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Sonntag, 29. Dezember 2013

SF-Klassiker #4: Time and Again/Von Zeit zu Zeit (Jack Finney, 1970)

Jack Finney (1911 - 1995) war ein profilierter amerikanischer Autor von Krimis und Thrillern, der aber vor allem durch seine wenigen Ausflüge in die Science Fiction berühmt ist. Sein bekanntestes Werk, "Die Körperfresser kommen" bzw. "Invasion of the Body Snatchers" (1955), eine Art Horrorparodie auf die Kommunisten-Paranoia seiner Landsleute, wurde bisher viermal verfilmt, am erfolgreichsten 1978 durch Philip Kaufman (mit Donald Sutherland, Leonard Nimoy und Jeff Goldblum).

Im 1970 erschienenen "Von Zeit zu Zeit" reist der Ich-Erzähler, Simon Morley, in der wohl sanftesten vorstellbaren Weise durch die Zeit. Im wesentlichen durch Selbsthypnose bewegt er sich zwischen "seinem" New York und einem nur unvollkommen durch frühe Fotographien und Zeichnungen dokumentierten New York des Jahres 1882. Und es ist der Kontrast dieser "nur" 90 Jahre auseinander liegenden Perioden, der den Roman mit Leben und Spannung erfüllt. Dabei ist der wesentliche Unterschied nicht die Technologie, sondern die Einstellung der Menschen zu ihrer Zeit. In den 1880ern gibt es sicher eher mehr Armut, Krankheit und Elend als in unserer "modernen" Zivilisation. Aber es gibt auch noch eine alltägliche Gelassenheit und eine stille Freude am Leben, die späteren Generationen abhanden gekommen sind. Illustriert wird dies etwa durch einen geselligen Abend der Pension, in der Simon unterkommt. Ohne Ablenkung durch Fernsehen oder andere moderne Medien vergnügen sich die Bewohner mit Charaden, Musizieren und Zaubertricks. Gesprächsthemen sind der Zeitung entnommene Ereignisse: die Gerichtsverhandlung gegen einen notorischen Mörder, Modeentwicklungen, Klatsch.

So verstehe zumindest ich die These des Autors, die man weitere 40 Jahre nach Entstehung durchaus weiterspinnen kann. Der zugrundeliegende Kontrast hat sich seitdem ja noch deutlich verschärft. Stilistisch gesehen mag gerade die erste Hälfte des Romans dem heutigen Leser etwas zäh vorkommen. Finney beschreibt Situationen und Menschen gern bis in die kleinsten Details. Aber genau diese Detailversessenheit macht für mich den Sog der Geschehnisse aus. Der Lesegenuß entsteht daraus, sich entführen zu lassen in diese fast noch greifbare und doch so entfernte Welt des 19. Jahrhunderts, mit Schlittenfahrten und von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Erst im letzten Drittel spitzen sich die Ereignisse zum Thriller mit anschließender spannender Verfolgungsjagd zu. Die Figuren wirken plastisch, Charakterentwicklungen stehen aber nicht im Vordergrund. Nicht erwarten sollte man besonders feministische Positionen. Die Frauen sind durchaus sympathisch, erscheinen aber recht passiv und fremdbestimmt - wohl korrekt für 1882, vielleicht auch für 1970 noch die Norm. Manchmal scheint auch eine Art idealistischer Naivität durch: in merkwürdiger Erinnerung blieb mir eine Passage über "fröhliche kannibalistische Zulus" (Position 3541).

Während für H.G. Wells 1895 seine Zeitmaschine vor allem einen erzählerischer Kniff darstellte, mit dem er seine Allegorie auf die vorherrschenden Ideologien eine anschauliche Gestalt geben konnte, behandelten viele der späteren Zeitreisegeschichten wissenschaftlichen Aspekte und das Problem von Zeitparadoxen (Was passiert, wenn ich in die Vergangenheit reise und verhindere, daß meine Eltern sich kennenlernen?) Finneys Roman ist sich möglicher Paradoxen bewußt. Auf einer abstrakten Ebene ist er auch eine Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie, Laut IMDB ist erst jetzt eine Verfilmung in Planung - es bleibt abzuwarten, ob der Grundton der Vorlage erhalten bleibt, oder ob der Stoff nur zu einem weiteren futuristischen Thriller mit Twist verarbeitet wird.

Die Kindle-Edition ist tadellos formatiert und fehlerfrei aufbereitet. Sie enthält die aus verschiedenen historischen Quellen zusammengestellten Schwarzweiß-Fotografien und -Zeichnungen, die auf dem 6-Zoll-Bildschirm naturgemäß arg klein geraten (dafür empfiehlt es sich, parallel ein Tablet bereitzuhalten).

Montag, 23. Dezember 2013

Leicht enttäuschender Action-Overload: Der Hobbit - Smaugs Einöde (8/10)

Als ich 8 war, fand ich im Kleiderschrank keinen Weg nach Narnia.
Als ich 11 war, kam keine Einladung nach Hogwarts.
Als ich 12 war, hat mich kein Satyr zum Camp Half-Blood abgeholt.
Gandalf, ich zähle darauf, daß Du mich an meinem 50. Geburtstag zu einem Abenteuer mitnimmst!

Ähnlich wie Die Gefährten in der HdR-Trilogie dient Eine unerwartete Reise als Einführung in die Welt und die Charaktere der neuen Hobbit-Filme. Die durch 15 zusätzliche Minuten abgerundete Blu-ray-Fassung bietet ein wunderbares Heimkinoerlebnis, in dem die Actionszenen nicht mehr übertrieben lang wirken und sich immerhin einige der Zwerge langsam als eigene Persönlichkeiten etablieren. In der Fortsetzung geht es nach einem Prolog, in dem die Bedeutung des Arkenstones illustriert wird, sofort richtig zur Sache. Die Reise zum einsamen Berg gerät zur Hetzjagd, und die magische Unverwundbarkeit von Legolas scheint sich nun endgültig auf alle 13 Zwerge zu erstrecken (der Liebling vieler weiblicher Fans bekommt immerhin einmal gewaltig was auf die Nase). Je mehr Computereffekte eingesetzt werden, desto irrealer erscheinen die Kämpfe.

