Tom Cruise war mal ein Garant für unterhaltsame Actionfilme, aber zu viele Flops wie Oblivion, Jack Reacher oder gar Knight and Day haben dieses Image in den letzten Jahren doch ziemlich geschwächt. So ist es schade, aber nicht überraschend, daß kaum jemand es merkt, wenn er wieder zu alter Form zurückfindet. Edge of Tomorrow ist spannend, clever und überaus amüsant. Cruise ist überzeugend und findet den richtigen Grad an Selbstironie in der Rolle des ängstlichen PR-Soldaten, der plötzlich selbst an die Front gerät und (natürlich) zuletzt in die Heldenrolle hineinwächst. Der an Computerspiele erinnernde Kniff, nach dem er bei jedem Tod wieder zum selben (gespeicherten) Zeitpunkt zurückkehrt und seine Erfahrung zur Verbesserung des nächsten Durchgangs nutzen kann, ist intelligent in die Handlung integriert und technisch brillant inszeniert. Wichtig für den Sehgenuß: Die innere Logik dieses futuristischen Films über den Kampf gegen eine Alien-Invasion bleibt intakt.
Und dann kann Bourne-Regisseur Doug Liman in dieser Verfilmung eines Graphic Novel noch mit einer besonderen Geheimwaffe aufwarten: Emily Blunt ist jenes seltene Pflänzlein, eine englische Rose, die schauspielern kann, eine Schönheit, die hier als Elitesoldatin eindrucksvolle (hoffentlich nur getrickste) Muskelpakete zur Schau stellt. Seit ihrem Durchbruch als magersüchtige Assistentin von Meryl Streep in Der Teufel trägt Prada hat die 31jährige eine erstaunliche Wandlungsfähigkeit unter Beweis gestellt, ob sie nun Tom Hanks in Der Krieg des Charlie Wilson mit ihren Kurven verführt oder in Young Victoria die zugeknöpfte junge Königin spielt. In ihrem ersten SF-Spektakel, dem überschätzten Looper mit Bruce Willis, wirkte sie noch unterfordert, aber in Edge of Tomorrow überzeugt sie auf ganzer Linie.
Sehr gut (8/10)!
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Montag, 9. Juni 2014
Sonntag, 1. Juni 2014
Die Hugo-nominierten Kurzgeschichten
Kurzgeschichten sind nicht so mein Ding. Vielleicht liegt es daran, daß ich mehr an Charakteren als an Ideen interessiert bin, und mich zudem eher klassische als experimentelle Erzählformen ansprechen. Wie auch immer, abgesehen von einigen Meistern (Sturgeon, Dick, Böll, LeGuin) lese ich Kurzgeschichten nur sporadisch und tue mich daher ein wenig schwer, diese Kategorie zu beurteilen.
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
In den goldenen Jahrzehnten der SF war auch für etablierte Autoren die Veröffentlichung in den damals zahlreichen SF-Magazinen überlebenswichtig. Heute scheinen sich viele Genrevertreter gleich mit epischen Trilogien etablieren zu wollen. Trotzdem sind die Kurzformen sicher auch heute noch eine Spielwiese für junge Talente. Dank des elektronischen Voter-Packets werde ich die Gelegenheit nutzen, alle nominierten Werke zu sichten. Zufällig stehen sie bereits in der Reihenfolge meiner Wertung, von Platz 4 bis Platz 1:
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
Sonntag, 25. Mai 2014
Heiteres Chaos: Beziehungsweise New York (8/10)
Schon der Vorspann bestimmt den Ton für diese französische Komödie von Cédric Klapisch, mit dem unnötig eingedeutschten Titel Beziehungsweise New York (im Original Casse-tête chinois = Chinesisches Puzzle). Verspielt und von heiterer Musik untermalt werden Puzzle-Teile verschoben, bis sie den Blick auf die Hauptbeteiligten freigeben. Da sind sie wieder: Xavier der chaotisch-romantische Schriftsteller, seine französische Ex Martine, seine große Liebe Wendy und seine lesbische Kumpanin Isabelle. Diese vier Figuren sind übriggeblieben aus dem europäischen Schmelztiegel der Auberge Espagnole in Barcelona (2002) und der Hochzeit mit Hindernissen von Wendys Bruder William in St. Petersburg (2005). Diesmal treffen sie sich im Big Apple: in Chinatown, in Brooklyn, am Central Park. Sie sind mit ihren Darstellern (Romain Duris, Audrey Tautou, Kelly Reilly, Cécile de France) älter geworden, und vielleicht ein wenig klüger? Inzwischen gibt es eine nächste Generation. Xavier und Wendy haben zwei Kinder, genau wie Martine, und dann ist noch ein Patchwork-Baby von Isabelle geplant, das sie mit ihrer Freundin Ju (Sandrine Holt) aufziehen möchte.
Xavier beschreibt in diesen Filmen den Roman seines Lebens, vielleicht romantisch geglättet und mit glücklichen Fügungen, die man so nur erfinden kann, und spielt ein wenig mit der Chronologie. Diesmal springt die Erzählung in der ersten Hälfte leichtfüßig zwischen den Ereignissen in NY und der Vorgeschichte hin und her, um dann für das Finale in Richtung (vorläufiges) Happy End ein wenig konventionell zu geraten. Aber man verbringt gern zwei Stunden mit diesen sympathisch-verrückten Personen, schmunzelt über ihre Verfehlungen (auch wenn Isabelle einmal zu heftig in die Macho-Rolle gedrängt wird) und darf auch mal laut lachen, etwa wenn Martine in einer herrlich überzogenen Präsentation für Bio-Tee ihr Mandarin zur Geltung bringt.
Wie bei den Vorgängern entfaltet sich der Spaß nur in der Originalfassung richtig, wenn Wendy und Xavier mit Englisch und Französisch jonglieren und zwischendurch ein wenig Spanisch einwerfen - das Jahr in Barcelona hat sie in dieser Hinsicht für alle Eventualitäten vorbereitet. Und wenn sich auch viele Szenen aus Klischees speisen, so sind es doch selten gezeigte Klischees (ganz im Gegensatz zu Julie Delpys misslungenem 2 Tage New York vom vorletzten Jahr) Die leichte jugendliche Überladung des ersten Films weicht hier einer willkommenen Konzentration auf die Lebensmitte, ohne altersweise wirken zu wollen. Oder einfacher ausgedrückt: Auch mit 40 kann man noch Spaß haben! Sehr gut (8/10).
Xavier beschreibt in diesen Filmen den Roman seines Lebens, vielleicht romantisch geglättet und mit glücklichen Fügungen, die man so nur erfinden kann, und spielt ein wenig mit der Chronologie. Diesmal springt die Erzählung in der ersten Hälfte leichtfüßig zwischen den Ereignissen in NY und der Vorgeschichte hin und her, um dann für das Finale in Richtung (vorläufiges) Happy End ein wenig konventionell zu geraten. Aber man verbringt gern zwei Stunden mit diesen sympathisch-verrückten Personen, schmunzelt über ihre Verfehlungen (auch wenn Isabelle einmal zu heftig in die Macho-Rolle gedrängt wird) und darf auch mal laut lachen, etwa wenn Martine in einer herrlich überzogenen Präsentation für Bio-Tee ihr Mandarin zur Geltung bringt.
