Dies ist so ein Film, nach dem man sich schämt, ein Mitglied der menschlichen Rasse zu sein. Nachdem letztes Jahr bereits Tarantino (opernhaft überhöht) und Spielberg (als leicht trockenes Politikdrama) die historische Bürde der Sklaverei angingen, steuert der 44jährige Steve McQueen mit 12 Years a Slave nun den vielleicht realistischsten Beitrag zu diesem Thema bei. Basierend auf den 1853 veröffentlichten Erinnerungen von Solomon Northup, der durch üble Profiteure aus seiner bürgerlichen Existenz herausgerissen und in die Sklaverei verkauft wurde, erzählt der Film genau diese zwölf Jahre, nur durch wenige Rückblenden zum glücklichen Familienleben davor unterbrochen.
Eine realistische Darstellung ist natürlich nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Wieviele Demütigungen und Auspeitschungen kann der Zuschauer ertragen, bis er abstumpft? Effektiver ist die unterschwellige Bedrohung, die durch Willkürakte der weißen Aufseher geschürt wird. Besonders in Erinnerung bleibt eine nicht enden wollende Szene, in der Solomon zur Strafe am Hals aufgehängt wird, so daß er gerade noch mit den Zehenspitzen am Boden balancieren und sich so vor dem Ersticken bewahren kann. Fast schlimmer als seine Qual ist es zu beobachten, wie im Hintergrund das Plantagenleben seinen gewohnten Gang geht, bis ihm schließlich eine Mitsklavin hastig einen Schluck Wasser zu trinken gibt.
Chiwetel Ejiofor (der Operative aus Serenity) in der Hauptrolle ist eindrucksvoll, vermag aber keinen durchgängigen roten Faden durch die Handlung zu vermitteln. Es mag die Schuld des Drehbuchs des vorwiegend fürs Fernsehen tätigen John Ridley sein, daß der Film in seine einzelnen Episoden zerfällt, ohne den Verlauf der Jahre so recht sichtbar zu machen. Die Rückblenden sind zudem etwas unbeholfen integriert. Loben muß ich einmal die Musik von Hans Zimmer, der oft in vorhersehbarem Bombast schwelgt, hier aber einen sehr atmosphärischen Beitrag liefert.
Bei den weißen Sklaventreibern sind verschiedene Schattierungen vertreten, vom moderaten Ford (Allzweckwaffe Benedict Cumberbatch), der immerhin Skrupel hat und Solomon eher wie einen Preishengst behandelt, zu den Sadisten Tibeats (Paul Dano, seit Little Miss Sunshine erwachsen geworden) und insbesondere Edwin Epps (McQueens bevorzugter Darsteller Michael "Magneto" Fassbender mit seiner überfälligen ersten Oscar-Nominierung), dessen Wutausbrüche in ihrem Schrecken nur noch von der Kaltblütigkeit seiner Frau (Sarah Paulson) übertroffen werden. Die Oscar-Nominierung für die junge Lupita Nyong'o als Patsey scheint mir mehr der Quote geschuldet, ohne ihre mutige und kompetente Leistung mindern zu wollen.
