden Mischung aus Power und Zerbrechlichkeit. Daher gehören die verbalen Schlagabtäusche zwischen Andre und Chelsea auch zu den Höhepunkten des Films.
Leider ist neben Rocks schauspielerischen Beschränkungen auch seine Regieführung wackelig. Hauptproblem für mich ist ein inkonsistenter Ton, der sich scheinbar nicht so recht zwischen den verschiedenen Komödienformen und dem Drama entscheiden kann. So gibt es eine Nebenhandlung um Chelseas möglicherweise schwulen Freund Brad, die unnötig albern wirkt (und vermutlich bei schwulen Zuschauern nicht gut ankommen wird). Dagegen ist ein Rückblick mit einem Cameo von Cedric the Entertainer, der Andres Tiefpunkt zeigen soll, für meinen Geschmack nicht übertrieben genug, zumindest so ungeschickt inszeniert, daß er seine Wirkung verfehlt. Chaotisch und verwirrend war für mich auch der Besuch bei seiner Familie, wo einfach zu viele Figuren auf einmal auftauchen (dabei auch Tracy Morgan in seiner letzten Rolle vor seinem schweren Unfall im letzten Jahr). Dazwischen gibt es aber immer wieder schöne, bewegende und nachdenkliche Momente, etwa in der Interaktion mit Andres Jugendfreund Silk (J.B. Smoove), der ihm als Chauffeur und Bodyguard die Treue hält. Diverse Cameos von Comedy-Größen (u.a. Jerry Seinfeld, Adam Sandler) verpuffen leider ohne große Lacher. Natürlich kann es sein, daß ich mit der Subkultur der Rapper, Hiphop-Stars und Comedians einfach nicht genug vertraut bin - übrigens bezieht sich der Titel des Films auf Listen von fünf Lieblingskünstlern, die von verschiedenen Darstellern aufgelistet werden. Herrlich allerdings der Auftritt des (offenbar berühmten) Rappers DMX, der wie Andre Allen das Fach wechseln will und im Knast eine schaurige Version von Chaplins Evergreen Smile von sich gibt (um das Grauen abzustreifen, hier noch ein Link mit Judy Garland). Diese Szene bringt Andres Fazit auf den Punkt, der sich am Ende auf seine alten Stärken besinnt und seinen Spaß an Comedy wiederentdeckt.
So gelingt es Chris Rock zwar, seine persönliche Karriere fruchtbar auszuschlachten, er sollte aber vielleicht die Moral seines Films selbst ein wenig beherzigen. Als Hauptdarsteller ist er hier zwar passabel, aber ein erfahrener Regisseur hätte bestimmt mehr aus dem Buch herausholen können, das in seiner Reflexion über eine popkulturelle Karriere übrigens oberflächliche Parallelen zu Iñárritus Oscar-Gewinner Birdman aufweist. Alles in allem bin ich froh, den Weg in die Spätvorstellung gefunden zu haben. Gut (7/10).
Top Five ist bereits Chris Rocks dritte Arbeit als Regisseur und Drehbuchautor, die Vorgänger taugen nach Kritiker- und Publikumsmeinung wohl nicht viel. Dieser sehr persönliche Film des 50Jährigen kam bei der Kritik zwar sehr viel besser an, läuft in deutschen Kinos aber trotzdem höchstens im Spätprogramm. Rocks Hauptfigur Andre Allen kann man als eine Mischung aus verschiedenen schwarzen Komikern verstehen, Hauptinspiration scheinen neben ihm selbst Martin Lawrence (Big Mamas Haus) und Eddie Murphy zu sein. Wir erleben einen Tag im Leben des seit vier Jahren trockenen Alkoholikers, der vom Ruhm einer Reihe von albernen Polizeikomödien lebt, aber nun versucht, "ernsthafte" Filme zu drehen und nebenbei als Bräutigam für die Hochzeit mit einem Reality-TV-Star (überzeugend: Gabrielle Union) gecastet wurde. In dieser Krisensituation läßt er sich darauf ein, von der Reporterin Chelsea Brown begleitet und interviewt zu werden, die ihrerseits an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt ist. Sie wird gespielt von der fabelhaften Rosario Dawson. Die dunkelhäutige Latina war ebenfalls schon bei Kevin Smith zu bewundern, in einer völlig anders gelagerten Hauptrolle in Clerks II. Hier spielt sie die Reporterin der New York Times mit Eleganz und einer verblüffenden Mischung aus Power und Zerbrechlichkeit. Daher gehören die verbalen Schlagabtäusche zwischen Andre und Chelsea auch zu den Höhepunkten des Films.
Leider ist neben Rocks schauspielerischen Beschränkungen auch seine Regieführung wackelig. Hauptproblem für mich ist ein inkonsistenter Ton, der sich scheinbar nicht so recht zwischen den verschiedenen Komödienformen und dem Drama entscheiden kann. So gibt es eine Nebenhandlung um Chelseas möglicherweise schwulen Freund Brad, die unnötig albern wirkt (und vermutlich bei schwulen Zuschauern nicht gut ankommen wird). Dagegen ist ein Rückblick mit einem Cameo von Cedric the Entertainer, der Andres Tiefpunkt zeigen soll, für meinen Geschmack nicht übertrieben genug, zumindest so ungeschickt inszeniert, daß er seine Wirkung verfehlt. Chaotisch und verwirrend war für mich auch der Besuch bei seiner Familie, wo einfach zu viele Figuren auf einmal auftauchen (dabei auch Tracy Morgan in seiner letzten Rolle vor seinem schweren Unfall im letzten Jahr). Dazwischen gibt es aber immer wieder schöne, bewegende und nachdenkliche Momente, etwa in der Interaktion mit Andres Jugendfreund Silk (J.B. Smoove), der ihm als Chauffeur und Bodyguard die Treue hält. Diverse Cameos von Comedy-Größen (u.a. Jerry Seinfeld, Adam Sandler) verpuffen leider ohne große Lacher. Natürlich kann es sein, daß ich mit der Subkultur der Rapper, Hiphop-Stars und Comedians einfach nicht genug vertraut bin - übrigens bezieht sich der Titel des Films auf Listen von fünf Lieblingskünstlern, die von verschiedenen Darstellern aufgelistet werden. Herrlich allerdings der Auftritt des (offenbar berühmten) Rappers DMX, der wie Andre Allen das Fach wechseln will und im Knast eine schaurige Version von Chaplins Evergreen Smile von sich gibt (um das Grauen abzustreifen, hier noch ein Link mit Judy Garland). Diese Szene bringt Andres Fazit auf den Punkt, der sich am Ende auf seine alten Stärken besinnt und seinen Spaß an Comedy wiederentdeckt.