Wie bei den Vorgängern entfaltet sich der Spaß nur in der Originalfassung richtig, wenn Wendy und Xavier mit Englisch und Französisch jonglieren und zwischendurch ein wenig Spanisch einwerfen - das Jahr in Barcelona hat sie in dieser Hinsicht für alle Eventualitäten vorbereitet. Und wenn sich auch viele Szenen aus Klischees speisen, so sind es doch selten gezeigte Klischees (ganz im Gegensatz zu Julie Delpys misslungenem 2 Tage New York vom vorletzten Jahr) Die leichte jugendliche Überladung des ersten Films weicht hier einer willkommenen Konzentration auf die Lebensmitte, ohne altersweise wirken zu wollen. Oder einfacher ausgedrückt: Auch mit 40 kann man noch Spaß haben! Sehr gut (8/10).
Sonntag, 18. Mai 2014
Zwiespältig: Jason Reitmans "Labor Day" (6/10)
Der erst 36jährige Jason Reitman (Sohn des Ghostbusters-Regisseurs Ivan) hatte bisher ein gutes Händchen bei der Auswahl seiner Projekte. Herausragend dabei die Verfilmung des Diablo-Cody-Drehbuchs Juno und seiner eigenen Adaption des Romans Up in the Air, mit denen er sich einen Namen als Experte für intelligente Komödien machte. Es ist durchaus verständlich, wenn er sich nun auch an anderen Stoffen versuchen möchte. Vorgänger Young Adult mit Charlize Theron war mit seinen tragikomischen Untertönen manchmal schon schwer zu ertragen. Aber mit der Adaption des 2009 erschienenen Romans von Joyce Maynard als seinem fünften Film kehrt er nun seinen erprobten Fähigkeiten wohl zu früh den Rücken. Reitman schafft zwar eine spannende Atmosphäre mit einigen schönen Szenen und schauspielerischen Glanzpunkten, die Zutaten mischen sich aber nicht zu einem befriedigenden Ganzen.
Labor Day spielt, bis auf einige Rückblenden und einen Epilog, am Labor-Day-Wochenende 1987, beschwört aber eher Rollenbilder der 60er herauf. Der entflohener Sträfling Frank (sympathisch: Josh Brolin, Hauptdarsteller aus No Country for Old Men) versteckt sich bei einer geschiedenen, psychisch labilen Mutter Adele (kompetent wie immer: Kate Winslet) und ihrem 13jährigen Sohn Henry und wächst binnen Tagen in die Rolle des Ehemanns und Vaters. Tobey Maguire liefert die Erzählstimme des älteren Henry, der auf dieses Schlüsselerlebnis seiner Jugend zurückblickt. Vielleicht wird in der Vorlage deutlich, ob diese Perspektive verklärt oder anderweitig verzerrt ist. Durch den Blickwinkel des Vorpubertierenden wird den Szenen zwischen Frank und Adele jdenfalls jegliche Erotik entzogen, und Henrys Gefühlswelt bleibt rätselhaft, besonders in seiner Begegnung mit der gleichaltrigen Eleanor. Diese wirkt in einer Mischung aus Zynismus und Verführung so bizarr, daß ich lange die These verfolgte, sie existiere nur in Henrys Vorstellung.
Im Ergebnis hat mich Labor Day über seine 111 Minuten zwar gefesselt, aber doch mehr und mehr verwirrt, um schließlich einen recht merkwürdigen Nachgeschmack zu hinterlassen. Ordentlich (6/10).
Labor Day spielt, bis auf einige Rückblenden und einen Epilog, am Labor-Day-Wochenende 1987, beschwört aber eher Rollenbilder der 60er herauf. Der entflohener Sträfling Frank (sympathisch: Josh Brolin, Hauptdarsteller aus No Country for Old Men) versteckt sich bei einer geschiedenen, psychisch labilen Mutter Adele (kompetent wie immer: Kate Winslet) und ihrem 13jährigen Sohn Henry und wächst binnen Tagen in die Rolle des Ehemanns und Vaters. Tobey Maguire liefert die Erzählstimme des älteren Henry, der auf dieses Schlüsselerlebnis seiner Jugend zurückblickt. Vielleicht wird in der Vorlage deutlich, ob diese Perspektive verklärt oder anderweitig verzerrt ist. Durch den Blickwinkel des Vorpubertierenden wird den Szenen zwischen Frank und Adele jdenfalls jegliche Erotik entzogen, und Henrys Gefühlswelt bleibt rätselhaft, besonders in seiner Begegnung mit der gleichaltrigen Eleanor. Diese wirkt in einer Mischung aus Zynismus und Verführung so bizarr, daß ich lange die These verfolgte, sie existiere nur in Henrys Vorstellung.
Im Ergebnis hat mich Labor Day über seine 111 Minuten zwar gefesselt, aber doch mehr und mehr verwirrt, um schließlich einen recht merkwürdigen Nachgeschmack zu hinterlassen. Ordentlich (6/10).
Sonntag, 11. Mai 2014
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Dramatische Präsentation, Kurzform)
Während der ersten Jahren nach der Aufteilung der Kategorie ab 2003 präsentierte sich die Kurzform zunächst als spannendes Feld, mit Nominierungen u.a. aus den Whedeon-Shows Buffy, Angel und Firefly. Erste Gewinner waren eine Episode aus der letzten Buffy-Staffel, Gollums Preisrede bei den MTV-Awards (ok, welcome to Nerdtown) und die Premiere der großartigen ersten Staffel von Battlestar Galactica. Leider entwickelte sich die Kategorie ab 2006 dann zunehmend zur Lachnummer. Sechsmal gewannen Dr.-Who-Folgen, durchbrochen nur durch den (fragwürdigen) Preis für Joss Whedons amüsantes Internet-Musical Dr. Horrible's Sing-Along Blog. Insgesamt gab es seitdem über 20 Nominierungen aus dem Reboot einer BBC-Kinderserie aus den 60ern, bevor letztes Jahr dieser Lauf durch den Höhepunkt der zweiten Staffel von "Game of Thrones" (Blackwater) gebrochen wurde. Nur wenige Folgen der weitaus komplexeren Shows Galactica, Lost, Dollhouse und zuletzt Fringe schafften es überhaupt in die Auswahl.