Den Amerikanern tut es sicher gut, regelmäßig an ihre Schandtaten erinnert zu werden. 12 Years a Slave ist ein würdiger Beitrag in der Tradition von Spielbergs Amistad und Jonathan Demmes Morrison-Verfilmung Menschenkind/Beloved, kann aber nicht das letzte Wort zu diesem Thema sein und vermag dieses auch nicht recht in einen zeitlosen Zusammenhang zu übersetzen. Trotzdem Sehr gut (8/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 26. Januar 2014
Scorsese forever: The Wolf of Wall Street (10/10)
Mit 71 Jahren ist Altmeister Martin Scorsese immer noch für Überraschungen gut. Wer hätte vom Neuerfinder des Krimis (Goodfellas, Casino, The Departed) und Schöpfer blutiger Sittengemälde (Taxi Driver, Die letzte Versuchung Christi, Gangs of New York) eine solch leichtfüßige Komödie erwartet, mit drei der kurzweiligsten, mehrfach zu lautem Lachen einladenden Kinostunden der letzten Jahre? Fast ist man erleichtert, daß das Wort "Fuck" angeblich über 500 Mal fällt, ohne daß Joe Pesci überhaupt mitspielt. Martys technische Brillanz fällt einem erst im Nachhinein auf, sie steht aber ganz im Dienst der Geschichte - und welch eine Geschichte dies ist!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
Sonntag, 19. Januar 2014
Überschätzter Kritikerliebling: Nebraska (5/10)
Alexander Payne, Jahrgang 1961, hat früh in seiner Karriere drei tolle Romanadaptionen (mit seinem Kollegen Jim Taylor) geschrieben und inszeniert:
Der 77jährige Hauptdarsteller Bruce Dern (Vater von David-Lynch-Muse Laura Dern) hat eine wechselhafte Karriere hinter sich, mit Nebenrollen für Kazan und Pollack in den 60ern und in der Gatsby-Verfilmung von 1974 sowie als Höhepunkt die Oscar-Nominierung für Sie kehren heim (1979). Seltene Hauptrollen bekam er im genreprägenden Lautlos im Weltall (1972) und Hitchcocks Schwanengesang Familiengrab (1976). Nach einem Cameo in Tarantinos Django Unchained ergatterte er nun eine weitere Oscar-Nominierung (Favoriten sind aber McConaughey und DiCaprio). Bruce Dern hat eine immense Präsenz und berührt als wortkarger, altersverwirrter Woody Grant durchaus, aber für eine Glanzleistung ist das Drehbuch zu dürftig.
Der Jubel über Nebraska ist für mich ein typisches Beispiel für die Entfremdung besonders amerikanischer Kritiker vom gesunden Menschenverstand. Beim AFI unter den zehn herausragenden Filmen des Jahres, bei den Oscars einer von acht nominierten besten Filmen, ist dies für mich die erste Enttäuschung des Jahres. Annehmbar (5/10).
- Election (1999, 8/10, mit Reese Witherspoon)
- About Schmidt (2002, 8/10, mit Jack Nicholson)
- Sideways (2004, 9/10, mit Paul Giamatti, Thomas Hayden Church und Virginia Madsen).
Der 77jährige Hauptdarsteller Bruce Dern (Vater von David-Lynch-Muse Laura Dern) hat eine wechselhafte Karriere hinter sich, mit Nebenrollen für Kazan und Pollack in den 60ern und in der Gatsby-Verfilmung von 1974 sowie als Höhepunkt die Oscar-Nominierung für Sie kehren heim (1979). Seltene Hauptrollen bekam er im genreprägenden Lautlos im Weltall (1972) und Hitchcocks Schwanengesang Familiengrab (1976). Nach einem Cameo in Tarantinos Django Unchained ergatterte er nun eine weitere Oscar-Nominierung (Favoriten sind aber McConaughey und DiCaprio). Bruce Dern hat eine immense Präsenz und berührt als wortkarger, altersverwirrter Woody Grant durchaus, aber für eine Glanzleistung ist das Drehbuch zu dürftig.
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| Bruce und Laura Dern |
Der Jubel über Nebraska ist für mich ein typisches Beispiel für die Entfremdung besonders amerikanischer Kritiker vom gesunden Menschenverstand. Beim AFI unter den zehn herausragenden Filmen des Jahres, bei den Oscars einer von acht nominierten besten Filmen, ist dies für mich die erste Enttäuschung des Jahres. Annehmbar (5/10).
Mittwoch, 15. Januar 2014
Auftakt der Preisverleihungen: Die Golden Globes 2014
In "Gravity" läßt sich George Clooney lieber allein ins Weltall treiben, als Zeit mit einer Frau seines eigenen Alters zu verbringen.
