Suche im Blog

Montag, 23. Dezember 2013

Leicht enttäuschender Action-Overload: Der Hobbit - Smaugs Einöde (8/10)

Als ich 8 war, fand ich im Kleiderschrank keinen Weg nach Narnia.
Als ich 11 war, kam keine Einladung nach Hogwarts.
Als ich 12 war, hat mich kein Satyr zum Camp Half-Blood abgeholt.
Gandalf, ich zähle darauf, daß Du mich an meinem 50. Geburtstag zu einem Abenteuer mitnimmst!

Ähnlich wie Die Gefährten in der HdR-Trilogie dient Eine unerwartete Reise als Einführung in die Welt und die Charaktere der neuen Hobbit-Filme. Die durch 15 zusätzliche Minuten abgerundete Blu-ray-Fassung bietet ein wunderbares Heimkinoerlebnis, in dem die Actionszenen nicht mehr übertrieben lang wirken und sich immerhin einige der Zwerge langsam als eigene Persönlichkeiten etablieren. In der Fortsetzung geht es nach einem Prolog, in dem die Bedeutung des Arkenstones illustriert wird, sofort richtig zur Sache. Die Reise zum einsamen Berg gerät zur Hetzjagd, und die magische Unverwundbarkeit von Legolas scheint sich nun endgültig auf alle 13 Zwerge zu erstrecken (der Liebling vieler weiblicher Fans bekommt immerhin einmal gewaltig was auf die Nase). Je mehr Computereffekte eingesetzt werden, desto irrealer erscheinen die Kämpfe.

Unerklärlich, warum bei 160 Minuten Laufzeit das Durchqueren des düster-magischen Mirkwoods so schnell vorbei ist (ausgelassen wird z.B., daß Bombur vom Flußwasser trinkt und tagelang schlafend transportiert werden muß). Auch im Königreich der Waldelben hätte man sich länger aufhalten können. Stattdessen gibt es als Höhepunkt ein nicht enden wollendes, wahnwitziges Duell der Zwerge mit dem (zugegeben sehr gelungen animierten) Drachen Smaug, und vorher endlos sich wiederholende  Schlachten mit Ork-Statisten. Die HFR-3D-Bilder sind wie im ersten Teil angenehm und gelegentlich atemberaubend. Wenig im Gedächtnis bleibt diesmal die Musik von Howard Shore, auch das von Ed Sheeran gesungene Lied zum Abspann konnte mich nicht begeistern.

Trotzdem vergehen die fast drei Stunden wie im Flug, und es gibt es genug Szenen zum Staunen und Schmunzeln. Die (vom Jackson-Team erfundene) Elbin Tauriel sorgt sogar für ein wenig Romantik. Der dynamischen Darstellung von Lost-Star Evangeline Lilly merkt man nicht an, daß sie gerade Mutter geworden war - trotz ihrer leicht mißglückten Ohrprotesen ist sie Lee Pace (als Legolas' Vater Thranduil) und Orlando Bloom an Ausstrahlung ebenbürtig. Als schleimiger Bürgermeister von Laketown glänzt Stephen Fry,  als Beorn überzeugt der Schwede Mikael Persbrand - von ihm hätte man gern mehr gesehen. Auch Luke Evans als Bogenschütze Bard ist sympathisch - ihm hat man sogar eine komplette Familie gespendet. Für etwas epischen Pathos sorgt Gandalfs Konfrontation mit dem Übel von Dol Guldur, die fast als zweiter Handlungsstrang angelegt ist.

Es bleibt zu hoffen, daß die erweiterte Heimkinofassung einige dieser Probleme mindern kann. Bis dahin vergebe ich leicht enttäuschte 8/10 Punkte (Sehr gut).

Rätselhaft, wenig authentisch und depressiv: Inside Llewyn Davis (5/10)

Inside Llewyn Davis ist ein deprimierendes Porträt eines Musikers, der niemals gelebt hat, und ein Zerrspiegel einer Zeit, die es niemals gab. Das Drehbuch soll auf den Erinnerungen von Dave Van Ronk beruhen und spielt zu  Beginn des Folkrevivals Anfang der 60er. Nach dem wenigen, das ich über diesen Folksänger weiß, war er zwar kommerziell tatsächlich wenig erfolgreich, aber mit seinem charismatischen Auftreten und einfallsreichen Repertoire Vorbild für etliche spätere Stars (er war Mitte der 90er Mitwirkender beim Nostalgie-Event Lifelines von Peter, Paul & Mary). Der bisher recht unbekannte Oscar Isaac spielt (durchaus kompetent) einen mittelmäßigen, desillusionierten Folksänger, der überhaupt nicht in diese Zeit des Aufbruchs paßt. Die New Yorker Szene in Greenwich Village kann damals unmöglich so dröge wie im Film dargestellt gewesen sein. Wo ist die Begeisterung des Neuanfangs geblieben, aus der sich Ikonen der 60er wie Joan Baez und Peter, Paul & Mary (die übrigens Millionen von Alben verkauften) etablierten, die den Nährboden für eine Generation hervorragender Liedermacher wie Phil Ochs, Eric Anderson,Tom Paxton  und Paul Simon und den Pop-Folk der späten 60er bildete, mit den Lovin' Spoonful, den Byrds, den Mamas & Papas?

Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis  jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).

Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und  Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.

Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).

Dienstag, 3. Dezember 2013

Klassiker auf Blu-ray #8: Brian de Palmas "Carrie" (1976)

Lange bevor sich an Buffys Schule in Sunnydale die Ängste und Konflikte der Heranwachsenden in handfesten Dämonen manifestierten, erfand Stephen King die übernatürlichen Fähigkeiten seiner Figur Carrie als Metapher für ihren labilen seelischen Zustand. Buch und Film stellen die üblichen Horror-Klischees auf den Kopf, nach denen etwa im Exorzist (1973) ein Kind "vom Teufel besessen ist", der ausgetrieben werden muß. Dabei werden uns dann unabhängig vom sonstigen konfessionellen Hintergrund katholische Priester zum Gegenpol des "Bösen" präsentiert, bei meist extremer Beleidigung des intelligenten Zuschauers. In Carrie besteht der "Horror" allein in der grauenvollen familiären Situation, mit einer durchgeknallten bibelschwingenden Mutter, und dem Mobbing der Außenseiterin durch ihre unsensiblen Mitschülerinnen. Daher ist der deutsche Untertitel "Des Satans jüngste Tochter" auch besonders dämlich.