Tatsächlich gibt es momentan einen Mangel an preiswürdigen Genre-Shows. Die genannten Highlights haben bisher noch keine ebenbürtigen Genre-Nachfolger gefunden, abgesehen von der alles überragenden Fantasyserie Game of Thrones. Ich könnte ein paar unterhaltsame Fantasy-Shows nennen, unter ihnen die (trotz offenbarer Vorliebe für Whedon-Shows nicht nominierten) Agents of Shield, Grimm, Arrow (obwohl die zweite Staffel immer mehr überdreht) und sogar, trotz des religiösen Unsinns, Sleepy Hollow. Gute Science Fiction aber fehlt völlig, da gibt es nur Rohrkrepierer wie Continuum, Under The Dome und Almost Human sowie indiskutable Teenie-Seifenopern unter dem SF-Deckmantel (Star-Crossed). Daher habe ich auf eigene Nominierungen verzichtet. Herausgekommen ist folgendes (selbst die Moderatoren konnten sich bei der Bekanntgabe ein Schmunzeln nicht verkneifen):
Tatsächlich gibt es momentan einen Mangel an preiswürdigen Genre-Shows. Die genannten Highlights haben bisher noch keine ebenbürtigen Genre-Nachfolger gefunden, abgesehen von der alles überragenden Fantasyserie Game of Thrones. Ich könnte ein paar unterhaltsame Fantasy-Shows nennen, unter ihnen die (trotz offenbarer Vorliebe für Whedon-Shows nicht nominierten) Agents of Shield, Grimm, Arrow (obwohl die zweite Staffel immer mehr überdreht) und sogar, trotz des religiösen Unsinns, Sleepy Hollow. Gute Science Fiction aber fehlt völlig, da gibt es nur Rohrkrepierer wie Continuum, Under The Dome und Almost Human sowie indiskutable Teenie-Seifenopern unter dem SF-Deckmantel (Star-Crossed). Daher habe ich auf eigene Nominierungen verzichtet. Herausgekommen ist folgendes (selbst die Moderatoren konnten sich bei der Bekanntgabe ein Schmunzeln nicht verkneifen):
- An Adventure in Space and Time, written by Mark Gatiss, directed by Terry McDonough (BBC Television)
- Doctor Who: “The Day of the Doctor”, written by Steven Moffat, directed by Nick Hurran (BBC Television)
- Doctor Who: “The Name of the Doctor”, written by Steven Moffat, directed by Saul Metzstein (BBC Televison)
- The Five(ish) Doctors Reboot, written & directed by Peter Davison (BBC Television)
- Game of Thrones: “The Rains of Castamere”, written by David Benioff & D.B. Weiss, directed by David Nutter (HBO Entertainment in association with Bighead, Littlehead; Television 360; Startling Television and Generator Productions)
- Orphan Black: “Variations under Domestication” written by Will Pascoe, directed by John Fawcett (Temple Street Productions; Space/BBC America)
Zwiespältiger Kritikerliebling: die kanadische TV-Serie Orphan Black
Orphan Black ist eine spät zum Kritikerliebling gewordene Serie von BBC Kanada, die gerade auch in Deutschland angelaufen ist. Nachdem auch noch eine Folge für den Hugo nominiert wurde, habe ich mir die zehn Teile der ersten Staffel (à 45 Minuten) mal angeschaut (die zweite ist in Amerika bereits angelaufen). Das kanadische Fernsehen hat sicher eine Reihe unverbrauchter Schauplätze und Gesichter zu bieten, allerdings oft auch nur einen Bruchteil des Budgets der vergleichbaren US-amerikanischen Serien, mit für mich ein wenig zwiespältigen Ergebnissen. Mir scheint allerdings, daß gerade europäische Kritiker gern "anders" mit "besser" verwechseln. Wenn schon Toronto, hätte ich lieber noch weitere Staffeln der intelligenteren Heroes-Variante Alphas mit David Strathairn gesehen.
Im Mittelpunkt der hochgelobten SF-Serie steht die Kleinkriminielle Sarah Manning, eine junge Frau Ende Zwanzig mit mysteriöser Vergangenheit, die plötzlich in ein Netz von Intrigen gerät. Sie entdeckt, daß sie einer von mindestens neun genetisch identischen, gleichaltrigen (?) Clonen ist, alle übrigens bravourös, wenngleich nicht gerade mit subtiler Differenzierung gespielt von der bislang unbekannten Tatiana Maslany. Leider dient diese SF-Idee nur als Grundlage für eine zugegeben meist unterhaltsame Mischung aus Action, Thriller, Krimi und Sozialkomödie/-drama sowie einem Schuß Erotik/Romantik. Die wissenschaftlichen Aspekte werden nicht nur vernachlässigt, sondern sind teilweise eher lachhaft und wenig fundiert. Hinzu kommen bereits nach wenigen Folgen die inzwischen üblichen überraschenden Wendungen, die mehrfach die Geschichte auf den Kopf stellen und gähnende Logiklöcher erzeugen. Zudem ist mir nicht ganz klar, wie das ganze auf längere Sicht konsistent weitererzählt werden kann, ohne ins Lächerliche oder Abstruse abzugleiten. Bisher jedenfalls nicht übel, aber auch nichts Besonderes.
Im Mittelpunkt der hochgelobten SF-Serie steht die Kleinkriminielle Sarah Manning, eine junge Frau Ende Zwanzig mit mysteriöser Vergangenheit, die plötzlich in ein Netz von Intrigen gerät. Sie entdeckt, daß sie einer von mindestens neun genetisch identischen, gleichaltrigen (?) Clonen ist, alle übrigens bravourös, wenngleich nicht gerade mit subtiler Differenzierung gespielt von der bislang unbekannten Tatiana Maslany. Leider dient diese SF-Idee nur als Grundlage für eine zugegeben meist unterhaltsame Mischung aus Action, Thriller, Krimi und Sozialkomödie/-drama sowie einem Schuß Erotik/Romantik. Die wissenschaftlichen Aspekte werden nicht nur vernachlässigt, sondern sind teilweise eher lachhaft und wenig fundiert. Hinzu kommen bereits nach wenigen Folgen die inzwischen üblichen überraschenden Wendungen, die mehrfach die Geschichte auf den Kopf stellen und gähnende Logiklöcher erzeugen. Zudem ist mir nicht ganz klar, wie das ganze auf längere Sicht konsistent weitererzählt werden kann, ohne ins Lächerliche oder Abstruse abzugleiten. Bisher jedenfalls nicht übel, aber auch nichts Besonderes.
Sonntag, 4. Mai 2014
Klassiker auf Blu-ray #9: Good Morning Vietnam (Barry Levinson, 1987)
I see trees so green, red roses too
I see them bloom for me and you.
And I think to myself what a wonderful world.
I see skies so blue and clouds so white.
The bright blessed day, the dark sacred night.
And I think to myself what a wonderful world.
Während die unvergleichliche Stimme von Louis Armstrong fast zärtlich diese Liedzeilen intoniert, sieht man zunächst eine Idylle vietnamesische Dorfbewohner bei der Feldarbeit, die dann übergangslos (und ohne Klangeffekte) durch Bomben und Maschinengewehre in ein blutiges Chaos verwandelt wird. Man schreibt das Jahr 1965, und die "Polizeiaktion" in Südvietnam entpuppt sich als grausamer Krieg, bei dem abstrakte Ideologien aufeinanderstoßen und unzählige konkrete Menschen den Preis zahlen müssen.
Moderator Adrian Cronauer (Robin Williams) betrachtet sowohl seine militärische Hörerschaft als auch die vietnamesischen "Gastgeber" als Individuen. Es ist vielleicht eine naive Sichtweise, er ist der Idealist im Mikrokosmos der Radiostation in Saigon, wo nur zensierte Nachrichten verlesen werden, Nixon als unbefleckter Held gefeiert wird und Rock'n Roll des Teufels ist. Cronauers Nemesis ist Leutnant Steven Hauk (Bruno Kirby), der am liebsten Polkas auflegt und dessen sterilen "Readers Digest"-Witze im Vergleich mit Cronauers anarchischer, politisch nicht unbedingt korrekter Komik eher Mitleids- als Lachtränen verursachen. Und was können Polkas schon gegen James Brown, die Beach Boys und (im Geiste, da für den Soundtrack zu teuer) die Beatles ausrichten...
