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Donnerstag, 21. August 2014

Die Hugo-Gewinner 2014

Es zeigt sich, wie weit mein eigener Geschmack von der Fangemeinde entfernt ist. Hier die diesjährigen Gewinner (pro Kategorie haben zwischen 2.600 und 3.100 Fans abgestimmt):

BEST NOVEL
Ancillary Justice, by Ann Leckie (Orbit US / Orbit UK)
 Das Ergebnis ist deutlicher als befürchtet, und die Rangliste stellt meine eigenen Präferenzen auf den Kopf (es folgen Neptune's Brood, Parasite, Wheel of Time, Warbound). Ich würde zusätzlich mal behaupten, daß jeder zweite Roman des jüngst verstorbenen und lediglich einmal nominierten Iain M. Banks mich mehr beeindruckt hat als Ann Leckies Erstling.

BEST NOVELLA
Equoid” by Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
 Hier setzte sich knapp der bekannteste Autor durch, vor Valentes Schneewittchen-Variation. Es folgten meine Favoriten "Wakulla Springs" und "The Chaplain's Legacy" vor dem immerhin bei allen durchgefallenen "Butcher of Khardov".

BEST NOVELETTE
The Lady Astronaut of Mars” by Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com /
Tor.com, 09-2013)
Hier ist meine Rangfolge fast übernommen worden, leider (aber akzeptabel) mit einem Tausch zwischen den Plätzen 1 und 2.

BEST SHORT STORY
The Water That Falls on You from Nowhere” by John Chu (Tor.com, 02-2013)
Hier hat einmal mein Favorit triumphiert! Auch die weitere Rangfolge entspricht fast meiner eigenen.

BEST DRAMATIC PRESENTATION, LONG FORM
Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films;Warner Bros.)
Mein Favorit hat sich nur knapp vor dem unsäglichen "Frozen" durchgesetzt. Demographisch scheinen bei den Votern Teenager keine Rolle zu spielen, denn die "Hunger Games" landeten abgeschlagen auf dem letzten Platz.

BEST DRAMATIC PRESENTATION, SHORT FORM
Game of Thrones “The Rains of Castamere” written by David Benioff & D.B. Weiss, directed by David Nutter (HBO Entertainment in association with Bighead, Littlehead; Television 360; Startling Television and Generator Productions)
 Keine Überraschung hier - zum Glück haben sich die Dr.-Who-Fans verzettelt, aber es war doch knapp ("Orphan Black" landete auf Platz 3).

Freitag, 15. August 2014

Hail Caesar! Planet der Affen: Revolution (6/10)

Die gelungene Erstverfilmung von Pierre Boulles SF-Satire Der Planet der Affen (1968) ist noch heute sehenswert, trotz der flach wirkenden Parallelen zur amerikanischen Sklaverei . Viele Zuschauer ließen sich durch die spärlich bekleideten menschlichen Hauptfiguren gern von den offensichtlichen Affenkostümen ablenken. Beim Reboot (über Tim Burtons Remake von 2001 breiten wir den Mantel des Schweigens) erleben wir nun den umgekehrten Effekt: Die (zumeist mittels Motion Capture Computer-animierten) Affen wirken so verblüffend real, daß die menschlichen Figuren dagegen uninteressant erscheinen.

Dementsprechend verschwinden die eigentlichen Stars (Andy "Gollum" Serkis und Judy Greer) hinter ihren Kostümen, während Jason Clarke und Keri Russell als menschliches Paar blass bleiben. Ausnahme ist hier Gary Oldman, der in einer den wenigen seiner Figur zugebilligten Leinwandminuten seinen eigenen Rekord an Overacting einzustellen versucht, dann aber doch am eigenen Desinteresse scheitert.

Die Geschichte ist so schematisch wie die Figurenkonstellation (Vater-Mutter-Sohn-Rivale) und hält keiner logischen Überprüfung statt, macht aber aus unerfindlichen Gründen trotzdem Spaß. Der erste Film hatte seine Stärken in der Selbstfindung Caesars in der Gefangenschaft und der Entwicklung erster Strukturen einer Affengesellschaft. Hier sehen wir die konsequente Weiterentwicklung, und sie ist (vor allem in der ersten, ruhigen Hälfte) durchaus atemberaubend. Dann folgt Schlag auf Schlag die Action, die weitere Reflexion übertönt. Aber wer will nicht mal Schimpansen in tiefenscharfem 3D beobachten, wie sie sich an Lianen durch ihren "Ur"wald schwingen (sozusagen Spider Man und Tarzan in einem)!

Ordentlich (6/10).

