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Mittwoch, 29. Juli 2015

Marvel-Leichtgewicht: Ant-Man (7/10)

Insektenkundler werden von Hank Pyms Haustieren nicht besonders begeistert sein. Seine (computergenerierten) Ameisen sind deutlich zahmer und niedlicher angelegt als ihre in freier Wildbahn zu findenden Vorbilder. Gleiches gilt leider auch für die menschlichen Charaktere in diesem jüngsten Beitrag zum Avengers-Universum. Man will halt das überwiegend jugendliche Zielpublikum nicht verschrecken, begibt sich dadurch aber in bedenkliche Nähe harmloser 50er-Jahre-Abenteuerfilme (etwa Die unglaubliche Geschichte des Mr. C). Für Erwachsene gibt es immerhin eine gesunde Prise Komik, am besten dargereicht durch Michael Peñas Kleinganoven Luis (polizeibekannt durch den Diebstahl einer Smoothie-Maschine). Herrlich ist seine ellenlange Erläuterung, wie ihm mal wieder der Tip zum Heist des Jahrhunderts zugeflogen ist (ich traf einen Typen, der kannte jemand, dessen Schwester...) Zum Ende des Films gibt es dazu eine noch bessere Zugabe-Sequenz, an der sogar der inzwischen 93jährige Marvel-Übervater Stan Lee in seinem obligatorischen Cameo beteiligt ist.

Überhaupt kündigen bereits die das Marvel-Logo untermalenden Samba-Rhythmen eine entsprechende Erzählhaltung an. San Francisco bietet dazu eine beschwingte Lokation. Mehr noch als die Guardians nimmt sich der Film niemals ernst. Das ist eine durchaus willkommene Abwechslung zum gewichtigen Drama der Avengers, insbesondere des Erzählfadens um Captain America, der im nächsten Kinojahr zum "Bürgerkrieg" (einem Zerwürfnis innerhalb der Avengers) führen soll. Schade nur, daß die Geschichte und die Actionszenen von Ant-Man besonders abgegriffen erscheinen. Und es wird Zeit, daß Hollywood mal ein Moratorium für geschiedene Väter im Sorgerechtsstreit einführt. Das Thema ist in TV und Kino nun wirklich erschöpft - von Hawai Five-O mit Danno und seiner niedlichen Grace bis hin zu Dwayne Johnson in San Andreas (da hat mir der Trailer schon gereicht).

Ansonsten ist es kein Zufall, daß ich bisher nur Michael Peña namentlich erwähnt habe. Die übrigen Darsteller schlagen sich allemal wacker, von Michael Douglas als Dr. Pym in einer milden Altersrolle über Judy Greer, die nach Jurassic World ein weiteres Mal die treusorgende Mutter spielen darf, bis hin zu "Tauriel" Evangeline Lilly, deren Charme hier leider durch eine bizarre, helmartigen Frisur stark eingeschränkt ist. Besonders enttäuschend ist Corey Stoll in einer blassen Schurkenrolle, vor allem nach seiner beeindruckenden Leistung als Abgeordneter Peter Russo in House of Cards. Und Paul Rudd? Er bleibt auch hier der nette Kerl von nebenan, den man sofort wieder vergißt - oder erinnert sich noch jemand an Charlize Therons Soldaten-Verlobten Wally aus Gottes Werk und Teufels Beitrag? Jedenfalls wartet auf ihn nicht der kometenhafte Aufstieg eines Chris Pratt...

Es wird viel diskutiert, was Visionär Edgar Wright wohl aus dem Stoff herausgeholt hätte. Sicher wären seine Ameisen weniger putzig und seine Miniaturwelten schmutziger ausgefallen. Peyton Reed, der das Projekt von ihm übernommen hat, war mir bisher nur durch die mäßige RomCom Down With Love von 2003 (mit Renée Zellweger und Ewan McGregor) bekannt. Wie alle Beteiligten leistete er solide Arbeit, nur das Cameo von Hayley Atwell hat er leider total verhunzt: Wenn man sich schon die Mühe macht, sie für eine Rückblende ins Jahr 1989 auf "alt" zu schminken (während man Michael Douglas digital verjüngt hat), sollte man der Gründerin und Direktorin von SHIELD (und Vorgängerin von Nick Fury, der hier übrigens zum ersten Mal aussetzt) - sollte man Agent Peggy Carter doch wohl ein paar Dialogzeilen gönnen! Stattdessen wirkt sie wie eine verloren gegangene Statistin.

