Ancillary Justice ist der erste Roman der Amerikanerin Ann Leckie, die zuvor nur Kurzgeschichten in verschiedenen SF-Magazinen veröffentlicht hatte. Er ist in diesem Jahr als einziges Werk dieser Kategorie sowohl für den Nebula (den Preis der amerikanischen SF- und Fantasy-Autoren) als auch den Hugo nominiert und geht somit ein wenig als Favorit ins Rennen.
Die Geschichte ist angesiedelt in einer Galaxis, die von mehreren hochtechnologisierten, systemumspannenden Zivilisationen geprägt ist. Ihre Raumschiffe beherrschen FTL und werden von künstlichen Intelligenzen gesteuert. Im Mittelpunkt der Handlung steht Breq, eine geheimnisvolle Person, deren Herkunft in Rückblenden erzählt wird. Dadurch wechseln sich für etwa zwei Drittel des Buches zwei Erzählebenen ab. Schnell stellt sich heraus, daß Breq tatsächlich ein "Ancillary" ist/war, ein Avatar eines Raumschiffes mit künstlicher Intelligenz, dessen Zerstörung Breq allein zurückließ. Vor allem diese originelle Figur kam bei vielen Kritikern gut an.
Übrigens wird auf alle Figuren meist geschlechtsneutral in der weiblichen Form Bezug genommen. Das ist als Konzept ganz interessant, wirkt aber auf Dauer leicht nervig. Zudem ist nicht ganz nachvollziebar, warum Breq bei all ihrer Erfahrung scheinbar das Geschlecht anderer nicht zuverlässig identifizieren kann. Immerhin ist die Hauptfigur damit auch in keine Romanzen eingebunden - menschliche Beziehungen werden meist beiläufig und oberflächlich geschildert, bis auf die zentralen Charaktere (Breq und zwei ihrer menschlichen Leutnants).
Leider sind gerade die Rückblenden recht dröge und anstrengend zu lesen. Die geschilderte Technologie erinnert ein wenig an Ian M. Banks' Culture-Romane, es fehlen aber deren Komplexität und Verspieltheit. Es dauert lange, bis man mit Breq warm wird, und eigentlich ist man erst im letzten Drittel wirklich gefesselt. Dann stellt sich leider heraus, daß dies als erster Teil einer Trilogie konzipiert ist, was bei mir insgesamt einen unbefriedigten Nachgeschmack verursacht hat. Warum üben sich junge Autoren neuerdings nicht mehr in abgeschlossenen, kürzeren Werken? Der Fortsetzungswahn führt oft nur zu überambitonierten, aufgeblähten Werken. So sehe ich bei Ann Leckie zwar Potential, bin von diesem Roman aber doch enttäuscht.
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 27. April 2014
Montag, 21. April 2014
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Dramatische Präsentation, Langform)
Bis 2002 gab es hier nur eine Kategorie, bevor zwischen Kurz- und Langform unterschieden wurde. Hier können nicht nur Filme und Fernsehserien/-folgen berücksichtigt werden, sondern auch z.B. Hörspiele.
Einige prominente Gewinner (siehe Wikipedia):
- 2001: A Space Odyssee (1969)
- Nachrichtenbilder von der Apollo 11 (Mondlandung: 1970)
- Sleeper (Woody Allen, 1974)
- Star Wars (1978)
- Blade Runner (1983)
- Galaxy Quest (2000)
- eine TNG-Folge, zwei Babylon-5-Folgen
Meine Nominierungen waren:
- Game of Thrones, Staffel 3
- Her
- Only Lovers Left Alive
- The World's End
- Iron Man 3
Nun ja, man kann halt träumen - hier die Nominierungen, die sich durchgesetzt haben:
BEST DRAMATIC PRESENTATION (LONG FORM) (995 ballots)
- Frozen screenplay by Jennifer Lee, directed by Chris Buck & Jennifer Lee (Walt Disney Studios)
- Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films; Warner Bros.)
- The Hunger Games: Catching Fire screenplay by Simon Beaufoy & Michael Arndt, directed by Francis Lawrence (Color Force; Lionsgate)
- Iron Man 3 screenplay by Drew Pearce & Shane Black, directed by Shane Black (Marvel Studios; DMG Entertainment; Paramount Pictures)
- Pacific Rim screenplay by Travis Beacham & Guillermo del Toro, directed by Guillermo del Toro (Legendary Pictures, Warner Bros., Disney Double Dare You)
Frozen (Die Eiskönigin) ist natürlich indiskutabel, selbst das Märchenelement (Fantasy mag ich das nicht nennen) ist vollkommen verhunzt.
Gravity ist ein toller Film, aber keine Science Fiction (das waren die Bilder von der Mondlandung aber wahrscheinlich auch nicht).
Catching Fire geht in Ordnung, Pacific Rim eher nicht. Mit Iron Man 3 geht meine einzige Nominierung ins Rennen, wahrscheinlich ohne viele Chancen. Ich werde wohl doch für "Gravity" stimmen müssen...
Die Hugo-Nominierungen 2014 (Fiction)
Der Hugo Gernsback Award für Science Fiction und Fantasy wird seit 1953 vergeben, seit 1963 durch die Teilnehmer des jährlichen SF-WorldCons, einer Versammlung von Fans aus aller Welt. Dieses Jahr findet er im August in London statt, es werden um die 5000 Teilnehmer erwartet. Aus kommerzieller Sicht und bezogen auf die Medienwirkung ist dies immer noch eine marginale Veranstaltung, keinesfalls vergleichbar etwa mit dem ComiCon, der inzwischen eine Schlüsselfunktion für das Marketing von Filmen und TV-Serien des Genres hat.
Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:
Best Novel (1595 nominating ballots)
Best Novella (847 nominating ballots)
Die Nominierungen und Preisverleihung kann man sich inzwischen im Stream anschauen, und ich finde den Nerd-Faktor schon erschreckend. Obwohl dieses Jahr für den LonCon 3 als Ehrengast mit Robin Hobb eine meiner Lieblingsautorinnen erwartet wird und es eine In-Memoriam-Retrospektive zu Iain Banks gibt, zieht es mich persönlich nicht so recht dorthin.
Ich habe allerdings erstmalig eine Supporting Membership erworben und bin damit stimmberechtigt. Es gibt 16 Kategorien, von denen mich vor allem die vier Prosakategorien interessieren, allen voran natürlich die Königskategorie für den besten Romans des Jahres. Hier sind die Nominierungen:
Best Novel (1595 nominating ballots)
- Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)
- Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
- Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
- Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
- The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
Best Novella (847 nominating ballots)
- The Butcher of Khardov, Dan Wells (Privateer Press)
- “The Chaplain’s Legacy”, Brad Torgersen (Analog, Jul-Aug 2013)
- “Equoid”, Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
- Six-Gun Snow White, Catherynne M. Valente (Subterranean Press)
- “Wakulla Springs”, Andy Duncan and Ellen Klages (Tor.com, 10-2013)
- “Opera Vita Aeterna”, Vox Day (The Last Witchking, Marcher Lord Hinterlands)
- “The Exchange Officers”, Brad Torgersen (Analog, Jan-Feb 2013)
- “The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com/Tor.com, 09-2013)
- “The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang (Subterranean, Fall 2013)
- “The Waiting Stars”, Aliette de Bodard (The Other Half of the Sky, Candlemark & Gleam)
- “If You Were a Dinosaur, My Love”, Rachel Swirsky (Apex Magazine, Mar-2013)
- “The Ink Readers of Doi Saket”, Thomas Olde Heuvelt (Tor.com, 04-2013)
- “Selkie Stories Are for Losers”, Sofia Samatar (Strange Horizons, Jan-2013)
- “The Water That Falls on You from Nowhere”, John Chu (Tor.com, 02-2013)
Sonntag, 20. April 2014
Nur das Chaos ist erstaunlich: Amazing Spider Man 2 (4/10)
Hollywoods Marketingabteilungen versorgen inzwischen zuverlässig jede Generation mit den Filmen, die sie verdient. Aber brauchen wir wirklich jedes Jahrzehnt einen neuen Spider Man? Und welche Altersgruppe soll sich jetzt angesprochen fühlen? Ich jedenfalls halte es mal mit Murtaugh: I'm too old for that shit!
Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.
Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!
Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!
Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).
Schon der Vorgänger wirkte zerfahren und zusammengestückelt. Gelernt hat man daraus nichts, was im Vorfeld bereits die Diskussion um die mögliche Mary-Jane-Darstellerin Shailene Woodley belegte. Sie taucht jetzt doch nicht auf, obwohl ihre Figur auch nicht mehr Chaos hätte erzeugen können. Es ist ganz offensichtlich, daß Regisseur Marc Webb die Fäden nicht in der Hand hat und als reiner Ausführungsgehilfe bei einem Studioprodukt agiert. So fühlt man sich in den Actionszenen eher wie in einem (teuren) Computerspiel.