Dienstag, 12. August 2014

The Crazy One: Robin Williams (1951 - 2014)

Like catching lightning in a bottle - that's how hard it must have been to capture Robin Williams' comedy on camera. No accident then that one of his funniest performances was as Aladdin, the genie in a bottle (1992). When Williams was uncorked, he could morph from character to character within seconds, making impressions with his face, his voice and his whole body. Maybe the best vehicle for his comedy was Good Morning, Vietnam (1987), but even in bad movies he usually had some great bits to offer as consolation. Some of those bad films were colossal failures, like Robert Altman's Popeye (1980) and Barry Levinson's Toys (1992). But still, Toys has arguably one of the funniest scenes in one of the worst movies ever (the MTV parody), and also shows Williams' generosity in allowing his co-star Joan Cusack to shine. Pity it didn't come together as a movie...

Like many great comedians, Williams wanted to be recognized as a "serious" actor, which resulted in quite a few memorable roles. He was properly goofy in The World According to Garp, and touching in Moscow on the Hudson (1984), Awakenings (1990), Terry Gilliam's Fisher King (1991),and his (finally) Oscar-winning role in Good Will Hunting (1997). He was equally effective in his sinister roles of 2002, in One Hour Photo and Christopher Nolan's Insomnia.

I have yet to revisit his break-through TV show Mork and Mindy, but I guess its silliness is more palatable for children. It's not the worst accomplishment to make children laugh, though, so he's excused for Mrs. Doubtfire (1993), too. Also forgiven is his tendency to make grown men cry, especially with Dead Poets Society (1989) - O Captain, my Captain!

One of the last attempts to reign in Williams' talent came from renowned TV producer David E. Kelley (Ally McBeal) with The Crazy Ones. Williams plays a recovering alcoholic who runs an ad agency with his daughter ("Buffy" Sarah Michelle Gellar). It had spots of brilliance and some sympathetic co-stars, but never really found its stride. Maybe in these times of political correctness, it was simply too risky to let Robin Williams loose. So the show was canceled after one season, and Williams reverted to playing the occasional American President (three times as Teddy Roosevelt in Night at the Museum and once as Dwight D. Eisenhower in The Butler). His last role, fittingly, will be as "Dennis the Dog"  in Terry Jones'  2015 SF comedy Absolutely Anything.

So thank you Robin, for making us cry and making us think and - still your greatest gift to us - to make us laugh like crazy.

Donnerstag, 7. August 2014

Enttäuschendes Ende einer Ära: Hayao Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" (5/10)

In den meisten Filmen von Hayao Miyazaki kommen Flugzeuge, Flugmaschinen, Flugwesen oder (in seinem schönsten Werk) eine fliegende Hexe vor. Diese Begeisterung für die Flugkunst gipfelt nun im Abschlußfilm des 73jährigen japanischen Meisters, dessen Abschied nun zumindest vorläufig auch die Schließung des Ghibli-Studios bedeutet.

Leider kann sich Miyazakis Biographie des bedeutenden japanischen Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi weder politisch noch erzählerisch entscheiden. Ist Jiro ein genialer Depp oder ein naives Genie, wenn er nach dem Bau des "Zero"-Kampffliegers für den Zweiten Weltkrieg seinen Freund fragt: "Gegen wen kämpfen wir eigentlich?" Und ist dies nun eine tragische Liebesgeschichte (Jiros Frau starb an Tuberkulose) oder die Geschichte eines Ingenieurs, der seine Träume verwirklichen will?

Technisch ist Wie der Wind sich hebt brillant umgesetzt, und gerade im Vergleich mit dem (ansonsten gelungenen) Mohnblumenberg seines Sohnes Goro erkennt man immer noch einen deutlichen Qualitätsvorsprung, was den zeichnerischen Fluß und die Detaildichte der erschaffenen Welt anbelangt. Erzählt wird allerdings irritierend elliptisch, was gerade ohne viel historische Vorkenntnisse störend wirkt. Man erkennt weder den genauen Beitrag Jiros an der Konstruktion der verschiedenen Flugzeuge noch den allgemeinen technischen Fortschritt (Senknieten können doch nicht das einzige Geheimnis gewesen sein). In einigen Szenen allerdings blitzt Genie auf, etwa beim Erdbeben von 1923 und dem Besuch in Deutschland (inklusive expressionistischer Schattenbilder von Nazischergen).

Insgesamt enttäuschend. Annehmbar (5/10).

Die Hugo-nominierten Romane

Bevor am 17. August die diesjährigen Preise vergeben werden, hier noch ein paar Anmerkungen zur Königskategorie.