Brian de Palma legt seine Verfilmung wie eine schwarze Komödie mit Thrillerelementen an. Er zitiert dabei Versatzstücke aus der Filmgeschichte, aus denen hier aber ein erfrischend originelles Werk entsteht. Das beginnt mit zwar geschmackvollen, aber doch an Softpornos erinnernden Szenen in der Umkleide und Dusche, setzt sich mit Voyeurismus beim Schulsport fort und läßt bei einer Autofahrt mit John Travolta und Nancy Allen kurz sogar American-Graffiti-Romantik anklingen. Und natürlich leiht sich die Filmmusik mehrfach die vier "schneidenden" Akkorde aus der Duschszene von Hitchcocks Psycho aus. Im Unterschied zum großen Vorbild erzeugt de Palma seine Spannung nicht aus einem externen McGuffin, sondern läßt diese aus der Identifikation des Zuschauers mit der Hauptfigur entstehen. Es ist fast unerträglich, wie er die kurzen Glücksmomente Carries während des Schulballs zeitlupenartig verlängert und fast in eine Trance übergehen läßt, bevor die Situation kippt und buchstäblich explodiert.

Dem Regisseur gelingt eine verblüffende Balance zwischen den ins Komische überzogenen Darstellungen der Erwachsenen und dem eher naturalistischen der "Jugendlichen" (die meisten waren um die 25 Jahre alt). Zentral dabei ist natürlich Sissy Spaceks ergreifendes, mutiges Porträt der Hauptfigur, wofür sie mit einer (für einen "Horror"-Film beispiellosen) Oscar-Nominierung belohnt wurde. Gewonnen hat dann Faye Dunaway für Network (das war nach Nominierungen für Bonnie und Clyde und Chinatown wohl überfällig). Einige Jahre später holte sich Spacek dann die Trophäe für ihre bravouröse Darstellung der Loretta Lynn in Nashville Lady ("Coal Miner's Daughter"). Für ihre Nebenrolle nominiert war übrigens die nach Haie der Großstadt (1961) erstmalig wieder erscheindende Piper Laurie als Carries Mutter - ihre ekstatische Sterbeszene brennt sich ins Gedächtnis ein.

Leider ist de Palma nie wieder ein solch großer Wurf gelungen. Oft paarten sich in seinen Filmen technische Brillanz mit erzählerischer Beliebigkeit. Gebändigt vermochte er gutes Material kompetent zu inszenieren, aber meist verstieg er sich in Spielereien und Inkonsistenzen. Am gelungensten finde ich dabei Die Unbestechlichen (1987 - sein Al-Capone-Thriller mit DeNiro, Connery und Costner), Die Verdammten des Krieges (1989) und die erste Mission Impossible (1996). Berühmt, aber in meinen Augen vollkommen mißlungen ist sein Scarface-Remake mit Al Pacino und Michelle Pfeiffer von 1983. Enttäuschend, wenn man ihn mit seinen Kumpanen Coppola, Scorsese, Spielberg und Lucas vergleicht, die in den 70ern das amerikanische Kino nachhaltig revolutionierten. Aber wenigstens mit Carrie hinterläßt er uns einen der besten King-Verfilmungen, die nur von Kubricks The Shining und Frank Darabonts Die Verurteilten übertroffen wird. Herausragend (9/10).

Die technische Qualität der Blu-ray wird kontrovers diskutiert. Gerade vom Bild war ich zwar nicht begeistert, es gibt aber auch keine Schäden oder besonders auffällige Unschärfen, die vom Filmgenuß ablenken könnten. Gemessen am vielleicht schon nicht optimalen Ausgangsmaterial und den kaum vertretbaren Kosten für eine komplette Restauration muß man wohl recht zufrieden sein. Die Extras scheinen allerdings von früheren DVD-Ausgaben übernommen, wobei die 45minütige Retrospektive (u.a. mit Interviews von de Palma, Spacek, Piper Laurie und Amy Irving) mmer noch sehr informativ und sehenswert ist.

Samstag, 30. November 2013

Ernsthaft, Woody? Blue Jasmine (7/10)

Etwa einmal pro Jahrzehnt versucht sich Woody Allen an einem "ernsten" Film ohne Komikanteil. Meist orientiert er sich dabei an seinen Vorbildern, insbesondere Ingmar Bergman. Zuletzt (2005) schien er sich im überaus spannenden und klugen Match Point davon gelöst zu haben. Jetzt versucht er sich an einer Variation von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht", bekannt durch die sehenswerte Verfilmung Elia Kazans von 1951. Diese lebte von den Gegensätzen ihrer Hauptdarsteller: hier Vivien Leigh in einer technisch perfekten "theatralischen" Darstellung, dort Brando mit der vollen Wucht seines Method Acting, Schweiß und Nuscheln inklusive.

Doch auch wenn Cate Blanchett in der Titelrolle Vivian Leigh durchaus ebenbürtig ist, fehlt in Blue Jasmine der Gegenpol. Sally Hawkins als Jasmines Schwester (lange nicht so nervig wie in Mike Leighs Happy Go Lucky) und Bobby Cannavale in der zur Nebenfigur degradierten Kowalski-Rolle wirken sympathisch und natürlich, Alec Baldwin als Madoff-ähnlicher Börsenschwindler spielt einen Jack Donaghy (30 Rock) ohne Persönlichkeit oder komische Komponente. Es ist ein wie bei Woody üblich sehr kompetentes Ensemble, in dem aber nicht die Funken sprühen wie dereinst zwischen Leigh und Brando. Und vielleicht auch durch den ungewohnten Drehort San Francisco ist dies für mich Woodys unpersönlichstes Werk seit langem.

So bleibt die ohnehin deprimierende Geschichte recht einseitig. Man staunt über Cate Blanchett, die technisch vielleicht versierteste Schauspielerin ihrer Generation, die aber immer ein wenig kühl wirkt (was allerdings der über 8.000 Jahre alten Galadriel aus Peter Jacksons Tolkien-Verfilmungen gut ansteht). Und dann ist da der Soundtrack. Sicher wird der Meister, der morgen 78 Jahre alt wird, seinen Musikgeschmack nicht mehr ändern. Aber in diesem ansonsten recht modern wirkenden Werk scheinen die alten Blues- und Swingklassiker wirklich fehl am Platz. "Blue Moon" als Jasmines Leitmotiv ist schwer vermittelbar - für Kenner abgegriffen, für andere weit hergeholt. Vielleicht sollte er wie beim Casting (eine Disziplin, die er unlängst sogar für eine eigene Oscar-Kategorie vorschlug) langsam auch bei der Musik externe Beratung einholen.

Nach dieser (leichten) Anstrengung dürfen wir uns auf die nächste Komödie freuen, die (u.a. mit Emma Stone und Colin Fith) bereits abgedreht ist und uns den Sommer 2015 versüßen könnte. In seinen großen Filmen hat Woody natürlich Komik und Tragik brillant miteinander verschmolzen, etwa in Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Aber solche Meisterwerke sind wohl nicht mehr zu erhoffen.

Gut (7/10).