Das größte Problem ist für mich, daß kein vernünftiger Ton gefunden wird. Weder kann man in den leichteren Szenen mitlachen noch berühren die Charaktermomente, geschweige denn die finale "Tragödie". Es macht immer noch Spaß, dem jungen Paar Emma Stone und Andrew Garfield beim Flirten zuzuschauen. Das war's aber auch so ziemlich. Man nehme nur mal die alberne Verfolgungsjagd am Anfang mit Hunderten von Polizeiautos (die Blues Brothers könnten neidisch werden). Es gibt Tod und Zerstörung ringsherum, aber Spidey hat immer noch Zeit für ein Witzchen. Gerade weil die Tricks heutzutage so real wirken, stößt das zynische Ignorieren solcher Kollateralschäden übel auf - wir sind halt nicht mehr bei Bugs Bunny!
Die Schurken werden traditionell gern mit Oscarpreisträgern besetzt. Jamie "Django" Foxx kann zwar überzeugend den Nerd geben, aber seine Einführung ist gleich lächerlich übertrieben. Wer läuft denn im Computerzeitalter noch mit (ungelogen) einem Dutzend gerollten Papierblaupausen durch die Gegend? Später wirkt er als Titelheld Electro dann eher wie ein mißlungener Bluescreen-Effekt. Vom Überklischee des Naziarztes mit Namen Kafka (!) ganz zu schweigen. Und dann lese ich im Abspann noch den Namen des von mir hochgeschätzten Paul Giamatti (Sideways): Als Rhino ist sein Auftritt auf wenige Sekunden reduziert - verschenkt!
Die größte Sünde dieses Machwerks ist es vielleicht, Emma Stone auf "niedlich wie ein Knopf" zu reduzieren. Nicht daß ich ihr die Millionengage nicht gönnen würde, aber sie kann so viel mehr! Zum Glück hat sie jetzt wieder Zeit für Besseres, Auftritte für Woody Allen und Cameron Crowe sind bereits abgedreht. Fazit: Man schaue sich lieber den (deutlich schwächsten) dritten Teil der Sam-Raimi-Trilogie mit Tobey Maguire nochmals an als diesen Unfug. Gerade noch erträglich (4/10).
Dienstag, 15. April 2014
Donnerschlag: Captain America 2 (8/10)
Nach Anfangsschwierigkeiten wie dem missglückten Hulk-Reboot mit Edward Norton (2008) sind Marvels Avengers-Abenteuer nun ein Garant für unbeschwerte Unterhaltung und übertreffen darin jedes andere Franchise der letzten Jahre. So ist auch der zweite Captain-America-Film nicht nur ein fulminantes Sequel des (abgesehen vom Incredible Hulk) bisher schwächsten Beitrags der Reihe, sondern treibt auch den übergeordneten Handlungsfaden mächtig voran. Und als Sahnehäubchen gibt es den Auftritt eines Veteranen des politischen Thrillers, Altstar Robert Redford, als SHIELD-"Aufsichtsrat" mit zweifelhafter Loyalität.
Während die Einführung von Captain America die schwere Aufgabe hatte, das Konzept des patriotischen Weltkriegshelden einem jungen Publikum zu vermitteln, ist Steve Rogers nun in der modernen Welt angekommen. Immer noch ein Anachronismus, ist er doch auch der "menschlichste" der Superheldenriege. Es ist also eine gute Idee, ihn nicht gegen größenwahnsinnige Mutanten oder gar Außerirdische ins Rennen zu schicken. Stattdessen findet er sich inmitten einer Verschwörung innerhalb der Organisation Shield wieder, deren Ausmaße ziemlich schnell selbst Direktor Fury (Samuel L. Jackson extra-cool) in Lebensgefahr bringen. Und mit dem titelgebender Gegenspieler, dem "Wintersoldaten", begegnet dem braven Captain ein dunkles Spiegelbild.
Im Mittelpunkt steht das Thema Vertrauen - nicht nur im großen Zusammenhang des inzwischen undurchschaubaren Molochs Shield, sondern auch im unfreiwillig zusammengewürfelten Team des Captains. Während der neu eingeführte "Falcon" (Anthony Mackie) noch etwas blass bleibt, spielt Scarlett Johansson als Agentin Natascha Romanov aka Black Widow eine vollwertige zweite Hauptrolle. Dankenswerterweise wird hier keine Romanze aufgebaut. Das wäre auch verfrüht, denn für Steve Rogers liegt die Trennung von seiner geliebten Peggy ja subjektiv nur wenige Monate zurück. Aber es gibt herrliche verbale Schlagabtäusche zwischen den beiden, und bei den Prügeleien zeigt sich nur im direkten Vergleich der Quantensprung zwischen Topagentin und Superheld. Scarlett Johansson ist nicht nur eine der attraktivsten Schauspielerinnen ihrer Generation, sondern nun auch der coolste weibliche Actionstar der letzten Jahre (nebenbei erwartet die Powerfrau bald ihr erstes Kind, weswegen sogar der Drehplan für die Avengers 2 umgestellt wurde).
Christopher Markus und Stephen McFeely, als Drehbuchteam bereits für Cap1 und Thor2 zuständig, und das Regieteam, die vom Fernsehen (Arrested Development) kommenden relativen Neulinge Anthony und Joe Russo, haben also gute Arbeit geleistet. Und Chris Evans mag immer noch der Avenger mit dem geringsten Charisma sein, füllt seine Uniform aber inzwischen sehr selbstbewußt. Ohne zuviel über die Handlung zu verraten: Dieser Film ist (auch ohne Thor) ein Donnerschlag, der das Avengers-Universum zertrümmert, mit unabsehbaren Konsequenzen für die weiteren Folgen, und das weitaus beste Sequel der Reihe. Sehr gut (8/10)!
Als nächstes stehen ja die Guardians of the Galaxy auf dem Programm, die das SF-Element betonen werden, bevor dann 2015 der zweite Ensemblefilm ansteht. Währenddessen hat auch die ansonsten eher vor sich hin dümpelnde Fernsehserie um den wieder auferstandenen Agent Coulsen einen Quantensprung gemacht, der sich von langer Hand geplant in die Ereignisse von The First Avenger Returns (so ein alternativer Titel) einpasst. Wenn die Superhelden Feierabend machen, müssen halt die "Agents of S.H.I.E.L.D." ran - es bleibt spannend!
Während die Einführung von Captain America die schwere Aufgabe hatte, das Konzept des patriotischen Weltkriegshelden einem jungen Publikum zu vermitteln, ist Steve Rogers nun in der modernen Welt angekommen. Immer noch ein Anachronismus, ist er doch auch der "menschlichste" der Superheldenriege. Es ist also eine gute Idee, ihn nicht gegen größenwahnsinnige Mutanten oder gar Außerirdische ins Rennen zu schicken. Stattdessen findet er sich inmitten einer Verschwörung innerhalb der Organisation Shield wieder, deren Ausmaße ziemlich schnell selbst Direktor Fury (Samuel L. Jackson extra-cool) in Lebensgefahr bringen. Und mit dem titelgebender Gegenspieler, dem "Wintersoldaten", begegnet dem braven Captain ein dunkles Spiegelbild.
Im Mittelpunkt steht das Thema Vertrauen - nicht nur im großen Zusammenhang des inzwischen undurchschaubaren Molochs Shield, sondern auch im unfreiwillig zusammengewürfelten Team des Captains. Während der neu eingeführte "Falcon" (Anthony Mackie) noch etwas blass bleibt, spielt Scarlett Johansson als Agentin Natascha Romanov aka Black Widow eine vollwertige zweite Hauptrolle. Dankenswerterweise wird hier keine Romanze aufgebaut. Das wäre auch verfrüht, denn für Steve Rogers liegt die Trennung von seiner geliebten Peggy ja subjektiv nur wenige Monate zurück. Aber es gibt herrliche verbale Schlagabtäusche zwischen den beiden, und bei den Prügeleien zeigt sich nur im direkten Vergleich der Quantensprung zwischen Topagentin und Superheld. Scarlett Johansson ist nicht nur eine der attraktivsten Schauspielerinnen ihrer Generation, sondern nun auch der coolste weibliche Actionstar der letzten Jahre (nebenbei erwartet die Powerfrau bald ihr erstes Kind, weswegen sogar der Drehplan für die Avengers 2 umgestellt wurde).