Unerklärlich, warum bei 160 Minuten Laufzeit das Durchqueren des düster-magischen Mirkwoods so schnell vorbei ist (ausgelassen wird z.B., daß Bombur vom Flußwasser trinkt und tagelang schlafend transportiert werden muß). Auch im Königreich der Waldelben hätte man sich länger aufhalten können. Stattdessen gibt es als Höhepunkt ein nicht enden wollendes, wahnwitziges Duell der Zwerge mit dem (zugegeben sehr gelungen animierten) Drachen Smaug, und vorher endlos sich wiederholende  Schlachten mit Ork-Statisten. Die HFR-3D-Bilder sind wie im ersten Teil angenehm und gelegentlich atemberaubend. Wenig im Gedächtnis bleibt diesmal die Musik von Howard Shore, auch das von Ed Sheeran gesungene Lied zum Abspann konnte mich nicht begeistern.

Trotzdem vergehen die fast drei Stunden wie im Flug, und es gibt es genug Szenen zum Staunen und Schmunzeln. Die (vom Jackson-Team erfundene) Elbin Tauriel sorgt sogar für ein wenig Romantik. Der dynamischen Darstellung von Lost-Star Evangeline Lilly merkt man nicht an, daß sie gerade Mutter geworden war - trotz ihrer leicht mißglückten Ohrprotesen ist sie Lee Pace (als Legolas' Vater Thranduil) und Orlando Bloom an Ausstrahlung ebenbürtig. Als schleimiger Bürgermeister von Laketown glänzt Stephen Fry,  als Beorn überzeugt der Schwede Mikael Persbrand - von ihm hätte man gern mehr gesehen. Auch Luke Evans als Bogenschütze Bard ist sympathisch - ihm hat man sogar eine komplette Familie gespendet. Für etwas epischen Pathos sorgt Gandalfs Konfrontation mit dem Übel von Dol Guldur, die fast als zweiter Handlungsstrang angelegt ist.

Es bleibt zu hoffen, daß die erweiterte Heimkinofassung einige dieser Probleme mindern kann. Bis dahin vergebe ich leicht enttäuschte 8/10 Punkte (Sehr gut).

Rätselhaft, wenig authentisch und depressiv: Inside Llewyn Davis (5/10)

Inside Llewyn Davis ist ein deprimierendes Porträt eines Musikers, der niemals gelebt hat, und ein Zerrspiegel einer Zeit, die es niemals gab. Das Drehbuch soll auf den Erinnerungen von Dave Van Ronk beruhen und spielt zu  Beginn des Folkrevivals Anfang der 60er. Nach dem wenigen, das ich über diesen Folksänger weiß, war er zwar kommerziell tatsächlich wenig erfolgreich, aber mit seinem charismatischen Auftreten und einfallsreichen Repertoire Vorbild für etliche spätere Stars (er war Mitte der 90er Mitwirkender beim Nostalgie-Event Lifelines von Peter, Paul & Mary). Der bisher recht unbekannte Oscar Isaac spielt (durchaus kompetent) einen mittelmäßigen, desillusionierten Folksänger, der überhaupt nicht in diese Zeit des Aufbruchs paßt. Die New Yorker Szene in Greenwich Village kann damals unmöglich so dröge wie im Film dargestellt gewesen sein. Wo ist die Begeisterung des Neuanfangs geblieben, aus der sich Ikonen der 60er wie Joan Baez und Peter, Paul & Mary (die übrigens Millionen von Alben verkauften) etablierten, die den Nährboden für eine Generation hervorragender Liedermacher wie Phil Ochs, Eric Anderson,Tom Paxton  und Paul Simon und den Pop-Folk der späten 60er bildete, mit den Lovin' Spoonful, den Byrds, den Mamas & Papas?

Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis  jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).

Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und  Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.

Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).

Dienstag, 3. Dezember 2013

Klassiker auf Blu-ray #8: Brian de Palmas "Carrie" (1976)

Lange bevor sich an Buffys Schule in Sunnydale die Ängste und Konflikte der Heranwachsenden in handfesten Dämonen manifestierten, erfand Stephen King die übernatürlichen Fähigkeiten seiner Figur Carrie als Metapher für ihren labilen seelischen Zustand. Buch und Film stellen die üblichen Horror-Klischees auf den Kopf, nach denen etwa im Exorzist (1973) ein Kind "vom Teufel besessen ist", der ausgetrieben werden muß. Dabei werden uns dann unabhängig vom sonstigen konfessionellen Hintergrund katholische Priester zum Gegenpol des "Bösen" präsentiert, bei meist extremer Beleidigung des intelligenten Zuschauers. In Carrie besteht der "Horror" allein in der grauenvollen familiären Situation, mit einer durchgeknallten bibelschwingenden Mutter, und dem Mobbing der Außenseiterin durch ihre unsensiblen Mitschülerinnen. Daher ist der deutsche Untertitel "Des Satans jüngste Tochter" auch besonders dämlich.

Brian de Palma legt seine Verfilmung wie eine schwarze Komödie mit Thrillerelementen an. Er zitiert dabei Versatzstücke aus der Filmgeschichte, aus denen hier aber ein erfrischend originelles Werk entsteht. Das beginnt mit zwar geschmackvollen, aber doch an Softpornos erinnernden Szenen in der Umkleide und Dusche, setzt sich mit Voyeurismus beim Schulsport fort und läßt bei einer Autofahrt mit John Travolta und Nancy Allen kurz sogar American-Graffiti-Romantik anklingen. Und natürlich leiht sich die Filmmusik mehrfach die vier "schneidenden" Akkorde aus der Duschszene von Hitchcocks Psycho aus. Im Unterschied zum großen Vorbild erzeugt de Palma seine Spannung nicht aus einem externen McGuffin, sondern läßt diese aus der Identifikation des Zuschauers mit der Hauptfigur entstehen. Es ist fast unerträglich, wie er die kurzen Glücksmomente Carries während des Schulballs zeitlupenartig verlängert und fast in eine Trance übergehen läßt, bevor die Situation kippt und buchstäblich explodiert.

Dem Regisseur gelingt eine verblüffende Balance zwischen den ins Komische überzogenen Darstellungen der Erwachsenen und dem eher naturalistischen der "Jugendlichen" (die meisten waren um die 25 Jahre alt). Zentral dabei ist natürlich Sissy Spaceks ergreifendes, mutiges Porträt der Hauptfigur, wofür sie mit einer (für einen "Horror"-Film beispiellosen) Oscar-Nominierung belohnt wurde. Gewonnen hat dann Faye Dunaway für Network (das war nach Nominierungen für Bonnie und Clyde und Chinatown wohl überfällig). Einige Jahre später holte sich Spacek dann die Trophäe für ihre bravouröse Darstellung der Loretta Lynn in Nashville Lady ("Coal Miner's Daughter"). Für ihre Nebenrolle nominiert war übrigens die nach Haie der Großstadt (1961) erstmalig wieder erscheindende Piper Laurie als Carries Mutter - ihre ekstatische Sterbeszene brennt sich ins Gedächtnis ein.