So gelingt es Chris Rock zwar, seine persönliche Karriere fruchtbar auszuschlachten, er sollte aber vielleicht die Moral seines Films selbst ein wenig beherzigen. Als Hauptdarsteller ist er hier zwar passabel, aber ein erfahrener Regisseur hätte bestimmt mehr aus dem Buch herausholen können, das in seiner Reflexion über eine popkulturelle Karriere übrigens oberflächliche Parallelen zu Iñárritus Oscar-Gewinner Birdman aufweist. Alles in allem bin ich froh, den Weg in die Spätvorstellung gefunden zu haben. Gut (7/10).
Freitag, 17. April 2015
Die Hugo-Krise
Was ich im letzten Jahr (als "Erstwähler") mit einer gewissen Naivität noch ignorieren konnte, hat sich nun zu einer ernsthaften Krise des traditionsreichen Science-Fiction-Preises entwickelt. Es ist schade, daß sich ein Literaturpreis zum Gefechtsfeld der ideologischen Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft entwickelt. Was ist passiert?
Bereits seit Jahren unzufrieden mit den angeblich zu liberalen "Botschaften" der Hugo-nominierten Werke, hat sich eine Reihe von rechts-konservativen Autoren zusammengetan und ihre Fans ermutigt, Mitgliedschaften am Weltcon zu erwerben und blockweise bestimmte Werke zu nominieren. Aufgrund der weitgestreuten Auswahl genügen bei um die 2.000 Stimmabgaben oft 50 Nennungen für eine Nominierung. Daher waren 2014 Werke der federführenden Agitatoren Vox Day, Brad Torgersen und Larry Correia vertreten, konnten sich dann aber nicht durchsetzen (wobei beschämender Weise mein Roman-Favorit bei schwacher Auswahl der Grimnoir-Band von Correia war). In diesem Jahr gingen sie dann noch einen Schritt weiter und erreichten bei den Romanen (4/5!) und den Kurzformen eine bestürzende Erfolgsquote aus ihren notorischen Sad-Puppies- und Rabid-Puppies-Empfehlungen. Sogar die TV-Folgen von "Grimm" und "The Flash" wurden auf dieser (und ähnlichen) Listen angepriesen. Wohlgemerkt: Das ist alles an sich legitim, und "Blockwahlen" sind ohnehin schwer nachweisbar.
Darauf folgte in den letzten Wochen ein Aufruhr sondergleichen in den SF-Foren. Wie immer in solchen Fällen (und verstärkt durch die gesunkenen Hemmschwellen der Online-Möglichkeiten) reichen die Diskussionen von klug über superdämlich bis ärgerlich. Hier ist eine gute Zusammenfassung von Bloggerin Amanda Marcotte:
Hier ist ein deutschsprachiger Beitrag:
Egal wie die endgültigen Nominierungen nun aussehen werden, das einzig vernünftige scheint mir, die Werke nach ihrer Qualität zu beurteilen, unabhängig davon, wie sie vielleicht auf den Stimmzettel gekommen sind oder ob man den Autor persönlich mögen würde. Leider geht es hier allerdings um mehr als nur abweichende politische Meinungen. Es ist mir völlig klar, daß Larry Correia nicht mit meiner Meinung über die irrsinnigen US-amerikanischen Waffengesetze übereinstimmt. Aber bei massiven rassistischen und sexistischen Aussagen fällt es mir schon schwer, den Autor vom Werk zu trennen. Auch wenn etwa Orson Scott Card seine bigotte Weltsicht als politische Äußerungen zu cachieren versucht, ist doch seine militante Ablehnung von Homosexualität kein politischer Standpunkt mehr, sondern ein abscheulicher Charakterfehler.
Als Seiteneffekt gibt es jetzt viele Kommentare dazu, wie schwarze Autoren in den USA immer noch belächelt und erniedrigt werden. Seit Samuel L. Delanys drei Nominierungen in den 60ern hat sich da auch bei den Hugos nicht viel getan:
Update: Gerade las ich (mit Freude), daß für den Roman von Kloos das bereits von mir erwähnte chinesische Werk nachnominiert wurde:
The Three-Body Problem by Cixin Liu (translated by Ken Liu)
Bereits seit Jahren unzufrieden mit den angeblich zu liberalen "Botschaften" der Hugo-nominierten Werke, hat sich eine Reihe von rechts-konservativen Autoren zusammengetan und ihre Fans ermutigt, Mitgliedschaften am Weltcon zu erwerben und blockweise bestimmte Werke zu nominieren. Aufgrund der weitgestreuten Auswahl genügen bei um die 2.000 Stimmabgaben oft 50 Nennungen für eine Nominierung. Daher waren 2014 Werke der federführenden Agitatoren Vox Day, Brad Torgersen und Larry Correia vertreten, konnten sich dann aber nicht durchsetzen (wobei beschämender Weise mein Roman-Favorit bei schwacher Auswahl der Grimnoir-Band von Correia war). In diesem Jahr gingen sie dann noch einen Schritt weiter und erreichten bei den Romanen (4/5!) und den Kurzformen eine bestürzende Erfolgsquote aus ihren notorischen Sad-Puppies- und Rabid-Puppies-Empfehlungen. Sogar die TV-Folgen von "Grimm" und "The Flash" wurden auf dieser (und ähnlichen) Listen angepriesen. Wohlgemerkt: Das ist alles an sich legitim, und "Blockwahlen" sind ohnehin schwer nachweisbar.
Darauf folgte in den letzten Wochen ein Aufruhr sondergleichen in den SF-Foren. Wie immer in solchen Fällen (und verstärkt durch die gesunkenen Hemmschwellen der Online-Möglichkeiten) reichen die Diskussionen von klug über superdämlich bis ärgerlich. Hier ist eine gute Zusammenfassung von Bloggerin Amanda Marcotte:
Hier ist ein deutschsprachiger Beitrag:
Sind die Hugos nun kaputt ("broken")? Jedenfalls leidet ihr Image schwer unter der Affäre. Nachdem aus technischen Gründen zwei kurze Werke disqualifiziert wurden, haben jetzt Marko Kloos seinen Roman und Annie Bellet ihre Kurzgeschichte aus dem Wettbewerb genommen:
Mal sehen, welche Werke jetzt nachrücken und ob es weitere solche Aktionen geben wird. Mir ist jedenfalls die Freude an einigen überraschenden Nominierungen vergangen. Jim Butcher hatte noch keine Zeit zu einem Kommentar, aber auf seiner Webseite wird schon intensiv diskutiert. Das schlimme an der Sache ist ja, daß zusätzliche Diversität manchen Kategorien durchaus guttut. Die Dominanz von Dr. Who in der dramatischen Kurzform war ja bereits ein Treppenwitz, und als (wie ich vermute) der erfolgreichste Autor im Bereich Urban Fantasy sollte Jim Butcher durchaus bei den Hugos vertreten sein. Aber es kann erwartet werden, daß die Fans in diesem Jahr in etlichen Kategorien die rote Karte ziehen und für No Award stimmen werden.