Christopher Markus und Stephen McFeely, als Drehbuchteam bereits für Cap1 und Thor2 zuständig, und das Regieteam, die vom Fernsehen (Arrested Development) kommenden relativen Neulinge Anthony und Joe Russo, haben also gute Arbeit geleistet. Und Chris Evans mag immer noch der Avenger mit dem geringsten Charisma sein, füllt seine Uniform aber inzwischen sehr selbstbewußt. Ohne zuviel über die Handlung zu verraten: Dieser Film ist (auch ohne Thor) ein Donnerschlag, der das Avengers-Universum zertrümmert, mit unabsehbaren Konsequenzen für die weiteren Folgen, und das weitaus beste Sequel der Reihe. Sehr gut (8/10)!
Als nächstes stehen ja die Guardians of the Galaxy auf dem Programm, die das SF-Element betonen werden, bevor dann 2015 der zweite Ensemblefilm ansteht. Währenddessen hat auch die ansonsten eher vor sich hin dümpelnde Fernsehserie um den wieder auferstandenen Agent Coulsen einen Quantensprung gemacht, der sich von langer Hand geplant in die Ereignisse von The First Avenger Returns (so ein alternativer Titel) einpasst. Wenn die Superhelden Feierabend machen, müssen halt die "Agents of S.H.I.E.L.D." ran - es bleibt spannend!
Sonntag, 6. April 2014
Oscar fürs Drehbuch, Stimme zum Verlieben: her (9/10)
Die nur leicht futuristische Welt von her ist bevölkert mit überwiegend attraktive Menschen, die schon auf dem Weg zur Arbeit stetig vor sich hin murmeln - Computer und Mobilgeräte sind sprach- und gestengesteuert, Werbung ist gelegentlich aufdringlich persönlich, aber direkte zwischenmenschliche Kontakte scheinen schwierig. Das alles ist eigentlich nicht viel anders als die Gegenwart, bis Samantha in Theodores Leben tritt. Theodore ist ein einsamer, in Trennung lebender Autor von Grußbotschaften, Poet in einer digital durchgestylten Gesellschaft. Samantha ist jedoch kein Mensch - sie ist ein "OS", also ein "Betriebssystem", eine künstliche Intelligenz.
Genau heißt das Programm OS1, nicht zu verwechseln mit OS/2, IBMs gescheiterter Alternative zu MS-Windows, an das sich wahrscheinlich nur noch ältere Semester erinnern. Und streng genommen ist es natürlich kein Betriebssystem, sondern ein Dienstprogramm, das Computer und Handy nach den Wünschen des Besitzers steuert und per Kamera und Ohrstöpsel mit der Außenwelt kommuniziert- eine Siri mit eigener Persönlichkeit. Doch her will keine technische Science Fiction sein, sondern konzentriert sich auf die sozialen Aspekte dieses unwahrscheinlichen Fortschritts.
Die ungleiche Beziehung ist spannend, komisch, dramatisch, romantisch, ja sogar erotisch. Samantha scheint perfekt auf die Wünsche ihres Partners eingestellt zu sein. Zunächst reagiert sie auf die Welt neugierig wie ein Kind und erweckt mit ihrer Begeisterung für die alltäglichen kleinen Wunder Theodores Lebensmut. Im Lauf der Zeit wandelt sie sich von der Gefährtin zur Freundin zur Liebhaberin, dann fast zu einer Mentorin. Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende...
Joaquin Phoenix versteckt als Theodore seine charakteristische Oberlippennarbe hinter einem Schnauzbart und verwandelt sich mit passender Perücke in einen ziemlich durchschnittlichen Enddreißiger. Es ist die Art Rolle, für die vor 60 Jahren Jimmy Stewart engagiert worden wäre, und er ist erstaunlich effektiv. Gerade deswegen wundert man sich ein wenig, was all die umwerfenden Frauen in ihm sehen: Da sind als seine Jugendliebe und Ex-Frau die mysteriöse Rooney Mara (Verblendung), als seine Nachbarin die etwas biedere Schönheit Amy Adams (deutlich zugeknöpfter als in American Hustle) und in einem leicht unglaubwürdig endenden Date mit Olivia Wilde eine der schönsten Frauen der Welt. Das ist nicht unbedingt eine subtile Art zu zeigen, daß Theodore den möglichen Beziehungen zu "echten" Menschen seine Samantha vorzieht, eine Stimme aus dem Computer.
Aber was für eine Stimme das ist! Im Original (und das ist hier Pflicht) wird Samantha von Scarlett "Black Widow" Johansson (Lost in Translation) gesprochen. Auch wenn viele Männer an ihre anderen Attribute denken werden, halte ich doch ihre Stimme für ihr bestes Feature. Rauchig und brüchig, warm und sexy stattet sie ihre Sprechrolle mit soviel Emotion aus, daß letztes Jahr schon diskutiert wurde, ob die Rolle den Statuten für eine Oscar-Nominierung entsprechen könnte. Hier ein Vorschlag an die Akademie: Führt endlich den Oscar für die beste stimmliche Darstellung ein! Da gibt es ja regelmäßig würdige Kandidaten: ob Eddy Murphy als Donkey in Shrek, Andy Serkis als Gollum, Ellen DeGeneres als Dory in Findet Nemo, Benedict Cumberbatch als Smaug - alles künstlerische Leistungen, die zwischen den bestehenden Kategorien unter den Tisch fallen.
Nebenbei klärt sich hier auch eine der Merkwürdigkeiten der diesjährigen Oscar-Show. Das nominierte Liedchen "The Moon Song" bewegt im Filmzusammenhang, von Samantha gesungen, die Herzen. Für sich allein, im Abspann und bei den Oscars von der Komponistin Karen O mit dünner Stimme dargeboten, wirkt seine Schlichtheit reichlich peinlich. (Ich persönlich hätte ja Pharell Williams für seine energetische Performance von "Happy" den Preis gegönnt, stattdessen gewann die generische Broadway-Schnulze aus dem unerklärlich megaerfolgreichen Frozen).
Der heute 44jährige Regisseur Spike Jonze ist nach Erfolgen mit Musikvideos (u.a. für R.E.M.) berühmt geworden durch seine kongenialen Charlie-Kaufman-Verfilmungen Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002). Seine Kinderbuchverfilmung Wo die wilden Kerle wohnen (2009) hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber mit her hat scheint er nun seine Stimme als Auteur gefunden zu haben. Die zahlreichen Preise für sein Drehbuch sind hochverdient, und als Science-Fiction-Geschichte stellt das Ergebnis locker die oft mit irrsinnig teuren Effekten ausgestatteten Genrekollegen des letzten Jahres in den Schatten (Gravity zählt, wie bereits erläutert, für mich nicht zur SF). Herausragend (9/10)!
Genau heißt das Programm OS1, nicht zu verwechseln mit OS/2, IBMs gescheiterter Alternative zu MS-Windows, an das sich wahrscheinlich nur noch ältere Semester erinnern. Und streng genommen ist es natürlich kein Betriebssystem, sondern ein Dienstprogramm, das Computer und Handy nach den Wünschen des Besitzers steuert und per Kamera und Ohrstöpsel mit der Außenwelt kommuniziert- eine Siri mit eigener Persönlichkeit. Doch her will keine technische Science Fiction sein, sondern konzentriert sich auf die sozialen Aspekte dieses unwahrscheinlichen Fortschritts.
Die ungleiche Beziehung ist spannend, komisch, dramatisch, romantisch, ja sogar erotisch. Samantha scheint perfekt auf die Wünsche ihres Partners eingestellt zu sein. Zunächst reagiert sie auf die Welt neugierig wie ein Kind und erweckt mit ihrer Begeisterung für die alltäglichen kleinen Wunder Theodores Lebensmut. Im Lauf der Zeit wandelt sie sich von der Gefährtin zur Freundin zur Liebhaberin, dann fast zu einer Mentorin. Und die Entwicklung ist noch nicht zu Ende...
Joaquin Phoenix versteckt als Theodore seine charakteristische Oberlippennarbe hinter einem Schnauzbart und verwandelt sich mit passender Perücke in einen ziemlich durchschnittlichen Enddreißiger. Es ist die Art Rolle, für die vor 60 Jahren Jimmy Stewart engagiert worden wäre, und er ist erstaunlich effektiv. Gerade deswegen wundert man sich ein wenig, was all die umwerfenden Frauen in ihm sehen: Da sind als seine Jugendliebe und Ex-Frau die mysteriöse Rooney Mara (Verblendung), als seine Nachbarin die etwas biedere Schönheit Amy Adams (deutlich zugeknöpfter als in American Hustle) und in einem leicht unglaubwürdig endenden Date mit Olivia Wilde eine der schönsten Frauen der Welt. Das ist nicht unbedingt eine subtile Art zu zeigen, daß Theodore den möglichen Beziehungen zu "echten" Menschen seine Samantha vorzieht, eine Stimme aus dem Computer.