Vier Kandidaten habe ich bereits besprochen, der fünfte ist der 12teilige "Wheel of Time"-Zyklus von Robert Jordan, postum vervollständigt von Brandon Sanderson. Vor einigen Jahren habe ich mich mal bis zum vierten Band durchgekämpft und dann zumindest vorläufig aufgegeben. Jordan schreibt an sich unterhaltsam und schöpft mit viel Fantasie eine erstaunlich detaillierte Welt. Seine Figuren sind vielleicht ein wenig stereotyp, aber durchaus einprägsam. Nicht so überzeugend fand ich den mythologischen Unterbau. Der Gedanke vom "Rad der Zeit" basiert auf der Wiedergeburt mythischer Helden und satanischer Schurken, die in einem ewigen Kampf immer wieder die gleichen Fehler begehen und jedesmal auf ähnliche Weise scheitern (und offenbar den Weltuntergang orchestrieren). Nun scheint eine Zeit des Durchbruchs gekommen, in der vielleicht erstmals die Helden triumphieren könnten. Der Kampf spielt sich ab in einer weitgefächerten mittelalterlichen Welt voller magischer Orte, Völker und Einzelfiguren. Tatsächlich scheint den Entdeckungen auch nach 4.000 Seiten noch keine Grenze gesetzt zu sein, und das ist auch der Hauptkritikpunkt an der Serie. Ein Rezensent bei Amazon hat die Handlung mal treffsicher mit einem Rollenspiel am Computer verglichen. Die Figuren irren umher, finden Verbündete oder  machen sich Feinde, sammeln magische Gegenstände und Fähigkeiten, setzen diese in diversen Scharmützeln ein und gewinnen oder verlieren Lebens- oder Gesundheitspunkte. In jeder Schlacht scheint es nicht nur um Leben oder Tod, sondern um das Schicksal der ganzen Welt zu gehen, und doch folgt jedem Erfolg nur eine noch größere Herausforderung. Kurz gesagt: Es fehlt der Erzählung an Struktur, sie ist ein amorphes Monster, das zwar passagenweise immens unterhalten kann, aber den Leser auch extrem frustriert.

Trotzdem halte ich den Zyklus für den diesjährigen Favoriten. Er ist ohne Zweifel ein Klassiker und hat eine große Fangemeinde. Mein persönlicher Favorit ist zwar Larry Correias Grimnoir-Roman, aber dem rechne ich nicht viele Chancen aus. Neben dem "Wheel of Time" könnte auch Ancillary Justice das Rennen machen, nachdem Ann Leckies Debut bereits den Nebula und weitere Preise gewonnen hat. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:
  1. Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
  2. The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
  3. Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
  4. Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
  5. Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)

Hugo-nominiert: Parasite (Mira Grant)

Nachdem ich mich mit Mira Grants Zombie- und Blogger-verseuchten Newsflesh-Trilogie gar nicht anfreunden konnte, hatte ich diesen ersten Band einer neuen Trilogie lange vor mir hergeschoben. Zu Unrecht, wie sich herausstellte: Es geht zwar auch hier nebenbei um Zombies ("Schlafwandler" genannt), aber es fehlen die atemlose Action genauso wie die überdrehten Figuren und der bemühte Blogger-Stil. Stattdessen erzählt Parasite unaufgeregt und doch spannend eine völlig neue Geschichte, die auf einer brillanten SF-Idee basiert. Nach einem medizinischen Durchbruch der nahen Zukunft haben sich viele Millionen Menschen einen genetisch manipulierten Bandwurm implantieren lassen, der sie symbiotisch vor den meisten Stoffwechsel- und Kreislaufkrankheiten schützt. Doch nun scheinen erste Nebenwirkungen aufzutreten, die von der das Patent haltenden BioTech-Firma aber zunächst vertuscht werden können...

Erzählt wird das in Ich-Form von der jungen Sally, die nach einem Unfall und dem überraschenden Aufwachen aus dem Koma ihr Gedächtnis verloren hatte und nun ihren Erinnerungen entsprechend eigentlich erst sechs Jahre alt ist (im Gegensatz zu ihrem etwa 25jährigen Körper). Sie hat mühsam fast alle kognitiven Fähigkeiten wiedererlernen müssen, und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn sie auf einige Leser ein wenig eindimensional wirkt. Für mich ist sie eine gelungene, überhaupt nicht langweilige Identifikationsfigur. Ihre Genesungsgeschichte birgt ein (leicht zu erratendes) Geheimnis, und gegen Ende dieses Einführungsbandes gewinnen sie und ihre Bezugspersonen genug Komplexität, um mich auf die Fortsetzung neugierig zu machen.

Mira Grant ist ein Pseudonym für die Kalifornierin Seanan McGuire (geboren 1978), die bisher offenbar durchaus erfolgreiche Urban Fantasy schrieb und nun unter neuem Namen eine ambitioniertere Richtung einschlägt, was ihr nun die vierte Hugo-Nominierung in Folge für den besten Roman einbrachte (nach den drei Newsflesh-Bänden). Wenn ihr ein überzeugender Abschluß dieser Trilogie gelingt, winkt ihr vielleicht der Preis im übernächsten Jahr.