Good Morning Vietnam war ein seltenes perfektes Vehikel für Robin Williams, das Genie des improvisierten Monologs, der mit Wortspielen und Stimmimitationen scharfsinnige Beobachtungen des Weltgeschehen zu einer einzigartigen Komikmischung verbrämen konnte. Man sieht aber auch seine verletzliche Seite, spürt am Ende seine Enttäuschung und Frustration. Ihm zur Seite steht ein junger Forest "King of Scotland" Whitaker als enthusiastischer Assistent Edward Garlick ("als erstes müssen Sie mal Ihren Namen ändern, Herr Knoblauch"). Ein großes Lob auch an Regisseur Barry Levinson, der eine gute Balance zwischen Komik und Drama findet, Robin Williams laufen läßt wenn möglich und zügelt wenn notwendig. Das Drehbuch von Mitch Markowitz basiert zwar auf einer Episode aus dem Leben des Adrian Cronauer, nimmt sich aber so viele Freiheiten wie nötig.
Im Ergebnis ist diese sanfte Allegorie immer noch einer der besten Vietnamfilme, die Hollywood produziert hat. Schon 1987 war die Mischung von Komik und Kriegsgeschehen so umstritten, daß es nur eine einzige Oscar-Nominierung gab, immerhin für den Hauptdarsteller Robin Williams (gewonnen hat Michael Douglas für Wall Street). Die aus meiner Sicht besten Filme des Jahres schnitten bei den Oscars alle nicht besonders ab. Verstehen kann ich noch, daß der überragende Himmel über Berlin sich nicht bis zur amerikanischen Akademie durchgesprochen hatte, aber auch Rob Reiners erster Geniestreich, Die Braut des Prinzen, ging leer aus! Das dritte Meisterwerk des Jahres, John Boormans nostalgische Kindheitgeschichte aus dem bombenbelagerte London, Hoffnung und Ruhm, war immerhin nominiert. Gewonnen hat schließlich Bertoluccis mittelmäßiges, aufgeblähte Historienepos Der letzte Kaiser. Nun ja, Barry Levinson wurde im Folgejahr für Rain Man ausgezeichnet, während Robin Williams auf seinen Oscar noch zehn Jahre warten mußte (beste Nebenrolle für Good Will Hunting, 1997).
Herausragend (9/10)!
Sonntag, 27. April 2014
Hugo-nominiert: Ancillary Justice (Ann Leckie)
Ancillary Justice ist der erste Roman der Amerikanerin Ann Leckie, die zuvor nur Kurzgeschichten in verschiedenen SF-Magazinen veröffentlicht hatte. Er ist in diesem Jahr als einziges Werk dieser Kategorie sowohl für den Nebula (den Preis der amerikanischen SF- und Fantasy-Autoren) als auch den Hugo nominiert und geht somit ein wenig als Favorit ins Rennen.
Die Geschichte ist angesiedelt in einer Galaxis, die von mehreren hochtechnologisierten, systemumspannenden Zivilisationen geprägt ist. Ihre Raumschiffe beherrschen FTL und werden von künstlichen Intelligenzen gesteuert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Breq, eine geheimnisvolle Person, deren Herkunft in Rückblenden erzählt wird. Dadurch wechseln sich für etwa zwei Drittel des Buches zwei Erzählebenen ab. Schnell stellt sich heraus, daß Breq tatsächlich ein "Ancillary" ist/war, ein Avatar eines Raumschiffes mit künstlicher Intelligenz, dessen Zerstörung Breq allein zurückließ. Vor allem diese originelle Figur kam bei vielen Kritikern gut an.
Übrigens wird auf alle Figuren meist geschlechtsneutral in der weiblichen Form Bezug genommen. Das ist als Konzept ganz interessant, wirkt aber auf Dauer leicht nervig. Zudem ist nicht ganz nachvollziebar, warum Breq bei all ihrer Erfahrung scheinbar das Geschlecht anderer nicht zuverlässig identifizieren kann. Immerhin ist die Hauptfigur damit auch in keine Romanzen eingebunden - menschliche Beziehungen werden meist beiläufig und oberflächlich geschildert, bis auf die zentralen Charaktere (Breq und zwei ihrer menschlichen Leutnants).
Leider sind gerade die Rückblenden recht dröge und anstrengend zu lesen. Die geschilderte Technologie erinnert ein wenig an Ian M. Banks' Culture-Romane, es fehlen aber deren Komplexität und Verspieltheit. Es dauert lange, bis man mit Breq warm wird, und eigentlich ist man erst im letzten Drittel wirklich gefesselt. Dann stellt sich leider heraus, daß dies als erster Teil einer Trilogie konzipiert ist, was bei mir insgesamt einen unbefriedigten Nachgeschmack verursacht hat. Warum üben sich junge Autoren neuerdings nicht mehr in abgeschlossenen, kürzeren Werken? Der Fortsetzungswahn führt oft nur zu überambitonierten, aufgeblähten Werken. So sehe ich bei Ann Leckie zwar Potential, bin von diesem Roman aber doch enttäuscht.
Die Geschichte ist angesiedelt in einer Galaxis, die von mehreren hochtechnologisierten, systemumspannenden Zivilisationen geprägt ist. Ihre Raumschiffe beherrschen FTL und werden von künstlichen Intelligenzen gesteuert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Breq, eine geheimnisvolle Person, deren Herkunft in Rückblenden erzählt wird. Dadurch wechseln sich für etwa zwei Drittel des Buches zwei Erzählebenen ab. Schnell stellt sich heraus, daß Breq tatsächlich ein "Ancillary" ist/war, ein Avatar eines Raumschiffes mit künstlicher Intelligenz, dessen Zerstörung Breq allein zurückließ. Vor allem diese originelle Figur kam bei vielen Kritikern gut an.
Übrigens wird auf alle Figuren meist geschlechtsneutral in der weiblichen Form Bezug genommen. Das ist als Konzept ganz interessant, wirkt aber auf Dauer leicht nervig. Zudem ist nicht ganz nachvollziebar, warum Breq bei all ihrer Erfahrung scheinbar das Geschlecht anderer nicht zuverlässig identifizieren kann. Immerhin ist die Hauptfigur damit auch in keine Romanzen eingebunden - menschliche Beziehungen werden meist beiläufig und oberflächlich geschildert, bis auf die zentralen Charaktere (Breq und zwei ihrer menschlichen Leutnants).
Leider sind gerade die Rückblenden recht dröge und anstrengend zu lesen. Die geschilderte Technologie erinnert ein wenig an Ian M. Banks' Culture-Romane, es fehlen aber deren Komplexität und Verspieltheit. Es dauert lange, bis man mit Breq warm wird, und eigentlich ist man erst im letzten Drittel wirklich gefesselt. Dann stellt sich leider heraus, daß dies als erster Teil einer Trilogie konzipiert ist, was bei mir insgesamt einen unbefriedigten Nachgeschmack verursacht hat. Warum üben sich junge Autoren neuerdings nicht mehr in abgeschlossenen, kürzeren Werken? Der Fortsetzungswahn führt oft nur zu überambitonierten, aufgeblähten Werken. So sehe ich bei Ann Leckie zwar Potential, bin von diesem Roman aber doch enttäuscht.
Montag, 21. April 2014
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Dramatische Präsentation, Langform)
Bis 2002 gab es hier nur eine Kategorie, bevor zwischen Kurz- und Langform unterschieden wurde. Hier können nicht nur Filme und Fernsehserien/-folgen berücksichtigt werden, sondern auch z.B. Hörspiele.