Tina Fey (30 Rock) und Amy Poehler (Parks and Recreation) sind die Stars moderner Komödien, die Witze oft im Sekundentakt bringen. Das denke man sich nun in Zeitlupe politisch korrekt verharmlost, dann hat man einen ungefähren Eindruck der Anfangsmoderation, in der obiger Spruch noch das Highlight war. Im Laufe des Abends kam noch ein guter Gag hinzu - Julia Louis-Dreyfus (Seinfeld), erstmalig für einen Kinofilm (!) nominiert, saß zu Beginn des Abends in herrlicher Arroganz bei den "Kinostars". Nachdem Amy Adams in dieser Kategorie gewonnen hatte, kehrte sie reumütig zum Katzentisch der Fernsehsternchen zurück.
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| Jacqueline Bisset |
Die "Golden Globes" sind diese merkwürdige Show ohne Schau, in der unzählige Stars und Sternchen in 25 Kategorien Preise anmoderieren; die Nachfrage ist so groß, daß manchmal drei Präsentatoren gleichzeitig auf der Bühne stehen. Aufgrund der Aufteilung Drama vs. Komödie/Musical und Kino vs. TV gibt es für die aus ca. 80 internationalen Reportern bestehende Jury reichlich Gelegenheit, Alt- und Jungstars zu hofieren, "Kunst" zu würdigen und Kommerz zu belohnen. Ein gefühltes Drittel des Abends verbringt man damit, die Moderatoren und Preisträgern auf dem komplizierten Gang zur Bühne zu beobachten (die Zuschauer sitzen an kleinen Tischen, an denen reichlich Alkohol fließt). Da stöckelt so manche junge Schauspielhoffnung lahm daher, während Altstars schon mal einen Sprint einlegen. Den Vogel schießt Emma Thompson ab, die mit ihren Designerschuhen in der einen und dem Champagnerglas in der anderen Hand anmoderiert und dann keine Hand für den Umschlag mit dem Gewinner frei hat.
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| Drew Barrymore |
Den Preis für das unvorteilhafteste Kleid heimste Drew Barrymore ein; die peinlichste Rede hielt die 69jährige, offenbar angesäuselte Jacqueline Bisset, die wohl (zu Recht) nicht mit dem Gewinn gerechnet hatte und eine Minute lang kein Wort herausbrachte, bevor sie ein paar unzusammenhängende Danksagungen und Altersweisheiten von sich gab. Jon Voigt zog aus seiner Nervosität bei seinem vierten Gewinn im 74. Lebensjahr immerhin noch einen Trost für die jüngeren Kollegen ("I'm nervous too, you know!"). Die beste Rede hielt überraschend der 43jährige Matthew McConaughey, bisher eher in Surferrollen mit Blick auf seinen Waschbrettbauch aufgefallen, jetzt aber zunehmend eine dynamische Präsenz auf der Leinwand. Sein energischer Vortrag hatte Verve und Struktur, ohne überprobt zu wirken.
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| Matthew McConaughey |
Woody Allen, Cecil-B.-DeMille-Preisträger des Abends, überstrahlte in konzentrierter Abwesenheit die meisten der körperlich anwesenden Kollegen. Cate Blanchett gewann mit ihrem Globe für die Hauptrolle in Blue Jasmine ungefähr den zillionsten Preis für eine Darstellerin in seinen kaum 50 Filmen. Quasi als Bookends seines bisherigen Werks trug Emma Stone (Star seiner kommenden romantischen Komödie Magic in the Moonlight) eine kurze, prägnante Laudatio vor, während nach der obligatorischen und trotzdem unterhaltsamen Werkschau Woodys erste Muse und immer noch gute Freundin Diane Keaton die höchste Auszeichnung der HFPA für den Meister annahm und einen zur Gelegenheit gut passenden Spruch zitierte:
Ich möchte nicht in Ewigkeit weiterleben in meinen Werken, ich möchte in Ewigkeit weiterleben in meiner Wohnung.