Sonntag, 20. Juli 2014

Wieder keine Amélie: Die Karte meiner Träume (7/10)

Jean-Pierre Jeunet wurde 1991 mit seiner phantastisch-bizarren schwarzen Komödie Delicatessen in Arthouse-Kreisen bekannt, damals noch mit seinem Partner Marc Caro. Dieser Endzeitfilm führte neben dem weniger gelungenen Nachfolger Die Stadt der verlorenen Kinder zu seinem ersten in Englisch gedrehten Werk, nämlich Alien - Die Wiedergeburt (1997). Jener vierte und letzte Beitrag zur Saga (mit Winona Ryder als Androidin) gefiel mir persönlich sehr gut, hatte aber ansonsten eher durchwachsene Kritiken. Jeunet erholte sich davon aber, und vier Jahre später landete er mit Die fabelhafte Welt der Amélie einen wunderbaren Welterfolg, dessen Rezept er seitdem ein wenig hinterherzurennen scheint.

So scheint es mir auch in seinem erst dritten englischsprachigen Film, Die Karte meiner Träume (der Originaltitel bedeutet eigentlich "Der junge und erstaunliche T.S. Spivet"): Der hochbegabte 10jährige Titelheld lebt mit seinen Eltern, einer Insektenforscherin (Helena Bonham Carter) und einem Cowboy-Nostalgiker (Callum Keith Rennie, Lew Ashby aus Californication), auf einer Ranch in Montana. Als er den Baird Award des Washingtoner Smithsonian Museums für das Modell eines Perpetuum Mobile gewinnt, macht er sich auf eigene Faust auf den Weg zur Preisverleihung, mit einem riesigen Koffer und noch mehr mentalem Ballast.

Die Buchvorlage des New Yorkers Reif Larsen, offenbar an das Tagebuch des jungen Protagonisten angelehnt mit vielen Zeichnungen und Karten angereichert, kommt Jeunets verschrobenen visuellem Stil tatsächlich entgegen, und die (überzeugend dreidimensionalen) Bilder machen die Verfilmung auch sehenswert. Darüber hinaus fehlt dem Ganzen aber ein wenig der magische rote Faden. Vielleicht wäre einfach nur ein wenig mehr Verrücktheit angebracht gewesen. So wirkt das Resultat fast bieder, zwar mit etlichen herrlichen Szenen (eine der besten davon mit Delicatessen-Star Dominique Pinon als Hobo), aber auch einigem Leerlauf. Und natürlich kann kein zehnjähriger Hauptdarsteller an den Charme einer Audrey Tautou heranreichen...

Gut (7/10).

Hugo-nominiert: Neptune's Brood (Charles Stross)

Charles Stross ist der Mann mit den großen Ideen in der Science Fiction der letzten zwei Dekaden. Leider gelingt es ihm mit seinem jüngsten Roman wiederholt nicht, diese in eine wohlkonstruierten Handlung einzubetten und mit überzeugenden Figuren zu vermitteln. Stross schöpft aus einem riesigen Wortschatz (ein oft unnötiges Ärgernis, wenn man einen superseltenen Begriff nachschlagen muß) und baut wohlfeile, knifflig verschachtelte Sätze, aber Spannungsaufbau gehört nicht zu seinen Stärken, während sein Humor mehr Pointen vertragen könnte.

Neptune's Brood spielt in einer Zukunft, in der die Menschen weitgehend ausgestorben sind, ihre Zivilisation aber in Form von sehr menschenähnlichen Androiden fortgeführt wird. Stross entwirft (und erläutert dieses in handlungsunterbrechenden Passagen) ein Banken- und Wirtschaftssystem der Zukunft. Zur Finanzierung der Kolonisation Lichtjahre entfernter Systeme durch Raumschiffe mit nur gering-relativistischen Geschwindigkeiten hat sich ein Kreditsystem des "langsamen Geldes" etabliert, das auf Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit basiert. Es können auch komplette Androiden-Persönlichkeiten von System zu System "gebeamt" werden, die dann in den "Seelenchips" neu geschaffener Körper wieder zum Leben erweckt werden.

Auf diese Weise reist auch die Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) "Krina Buchhaltung Historiker Alizond-114" (nicht übersetzt) auf der Suche nach ihrer Schwester Ana, bevor sie für die letzte Etappe auf dem Schiff einer Kirche der Fragilen anheuert, die ihre heilige Pflicht in der Wiederansiedlung von fleischlichen Menschen sieht. Krina wird von Piraten (der Unterart Versicherungsagenten) abgefangen, dann auf einer Wasserwelt entführt und in eine Meerjungfrau gewandelt, bevor sie endlich mit ihrer Schwester einen gigantischen Ponzi-Trick aufklärt. Das ist alles recht amüsant, aber doch auch belanglos. Krina gewinnt nicht so recht an Format, auch ihr Geschlecht scheint beliebig, und zum Schluß erscheinen alle Motivationen durch einen Twist nochmals in neuem Licht - frustrierend, wenn man bis dahin versucht hat, die komplexen Hintergründe nachzuvollziehen.

Auch außerhalb der gelungenen Laundry-Reihe hat Stross schon bessere Romane geschrieben. So wird es wohl auch dieses Jahr nichts mit dem Hugo in der Königskategorie.