Sonntag, 24. November 2013

Habe diesmal ein wenig Feuer gefangen: Die Tribute von Panem - Teil 2 (7/10)

Der zweite Teil der Hungerspiele bleibt über 2 1/2 Stunden überraschend unterhaltsam. Vielleicht kommt Regisseur Francis Lawrence besser mit dem Material zurecht als sein Vorgänger Gary Ross - auch wenn er bislang höchstens Mittelmaß ablieferte (Constantine, Ich bin Legende, Wasser für Elefanten). Vielleicht ist die Buchvorlage auch besser - wie man hört, sind Fans der Vorlage diesmal recht angetan. Mit Sicherheit hatten die neuen Adapteure (Simon Beaufoy: Ganz oder gar nicht und Michael Arndt: Little Miss Sunshine) - ein besseres Händchen dabei, die sozialkritischen Elemente mit der Action zu balancieren. Das Barbarische am ersten Film war ja, daß man sich durch die Identifizierung mit Katniss in eine Komplizenrolle begab und hoffen mußte, daß sie gegen ihre jugendlichen Gegner bestehen würde - notfalls auch auf blutige Weise. In der Fortsetzung nun wird deutlicher, wer die wahren Schurken sind, und statt der gegenseitigen Eliminierung steht die längste Zeit das Überleben im Vordergrund. Einige Schwächen des Vorgängers sind geblieben - etwa die Hälfte der "Tribute" bleiben gesichtslos, und Josh Hutcherson als Peeta wirkt jämmerlich hölzern neben der dynamischen, enorm wandlungsfähigen Hauptdarstellerin, der frisch Oscar-prämierten Jennifer Lawrence. Ansonsten wissen Ausstattung und Darstellerriege zu überzeugen. Gut (7/10).

Sonntag, 27. Oktober 2013

Alles eine Frage der Zeit (7/10)

Die Filme von Richard Curtis spielten schon immer in einer Märchenwelt parallel zur britischen Wirklichkeit. Daher ist es kein großer Schritt dahin, daß die Hauptfigur seines neuesten Films in der Zeit zu reisen vermag - allerdings nur zu vergangenen Punkten seiner eigenen Biographie. Die Geschichte beginnt, als sein Vater (ein verschrobener Bill Nighy, wie wir ihn kennen und lieben) Tim zum 21. Geburtstag in dieses Geheimnis einweiht. Zunächst versucht Tim mit seiner neuentdeckten Fähigkeit, sein Liebesleben zu verbessern. Nachdem keine Tricks ihm bei der Eroberung der blonden Schönheit Charlotte (Margot Robbie aus der leider kurzlebigen Stewardessenseifenoper Pan Am) helfen können, trifft er schließlich zufällig auf Mary (Rachel McAdams) - es ist offenbar für beide Liebe auf den ersten Blick. Jetzt lernt Tim die Schattenseite seiner Gabe kennen: Er muß diesen Glückstag wiederholen, um einem Freund aus der Klemme zu helfen, und verpaßt das Rendezvous seines Lebens (an das er als Zeitreisender sich erinnern kann, sie jedoch nicht). Wird Tim es schaffen, eine erneute "zufällige" Begegnung zu inszenieren, und werden ein zweites Mal die Funken sprühen?

Ich persönlich hätte es spannender gefunden, wenn Curtis sich auf dieses Dilemma konzentriert hätte, welches in der zweiten Filmhälfte jedoch in eine sentimentalen Familiengeschichte mit klischeehafter Vater-Sohn-Beziehung mündet. Kann man ein spontanes Verlieben wirklich wiederholen? Vielleicht müssen die Beteiligten seelenverwandt und "füreinander bestimmt" sein, damit das klappt (dies ist schließlich ein Märchen). Etwas zynisch fand ich allerdings, wie Tim den "ersten" Sex so lange wiederholt, bis er seinen Part perfektioniert hat. Das wirkt nur oberflächlich komisch, spiegelt aber eine bittere Realität der Erwartungen im Internetzeitalters. Tatsächlich ist doch eine der Freuden des Verliebtseins, sich an neue Erfahrungen gemeinsam heranzutasten!

Nach seinem Oxford-Abschluß in englischer Literatur begann der 1956 in Neuseeland geborene, 2000 zum CBE ernannte Großmeister der britischen Komödie seine Karriere mit Fernsehshows (insbesondere mit Rowan Atkinson: Black Adder, Bean), bevor er zum Kino wechselte - zu Beginn schrieb er nur die Drehbücher:
  • Das lange Elend (1989/Regie Mel Smith: 7/10), die herrlich skurille Liebesgeschichte mit Jeff Goldblum und Emma Thompson
  • Vier Hochzeiten und ein Todesfall (1993/Mike Newell: 10/10), ein Welterfolg, der Durchbruch für Hugh Grant und die schönste romantische Komödie der 90er
  • Bean (1997/Mel Smith: 6/10), ein auf hohem Niveau gescheiterter Versuch, Fernsehkomik auf Spielfilmlänge zu strecken
  • Notting Hill (1999/Roger Michell: 8/10), in dem Rhys Ifans Julia Roberts und Hugh Grant die Show stiehlt.
  • Bridget Jones (2001/Sharon Maguire: 9/10), mit Andrew Davies und Buchautorin Helen Fielding trug er zu einem der witzigsten Filme der 0er Jahre bei.
Danach übernahm er dann auch die Regie, mit gemischtem Erfolg:
  • Tatsächlich... Liebe (2003: 9/10) bleibt neben "Vier Hochzeiten" sein Opus Magnum, ein Ensemblefilm mit Starpower, Herz und Lebensfreude (der perfekte Trost für kalte Winterabende)
  • Radio Rock Revolution - "The Boat That Rocked" (2009: 7/10), ein tolles Konzept, das vielleicht auf dem Weg vom Papier zum Celluloid verwässert wurde, jedenfalls in Episoden unterschiedlicher Qualität zerfällt.

Alles eine Frage der Zeit, der nach eigener Aussage letzte Film von Richard Curtis, ist somit nett, aber nicht überragend, zumindest gemessen an seinen frühen Erfolgen. Die Hauptdarsteller, der relative Neuling Domhnall Gleeson (Bill Weasley aus "Harry Potter") und die romanzenerfahrene Rachel McAdams (Irene Adler aus Sherlock Holmes, Inez aus Midnight in Paris) machen ihre Sache recht gut, ändern allerdings ihr Aussehen während der etwa 20 Jahre dauernden Geschichte kaum (besonders auffällig Marys biedere Frisur). Überhaupt bemerkt man den Ablauf der Zeit höchstens am Heranwachsen der Kinder, was mir ein wenig wie Verrat am Titel (im Original: "About Time") anmutet, denn hier soll es doch "um Zeit" gehen (die zweite Bedeutung wäre besser mit "Es ist an der Zeit" übersetzt). Alles in allem nur Gut (7/10).