Aber was für eine Stimme das ist! Im Original (und das ist hier Pflicht) wird Samantha von Scarlett "Black Widow" Johansson (Lost in Translation) gesprochen. Auch wenn viele Männer an ihre anderen Attribute denken werden, halte ich doch ihre Stimme für ihr bestes Feature. Rauchig und brüchig, warm und sexy stattet sie ihre Sprechrolle mit soviel Emotion aus, daß letztes Jahr schon diskutiert wurde, ob die Rolle den Statuten für eine Oscar-Nominierung entsprechen könnte. Hier ein Vorschlag an die Akademie: Führt endlich den Oscar für die beste stimmliche Darstellung ein! Da gibt es ja regelmäßig würdige Kandidaten: ob Eddy Murphy als Donkey in Shrek, Andy Serkis als Gollum, Ellen DeGeneres als Dory in Findet Nemo, Benedict Cumberbatch als Smaug - alles künstlerische Leistungen, die zwischen den bestehenden Kategorien unter den Tisch fallen.
Nebenbei klärt sich hier auch eine der Merkwürdigkeiten der diesjährigen Oscar-Show. Das nominierte Liedchen "The Moon Song" bewegt im Filmzusammenhang, von Samantha gesungen, die Herzen. Für sich allein, im Abspann und bei den Oscars von der Komponistin Karen O mit dünner Stimme dargeboten, wirkt seine Schlichtheit reichlich peinlich. (Ich persönlich hätte ja Pharell Williams für seine energetische Performance von "Happy" den Preis gegönnt, stattdessen gewann die generische Broadway-Schnulze aus dem unerklärlich megaerfolgreichen Frozen).
Der heute 44jährige Regisseur Spike Jonze ist nach Erfolgen mit Musikvideos (u.a. für R.E.M.) berühmt geworden durch seine kongenialen Charlie-Kaufman-Verfilmungen Being John Malkovich (1999) und Adaption (2002). Seine Kinderbuchverfilmung Wo die wilden Kerle wohnen (2009) hat mir persönlich nicht so zugesagt, aber mit her hat scheint er nun seine Stimme als Auteur gefunden zu haben. Die zahlreichen Preise für sein Drehbuch sind hochverdient, und als Science-Fiction-Geschichte stellt das Ergebnis locker die oft mit irrsinnig teuren Effekten ausgestatteten Genrekollegen des letzten Jahres in den Schatten (Gravity zählt, wie bereits erläutert, für mich nicht zur SF). Herausragend (9/10)!
Sonntag, 23. März 2014
SF-Klassiker #5: Hello Summer, Goodbye/Der Sommer geht (Michael Coney, 1975)
In den 70ern war die Nische des Jugendromans (YA = Young Adult) noch nicht kommerziell entdeckt. Andernfalls hätte Michael Coney vielleicht mehr Erfolg mit diesem wundervollen Roman gehabt. Er erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Generationenkonflikt, vom Klassenkampf, der Entdeckung einer geheimnisvollen Ökologie, und nicht zuletzt eine zarte Romanze. Und das alles auf gut 200 Seiten (des deutschen Taschenbuchs). Heute würde man das natürlich zu einer Trilogie aufblähen, die Poesie in Pathos ersticken und die Konflikte mit blutigen Kämpfen anreichern. Doch wer das Glück hatte, in jungen Jahren auf Der Sommer geht zu stoßen, wird dieses Leseerlebnis niemals vergessen können.
Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...
Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.
Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. Hello Summer, Goodbye, seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung I Remember Pallahaxi erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.
Träume von Pallahaxi ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.
Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...
Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.
Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. Hello Summer, Goodbye, seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung I Remember Pallahaxi erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.
Träume von Pallahaxi ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.
Freitag, 14. März 2014
Wes-Anderson-Highlight: Grand Budapest Hotel (8/10)
Die besten Filme von Wes Anderson sind wie russische Matroschka-Puppen. Man entfernt die äußere Hülle und entdeckt eine neue, kleinere Puppe. Dies wiederholt man einige Male, bis sich die letzte Instanz als leer entpuppt. Der Wert der geschachtelten Objekte liegt aber in ihrer kunstvollen Bemalung, und der Spaß im Auspacken selbst.
Mit Grand Budapest Hotel kehrt Anderson zur erzählerischen Detaildichte und dem virtuos verwobenen Potpurri skuriller Figuren der Royal Tenenbaums von 2001 zurück. Während seine Phantasie im Nachfolger Die Tiefseetaucher (2004) reichlich überschäumte, mußte man mit Darjeeling Limited (2007) ihre endgültige Verwässerung befürchten. Jetzt triumphiert der sympathische Mittvierziger zum zweiten Mal in Folge. Seinem jüngsten Film fehlt zwar die Wärme der zentralen Teenagerromanze von Moonrise Kingdom, macht das aber wett durch eine irrsinnige Reise in ein verzaubertes Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Abgesehen von Altmeister Woody Allen gibt es nur wenige Regisseure, denen die Stars (des unabhängigen wie des Blockbuster-Kinos) so zu Füßen liegen und meist für den tariflichen Mindestlohn grandiose Darstellungen abliefern. Diesmal zähle ich allein drei Oscar-Preisträger (F. Murray "Salieri" Abraham, Adrien "Der Pianist" Brody, Tilda "Social Services" Swinton), weitere sieben Nominierte, darunter (diesmal nur in einem erweiterten Cameo) Mr. Comedy persönlich: Bill Murray, Andersons treuer Weggefährte seit dessen (Arthhouse-)Durchbruch mit Rushmore (1996). Hinzu kommen sein Freund aus Studentenzeiten, Owen Wilson, mit dem Anderson gemeinsam für das Drehbuch der Royal Tenenbaums nominiert war, der profilierte, weit unterschätzte Bob Balaban (der Erzähler und Wetterfrosch von Moonrise Kingdom), und in der fünften Zusammenarbeit Jason Schwartzman, der (im Vergleich zu Nic Cage) weniger bekannte Coppola-Neffe.
Hauptdarsteller Ralph ("Rafe") Fiennes wurde berühmt als sadistischer KZ-Chef in Schindlers Liste, bevor er uns als Englischer Patient fast zu Tode langweilte. Später übersteigerte er seine britische Hochadelsarroganz als Lord Voldemort ins Schleimige und als Skyfalls M ins Alberne. Aber bereits im grandiosen Brügge sehen... und sterben? zeigte er eine mir bis dahin unbekannte komische Seite. Sein Concierge und Schwerenöter Monsieur Gustave nun brennt sich uns mit exaktem Timing und staubtrockenen Dialogen ins Gedächtnis ein. Gemeinsam mit der noch nicht einmal 18jährigen Entdeckung Toni Revolori steht er im Zentrum dieser wilden Erzählung. In Nebenrollen amüsieren Willem "Green Goblin" Dafoe als sinistrer Biker, der leider nur noch selten zu sehende Jeff "das lange Elend" Goldblum als fatal korrekter Anwalt und Harvey "The Cleaner" Keitel, auch mit über 70 Jahren noch willens, seinen nackten Oberkörper darzubieten.
Ein erstes Highlight des jungen Kinojahres: Sehr gut (8/10)!
Mit Grand Budapest Hotel kehrt Anderson zur erzählerischen Detaildichte und dem virtuos verwobenen Potpurri skuriller Figuren der Royal Tenenbaums von 2001 zurück. Während seine Phantasie im Nachfolger Die Tiefseetaucher (2004) reichlich überschäumte, mußte man mit Darjeeling Limited (2007) ihre endgültige Verwässerung befürchten. Jetzt triumphiert der sympathische Mittvierziger zum zweiten Mal in Folge. Seinem jüngsten Film fehlt zwar die Wärme der zentralen Teenagerromanze von Moonrise Kingdom, macht das aber wett durch eine irrsinnige Reise in ein verzaubertes Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Abgesehen von Altmeister Woody Allen gibt es nur wenige Regisseure, denen die Stars (des unabhängigen wie des Blockbuster-Kinos) so zu Füßen liegen und meist für den tariflichen Mindestlohn grandiose Darstellungen abliefern. Diesmal zähle ich allein drei Oscar-Preisträger (F. Murray "Salieri" Abraham, Adrien "Der Pianist" Brody, Tilda "Social Services" Swinton), weitere sieben Nominierte, darunter (diesmal nur in einem erweiterten Cameo) Mr. Comedy persönlich: Bill Murray, Andersons treuer Weggefährte seit dessen (Arthhouse-)Durchbruch mit Rushmore (1996). Hinzu kommen sein Freund aus Studentenzeiten, Owen Wilson, mit dem Anderson gemeinsam für das Drehbuch der Royal Tenenbaums nominiert war, der profilierte, weit unterschätzte Bob Balaban (der Erzähler und Wetterfrosch von Moonrise Kingdom), und in der fünften Zusammenarbeit Jason Schwartzman, der (im Vergleich zu Nic Cage) weniger bekannte Coppola-Neffe.