Die eigentlichen Preise zu beurteilen fällt mir schwer, denn man hat in Deutschland (wie üblich) bis jetzt kaum Gelegenheit gehabt, die nominierten Werke in Kino oder Fernsehen zu erleben. Erfreulich der Regiepreis für Alfonso Cuarón (Gravity). Beste Komödie wurde American Hustle von "Silver-Linings"-Regisseur David O. Russell, bestes Drama Steve McQueens 12 Years a Slave, das immerhin kommende Woche in Deutschland anläuft (zur Unterscheidung zum toten Actionstar sei erläutert: dieser Steve McQueen ist schwarz, rundlich und gerade mal 42 Jahre alt). McQueens vorherige Arbeit Shame hat mir sehr gut gefallen; seine Filme sind allerdings schwere Kost. Freuen kann man sich auf den Gewinner des Drehbuchpreises, Her (Spike Jonze - Regisseur von Being John Malkovich), der hier erst im März zu sehen sein wird. Der Gewinner für die "Beste Hauptrolle/Komödie", Leonardo DiCaprio, fühlte sich in dieser Kategorie etwas fremd, dankte aber freundlich seinen Mitkomikern aus Scorseses neuer Tour de Force, The Wolf of Wall Street. Übrigens ohne Preis, aber mit viel Charme eroberte seine Leading Lady Margot Robbie zumindest mein Herz (sie war schon der beste Grund, die gescheiterte Serie PanAm anzuschauen, wo sie erfahrenen Kolleginnen wie Christina Ricci die Show stahl).
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| Margot Robbie und Jonah Hill |
Im Fernsehbereich gab es dann die erwarteten Preise für die Abschlußstaffel von Breaking Bad (bestes Drama). Hauptdarsteller Bryan Cranston bedankte sich bei allen, die dieser so lustigen und fröhlichen Show die Treue gehalten hatten; der gleiche Grund, aus dem ich die Serie nach dem Piloten nicht weiter verfolgt habe. Als Komödie gewann das völlig unbekannte Brooklyn 9-9, als Darstellerin konnte Moderatorin Amy Poehler mit ihrer Kollegin Tina Fey gleichziehen, die auch schon einen Globe zu Hause hat.
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| Bryan Cranston |
Irgendwas vergessen? Bestimmt - Schwamm drüber. Die ausgezeichneten Filme finden sich bestimmt auch unter den Oscar-Kandidaten, das Feld bei den Schauspielern scheint mir noch weit offen. Meryl Streep war zum 27. Mal nominiert, hat aber nur achtmal gewonnen. Jennifer Lawrence wird schon irgendwas absahnen, diesmal war es der Globe für die beste Nebenrolle. Die Leute mit den unaussprechlichen Namen sind auch noch nicht aus dem Rennen: Chiwetel Ejiofor, Barkhad Abdi, Lupita Nyong'o, Tam Honks, ...Disney hat dieses Jahr mit dem unglaublich erfolgreichen Die Eiskönigin/Frozen eine noch bessere Chance als letztes Jahr, endlich mal Pixar zu schlagen. Am Donnerstag wissen wir mehr, dann werden die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben.
Mittwoch, 1. Januar 2014
Kino-Jahresüberblick 2013
Ein weiteres schwaches Kinojahr ist vorbei - oder bin ich nur die ewig gleichen Geschichten leid? Aus den 42 im Kino gesehenen Filmen liest sich die Top10 fast automatisch ab:
HERAUSRAGEND (9/10)
1. Gravity (Alfonso Cuarón)
Die angenehmste Überraschung des Jahres.
2. Before Midnight (Richard Linklater)
Für Kopf und Herz
3. Only Lovers Left Alive (Jim Jarmusch)
Vielleicht ein letztes Mal (?) Rückkehr des Meisters zu alter Form
SEHR GUT (8/10)
4. The World's End (Edgar Wright)
Britische Komik vom feinsten - bitte nicht verwechseln mit This is the End (siehe unten)!