Freitag, 11. Oktober 2013

Brave Geschichtsstunde: Der Butler (5/10)

Der Butler teilt sein größtes konzeptionelles Problem mit seiner Hauptfigur. Cecil Gaines ist derart mit dem Aufrechterhalten einer würdevollen Fassade beschäftigt, daß sein übriges Leben dahinter fast verschwindet. Er selbst spricht von den zwei Gesichtern der Bediensteten, dem öffentlichen und dem privaten. Leider gelingt es Regisseur Lee Daniels nicht, eine Balance zwischen den Ebenen zu erreichen. Die politischen Stationen der Bürgerrechtsbewegung werden brav abgehakt. Manchmal werden die Entscheidungsprozesse mit dem eigentlichen Drama der tapferen Aktionisten zusammengeschnitten, aber nur selten haben diese Szenen die gewünschte emotionale Wirkung. Zwei Szenen um Cecils Sohn Louis sind mir im Gedächtnis geblieben, einmal die gemischtrassige "Besetzung" eines Cafes, zum anderen der Überfall auf den "Freiheitsbus" durch den Ku Klux Klan. Da wurden plötzlich die schreckliche Ereignisse fühlbar, die Phil Ochs damals mit der Liedzeile "Mississippi, find yourself another country to be part of!" kommentierte.

Und dann ist da das "Stunt casting" - die Besetzung vor allem der Präsidenten mit bekannten, wenngleich verfremdeten Gesichtern: Robin Williams als Eisenhower, James Marsden als Kennedy, John Cusack als Nixon (katastrophal fehlbesetzt) und Alan Rickman und Jane Fonda als Ronald und Nancy Reagan (wtf?). Das lenkt nur von den Geschehnissen ab, und leider bezieht sich dies auch auf Oprah Winfrey als Cecils Ehefrau, in einer undankbaren Rolle als weinerliche Alkoholikerin, in der sie nie jünger als 60 aussieht. Forest Whitaker in der Hauptrolle hat natürlich gute Momente, wie man es von einem der besten amerikanischen Schauspieler erwarten kann. Seine Figur altert auch am überzeugendsten.

Für Autor Danny Strong habe ich die größte Sympathie, der Karrieresprung von einer (zum Schluß imemrhin wichtigen) Nebenfigur in Buffy zum (wahrscheinlich) oscar-nominierten Drehbuchautor ist beeindruckend. Er ist immer noch der König der Nerds, und zudem hat er (im Kontext sei das erlaubt zu erwähnen) eine ziemlich blasse Haut, die ihn nicht gerade zum geeignetsten Chronisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung macht. Was Lee Daniels betrifft, konnte ich mich bereits mit seinem umjubelten Precious nicht anfreunden, obwohl ich es aufgrund seiner ehrlicheren Sentimentalität dem ähnlich gelagerten The Blind Side aus der gleichen Oscarsaison vorziehe. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was Spike Lee (der ursprünglich Regie führen sollte) aus diesem Stoff hätte rausholen können. Natürlich tendiert er inzwischen zur radikaleren Malcolm-X-Seite der Medaille, aber jedenfalls wäre das Wort "brav" in dieser Rezension nie aufgetaucht.

Es ist schwer zu sagen, was nun dem Drehbuch und was der Regie anzulasten ist. Da gibt es übertrieben sentimentale Momente, etwa der von rührseligen Geigenklängen begleitete Abschied der Eltern vom Sohn Louis, der ein College in den Südstaaten besuchen will. Und dann wieder sehe ich verpaßte Möglichkeiten, etwa wenn John F. Kennedy Cecil erklärt, er wisse von Louis' Aktivitäten und daß er im Gefängnis sitze, aber diese Vorkommnisse hätten seinem Bruder Bobby und ihm die Augen geöffnet. Das hätte Cecil seinem Sohn Louis ja durchaus mal erzählen können... Beeindruckend, aber viel zu spät das Staatsdinner, zu dem Cecil und Gloria als (Alibi-)Gäste geladen werden, so wie überhaupt in der Reagan-Ära spannende Fragen angedeutet werden. Durchaus möglich, daß Ronald Reagan wie so manche Galeonsfigur der Konservativen (z.B. auch John Wayne) privat ein netter Kerl war, der Schwarze durchaus als gleichberechtigt behandeln konnte (im Film ist er es, der den schwarzen Bediensteten endlich gleichen Lohn verschafft), während seine abstrakte Politik etwa durch das Veto von Sanktionen gegen das Apartheitsregime in Südafrika schäbig erscheint. Mehr solcher Ambivalenzen hätten dem Film gut getan.

Was bleibt, sind zwei mäßig unterhaltsame Geschichtsstunden, mit sehr unterschiedlichen Schauspielerleistungen dramaturgischen Schwächen und fragwürdiger Haltung. Annehmbar (5/10).

An mir vorbeigerauscht: Rush (6/10)

Sporthistorisch ist sie sicherlich interessant, diese Geschichte aus der wilden Zeit der Formel Eins, als die Motoren den Sicherheitsvorkehrungen davonrasten und Fahrer (angeblich) eine Todeschance von 20 Prozent akzeptabel fanden. Vertan wurde allerdings die Chance, ein übergreifendes Thema der letzten 50 Jahre anzugehen: der Wandel des Profisports weg von der Freude am Wettbewerb, hin zu Berechnung und Kommerz. Dies kann man in diesem Portrait der Kontrahenten Niki Lauda und James Hunt nur erahnen, und ein ähnlicher Konflikt wurde von Regisseur Ron Howard und Autor Peter Morgan 2008 in der herausragenden Nachstellung der Frost/Nixon-Interviews sehr viel besser auf den Punkt gebracht.

Die beiden Hauptfiguren von Rush erschienen mir nur bedingt sympathisch, und zudem springt der Fokus recht unmotiviert zwischen ihnen hin und her. Dadurch erscheint die Erzählung episodenhaft, und abgesehen vom ereignisreichen Höhepunkt von 1976 rauschen die Grand-Prix-Rennen spurlos am Zuschauer vorbei, so wie auch die Hintergründe der Charaktere im Dunkeln bleiben. Die Hauptdarsteller trifft dabei keine Schuld. Daniel Brühl verwandelt sich mit verblüffender Uneitelkeit in das "Rattengesicht" Lauda und spricht (im mehrsprachigen, unbedingt zu empfehlenden Original) seine englischen Dialoge mit einem scheußlichen, wahrscheinlich authentischen österreichischen Akzent. Chris Hemsworth hat mich vielleicht noch mehr überrascht. Sein todesverachtender Playboy Hunt scheint weit entfernt vom hammerschwingenden gottgleichen Alien Thor oder dem Quarterback in Cabin in the Woods. Ihre Frauen sind zeittypisch eher Staffage. Natalie Dormer (Prinzessin Margaery Tyrell aus Game of Thrones) darf ein wenig nackte Haut zeigen, Alexandra Rehauge Lara ist nicht ganz so nervig wie sonst, und die hinreißende Olivia Wilde als Hunts Mannequin-Ehefrau ist an diesen Film verschwendet (wer sie einmal entfesselt erleben will, dem sei die hübsche, wenngleich etwas zerfahrene Komödie Alles in Butter empfohlen).

Obwohl ich kein Freund des Rennsports bin, hätte ich mich gern auf dieses technisch aufwendige europäische Projekt eingelassen, welches teilweise in Deutschland, überwiegend aber in England gedreht wurde. Am Ende fühlte ich mich ein wenig informiert, ein wenig unterhalten, aber nur wenig begeistert. Ordentlich (6/10).

