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Samstag, 29. September 2018

Auf den zweiten Blick: Logan (6/10)

Wolverine war noch nie der fröhlichste der X-Men. Vielleicht ist seine Schwermut für mich sogar seine attraktivste Eigenschaft. Logan geht allerdings einen Schritt weiter. Hugh Jackmans Abschiedsvorstellung ist ein trauriger Film, der den Zuschauer in eine dystopische Gesellschaft katapultiert. Mutanten sind fast ausgerottet, für die letzten X-Men gilt es, um jeden Preis zu überleben: Wir gegen Sie. Spoiler: Nicht ein einziger sympathischer Nicht-Mutant wird bis zum Ende überleben (gibt es dafür eigentlich eine Bezeichnung, so wie Muggles?) Die Anfangsszene setzt den Ton. Logan will sich eigentlich nicht prügeln, hat dann aber auch keine Gewissensbisse, als er, in die Ecke gedrängt, eine räuberische Gang massakriert. Und so geht es weiter, Komparsen werden links und rechts zerfetzt, Blut spritzt, Körperteile fliegen durch die Luft. Johnny Cashs bewegende Interpretation des Nine-Inch-Nails-Songs "Hurt" (aus seinen späten American Recordings) dominiert den Trailer, erzeugt aber vielleicht auch zu hohe Erwartungen:



Schon in Der Weg des Kriegers musste Logan sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Jetzt wirkt er mit bald 150 Jahren sichtlich älter, schwächer, Narben schmerzen, die Haare werden grau - das Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper von innen, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Verbissen widmet er sich seiner letzten Aufgabe - er kümmert sich um den über 90jährigen Xavier (Patrick Stewart), den einst so mächtigen Professor X, dessen Kräfte nun in epileptischen Anfällen zur Bedrohung für seine Umgebung werden (tatsächlich wird er als Massenvernichtungswaffe eingestuft). Zu Beginn wird Logan dabei vom lichtscheuen Caliban (Stephen Merchant) unterstützt, einer Figur, die wohl nur bei Comiclesern Kontur entwickelt. Und dann taucht die elfjährige Laura (Dafne Keene) auf, eine Art Mini-Me-Wolverine. Es stellt sich heraus, dass sie aus dem genetischen Experiment X23 entstand, um Supersoldaten mit Mutantengenen zu produzieren. Nun versucht sie zu einem Eden nahe der kanadischen Grenze zu gelangen (für US-Amerikaner liegt das Paradies in Kanada). Ihr auf den Fersen sind der Projektleiter Dr. Rice (Richard E. Grant), der seinem Vorbild Mengele alle Ehre macht, und dessen Handlanger Pierce (Boyd Holbrook mit Cyborg-Arm). Beim sich entwickelnden malerischen Roadmovie dominiert weiterhin das Blutrot.

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Mit dem Drehbuch von Scott Frank (Out of Sight), Michael Green (Green Lantern - wie hat der denn jemals wieder einen Job bekommen?) und Regisseur James Mangold, deren Oscar-Nominierung als Meilenstein gefeiert wurde, habe ich so meine Probleme. Der Grad an Brutalität, der das R-Rating (nur für Erwachsene) ausreizt, ist sicherlich Geschmackssache. Logans realistische und  bitterernste Action.steht jedenfalls in unversöhnlichem Gegensatz zu den Eskapaden seines Möchtegernkumpels Deadpool,  der fantastisch und ironisch überzogen daherkommt. Dazu kommen dann noch Handlungslöcher, die wohl nur Comicfans erklären können. Im Kino schien mir, dass X24 praktisch vom Himmel gefallen war, kurz glaubte ich sogar, er sei nur eine Ausgeburt von Wolverines Schizophrenie. Beim zweiten Sehen fällt auf, dass der Auftritt dieser Figur durchaus, wenngleich dürftig, vorbereitet war. Trotzdem ist mir nicht klar, warum sich die Schurken mit den nervigen X23-Kindern abgegeben haben, wenn sie doch die Technologie für einen X24 parat hatten...