5. Iron Man 3 (Shane Black)
Trotz Zugeständnissen ans junge Publikum die spaßigste Action des Jahres
6. Silver Linings Playbook (David O. Russell)
Jennifer Lawrence und Bradley Cooper in intelligenter, ungewöhnlicher Komödie
7. Die fantastische Welt von Oz (Sam Raimi)
Nach "Gravity" der beste Einsatz von 3D und die schönsten Bilder
8. Thor - Das dunkle Königreich
Ein weiteres zuverlässig unterhaltendes Avengers-Abenteuer
9. Flight (Robert Zemeckis)
Unaufdringliches Alkoholismus-Drama
10. Der Hobbit - Smaugs Einöde
Gegenüber dem ersten Teil in die falsche Richtung "verbessert". Es bleibt die Hoffnung auf die erweiterte Fassung
Weitere gelungene Filme (7/10), in alphabetischer Reihenfolge:
Enttäuschungen des Jahres:
Mehr oder weniger erwartet hatte ich den schwachen Holzhammerneustart von Superman. Abgesehen von Gravity gab's noch nicht viele Oscar-Hoffnungen, Der Butler (5/10) und Captain Phillips (4/10) konnten mich nicht überzeugen.
Die Ehre der schlechtesten Filme des Jahres teilen sich diesmal:
HERAUSRAGEND (9/10)
1. Gravity (Alfonso Cuarón)
Die angenehmste Überraschung des Jahres.
2. Before Midnight (Richard Linklater)
Für Kopf und Herz
3. Only Lovers Left Alive (Jim Jarmusch)
Vielleicht ein letztes Mal (?) Rückkehr des Meisters zu alter Form
SEHR GUT (8/10)
4. The World's End (Edgar Wright)
Britische Komik vom feinsten - bitte nicht verwechseln mit This is the End (siehe unten)!
5. Iron Man 3 (Shane Black)
Trotz Zugeständnissen ans junge Publikum die spaßigste Action des Jahres
6. Silver Linings Playbook (David O. Russell)
Jennifer Lawrence und Bradley Cooper in intelligenter, ungewöhnlicher Komödie
7. Die fantastische Welt von Oz (Sam Raimi)
Nach "Gravity" der beste Einsatz von 3D und die schönsten Bilder
8. Thor - Das dunkle Königreich
Ein weiteres zuverlässig unterhaltendes Avengers-Abenteuer
9. Flight (Robert Zemeckis)
Unaufdringliches Alkoholismus-Drama
10. Der Hobbit - Smaugs Einöde
Gegenüber dem ersten Teil in die falsche Richtung "verbessert". Es bleibt die Hoffnung auf die erweiterte Fassung
Weitere gelungene Filme (7/10), in alphabetischer Reihenfolge:
- Alles eine Frage der Zeit (Richard Curtis)
- Blue Jasmine (Woody Allen)
- Die Tribute von Panem, Teil 2
- Die Unfassbaren (Louis Leterrier)
- Django Unchained (Tarantino)
- Fack ju Göhte - mit schon über 5 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film des deutschen Kinojahrs und keiner, dessen wir uns schämen müssen. Das kann ich übrigens für den prätentiösen Kritikerliebling Oh Boy (2/10) nicht sagen, der mich nur angeödet hätte, wenn ich mich nicht so über die Lorbeeren hätte ärgern müssen.
- Kon-Tiki - der norwegische Oscar-Beitrag 2012 ist spannend, wenngleich weder besonders authentisch noch tiefschürfend
- Lincoln (Spielberg)
- Ralph reicht's (Disney-Trickfilm)
- Wolverine: Weg des Kriegers (James Mangold)
Enttäuschungen des Jahres:
- alle "Science-Fiction"-Filme: Ender's Game (5/10), Star Trek Into Darkness (5/10), Pacific Rim (4/10), Elysium (3/10) sowie (nicht im Kino) Dredd (2/10) und Oblivion (6/10). Das Will-Smith-Desaster After Earth habe ich mir komplett gespart.