Nach all dem Gejammer muß ich gestehen, daß ich mich als Fan des Marvel-Kinouniversums trotzdem glänzend amüsiert habe. Die 3D-Effekte machen gerade die Miniaturszenen sehenswert, und trotz etwas zu langer Laufzeit (von an sich kurzen zwei Stunden) hat mich Ant-Man nie gelangweilt, vielleicht auch weil mir diese Figur bislang völlig unbekannt war. Daher vergebe ich gerade noch ein Gut (7/10).

Freitag, 24. Juli 2015

Verdienter Oscar für Julianne Moore: Still Alice (8/10)

Julianne Moore spielt Alice Howland, eine brillante Professorin für Linguistik mit drei erwachsenen Kindern, der kurz nach ihrem 50. Geburtstag plötzlich die Diagnose Alzheimer gestellt wird. Binnen weniger Jahre verliert sie ihre mentalen Fähigkeiten: Gedächtnis, Orientierung, Logik, Sprachvermögen. Der Film versucht dabei recht konsistent, die Geschichte aus Alices mehr und mehr zersplitterter, stark subjektiver Perspektive zu erzählen. Die beiden Regisseure Richard Glatzer und Wash Westmoreland haben den zugrunde liegenden (gut recherchierten, aber nicht auf einer realen Biographie beruhenden) Roman auch adaptiert. Der Stoff hat sie sehr persönlich angesprochen: Richard Glatzer starb kurz nach der Oscar-Verleihung an ALS. Diese Nervenkrankheit, an der auch Stephen Hawking leidet, unterscheidet sich allerdings stark von Alzheimer, denn sie greift nicht direkt die Persönlichkeit an, sondern beeinträchtigt die Kommunikationsfähigkeit mit der Außenwelt.

Für mich ist der traurigste Moment in Alices Krankengeschichte das Scheitern ihres sorgfältig vorbereiteten Selbstmordplans. Tatsache ist, daß Alice in diesem Moment nicht mehr Alice ist. Diese leere Hülle, die noch ungefähr wie Alice aussieht und noch ein paar lückenhafte Erinnerungen an ihr Leben hat, gleichzusetzen mit jener intelligenten, wohlartikulierten und warmherzigen Frau, die wir zuvor kennengelernt haben, ist eine Beleidigung derselben. Es ist richtig, daß ihre jüngste Tochter Lydia (Kristen Stewart) ihr zum Ende hin näherkommt, aber im Grunde konstruiert sich Lydia die Mutter, die sie in diesen Momenten braucht, aus den eigenen Erinnerungen. Ist es Alices Pflicht, dieses unwürdige Leben bis zum natürlichen Ende durchzustehen, nur damit ihre Angehörigen die Lücke in ihrer Mitte nicht anerkennen müssen? Alices Ehemann John (Alec Baldwin) kommt im Vergleich mit Lydia schlecht weg. Daß er Alice im Frühstadion der Krankheit nicht mehr Zeit widmet (sieh bittet ihn vergeblich, ein Sabbatical einzulegen), hat mich auch enttäuscht. Aber daß er dann aus Karrieregründen seine Frau quasi im Stich läßt, wirkt zwar hartherzig, aber vielleicht hat er nur als erster eingesehen, daß seine Alice nicht mehr existiert. Insofern bin ich offenbar anderer Meinung als die Filmemacher (wenn ich den Buch- und Filmtitel als Meinungsäußerung interpretieren darf).

Die Darstellung der Nebenfiguren ist ansonsten eine Drehbuchschwäche, sie hätten deutlich beser ausgearbeitet werden können. Alec Baldwin bringt immerhin sein gewichtiges Charisma ein, und Kristen Stewarts Rolle kommt ihren Stärken entgegen - wann immer sie unangepaßte Außenseiterinnen spielt, blüht ihre Darstellungskunst auf. Kate Bosworth als ältere Tochter jedoch wirkt oberflächlich (und ist aufgemacht wie eine Vampirin), während Hunter Parrish als dauergrinsender Sohn wenigstens einmal traurig dreinschauen darf. Aber natürlich ist das Julianne Moores Film, eine wenig glamouröse Paraderolle, die vielleicht nicht in der physischen Herausforderung, aber wohl in der Nuancierung Eddie Redmaynes Spiel als Stephen Hawking in den Schatten stellt. Schön, daß es bei der fünften Nominierung nun endlich geklappt hat, im untypischen Alter von 54 Jahren (meist sind die Oscar-Gewinnerinnen deutlich jünger, ab und zu auch mal viel älter, so wie etwa Jessica Tandy oder natürlich Katherine Hepburn bei ihren letzen beiden Triumphen).