Hauptdarsteller Ralph ("Rafe") Fiennes wurde berühmt als sadistischer KZ-Chef in Schindlers Liste, bevor er uns als Englischer Patient fast zu Tode langweilte. Später übersteigerte er seine britische Hochadelsarroganz als Lord Voldemort ins Schleimige und als Skyfalls M ins Alberne. Aber bereits im grandiosen Brügge sehen... und sterben? zeigte er eine mir bis dahin unbekannte komische Seite. Sein Concierge und Schwerenöter Monsieur Gustave nun brennt sich uns mit exaktem Timing und staubtrockenen Dialogen ins Gedächtnis ein. Gemeinsam mit der noch nicht einmal 18jährigen Entdeckung Toni Revolori steht er im Zentrum dieser wilden Erzählung. In Nebenrollen amüsieren Willem "Green Goblin" Dafoe als sinistrer Biker, der leider nur noch selten zu sehende Jeff "das lange Elend" Goldblum als fatal korrekter Anwalt und Harvey "The Cleaner" Keitel, auch mit über 70 Jahren noch willens, seinen nackten Oberkörper darzubieten.
Ein erstes Highlight des jungen Kinojahres: Sehr gut (8/10)!
Sonntag, 2. März 2014
Oscar-Tip
Während letztes Jahr Life of Pi fast der einzige würdige Film im Rennen war, gibt es diesmal ein interessantes Feld mit mehreren hochklassigen Nominierungen. Die Verleihung wird also mindestens spannend. Bis auf Her und Im August in Osage Country habe ich alle für die Hauptkategorien relevanten Filme gesehen. Her läuft hierzulande erst Ende März an, "Osage Country" genauso wie der große Verlierer bei den Nominierungen, Saving Mr. Banks, in der kommenden Woche.
Originaldrehbuch
Blue Jasmine (2013): Woody Allen
Her (2013): Spike Jonze
Nebraska (2013): Bob Nelson
Mein Favorit: Dallas Buyers Club"Her" soll ein schöner Film sein, Blue Jasmine halte ich für etwas überschätzt. Ich tippe auf American Hustle, da der Drehbuchpreis oft auch als Trostpreis vergeben wird (und ich von einem Gesamtsieg von 12 Years A Slave ausgehe).
Mein Tip: American Hustle
Adaptiertes Drehbuch
Before Midnight (2013): Richard Linklater
Captain Phillips (2013): Billy Ray
12 Years a Slave (2013): John Ridley
Mein Favorit: Before MidnightSchade, daß Before Midnight nicht als Bester Film nominiert wurde, aber das Drehbuch ist wirklich exzellent. Chancen haben durchaus alle nominierten Filme.
Mein Tip: 12 Years a Slave
Weibliche Nebenrolle
Sally Hawkins for Blue Jasmine (2013)
Julia Roberts for Im August in Osage County (2013)
Lupita Nyong'o for 12 Years a Slave (2013)
Jennifer Lawrence for American Hustle (2013)
June Squibb for Nebraska (2013)
Mein Favorit: Sally HawkinsJennifer Lawrence hat letztes Jahr gewonnen und ist einfach zu jung für so viel Ehre. Julia Roberts soll auch gut gewesen sein, aber Sally Hawkins war ein solider Gegenpol zu Cate Blanchett. Lupita Nyong'o hat während der vielen Preisverleihungen der letzten Monate einen guten Eindruck gemacht, was leider oft mehr zählt als die eigentliche Rolle.
Mein Tip: Lupita Nyong'o
Männliche Nebenrolle
Barkhad Abdi for Captain Phillips (2013)
Bradley Cooper for American Hustle (2013)
Jonah Hill for The Wolf of Wall Street (2013)
Michael Fassbender for 12 Years a Slave (2013)
Jared Leto for Dallas Buyers Club (2013)
Mein Favorit: Jared LetoDas ist so eine Leistung, die aus dem Nichts kommt. Sympathien gibt es auch für den Neuling Barkhad Abdi und Michael Fassbender, der aber in den nächsten Jahren bestimmt noch "drankommt". Wenn es allerdings einen Durchmarsch für "12 Jahre" gibt...
Mein Tip: Jared Leto
Weibliche Hauptrolle
Amy Adams for American Hustle (2013)
Cate Blanchett for Blue Jasmine (2013)
Sandra Bullock for Gravity (2013)
Judi Dench for Philomena (2013)
Meryl Streep for Im August in Osage County (2013)
Mein Favorit: Sandra Bullock und Cate BlanchettHier zeigt sich, wie wenig man manchmal Leistungen vergleichen kann. Cate Blanchett zieht alle Register einer Theaterschauspielerin, während Sandra Bullock ihren Film erdet und gleichzeitig Starpower versprüht. Das ist eine schlecht meßbare Qualität, die von der Akademie selten gewürdigt wird (John Wayne mußte lange auf seinen Oscar warten). Für mich war Sandy in Gravity viel besser als im mäßigen The Blind Side.
Mein Tip: Cate Blanchett
Männliche Hauptrolle
Christian Bale for American Hustle (2013)
Bruce Dern for Nebraska (2013)
Leonardo DiCaprio for The Wolf of Wall Street (2013)
Chiwetel Ejiofor for 12 Years a Slave (2013)
Matthew McConaughey for Dallas Buyers Club (2013)
Mein Favorit: Matthew McConaugheyTrotz des scheinbar eindeutigen Favoriten ein offenes Rennen. Christian Bale ist nur einer von vielen in einem Ensemble-Film. Bruce Dern hat Sympathien bei den Senioren der Akademie (die mehr als die Hälfte der Mitglieder ausmachen), aber dann sollen sie ihm einen Ehrenoscar geben. Leo hätte in anderen Jahren vielleicht gewonnen, aber der Preis wird wohl zwischen McConaughey und Chiwetel Ejiofor ausgefochten. Wenn man die Online-Diskussion verfolgt, beziehen sich peinlicherweise selbst Profis auf "den Mann mit dem unaussprechlichen Namen". Man sollte meinen, der übrigens britische Schauspieler hätte wenigstens das bißchen Mühe verdient - auch eine Art von Rassismus.
Mein Tip: Matthew McConaughey
Beste Regie
Alfonso Cuarón for Gravity (2013)
Steve McQueen for 12 Years a Slave (2013)
David O. Russell for American Hustle (2013)
Martin Scorsese for The Wolf of Wall Street (2013)
Alexander Payne for Nebraska (2013)
Mein Favorit: Alfonso CuarónSelten war die Abgrenzung zwischen "Beste Regie" und "Bester Film" so klar wie in diesem Jahr. Zum besten Film gehört mehr als eine Regieleistung, es müssen viele Faktoren zusammenspielen. Alfonso Cuarón hat uns ein erstaunliches Kinoereignis geschenkt, was selbst Kritiker anerkennen, die z.B. das Drehbuch eher gering schätzen. Von Steve McQueen, der immerhin der erste schwarze Gewinner dieser Kategorie werden könnte, denken viele, er sei ein wenig zu sehr von sich selbst eingenommen.
Mein Tip: Alfonso Cuarón
Bester Film
American Hustle (2013)
Captain Phillips (2013)
Dallas Buyers Club (2013)
Gravity (2013)
Her (2013)
Nebraska (2013)
Philomena (2013)
12 Years a Slave (2013)
The Wolf of Wall Street (2013)
Mein Favorit: The Wolf of Wall StreetScorseses Meisterwerk ist leider zu kontrovers, um Chancen auf den Hauptpreis zu haben. Viele ältere Akademiemitglieder haben allerdings auch das Sklavendrama gemieden oder nervlich nicht durchgestanden. Daher können durchaus auch American Hustle oder Gravity gewinnen. "Captain Phillips" mochte ich übrigens so wenig, daß ich nicht einmal eine Kritik geschrieben habe. Paul Greengrass ist stilistisch einfach nicht mein Fall, und diese Piratengeschichte ist so merkwürdig patriotisch gefärbt und arrogant, daß Tom Hanks' solide Leistung auch keinen Unterschied mehr macht.