Leider ist de Palma nie wieder ein solch großer Wurf gelungen. Oft paarten sich in seinen Filmen technische Brillanz mit erzählerischer Beliebigkeit. Gebändigt vermochte er gutes Material kompetent zu inszenieren, aber meist verstieg er sich in Spielereien und Inkonsistenzen. Am gelungensten finde ich dabei Die Unbestechlichen (1987 - sein Al-Capone-Thriller mit DeNiro, Connery und Costner), Die Verdammten des Krieges (1989) und die erste Mission Impossible (1996). Berühmt, aber in meinen Augen vollkommen mißlungen ist sein Scarface-Remake mit Al Pacino und Michelle Pfeiffer von 1983. Enttäuschend, wenn man ihn mit seinen Kumpanen Coppola, Scorsese, Spielberg und Lucas vergleicht, die in den 70ern das amerikanische Kino nachhaltig revolutionierten. Aber wenigstens mit Carrie hinterläßt er uns einen der besten King-Verfilmungen, die nur von Kubricks The Shining und Frank Darabonts Die Verurteilten übertroffen wird. Herausragend (9/10).

Die technische Qualität der Blu-ray wird kontrovers diskutiert. Gerade vom Bild war ich zwar nicht begeistert, es gibt aber auch keine Schäden oder besonders auffällige Unschärfen, die vom Filmgenuß ablenken könnten. Gemessen am vielleicht schon nicht optimalen Ausgangsmaterial und den kaum vertretbaren Kosten für eine komplette Restauration muß man wohl recht zufrieden sein. Die Extras scheinen allerdings von früheren DVD-Ausgaben übernommen, wobei die 45minütige Retrospektive (u.a. mit Interviews von de Palma, Spacek, Piper Laurie und Amy Irving) mmer noch sehr informativ und sehenswert ist.

Samstag, 30. November 2013

Ernsthaft, Woody? Blue Jasmine (7/10)

Etwa einmal pro Jahrzehnt versucht sich Woody Allen an einem "ernsten" Film ohne Komikanteil. Meist orientiert er sich dabei an seinen Vorbildern, insbesondere Ingmar Bergman. Zuletzt (2005) schien er sich im überaus spannenden und klugen Match Point davon gelöst zu haben. Jetzt versucht er sich an einer Variation von Tennessee Williams' "Endstation Sehnsucht", bekannt durch die sehenswerte Verfilmung Elia Kazans von 1951. Diese lebte von den Gegensätzen ihrer Hauptdarsteller: hier Vivien Leigh in einer technisch perfekten "theatralischen" Darstellung, dort Brando mit der vollen Wucht seines Method Acting, Schweiß und Nuscheln inklusive.

Doch auch wenn Cate Blanchett in der Titelrolle Vivian Leigh durchaus ebenbürtig ist, fehlt in Blue Jasmine der Gegenpol. Sally Hawkins als Jasmines Schwester (lange nicht so nervig wie in Mike Leighs Happy Go Lucky) und Bobby Cannavale in der zur Nebenfigur degradierten Kowalski-Rolle wirken sympathisch und natürlich, Alec Baldwin als Madoff-ähnlicher Börsenschwindler spielt einen Jack Donaghy (30 Rock) ohne Persönlichkeit oder komische Komponente. Es ist ein wie bei Woody üblich sehr kompetentes Ensemble, in dem aber nicht die Funken sprühen wie dereinst zwischen Leigh und Brando. Und vielleicht auch durch den ungewohnten Drehort San Francisco ist dies für mich Woodys unpersönlichstes Werk seit langem.

So bleibt die ohnehin deprimierende Geschichte recht einseitig. Man staunt über Cate Blanchett, die technisch vielleicht versierteste Schauspielerin ihrer Generation, die aber immer ein wenig kühl wirkt (was allerdings der über 8.000 Jahre alten Galadriel aus Peter Jacksons Tolkien-Verfilmungen gut ansteht). Und dann ist da der Soundtrack. Sicher wird der Meister, der morgen 78 Jahre alt wird, seinen Musikgeschmack nicht mehr ändern. Aber in diesem ansonsten recht modern wirkenden Werk scheinen die alten Blues- und Swingklassiker wirklich fehl am Platz. "Blue Moon" als Jasmines Leitmotiv ist schwer vermittelbar - für Kenner abgegriffen, für andere weit hergeholt. Vielleicht sollte er wie beim Casting (eine Disziplin, die er unlängst sogar für eine eigene Oscar-Kategorie vorschlug) langsam auch bei der Musik externe Beratung einholen.

Nach dieser (leichten) Anstrengung dürfen wir uns auf die nächste Komödie freuen, die (u.a. mit Emma Stone und Colin Fith) bereits abgedreht ist und uns den Sommer 2015 versüßen könnte. In seinen großen Filmen hat Woody natürlich Komik und Tragik brillant miteinander verschmolzen, etwa in Verbrechen und andere Kleinigkeiten. Aber solche Meisterwerke sind wohl nicht mehr zu erhoffen.

Gut (7/10).

Sonntag, 24. November 2013

Habe diesmal ein wenig Feuer gefangen: Die Tribute von Panem - Teil 2 (7/10)

Der zweite Teil der Hungerspiele bleibt über 2 1/2 Stunden überraschend unterhaltsam. Vielleicht kommt Regisseur Francis Lawrence besser mit dem Material zurecht als sein Vorgänger Gary Ross - auch wenn er bislang höchstens Mittelmaß ablieferte (Constantine, Ich bin Legende, Wasser für Elefanten). Vielleicht ist die Buchvorlage auch besser - wie man hört, sind Fans der Vorlage diesmal recht angetan. Mit Sicherheit hatten die neuen Adapteure (Simon Beaufoy: Ganz oder gar nicht und Michael Arndt: Little Miss Sunshine) - ein besseres Händchen dabei, die sozialkritischen Elemente mit der Action zu balancieren. Das Barbarische am ersten Film war ja, daß man sich durch die Identifizierung mit Katniss in eine Komplizenrolle begab und hoffen mußte, daß sie gegen ihre jugendlichen Gegner bestehen würde - notfalls auch auf blutige Weise. In der Fortsetzung nun wird deutlicher, wer die wahren Schurken sind, und statt der gegenseitigen Eliminierung steht die längste Zeit das Überleben im Vordergrund. Einige Schwächen des Vorgängers sind geblieben - etwa die Hälfte der "Tribute" bleiben gesichtslos, und Josh Hutcherson als Peeta wirkt jämmerlich hölzern neben der dynamischen, enorm wandlungsfähigen Hauptdarstellerin, der frisch Oscar-prämierten Jennifer Lawrence. Ansonsten wissen Ausstattung und Darstellerriege zu überzeugen. Gut (7/10).