Sonntag, 13. Juli 2014

Die Hugo-nominierten Kurzromane

Die nominierten Novellen des Jahres sind alle von ähnlicher Länge (ca. 100 Seiten) und spiegeln wohl recht gut die Vielfalt des Genres. In aufsteigender Wertungsreihenfolge gelistet:

The Butcher of Khardov (Dan Wells)


Dies ist ein Beitrag zur weitverbreiteten Sword-and-Sorcery-Fantasy, nicht wirklich schmerzhaft, aber auch nicht von besonderem Interesse. Figuren, magische Elemente und soziale Gegebenheiten aus dem Baukasten.

Six-Gun Snow-White (Catherynne M. Valente)


Dies ist Catherynne Valentes zweiter nominierter Kurzroman in Folge. 2010 war ihr Roman "Palimpsest" nominiert, der mir nach wenigen Jahren schon komplett aus dem Gedächtnis gefallen ist (das war allerdings ein Jahrgang, in dem mich keiner der Kandidaten angesprochen hatte). Mit ihrem Revolver-Schneewittchen amerikanisiert die 35jährige das Grimm'sche Märchen. Schneewittchen ist nun die Tochter einer Indianerin und eines Geschäftsmannes im ausgehenden 19. Jahrhundert, und der Spiegel der Stiefmutter ist eher ein Verwandter von Dorian Grays Gemälde. Das ist nicht langweilig, aber recht versponnen und gegen Ende ziemlich ziellos erzählt.

Equoid (Charles Stross)


Der Brite Charles Stross, Jahrgang 1964, ist ein unbestrittener Star der Science-Fiction-Szene. Zwei seiner Novellen gewannen den Hugo, sieben seiner Romane waren (innerhalb von zehn Jahren!) nominiert, allerdings gehört sein Beitrag auch dieses Jahr nicht zu den Favoriten. Seine Werke würde ich aufteilen in populäre Unterhaltung und anspruchsvollere Versuche. Zur zweiten Kategorie gehören die meisten seiner nominierten Romane, zur ersten die (etwa ab der Hälfte leider enttäuschenden) Merchant-Princes-Reihe und die humoristischen "Laundry"-Erzählungen, zu der auch diese Novelle zählt. Charles Stross ist ein mit ungemeinem Sprachwitz begabter Vielschreiber, mit einer durchwachsenen Menge von Veröffentlichungen. Die Laundry Files sind seine britischsten Werke, mit einem Anklang von Douglas Adams, allerdings mit schlüssigeren Handlungsstrukturen und gelegentlich selbstverliebter Geistreichheit. Sie funktionieren als Abenteuer wie als Satire auf die britische Behördenmentalität.

Die "Laundry" ist eine geheime britische Behörde, die Magie, Dämonenbeschwörung und weitere potentiell apokalyptische Praktiken reguliert. In dieser leicht alternativen Welt hat sich herausgestellt, daß höhere Mathematik und Computeralgorithmen ab einer gewissen Komplexität gefährliche Nebenwirkungen haben können. Entsprechend begabte Personen werden zu ihrer eigenen und zur nationalen Sicherheit aus dem Verkehr gezogen. So auch Bob Howard, nun in der Laundry offiziell zuständig für die Serveradministration, aber eigentlich ein Spezialist für Außeneinsätze, wo er sich - oft nur mit einer Hasenpfote, einem jPhone und seinem Verstand bewaffnet - mit psychopathischen Zauberern, fehlgeleiteten Hackern und freigesetzten Dämonen herumschlägt. Sein geheimes Tagebuch, das Charles Stross seit 2004 in Auszügen veröffentlicht, ist natürlich durch ein mächtiges Geas geschützt, das Unbefugte vom Lesen abhalten soll. Schließlich würde die Welt in Panik ausbrechen, sollte das Ausmaß der durch die moderne Computertechnik freigesetzten magischen Kräfte und das Nahen des Nightmare Case Green öffentlich werden.

Equoid ist ein minderer Beitrag zur Reihe, in der ersten Hälfte amüsant, in der zweiten spannend. Es geht um Einhorne, die allerdings mit dem Mythos nicht mehr viel gemeinsam haben. Ist daher nicht für Kinder geeignet, denn eine Begegnung mit einem Stross'schen Einhorn kann sehr blutig enden.

The Chaplain's Legacy (Brad Torgersen)


Nach Torgersen eindimensionalen Kurzgeschichte war ich nicht so recht auf eine solch komplexe Novelle vorbereitet. Spriritualität, abstrahiert von konkreten Religionen, dient in diesem überzeugenden Kurzroman als Brücke zwischen Menschen und Aliens und schließlich sogar als Friedensbringer. Der Ich-Erzähler Harrison Barlow, der (atheistische) "Assistent des Kaplans", hatte vor 20 Jahren de facto eigenhändig die Vernichtung der Menschheit durch eine technisch weit überlegene Insektenrasse gestoppt, indem er bei den "Käfer"-Wissenschaftlern ein Interesse an der Erforschung menschlicher Religionen erwecken konnte (die Ähnlichkeit der Aliens mit den Bugs aus Starship Troopers scheint mir gewollt). Nun neigt sich der Waffenstillstand seinem Ende zu. Trotz fieberhafter Versuche, technologisch mit dem Gegner aufzuschließen, scheint der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. Plötzlich findet sich Barlow mit einer menschlichen Offizierin sowie einem Wissenschaftler und einer einflußreichen Königin der Insektoiden auf einem unwirtlichen Planeten gestrandet wieder. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und gewinnen gleichzeitig Respekt füreinander. Das ist allerdings deutlich vielschichtiger angelegt als Wolfgang Petersens betulicher Genrefilm Enemy Mine.