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Und dann ist das alles so schwer zu ertragen, und damit meine ich nicht einmal das vorhersehbare tragische Ende der Hauptfiguren. Das Schicksal der Farmerfamilie ging mir viel näher. Zudem ist mir bei Logan besonders aufgefallen, mit welcher Skrupellosigkeit die Henchmen der Schurken eliminiert werden. Ich muss dann immer an eine Szene in Austin Powers denken, in der Mike Myers mal die Konsequenzen durchdacht hat: "The Henchman's Wife". Ironischerweise sollte Boyd Holbrook, hier Darsteller des Hauptschurken Pierce, in seiner nächsten Rolle die Perspektive wechseln. In The Predator ist es sein Team, das skrupellos reihenweise "feindliche" Soldaten entsorgt.


Wenn man sich mit den geschilderten Voraussetzungen arrangiert, ist Logan ein fabelhaft gespieltes Abenteuer mit beeindruckenden Bildern und der passend verstörenden Musikuntermalung. Man kann sich längst niemand anders als Hugh Jackman als Wolverine vorstellen. Als sein Mentor ist Patrick Stewart wohl nur knapp an einer Oscar-Nominierung gescheitert. Der heute 78jährige Shakespeare-Mime hat für die Rolle wohl sogar abgespeckt und wurde von der Maske auf älter getrimmt. Die elfjährige Neuentdeckung Dafne Keen kann mit den beiden Veteranen durchaus mithalten, und die Interaktionen zwischen den drei Generationen machen auch den Hauptreiz dieser Geschichte aus. Meine Wertung: Ordentlich (6/10).

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Nach langem Zögern habe ich mir nun doch die UHD-Blu-ray des Films besorgt, und neben der tollen Bild- und Tonqualität lohnt schon die hochinteressante Making-Of-Dokumentation den Kauf.

Sonntag, 16. September 2018

Keine neuen Features: The Predator (6/10)

Ein Predator ist eigentlich ein Raubtier, während das Monster hier eher ein Trophäenjäger ist - was in dieser Neuauflage auch mehrfach erwähnt wird. Aber das klingt natürlich nicht annähernd so cool. Dieses unfreiwillige Franchise ist ohnehin nur im weitesten Sinne Science Fiction. Es kommen zwar Raumschiffe und Aliens vor, aber sonst... Zum Beispiel verstehe ich nicht, wie die Predators an der Spitze der galaktischen Nahrungspyramide stehen können, wenn sie nur im Infrarotbereich sehen können (was allerdings Raum für interessante Effekte gibt). Wie haben solche Wesen denn überhaupt das Rad erfinden können, wenn sie die dazu notwendigen Materialien nicht sehen können?

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Die Geschichte begann 1987 eher als Horror-Thriller und Schwarzenegger-Vehikel (für die Jüngeren: er war der Dwayne Johnsson der 80er). Das Original macht aber auch heute noch Spaß, wenn man die unnötige Brutalität und Arnies unpassende Einzeiler der ersten Hälfte ignoriert. Die folgende Hetzjagd im lateinamerikanischen Dschungel ist aber grandios inszeniert (von Stirb-Langsam-Regisseur John McTiernan). Gleiches kann man leider nicht für die drei Jahre später erschienene Fortsetzung behaupten, die im Großstadt-Dschungel in einer dystopischen Zukunft spielt (was in den Folgefilmen zu Recht ignoriert wurde). Predators 2 hatte mit Lethal-Weapon-Star Danny Glover zwar einen soliden Hauptdarsteller, das Drehbuch wirkt aber so zerfleischt wie am Ende die Körper seiner Mitstreiter, darunter ein junger "Jayne" Adam Baldwin. Auch dabei: der im letzten Jahr verstorbene Bill Paxton in einem bizarren Auftritt irgendwo zwischen James Dean und Robert DeNiro, der eher wie eine Probeaufnahme für einen Fernsehkrimi wirkt.