Sonntag, 27. Oktober 2013

Alles eine Frage der Zeit (7/10)

Die Filme von Richard Curtis spielten schon immer in einer Märchenwelt parallel zur britischen Wirklichkeit. Daher ist es kein großer Schritt dahin, daß die Hauptfigur seines neuesten Films in der Zeit zu reisen vermag - allerdings nur zu vergangenen Punkten seiner eigenen Biographie. Die Geschichte beginnt, als sein Vater (ein verschrobener Bill Nighy, wie wir ihn kennen und lieben) Tim zum 21. Geburtstag in dieses Geheimnis einweiht. Zunächst versucht Tim mit seiner neuentdeckten Fähigkeit, sein Liebesleben zu verbessern. Nachdem keine Tricks ihm bei der Eroberung der blonden Schönheit Charlotte (Margot Robbie aus der leider kurzlebigen Stewardessenseifenoper Pan Am) helfen können, trifft er schließlich zufällig auf Mary (Rachel McAdams) - es ist offenbar für beide Liebe auf den ersten Blick. Jetzt lernt Tim die Schattenseite seiner Gabe kennen: Er muß diesen Glückstag wiederholen, um einem Freund aus der Klemme zu helfen, und verpaßt das Rendezvous seines Lebens (an das er als Zeitreisender sich erinnern kann, sie jedoch nicht). Wird Tim es schaffen, eine erneute "zufällige" Begegnung zu inszenieren, und werden ein zweites Mal die Funken sprühen?

Ich persönlich hätte es spannender gefunden, wenn Curtis sich auf dieses Dilemma konzentriert hätte, welches in der zweiten Filmhälfte jedoch in eine sentimentalen Familiengeschichte mit klischeehafter Vater-Sohn-Beziehung mündet. Kann man ein spontanes Verlieben wirklich wiederholen? Vielleicht müssen die Beteiligten seelenverwandt und "füreinander bestimmt" sein, damit das klappt (dies ist schließlich ein Märchen). Etwas zynisch fand ich allerdings, wie Tim den "ersten" Sex so lange wiederholt, bis er seinen Part perfektioniert hat. Das wirkt nur oberflächlich komisch, spiegelt aber eine bittere Realität der Erwartungen im Internetzeitalters. Tatsächlich ist doch eine der Freuden des Verliebtseins, sich an neue Erfahrungen gemeinsam heranzutasten!

Nach seinem Oxford-Abschluß in englischer Literatur begann der 1956 in Neuseeland geborene, 2000 zum CBE ernannte Großmeister der britischen Komödie seine Karriere mit Fernsehshows (insbesondere mit Rowan Atkinson: Black Adder, Bean), bevor er zum Kino wechselte - zu Beginn schrieb er nur die Drehbücher:
  • Das lange Elend (1989/Regie Mel Smith: 7/10), die herrlich skurille Liebesgeschichte mit Jeff Goldblum und Emma Thompson
  • Vier Hochzeiten und ein Todesfall (1993/Mike Newell: 10/10), ein Welterfolg, der Durchbruch für Hugh Grant und die schönste romantische Komödie der 90er
  • Bean (1997/Mel Smith: 6/10), ein auf hohem Niveau gescheiterter Versuch, Fernsehkomik auf Spielfilmlänge zu strecken
  • Notting Hill (1999/Roger Michell: 8/10), in dem Rhys Ifans Julia Roberts und Hugh Grant die Show stiehlt.
  • Bridget Jones (2001/Sharon Maguire: 9/10), mit Andrew Davies und Buchautorin Helen Fielding trug er zu einem der witzigsten Filme der 0er Jahre bei.
Danach übernahm er dann auch die Regie, mit gemischtem Erfolg:
  • Tatsächlich... Liebe (2003: 9/10) bleibt neben "Vier Hochzeiten" sein Opus Magnum, ein Ensemblefilm mit Starpower, Herz und Lebensfreude (der perfekte Trost für kalte Winterabende)
  • Radio Rock Revolution - "The Boat That Rocked" (2009: 7/10), ein tolles Konzept, das vielleicht auf dem Weg vom Papier zum Celluloid verwässert wurde, jedenfalls in Episoden unterschiedlicher Qualität zerfällt.

Alles eine Frage der Zeit, der nach eigener Aussage letzte Film von Richard Curtis, ist somit nett, aber nicht überragend, zumindest gemessen an seinen frühen Erfolgen. Die Hauptdarsteller, der relative Neuling Domhnall Gleeson (Bill Weasley aus "Harry Potter") und die romanzenerfahrene Rachel McAdams (Irene Adler aus Sherlock Holmes, Inez aus Midnight in Paris) machen ihre Sache recht gut, ändern allerdings ihr Aussehen während der etwa 20 Jahre dauernden Geschichte kaum (besonders auffällig Marys biedere Frisur). Überhaupt bemerkt man den Ablauf der Zeit höchstens am Heranwachsen der Kinder, was mir ein wenig wie Verrat am Titel (im Original: "About Time") anmutet, denn hier soll es doch "um Zeit" gehen (die zweite Bedeutung wäre besser mit "Es ist an der Zeit" übersetzt). Alles in allem nur Gut (7/10).

Freitag, 11. Oktober 2013

Brave Geschichtsstunde: Der Butler (5/10)

Der Butler teilt sein größtes konzeptionelles Problem mit seiner Hauptfigur. Cecil Gaines ist derart mit dem Aufrechterhalten einer würdevollen Fassade beschäftigt, daß sein übriges Leben dahinter fast verschwindet. Er selbst spricht von den zwei Gesichtern der Bediensteten, dem öffentlichen und dem privaten. Leider gelingt es Regisseur Lee Daniels nicht, eine Balance zwischen den Ebenen zu erreichen. Die politischen Stationen der Bürgerrechtsbewegung werden brav abgehakt. Manchmal werden die Entscheidungsprozesse mit dem eigentlichen Drama der tapferen Aktionisten zusammengeschnitten, aber nur selten haben diese Szenen die gewünschte emotionale Wirkung. Zwei Szenen um Cecils Sohn Louis sind mir im Gedächtnis geblieben, einmal die gemischtrassige "Besetzung" eines Cafes, zum anderen der Überfall auf den "Freiheitsbus" durch den Ku Klux Klan. Da wurden plötzlich die schreckliche Ereignisse fühlbar, die Phil Ochs damals mit der Liedzeile "Mississippi, find yourself another country to be part of!" kommentierte.