Wakulla Springs (Andy Duncan und Ellen Klages)


Von zwei Gelegenheitsautoren kommt dieses tolle, sich über drei Generationen erstreckende Erzählung, die allerdings keinem phantastischen Genre zuzuordnen ist, sondern sich vor dem Hintergrund der Entstehung zweier Fantasy-Filme entwickelt. Wakulla Springs ist ein Resort in Nord-Florida mit einer tiefen Lagune und einem fast urzeitlichen Dschungel. Die Geschichte beginnt 1941, als hier Szenen zum fünften Tarzan-Film mit Johnny Weissmueller gedreht werden. Der zweite Teil setzt 1953 an, mit dem Dreh von Der Schrecken vom Amazonas ("The Creature from the Black Lagoon"), dem ersten (übrigens auch heute noch beeindruckenden) 3D-Film mit Unterwasseraufnahmen. Nach Weissmueller begegnet man hier dem Schwimmstar Ricou Browning als "Titelheld". Inhaltlich geht es aber eher um die Entwicklung der Bürgerrechte amerikanischer Farbiger bis in die heutige Zeit. Zwischendrin gibt es ein bizarres Interview mit dem heimlichen Tarzan-Star Cheetah.

"Klassische" DVD-Kurzrezension: Enemy Mine

Wolfgang Petersens ehrbarer Versuch eines intelligenten Science-Fiction-Dramas ist leider vorhersehbar und sentimental geworden. Gute Absichten allein reichen eben nicht, um einen guten Film abzuliefern. Louis Gossett Jr. als Alien ist nicht abstoßend genug in seiner Gummimaske, und Dennis Quaid kann nicht überzeugen in der Wandlung vom haßerfüllten Kämpfer zum zärtlichen Patenonkel. Es fehlen Nuancen, stattdessen sollen Standard-Versatzstücke aus dem Seifenopern-Repertoire den Zuschauer zu Tränen rühren. Wenn man darüber hinwegsieht, ist das Resultat denn doch einigermaßen spannend und unterhaltsam. Ordentlich (6/10).

Sonntag, 6. Juli 2014

Klassiker auf Blu-ray #10: Taking Off - Milos Formans US-Debut

Die 70er stehen für die Erneuerung des amerikanischen Kinos, mit Meilensteinen u.a. von Francis Coppola (Der Pate), Martin Scorsese (Taxi Driver) und Robert Altman (Nashville). Aber gelegentlich machten immer noch europäische Immigranten von sich reden, so etwa Roman Polanski (Chinatown, 1974) und der Tschechoslowake Milos Forman, der 1975 mit Einer flog über das Kuckucksnest und 1984 mit Amadeus zwei der besten Drehbücher des Jahrhunderts zu Klassikern machte, gekrönt jeweils mit Oscars für den Besten Film, die beste Regie und die Autoren. Taking Off  ("Ich bin durchgebrannt") war 1971 sein erster amerikanischer Film und floppte damals so gnadenlos, daß er erst jetzt auf einer technisch tadellosen Blu-ray im Heimkino wiederentdeckt werden kann. Er ist das Bindeglied zwischen seinen tschechischen, von der Nouvelle Vague beeinflußten "kleinen" Filmen und seinen brillanten Hollywood-Hochglanzprodukten. 

Im der Blu-ray beigefügten hochinteressanten Interview aus dem Jahr 2000 erklärt Forman das Zustandekommen des Projekts, dessen Drehbuch er u.a. mit Jean-Claude Carrière entwickelte, einem wichtigen Collaborateur von Louis Malle und Luis Buñuel, Überwiegend mit Amateuren improvisiert, ist es eine sanfte Satire auf die Haltlosigkeit der amerikanischen Mittelschicht und die Entfremdung von ihren "Hippie"-Kindern. Ausgangspunkt der Geschichte ist das Verschwinden der 15jährigen Jeannie und der verzweifelt-komische Versuch der spießigen Eltern, einen Zugang zur geheimnisvollen Welt der Tochter zu bekommen. Dabei werden sie jedoch eher mit ihren eigenen Unsicherheiten und Sehnsüchten konfrontiert.