Still Alice leistet einen wichtigen Beitrag zur Ent-Tabuisierung von Alzheimer, insbesondere durch die Konzentration auf eine relativ junge Betroffene. Die Gehirnkrankheit wird damit aber beileibe nicht zum ersten Mal thematisiert. Bereits 2001 erzählte der gelungene britische Film Iris den Alzheimer-bedingten geistigen Verfall von Iris Murdock, allerdings aus der Perspektive von Ehemann John Bayley, der der angesehenen Schriftstellerin in seiner Biographie ein anrührendes Denkmal gesetzt hatte. Passenderweise gewann damals Jim Broadbent als (älterer) John Bayley einen Oscar, Judi Dench und Kate Winslet waren beide für die Titelrolle nominiert. Gerade durch die Rückblenden wurde die Krankheit aber nur als Endpunkt eines erfüllten Lebens dargestellt, in entsprechender melodramatischer Breite. Still Alice hat einen schärferen Fokus und wirkt dadurch analytischer, zum Glück allerdings nicht so klinisch steril wie Hanekes Amour (das handelt zwar nicht von Alzheimer, wirft aber ähnliche Fragen auf). Unzulässig romantisiert wurde das Thema eher in Sarah Polleys An ihrer Seite (2006), was für mich aber auch an der (trotzdem Oscar-nominierten) Hauptdarstellerin Julie Christie lag, die mich noch in keiner Rolle überzeugen konnte. Still Alice wird ebenfalls Weichspülerei vorgeworfen, aber bereits in dieser abgeschwächten Form ist Julianne Moores herzzerreißende Darstellung nur schwer zu ertragen. Vor allem dafür vergebe ich ein Sehr gut (8/10).

Freitag, 17. Juli 2015

Neu auf Blu-ray: Keira Knightley in "Grow Up!? - Erwachsen werd ich später" (8/10)

Geht es nach Hollywood, so halten Freundschaften aus der Schulzeit für immer, und die Prom-Königin und der Football-Jock bleiben ihr Leben lang zusammen. In der Realität sieht das allerdings anders aus. Jugendliche gruppieren sich meist nach flüchtigen Gemeinsamkeiten, aus relativ kleinen Klassenverbänden kristallisieren sich eher zufällig Freundes- und Liebesbeziehungen. Werden solche Cliquen nach dem Schulabschluß nicht durch äußere Umstände auf natürliche Weise zerschlagen, können sie, begünstigt durch die menschliche Trägheit, tatsächlich eine lange Lebensdauer haben. Solche Cliquen wirken aber oft genauso wie Familienbande und enge Kollegenkreise als soziale Zwangsjacken, die die Lebensweise ihrer Mitglieder stark normierend eingrenzen.

Die 28jährige Megan (Keira Knightley) ist Teil einer solchen Clique, die gerade den zehnten Jahrestag des Highschool-Abschlusses feiert. Das erste Pärchen daraus ist bereits verheiratet und erwartet Nachwuchs, das zweite plant gerade die Hochzeit. Nur Megan ist ein wenig der Nachzügler, sie hat sich noch nicht entschieden, was sie mit ihrem College-Abschluß anstellen soll und flüchtet bei Entscheidungsdruck gern in die elterliche Wohnung. In diese Situation platzt ihr Freund Anthony mit seinem Heiratsantrag hinein, um sie endlich auf die rechte Bahn zu bringen. Verwirrt nimmt Megan zwar den Antrag an, sucht dann aber für eine Bedenkwoche Zuflucht bei der 16jährigen Zufallsbekanntschaft Annika (Chloe Moretz) und (unfreiwillig) deren geschiedenem Vater Craig (Sam Rockwell). Der spießigen Zwangsjacke  beraubt, kann sich ihre Persönlichkeit plötzlich entfalten, wenngleich nicht ohne Hindernisse und Peinlichkeiten...