Und dann ist da das "Stunt casting" - die Besetzung vor allem der Präsidenten mit bekannten, wenngleich verfremdeten Gesichtern: Robin Williams als Eisenhower, James Marsden als Kennedy, John Cusack als Nixon (katastrophal fehlbesetzt) und Alan Rickman und Jane Fonda als Ronald und Nancy Reagan (wtf?). Das lenkt nur von den Geschehnissen ab, und leider bezieht sich dies auch auf Oprah Winfrey als Cecils Ehefrau, in einer undankbaren Rolle als weinerliche Alkoholikerin, in der sie nie jünger als 60 aussieht. Forest Whitaker in der Hauptrolle hat natürlich gute Momente, wie man es von einem der besten amerikanischen Schauspieler erwarten kann. Seine Figur altert auch am überzeugendsten.

Für Autor Danny Strong habe ich die größte Sympathie, der Karrieresprung von einer (zum Schluß imemrhin wichtigen) Nebenfigur in Buffy zum (wahrscheinlich) oscar-nominierten Drehbuchautor ist beeindruckend. Er ist immer noch der König der Nerds, und zudem hat er (im Kontext sei das erlaubt zu erwähnen) eine ziemlich blasse Haut, die ihn nicht gerade zum geeignetsten Chronisten der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung macht. Was Lee Daniels betrifft, konnte ich mich bereits mit seinem umjubelten Precious nicht anfreunden, obwohl ich es aufgrund seiner ehrlicheren Sentimentalität dem ähnlich gelagerten The Blind Side aus der gleichen Oscarsaison vorziehe. Ich kann mir gar nicht ausmalen, was Spike Lee (der ursprünglich Regie führen sollte) aus diesem Stoff hätte rausholen können. Natürlich tendiert er inzwischen zur radikaleren Malcolm-X-Seite der Medaille, aber jedenfalls wäre das Wort "brav" in dieser Rezension nie aufgetaucht.

Es ist schwer zu sagen, was nun dem Drehbuch und was der Regie anzulasten ist. Da gibt es übertrieben sentimentale Momente, etwa der von rührseligen Geigenklängen begleitete Abschied der Eltern vom Sohn Louis, der ein College in den Südstaaten besuchen will. Und dann wieder sehe ich verpaßte Möglichkeiten, etwa wenn John F. Kennedy Cecil erklärt, er wisse von Louis' Aktivitäten und daß er im Gefängnis sitze, aber diese Vorkommnisse hätten seinem Bruder Bobby und ihm die Augen geöffnet. Das hätte Cecil seinem Sohn Louis ja durchaus mal erzählen können... Beeindruckend, aber viel zu spät das Staatsdinner, zu dem Cecil und Gloria als (Alibi-)Gäste geladen werden, so wie überhaupt in der Reagan-Ära spannende Fragen angedeutet werden. Durchaus möglich, daß Ronald Reagan wie so manche Galeonsfigur der Konservativen (z.B. auch John Wayne) privat ein netter Kerl war, der Schwarze durchaus als gleichberechtigt behandeln konnte (im Film ist er es, der den schwarzen Bediensteten endlich gleichen Lohn verschafft), während seine abstrakte Politik etwa durch das Veto von Sanktionen gegen das Apartheitsregime in Südafrika schäbig erscheint. Mehr solcher Ambivalenzen hätten dem Film gut getan.

Was bleibt, sind zwei mäßig unterhaltsame Geschichtsstunden, mit sehr unterschiedlichen Schauspielerleistungen dramaturgischen Schwächen und fragwürdiger Haltung. Annehmbar (5/10).

An mir vorbeigerauscht: Rush (6/10)

Sporthistorisch ist sie sicherlich interessant, diese Geschichte aus der wilden Zeit der Formel Eins, als die Motoren den Sicherheitsvorkehrungen davonrasten und Fahrer (angeblich) eine Todeschance von 20 Prozent akzeptabel fanden. Vertan wurde allerdings die Chance, ein übergreifendes Thema der letzten 50 Jahre anzugehen: der Wandel des Profisports weg von der Freude am Wettbewerb, hin zu Berechnung und Kommerz. Dies kann man in diesem Portrait der Kontrahenten Niki Lauda und James Hunt nur erahnen, und ein ähnlicher Konflikt wurde von Regisseur Ron Howard und Autor Peter Morgan 2008 in der herausragenden Nachstellung der Frost/Nixon-Interviews sehr viel besser auf den Punkt gebracht.

Die beiden Hauptfiguren von Rush erschienen mir nur bedingt sympathisch, und zudem springt der Fokus recht unmotiviert zwischen ihnen hin und her. Dadurch erscheint die Erzählung episodenhaft, und abgesehen vom ereignisreichen Höhepunkt von 1976 rauschen die Grand-Prix-Rennen spurlos am Zuschauer vorbei, so wie auch die Hintergründe der Charaktere im Dunkeln bleiben. Die Hauptdarsteller trifft dabei keine Schuld. Daniel Brühl verwandelt sich mit verblüffender Uneitelkeit in das "Rattengesicht" Lauda und spricht (im mehrsprachigen, unbedingt zu empfehlenden Original) seine englischen Dialoge mit einem scheußlichen, wahrscheinlich authentischen österreichischen Akzent. Chris Hemsworth hat mich vielleicht noch mehr überrascht. Sein todesverachtender Playboy Hunt scheint weit entfernt vom hammerschwingenden gottgleichen Alien Thor oder dem Quarterback in Cabin in the Woods. Ihre Frauen sind zeittypisch eher Staffage. Natalie Dormer (Prinzessin Margaery Tyrell aus Game of Thrones) darf ein wenig nackte Haut zeigen, Alexandra Rehauge Lara ist nicht ganz so nervig wie sonst, und die hinreißende Olivia Wilde als Hunts Mannequin-Ehefrau ist an diesen Film verschwendet (wer sie einmal entfesselt erleben will, dem sei die hübsche, wenngleich etwas zerfahrene Komödie Alles in Butter empfohlen).