Die episodisch-fragmentierte Erzählstruktur reibt sich vielleicht mit den Sehgewohnheiten vieler Zuschauer, enthält aber fabelhaft zusammengeschnittene Sequenzen und tolle Musik. Da singt Kathy Bates in ihrem Leinwanddebut ein wunderschönes, selbstkomponiertes Lied zur Gitarre, und es gibt einen explosiven Live-Auftritt von Ike und Tina Turner. Im unfaßbar skurrilen Höhepunkt erklärt Vincent Schiavelli (Formans erster amerikanischer Freund war später einer der Patienten im "Kuckucksnest" und dann Butler von Salieri) den verwirrten Eltern "verschwundener" Jugendlicher den korrekten Konsum von Marihuana ("Wird sich das mit dem Alkohol vertragen? - Ich verspreche Ihnen, es wird!"). Das mündet abends in eine Partie Strip-Poker im Hause von Lynns Eltern, wo sich der Kreis schließt, als Lynn plötzlich heimkehrt und im abschließenden Dinner mit ihrem Musikerfreund plötzlich vernünftiger und reifer als die ältere Generation erscheint.

Diese Entdeckung ist nicht nur film- und musikhistorisch interessant, sondern allemal gut für einen vergnüglichen Filmabend. Sehr gut (8/10)!

Sonntag, 29. Juni 2014

Hugo-nominiert: Larry Correias Abschlußband der Grimnoir-Trilogie

Raymond Chandler trifft auf die X-Men: So könnte man vereinfacht diese erstaunliche Trilogie des in Utah lebenden Mittdreißigers Larry Correia beschreiben, auf die ich erst im Rahmen dieser Hugo-Nominierung gestoßen bin. Sie spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, aber es liegt ihr ein alternativer Geschichtsverlauf zugrunde: Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden immer mehr Menschen mit besonderen Fähigkeiten geboren. Sie können auf natürliche Weise eine geheimnisvolle Kraftquelle anzapfen, die scheinbar magische Eigenschaften hat. Sowohl die Stärke als auch die Ausprägung dieser Fähigkeiten variiert mit den betroffenen Individuen. Da gibt es klassische Mutantenfähigkeiten (Telekinese, Teleportation, Telepathie, Heilkräfte), die Manipulation von physikalischen Gegebenheiten (Feuer, Eis, Masse), aber auch die mit Urängsten verbundenen Fähigkeiten, Tiere fernzusteuern, Dämonen aus einer anderen Dimension heraufzubeschwören oder gar Tote zum (Zombie-)Leben zurückzurufen.

Eine besondere Rolle spielen die sogenannten Cogs, meist ohnehin Genies, deren rationale Fähigkeiten unvorstellbar geseteigert werden. Und so hat sich auch die menschliche Technologie in andere Richtungen entwickelt. Die Erfindungen von Einstein, Edison und Tesla (!) prägen eine deutlich abweichende Wissenschaftswelt. Die Luftfahrt wird von zeppelinartigen Luftschiffen dominiert, und die Atombombe ist nicht einmal die schrecklichste bisher erfundene Waffe. Im dritten Band spielt der Cog Buckminster Fuller eine entscheidende Rolle, uns als Architekt, Erbauer geodätischer Kuppeln und Namensgeber für die Fullerene bekannt.

Vor diesem Hintergrund hat der Erste Weltkrieg zwar einen ähnlichen Verlauf wie in unserer Geschichte genommen, seine Schrecken haben aber durch das Aufeinanderprallen der Mutanten eine besondere Dimension gewonnen. So liegt Berlin in Schutt und Asche und dient, von einer hohen Mauer umgeben, nun als Ghetto für die von Kaiser Wilhelms Magiern freigesetzten Zombies. Als Gewinnermächte stehen sich weltpolitisch nun die Amerikaner und ein übermächtiges japanisches Reich gegenüber.

Als Gegengewicht zum zentral von einem scheinbar unbesiegbaren Supermutanten gesteuerten Japan mit seinen Elitetruppen, der mit übermenschlichen Kräften operierenden eisernen Garde und teleportierenden Ninjas, hat sich in den USA und anderen alliierten Ländern die Gesellschaft der "Grimnoir" etabliert, eine Art Freimaurer-Organisation der Mutanten. Sie stemmen sich meist im Verborgenen gegen die japanische Bedrohung und müssen gleichzeitig gegen die Vorurteile und Beschwichtigungspolitik des amerikanischen Establishments ankämpfen, deren Schlüsselfiguren J. Edgar Hoover und Franklin D. Roosevelt die wahre Bedrohung nicht erkennen wollen. Je mehr man jedoch über die Herkunft der geheimnisvollen Kräfte erfährt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.