Einige prominente Gewinner (siehe Wikipedia):
- 2001: A Space Odyssee (1969)
- Nachrichtenbilder von der Apollo 11 (Mondlandung: 1970)
- Sleeper (Woody Allen, 1974)
- Star Wars (1978)
- Blade Runner (1983)
- Galaxy Quest (2000)
- eine TNG-Folge, zwei Babylon-5-Folgen
Meine Nominierungen waren:
- Game of Thrones, Staffel 3
- Her
- Only Lovers Left Alive
- The World's End
- Iron Man 3
Nun ja, man kann halt träumen - hier die Nominierungen, die sich durchgesetzt haben:
BEST DRAMATIC PRESENTATION (LONG FORM) (995 ballots)
- Frozen screenplay by Jennifer Lee, directed by Chris Buck & Jennifer Lee (Walt Disney Studios)
- Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films; Warner Bros.)
- The Hunger Games: Catching Fire screenplay by Simon Beaufoy & Michael Arndt, directed by Francis Lawrence (Color Force; Lionsgate)
- Iron Man 3 screenplay by Drew Pearce & Shane Black, directed by Shane Black (Marvel Studios; DMG Entertainment; Paramount Pictures)
- Pacific Rim screenplay by Travis Beacham & Guillermo del Toro, directed by Guillermo del Toro (Legendary Pictures, Warner Bros., Disney Double Dare You)
Frozen (Die Eiskönigin) ist natürlich indiskutabel, selbst das Märchenelement (Fantasy mag ich das nicht nennen) ist vollkommen verhunzt.
Gravity ist ein toller Film, aber keine Science Fiction (das waren die Bilder von der Mondlandung aber wahrscheinlich auch nicht).
Catching Fire geht in Ordnung, Pacific Rim eher nicht. Mit Iron Man 3 geht meine einzige Nominierung ins Rennen, wahrscheinlich ohne viele Chancen. Ich werde wohl doch für "Gravity" stimmen müssen...
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Fiction)
Der Hugo Gernsback Award für Science Fiction und Fantasy wird seit 1953 vergeben, seit 1963 durch die Teilnehmer des jährlichen SF-WorldCons, einer Versammlung von Fans aus aller Welt. Dieses Jahr findet er im August in London statt, es werden um die 5000 Teilnehmer erwartet. Aus kommerzieller Sicht und bezogen auf die Medienwirkung ist dies immer noch eine marginale Veranstaltung, keinesfalls vergleichbar etwa mit dem ComiCon, der inzwischen eine Schlüsselfunktion für das Marketing von Filmen und TV-Serien des Genres hat.
Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:
Best Novel (1595 nominating ballots)
Best Novella (847 nominating ballots)
Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:
Best Novel (1595 nominating ballots)
- Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)
- Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
- Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
- Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
- The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
Best Novella (847 nominating ballots)
- The Butcher of Khardov, Dan Wells (Privateer Press)
- “The Chaplain’s Legacy”, Brad Torgersen (Analog, Jul-Aug 2013)
- “Equoid”, Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
- Six-Gun Snow White, Catherynne M. Valente (Subterranean Press)
- “Wakulla Springs”, Andy Duncan and Ellen Klages (Tor.com, 10-2013)
- “Opera Vita Aeterna”, Vox Day (The Last Witchking, Marcher Lord Hinterlands)
- “The Exchange Officers”, Brad Torgersen (Analog, Jan-Feb 2013)
- “The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com/Tor.com, 09-2013)
- “The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang (Subterranean, Fall 2013)
- “The Waiting Stars”, Aliette de Bodard (The Other Half of the Sky, Candlemark & Gleam)
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
Sonntag, 20. April 2014
Nur das Chaos ist erstaunlich: Amazing Spider Man 2 (4/10)
Hollywoods Marketingabteilungen versorgen inzwischen zuverlässig jede Generation mit den Filmen, die sie verdient. Aber brauchen wir wirklich jedes Jahrzehnt einen neuen Spider Man? Und welche Altersgruppe soll sich jetzt angesprochen fühlen? Ich jedenfalls halte es mal mit Murtaugh: I'm too old for that shit!
Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.
Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!
Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!
Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).
Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.
Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!
Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!
Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).
Dienstag, 15. April 2014
Donnerschlag: Captain America 2 (8/10)
Nach Anfangsschwierigkeiten wie dem missglückten Hulk-Reboot mit Edward Norton (2008) sind Marvels Avengers-Abenteuer nun ein Garant für unbeschwerte Unterhaltung und übertreffen darin jedes andere Franchise der letzten Jahre. So ist auch der zweite Captain-America-Film nicht nur ein fulminantes Sequel des (abgesehen vom Incredible Hulk) bisher schwächsten Beitrags der Reihe, sondern treibt auch den übergeordneten Handlungsfaden mächtig voran. Und als Sahnehäubchen gibt es den Auftritt eines Veteranen des politischen Thrillers, Altstar Robert Redford, als SHIELD-"Aufsichtsrat" mit zweifelhafter Loyalität.
Während die Einführung von Captain America die schwere Aufgabe hatte, das Konzept des patriotischen Weltkriegshelden einem jungen Publikum zu vermitteln, ist Steve Rogers nun in der modernen Welt angekommen. Immer noch ein Anachronismus, ist er doch auch der "menschlichste" der Superheldenriege. Es ist also eine gute Idee, ihn nicht gegen größenwahnsinnige Mutanten oder gar Außerirdische ins Rennen zu schicken. Stattdessen findet er sich inmitten einer Verschwörung innerhalb der Organisation Shield wieder, deren Ausmaße ziemlich schnell selbst Direktor Fury (Samuel L. Jackson extra-cool) in Lebensgefahr bringen. Und mit dem titelgebender Gegenspieler, dem "Wintersoldaten", begegnet dem braven Captain ein dunkles Spiegelbild.
Im Mittelpunkt steht das Thema Vertrauen - nicht nur im großen Zusammenhang des inzwischen undurchschaubaren Molochs Shield, sondern auch im unfreiwillig zusammengewürfelten Team des Captains. Während der neu eingeführte "Falcon" (Anthony Mackie) noch etwas blass bleibt, spielt Scarlett Johansson als Agentin Natascha Romanov aka Black Widow eine vollwertige zweite Hauptrolle. Dankenswerterweise wird hier keine Romanze aufgebaut. Das wäre auch verfrüht, denn für Steve Rogers liegt die Trennung von seiner geliebten Peggy ja subjektiv nur wenige Monate zurück. Aber es gibt herrliche verbale Schlagabtäusche zwischen den beiden, und bei den Prügeleien zeigt sich nur im direkten Vergleich der Quantensprung zwischen Topagentin und Superheld. Scarlett Johansson ist nicht nur eine der attraktivsten Schauspielerinnen ihrer Generation, sondern nun auch der coolste weibliche Actionstar der letzten Jahre (nebenbei erwartet die Powerfrau bald ihr erstes Kind, weswegen sogar der Drehplan für die Avengers 2 umgestellt wurde).