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Jedenfalls kann man dieses Machwerk von Stephen Hopkins getrost ignorieren und gleich zum dritten Teil übergehen, der 20 Jahre später entstand (zwischendurch gab es wohl noch lausige Cross-Franchise-Breeds wie Alien vs. Predator etc.) Predators (2010) unter Leitung von Nimród Antal und Robert Rodriguez spielt wieder in einem "echten" Dschungel, allerdings auf einem fremden Planeten. Eine Darstellerriege mit hohem Wiedererkennungswert (und inzwischen zwei Oscar-Preisträgern) sorgte erneut für ein kurzweiliges Schlachtfest, darunter Adrien Brody (Der Pianist), Topher Grace (Die wilden 70er), Alice Braga (City of God), Danny Trejo (Machete) und Mahershali Ali (Moonlight).




Nachdem Ridley Scott die Alien-Welle inzwischen zu Tode geritten hat, will Twentieth Century Fox nun offenbar auch aus dem verwandten B-Franchise noch ein paar Dollars erpressen. Immerhin wurde mit Shane Black als Regisseur und Autor eine Legende engagiert, die übrigens im allerersten Film bereits eine kleine Rolle spielte, damit das Studio im Notfall einen Scriptdoktor vor Ort hatte. Wie man hört, hatte der Stahlharte Profi diesmal selbst mit den Produzenten zu kämpfen. Es ist ja bekannt, dass Studiobosse selbst nur in einem stark eingeschränkten Spektrum sehen können. Rausgekommen ist daher leider wieder nur ein Hybrid aus dem Katz-und-Maus-Spiel des Originals und Blacks skurillen Ensemble-Menagen wie Kiss Kiss Bang Bang oder Nice Guys. Diese Hetzjagd ging auf Kosten der rohen Spannung, und die Charakterzeichnungen wirken sprunghafter als sonst bei ihm üblich. Irgendwie verliert er diesmal den roten Faden (vielleicht ein Infrarot-Effekt). Da gibt es zum Beispiel diesen allerliebsten Weltraumhund, der erst Bedrohung, dann nach einer improvisierten Lobotomie Verbündeter ist und schließlich in einen Anhänger gelockt und vergessen wird. Es gibt einfach zu viele Handlungsbruchstücke ohne Payoff. Dem Franchise geschuldet müssen natürlich die meisten Figuren am Ende dem Predator zum Opfer fallen. Für so manchen Antihelden hätte ich mir allerdings einen denkwürdigeren Abgang gewünscht.

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Immerhin konnte Shane Black ein Traumteam zur Mitarbeit bewegen. Hauptdarsteller Boyd Holbrook (Narcos) ist zwar ein blasser Nachfolger von Arnie, Glover und Brody, das machen seine Kumpanen, das unwahrscheinliche Comedy-Duo Keegan-Michael Key und Trevante Rhodes (Moonlight), "Theon Greyjoy" Alfie Allen, Thomas Jane (bester Darsteller aus The Expanse) als Tourette-geplagter Grantler, Augusto Aguilera und Jake (Garys Sohn) Busey, allemal wett. Hinzu kommt der 11 jährige Fast-Oscar-Kandidat Jacob Tremblay (Raum), der seine potentiell nervige Rolle zum Glück sehr zurückhaltend anlegt (der erste Trailer ließ ja das Schlimmste befürchten).

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Und dann sind da die beiden Frauen, deren Rollen ich gern getauscht hätte. Schließlich hat die wunderbare Yvonne Strahovski aus Chuck reichlich Actionerfahrung, muss sich hier aber mit der passiven Rolle als zurückgelassene Ehefrau begnügen (in ihrer aktivsten Szene wirft sie ihr Telefon ins Spülwasser). Nichts gegen Olivia Munn (Psylocke in X-Men: Apocalypse), sie gibt ihr Bestes und kann durchaus mit den Männern mithalten. Hier liegt aber auch das (Drehbuch-)Problem: Sie wird als Wissenschaftlerin eingeführt (die einzige Alien-Biologin - auf Abruf - der USA), greift sich aber bei erster Gelegenheit ein Gewehr und ist fortan nur noch selten am Mikroskop zu beobachten. Das ist ein trauriger Verrat an sowohl der Wissenschafts- als auch der Damenwelt.