Freitag, 4. Oktober 2013

Leider nur Hype: Under the Dome

Die Voraussetzungen waren eigentlich nicht schlecht - eine Miniserie (13 Folgen) beruhend auf einem Stephen-King-Roman, mit einer interessanten Ausgangssituation: Eine amerikanische Kleinstadt findet sich plötzlich durch eine transparente, ansonsten undurchdringliche kugelförmige Schutzhülle vom Rest der Welt isoliert - Stoff für die langsame Auflösung des Geheimnisses und die kleinen Seifenopern der Bewohner.

In den USA war Under the Dome ein veritabler Sommerhit, und auch im deutschen Fernsehen scheint das gut gelaufen zu sein. Einige Kritiker haben sich derart mit Lob überschlagen, daß man schon Bestechung unterstellen muß. Manchmal ist man vielleicht von einer Idee so begeistert, daß man eine Zeitlang eine schlechte Umsetzung in Kauf nimmt. Aber hier ist wirklich alles falsch gemacht worden. Die dramatische Struktur des Romans (den ich nicht gelesen habe) wurde aufgelöst, die Charaktere wirken alle inkonsistent bis langweilig, das Mysterium nimmt zu wenig Raum ein, und keine der Figuren verhält sich auch nur annähernd glaubwürdig. Die besten Darsteller werden schnell umgebraucht (Jeff Fahey, Samantha Mathis), der (Action-)Held hat den Spitznamen Barbie und verhält sich oft auch so, und der Hauptschurke (Dean Norris, der Polizistenschwager aus Breaking Bad) geht einem schnell nur noch auf die Nerven. Ganz zu schweigen von seinem soziopathischen Sohn "Junior" (origineller Name), dessen Szenen ich ab der zweiten Folge nur noch vorgespult habe. Aufgrund guter Quoten wurde dann noch schnell das Finale zum Cliffhanger umgeschrieben, damit man die Deppen von Zuschauern mit einer zweiten Staffel melken kann.

"Schöpfer" Brian K. Vaughan hat zuvor ein paar Lost-Episoden geschrieben, und diesem nach wie vor unerklärlichen Erfolg (für mich immer noch die beste TV-Serie des 21. Jahrhunderts) scheinen viele neue Serien hinterherzurennen. Wenn dann noch Steven Spielberg als Produzent die Finger im Spiel hat, kann ich nur abraten - nach dem desaströsen Dinosaurierfamilienabenteuer Terra Nova und dem unverständlicherweise gerade verlängerten, totenöden Möchtegernendzeitactionthriller Revolution wird er auch bei Under the Dome als ausführender Produzent gelistet. Bin ich froh, daß ich für diesen Müll kein Geld gezahlt habe!

Die Genre-Highlights Lost und (mit Abstrichen) Battlestar Galactica haben noch keine auch nur annähernd würdigen Nachfolger gefunden, abgesehen natürlich vom ganz anders gelagerten Game of Thrones. Immerhin gibt es mit Arrow eine Action-Comicverfilmung, die man sich durchaus anschauen kann, bei Grimm (siehe Kritik) läuft gerade die dritte Staffel an, und Marvels Agents of S.H.I.E.L.D begannen soeben vielversprechend (auch wenn man noch nicht absehen kann, ob das Konzept Erfolg haben wird).

Brüllend komisches Weltenende: The World's End (8/10)

Dieses Weltenende ist an Deutschland leider ziemlich unbesehen vorübergegangen. Dabei versteckt sich hierin die beste reinrassige Komödie seit langem, solange man sich nicht vom SF-Anteil vergraulen läßt. Eigentlich ist dies eine Kleinstadtposse, und "The World's End" ist die zwölfte und letzte Station dieser Kneipentour. Fünf ehemaligen Schulfreunde, jetzt Anfang 40, begeben sich auf diesen Nostalgietrip, und trotz unterschiedlicher Erwartungen hat niemand damit gerechnet, daß die braven Bürger ihres Heimatortes fast alle durch gleichgeschaltete Roboter ersetzt wurden (Die Frauen von Stepford lassen grüßen).

Welch ein Glück, daß es in Großbritannien ein kleines Team gibt, das die Tradition von Monty Python würdig mit modernen Mitteln fortsetzt. Nach der kurzlebigen, total abgefahrenen Fernsehserie Spaced (1999 - 2001) wurde mit The World's End nun bereits der dritte Kinofilm des schrägen Trios auf die Welt losgelassen,namentlich: Edgar Wright (Regie, Drehbuch), Simon Pegg (Drehbuch, Hauptrolle), Nick Frost (Hauptrolle). Nachträglich als Cornetto-Trilogie konzipiert (mehrschichtige Eiskrem in drei Geschmacksrichtungen), nahm Shaun of the Dead (2004) auf köstliche Weise das Zombie-Genre aufs Korn (nb: eigentlich höchstens ein Unter-Genre), ließ Hot Fuzz (2007) ein explosiv gegensätzliches Polizistenduo auf eine englische Kleinstadt los, und nun wird das Ende der Welt inszeniert - witzig auch ohne Bier, zu überleben nur mit einem Dutzend Pints.

Die treuen Untertanen ihrer Majestät zerlegen hier übrigens bereits den zweiten James Bond (-Darsteller). Nachdem Schurke Timothy Dalton am Ende von Hot Fuzz unappetitlich aufgespießt wurde, muß nun Pierce Brosnan Prügel kassieren, und eines seiner Mädels ist auch dabei: Rosamund Pike aus Stirb an einem anderen Tag (2002).  Sie kann sich in der einzigen größeren Frauenrolle gegenüber der Männerrunde wohl behaupten, die neben Pegg und Frost Martin "Bilbo" "Watson" Freeman, Paddy Considine und Eddie Marsan (den Taxilehrer aus Happy Go Lucky) umfaßt.

Simon Pegg ist inzwischen berühmt geworden als Agent Benji aus "Mission Impossible" und als Scotty des neuen Star-Trek-Universums. Sein Schulfreund Nick Frost hatte u.a. Auftritte in Radio Rock Revolution und Tim und Struppi, mit Pegg schrieb und drehte er die nicht ganz gelungene Alienkomödie Paul. Regisseur Edgar Wright, Jahrgang 1974, hat zwischendurch noch die herausragende Comicverfilmung Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (2011) verantwortet und am Drehbuch von Spielbergs gelungener Tim-und-Struppi-Verfilmung mitgearbeitet. Ich kenne niemanden, der visuelle Witze (man achte auf das Bierzapfen) besser inszenieren oder komische Darstellungen mit ähnlicher Präzision und perfektem Timing formen könnte. Man darf sehr gespannt sein auf sein nächstes Projekt, mit etwas anderen Vorzeichen: Er wird Marvels "Ant Man" dem Leinwanduniversum der Avengers hinzufügen.