Die gerade 30 gewordene Keira Knightley hat in den letzten Jahren eine gute Balance gefunden zwischen Filmen mit größerem Profil (zuletzt mit Oscar-Nominierung in The Imitation Game) und kleineren britischen und amerikanischen Werken. Nach ihren schönen Rollen in Auf der Suche nach einem Freund fürs Ende der Welt und Can a Song Save Your Life? hat sie mich nun besonders begeistert in Grow Up!? - Erwachsen werd ich später (der schwer übersetzbare Originaltitel lautet: "Laggies", selbst im UK umbenannt zu "Say When"). Ob ihrer Schönheit und ihre ansteckenden, überschwänglichen Lebensfreude (ihr Reklametanz mit Walkman und Werbeschild ist ein Highlight des Kinojahres) vergißt man leicht, welch eine kluge und ausdrucksstarke Darstellerin sie sein kann.

Laggies kam hierzulande gar nicht erst in die Kinos. Die Marketingabteilungen tun sich sicher schwer bei der Einordnung. Ich würde es als leichtes, amüsantes Drama bezeichnen. Das Drehbuch von Andrea Seigel kommt vor allem zum Schluß nicht ganz ohne Klischees aus, ist aber insgesamt erfreulich unangepaßt und wurde von der jungen Regisseurin Lynn Shelton an Lokationen in Seattle, Washington mit luftiger Leichtigkeit inszeniert. Dazu paßt der Soundtrack aus jungen, wenig bekannten Popsongs. Auch die Nebenrollen sind überzeugend besetzt. Sam Rockwell ist eigentlich immer sehenswert, ob als Redshirt Guy in Galaxy Quest, als Zaphod Beeblebrox im Hitchhiker oder als zwielichtiger Wissenschaftler in Iron Man. Chloe Grace Moretz hat zum Glück gegenüber ihrer Rolle in Scorseses nicht kindgerechten Kinderfilm Hugo Cabret ihre Niedlichkeit zurückgenommen, und die junge Kaitlyn Dever beeindruckt als Annikas beste Freundin.

Es ist schade, daß Laggies kaum ein Publikum zu finden scheint, und wahrscheinlich nur aufgrund der berühmten Hauptdarstellerin überhaupt bei uns auf Blu-ray erschienen ist. Es wird wohl ein Werk bleiben, das nur wenige Zuschauer anspricht. Trotzdem vergebe ich ein persönliches Sehr gut (8/10).

Dienstag, 14. Juli 2015

Generationendrama: Terminator Genisys (5/10)

I can't see you mama
but I can hardly wait
ooh to touch and to feel you mama
oh I just can't keep away
in the heat and the steam of the city
oh its got me running and I just can't brake
so say you'll help me mama
cos its getting so hard

(Genesis 1983)

Auch wenn diese Textzeilen einen kleinen Spoiler beinhalten, fühle ich mich doch verpflichtet, zur Erklärung des dyslexischen Filmtitels beizutragen. In diesem zweiten vierten Teil der Reihe schließt sich der Kreis zum vertrackten oedipalen Drama: Nachdem John Connor seinen Vater Kyle Reese erneut in den Tod geschickt hat, gelingt ihm der Sprung in die Gegenwart (also seine Vergangenheit), und er kann selbst um die Gunst der schönen Sarah buhlen. Wer würde es ihm verdenken, denn durch verschiedene paradoxe Verstrickungen der Zeitlinien hat diese dritte Sarah Connor nun die zauberhafte Gestalt von Emilia Clarke, und John Connor wird - aufgepaßt: inzestuöse Metaebene - vom charismatischen Australier Jason Clarke dargestellt. Natürlich ist "Pops" nicht glücklich darüber (der 67jährige ehemalige Actionstar Arnold Schwarzenegger muß sich jetzt mit Vaterrollen begnügen).

Leider vermag das moderne Kino das Potential von Zeitreisen nicht so recht auszuloten. Wenn schon ein Terminator ins Jahr 1997 zurückgesendet wird, sollte der nicht besser Titanic verhindern und damit den Judgement Day bei den Oscars, als James Cameron sich zum König der Welt ausrufen ließ? Dieser ist übrigens offiziell an Genisys nicht beteiligt, wird aber wohl reichlich Tantiemen einfordern können, denn schließlich besteht ein gutes Drittel der Neuauflage aus aufgewärmten Szenen seiner bahnbrechenden ersten beiden Filme. Des weiteren - wenn man einen österreichischen Muskelmann so erfolgreich digital verjüngen kann, warum hat man dann nicht Michael Biehn als Kyle Reese reaktiviert, statt den blassen Milchbubi Jai Courtney zu besetzen, der bereits im fünften Die-Hard-Debakel seine Untauglichkeit unter Beweis gestellt hatte?