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Nun ja, niemand hat ein Meisterwerk erwartet. Auch wenn die Produktion soviel gekostet hat wie die drei Vorgänger zusammen, kann man aus einem B-Franchise nicht einfach einen A-Blockbuster machen. Und Shane Black hat seine Munition wohl langsam verschossen. Was bleibt, sind durchaus unterhaltsame 100 Minuten mit Witz und ein paar Überraschungen. Ein wirkliches Upgrade kann ich aber nicht erkennen, höchstens ein Update. Ordentlich (6/10).

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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Die Original-"Trilogie" ist zur Einstimmung auf die Fortsetzung jüngst auf UHD-Blu-ray erschienen, in für meinen Geschmack guter Bildqualität - die Restaurierung läßt nun wieder (ruhiges) Filmkorn erkennen. Kauftipp: die britische Box ist deutlich günstiger und enthält trotzdem auf fast allen Scheiben den deutschen Ton.

Samstag, 8. September 2018

Dreifacher Axel: I, Tonya (8/10)

Anders als Tennis (oder Fußball, dazumal) habe ich Eiskunstlauf nie so recht als Sport verfolgt. Ich kann einen Axel nicht von einem Tulup unterscheiden und habe keine Namen von Weltmeistern parat. Aber wenn das im Fernsehen lief (damals, als es nur drei Programme gab), habe ich schon gern zugeschaut, mehr aus ästhetischen Gründen. Die Kombination von Bewegung und Musik ist ja sehr mit dem Tanz verwandt. Tonya Harding, die 1992/94 an den Olympischen Spielen teilnahm, war mir nur grob geläufig. Deutschland war damals ohnehin von einer anderen Skaterin besessen, einer gewissen Katarina Witt. Aber die Amerikaner hatte definitiv das interessantere Leben, vor allem durch eine Episode, die sie schließlich ihre Karriere kostete, nämlich ein Anschlag auf ihre Rivalin Nancy Kerrigan.


Die Biographie I, Tonya bietet zwar einige technisch brillant nachgestellte Szenen auf dem Eis, diese sind aber stets Teil der Charakterchoreographie der Hauptfigur. Es ist nicht gerade eine Geschichte, die Amerikaner erbaulich finden. Tonya bezeichnete sich selbst als "Redneck" (etwa: Hinterwäldlerin). Mit ihrem athletischen Stil (durch den ihr als erster Frau ein dreifacher Axel in Kombination gelang), verbunden mit selbstgeschneiderten Kostümen und einer unorthodoxen Musikauswahl ("Heavy Metal") eckte sie bei den konservativen (und meist männlichen) Preisrichtern an, die lieber eine Posterfigur für das brave Amerika gesehen hätten. Sie wünschten sich Fred Astaire und bekamen John Travolta. Fun Fact: Nach ihrer Suspendierung hatte Tonya eine kurze Karriere als Boxerin...


I, Tonya ist halbdokumentarisch aufgebaut und mit nachgestellten und nachempfundenen Interviews durchsetzt, ohne einen absoluten Wahrheitsanspruch zu haben. Wer weiß schon, was damals wirklich passiert ist. Die Handlung ist dermaßen von Dummköpfen und Widerlingen bestimmt, dass man oft nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Trotz aller Satire kommt aber durchaus die tragische Komponente zum Ausdruck, vor allem dank der überragenden Darsteller. Nur für den eigentlichen Auftraggeber der Attacke auf Kerrigan vermochte ich nicht so recht Mitgefühl zu entwickeln. Es gibt einfach eine Art Dummheit, die nicht mehr zu entschuldigen ist. Das Muttersöhnchen Shawn behauptete auch noch dem FBI gegenüber, er sei ein international erfolreicher Geheimagent und arbeite für verschiedene amerikanische Spionageorganisationen. Nein, sind Sie nicht. Doch, bin ich! Nein, das wüssten wir doch. Bin ich aber...