Sehr gut (8/10)

Atemberaubendes Abenteuer: Gravity (9/10)

Im Englischen gibt es eine Redewendung, nach der in einem besonders spannenden Film der Zuschauer "an der Stuhlkante klebt" ("on the edge of the seat"). In Gravity ist mir das seit langem mal wieder fast buchstäblich passiert, und zusätzlich fiel mir wiederholt die Kinnlade runter - um auch einen deutschen Spruch zu strapazieren. Noch nie wurde Schwerelosigkeit im Kino so überzeugend inszeniert, und noch niemand hat uns so schön-realistische Bilder aus dem Erdorbit gezeigt, um zugleich die menschliche Zerbrechlichkeit in dieser fremden Umgebung zu verdeutlichen. Die einführende Texttafel (Im Weltall gibt es keine Luft, keinen Schall, ...) soll vielleicht von der bisherigen Praxis in SF-Filmen abgrenzen, ist ansonsten aber überflüssig.

George Clooney spielt den Astronautenveteranen, Sandra Bullock die Wissenschaftlerin auf ihrer ersten Mission. Sie docken mit der Space Shuttle "Explorer" am Hubble-Teleskop, und während der Reparaturen verlieren sie beim Außeneinsatz durch einen katastrophalen Trümmerschauer den Kontakt zum Schiff und finden sich "allein im Weltall" wieder. In diesem Zweipersonen-Kammerspiel zahlt sich Starpower aus. Clooney ist vor allem durch seine sonore Stimme präsent, und Bullock überzeugt in einer mutigen Tour de Force mit wohldosierten emotionalen Ausbrüchen, fast ungeschminkt und weit weg von ihrem Image des braven Mädchens von nebenan. Und die Leichtigkeit, mit der sie sich in der simulierten Schwerelosigkeit bewegt, läßt die gewaltigen technischen Hürden des Drehs nur erahnen. Sie hat sich offenbar ein halbes Jahr lang minutiös auf die Rolle vorbereitet, und ihre Leistung ist hier m.E. weit oscarwürdiger als in ihrer prämierten Rührrolle aus The Blind Side.

Als wahrer Star müssen hier allerdings Kameraführung und Effekte zählen. Endlich lohnt sich einmal die zusätzliche Dimension im Kino (James Cameron spricht gar vom besten 3D-Einsatz überhaupt), sowohl im Bild als auch im Ton, wenn man wie ich in den Genuß des Dolby-Atmos-Mixes kommt. Strenggenommen ist dies übrigens keine Science Fiction, sondern ein technisch plausibles, wenngleich sehr unwahrscheinliches Weltraumabenteuer. Als Thriller perfekt, wirkt die in den ansonsten sehr natürlichen Dialogen ausgebreitete Hintergrundgeschichte der Figuren ein wenig banal.

Regisseur und Drehbuchautor (mit seinem Sohn Jonás) Alfonso Cuarón krönt mit diesem Herzensprojekt, an dem er mehr als fünf Jahre gearbeitet hat, seine bisherige Laufbahn. Der 52jährige Mexikaner konnte mich bisher mit keinem seiner extrem unterschiedlichen Werke überzeugen. Seine umjubelte derbe Teenager-Schnulze Y tu mamá tambien (2001) fand ich überschätzt, seine Dickens-Verfilmung (Große Erwartungen mit Gwyneth Paltrow) und seinen oscarnominierten Endzeitthriller Children of Men (2006) nur mittelmäßig. An seinem Harry-Potter-Beitrag (Teil 3: Der Gefangene von Askaban) kann ich zwar die relativ düstere Atmosphäre loben, er ragt ansonsten aber nicht aus der Reihe heraus. Umso mehr freue ich mich über diesen herausragenden Genrefilm (9/10).

Samstag, 14. September 2013

Oh! You Pretty Things: The Bling Ring (5/10)

Look at your children
See their faces in golden rays
Don't kid yourself they belong to you
They're the start of a coming race
The earth is a bitch
We've finished our news
Homo Sapiens have outgrown their use
All the strangers came today
And it looks as though they're here to stay

Oh You Pretty Things
Don't you know you're driving your
Mamas and Papas insane
Let me make it plain
You gotta make way
for the Homo Superior

David Bowie machte sich bereits mit 24 Jahren Gedanken über die kommende Generation. 40 Jahre später ist klar, daß der Traum vom Homo Superior längst gestorben ist. Dafür sorgen Fernsehen, Internet, soziale Netzwerke. Ganze Subkulturen versinken im Sumpf der Modediktatur.

Die Teenager in The Bling Ring sind zwar alle ausgesprochen hübsch, aber keiner ist auch nur entfernt attraktiv. Man hat schon Seifenblasen mit komplexerer Persönlichkeit beobachtet. Daß man im Film von ihrem Innenleben nichts erfährt, mag noch Programm sein, aber auch ihr Außenleben bleibt unklar. Abgesehen von einem einzigen Kuß im Hintergrund und einer Dialogzeile ("I would totally do that manager") erscheinen sie komplett asexuell, eigentlich eine Unmöglichkeit für 17-19jährige. Dann ist da Marc (Israel Broussard), der einzige Junge, mit Modefimmel und Spaß am Crossdressing. In seinem keuschen Umgang mit den heißen Mädels kommt er weniger als schwul denn als geschlechtslos rüber. Und wie kommt es, daß das In-Girl Rebecca (potentiell atemberaubend: Neuling Katie Chang) den eher nerdig aussehenden Marc anspricht und sofort in ihren Kreis aufnimmt? Vielleicht ist mir nur der besonders hippe Rucksack oder ein tagesprogressiver Look entgangen. Emma Watson als mit dauerfröhlich-pseudoreligiöser Mutter geschlagenes Homeschooling-Opfer liefert ihre dumpfbackigen Sprüche, die als Motto jeder Mißwahl-Gewinnerin peinlich wären, immerhin mit soviel Überzeugung, daß man am liebsten weggucken möchte.

Die Attraktion des Films, der wohl aus den falschen Gründen vor allem junge Frauen anzieht, scheinen die Häuser von Paris Hilton (in echt) und anderen Starlets (nachgestellt) zu sein, die Boudoirs und begehbaren Kleiderschränke vollgestopft mit teurem Markenschrott. Bei Orlando Bloom findet sich eine urige Schatzkiste mit acht Rolex-Uhren und einem dicken Geldbündel, offenbar für künftige Notkäufe weiterer Chronometer. Die Entdeckungsreise in die Unterkünfte der Stars könnte Spaß machen, wenn sie im Großteil nicht so oberflächlich und überhastet gefilmt wäre. Wenigstens haben wir jetzt eine Vorstellung, wofür Jungmillionäre so ihr Geld rausschmeißen. Eine ordentliche Dokumentation wäre aber bestimmt erhellender gewesen. So zementiert Sofia Coppola leider ihren Ruf, nur noch Oberflächlichkeit zu zelebrieren. Die stimmige Atmosphäre ihres süß-melancholischen kleinen Meisterwerks Lost in Translation hat sie in ihren drei Nachfolgefilmen der letzten zehn Jahre nicht annähernd erreicht. Als erschreckendes Portrait einer hedonistischen jungen Generation sei denn eher Harmony Korines Spring Breakers (2012, 7/10) empfohlen - nicht auf wahren Ereignissen basierend, aber deutlich wahrhaftiger.