Regisseur Alan Taylor hat dem halbgaren Drehbuch des Cutters Patrick Lussier und der auch nicht gerade profilierten Autorin Laeta Kalogridis (Shutter Island) immerhin ein paar ordentliche Actionszenen entrungen. Emilia Clarke wußte er ja bereits als werdende Drachenmutter in Fire and Blood in Szene zu setzen, auch wenn er sie mit ihren prächtigen dunklen Haaren vielleicht gar nicht wiedererkannt hat. Ihr gelingt es jedenfalls, die emotionale Bindung Sarahs zu ihrem Pops fühlbar zu machen, auch wenn der Zuschauer ansonsten nicht so viel von ihr zu sehen bekommt wie in Game of Thrones;-) Ansonsten veredelt der frischgebackene Oscar-Gewinner J.K. Simmons einige Szenen mit seinem patentierten trockenen Humor, und Sandrine Holt (Beziehungsweise New York) hat einen willkommenen Kurzauftritt als FBI-Agentin.

Wie leider allzu oft wird also auch für den Terminator eine Marke zu Tode geritten (es sind für die nächsten Jahre noch zwei weitere Folgen angedroht). Aus einer einfachen, spannend umgesetzten Idee wird eine verworrene Geschichte, die trotzdem vorhersehbar endet, und der Szenenapplaus bei Arnis Sprung aus dem Hubschrauber ("I'll be back") wirkt auf mich teils nostalgisch, teils mitleidig. Annehmbar (5/10).

Sonntag, 12. Juli 2015

Die BBC in den 60ern: Nick Hornbys "Funny Girl"

Funny Girl ist der Titel eines (durchaus sehenswerten) Wyler-Films von 1968, der die Geschichte der erfolgreichen amerikanischen Entertainerin Fanny Brice (1891-1951) erzählt und Barbra Streisand für ihr bestechendes Leinwand-Debut einen Oscar einbrachte. Nick Hornbys Roman hat damit überhaupt nichts zu tun - er erzählt die fiktive Biographie der britischen Komikerin Sophie Straw, die Mitte der 60er bei der britischen BBC eine erfolgreiche Karriere als TV-Komödiantin startet. Da ansonsten kaum Parallelen erkennbar sind, halte ich bereits den Romantitel für eine Fehlkalkulation.

Nick Hornby ist zudem nicht gerade für seine starken Frauenfiguren bekannt. Für seine Protagonisten etwa in High Fidelity oder About a Boy ist Weiblichkeit fast synonym mit einem unergründlichen Geheimnis. So wird das Funny Girl (im Deutschen: "Miss Blackpool") auch eher durch die Männer in seinem Umfeld charakterisiert: den unsterblich in sie verliebten Produzenten Dennis, das Autorenteam der sehr unterschiedlichen Homosexuellen Bill und Tony sowie Sophies Co-Star Clive, der an seiner Herabsetzung durch eine Paranthese leidet - der Name der Fernsehserie lautet "Barbara (and Jim)".

Das klingt jetzt alles sehr negativ, aber tatsächlich ist die Geschichte durchaus unterhaltsam - nicht besonders witzig, aber amüsant, zwar vorhersehbar, aber trotzdem bewegend, kaum satirisch, aber doch mit authentischem Zeitbild. Es ist nur im Nachhinein, daß man sich wundert, wie Sophie so widerstandslos zum Star werden, wie insbesondere Bill (der seine Sexualität offen auslebt) fast mühelos Repressalien vermeiden, wie Dennis dann doch sein Glück finden kann. Allzu oft überschreitet Hornby die Grenze von Nostalgie zur Sentimentalität. Insbesondere vor dem Hintergrund der jüngsten Mißbrauchsenthüllungen über BBC-Mitarbeiter fehlt mir hier satirische Schärfe. Zudem sind die Figuren einfach zu brav gezeichnet, fast als wenn der Ruf der fiktiven Charaktere geschützt werden sollte.