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Margot Robbie hat sich ihre erste Oscar-Nominierung ehrlich erarbeitet. Nicht nur, dass sie verblüffend gut Skaten gelernt hat (natürlich wurden die Kunststücke gedoubelt und am Computer nachbereitet), sondern die Australierin verschwindet komplett in ihrer Figur (aus Portland, Oregon). Ihre Schönheit wurde durch die Maske (und wahrscheinlich auch durch das Weglassen von Schminke) geschickt zurückgenommen, aber die Emotionen zwischen Hartnäckigkeit, Triumph und Niederlage bis zu ihrem endgültigen Nervenzusammenbruch 1994 bringt sie ganz ohne technische Hilfsmittel rüber. Das hat nichts mit der glamourösen Brokerehefrau Naomi aus The Wolf of Wall Street oder der baseballschlägerschwingenden Harley Quinn aus dem Suicide Squad gemein. Es wird wohl nicht die letzte Oscar-Nominierung für die 28jährige gewesen sein.

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Der einzige Oscar-Gewinn für die Satire, die nicht einmal als Bester Film ins Rennen ging (mir aber besser gefiel als die meisten anderen Kandidaten), ging erwartungsgemäß an Allison Janney. Es ist, als ob die Akademie nur auf einen preiswürdigen Auftritt der sechsfachen Emmy-Gewinnerin (davon viermal für The West Wing, bei insgesamt 12 Nominierungen) gewartet hätte. Schließlich hatte sie denkwürdige Auftritte bereits in Der Eissturm, American Beauty, Juno, Spy und vielen anderen Kinofilmen. Klar, es waren fast alles sogenannte Nebenrollen, aber wer wollte die missen? Bei The West Wing fällt mir als erstes The Jackal ein, und gleich danach ihre Beförderung zum Chief of Staff nach Leo McGarrys (und Darsteller John Spence's) tragischem Tod: In herrlich lakonischer Abfolge teilen alle anderen Führungskräfte im Weißen Haus C.J. ihren Rücktritt mit, "weil sie nicht unter einer Frau arbeiten können" - bis hin zum Präsidenten selbst ;-) C.J. Cregg ist wahrlich eine der großen Frauenfiguren der amerikanischen Fernsehgeschichte. Der Oscar jedoch ist kein Karrierepreis, sondern den hat sich Allison Janney selbst verdient, mit ihrer Darstellung von Tonyas absolut abstoßenden Mutter, der sie trotzdem gerade so viel Schmerz mitgibt, dass man fast Mitgefühl entwickelt - bis sie ihre Tochter das nächste Mal demütigt oder schlägt oder mit einem Küchenmesser durchbohrt...

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Die weiteren Rollen in dieser vergleichsweise bescheidenen Produktion (die an 30 Tagen für schlappe 10 Millionen Dollar abgedreht wurde) sind weitgehend mit Unbekannten besetzt, abgesehen vielleicht vom vielbeschäftigten Bobby Cannavale als Reporter und "Winter Soldier" Sebastian Stan, der aber hinter dem Schnäuzer von Tonyas gewalttätiger Ehemann Jeff effektiv verschwindet. Regisseur Craig Gillespie, mir bisher nur durch die verschrobene Tragikomödie Lars und die Frauen (2007, mit Ryan Gosling, 8/10) bekannt, hat aus dem Drehbuch von Steven Rogers (nicht verwandt mit Captain America) eine außergewöhnliche Biographie gezaubert, einen dreifachen Axel sozusagen, den so niemand erwartet hätte. Sehr gut (8/10).

Samstag, 1. September 2018

The Good Place: Die Hugo-Gewinner 2018

Es ist schon ein wenig peinlich, wenn man sich die Preisverleihung des Worldcon 76 auf YouTube anschaut. Das ist halt eine Veranstaltung von Nerds für Nerds, oder besser: von Fans für Fans. Es gibt ein paar Veteranen wie Bob Silverberg oder George R.R. Martin, die mit ihren Präsentationen zu fesseln wissen (selbst wenn es um den Preis für die beste Fan-Kunst geht), aber ansonsten bleibt der Unterhaltungswert gering. Ausnahme war dieses Jahr der Auftritt der Queen of Nerds, Multitalent Felicia Day, die souverän den neuen Preis für das beste Jugendbuch ("Young Adult") präsentieren und gleichzeitig von ihrer Begegnung mit N.K. Jemisin schwärmen konnte.