Christopher Markus und Stephen McFeely, als Drehbuchteam bereits für Cap1 und Thor2 zuständig, und das Regieteam, die vom Fernsehen (Arrested Development) kommenden relativen Neulinge Anthony und Joe Russo, haben also gute Arbeit geleistet. Und Chris Evans mag immer noch der Avenger mit dem geringsten Charisma sein, füllt seine Uniform aber inzwischen sehr selbstbewußt. Ohne zuviel über die Handlung zu verraten: Dieser Film ist (auch ohne Thor) ein Donnerschlag, der das Avengers-Universum zertrümmert, mit unabsehbaren Konsequenzen für die weiteren Folgen, und das weitaus beste Sequel der Reihe. Sehr gut (8/10)!
Als nächstes stehen ja die Guardians of the Galaxy auf dem Programm, die das SF-Element betonen werden, bevor dann 2015 der zweite Ensemblefilm ansteht. Währenddessen hat auch die ansonsten eher vor sich hin dümpelnde Fernsehserie um den wieder auferstandenen Agent Coulsen einen Quantensprung gemacht, der sich von langer Hand geplant in die Ereignisse von The First Avenger Returns (so ein alternativer Titel) einpasst. Wenn die Superhelden Feierabend machen, müssen halt die "Agents of S.H.I.E.L.D." ran - es bleibt spannend!
Während die Einführung von Captain America die schwere Aufgabe hatte, das Konzept des patriotischen Weltkriegshelden einem jungen Publikum zu vermitteln, ist Steve Rogers nun in der modernen Welt angekommen. Immer noch ein Anachronismus, ist er doch auch der "menschlichste" der Superheldenriege. Es ist also eine gute Idee, ihn nicht gegen größenwahnsinnige Mutanten oder gar Außerirdische ins Rennen zu schicken. Stattdessen findet er sich inmitten einer Verschwörung innerhalb der Organisation Shield wieder, deren Ausmaße ziemlich schnell selbst Direktor Fury (Samuel L. Jackson extra-cool) in Lebensgefahr bringen. Und mit dem titelgebender Gegenspieler, dem "Wintersoldaten", begegnet dem braven Captain ein dunkles Spiegelbild.
Im Mittelpunkt steht das Thema Vertrauen - nicht nur im großen Zusammenhang des inzwischen undurchschaubaren Molochs Shield, sondern auch im unfreiwillig zusammengewürfelten Team des Captains. Während der neu eingeführte "Falcon" (Anthony Mackie) noch etwas blass bleibt, spielt Scarlett Johansson als Agentin Natascha Romanov aka Black Widow eine vollwertige zweite Hauptrolle. Dankenswerterweise wird hier keine Romanze aufgebaut. Das wäre auch verfrüht, denn für Steve Rogers liegt die Trennung von seiner geliebten Peggy ja subjektiv nur wenige Monate zurück. Aber es gibt herrliche verbale Schlagabtäusche zwischen den beiden, und bei den Prügeleien zeigt sich nur im direkten Vergleich der Quantensprung zwischen Topagentin und Superheld. Scarlett Johansson ist nicht nur eine der attraktivsten Schauspielerinnen ihrer Generation, sondern nun auch der coolste weibliche Actionstar der letzten Jahre (nebenbei erwartet die Powerfrau bald ihr erstes Kind, weswegen sogar der Drehplan für die Avengers 2 umgestellt wurde).
Christopher Markus und Stephen McFeely, als Drehbuchteam bereits für Cap1 und Thor2 zuständig, und das Regieteam, die vom Fernsehen (Arrested Development) kommenden relativen Neulinge Anthony und Joe Russo, haben also gute Arbeit geleistet. Und Chris Evans mag immer noch der Avenger mit dem geringsten Charisma sein, füllt seine Uniform aber inzwischen sehr selbstbewußt. Ohne zuviel über die Handlung zu verraten: Dieser Film ist (auch ohne Thor) ein Donnerschlag, der das Avengers-Universum zertrümmert, mit unabsehbaren Konsequenzen für die weiteren Folgen, und das weitaus beste Sequel der Reihe. Sehr gut (8/10)!
Als nächstes stehen ja die Guardians of the Galaxy auf dem Programm, die das SF-Element betonen werden, bevor dann 2015 der zweite Ensemblefilm ansteht. Währenddessen hat auch die ansonsten eher vor sich hin dümpelnde Fernsehserie um den wieder auferstandenen Agent Coulsen einen Quantensprung gemacht, der sich von langer Hand geplant in die Ereignisse von The First Avenger Returns (so ein alternativer Titel) einpasst. Wenn die Superhelden Feierabend machen, müssen halt die "Agents of S.H.I.E.L.D." ran - es bleibt spannend!
Sonntag, 6. April 2014
Oscar fürs Drehbuch, Stimme zum Verlieben: her (9/10)
Die nur leicht futuristische Welt von her ist bevölkert mit überwiegend attraktive Menschen, die schon auf dem Weg zur Arbeit stetig vor sich hin murmeln - Computer und Mobilgeräte sind sprach- und gestengesteuert, Werbung ist gelegentlich aufdringlich persönlich, aber direkte zwischenmenschliche Kontakte scheinen schwierig. Das alles ist eigentlich nicht viel anders als die Gegenwart, bis Samantha in Theodores Leben tritt. Theodore ist ein einsamer, in Trennung lebender Autor von Grußbotschaften, Poet in einer digital durchgestylten Gesellschaft. Samantha ist jedoch kein Mensch - sie ist ein "OS", also ein "Betriebssystem", eine künstliche Intelligenz.
Genau heißt das Programm OS1, nicht zu verwechseln mit OS/2, IBMs gescheiterter Alternative zu MS-Windows, an das sich wahrscheinlich nur noch ältere Semester erinnern. Und streng genommen ist es natürlich kein Betriebssystem, sondern ein Dienstprogramm, das Computer und Handy nach den Wünschen des Besitzers steuert und per Kamera und Ohrstöpsel mit der Außenwelt kommuniziert- eine Siri mit eigener Persönlichkeit. Doch her will keine technische Science Fiction sein, sondern konzentriert sich auf die sozialen Aspekte dieses unwahrscheinlichen Fortschritts.
Die ungleiche Beziehung ist spannend, komisch, dramatisch, romantisch, ja sogar erotisch. Samantha scheint perfekt auf die Wünsche ihres Partners eingestellt zu sein. Zunächst reagiert sie auf die Welt neugierig wie ein Kind und erweckt mit ihrer Begeisterung für die alltäglichen kleinen Wunder Theodores Lebensmut. Im Lauf der Zeit wandelt sie sich von der Gefährtin zur Freundin zur Liebhaberin, dann fast zu einer Mentorin. Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende...
Joaquin Phoenix versteckt als Theodore seine charakteristische Oberlippennarbe hinter einem Schnauzbart und verwandelt sich mit passender Perücke in einen ziemlich durchschnittlichen Enddreißiger. Es ist die Art Rolle, für die vor 60 Jahren Jimmy Stewart engagiert worden wäre, und er ist erstaunlich effektiv. Gerade deswegen wundert man sich ein wenig, was all die umwerfenden Frauen in ihm sehen: Da sind als seine Jugendliebe und Ex-Frau die mysteriöse Rooney Mara (Verblendung), als seine Nachbarin die etwas biedere Schönheit Amy Adams (deutlich zugeknöpfter als in American Hustle) und in einem leicht unglaubwürdig endenden Date mit Olivia Wilde eine der schönsten Frauen der Welt. Das ist nicht unbedingt eine subtile Art zu zeigen, daß Theodore den möglichen Beziehungen zu "echten" Menschen seine Samantha vorzieht, eine Stimme aus dem Computer.