Ich beschreibe diesen Hintergrund der Trilogie deswegen so im Detail, weil die fabelhafte Ausarbeitung dieser alternativen Realität die wesentliche Qualität der Romane ausmacht. Daneben sind aber auch einige durchaus überzeugende Charakterzeichnungen zu nennen. Insbesondere die komplexen Hauptfiguren sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Dabei entspricht Gravitationsmanipulator, Weltkriegsveteran und Privatdetektiv Jake Sullivan am ehesten einer Chandler-Figur, während die junge, hochbegabte Teleporterin Faye moderner, fast emanzipatorisch wirkt. Auch einige der Nebenfiguren beruhen übrigens auf historischen Persönlichkeiten, so etwa der (nun telepathische) General Pershing als Anführer der amerikanischen Grimnoir und sein Stellvertreter John Browning, der als Cog noch ausgefuchstere Waffen herstellt als sein ohnehin schon berühmtes Vorbild. Wie oft in mehrteiligen Erzählungen sind gerade die im zweiten Band eingeführten Figuren schwächer. Mit diesen reinen Handlungsträgern hat der Leser eine geringere emotionale Bindung. Mit dem aus der Iron Guard desertierten Toru gibt es dann aber doch noch eine interessante neuere Figur.

Während Correias Helden teilweise aus der Schwarzen Serie stammen könnten, ist die Handlung sehr von (ungemein spannenden) Actionszenen bestimmt. Zu Beginn möchte man die Romane der Urban Fantasy zuordnen, aber mit der Zeit stellt sich heraus, daß es sich tatsächlich um waschechte Science Fiction handelt, und solche gut durchdachten Szenarien findet man nur selten. Besonders bezogen auf seine Vorgängerromane wird Correias Waffenfetischismus kritisiert. In dieser Trilogie fand ich diesen Aspekt nicht störend. Es gibt viele Kampfhandlungen, bei denen (neben den Mutantenkräften) eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen zum Einsatz kommen, und die Detailliertheit der Beschreibungen fand ich durchaus angemessen. Insgesamt betrachte ich die Reihe als intelligente, spannende Unterhaltung auf hohem Niveau. Für die Hugos wäre es vielleicht geschickter gewesen, die komplette Trilogie und nicht nur den Abschlußband zu nominieren. So oder so halte ich diese Überraschung in der Kategorie Roman für einen würdigen Beitrag.

Samstag, 21. Juni 2014

Die Hugo-nominierten "Noveletten"

Die Form der "Novelette" ist eine künstlich zwischen Kurzgeschichte und Novelle eingeschobene Kategorie von Erzählungen mit 7.500 bis 17.500 Wörtern. Ich würde sie eher den Kurzgeschichten zuordnen, auch wenn bei dieser Länge mehr Raum für verschiedene Handlungsebenen und die Figurenentwicklung bleibt.

Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:

5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day

Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.

“The Exchange Officers”, Brad Torgersen

 Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card  (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.

“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard

 Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.

“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa

Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).

“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang

 Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...

Einzigartiges Erlebnis: Boyhood (8/10)

Dieses einzigartige Projekt haben viele Kritiker bejubelt, aber nur wenige Zuschauer gesehen. Über zwölf Jahre mit den gleichen Hauptdarstellern gedreht, schildert Boyhood die Kindheit und Jugend des zu Beginn etwa 6jährigen Mason (Ellar Coltrane). Es ist zwar eine überdurchschnittlich wechselhafte, aber durchaus vertraute Familiengeschichte.. Die Mutter (Patricia Arquette) fällt reihenweise auf die falschen Männer rein, der Vater (Ethan Hawke) bleibt ein entfernter Wochenendbezug, und man zieht von einer Kleinstadt nach Houston, dann wieder in eine texanische Kleinstadt. Neben Mason sieht man auch seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater, Tochter des Regisseurs) die Pubertät durchlaufen. Die episodische Erzählstruktur bringt Vorteile: Wenn eine Szene peinlich oder banal zu werden droht, wird einfach weitergeblendet. So ergeben viele bekannte Puzzleteile doch ein neues Ganzes. Und nebenbei erkennt man, daß die Makeup- und Computertricks der üblichen Hollywood-Produktionen nicht mithalten können mit den Veränderungen, die zwölf reale Jahre vor allem bei den jungen Darstellern bewirken.

Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.

So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).

Montag, 9. Juni 2014

Die X-Men sind zurück: Zukunft ist Vergangenheit (9/10)

Als 2011 in Erste Entscheidung die jüngeren Ausgaben der X-Men eingeführt wurden, um in den 60ern die Kubakrise aufzumischen, schien mir das Konzept noch recht bemüht, und trotz guter Darsteller wie Michael Fassbender als junger Magneto fand ich das Ergebnis nur mittelmäßig. In Zukunft ist Vergangenheit treffen nun die Generationen aufeinander, und plötzlich klickt die Verbindung. Vielleicht ist das Gelingen auch auf die Rückkehr von Hugh Jackmans Wolverine zurückzuführen, der als nicht alternder "Unsterblicher" in beiden Zeitebenen agieren kann und sich bereits in der Ursprungstrilogie zur Identifikationsfigur des Zuschauers entwickelt hatte.

Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.

Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.

Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.

Herausragend (9/10)!