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Romane

Der Königspreis ging wie erwartet an N.K. Jemisin für The Stone Sky, in einem historischen Hattrick, der leider auch ein schlechtes Bild der Konkurrenz zeichnet. Ihre Nominierung in der Kategorie "Beste Serie" hat sie übrigens im Vorfeld abgelehnt, obwohl diese passender gewesen wäre. Trotzdem Glückwunsch an die brillante Autorin, die nebenbei auch eine engagierte Dankesrede hielt.




Kein Zufall, dass ich bisher keinem der sonstigen Finalisten eine Rezension gewidmet habe. Als da waren:

New York 2140, Kim Stanley Robinson

Nachdem ich mich vor Jahren durch seine Mars-Trilogie gequält hatte ("Red Mars" war 1993 nominiert, "Green Mars" und "Blue Mars" gewannen 1994 und 1997), ignoriere ich seine weiteren Romane regelmäßig. Er hat viele gute Ideen, auch bessere als Andy Weir in "The Martian", aber seine Figuren lassen mich kalt, und seine Plots langweilen mich. Ich bevorzuge Spider Robinson, der in diesem Jahr Ehrengast war.

Raven Strategem, Yoon Ha Lee

Die Fortsetzung von Ninefox Gambit habe ich nur gelesen (bzw. ab der 2. Hälfte quergelesen), weil sie in der Voters Package enthalten war. Die zentrale Figur ist durchaus interessant, erstickt aber wiederum in komplizierten politischen Intrigen. Und Schande, wieder eine geschlechtslose Figur ohne Kontur...

Six Wakes, Mur Lafferty

Mur Lafferty hat eine treue Fanbasis, zu der auch Jo Walton gehört. Ich wurde nicht warm mit der Geschichte der sechs Raumfahrer, die ohne Erinnerungen aus dem Tiefschlaf aufwachen und den Mord an sich selbst (bzw. ihren Klonen) untersuchen müssen. Nicht übel, aber auch nicht wirklich preiswürdig.

The Collapsing Empire, John Scalzi

John Scalzis bester Roman bleibt Old Man's War, der 2006 leider gegen Robert Charles Wilsons Spin verlor. Über seinen Gewinner Redshirts habe ich mich bereits genug aufgeregt. "The Collapsing Empire", der erste Band einer neuen Trilogie, ist enttäuschend routiniert und vorhersehbar aufgesetzt, mit recyceltem Weltenaufbau. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Provenance, Ann Leckie

Selbst die Fans der Gewinnerin von 2014 geben zu, dass Provenance nicht ihr bestes Werk ist. Statt Tee-Ritualen gibt es diesmal eine Besessenheit mit historischen Urkunden. Durchschnittsware. Und auch wenn diesmal den meisten Figuren wieder Geschlechter zugeordnet werden, gibt es wieder eine Person unspezifizierten Geschlechts, mit vielen holprigen Pronomina. Ich halte es für eine billige Anbiederung an die quere Gemeinschaft, wenn so eine Figur plakativ eingeführt wird und wir dann nichts über die Hintergründe erfahren. Und woher weiß eigentlich jede andere Figur, dass diese Person geschlechtsneutral anzusprechen ist? 

Kurzformen

Hier gewannen meine Favoriten, nur bei den Noveletten hatte Suzanne Palmer mit "The Secret Life of Bots" die Nase vorn. Glückwunsch auch an Martha Wells und Rebecca Roanhorse.

Beste Serie

So haben sich die Organisatoren das bestimmt nicht vorgestellt - die neue Kategorie gewann erneut Altmeisterin Lois McMaster Bujold, diesmal mit ihrer Fantasy-Reihe "The World of the Five Gods", deren ursprünglicher Roman-Trilogie (inklusive Hugo-Gewinner "Paladin of Souls" von 2003) sie jüngst um eine Handvoll Novellen um den Tempeldiener Penric und seine Dämonin Desdemona erweiterte. Das war's dann zum Glück, mehr Serien hat sie nicht in petto - Bujold nahm den Hugo nicht selbst entgegen (vielleicht war's ihr selbst peinlich), ihre Dankesbotschaft verlas ihre Kollegin und Freundin Catherine Asaro, selbst erfolgreich mit der Skolian-Serie, die allerdings scharf an der Grenze zur Schnulze angesiedelt ist.