Obwohl ich kein Freund des Rennsports bin, hätte ich mich gern auf dieses technisch aufwendige europäische Projekt eingelassen, welches teilweise in Deutschland, überwiegend aber in England gedreht wurde. Am Ende fühlte ich mich ein wenig informiert, ein wenig unterhalten, aber nur wenig begeistert. Ordentlich (6/10).

Freitag, 4. Oktober 2013

Leider nur Hype: Under the Dome

Die Voraussetzungen waren eigentlich nicht schlecht - eine Miniserie (13 Folgen) beruhend auf einem Stephen-King-Roman, mit einer interessanten Ausgangssituation: Eine amerikanische Kleinstadt findet sich plötzlich durch eine transparente, ansonsten undurchdringliche kugelförmige Schutzhülle vom Rest der Welt isoliert - Stoff für die langsame Auflösung des Geheimnisses und die kleinen Seifenopern der Bewohner.

In den USA war Under the Dome ein veritabler Sommerhit, und auch im deutschen Fernsehen scheint das gut gelaufen zu sein. Einige Kritiker haben sich derart mit Lob überschlagen, daß man schon Bestechung unterstellen muß. Manchmal ist man vielleicht von einer Idee so begeistert, daß man eine Zeitlang eine schlechte Umsetzung in Kauf nimmt. Aber hier ist wirklich alles falsch gemacht worden. Die dramatische Struktur des Romans (den ich nicht gelesen habe) wurde aufgelöst, die Charaktere wirken alle inkonsistent bis langweilig, das Mysterium nimmt zu wenig Raum ein, und keine der Figuren verhält sich auch nur annähernd glaubwürdig. Die besten Darsteller werden schnell umgebraucht (Jeff Fahey, Samantha Mathis), der (Action-)Held hat den Spitznamen Barbie und verhält sich oft auch so, und der Hauptschurke (Dean Norris, der Polizistenschwager aus Breaking Bad) geht einem schnell nur noch auf die Nerven. Ganz zu schweigen von seinem soziopathischen Sohn "Junior" (origineller Name), dessen Szenen ich ab der zweiten Folge nur noch vorgespult habe. Aufgrund guter Quoten wurde dann noch schnell das Finale zum Cliffhanger umgeschrieben, damit man die Deppen von Zuschauern mit einer zweiten Staffel melken kann.

"Schöpfer" Brian K. Vaughan hat zuvor ein paar Lost-Episoden geschrieben, und diesem nach wie vor unerklärlichen Erfolg (für mich immer noch die beste TV-Serie des 21. Jahrhunderts) scheinen viele neue Serien hinterherzurennen. Wenn dann noch Steven Spielberg als Produzent die Finger im Spiel hat, kann ich nur abraten - nach dem desaströsen Dinosaurierfamilienabenteuer Terra Nova und dem unverständlicherweise gerade verlängerten, totenöden Möchtegernendzeitactionthriller Revolution wird er auch bei Under the Dome als ausführender Produzent gelistet. Bin ich froh, daß ich für diesen Müll kein Geld gezahlt habe!

Die Genre-Highlights Lost und (mit Abstrichen) Battlestar Galactica haben noch keine auch nur annähernd würdigen Nachfolger gefunden, abgesehen natürlich vom ganz anders gelagerten Game of Thrones. Immerhin gibt es mit Arrow eine Action-Comicverfilmung, die man sich durchaus anschauen kann, bei Grimm (siehe Kritik) läuft gerade die dritte Staffel an, und Marvels Agents of S.H.I.E.L.D begannen soeben vielversprechend (auch wenn man noch nicht absehen kann, ob das Konzept Erfolg haben wird).

Brüllend komisches Weltenende: The World's End (8/10)

Dieses Weltenende ist an Deutschland leider ziemlich unbesehen vorübergegangen. Dabei versteckt sich hierin die beste reinrassige Komödie seit langem, solange man sich nicht vom SF-Anteil vergraulen läßt. Eigentlich ist dies eine Kleinstadtposse, und "The World's End" ist die zwölfte und letzte Station dieser Kneipentour. Fünf ehemaligen Schulfreunde, jetzt Anfang 40, begeben sich auf diesen Nostalgietrip, und trotz unterschiedlicher Erwartungen hat niemand damit gerechnet, daß die braven Bürger ihres Heimatortes fast alle durch gleichgeschaltete Roboter ersetzt wurden (Die Frauen von Stepford lassen grüßen).

Welch ein Glück, daß es in Großbritannien ein kleines Team gibt, das die Tradition von Monty Python würdig mit modernen Mitteln fortsetzt. Nach der kurzlebigen, total abgefahrenen Fernsehserie Spaced (1999 - 2001) wurde mit The World's End nun bereits der dritte Kinofilm des schrägen Trios auf die Welt losgelassen,namentlich: Edgar Wright (Regie, Drehbuch), Simon Pegg (Drehbuch, Hauptrolle), Nick Frost (Hauptrolle). Nachträglich als Cornetto-Trilogie konzipiert (mehrschichtige Eiskrem in drei Geschmacksrichtungen), nahm Shaun of the Dead (2004) auf köstliche Weise das Zombie-Genre aufs Korn (nb: eigentlich höchstens ein Unter-Genre), ließ Hot Fuzz (2007) ein explosiv gegensätzliches Polizistenduo auf eine englische Kleinstadt los, und nun wird das Ende der Welt inszeniert - witzig auch ohne Bier, zu überleben nur mit einem Dutzend Pints.

Die treuen Untertanen ihrer Majestät zerlegen hier übrigens bereits den zweiten James Bond (-Darsteller). Nachdem Schurke Timothy Dalton am Ende von Hot Fuzz unappetitlich aufgespießt wurde, muß nun Pierce Brosnan Prügel kassieren, und eines seiner Mädels ist auch dabei: Rosamund Pike aus Stirb an einem anderen Tag (2002).  Sie kann sich in der einzigen größeren Frauenrolle gegenüber der Männerrunde wohl behaupten, die neben Pegg und Frost Martin "Bilbo" "Watson" Freeman, Paddy Considine und Eddie Marsan (den Taxilehrer aus Happy Go Lucky) umfaßt.