Mein Tip: 12 Years a Slave
Samstag, 1. März 2014
Nette Balance zwischen Tragödie und Komödie: Philomena (7/10)
Philomena ist ein altmodisches Rührstück. Das Vorbild für die Titelfigur, Philomena Lee, ist eine von Tausenden irischer Frauen, die in der züchtigen Nachkriegszeit als Teenager zum Austragen ihrer unehelichen Kinder in Nonnenklöster abgeschoben wurden, bevor die Zeugnisse ihrer Sünden mit kaum drei Jahren zur Adoption freigegeben wurden. Komödiant Steve Coogan spielt den Journalisten Martin Sixsmith, der mit Philomena 50 Jahre später ihrem verschollenen Sohn nachspürt und auf dessen Artikel das Drehbuch basiert, mit kluger Zurückhaltung. Dame Judi Denchs Porträt der naiven, ungebildeten pensionierten Krankenschwester ist ehrlich und würdevoll, ohne je ins Lächerliche abzudriften. Philomena hat eine Vorliebe für Kitschromane, aber doch eine klare, unromantische Sicht auf das menschliche Leben. Aus dem Zusammenprallen der unterschiedlichen Persönlichkeiten schlägt der Film einiges komisches Kapital, ein wohltuender Ausgleich für die Tragödie, die hier unter Strapazierung der Tränendrüsen rekonstruiert wird. Gut (7/10).
Trotz des behaupteten übergreifenden Themas Vergebung ist dies ein kleiner Film, der weder große Überraschungen bietet noch Genregrenzen überschreitet. Dies setzt den Trend des Alterswerks des britischen Regisseurs Stephen Frears fort, der 1985 mit der spektakulären Sozialkomödie Mein wunderbarer Waschsalon weltberühmt wurde (und mit ihm sein Hauptdarsteller, Daniel Day-Lewis). Kurz darauf (1988) schuf er in den USA mit Gefährliche Liebschaften eine Literaturverfilmung für die Ewigkeit. Zwischenzeitlich arbeitete er immer wieder auch fürs britische Fernsehen und inszenierte zwei Teile der herrlich-verrückten Barrytown-Trilogie von Roddy Doyle mit Colm Meaney: The Snapper (1993) und Fish & Chips (1996 - beim ersten Teil The Commitments führte 1991 Alan Parker Regie). 2000 lieferte er mit High Fidelity sein letztes herausragendes Werk ab. Seitdem steht der heute 73jährige eher für nette, niveauvolle Unterhaltung, empfehlenswert u.a.: Lady Henderson präsentiert (2005: mit Judi Dench und Bob Hoskins), The Queen (2006: Oscar für Helen Mirren), Chéri (2009: inzwischen seltene Hauptrolle für Michelle Pfeiffer).
Trotz des behaupteten übergreifenden Themas Vergebung ist dies ein kleiner Film, der weder große Überraschungen bietet noch Genregrenzen überschreitet. Dies setzt den Trend des Alterswerks des britischen Regisseurs Stephen Frears fort, der 1985 mit der spektakulären Sozialkomödie Mein wunderbarer Waschsalon weltberühmt wurde (und mit ihm sein Hauptdarsteller, Daniel Day-Lewis). Kurz darauf (1988) schuf er in den USA mit Gefährliche Liebschaften eine Literaturverfilmung für die Ewigkeit. Zwischenzeitlich arbeitete er immer wieder auch fürs britische Fernsehen und inszenierte zwei Teile der herrlich-verrückten Barrytown-Trilogie von Roddy Doyle mit Colm Meaney: The Snapper (1993) und Fish & Chips (1996 - beim ersten Teil The Commitments führte 1991 Alan Parker Regie). 2000 lieferte er mit High Fidelity sein letztes herausragendes Werk ab. Seitdem steht der heute 73jährige eher für nette, niveauvolle Unterhaltung, empfehlenswert u.a.: Lady Henderson präsentiert (2005: mit Judi Dench und Bob Hoskins), The Queen (2006: Oscar für Helen Mirren), Chéri (2009: inzwischen seltene Hauptrolle für Michelle Pfeiffer).
Montag, 17. Februar 2014
Ausgetrickst: American Hustle (5/10)
"Hustle" bedeutet etwa "betrügerischer Trick". Ein berühmter Hustler war Paul Newman 1961 in Haie der Großstadt (für dessen Fortsetzung Die Farbe des Geldes er 1987 schließlich seinen Oscar gewann). American Hustle ist leider großenteils das Blendwerk, das der Titel verspricht (vielleicht paßt die "Eindeutschung" "American Bullshit" tatsächlich besser). Regisseur David O. Russell gibt selbst zu, daß Charaktere ihm wichtiger als die Handlung sind. Aber wenn Figuren nicht in einen sinnvollen Ablauf eingebunden sind, spielen selbst die besten Charakterdarsteller ins Leere. Nun, die Akademie ist drauf reingefallen - in allen Hauptkategorien gab's Nominierungen.
Bereits nach wenigen Minuten stellt sich bei mir Unbehagen ein. Es gibt keine Identifikationsfigur, und die Komik erstickt immer wieder in schlechtem Timing. Warum die Erzählung wahllos mittendrin begonnen wird und dann zurückblendet, erschließt sich mir nicht. Und wenn ich schon das anfänglich überschaubare Geschäftsmodell ("mach mir aus 5.000 Dollar 50.000) nicht nachvollziehen kann, dann investiere ich später wohl kaum noch Grips, wenn's ums Ganze geht. Ich verstehe aber richtig, daß der gutmütige und idealistische Lokalpolitiker (Jeremy "Hawkeye" Renner) übers Ohr gehauen werden soll. Christian "The Dark Knight" Bale (mit Wampe) und Amy "Lois Lane" Adams (mit tiefem Dekolleté) spielen das im Mittelpunkt stehende Betrüger- und Liebespaar facettenreich, doch es ist nie klar, welche Gefühle echt und welche gespielt sind. FBI-Agent Bradley Cooper will Karriere machen und verprügelt dazu schon mal seinen Vorgesetzten. Und dann kommt da die Mafia ins Spiel, mit einem glänzenden Cameo von Robert De Niro. Na ja, aber richtig Spannung erzeugt das trotzdem nicht. Einzig die Szenen mit Jennifer Lawrence als trashiger Ehefrau von Bale bleiben in Erinnerung - die 23jährige kann einfach nicht langweilig sein und steht kurz davor, zur jüngsten doppelten Oscarpreisträgerin der Geschichte gekürt zu werden.
David O. Russell hat letztes Jahr mit Silver Linings sein diszipliniertestes Werk abgeliefert. Jetzt kehrt er zu früheren Exzessen zurück, mit vielen improvisierten Szenen (was dem Handlungsbogen schadet) und nervigen Kameraschwenks und Zooms. Für 138 Minuten Dialogeintopf können auch das detailreich inszenierte 70er-Ambiente und die explodierenden Frisuren (wie die Moderatorinnen der Globes es nannten) nicht entschädigen. Der Soundtrack bietet ein paar nett-nostalgische Hits aus den 70ern, aber merkwürdigerweise (falls ich mich nicht irre) auch zwei neue, auf Retro getrimmte Songs von Jeff Lynne (dessen ELO mit der allerersten Single von 1972 ebenfalls vertreten ist). Schwamm drüber (5/10).
Bereits nach wenigen Minuten stellt sich bei mir Unbehagen ein. Es gibt keine Identifikationsfigur, und die Komik erstickt immer wieder in schlechtem Timing. Warum die Erzählung wahllos mittendrin begonnen wird und dann zurückblendet, erschließt sich mir nicht. Und wenn ich schon das anfänglich überschaubare Geschäftsmodell ("mach mir aus 5.000 Dollar 50.000) nicht nachvollziehen kann, dann investiere ich später wohl kaum noch Grips, wenn's ums Ganze geht. Ich verstehe aber richtig, daß der gutmütige und idealistische Lokalpolitiker (Jeremy "Hawkeye" Renner) übers Ohr gehauen werden soll. Christian "The Dark Knight" Bale (mit Wampe) und Amy "Lois Lane" Adams (mit tiefem Dekolleté) spielen das im Mittelpunkt stehende Betrüger- und Liebespaar facettenreich, doch es ist nie klar, welche Gefühle echt und welche gespielt sind. FBI-Agent Bradley Cooper will Karriere machen und verprügelt dazu schon mal seinen Vorgesetzten. Und dann kommt da die Mafia ins Spiel, mit einem glänzenden Cameo von Robert De Niro. Na ja, aber richtig Spannung erzeugt das trotzdem nicht. Einzig die Szenen mit Jennifer Lawrence als trashiger Ehefrau von Bale bleiben in Erinnerung - die 23jährige kann einfach nicht langweilig sein und steht kurz davor, zur jüngsten doppelten Oscarpreisträgerin der Geschichte gekürt zu werden.