Mein Favorit (und zugleich die einzige Reihe, die ich vorab kannte) waren Brandon Sandersons "Stormlight Archives". Mit dieser epischen Fantasy, nach deren gerade erschienener dritter Band noch lange kein Ende abzusehen ist, versucht er in die Fußstapfen von Robert Jordan (dessen "Wheel of Time" er ja bekanntlich zum Abschluss gebracht hatte) und George R.R. Martin zu treten. Ich bin nicht mehr von allem begeistert, was Sanderson veröffentlicht; vor allem seine Jugendromane sind mir zu schematisch, und er macht schon in jungen Jahren (er wurde 1975 geboren) den Fehler, seine mit toll konstruierten Magiesystemen gestalteten Welten überzustrapazieren. In den "Stormlight Archives" jedoch erreicht er eine sagenhafte Erzähldichte und schafft schillernde dreidimensionale Figuren, die überlebensgroß und trotzdem erkennbar menschlich sind. Und mehr und mehr verschwimmen die Grenzen von Gut und Böse - man stelle sich vor, bei Tolkien würde man erfahren, dass die Orcs die Ureinwohner von Mittelerde waren, bevor Elben, Menschen und Zwerge das Land eroberten...

Da ich so begeistert von Martha Wells' nun preisgekrönter Novelle Murderbot Diaries war, habe ich inzwischen die ursprüngliche Trilogie ihrer Raksura-Reihe gelesen. Das sind geradlinige Abenteuer in einer reichhaltig ausgestatteten Fantasiewelt, mit einer faszinierenden Hauptfigur (wenngleich sie gelegentlich ein bißchen weinerlich daherkommt). Die ersten beiden Bände waren in der Voters Package, den dritten habe ich dazugekauft. Allerdings verstehe ich die Preispolitik des Verlages (Tor) nicht. Für die Kindle-Version älterer Romane über zehn Euro zu verlangen, grenzt an Wucher. Gleiches gilt für die Fortsetzungen der Murderbot-Diaries Für die Novellen verlangen die Händler ebenfalls bis zu zehn Euro.

Vielschreiberin Seanan McGuire hatte auch wieder eine Serie im Rennen ("InCryptid"), da komme ich aber beim besten Willen nicht hinterher. Gerade erst habe ich mir die Folgebände von Parasite gekauft...

Von einem weiteren Finalisten habe ich immerhin den ersten Band gelesen: Marie Brennans "The Memoirs of Lady Trent". Sie erzählt amüsant in (loser) Tagebuchform aus einer Parallelwelt, die technologisch ungefähr im Victorianischen Zeitalter angekommen ist, mit allerdings stark abweichender Fauna. Es ist erstaunlich, dass beim Thema Drachen noch Originalität möglich ist. Leider bleiben Figurenzeichnung und Vielschichtigkeit etwas auf der Strecke - das ist höchstens Anne Brontë, keinesfalls Charlotte.

Dramatische Formen

Nachdem ich schon befürchtet hatte, dass die öde Blade-Runner-Fortsetzung sich bei den Langformen durchsetzen könnte, hat nun doch mein Favorit gewonnen: Wonder Woman. Das passt schön zu einem Jahr, in dem es fast nur Gewinnerinnen gibt. Leider werden die Hugos in Hollywood nicht beachtet, so dass niemand aus dem Filmteam den Preis entgegennahm.