Allein eine gewisse philosophisch anregende Nachwirkung rettet die durchschnittliche Wertung: Annehmbar (5/10).

Sonntag, 8. September 2013

Klassische Alben #2: Crises (Mike Oldfield, 1983)

Bereits der kurze, abgedämpft gespielte Gitarrenlauf ist unverkennbar, und wenn dann die sanfte Stimme von Maggie Reilly einsetzt, ist man auch nach 30 Jahren noch gefangen von diesem zeitlosen Popsong. Eine geschlagene Akustische setzt präzise Akzente, und dann folgen zwei hervorragende Soli, eines als Fortsetzung des Eingangslaufes, eines mit verzerrter Gitarre. Moonlight Shadow war einer der großen Hits von 1983, in einer Zeit, als noch Singles und Maxis verkauft wurden. Wann immer Wolfgang Neumann in der Schlagerrallye im WDR die Maxiversion auflegte, müssen Tausende von Cassettenrekordern deutscher Jugendliche geklickt haben wie meiner, denn die Langversion - die heute ein wenig selbstverliebt klingt - stand an der Spitze der Wunschlisten vieler. Der Song hielt sich 74 Wochen in der Top 15 der Schlagerrallye und wurde zweimal in Folge Jahressieger. Das bedeutet für einen Teenager eine halbe Ewigkeit. Die Abstimmung erfolgte noch per Postkarte, da ging viel Taschengeld für Porto drauf (ich gewann allerdings auch zweimal per Auslosung eine Vinyl-LP). Persönlich verbinde ich das auch mit dem Ende der Neumann-Ära (der definitive ELO-Fan hatte nebenbei ein hervorragendes Buch über die Beatles geschrieben) und dem Einzug von immer seichteren Pop-Songs, die mit den Rock-Ursprüngen nur noch wenig zu tun hatten. Es folgten Aha, Europe, Pet Shop Boys und (o Graus - definitiv nach meiner Zeit) David Hasselhoff!

Mike Oldfield stand in den 70ern lange unter dem "selbstverschuldeten" Schock, mit 20 Jahren einen Klassiker der Musikgeschichte veröffentlicht zu haben. Sein Debutalbum Tubular Bells von 1973  ist auch heute noch, gerade im hervorragenden neuen Surround-Mix, ein wiederkehrend tolles Erlebnis. Die Folgealben waren zunächst durchwachsen, wobei ich Ommadawn und Incantations (zumindest in Teilen in empfehlenswerten neuen 5-Kanal-Mixen erhältlich) durchaus für gelungen halte. Aber erst als er eine etwas rockigere Seite entwickelte und gelegentlich kürzere, hitparadentaugliche Lieder schrieb, konnte er wirklich an den Anfangserfolg anknüpfen. Wie bereits der Vorgänger Five Miles Out bestand Crises aus einer langen Albumseite und kürzeren Stücken auf der Rückseite, und bereits der Vorgänger enthielt mit dem Titelsong eine prächtige Single-Auskopplung. Welches der beiden Alben man vorzieht, ist wirklich Geschmackssache. "Five Miles Out" hat einen erdigen, rockigeren Charakter, Crises hat vielleicht die eingängigeren Melodien und geht mehr in Richtung Pop (an sich nichts Schlimmes, nur in den Jahren danach wurde es dann leider poppiger und gleichzeitig seichter).

Mike Oldfield hat Stimmen schon immer mehr wie Instrumente eingesetzt, am Anfang gelegentlich seine eigene und die seiner Schwester Sally (und auch mal einen Chor). Nun hatte er mit Maggie Reilly eine Virtuosin gefunden, die zu seinen Liedern einen eigenen Charakter beisteuern konnte (auch wenn es wohl lange Studiostunden gedauert hat, bis er ihr den ihm vorschwebenden Sound für "Moonlight Shadow" entlocken konnte). Trotzdem setzte er auch diverse andere Sänger ein, so etwa Jon Anderson von Yes im ätherischen "In High Places" und die Rockröhre Roger Chapman, im kraftvollen "Shadow on the Wall". Mike Oldfield ist sicher kein großer Gitarrist, aber er hatte immer schon ein Talent für melodische, schnelle Läufe und fand interessante Klangfarben für seine Soli. Manchmal reichen schöne Melodien für einen erfolgreichen Popsong, aber Oldfield schuf durch geschicktes Arrangieren und interessante Soundvarianten einige wirkliche Perlen der Popmusik. Das gilt auch für das 22minütige Herz- und Titelstück, das in ausgefuchstem Ablauf Ideen für bestimmt ein halbes Dutzend Einzelsongs verarbeitet, Und zwischen den Liedern der zweiten Hälfte, fast beiläufig hingeworfen, zaubert er in "Taurus 3" atemberaubende Duelle zwischen spanischen Gitarren und Mandoline.

Die gerade neu erschienene Deluxe-Box etwa im Format einer Doppel-DVD enthält ein Büchlein mit auch für ältere Augen gut lesbaren Detailinformationen zu den Aufnahmen und eine kleine Rekapitulation der entsprechenden Phase von Oldfields Karriere. Dazu kommt eine CD mit einem aktuellen Stereomix und Bonustiteln, u.a. die Singles "Mistake" und "Crime of Passion" sowie die Maxiversion von "Moonlight Shadow". CD 2+3 enthalten Live-Aufnahmen von 1983 (Wembley). Des weiteren gibt es eine DVD mit einem Auszug des gleichen Live-Konzerts (Crises + Tubular Bells Part 1), drei Musikvideos sowie der vergnüglichen Top-of-the-Pops-Aufnahme des Hits (die allerdings die herrlich überzogene Playback-Vorstellung von "Five Miles Out" aus der ebenfalls empfehlenswerten Deluxe-Ausgabe des Vorgängeralbums nicht übertreffen kann). Die Bildqualität der Live-DVD (im TV-Format 4:3) ist nicht überragend, aber gemessen am Ausgangsmaterial wohl in Ordnung. Interessant ist es allemal zu sehen, wie diese komplexen Stücke durch eine achtköpfige Band interpretiert wurden. Am wichtigsten für mich die weitere DVD mit dem Surround-Mix in wahlweise DD5.1 und DTS, der wirklich fast eine Neuentdeckung der Platte ermöglicht. Leider gibt es keinen hochauflösenden Stereomix. Statt der beiden DVDs hätte man ruhig eine Blu-ray beilegen können, die locker alle Inhalte plus einen Stereomix in DTS-Master-Audio fassen könnte. Die Marktdurchdringung der Blu-ray mag in Deutschland erst bei 50 Prozent liegen, aber bei der Zielgruppe für diese etwa 42 Euro teure Box liegt dieser Wert bestimmt deutlich höher...