- die deprimierenden Filme von Woody Allen und den Coens
- die seichten Beiträge von Almodóvar und Sofia Coppola
Mehr oder weniger erwartet hatte ich den schwachen Holzhammerneustart von Superman. Abgesehen von Gravity gab's noch nicht viele Oscar-Hoffnungen, Der Butler (5/10) und Captain Phillips (4/10) konnten mich nicht überzeugen.
Die Ehre der schlechtesten Filme des Jahres teilen sich diesmal:
- The Lone Ranger
- Das ist das Ende: Seth Rogen und eine Schar von drittklassigen Komikern inszenieren witz- und spannungslos die Apokalypse
Jarmusch rehabilitiert das Vampir-Genre: Only Lovers Left Alive (9/10)
Im Werbeprogramm wird ein Trailer für die im März drohende Vampir-Akademie gezeigt. Man sollte meinen, daß nach dem Ende der Twilight-Filmchen das Thema langsam ausgereizt ist, da läuft mit Dracula sogar noch eine neue (totgeborene) Fernsehserie an. Das einst so vielversprechende True Blood wird immer blutiger und absurder, die Teenager-Variante Vampire Diaries dreht sich seit Jahren im Liebesdreieck der Hauptfiguren. Nun bringt zumindest im Kino Jim Jarmusch den Untoten ihre Würde und ihr Mysterium zurück.
Vampire wurden in Literatur und Film ja nicht erfunden, um schmachtvolle Blicke auszutauschen oder als in Leder gekleidete Actionhelden möglichst cool rüberzukommen. Jarmuschs Adam und Eve vertragen kein Tageslicht und ernähren sich von Blut(-konserven). Alles übrige bleibt im Dunkeln; nur so behalten sie die Aura des Geheimnisvollen. Sie verfolgen die Entwicklung der Menschheit seit vielen Jahrhunderten und erfreuen sich an kulturellen und technologischen Errungenschaften: Eve verschlingt Literatur in Dutzenden von Sprachen, Adam ist Virtuose auf der Renaissance-Laute wie auf der Violine und Eddie Cochrans Gretsch (er liebt Vintage-Instrumente). Gelegentlich leisten sie selbst einen Beitrag: Adam schob Schubert das Adagio eines Streichquartetts unter, und Eves Mentor (John Hurt) schrieb im 16. Jahrhundert unter Pseudonym Theaterstücke...
Aber die "Zombies" (so nennen sie frustriert die Menschen des 21. Jahrhunderts) haben sich in eine Sackgasse manövriert - davon zeugen Detroits Industrieruinen genauso wie Tangers trostlose Gassen mit ihren aufdringlichen Händlern; unverseuchte Blutkonserven sind schwer zu beschaffen. Nach jahrzehntelanger Fernbeziehung per Skype macht sich Eve auf die Reise nach Detroit, um den depressiven Adam aufzumuntern. Für handfeste Probleme aber sorgt ihre Schwester Ava (Mia "Alice" Wasikowska).
Man weiß, daß in Jarmusch-Filmen nicht viel passiert. Das kann toll sein (Stranger Than Paradise - 1984), aber auch ziemlich langweilig (The Limits of Control - 2009). Viel hängt von den Hauptdarstellern ab. Tom "Loki" Hiddleston als Adam ist perfekt besetzt: gebeugt von der Last der Jahrhunderte, exzentrisch wie der ultimative Rockstar, charismatisch selbst im Schlaf. Tilda Swinton ("Social Services" aus Moonrise Kingdom) als Eve entspricht mit ihrem albinotischen Äußeren zwar genau dem Klischee, ist ansonsten aber eher gegen ihren Typ besetzt: geduldig, weise, warmherzig, ist sie die perfekte Ergänzung zu ihrem depressiven Ehemann (ihre dritte offizielle Hochzeit ist keine 150 Jahre her und damit frisch in Erinnerung). Natürlich hätte man sich auch eine attraktive Frau in der Rolle wünschen können, aber egal. Der dritte Star ist hier eindeutig die Ausstattung. Besonders Adams Musikerbude bietet staunenswerte Details von Vinylplatten und Röhrenverstärkern bis hin zu modernster Aufnahmetechnik (der Stromgenerator funktioniert auf Basis vergessener Erfindungen von Tesla).