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Die große Überraschung gab es bei den Kurzformen, bereits bei den Finalisten. Neben der obligatorischen Doctor-Who-Episode und dem staffelbesten und doch mittelmäßigen Black-Mirror-Beitrag "U.S.S. Callister", einem naiv-verqueren Rap-Song von The Clipping (zum zweiten Mal: wird das ein Trend?) und einer Folge von Star Trek: Discovery (für diesen Mist kamen dann aber kaum Stimmen zusammen) gab es zwei Finalisten der Comedy-Serie The Good Place. Die war mir völlig unbekannt, was sich aber leicht beheben ließ: Die 25 zwanzigminütigen Episoden der ersten beiden Staffeln sind zwar nicht per Flatrate, aber zu sehr fairem Preis bei Amazon Prime erhältlich.




Welch ein Vergnügen! Visuell erinnert die Serie mich an Bryan Fullers ähnlich verschrobenes Kleinod Pushing Daisies, die vor zehn Jahren auch niemand verstanden hatte und nach 22 Episoden fallengelassen wurde. Das Konzept von The Good Place klingt zunächst arg bekannt, ergibt für mich aber etwas völlig Neues: Eleanor (Kristen Bell) wird nach ihrem überraschenden Tod vom Behördenleiter Michael (Ted Danson) überaus freundlich begrüßt. Sie ist am "Guten Ort" gelandet, eine Belohnung, die nur einem winzigen Promillteil der Verstorbenen zuteil wird. Michael hat diesen Ort (es gibt verschiedene) höchstpersönlich als kitschige Kleinstadt konstruiert, mit Frozen-Yoghurt-Cafes, Palästen und Hütten (je nach Vorliebe).

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Es gibt allerdings einen Haken: Eleanor erkennt schnell, dass sie nicht wirklich hier hingehört. Nicht, dass sie den "Schlechten Ort" bevorzugen würde, aber müsste es nicht wenigstens für einen "Mittleren Ort" reichen? Jedenfalls behält sie ihre Bedenken für sich und versucht sich einzuordnen. Nicht so einfach für eine egozentrische, eigennützige Egoistin wie Eleanor. Zum Glück gibt es Chidi (William Jackson Harper), einen ehemaligen Ethikprofessor, der sie mit philosophischer Nachhilfe unterstützt. Was in der zweiten Staffel zur Diskussion des Trolley-Problems führt (dieses Gedankenexperiment ist im Zuge von Autopilot-Fahrzeugen übrigens hochaktuell): Je nach Weichenstellung wird die Straßenbahn diese oder jene Menschengruppe überfahren: Nach welchen Kriterien entscheide ich? Der Teufel hat die Lösung natürlich parat, indem er nach dem Überfahren der ersten Gruppe die Bahn entgleisen läßt und so auch die zweite Gruppe erwischt...

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Das Charmante an The Good Place ist eigentlich, dass es jeder Beschreibung spottet. Erfinder Michael Schur, der zuvor auch die herrliche "Office"-Variante Parks and Recreation aus der Taufe gehoben hatte, hat hier jedenfalls einen Volltreffer gelandet. Allein wie der 70jährige Altstar Ted Danson (Cheers) sich seine herrlich absurden Dialoge auf der Zunge zergehen läßt, ist preiswürdig. Aber auch der Rest des Ensembles, teilweise mit Neulingen besetzt, schlägt sich fabelhaft. Oh, und hatte ich Janet (D'Arcy Carden) erwähnt? Sie ist so eine Art Enzyklopädie allen Wissens des Universums, fungiert zur Not aber auch als Telefon - was Jason (Manny Jacinto), den buddhistischen Mönch mit Schweigegelübde (lange Geschichte), nicht daran hindert, sich in sie zu verlieben...

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Es ist Vor- und Nachteil zugleich, dass sich die Serie nicht in ein Schema pressen läßt. So wird im furiosen Abschluss der ersten Staffel, im Hugo-Finalisten "Michael's Gambit", die komplette Situation auf den Kopf gestellt. Was zu einer etwas durchwachsenen zweiten Staffel führt, die allerdings mit der Episode 5, "The Trolley Problem", einen tollen Höhepunkt aufzuweisen hat, der verdient (und auch mit meiner Stimme) den diesjährigen Hugo einheimsen konnte. Jetzt bin ich wahnsinnig gespannt auf die dritte Staffel, die Ende des Monats anlaufen soll.