Aber was für eine Stimme das ist! Im Original (und das ist hier Pflicht) wird Samantha von Scarlett "Black Widow" Johansson (Lost in Translation) gesprochen. Auch wenn viele Männer an ihre anderen Attribute denken werden, halte ich doch ihre Stimme für ihr bestes Feature. Rauchig und brüchig, warm und sexy stattet sie ihre Sprechrolle mit soviel Emotion aus, daß letztes Jahr schon diskutiert wurde, ob die Rolle den Statuten für eine Oscar-Nominierung entsprechen könnte. Hier ein Vorschlag an die Akademie: Führt endlich den Oscar für die beste stimmliche Darstellung ein! Da gibt es ja regelmäßig würdige Kandidaten: ob Eddy Murphy als Donkey in Shrek, Andy Serkis als Gollum, Ellen DeGeneres als Dory in Findet Nemo, Benedict Cumberbatch als Smaug - alles künstlerische Leistungen, die zwischen den bestehenden Kategorien unter den Tisch fallen.
Nebenbei klärt sich hier auch eine der Merkwürdigkeiten der diesjährigen Oscar-Show. Das nominierte Liedchen "The Moon Song" bewegt im Filmzusammenhang, von Samantha gesungen, die Herzen. Für sich allein, im Abspann und bei den Oscars von der Komponistin Karen O mit dünner Stimme dargeboten, wirkt seine Schlichtheit reichlich peinlich. (Ich persönlich hätte ja Pharell Williams für seine energetische Performance von "Happy" den Preis gegönnt, stattdessen gewann die generische Broadway-Schnulze aus dem unerklärlich megaerfolgreichen Frozen).
Der heute 44jährige Regisseur Spike Jonze ist nach Erfolgen mit Musikvideos (u.a. für R.E.M.) berühmt geworden durch seine kongenialen Charlie-Kaufman-Verfilmungen Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002). Seine Kinderbuchverfilmung Wo die wilden Kerle wohnen (2009) hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber mit her hat scheint er nun seine Stimme als Auteur gefunden zu haben. Die zahlreichen Preise für sein Drehbuch sind hochverdient, und als Science-Fiction-Geschichte stellt das Ergebnis locker die oft mit irrsinnig teuren Effekten ausgestatteten Genrekollegen des letzten Jahres in den Schatten (Gravity zählt, wie bereits erläutert, für mich nicht zur SF). Herausragend (9/10)!
Genau heißt das Programm OS1, nicht zu verwechseln mit OS/2, IBMs gescheiterter Alternative zu MS-Windows, an das sich wahrscheinlich nur noch ältere Semester erinnern. Und streng genommen ist es natürlich kein Betriebssystem, sondern ein Dienstprogramm, das Computer und Handy nach den Wünschen des Besitzers steuert und per Kamera und Ohrstöpsel mit der Außenwelt kommuniziert- eine Siri mit eigener Persönlichkeit. Doch her will keine technische Science Fiction sein, sondern konzentriert sich auf die sozialen Aspekte dieses unwahrscheinlichen Fortschritts.
Die ungleiche Beziehung ist spannend, komisch, dramatisch, romantisch, ja sogar erotisch. Samantha scheint perfekt auf die Wünsche ihres Partners eingestellt zu sein. Zunächst reagiert sie auf die Welt neugierig wie ein Kind und erweckt mit ihrer Begeisterung für die alltäglichen kleinen Wunder Theodores Lebensmut. Im Lauf der Zeit wandelt sie sich von der Gefährtin zur Freundin zur Liebhaberin, dann fast zu einer Mentorin. Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende...
Joaquin Phoenix versteckt als Theodore seine charakteristische Oberlippennarbe hinter einem Schnauzbart und verwandelt sich mit passender Perücke in einen ziemlich durchschnittlichen Enddreißiger. Es ist die Art Rolle, für die vor 60 Jahren Jimmy Stewart engagiert worden wäre, und er ist erstaunlich effektiv. Gerade deswegen wundert man sich ein wenig, was all die umwerfenden Frauen in ihm sehen: Da sind als seine Jugendliebe und Ex-Frau die mysteriöse Rooney Mara (Verblendung), als seine Nachbarin die etwas biedere Schönheit Amy Adams (deutlich zugeknöpfter als in American Hustle) und in einem leicht unglaubwürdig endenden Date mit Olivia Wilde eine der schönsten Frauen der Welt. Das ist nicht unbedingt eine subtile Art zu zeigen, daß Theodore den möglichen Beziehungen zu "echten" Menschen seine Samantha vorzieht, eine Stimme aus dem Computer.
Aber was für eine Stimme das ist! Im Original (und das ist hier Pflicht) wird Samantha von Scarlett "Black Widow" Johansson (Lost in Translation) gesprochen. Auch wenn viele Männer an ihre anderen Attribute denken werden, halte ich doch ihre Stimme für ihr bestes Feature. Rauchig und brüchig, warm und sexy stattet sie ihre Sprechrolle mit soviel Emotion aus, daß letztes Jahr schon diskutiert wurde, ob die Rolle den Statuten für eine Oscar-Nominierung entsprechen könnte. Hier ein Vorschlag an die Akademie: Führt endlich den Oscar für die beste stimmliche Darstellung ein! Da gibt es ja regelmäßig würdige Kandidaten: ob Eddy Murphy als Donkey in Shrek, Andy Serkis als Gollum, Ellen DeGeneres als Dory in Findet Nemo, Benedict Cumberbatch als Smaug - alles künstlerische Leistungen, die zwischen den bestehenden Kategorien unter den Tisch fallen.
Nebenbei klärt sich hier auch eine der Merkwürdigkeiten der diesjährigen Oscar-Show. Das nominierte Liedchen "The Moon Song" bewegt im Filmzusammenhang, von Samantha gesungen, die Herzen. Für sich allein, im Abspann und bei den Oscars von der Komponistin Karen O mit dünner Stimme dargeboten, wirkt seine Schlichtheit reichlich peinlich. (Ich persönlich hätte ja Pharell Williams für seine energetische Performance von "Happy" den Preis gegönnt, stattdessen gewann die generische Broadway-Schnulze aus dem unerklärlich megaerfolgreichen Frozen).
Der heute 44jährige Regisseur Spike Jonze ist nach Erfolgen mit Musikvideos (u.a. für R.E.M.) berühmt geworden durch seine kongenialen Charlie-Kaufman-Verfilmungen Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002). Seine Kinderbuchverfilmung Wo die wilden Kerle wohnen (2009) hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber mit her hat scheint er nun seine Stimme als Auteur gefunden zu haben. Die zahlreichen Preise für sein Drehbuch sind hochverdient, und als Science-Fiction-Geschichte stellt das Ergebnis locker die oft mit irrsinnig teuren Effekten ausgestatteten Genrekollegen des letzten Jahres in den Schatten (Gravity zählt, wie bereits erläutert, für mich nicht zur SF). Herausragend (9/10)!