Jim Jarmusch hat in den USA wohl kaum noch eine Fangemeinde (die IMDB bietet aktuell ganze zwei Nutzerrezensionen), in Europa halten noch einige dem inzwischen 60jährigen König der Independants die Treue. Inzwischen veröffentlicht er nur noch alle vier Jahre einen Langfilm. Only Lovers Left Alive ist sein bestes Werk seit Ghost Dog - Der Weg des Samurai von 1999. Herausragend (9/10).
Vampire wurden in Literatur und Film ja nicht erfunden, um schmachtvolle Blicke auszutauschen oder als in Leder gekleidete Actionhelden möglichst cool rüberzukommen. Jarmuschs Adam und Eve vertragen kein Tageslicht und ernähren sich von Blut(-konserven). Alles übrige bleibt im Dunkeln; nur so behalten sie die Aura des Geheimnisvollen. Sie verfolgen die Entwicklung der Menschheit seit vielen Jahrhunderten und erfreuen sich an kulturellen und technologischen Errungenschaften: Eve verschlingt Literatur in Dutzenden von Sprachen, Adam ist Virtuose auf der Renaissance-Laute wie auf der Violine und Eddie Cochrans Gretsch (er liebt Vintage-Instrumente). Gelegentlich leisten sie selbst einen Beitrag: Adam schob Schubert das Adagio eines Streichquartetts unter, und Eves Mentor (John Hurt) schrieb im 16. Jahrhundert unter Pseudonym Theaterstücke...
Aber die "Zombies" (so nennen sie frustriert die Menschen des 21. Jahrhunderts) haben sich in eine Sackgasse manövriert - davon zeugen Detroits Industrieruinen genauso wie Tangers trostlose Gassen mit ihren aufdringlichen Händlern; unverseuchte Blutkonserven sind schwer zu beschaffen. Nach jahrzehntelanger Fernbeziehung per Skype macht sich Eve auf die Reise nach Detroit, um den depressiven Adam aufzumuntern. Für handfeste Probleme aber sorgt ihre Schwester Ava (Mia "Alice" Wasikowska).
Man weiß, daß in Jarmusch-Filmen nicht viel passiert. Das kann toll sein (Stranger Than Paradise - 1984), aber auch ziemlich langweilig (The Limits of Control - 2009). Viel hängt von den Hauptdarstellern ab. Tom "Loki" Hiddleston als Adam ist perfekt besetzt: gebeugt von der Last der Jahrhunderte, exzentrisch wie der ultimative Rockstar, charismatisch selbst im Schlaf. Tilda Swinton ("Social Services" aus Moonrise Kingdom) als Eve entspricht mit ihrem albinotischen Äußeren zwar genau dem Klischee, ist ansonsten aber eher gegen ihren Typ besetzt: geduldig, weise, warmherzig, ist sie die perfekte Ergänzung zu ihrem depressiven Ehemann (ihre dritte offizielle Hochzeit ist keine 150 Jahre her und damit frisch in Erinnerung). Natürlich hätte man sich auch eine attraktive Frau in der Rolle wünschen können, aber egal. Der dritte Star ist hier eindeutig die Ausstattung. Besonders Adams Musikerbude bietet staunenswerte Details von Vinylplatten und Röhrenverstärkern bis hin zu modernster Aufnahmetechnik (der Stromgenerator funktioniert auf Basis vergessener Erfindungen von Tesla).
Jim Jarmusch hat in den USA wohl kaum noch eine Fangemeinde (die IMDB bietet aktuell ganze zwei Nutzerrezensionen), in Europa halten noch einige dem inzwischen 60jährigen König der Independants die Treue. Inzwischen veröffentlicht er nur noch alle vier Jahre einen Langfilm. Only Lovers Left Alive ist sein bestes Werk seit Ghost Dog - Der Weg des Samurai von 1999. Herausragend (9/10).
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