David O. Russell hat letztes Jahr mit Silver Linings sein diszipliniertestes Werk abgeliefert. Jetzt kehrt er zu früheren Exzessen zurück, mit vielen improvisierten Szenen (was dem Handlungsbogen schadet) und nervigen Kameraschwenks und Zooms. Für 138 Minuten Dialogeintopf können auch das detailreich inszenierte 70er-Ambiente und die explodierenden Frisuren (wie die Moderatorinnen der Globes es nannten) nicht entschädigen. Der Soundtrack bietet ein paar nett-nostalgische Hits aus den 70ern, aber merkwürdigerweise (falls ich mich nicht irre) auch zwei neue, auf Retro getrimmte Songs von Jeff Lynne (dessen ELO mit der allerersten Single von 1972 ebenfalls vertreten ist). Schwamm drüber (5/10).
Samstag, 15. Februar 2014
Überragend: Matthew McConaughey in "Dallas Buyers Club" (9/10)
Matthew McConaugheys magnetische Darstellung in Dallas Buyers Club gibt dem tragischen Schicksal unzähliger HIV-Opfer ein Gesicht. Er entlockt der zwiespältigen Figur des texanischen Rodeo-Cowboys und Machos Ron Woodroof selbst in den frühen Szenen unerklärlich sympathische Züge. Woodroof dröhnt sich mit Alkohol und Kokain zu, hat groben Sex mit anonymen Frauen und stockt sein mageres Elektrikergehalt mit betrügerischen Wettspielchen auf. Dann aber bricht seine mickrige Welt zusammen. Er hat AIDS, der Arzt gibt ihm noch 30 Tage zu leben. Man schreibt das Jahr 1985, niemand weiß viel über diese Krankheit, zu der sich Rock Hudson zum Schock von Rons Clique gerade öffentlich bekannt hat ("Hätte nicht gedacht, daß der auch ein Schwanzlutscher ist"). Die amerikanische Pharmaindustrie pusht die Zulassung überteuerter antiviraler Medikamente, die mehr schaden als nutzen. Mit Glück übersteht Ron diese Phase; in Mexiko hilft ihm ein exilierter Arzt mit Vitamin- und Eiweißpräparaten, die in den USA teilweise nicht zur Behandlung zugelassen sind. Aus dieser Erfahrung heraus gründet er den "Dallas Buyers Club", nach einem sich aus der Notlage entwickelnden Geschäftsmodell, bei dem AIDS-Kranke für 400 Dollar im Monat eine Clubmitgliedschaft kaufen und damit Zugang zu den lebensverlängernden, die Symptome erfolgreich bekämpfenden Medikamenten bekommen, die die offizielle Ärzteschaft ihnen verweigert.
Tatsächlich halte ich es für sehr geschickt, diese Geschichte aus der Sicht eines Heterosexuellen zu erzählen, aus einer konsequent subjektiven Perspektive. Politische Korrektheit ist hier nicht gefragt, aber die jämmerlichen Vorurteile dieser unaufgeklärten Zeit werden schonungslos offengelegt. Ron erfährt eine in ihrer zurückhaltenden Darstellung umso effektivere Wandlung zum Sympathieträger. Bezeichnend dabei ist seine Beziehung zum Transvestiten Rayon (Jared Leto mit fast sicheren Oscar-Chancen für diese bewegende Nebenrolle): Die "eklige Schwuchtel" im Nachbarbett des Krankenhauses wird erst zum Geschäftspartner und schließlich unmerklich zum besten Freund (während seine Macho-Kumpels Ron übergangslos fallen lassen). Nicht ausgespart wird die Fragwürdigkeit seines Geschäftsgebahrens; die FDA (Food and Drug Administration) u.a. mit Importen "für den Eigenbedarf" zu übertölpeln war vielleicht legitim, aber die IRS (Steuerbehörde) beobachtete nicht ohne Grund den anfänglich immensen Geldfluß mit Argwohn.
Abgesehen von Rayon sind die Nebenrollen eher skizzenhaft entwickelt. Jennifer Garner als sympathisierende Ärztin steuert die ihr innewohnende Warmherzigkeit bei, während Denis O'Hare (der soziopathische Vampirkönig Russell Edgington aus True Blood) als emotionsloser Klinikchef perfekt besetzt ist. Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée wurde mit seiner für den Fremdsprachenoscar nominierten schrägen Komödie C.R.A.Z.Y und der netten Historienverfilmung Young Victoria (mit Emily Blunt als junger Königin) bekannt. Das knappe Budget und die furchtlose Herangehensweise des Drehbuchs von Melisa Wallack und Craig Borten sorgen für eine kantige Unmittelbarkeit, die auf Hochglanz polierten Hollywoodproduktionen wie etwa dem (inzwischen 20 Jahre alten und natürlich trotzdem bahnbrechenden) Betroffenheitsdrama Philadelphia abgehen. Trotz des deprimierenden Themas vergehen die zwei Kinostunden wie im Flug. Herausragend (9/10)!
Tatsächlich halte ich es für sehr geschickt, diese Geschichte aus der Sicht eines Heterosexuellen zu erzählen, aus einer konsequent subjektiven Perspektive. Politische Korrektheit ist hier nicht gefragt, aber die jämmerlichen Vorurteile dieser unaufgeklärten Zeit werden schonungslos offengelegt. Ron erfährt eine in ihrer zurückhaltenden Darstellung umso effektivere Wandlung zum Sympathieträger. Bezeichnend dabei ist seine Beziehung zum Transvestiten Rayon (Jared Leto mit fast sicheren Oscar-Chancen für diese bewegende Nebenrolle): Die "eklige Schwuchtel" im Nachbarbett des Krankenhauses wird erst zum Geschäftspartner und schließlich unmerklich zum besten Freund (während seine Macho-Kumpels Ron übergangslos fallen lassen). Nicht ausgespart wird die Fragwürdigkeit seines Geschäftsgebahrens; die FDA (Food and Drug Administration) u.a. mit Importen "für den Eigenbedarf" zu übertölpeln war vielleicht legitim, aber die IRS (Steuerbehörde) beobachtete nicht ohne Grund den anfänglich immensen Geldfluß mit Argwohn.
Abgesehen von Rayon sind die Nebenrollen eher skizzenhaft entwickelt. Jennifer Garner als sympathisierende Ärztin steuert die ihr innewohnende Warmherzigkeit bei, während Denis O'Hare (der soziopathische Vampirkönig Russell Edgington aus True Blood) als emotionsloser Klinikchef perfekt besetzt ist. Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée wurde mit seiner für den Fremdsprachenoscar nominierten schrägen Komödie C.R.A.Z.Y und der netten Historienverfilmung Young Victoria (mit Emily Blunt als junger Königin) bekannt. Das knappe Budget und die furchtlose Herangehensweise des Drehbuchs von Melisa Wallack und Craig Borten sorgen für eine kantige Unmittelbarkeit, die auf Hochglanz polierten Hollywoodproduktionen wie etwa dem (inzwischen 20 Jahre alten und natürlich trotzdem bahnbrechenden) Betroffenheitsdrama Philadelphia abgehen. Trotz des deprimierenden Themas vergehen die zwei Kinostunden wie im Flug. Herausragend (9/10)!
Sonntag, 26. Januar 2014
Realistisches Sklavendrama: 12 Years a Slave (8/10)
Dies ist so ein Film, nach dem man sich schämt, ein Mitglied der menschlichen Rasse zu sein. Nachdem letztes Jahr bereits Tarantino (opernhaft überhöht) und Spielberg (als leicht trockenes Politikdrama) die historische Bürde der Sklaverei angingen, steuert der 44jährige Steve McQueen mit 12 Years a Slave nun den vielleicht realistischsten Beitrag zu diesem Thema bei. Basierend auf den 1853 veröffentlichten Erinnerungen von Solomon Northup, der durch üble Profiteure aus seiner bürgerlichen Existenz herausgerissen und in die Sklaverei verkauft wurde, erzählt der Film genau diese zwölf Jahre, nur durch wenige Rückblenden zum glücklichen Familienleben davor unterbrochen.
Eine realistische Darstellung ist natürlich nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Wieviele Demütigungen und Auspeitschungen kann der Zuschauer ertragen, bis er abstumpft? Effektiver ist die unterschwellige Bedrohung, die durch Willkürakte der weißen Aufseher geschürt wird. Besonders in Erinnerung bleibt eine nicht enden wollende Szene, in der Solomon zur Strafe am Hals aufgehängt wird, so daß er gerade noch mit den Zehenspitzen am Boden balancieren und sich so vor dem Ersticken bewahren kann. Fast schlimmer als seine Qual ist es zu beobachten, wie im Hintergrund das Plantagenleben seinen gewohnten Gang geht, bis ihm schließlich eine Mitsklavin hastig einen Schluck Wasser zu trinken gibt.