Sonntag, 23. März 2014
SF-Klassiker #5: Hello Summer, Goodbye/Der Sommer geht (Michael Coney, 1975)
In den 70ern war die Nische des Jugendromans (YA = Young Adult) noch nicht kommerziell entdeckt. Andernfalls hätte Michael Coney vielleicht mehr Erfolg mit diesem wundervollen Roman gehabt. Er erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Generationenkonflikt, vom Klassenkampf, der Entdeckung einer geheimnisvollen Ökologie, und nicht zuletzt eine zarte Romanze. Und das alles auf gut 200 Seiten (des deutschen Taschenbuchs). Heute würde man das natürlich zu einer Trilogie aufblähen, die Poesie in Pathos ersticken und die Konflikte mit blutigen Kämpfen anreichern. Doch wer das Glück hatte, in jungen Jahren auf Der Sommer geht zu stoßen, wird dieses Leseerlebnis niemals vergessen können.
Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...
Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.
Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. Hello Summer, Goodbye, seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung I Remember Pallahaxi erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.
Träume von Pallahaxi ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.
Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...
Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.
Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. Hello Summer, Goodbye, seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung I Remember Pallahaxi erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.
Träume von Pallahaxi ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.
Freitag, 14. März 2014
Wes-Anderson-Highlight: Grand Budapest Hotel (8/10)
Die besten Filme von Wes Anderson sind wie russische Matroschka-Puppen. Man entfernt die äußere Hülle und entdeckt eine neue, kleinere Puppe. Dies wiederholt man einige Male, bis sich die letzte Instanz als leer entpuppt. Der Wert der geschachtelten Objekte liegt aber in ihrer kunstvollen Bemalung, und der Spaß im Auspacken selbst.
Mit Grand Budapest Hotel kehrt Anderson zur erzählerischen Detaildichte und dem virtuos verwobenen Potpurri skuriller Figuren der Royal Tenenbaums von 2001 zurück. Während seine Phantasie im Nachfolger Die Tiefseetaucher (2004) reichlich überschäumte, mußte man mit Darjeeling Limited (2007) ihre endgültige Verwässerung befürchten. Jetzt triumphiert der sympathische Mittvierziger zum zweiten Mal in Folge. Seinem jüngsten Film fehlt zwar die Wärme der zentralen Teenagerromanze von Moonrise Kingdom, macht das aber wett durch eine irrsinnige Reise in ein verzaubertes Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Abgesehen von Altmeister Woody Allen gibt es nur wenige Regisseure, denen die Stars (des unabhängigen wie des Blockbuster-Kinos) so zu Füßen liegen und meist für den tariflichen Mindestlohn grandiose Darstellungen abliefern. Diesmal zähle ich allein drei Oscar-Preisträger (F. Murray "Salieri" Abraham, Adrien "Der Pianist" Brody, Tilda "Social Services" Swinton), weitere sieben Nominierte, darunter (diesmal nur in einem erweiterten Cameo) Mr. Comedy persönlich: Bill Murray, Andersons treuer Weggefährte seit dessen (Arthhouse-)Durchbruch mit Rushmore (1996). Hinzu kommen sein Freund aus Studentenzeiten, Owen Wilson, mit dem Anderson gemeinsam für das Drehbuch der Royal Tenenbaums nominiert war, der profilierte, weit unterschätzte Bob Balaban (der Erzähler und Wetterfrosch von Moonrise Kingdom), und in der fünften Zusammenarbeit Jason Schwartzman, der (im Vergleich zu Nic Cage) weniger bekannte Coppola-Neffe.
Hauptdarsteller Ralph ("Rafe") Fiennes wurde berühmt als sadistischer KZ-Chef in Schindlers Liste, bevor er uns als Englischer Patient fast zu Tode langweilte. Später übersteigerte er seine britische Hochadelsarroganz als Lord Voldemort ins Schleimige und als Skyfalls M ins Alberne. Aber bereits im grandiosen Brügge sehen... und sterben? zeigte er eine mir bis dahin unbekannte komische Seite. Sein Concierge und Schwerenöter Monsieur Gustave nun brennt sich uns mit exaktem Timing und staubtrockenen Dialogen ins Gedächtnis ein. Gemeinsam mit der noch nicht einmal 18jährigen Entdeckung Toni Revolori steht er im Zentrum dieser wilden Erzählung. In Nebenrollen amüsieren Willem "Green Goblin" Dafoe als sinistrer Biker, der leider nur noch selten zu sehende Jeff "das lange Elend" Goldblum als fatal korrekter Anwalt und Harvey "The Cleaner" Keitel, auch mit über 70 Jahren noch willens, seinen nackten Oberkörper darzubieten.
Ein erstes Highlight des jungen Kinojahres: Sehr gut (8/10)!
Mit Grand Budapest Hotel kehrt Anderson zur erzählerischen Detaildichte und dem virtuos verwobenen Potpurri skuriller Figuren der Royal Tenenbaums von 2001 zurück. Während seine Phantasie im Nachfolger Die Tiefseetaucher (2004) reichlich überschäumte, mußte man mit Darjeeling Limited (2007) ihre endgültige Verwässerung befürchten. Jetzt triumphiert der sympathische Mittvierziger zum zweiten Mal in Folge. Seinem jüngsten Film fehlt zwar die Wärme der zentralen Teenagerromanze von Moonrise Kingdom, macht das aber wett durch eine irrsinnige Reise in ein verzaubertes Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Abgesehen von Altmeister Woody Allen gibt es nur wenige Regisseure, denen die Stars (des unabhängigen wie des Blockbuster-Kinos) so zu Füßen liegen und meist für den tariflichen Mindestlohn grandiose Darstellungen abliefern. Diesmal zähle ich allein drei Oscar-Preisträger (F. Murray "Salieri" Abraham, Adrien "Der Pianist" Brody, Tilda "Social Services" Swinton), weitere sieben Nominierte, darunter (diesmal nur in einem erweiterten Cameo) Mr. Comedy persönlich: Bill Murray, Andersons treuer Weggefährte seit dessen (Arthhouse-)Durchbruch mit Rushmore (1996). Hinzu kommen sein Freund aus Studentenzeiten, Owen Wilson, mit dem Anderson gemeinsam für das Drehbuch der Royal Tenenbaums nominiert war, der profilierte, weit unterschätzte Bob Balaban (der Erzähler und Wetterfrosch von Moonrise Kingdom), und in der fünften Zusammenarbeit Jason Schwartzman, der (im Vergleich zu Nic Cage) weniger bekannte Coppola-Neffe.
Hauptdarsteller Ralph ("Rafe") Fiennes wurde berühmt als sadistischer KZ-Chef in Schindlers Liste, bevor er uns als Englischer Patient fast zu Tode langweilte. Später übersteigerte er seine britische Hochadelsarroganz als Lord Voldemort ins Schleimige und als Skyfalls M ins Alberne. Aber bereits im grandiosen Brügge sehen... und sterben? zeigte er eine mir bis dahin unbekannte komische Seite. Sein Concierge und Schwerenöter Monsieur Gustave nun brennt sich uns mit exaktem Timing und staubtrockenen Dialogen ins Gedächtnis ein. Gemeinsam mit der noch nicht einmal 18jährigen Entdeckung Toni Revolori steht er im Zentrum dieser wilden Erzählung. In Nebenrollen amüsieren Willem "Green Goblin" Dafoe als sinistrer Biker, der leider nur noch selten zu sehende Jeff "das lange Elend" Goldblum als fatal korrekter Anwalt und Harvey "The Cleaner" Keitel, auch mit über 70 Jahren noch willens, seinen nackten Oberkörper darzubieten.
Ein erstes Highlight des jungen Kinojahres: Sehr gut (8/10)!
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