Egal wie die endgültigen Nominierungen nun aussehen werden, das einzig vernünftige scheint mir, die Werke nach ihrer Qualität zu beurteilen, unabhängig davon, wie sie vielleicht auf den Stimmzettel gekommen sind oder ob man den Autor persönlich mögen würde. Leider geht es hier allerdings um mehr als nur abweichende politische Meinungen. Es ist mir völlig klar, daß Larry Correia nicht mit meiner Meinung über die irrsinnigen US-amerikanischen Waffengesetze übereinstimmt. Aber bei massiven rassistischen und sexistischen Aussagen fällt es mir schon schwer, den Autor vom Werk zu trennen. Auch wenn etwa Orson Scott Card seine bigotte Weltsicht als politische Äußerungen zu cachieren versucht, ist doch seine militante Ablehnung von Homosexualität kein politischer Standpunkt mehr, sondern ein abscheulicher Charakterfehler.
Als Seiteneffekt gibt es jetzt viele Kommentare dazu, wie schwarze Autoren in den USA immer noch belächelt und erniedrigt werden. Seit Samuel L. Delanys drei Nominierungen in den 60ern hat sich da auch bei den Hugos nicht viel getan:
Was ich nicht so recht stehen lassen kann, ist der Vorwurf des Sexismus. Seit Ursula K. Le Guin 1970 und 1975 als erste Autorin für den besten Roman ausgezeichnet wurde, ist die Dominanz der Männer klar gebrochen worden. Rekordgewinner sind inzwischen Connie Willis und Lois McMaster Bujold. Vorjahresgewinnerin Ann Leckie steht da in guter Tradition. Schön wäre nur, wenn sie Geschlechterrollen so kraftvoll hinterfragen könnte wie dereinst Le Guin in ihrem Meisterwerk The Left Hand of Darkness. Stattdessen beschränkt sie sich auf ein Gimmick.
Update: Gerade las ich (mit Freude), daß für den Roman von Kloos das bereits von mir erwähnte chinesische Werk nachnominiert wurde:
The Three-Body Problem by Cixin Liu (translated by Ken Liu)
Sonntag, 5. April 2015
Die Hugo-Nominierungen 2015
Die diesjährigen Nominierungen bieten neben dem Erwarteten auch einige Überraschungen.
Beginnen wir mit der "Dramatischen Präsentation, Langform". Obwohl mir von verschiedenen Seiten signalisiert wurde, daß ich mit meiner Meinung falsch liege, hatte ich trotzdem Luc Bessons Lucy nominiert - hat natürlich nicht geklappt. In der überraschungslosen Kategorie kann ich gleich meine Stimmreihenfolge mitteilen:
Bei der Kurzform beginnen dann die Überraschungen. Nominiert hatte ich neben den beiden Top-Episoden von Game of Thrones noch (in der Hoffnung, in der Kategorie ein wenig Abwechslung zu erreichen) das explosive Winterfinale von "Agents of Shield" (leider dümpelt die Serie nach diesem Höhepunkt inzwischen wieder in seichten Gewässern) und (blind) eine Folge von Person of Interest (obwohl ich dort noch gar nicht bei der dritten Staffel angelangt bin).
Nominiert wurden schließlich (noch ohne Rangfolge):
Grimm ist nach Game of Thrones momentan meine Lieblingsserie, aber Chancen hätte ich mir wirklich nicht ausgerechnet. Da ich die Show zeitversetzt auf Blu-ray genieße (wie übrigens auch Person of Interest, wo ich noch in der zweiten Staffel stecke), bin ich noch gar nicht zu dieser Folge vorgedrungen. Aber was sagt man über Vorfreude...
Den Arrow-Ableger The Flash verfolge ich wie die in der dritten Staffel befindliche Mutterserie mehr als Guilty Pleasure. Das ist seichte Unterhaltung mit netten Figuren, wobei The Flash gegenüber Arrow einen angenehm lockeren Ton anschlägt. Da ich keine Comics lese, erschließt sich mir allerdings die Faszination der Fangemeinde mit dem "schnellsten lebenden Mann" nicht so ganz. Die Beliebtheit der Figur unter Nerds kann man jedenfalls anhand etlicher Folgen der Big Bang Theory belegen. Was mich an beiden Serien stört, ist neben dem für Superhelden-Shows fast notwendig abstrusen, unlogischen Weltenaufbau die Beliebigkeit der Figuren, deren Charakteristiken und Loyalitäten allzu oft dem Bedürfnis der Zuschauer nach überraschenden Twists zum Opfer fallen. Hingegen bemüht sich Agents of Shield wenigstens, in alter Whedon-Tradition ein glaubwürdiges Ensemble aufzubauen (macht dabei aber leider wenig Spaß).
Nun aber zu den Hauptkategorien, als die immer noch die belletristischen Formen gelten müssen.
Bei den Kurzformen muß ich wohl auf das Voter Package warten, da ich wirklich nicht einen einzigen Autor auch nur vom Namen her kenne. Auffällig sind die fünf Nominierungen in drei Kategorien für einen gewissen John C. Wright.
Bei den Romanen ist erwartungsgemäß die Fortsetzung des letztjährigen Gewinners Ancillary Justice dabei, leider aber nicht die Fortsetzung von Mira Grants Parasit, der mir mehr Freude bereitet hatte (ich bin aber selbst schuld, denn ich selbst bin auch noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen). Dabei ist dafür als (freudige) Osterüberraschung Jim Butchers 15. (fünfzehnter) Dresden-Roman, den ich nicht zu nominieren gewagt hätte, obwohl ich immer noch einen Riesenspaß an der auf ca. 20 Bände angelegten Reihe um den Magier aus Chicago habe (die übrigens wenig mehr als den Titel mit der schnell wieder eingestellten TV-Serie zu tun hat). Es ist Butchers erste Nominierung überhaupt; neben den Dresden Files hat er mit dem Codex Alera auch noch eine schönes (wenngleich konventionelles) fünfbändiges Fantasy-Epos veröffentlicht. Kevin J. Anderson ist ein Vielschreiber, den ich bisher eher dem Mittelmaß zugeordnet hätte. Katherine Addison (eigentlich Sarah Monette) ist eine recht junge Autorin. "The Goblin Emperor" scheint ein alleinstehender Fantasy-Roman zu sein, ich bin sehr gespannt (neben Ann Leckie ist sie als einzige auch zusätzlich für den Nebula nominiert). "Lines of Departure" ist der zweite Band einer Reihe aus der Ecke Militärische SF. Da er offenbar in der Kindle-Leihbibliothek erhältlich ist, nehme ich mir den wohl als nächstes vor.