Simon Pegg ist inzwischen berühmt geworden als Agent Benji aus "Mission Impossible" und als Scotty des neuen Star-Trek-Universums. Sein Schulfreund Nick Frost hatte u.a. Auftritte in Radio Rock Revolution und Tim und Struppi, mit Pegg schrieb und drehte er die nicht ganz gelungene Alienkomödie Paul. Regisseur Edgar Wright, Jahrgang 1974, hat zwischendurch noch die herausragende Comicverfilmung Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (2011) verantwortet und am Drehbuch von Spielbergs gelungener Tim-und-Struppi-Verfilmung mitgearbeitet. Ich kenne niemanden, der visuelle Witze (man achte auf das Bierzapfen) besser inszenieren oder komische Darstellungen mit ähnlicher Präzision und perfektem Timing formen könnte. Man darf sehr gespannt sein auf sein nächstes Projekt, mit etwas anderen Vorzeichen: Er wird Marvels "Ant Man" dem Leinwanduniversum der Avengers hinzufügen.

Sehr gut (8/10)

Atemberaubendes Abenteuer: Gravity (9/10)

Im Englischen gibt es eine Redewendung, nach der in einem besonders spannenden Film der Zuschauer "an der Stuhlkante klebt" ("on the edge of the seat"). In Gravity ist mir das seit langem mal wieder fast buchstäblich passiert, und zusätzlich fiel mir wiederholt die Kinnlade runter - um auch einen deutschen Spruch zu strapazieren. Noch nie wurde Schwerelosigkeit im Kino so überzeugend inszeniert, und noch niemand hat uns so schön-realistische Bilder aus dem Erdorbit gezeigt, um zugleich die menschliche Zerbrechlichkeit in dieser fremden Umgebung zu verdeutlichen. Die einführende Texttafel (Im Weltall gibt es keine Luft, keinen Schall, ...) soll vielleicht von der bisherigen Praxis in SF-Filmen abgrenzen, ist ansonsten aber überflüssig.

George Clooney spielt den Astronautenveteranen, Sandra Bullock die Wissenschaftlerin auf ihrer ersten Mission. Sie docken mit der Space Shuttle "Explorer" am Hubble-Teleskop, und während der Reparaturen verlieren sie beim Außeneinsatz durch einen katastrophalen Trümmerschauer den Kontakt zum Schiff und finden sich "allein im Weltall" wieder. In diesem Zweipersonen-Kammerspiel zahlt sich Starpower aus. Clooney ist vor allem durch seine sonore Stimme präsent, und Bullock überzeugt in einer mutigen Tour de Force mit wohldosierten emotionalen Ausbrüchen, fast ungeschminkt und weit weg von ihrem Image des braven Mädchens von nebenan. Und die Leichtigkeit, mit der sie sich in der simulierten Schwerelosigkeit bewegt, läßt die gewaltigen technischen Hürden des Drehs nur erahnen. Sie hat sich offenbar ein halbes Jahr lang minutiös auf die Rolle vorbereitet, und ihre Leistung ist hier m.E. weit oscarwürdiger als in ihrer prämierten Rührrolle aus The Blind Side.

Als wahrer Star müssen hier allerdings Kameraführung und Effekte zählen. Endlich lohnt sich einmal die zusätzliche Dimension im Kino (James Cameron spricht gar vom besten 3D-Einsatz überhaupt), sowohl im Bild als auch im Ton, wenn man wie ich in den Genuß des Dolby-Atmos-Mixes kommt. Strenggenommen ist dies übrigens keine Science Fiction, sondern ein technisch plausibles, wenngleich sehr unwahrscheinliches Weltraumabenteuer. Als Thriller perfekt, wirkt die in den ansonsten sehr natürlichen Dialogen ausgebreitete Hintergrundgeschichte der Figuren ein wenig banal.

Regisseur und Drehbuchautor (mit seinem Sohn Jonás) Alfonso Cuarón krönt mit diesem Herzensprojekt, an dem er mehr als fünf Jahre gearbeitet hat, seine bisherige Laufbahn. Der 52jährige Mexikaner konnte mich bisher mit keinem seiner extrem unterschiedlichen Werke überzeugen. Seine umjubelte derbe Teenager-Schnulze Y tu mamá tambien (2001) fand ich überschätzt, seine Dickens-Verfilmung (Große Erwartungen mit Gwyneth Paltrow) und seinen oscarnominierten Endzeitthriller Children of Men (2006) nur mittelmäßig. An seinem Harry-Potter-Beitrag (Teil 3: Der Gefangene von Askaban) kann ich zwar die relativ düstere Atmosphäre loben, er ragt ansonsten aber nicht aus der Reihe heraus. Umso mehr freue ich mich über diesen herausragenden Genrefilm (9/10).

Samstag, 14. September 2013

Oh! You Pretty Things: The Bling Ring (5/10)

Look at your children
See their faces in golden rays
Don't kid yourself they belong to you
They're the start of a coming race
The earth is a bitch
We've finished our news
Homo Sapiens have outgrown their use
All the strangers came today
And it looks as though they're here to stay

Oh You Pretty Things
Don't you know you're driving your
Mamas and Papas insane
Let me make it plain
You gotta make way
for the Homo Superior

David Bowie machte sich bereits mit 24 Jahren Gedanken über die kommende Generation. 40 Jahre später ist klar, daß der Traum vom Homo Superior längst gestorben ist. Dafür sorgen Fernsehen, Internet, soziale Netzwerke. Ganze Subkulturen versinken im Sumpf der Modediktatur.

Die Teenager in The Bling Ring sind zwar alle ausgesprochen hübsch, aber keiner ist auch nur entfernt attraktiv. Man hat schon Seifenblasen mit komplexerer Persönlichkeit beobachtet. Daß man im Film von ihrem Innenleben nichts erfährt, mag noch Programm sein, aber auch ihr Außenleben bleibt unklar. Abgesehen von einem einzigen Kuß im Hintergrund und einer Dialogzeile ("I would totally do that manager") erscheinen sie komplett asexuell, eigentlich eine Unmöglichkeit für 17-19jährige. Dann ist da Marc (Israel Broussard), der einzige Junge, mit Modefimmel und Spaß am Crossdressing. In seinem keuschen Umgang mit den heißen Mädels kommt er weniger als schwul denn als geschlechtslos rüber. Und wie kommt es, daß das In-Girl Rebecca (potentiell atemberaubend: Neuling Katie Chang) den eher nerdig aussehenden Marc anspricht und sofort in ihren Kreis aufnimmt? Vielleicht ist mir nur der besonders hippe Rucksack oder ein tagesprogressiver Look entgangen. Emma Watson als mit dauerfröhlich-pseudoreligiöser Mutter geschlagenes Homeschooling-Opfer liefert ihre dumpfbackigen Sprüche, die als Motto jeder Mißwahl-Gewinnerin peinlich wären, immerhin mit soviel Überzeugung, daß man am liebsten weggucken möchte.