Schrodinger's Gat (Robert Kroese): SF, wie ich sie mir öfter wünsche

Schrödinger's Gat ist, wie der Titel schon andeutet, ein quantenphysikalischer Roman, der sich natürlich auf Schrödingers "halbtote" Katze bezieht und in der Abwandlung mit "Schrödingers Knarre" übersetzt werden könnte (es ist u.a. ein Spruch von Hawking vorangestellt, sinngemäß "Wenn ich von Schrödingers Katze höre, ziehe ich meine Waffe."). Es ist ein durchschnittlich spannender Thriller mit der Andeutung einer Liebesgeschichte, in Ich-Form erzählt von einem depressiven Englischlehrer in San Francisco, der zufällig über die physikalisch-metaphysischen Forschungen eines Wissenschaftlers stolpert. Es stellt sich heraus, daß dieser scheinbar durch praktische Anwendung der Quantentheorie gewalttätige Ereignisse beeinflussen kann. Eingestreut in die Erzählung sind erhellende, populärwissenschaftlich gestaltete Exkurse zu den physikalischen Grundlagen (Schrödingers Katze, das Doppelspalt-Experiment, ein Atom in zwei Boxen etc.). Das erfordert etwas Konzentration, lohnt aber den Aufwand und bietet knapp 200 Seiten anspruchsvolle Unterhaltung.

Ich wünschte mir, es gäbe mehr Science Fiction dieser Spielart. Die "harte" SF in der Tradition von Clarke und Asimov begann mehr mit Spekulationen über künftige Ingenieurskunst, bevor Einsteins Relativitätstheorie der nächsten Generation von Autoren Inspiration lieferte, die das neue Verständnis des "Raum-Zeit-Kontinuums" den Massen nahebrachten. Die philosophischen Implikationen der Quantentheorie sollten eigentlich Stoff für ein komplettes Subgenre bieten. (Ausnehmen möchte ich einmal die sich hartnäckig haltende Idee von Paralleluniversen, die sich bei jeder Entscheidung abzweigen, so daß jeder noch so unwahrscheinlichen Gang der Ereignisse sich in irgendeinem Universum realisiert. Wäre das der Fall, hätten wir die totale Beliebigkeit, und jede Entscheidung wäre sinnlos.) Die Quantenmechanik hat das kollektive Bewußtsein unserer Zivilisation noch nicht so recht erreicht. In der Schule werden uns noch die Newtonsche Physik und die mechanistische Chemie mit Atomen als Miniaturplanetensystemen eingebleut, nur damit wir dann vielleicht in der Oberstufe erfahren, daß das alles eigentlich nicht stimmt. Das liegt auch daran, daß die meisten Physiklehrer das Wesen eines Modells nicht klar verstehen, das ja kein Abbild der Natur ist, sondern kaum mehr als eine Veranschaulichung nicht beobachtbarer Vorgänge (was allerdings bis zu einem gewissen Grad Vorhersagen über ihr Verhalten möglich macht). Trotzdem werden auch auf der subatomaren Ebene weiterhin "Teilchen" postuliert. Die physikalische Forschung z.B. mittels Teilchenbeschleunigern scheint mir ein fast verzweifeltes Festhalten an solchen deterministischen Modellen.

Robert Kroese (ausgesprochen "Krusi") war einer der ersten Autoren, die vom eBook-Boom und insbesondere von Amazons Kindle profitierten (daher wird der Kindle im Buch auch mehrfach erwähnt). Aufmerksam wurde ich auf ihn durch seine herrliche Sammlung von humoristischen Anekdoten und Beobachtungen (tatsächlich bearbeitete Auszüge aus seinem Blog) The Force is middling in this one (toller Titel übrigens). Danach erschien eine nette Romantrilogie um den gefallenen Engel Mercury, in der es u.a. um die "himmlische" Bürokratie und irdische Esoterik-Profiteure geht. Kroese ist kein großer Stilist, ist aber durch seine klare, schnörkellose Sprache angenehm zu lesen. Sowohl seine eher auf Witz ausgelegten Mercury-Satiren in der Tradition von Douglas Adams als auch der vorliegende, übrigens per Kickstarter in Abschnitten entstandene Roman zeichnen sich durch einen leichten Ton, einige wohlgesetzte pophistorische Referenzen und sympathische, wenngleich noch etwas schematische Charaktere aus. Inzwischen hat Amazon seine Werke auch als Taschenbücher verlegt, allerdings bisher nur in Englisch.

Hugo-Awards 2013

Bereits letzten Sonntag wurden auf der 71. World Science Fiction Convention die diesjährigen Hugos überreicht. Leider gibt es nicht viel Aufregendes zu berichten.

Bei den Romanen gewann John Scalzis Redshirts. Scalzi ist ein netter, engagierter Autor und hat den Preis wohl verdient, wenngleich dieser Gewinn nach Jo Waltons "Among Others" zum zweiten Mal in Folge zeigt, daß Anbiederung an die Fangemeinde funktionieren kann. An zweiter Stelle übrigens "Lord Vorpatril's Allicance", jüngster Beitrag aus dem Barrayar-Universum, mal mit Ivan statt Miles im Mittelpunkt, knapp vor Kim Stanley Robinsons "2312". Das zeigt ein bißchen den jämmerlichen Zustand der aktuellen Science Fiction. Ich persönlich muß bis 2007 zurückgehen, um einen würdigen Gewinner zu finden (Vernor Vinges "Rainbows End"). Weitaus populärer ist inzwischen die Fantasy, deren Vertreter sich auch regelmäßig in den Nominierungen finden, allerdings in stark eingeschränkter Auswahl (ich vermisse dort z.B. Robin Hobb und Jim Butcher).

Erstaunlich ist, daß Brandon Sanderson mit seiner Novelle "The Emperor's Soul" erstmalig nominiert war (und gleich gewonnen hat). Er ist für mich neben George R.R. Martin der beste Fantasy-Autor des letzten Jahrzehnts, ein romantischer Gegenpol zur düsteren Welt aus Eis und Feuer. Falls er nicht vorschnell in die gleiche Falle wie sein "Nachbar" und mögliches Vorbild Orson Scott Card gerät (dessen mormonisch-beschränkte Ideologie inzwischen sein Werk und sein Auftreten vergiftet hat), sollte er in den nächsten Jahren auch im Roman-Bereich gute Chancen haben.

Bei der besten "dramatischen Präsentation, Langform" (sprich: Film) gewannen die Avengers vor dem Hobbit, bei der Kurzform (sprich: TV-Folge) triumphierte wie im letzen Jahr George R.R. Martin mit dem Höhepunkt der zweiten Game-of-Thrones-Staffel, "Blackwater". Gerade die Kurzform-Preise kann ich aber nicht besonders respektieren, denn die Nominierungen der letzten Zeit setzen sich zum Großteil aus Dr.-Who-Episoden zusammen, die mit ernsthafter SF nun wirklich nichts zu tun haben.