Nachdem über Jahrzehnte die Hugo-Nominierungen für mich eine Fundgrube für tolle Romane waren, sehe ich mindestens die Beiträge im 21. Jahrhundert sehr skeptisch. 5000 Hardcore-Fans sind natürlich nicht unbedingt repräsentativ für die weltweite Leserschaft. Vielleicht trägt auch der kommerzielle Siegeszug der Fantasy dazu bei, daß weniger hochwertige Science Fiction veröffentlicht wird. Ich hätte mir jedenfalls mehr SF und mehr Vielfalt gewünscht (bei den Nebulas wird immerhin ein jüngst ins Englische übertragener chinesischer Roman gelistet). Wie auch immer, hier sind die Nominierungen für den besten Roman des Jahres 2014:
Beginnen wir mit der "Dramatischen Präsentation, Langform". Obwohl mir von verschiedenen Seiten signalisiert wurde, daß ich mit meiner Meinung falsch liege, hatte ich trotzdem Luc Bessons Lucy nominiert - hat natürlich nicht geklappt. In der überraschungslosen Kategorie kann ich gleich meine Stimmreihenfolge mitteilen:
- Guardians of the Galaxy (nach dem Heimkino-Genuß auf 9/10 aufgewertet)
- Edge Of Tomorrow (8/10)
- Captain America - The Winter Soldier (8/10)
- No Award
- Interstellar (4/10)
- Der Lego-Film (3/10)
Bei der Kurzform beginnen dann die Überraschungen. Nominiert hatte ich neben den beiden Top-Episoden von Game of Thrones noch (in der Hoffnung, in der Kategorie ein wenig Abwechslung zu erreichen) das explosive Winterfinale von "Agents of Shield" (leider dümpelt die Serie nach diesem Höhepunkt inzwischen wieder in seichten Gewässern) und (blind) eine Folge von Person of Interest (obwohl ich dort noch gar nicht bei der dritten Staffel angelangt bin).
Nominiert wurden schließlich (noch ohne Rangfolge):
- Doctor Who: “Listen”
- The Flash: “Pilot”
- Game of Thrones: “The Mountain and the Viper” (S04E08)
- Grimm: “Once We Were Gods” (S03E15)
- Orphan Black: “By Means Which Have Never Yet Been Tried” (S02E10)
Grimm ist nach Game of Thrones momentan meine Lieblingsserie, aber Chancen hätte ich mir wirklich nicht ausgerechnet. Da ich die Show zeitversetzt auf Blu-ray genieße (wie übrigens auch Person of Interest, wo ich noch in der zweiten Staffel stecke), bin ich noch gar nicht zu dieser Folge vorgedrungen. Aber was sagt man über Vorfreude...
Den Arrow-Ableger The Flash verfolge ich wie die in der dritten Staffel befindliche Mutterserie mehr als Guilty Pleasure. Das ist seichte Unterhaltung mit netten Figuren, wobei The Flash gegenüber Arrow einen angenehm lockeren Ton anschlägt. Da ich keine Comics lese, erschließt sich mir allerdings die Faszination der Fangemeinde mit dem "schnellsten lebenden Mann" nicht so ganz. Die Beliebtheit der Figur unter Nerds kann man jedenfalls anhand etlicher Folgen der Big Bang Theory belegen. Was mich an beiden Serien stört, ist neben dem für Superhelden-Shows fast notwendig abstrusen, unlogischen Weltenaufbau die Beliebigkeit der Figuren, deren Charakteristiken und Loyalitäten allzu oft dem Bedürfnis der Zuschauer nach überraschenden Twists zum Opfer fallen. Hingegen bemüht sich Agents of Shield wenigstens, in alter Whedon-Tradition ein glaubwürdiges Ensemble aufzubauen (macht dabei aber leider wenig Spaß).
Nun aber zu den Hauptkategorien, als die immer noch die belletristischen Formen gelten müssen.
Bei den Kurzformen muß ich wohl auf das Voter Package warten, da ich wirklich nicht einen einzigen Autor auch nur vom Namen her kenne. Auffällig sind die fünf Nominierungen in drei Kategorien für einen gewissen John C. Wright.
Bei den Romanen ist erwartungsgemäß die Fortsetzung des letztjährigen Gewinners Ancillary Justice dabei, leider aber nicht die Fortsetzung von Mira Grants Parasit, der mir mehr Freude bereitet hatte (ich bin aber selbst schuld, denn ich selbst bin auch noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen). Dabei ist dafür als (freudige) Osterüberraschung Jim Butchers 15. (fünfzehnter) Dresden-Roman, den ich nicht zu nominieren gewagt hätte, obwohl ich immer noch einen Riesenspaß an der auf ca. 20 Bände angelegten Reihe um den Magier aus Chicago habe (die übrigens wenig mehr als den Titel mit der schnell wieder eingestellten TV-Serie zu tun hat). Es ist Butchers erste Nominierung überhaupt; neben den Dresden Files hat er mit dem Codex Alera auch noch eine schönes (wenngleich konventionelles) fünfbändiges Fantasy-Epos veröffentlicht. Kevin J. Anderson ist ein Vielschreiber, den ich bisher eher dem Mittelmaß zugeordnet hätte. Katherine Addison (eigentlich Sarah Monette) ist eine recht junge Autorin. "The Goblin Emperor" scheint ein alleinstehender Fantasy-Roman zu sein, ich bin sehr gespannt (neben Ann Leckie ist sie als einzige auch zusätzlich für den Nebula nominiert). "Lines of Departure" ist der zweite Band einer Reihe aus der Ecke Militärische SF. Da er offenbar in der Kindle-Leihbibliothek erhältlich ist, nehme ich mir den wohl als nächstes vor.
Nachdem über Jahrzehnte die Hugo-Nominierungen für mich eine Fundgrube für tolle Romane waren, sehe ich mindestens die Beiträge im 21. Jahrhundert sehr skeptisch. 5000 Hardcore-Fans sind natürlich nicht unbedingt repräsentativ für die weltweite Leserschaft. Vielleicht trägt auch der kommerzielle Siegeszug der Fantasy dazu bei, daß weniger hochwertige Science Fiction veröffentlicht wird. Ich hätte mir jedenfalls mehr SF und mehr Vielfalt gewünscht (bei den Nebulas wird immerhin ein jüngst ins Englische übertragener chinesischer Roman gelistet). Wie auch immer, hier sind die Nominierungen für den besten Roman des Jahres 2014:
- Ancillary Sword, Ann Leckie
- The Dark Between the Stars, Kevin J. Anderson
- The Goblin Emperor, Katherine Addison
- Lines of Departure, Marko Kloos
- Skin Game, Jim Butcher
Hugo-nominiert: Ancillary Sword (Ann Leckie)
Der zweite Teil der inzwischen "Imperial Radch" benannten Serie von Ann Leckie war für mich ein besseres Leseerlebnis als der vor allem in seinen Rückblenden dröge Vorgänger Ancillary Justice. Immer noch in der Ich-Form von Ancillar Breq verfaßt, konnte ich mich besser auf die nun lineare Erzählung und ihre greifbareren Charaktere einlassen, auch wenn immer noch Längen vorhanden sind. Allerdings hat mich diesmal das Gimmick der konsequent genutzten weiblichen Formen stärker gestört, da es für mich die Figuren einer menschlichen Dimension beraubt. Außerdem frage ich mich, ob diese Geschichte von Machtmißbrauch und Unterdrückung wirklich den komplizierten Hintergrund der galaktischen Zivilisation benötigt hätte. Jedenfalls fand ich die Obsession ob der Teerituale und des Ahnenkults eher nervig als interessant. Insgesamt hat man diesmal das Gefühl, nur Einblick in einen winzigen Teil des großen Ganzen zu bekommen, was bei mir den Eindruck verstärkt, daß es nicht bei einer Trilogie bleiben wird. Der Vergleich mit den fabelhaften Werken von Vernor Vinge jedenfalls scheint mir weit hergeholt.