Während Nick Hornbys Veröffentlichungen nach seinem Durchbruch 1995 mit "High Fidelity" (und der wunderbaren Verfilmung durch Stephen Frears) für meinen Geschmack von Roman zu Roman schwächer wurden, lieferte er 2009 mit "Juliet, Naked" endlich wieder einen tollen Text ab, der nach langer Zeit wieder aus seiner Leidenschaft für Pop-Musik schürfte und sehr überzeugende, gebrochene Charaktere zu bieten hatte. Der Titel bezieht sich übrigens auf das klassische Hitalbum "Juliet" des (fiktiven) Rockstars Tucker Crowe und die Veröffentlichung einer fast bis auf Demolevel abgespeckten Version (eben "Juliet, Naked"), deren unterschiedliche Beurteilung eine Beziehungskrise bei den Hauptfiguren auslöst.

Zwischendurch zeigte Hornby ein erstaunliches Talent für die Adaption von Fremdmaterial. 2009 war sein Drehbuch für An Education sogar für einen Oscar nominiert. Letztes Jahr lieferte er das Buch für für Jean-Marc Vallées rundum gelungenes Der große Trip, während ironischerweise die Verfilmung seines eigenen Romans A Long Way Down (ohne seine Beteiligung) trotz einer von Pierce Brosnan und Toni Collette angeführten Star-Riege floppte. Mit Brooklyn kommt demnächst seine dritte Romanadaption ins Kino. Die Arbeit an An Education mag übrigens Inspiration für seine Darstellung der 60er Jahre gewesen sein, aber die dichte Atmosphäre des Films und insbesondere das brillante Spiel Carey Mulligans in der Hauptrolle stellen Funny Girl ziemlich in den Schatten.

Donnerstag, 9. Juli 2015

Melissa McCarthy als Spionin Susan Cooper: Spy (8/10)

Niemand vermag momentan auf der großen Leinwand so gekonnt Beleidigungen zu verteilen wie Melissa McCarthy. Ihre giftigen Wortschwälle sind präzise wie Fausthiebe und durchschlagend wie Kung-Fu-Tritte. Und wenn diese so perfekt auf sie zugeschnitten sind wie von Regisseur und Autor Paul Feig in Spy (mit dem überflüssigen deutschen Untertitel "Susan Cooper Undercover"), dann sprühen die Funken, daß James Bond nur staunen kann: Wortkunst trifft auf Martial Arts. Nicht daß letztere vernachlässigt würden - Melissas "Agentin wider Willen" Susan Cooper weiß sich durchaus auch mit herkömmlicher Gewalt durchzusetzen. Nach zehn Jahren Schreibtischtätigkeiten braucht sie allerdings eine Weile, um das zu erkennen. Bisher hat sie die schmutzige Arbeit anderer gesteuert, insbesondere die von Staragent Bradley Fine (Jude Law empfiehlt sich etwas verspätet für die  Bond-Nachfolge). Nachdem dieser allerdings außer Gefecht gesetzt ist und die vier (4!) verbleibenden CIA-Agenten kompromittiert wurden, bewirbt sich die allseits belachte, übergewichtige Susan als letzte Hoffnung der freien Welt und wird zur Strafe in zunehmend demütigenden Maskeraden auf Informationsjagd geschickt. Alles weitere ist zwar vorhersehbar, aber ungeheuer unterhaltsam...

Melissa McCarthy wurde 2011 pünktlich zu ihrem 40. Geburtstag mit Paul Feigs Brautalarm ("Bridesmaids") zum Kinostar. Zwar hat mich  der zotige Humor nach dem Buch von Kirsten Wiig und Annie Mumolo überhaupt nicht angesprochen (verkauft wurde das als Hangover für Frauen), aber trotz aller Erniedrigungen, die ihre Figur erleiden mußte, kam Melissa bei diesem Frauenquintett noch am besten weg. Natürlich hatte ich sie noch gut in Erinnerung als patente, zu Panikattacken neigende Köchin Sookie bei den Gilmore Girls. Parallel zu ihrem Späteinstieg ins Kinogeschäft hatte die gewiefte Standup-Komikerin mit der Sitcom Mike & Molly noch einen TV-Erfolg, ist jetzt aber wohl ausgebucht mit Filmprojekten (sie wirkt bei der mit Frauen besetzten Neuauflage der Ghostbusters mit - Buch und Regie: Paul Feig). 2013 hatte sie an der Seite von Sandra Bullock bereits einen Hit mit der ebenfalls von Paul Feig inszenierten Buddykomödie Taffe Mädels, aber meiner Meinung hat Feig erst in seinem speziell für sie entwickelten Drehbuch für Spy (mein deutscher Titelvorschlag: "Die Spionin") ihr Potential optimal ausgeschöpft. Er trifft nach meinem Geschmack genau die richtige Balance zwischen Albernheit und Charme, und Melissa füllt nun als seltener weiblicher Star die Kinokassen.