Chiwetel Ejiofor (der Operative aus Serenity) in der Hauptrolle ist eindrucksvoll, vermag aber keinen durchgängigen roten Faden durch die Handlung zu vermitteln. Es mag die Schuld des Drehbuchs des vorwiegend fürs Fernsehen tätigen John Ridley sein, daß der Film in seine einzelnen Episoden zerfällt, ohne den Verlauf der Jahre so recht sichtbar zu machen. Die Rückblenden sind zudem etwas unbeholfen integriert. Loben muß ich einmal die Musik von Hans Zimmer, der oft in vorhersehbarem Bombast schwelgt, hier aber einen sehr atmosphärischen Beitrag liefert.
Bei den weißen Sklaventreibern sind verschiedene Schattierungen vertreten, vom moderaten Ford (Allzweckwaffe Benedict Cumberbatch), der immerhin Skrupel hat und Solomon eher wie einen Preishengst behandelt, zu den Sadisten Tibeats (Paul Dano, seit Little Miss Sunshine erwachsen geworden) und insbesondere Edwin Epps (McQueens bevorzugter Darsteller Michael "Magneto" Fassbender mit seiner überfälligen ersten Oscar-Nominierung), dessen Wutausbrüche in ihrem Schrecken nur noch von der Kaltblütigkeit seiner Frau (Sarah Paulson) übertroffen werden. Die Oscar-Nominierung für die junge Lupita Nyong'o als Patsey scheint mir mehr der Quote geschuldet, ohne ihre mutige und kompetente Leistung mindern zu wollen.
Den Amerikanern tut es sicher gut, regelmäßig an ihre Schandtaten erinnert zu werden. 12 Years a Slave ist ein würdiger Beitrag in der Tradition von Spielbergs Amistad und Jonathan Demmes Morrison-Verfilmung Menschenkind/Beloved, kann aber nicht das letzte Wort zu diesem Thema sein und vermag dieses auch nicht recht in einen zeitlosen Zusammenhang zu übersetzen. Trotzdem Sehr gut (8/10).
Eine realistische Darstellung ist natürlich nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Wieviele Demütigungen und Auspeitschungen kann der Zuschauer ertragen, bis er abstumpft? Effektiver ist die unterschwellige Bedrohung, die durch Willkürakte der weißen Aufseher geschürt wird. Besonders in Erinnerung bleibt eine nicht enden wollende Szene, in der Solomon zur Strafe am Hals aufgehängt wird, so daß er gerade noch mit den Zehenspitzen am Boden balancieren und sich so vor dem Ersticken bewahren kann. Fast schlimmer als seine Qual ist es zu beobachten, wie im Hintergrund das Plantagenleben seinen gewohnten Gang geht, bis ihm schließlich eine Mitsklavin hastig einen Schluck Wasser zu trinken gibt.
Chiwetel Ejiofor (der Operative aus Serenity) in der Hauptrolle ist eindrucksvoll, vermag aber keinen durchgängigen roten Faden durch die Handlung zu vermitteln. Es mag die Schuld des Drehbuchs des vorwiegend fürs Fernsehen tätigen John Ridley sein, daß der Film in seine einzelnen Episoden zerfällt, ohne den Verlauf der Jahre so recht sichtbar zu machen. Die Rückblenden sind zudem etwas unbeholfen integriert. Loben muß ich einmal die Musik von Hans Zimmer, der oft in vorhersehbarem Bombast schwelgt, hier aber einen sehr atmosphärischen Beitrag liefert.
Bei den weißen Sklaventreibern sind verschiedene Schattierungen vertreten, vom moderaten Ford (Allzweckwaffe Benedict Cumberbatch), der immerhin Skrupel hat und Solomon eher wie einen Preishengst behandelt, zu den Sadisten Tibeats (Paul Dano, seit Little Miss Sunshine erwachsen geworden) und insbesondere Edwin Epps (McQueens bevorzugter Darsteller Michael "Magneto" Fassbender mit seiner überfälligen ersten Oscar-Nominierung), dessen Wutausbrüche in ihrem Schrecken nur noch von der Kaltblütigkeit seiner Frau (Sarah Paulson) übertroffen werden. Die Oscar-Nominierung für die junge Lupita Nyong'o als Patsey scheint mir mehr der Quote geschuldet, ohne ihre mutige und kompetente Leistung mindern zu wollen.
Den Amerikanern tut es sicher gut, regelmäßig an ihre Schandtaten erinnert zu werden. 12 Years a Slave ist ein würdiger Beitrag in der Tradition von Spielbergs Amistad und Jonathan Demmes Morrison-Verfilmung Menschenkind/Beloved, kann aber nicht das letzte Wort zu diesem Thema sein und vermag dieses auch nicht recht in einen zeitlosen Zusammenhang zu übersetzen. Trotzdem Sehr gut (8/10).
Scorsese forever: The Wolf of Wall Street (10/10)
Mit 71 Jahren ist Altmeister Martin Scorsese immer noch für Überraschungen gut. Wer hätte vom Neuerfinder des Krimis (Goodfellas, Casino, The Departed) und Schöpfer blutiger Sittengemälde (Taxi Driver, Die letzte Versuchung Christi, Gangs of New York) eine solch leichtfüßige Komödie erwartet, mit drei der kurzweiligsten, mehrfach zu lautem Lachen einladenden Kinostunden der letzten Jahre? Fast ist man erleichtert, daß das Wort "Fuck" angeblich über 500 Mal fällt, ohne daß Joe Pesci überhaupt mitspielt. Martys technische Brillanz fällt einem erst im Nachhinein auf, sie steht aber ganz im Dienst der Geschichte - und welch eine Geschichte dies ist!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
Sonntag, 19. Januar 2014
Überschätzter Kritikerliebling: Nebraska (5/10)
Alexander Payne, Jahrgang 1961, hat früh in seiner Karriere drei tolle Romanadaptionen (mit seinem Kollegen Jim Taylor) geschrieben und inszeniert:
Der 77jährige Hauptdarsteller Bruce Dern (Vater von David-Lynch-Muse Laura Dern) hat eine wechselhafte Karriere hinter sich, mit Nebenrollen für Kazan und Pollack in den 60ern und in der Gatsby-Verfilmung von 1974 sowie als Höhepunkt die Oscar-Nominierung für Sie kehren heim (1979). Seltene Hauptrollen bekam er im genreprägenden Lautlos im Weltall (1972) und Hitchcocks Schwanengesang Familiengrab (1976). Nach einem Cameo in Tarantinos Django Unchained ergatterte er nun eine weitere Oscar-Nominierung (Favoriten sind aber McConaughey und DiCaprio). Bruce Dern hat eine immense Präsenz und berührt als wortkarger, altersverwirrter Woody Grant durchaus, aber für eine Glanzleistung ist das Drehbuch zu dürftig.
Der Jubel über Nebraska ist für mich ein typisches Beispiel für die Entfremdung besonders amerikanischer Kritiker vom gesunden Menschenverstand. Beim AFI unter den zehn herausragenden Filmen des Jahres, bei den Oscars einer von acht nominierten besten Filmen, ist dies für mich die erste Enttäuschung des Jahres. Annehmbar (5/10).
- Election (1999, 8/10, mit Reese Witherspoon)
- About Schmidt (2002, 8/10, mit Jack Nicholson)
- Sideways (2004, 9/10, mit Paul Giamatti, Thomas Hayden Church und Virginia Madsen).
Der 77jährige Hauptdarsteller Bruce Dern (Vater von David-Lynch-Muse Laura Dern) hat eine wechselhafte Karriere hinter sich, mit Nebenrollen für Kazan und Pollack in den 60ern und in der Gatsby-Verfilmung von 1974 sowie als Höhepunkt die Oscar-Nominierung für Sie kehren heim (1979). Seltene Hauptrollen bekam er im genreprägenden Lautlos im Weltall (1972) und Hitchcocks Schwanengesang Familiengrab (1976). Nach einem Cameo in Tarantinos Django Unchained ergatterte er nun eine weitere Oscar-Nominierung (Favoriten sind aber McConaughey und DiCaprio). Bruce Dern hat eine immense Präsenz und berührt als wortkarger, altersverwirrter Woody Grant durchaus, aber für eine Glanzleistung ist das Drehbuch zu dürftig.
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| Bruce und Laura Dern |
Der Jubel über Nebraska ist für mich ein typisches Beispiel für die Entfremdung besonders amerikanischer Kritiker vom gesunden Menschenverstand. Beim AFI unter den zehn herausragenden Filmen des Jahres, bei den Oscars einer von acht nominierten besten Filmen, ist dies für mich die erste Enttäuschung des Jahres. Annehmbar (5/10).
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