Samstag, 4. April 2015
SF-Klassiker #6: David Brins erste Uplift-Trilogie
David Brin, Jahrgang 1950, gehörte in den 80ern und 90ern zu den bedeutendsten SF-Autoren, bevor sein literarischer Output unter seiner eigenen Wichtigkeit implodierte. Seitdem berät der gebürtige Kalifornier und Doktor der Weltraumwissenschaften Firmen und Agenturen (darunter CIA, Google und Proctor & Gamble) und verbreitet über seine Website, Vorträge und populäre Fernsehshows seine fragwürdigen Weisheiten ("Remember you are a member of a civilisation!"). Er scheint mir ein typischer amerikanischer Liberaler mit naiv-optimistischer Weltsicht zu sein, der immer noch daran glaubt, daß die Technik es schon richten wird. In der Science Fiction steht er als Physiker in der Tradition der "harten SF" von Arthur C. Clarke und Isaac Asimov, nutzt seine Werke auch zu Spekulationen über zukünftige Entwicklungen, legt aber insgesamt mehr Wert auf soziale und gesellschaftliche Entwicklungen als auf technische Gimmicks und präsentiert anders als seine Vorbilder differenzierte Charaktere. Unfreiwillig berühmt wurde er als Autor des "Postman", der als Roman 1986 u.a. für den Hugo nominiert war (er mußte sich verdient Orson Scott Cards Meisterwerk "Ender's Game" geschlagen geben), 1997 dann leider aber von Kevin Costner in einen grauenhaften Film verwandelt wurde (die Vorlage war lange nicht so pathetisch-patriotisch). Nach den zwei Gewinnen für den zweiten und dritten Uplift-Roman war Brin bis 2003 noch weitere vier Mal für den besten Roman nominiert.
Auch wenn Brin eine Handvoll toller Einzelromane veröffentlicht hat sowie an der Fortschreibung von Asimovs Foundation-Zyklus beteiligt war, besteht sein Hauptwerk wohl aus seinen sechs Uplift-Romanen. Die ersten drei waren wohl nicht wirklich als Trilogie konzipiert, können aber durchaus sinnvoll zusammen betrachtet werden. Einige hundert Jahre in der Zukunft ist es der Menschheit gelungen, ausgewählten Schimpansen und Delfinen durch genetische Manipulationen menschenähnliche Intelligenz zu verleihen, inklusive Sprachfähigkeit und (bei Delfinen durch ausgeklügelte mechanische Aufsätze) des Gebrauchs komplexer Werkzeuge. Dies stellt sich als entscheidender Vorteil und gleichzeitig Stein des Anstoßes dar bei der ersten Begegnung mit außerirdischen Intelligenzen. Es gibt nämlich eine Milliarden Jahre alte Gemeinschaft der galaktischen (sauerstoff-atmenden) Zivilisationen, die ihre Herkunft alle auf die "Progenitoren" zurückführen, die dereinst Intelligenz in der Galaxis verbreitet haben. Unterstützt durch eine unvorstellbar umfassende galaktische (natürlich digitale) Bibliothek, verstehen diese Völker unabhängig von (durchaus auch kriegerisch ausgefochtenen) Differnzen ihre Hauptaufgabe in der Bewahrung der ökologischen Vielfalt und dem "Uplift" geeigneter Lebensformen zu wiederum intelligenten Mitgliedern der Gemeinschaft, was allerdings eine streng hierarchische Rangordnung zwischen "Patronen" (Förderern) und "Clienten" bedingt. Die Rasse der menschlichen "Wölflinge" ist somit eine Kuriosität, da sie zwar keine Förderer, aber bereits zwei prestigeträchtige Clientenrassen vorweisen kann (die im folgenden Chimps und Neo-Delfine genannt werden).
Brins ersten veröffentlichter Roman sollte man als eine Einführung in sein Uplift-Universum lesen. Für sich allein ist er nicht besonders gelungen. Die Mischung aus Kriminalgeschichte, wissenschaftlicher Spekulation und philosophischen Exkursen funktioniert nur bedingt. Die Hauptfigur ist als Kombination eines Detektivs mit einem Forscher, der möglicherweise auch noch schizophren ist, überfrachtet und unglaubwürdig. Die sicherlich gut recherchierten physikalischen Details bei der Erforschung der Sonnenkorona (und die dortige Suche nach den möglichen Patronen der Menschheit) wirken ermüdend. Fragwürdig ist die "utopische" Gesellschaft, in der potentiell gewalttätige Menschen weniger Bürgerrechte haben und mittels implantierter Chips überwacht werden. Dies scheint mir eine unreflektierte Fortschreibung der naiven US-amerikanischen Haltung, nach der man zur Wahrung der Zivilisation die "schlechten" Menschen wegsperren muß - was heute schon dazu führt, daß ein Prozent der erwachsenen amerikanischen Männer im Knast einsitzen.