Wie immer bei solchen Filmen lohnt es sich, die negativen Kritiken zu lesen, wo sich z.B. viele IMDB-Nutzer als bigott oder zumindest prüde outen, und noch öfter als dämlich. Ich habe zwar volles Verständnis, wenn man mit dieser Art Humor nicht klarkommt, aber da gibt es wirklich Leute, denen die Darstellung des CIA "nicht realistisch" erschien! Kleiner Tip: Gleich zu Beginn kämpfen die Angestellten dieses geheiligten Geheimdienstes mit einer Fledermausinvasion - wer das ernstnehmen kann, sollte sich auf Dokumentationen beschränken. Merkwürdigerweise erschien mir das geschilderte Agentenmilieu eher britisch als amerikanisch, sei es durch die Anklänge an Bond (u.a. wird Susan mit einer tollen, wenngleich nicht gerade modischen Kollektion von technischen Gimmicks ausgestattet), oder durch die Besetzung einiger Nebenrollen. Die europäischen Handlungsorte, insbesondere Paris mit Susans billiger Absteige, werden allerdings nicht unbedingt in vorteilhaftes Licht getaucht.

Melissa wäre jedoch nur halb so gut, wenn sie nicht mit exzellenten Partnern konfrontiert würde. Die stets wunderbare Allison Janney, einst Stabschefin im West Wing, füllt routiniert die Schuhe eines Deputy Directors der CIA, ohne in Klischees zu verfallen - sie ist zwar zunächst herablassend skeptisch, dann aber pragmatisch und spart bei Erfolg auch nicht mit Lob. Jude Law wurde bereits erwähnt und darf nach langer Zeit mal wieder mit Eleganz und Oberflächlichkeit glänzen. Rose Byrne als Oberschurkin Rayna bringt Susans verbalen Attacken eine wohldosierte stoische Ruhe entgegen, die schelmische Morena Baccarin,  "Companion Inara" aus Firefly, hat ein willkommenes Cameo als Agentenkollegin, und der mir bislang unbekannte britische Komiker Peter Serafinowicz spielt den herrlich abgedrehten italienischen Verbindungsmann Aldo, der Susan ständig an die Wäsche will (wie gesagt, wer diese Art Humor nicht mag...) Melissas komischster Co-Star ist allerdings, wer hätte das gedacht, Mr. Transporter Jason Statham, der sein Image als Action-Superheld in Wort und Tat gewaltig auf die Schippe nehmen darf. Paul Feig hat ihm Sprüche auf den leidensfähigen Leib geschrieben, bei denen Schwarzenegger, Willis & Co. neidisch werden müßten.

Beinahe hätte ich diesen Hochgenuß aufs Heimkino verschoben, aber in der fünften Woche seit dem Kinostart (der in Deutschland immerhin über eine halbe Million Zuschauer angelockt hat) hat's zum Glück gerade noch geklappt. Sehr gut (8/10).

Dienstag, 7. Juli 2015

Die Hugo-Kurzformen: No Award

Nachdem ich mich nun endlich durch alle Kurzgeschichten, Noveletten und Novellen des (in diesen Kategorien vollständigen) Voters Package gequält habe, habe ich mich in allen drei Kategorien für "No Award" als erste Wahl entschieden. Klar, daß mir nicht alles gefallen muß, gerade da ich kein Freund der Kurzform bin. Aber durch die traurigen oder gar räudigen Welpen-Vorschlagslisten bietet die Auswahl weder solide Unterhaltung (was ja eigentlich eines der Ziele der üblen Kampagne war) noch irgendwie intelligente oder neue Ideen. Stattdessen gibt es abstruse Abenteuer, undurchschaubare Charaktere, wirre Weltenaufbauten und dämliche metaphysische oder religiöse Sichtweisen. Hervorzuheben ist dabei der selbsternannte neue Star und Erneuerer der Science Fiction, John C. Wright. Er ist ein guter Beleg für das Scheitern der amerikanischen Ivy-League-Erziehung, denn trotz umfangreicher klassischer Bildung kann er sein Faktenwissen nicht vernünftig auf die Realität anwenden (er brüstet sich damit, daß er Marx mit Aristoteles widerlegen kann). Dazu hat er dieser wenig erfolgreiche Schreiberling noch die Dreistigkeit, Tips für den Autorennachwuchs zu veröffentlichen (seine Aufsatzsammlung "Transhuman and Subhuman" ist als "Best Related Work" nominiert). Ach gäbe es doch die Möglichkeit (wie in seiner wirren Novelle "The Plural of Helen of Troy"), ihn per Zeitmaschine ins fünfte Jahrhundert v.Chr. zu transportieren! Ihm zufolge war übrigens Marilyn Monroe eine Inkarnation der Schönen Helena und hat JFK derart den Kopf verdreht, daß dieser am Ende sich selbst (als sein älteres Ich) umgebracht hat...