Der Nachfolger war dann bereits von ganz anderem Kaliber (und nebenbei auch deutlich länger) und gewann prompt den Hugo für den besten Roman des Jahres. Jahrzehnte nach den Ereignissen von "Sundiver" erzählt er die turbulenten und das Schicksal der Menschheit prägenden Abenteuer des ersten von Delfinen kommandierten Raumschiffes. Es gelingt Brin, diese auf den ersten Blick unwahrscheinliche Situation plausibel zu machen. Die "Streaker" hat flutbare Kabinen und natürlich ein ausgefuchstes System von Schleusen, um ein Zusammenleben der delfinischen Crew, der menschlichen Beobachter und eines einsamen Chimp-Wissenschaftlers zu ermöglichen. Leider tritt die Expedition schnell in ein Fettnäpfchen galaktischen Ausmaßes, als sie auf einen uralten Weltraumfriedhof in möglichem Zusammenhang mit den mysteriösen Progenitoren trifft und aus unklaren Gründen ihre Erkenntnisse nicht sofort mit den galaktischen Nachbarn teilt. Eine Hetzjagd beginnt, bei der die Streaker auf einem Wasserplaneten Zuflucht sucht (was ihrer Crew natürlich entgegenkommt). Es ist schon fabelhaft, wie hier eine im wesentlichen fremde Lebensform geschildert wird. Die Neo-Delfine sind Poeten (was Brin in nicht immer gelungene Haikus formt), aber auch formidable Kämpfer. Ihre soziale Struktur ist deutlich nicht-menschlich, mit Besonderheiten in Rangordnung und Sexualität, die die Eigenarten ihrer unbefangenen, fröhlichen, die irdischen Meere bevölkernden Ahnen plausibel fortschreibt. Die Erzählung wechselt zwischen etwa einem Dutzend Perspektiven, wobei den menschlichen Charakteren dann doch etwa die Hälfte der Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Daneben gibt es immer wieder kurze Impressionen der verschiedenen rivalisierenden Aliens, die sich im Planetensystem an der Jagd beteiligen. In der dadurch bedingten starken Zersplitterung ist für mich eine Schwäche des Romans begründet, sie erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, und trotzdem erscheinen die unzähligen beteiligten Alien-Rassen dann recht beliebig (nicht umsonst wurde nachträglich ein illustrierter Führer durch das Uplift-Universum veröffentlicht). Trotzdem lohnt sich die Anstrengung, denn die Hauptfiguren wachsen dem Leser doch sehr ans Herz, und die Handlung ist spannend und reich an Action.
Den dritten Uplift-Roman würde ich vorsichtig als Höhepunkt von David Brins Werk betrachten (ich habe praktisch alles von ihm gelesen, aber manches ist mir nur noch dunkel in Erinnerung). Er hatte in der Zwischenzeit drei weitere Romane veröffentlicht und ganz offenbar seine Erzählkünste perfektioniert. Erneut mit dem Hugo ausgezeichnet, ist "The Uplift War" brillant, vielschichtig, und trotz einer nochmals verdoppelten Länge unendlich unterhaltsam. Die Handlung spielt auf dem von Menschen und Chimps kolonisierten Planeten Garth, kurz nach den Ereignissen in "Startide Rising" (über das weitere Schicksal der Streaker erfährt man aber nichts). Die übermächtigen Gubru annektieren den Planeten und drängen die Erdlinge in einen Guerilla-Widerstand.
Brin konzentriert sich diesmal auf eine Handvoll von Erzählperspektiven. Da ist Chimp-Leutnant Fiben, der sich nach dem Abschuß seines Schiffes auf den Planeten retten kann und dort u.a. auf die zwei sehr unterschiedliche Chimmies (Schimpansen-Damen) Sylvie und Gailet trifft. Der Tymbrini-Botschafter Uthacalthing ist mit dem Botschafter Kault der mächtigen, bislang neutralen Thenannin ebenfalls auf der Flucht vor den Invasoren. Die den Erdlingen wohlgesonnenen Tymbrini sind in der äußeren Form grob menschenähnliche Empathen, die ihre Gestalt in Grenzen ihrer Umwelt anpassen können. Mit den Menschen verbindet sie auch ein ausgeprägter Humor. Uthacalthing plant einen gewaltigen Scherz auf Kosten der Gubru, unter Einbeziehung der legendären Garthlinge, einer zum Uplift bereiten höheren Säugetierart, deren Existenz auf dem vor Jahrtausenden einer Massenausrottung zum Opfer gefallenen Planeten viele für einen Mythos halten. Uthacalthings Tochter Athaclena hat sich mit dem jungen Robert Oneagle, dem Sohn der Gouverneurin, in die Berge nahe der Hauptstadt zurückgezogen. Die beiden ungleichen Freunde werden dort bald zum Kristallisationspunkt des Widerstandes.
Nach den Delfinen aus "Startide Rising" präsentiert "The Uplift War" ein detailliertes Porträt der Chimps, die auf der einen Seite ihre menschlichen Patrone zu imitieren versuchen (etwa als Forscher an Universitäten), anderseits aber deutlich abweichende soziale Normen entwickelt haben. Wie die Neo-Delfine sind sie zwar geprägt vom Selektionsdruck des Uplift-Prozesses, haben sich allerdings auch viele Eigenheiten ihrer Vorfahren bewahrt. Sie benötigen viel Körperkontakt untereinander und leben üblicherweise in größeren Familiengruppen als ihre Förderer. So erscheinen sie überhaupt nicht als stark behaarte Menschen, sondern nur als die uns vertrauteste Gruppe der drei die Handlung bestimmenden Alienrassen.
Anders als die verwirrende Vielfalt der feindlichen Völker in "Startide Rising" werden die Gubru hier in all ihrer Fremdartigkeit sehr plastisch geschildert. Es sind vogelähnliche, dreigeschlechtliche Wesen, wobei offenbar nur bewährte Führungstrios die Geschlechtsreife erreichen. Ein solches Trio steht den unterschiedlichen Kasten der (vereinfacht kategorisiert) Krieger, Priester und Bürokraten vor und versucht gemeinsam politischen Konsenz zu erreichen. Hier geht allerdings manchmal erneut Brins verlorener Lyriker mit ihm durch, denn die Argumente in Versform fand ich doch gelegentlich anstrengend zu lesen.
Am faszinierendesten fand ich die Darstellung der scheinbar vertrauten und doch so fremden Tymbrini, die bereits in den vorherigen Bänden vorkamen. Ihre Empathie ermöglicht ihnen eine zweite, unterschwellige Kommunikation über sogenannte Glyphen, die für empathisch empfängliche Personen oberhalb ihrer in Tentakeln endenden Korona sichtbar Gestalt annehmen, und so verbindet Vater und Tochter auch über Hunderte von Kilometern ein schwaches emotionales Band. Athaclenas Freundschaft und Nähe zu Robert führt bei ihr dazu, daß sich ihr Körper weitestmöglich einem menschlichen annähert, während der 17jährige Robert rudimentäre empathische Fähigkeiten entwickelt. Das mündet in einer anrührenden Romanze, die zwar zu sehr intimen Momenten führt, allerdings keine sexuelle Komponente entwickeln kann (wir sind hier nicht bei Star Trek, wo praktisch alle Aliens trotz unterschiedlicher Gesichts- und Ganzkörperprothesen doch sexuell oder gar genetisch kompatibel sind).
Mit seinem Uplift-Universum hat David Brin eine der überzeugendsten "Welten" der modernen Science Fiction konstruiert. Zwar geht manchmal die Fantasie mit ihm durch, aber insgesamt sind seine Romane wohlstrukturiert. Seine Figuren sind plastisch, seine Aliens gehören zu den besterfundenen überhaupt, seine reichhaltige Sprache ist klar und (auch in den genannten Lyrik-Versuchen) zweckdienlich. Gelegentlich nutzt er allerdings ohne Grund sehr seltene Vokabeln, was bei mir eher einen angeberischen Eindruck macht. Für im Englischen ungeübte Leser sind seine Bücher im Original daher nur bedingt zu empfehlen. Während die ethischen Fragen des Uplift-Prozesses nur gestreift werden (wollen Schimpansen und Delfine eigentlich intelligener werden?), kann Brin in anderen Werken durchaus wissenschaftskritisch sein (Empfehlung: Earth von 1990). Die vorliegende Kindle-Edition der Trilogie ist praktisch fehlerfrei formatiert, allerdings ist die Kapiteleinteilung für den Lesefortschritt für meinen Geschmack zu grob (sie bezieht sich nicht auf die tatsächlichen Kapitel, sondern auf Abschnitte, die schon mal 50-100 Seiten umfassen können). Und wie bei allen Buchbündeln würde ich mir eine technische Möglichkeit wünschen, die Einzelromane für einen übersichtlicheren Lesefortschritt herauslösen zu können (bei Gesamtausgaben etwa von Dickens ist das noch gravierender, da dort das Einzelwerk nur wenige Prozent der Gesamtmasse ausmacht).
Das Uplift-Universum
Auch wenn Brin eine Handvoll toller Einzelromane veröffentlicht hat sowie an der Fortschreibung von Asimovs Foundation-Zyklus beteiligt war, besteht sein Hauptwerk wohl aus seinen sechs Uplift-Romanen. Die ersten drei waren wohl nicht wirklich als Trilogie konzipiert, können aber durchaus sinnvoll zusammen betrachtet werden. Einige hundert Jahre in der Zukunft ist es der Menschheit gelungen, ausgewählten Schimpansen und Delfinen durch genetische Manipulationen menschenähnliche Intelligenz zu verleihen, inklusive Sprachfähigkeit und (bei Delfinen durch ausgeklügelte mechanische Aufsätze) des Gebrauchs komplexer Werkzeuge. Dies stellt sich als entscheidender Vorteil und gleichzeitig Stein des Anstoßes dar bei der ersten Begegnung mit außerirdischen Intelligenzen. Es gibt nämlich eine Milliarden Jahre alte Gemeinschaft der galaktischen (sauerstoff-atmenden) Zivilisationen, die ihre Herkunft alle auf die "Progenitoren" zurückführen, die dereinst Intelligenz in der Galaxis verbreitet haben. Unterstützt durch eine unvorstellbar umfassende galaktische (natürlich digitale) Bibliothek, verstehen diese Völker unabhängig von (durchaus auch kriegerisch ausgefochtenen) Differnzen ihre Hauptaufgabe in der Bewahrung der ökologischen Vielfalt und dem "Uplift" geeigneter Lebensformen zu wiederum intelligenten Mitgliedern der Gemeinschaft, was allerdings eine streng hierarchische Rangordnung zwischen "Patronen" (Förderern) und "Clienten" bedingt. Die Rasse der menschlichen "Wölflinge" ist somit eine Kuriosität, da sie zwar keine Förderer, aber bereits zwei prestigeträchtige Clientenrassen vorweisen kann (die im folgenden Chimps und Neo-Delfine genannt werden).
Sundiver (1980)
Brins ersten veröffentlichter Roman sollte man als eine Einführung in sein Uplift-Universum lesen. Für sich allein ist er nicht besonders gelungen. Die Mischung aus Kriminalgeschichte, wissenschaftlicher Spekulation und philosophischen Exkursen funktioniert nur bedingt. Die Hauptfigur ist als Kombination eines Detektivs mit einem Forscher, der möglicherweise auch noch schizophren ist, überfrachtet und unglaubwürdig. Die sicherlich gut recherchierten physikalischen Details bei der Erforschung der Sonnenkorona (und die dortige Suche nach den möglichen Patronen der Menschheit) wirken ermüdend. Fragwürdig ist die "utopische" Gesellschaft, in der potentiell gewalttätige Menschen weniger Bürgerrechte haben und mittels implantierter Chips überwacht werden. Dies scheint mir eine unreflektierte Fortschreibung der naiven US-amerikanischen Haltung, nach der man zur Wahrung der Zivilisation die "schlechten" Menschen wegsperren muß - was heute schon dazu führt, daß ein Prozent der erwachsenen amerikanischen Männer im Knast einsitzen.
Startide Rising (1983)
Der Nachfolger war dann bereits von ganz anderem Kaliber (und nebenbei auch deutlich länger) und gewann prompt den Hugo für den besten Roman des Jahres. Jahrzehnte nach den Ereignissen von "Sundiver" erzählt er die turbulenten und das Schicksal der Menschheit prägenden Abenteuer des ersten von Delfinen kommandierten Raumschiffes. Es gelingt Brin, diese auf den ersten Blick unwahrscheinliche Situation plausibel zu machen. Die "Streaker" hat flutbare Kabinen und natürlich ein ausgefuchstes System von Schleusen, um ein Zusammenleben der delfinischen Crew, der menschlichen Beobachter und eines einsamen Chimp-Wissenschaftlers zu ermöglichen. Leider tritt die Expedition schnell in ein Fettnäpfchen galaktischen Ausmaßes, als sie auf einen uralten Weltraumfriedhof in möglichem Zusammenhang mit den mysteriösen Progenitoren trifft und aus unklaren Gründen ihre Erkenntnisse nicht sofort mit den galaktischen Nachbarn teilt. Eine Hetzjagd beginnt, bei der die Streaker auf einem Wasserplaneten Zuflucht sucht (was ihrer Crew natürlich entgegenkommt). Es ist schon fabelhaft, wie hier eine im wesentlichen fremde Lebensform geschildert wird. Die Neo-Delfine sind Poeten (was Brin in nicht immer gelungene Haikus formt), aber auch formidable Kämpfer. Ihre soziale Struktur ist deutlich nicht-menschlich, mit Besonderheiten in Rangordnung und Sexualität, die die Eigenarten ihrer unbefangenen, fröhlichen, die irdischen Meere bevölkernden Ahnen plausibel fortschreibt. Die Erzählung wechselt zwischen etwa einem Dutzend Perspektiven, wobei den menschlichen Charakteren dann doch etwa die Hälfte der Aufmerksamkeit eingeräumt wird. Daneben gibt es immer wieder kurze Impressionen der verschiedenen rivalisierenden Aliens, die sich im Planetensystem an der Jagd beteiligen. In der dadurch bedingten starken Zersplitterung ist für mich eine Schwäche des Romans begründet, sie erfordert eine hohe Aufmerksamkeit, und trotzdem erscheinen die unzähligen beteiligten Alien-Rassen dann recht beliebig (nicht umsonst wurde nachträglich ein illustrierter Führer durch das Uplift-Universum veröffentlicht). Trotzdem lohnt sich die Anstrengung, denn die Hauptfiguren wachsen dem Leser doch sehr ans Herz, und die Handlung ist spannend und reich an Action.