Es gibt eine kleine Ausnahme bei den Kurzgeschichten, wo es durch verschiedene Rückzieher tatsächlich einen Beitrag jenseits der Vorschlagslisten gab. Das ist "The Day the World Turned Upside Down" des Niederländers Thomas Olde Heuvelt, übersetzt von Lia Belt. Das ist eine hübsche Fantasy-Geschichte um Trauer und Liebesverlust, mit dem zugegeben schrägen Gimmick, daß die Welt des Erzählers eines Tages buchstäblich auf den Kopf gestellt wird und alles nicht Niet- und Nagelfeste gen Himmel verschwindet. Ein einziger preiswürdiger Beitrag pro Kategorie ist aber zu wenig, und daher habe ich das Werk auch nur auf Platz Zwei hinter "No Award" gesetzt.

Freitag, 3. Juli 2015

Mehr vom Teddybär: Ted 2 (6/10)

Morgan Freeman spricht mir bei seinem Auftritt als Staranwalt Patrick Meighan aus dem Herzen: Warum sollte es mich kümmern, ob Ted Bürgerrechte zustehen, wenn er doch nichts zu unserer Zivilisation beizutragen hat? Im Gegenteil, wenn er eine Person wäre, würde der kleinkriminelle Teddybär mit der großen Schnauze sicher bereits in einer Besserungsanstalt einsitzen. Insofern taugt die Prämisse für den "Drama"-Anteil dieses aufgewärmten Sequels schon mal überhaupt nicht. Darüber hinaus ist die Lachquote eher durchwachsen. Einen repräsentativen Querschnitt bietet ja bereits der Trailer.

Seth MacFarlanes Ansatz scheint mir oft darauf hinauszulaufen, absurde Situationen zu schaffen und dann zu hoffen, daß etwas Komisches dabei herauskommt. Aber bei diesem Humorroulette gewinnt meist nur die Bank. Mark Wahlberg und Konsorten hatten bestimmt viel Spaß beim Dreh, während der Zuschauer sich wundert. Liam Neesons Cameo ist immerhin ein Schmunzeln wert (offenbar gab es die Pointe nach den Credits, da hatte ich den Saal allerdings schon verlassen). Michael Dorn als Klingone auf dem ComiCon wirkt nur auf einer Metaebene als Cool-Faktor. Überhaupt ComiCon - eine solch aufwendige Kulisse hätte doch mehr hergeben müssen, oder?  Viele Szenen zitieren (offenbar schlecht) die Filmgeschichte. An einigen Stellen mußte ich aber trotzdem lachen ("Die Scheune kam aus dem Nichts!").

Immerhin ist Amanda Seyfrieds dauerkiffende Advokatin den Eintritt wert (Mila Kunis kehrte wegen ihrer Schwangerschaft nicht zurück). Die süße Blondine hat auch die einzige Szene mit Gänsehauteffekt, wenn sie am Lagerfeuer zur Gitarre mit ihrer Musical-tauglichen Stimme "Mean Ol' Moon" anstimmt, ein von Filmkomponist Walter Murphy und Brachiallyriker MacFarlane aus klassischen Vorlagen zusammengeklauter "Evergreen". Ansonsten gibt's mehr vom Gleichen, und oft das Gleiche nochmal - wie das bei vom Erfolg erzwungenen Sequels halt so üblich ist. Wenn man nicht mehr erwartet hat, ist das gerade noch ordentliche Unterhaltung (6/10).