The Uplift War (1987)
Den dritten Uplift-Roman würde ich vorsichtig als Höhepunkt von David Brins Werk betrachten (ich habe praktisch alles von ihm gelesen, aber manches ist mir nur noch dunkel in Erinnerung). Er hatte in der Zwischenzeit drei weitere Romane veröffentlicht und ganz offenbar seine Erzählkünste perfektioniert. Erneut mit dem Hugo ausgezeichnet, ist "The Uplift War" brillant, vielschichtig, und trotz einer nochmals verdoppelten Länge unendlich unterhaltsam. Die Handlung spielt auf dem von Menschen und Chimps kolonisierten Planeten Garth, kurz nach den Ereignissen in "Startide Rising" (über das weitere Schicksal der Streaker erfährt man aber nichts). Die übermächtigen Gubru annektieren den Planeten und drängen die Erdlinge in einen Guerilla-Widerstand.
Brin konzentriert sich diesmal auf eine Handvoll von Erzählperspektiven. Da ist Chimp-Leutnant Fiben, der sich nach dem Abschuß seines Schiffes auf den Planeten retten kann und dort u.a. auf die zwei sehr unterschiedliche Chimmies (Schimpansen-Damen) Sylvie und Gailet trifft. Der Tymbrini-Botschafter Uthacalthing ist mit dem Botschafter Kault der mächtigen, bislang neutralen Thenannin ebenfalls auf der Flucht vor den Invasoren. Die den Erdlingen wohlgesonnenen Tymbrini sind in der äußeren Form grob menschenähnliche Empathen, die ihre Gestalt in Grenzen ihrer Umwelt anpassen können. Mit den Menschen verbindet sie auch ein ausgeprägter Humor. Uthacalthing plant einen gewaltigen Scherz auf Kosten der Gubru, unter Einbeziehung der legendären Garthlinge, einer zum Uplift bereiten höheren Säugetierart, deren Existenz auf dem vor Jahrtausenden einer Massenausrottung zum Opfer gefallenen Planeten viele für einen Mythos halten. Uthacalthings Tochter Athaclena hat sich mit dem jungen Robert Oneagle, dem Sohn der Gouverneurin, in die Berge nahe der Hauptstadt zurückgezogen. Die beiden ungleichen Freunde werden dort bald zum Kristallisationspunkt des Widerstandes.
Nach den Delfinen aus "Startide Rising" präsentiert "The Uplift War" ein detailliertes Porträt der Chimps, die auf der einen Seite ihre menschlichen Patrone zu imitieren versuchen (etwa als Forscher an Universitäten), anderseits aber deutlich abweichende soziale Normen entwickelt haben. Wie die Neo-Delfine sind sie zwar geprägt vom Selektionsdruck des Uplift-Prozesses, haben sich allerdings auch viele Eigenheiten ihrer Vorfahren bewahrt. Sie benötigen viel Körperkontakt untereinander und leben üblicherweise in größeren Familiengruppen als ihre Förderer. So erscheinen sie überhaupt nicht als stark behaarte Menschen, sondern nur als die uns vertrauteste Gruppe der drei die Handlung bestimmenden Alienrassen.
Anders als die verwirrende Vielfalt der feindlichen Völker in "Startide Rising" werden die Gubru hier in all ihrer Fremdartigkeit sehr plastisch geschildert. Es sind vogelähnliche, dreigeschlechtliche Wesen, wobei offenbar nur bewährte Führungstrios die Geschlechtsreife erreichen. Ein solches Trio steht den unterschiedlichen Kasten der (vereinfacht kategorisiert) Krieger, Priester und Bürokraten vor und versucht gemeinsam politischen Konsenz zu erreichen. Hier geht allerdings manchmal erneut Brins verlorener Lyriker mit ihm durch, denn die Argumente in Versform fand ich doch gelegentlich anstrengend zu lesen.
Am faszinierendesten fand ich die Darstellung der scheinbar vertrauten und doch so fremden Tymbrini, die bereits in den vorherigen Bänden vorkamen. Ihre Empathie ermöglicht ihnen eine zweite, unterschwellige Kommunikation über sogenannte Glyphen, die für empathisch empfängliche Personen oberhalb ihrer in Tentakeln endenden Korona sichtbar Gestalt annehmen, und so verbindet Vater und Tochter auch über Hunderte von Kilometern ein schwaches emotionales Band. Athaclenas Freundschaft und Nähe zu Robert führt bei ihr dazu, daß sich ihr Körper weitestmöglich einem menschlichen annähert, während der 17jährige Robert rudimentäre empathische Fähigkeiten entwickelt. Das mündet in einer anrührenden Romanze, die zwar zu sehr intimen Momenten führt, allerdings keine sexuelle Komponente entwickeln kann (wir sind hier nicht bei Star Trek, wo praktisch alle Aliens trotz unterschiedlicher Gesichts- und Ganzkörperprothesen doch sexuell oder gar genetisch kompatibel sind).
Zusammenfassung
Mit seinem Uplift-Universum hat David Brin eine der überzeugendsten "Welten" der modernen Science Fiction konstruiert. Zwar geht manchmal die Fantasie mit ihm durch, aber insgesamt sind seine Romane wohlstrukturiert. Seine Figuren sind plastisch, seine Aliens gehören zu den besterfundenen überhaupt, seine reichhaltige Sprache ist klar und (auch in den genannten Lyrik-Versuchen) zweckdienlich. Gelegentlich nutzt er allerdings ohne Grund sehr seltene Vokabeln, was bei mir eher einen angeberischen Eindruck macht. Für im Englischen ungeübte Leser sind seine Bücher im Original daher nur bedingt zu empfehlen. Während die ethischen Fragen des Uplift-Prozesses nur gestreift werden (wollen Schimpansen und Delfine eigentlich intelligener werden?), kann Brin in anderen Werken durchaus wissenschaftskritisch sein (Empfehlung: Earth von 1990). Die vorliegende Kindle-Edition der Trilogie ist praktisch fehlerfrei formatiert, allerdings ist die Kapiteleinteilung für den Lesefortschritt für meinen Geschmack zu grob (sie bezieht sich nicht auf die tatsächlichen Kapitel, sondern auf Abschnitte, die schon mal 50-100 Seiten umfassen können). Und wie bei allen Buchbündeln würde ich mir eine technische Möglichkeit wünschen, die Einzelromane für einen übersichtlicheren Lesefortschritt herauslösen zu können (bei Gesamtausgaben etwa von Dickens ist das noch gravierender, da dort das Einzelwerk nur wenige Prozent der Gesamtmasse ausmacht).
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