Die Attraktion des Films, der wohl aus den falschen Gründen vor allem junge Frauen anzieht, scheinen die Häuser von Paris Hilton (in echt) und anderen Starlets (nachgestellt) zu sein, die Boudoirs und begehbaren Kleiderschränke vollgestopft mit teurem Markenschrott. Bei Orlando Bloom findet sich eine urige Schatzkiste mit acht Rolex-Uhren und einem dicken Geldbündel, offenbar für künftige Notkäufe weiterer Chronometer. Die Entdeckungsreise in die Unterkünfte der Stars könnte Spaß machen, wenn sie im Großteil nicht so oberflächlich und überhastet gefilmt wäre. Wenigstens haben wir jetzt eine Vorstellung, wofür Jungmillionäre so ihr Geld rausschmeißen. Eine ordentliche Dokumentation wäre aber bestimmt erhellender gewesen. So zementiert Sofia Coppola leider ihren Ruf, nur noch Oberflächlichkeit zu zelebrieren. Die stimmige Atmosphäre ihres süß-melancholischen kleinen Meisterwerks Lost in Translation hat sie in ihren drei Nachfolgefilmen der letzten zehn Jahre nicht annähernd erreicht. Als erschreckendes Portrait einer hedonistischen jungen Generation sei denn eher Harmony Korines Spring Breakers (2012, 7/10) empfohlen - nicht auf wahren Ereignissen basierend, aber deutlich wahrhaftiger.

Allein eine gewisse philosophisch anregende Nachwirkung rettet die durchschnittliche Wertung: Annehmbar (5/10).

Sonntag, 8. September 2013

Klassische Alben #2: Crises (Mike Oldfield, 1983)

Bereits der kurze, abgedämpft gespielte Gitarrenlauf ist unverkennbar, und wenn dann die sanfte Stimme von Maggie Reilly einsetzt, ist man auch nach 30 Jahren noch gefangen von diesem zeitlosen Popsong. Eine geschlagene Akustische setzt präzise Akzente, und dann folgen zwei hervorragende Soli, eines als Fortsetzung des Eingangslaufes, eines mit verzerrter Gitarre. Moonlight Shadow war einer der großen Hits von 1983, in einer Zeit, als noch Singles und Maxis verkauft wurden. Wann immer Wolfgang Neumann in der Schlagerrallye im WDR die Maxiversion auflegte, müssen Tausende von Cassettenrekordern deutscher Jugendliche geklickt haben wie meiner, denn die Langversion - die heute ein wenig selbstverliebt klingt - stand an der Spitze der Wunschlisten vieler. Der Song hielt sich 74 Wochen in der Top 15 der Schlagerrallye und wurde zweimal in Folge Jahressieger. Das bedeutet für einen Teenager eine halbe Ewigkeit. Die Abstimmung erfolgte noch per Postkarte, da ging viel Taschengeld für Porto drauf (ich gewann allerdings auch zweimal per Auslosung eine Vinyl-LP). Persönlich verbinde ich das auch mit dem Ende der Neumann-Ära (der definitive ELO-Fan hatte nebenbei ein hervorragendes Buch über die Beatles geschrieben) und dem Einzug von immer seichteren Pop-Songs, die mit den Rock-Ursprüngen nur noch wenig zu tun hatten. Es folgten Aha, Europe, Pet Shop Boys und (o Graus - definitiv nach meiner Zeit) David Hasselhoff!

Mike Oldfield stand in den 70ern lange unter dem "selbstverschuldeten" Schock, mit 20 Jahren einen Klassiker der Musikgeschichte veröffentlicht zu haben. Sein Debutalbum Tubular Bells von 1973  ist auch heute noch, gerade im hervorragenden neuen Surround-Mix, ein wiederkehrend tolles Erlebnis. Die Folgealben waren zunächst durchwachsen, wobei ich Ommadawn und Incantations (zumindest in Teilen in empfehlenswerten neuen 5-Kanal-Mixen erhältlich) durchaus für gelungen halte. Aber erst als er eine etwas rockigere Seite entwickelte und gelegentlich kürzere, hitparadentaugliche Lieder schrieb, konnte er wirklich an den Anfangserfolg anknüpfen. Wie bereits der Vorgänger Five Miles Out bestand Crises aus einer langen Albumseite und kürzeren Stücken auf der Rückseite, und bereits der Vorgänger enthielt mit dem Titelsong eine prächtige Single-Auskopplung. Welches der beiden Alben man vorzieht, ist wirklich Geschmackssache. "Five Miles Out" hat einen erdigen, rockigeren Charakter, Crises hat vielleicht die eingängigeren Melodien und geht mehr in Richtung Pop (an sich nichts Schlimmes, nur in den Jahren danach wurde es dann leider poppiger und gleichzeitig seichter).

Mike Oldfield hat Stimmen schon immer mehr wie Instrumente eingesetzt, am Anfang gelegentlich seine eigene und die seiner Schwester Sally (und auch mal einen Chor). Nun hatte er mit Maggie Reilly eine Virtuosin gefunden, die zu seinen Liedern einen eigenen Charakter beisteuern konnte (auch wenn es wohl lange Studiostunden gedauert hat, bis er ihr den ihm vorschwebenden Sound für "Moonlight Shadow" entlocken konnte). Trotzdem setzte er auch diverse andere Sänger ein, so etwa Jon Anderson von Yes im ätherischen "In High Places" und die Rockröhre Roger Chapman, im kraftvollen "Shadow on the Wall". Mike Oldfield ist sicher kein großer Gitarrist, aber er hatte immer schon ein Talent für melodische, schnelle Läufe und fand interessante Klangfarben für seine Soli. Manchmal reichen schöne Melodien für einen erfolgreichen Popsong, aber Oldfield schuf durch geschicktes Arrangieren und interessante Soundvarianten einige wirkliche Perlen der Popmusik. Das gilt auch für das 22minütige Herz- und Titelstück, das in ausgefuchstem Ablauf Ideen für bestimmt ein halbes Dutzend Einzelsongs verarbeitet, Und zwischen den Liedern der zweiten Hälfte, fast beiläufig hingeworfen, zaubert er in "Taurus 3" atemberaubende Duelle zwischen spanischen Gitarren und Mandoline.

Die gerade neu erschienene Deluxe-Box etwa im Format einer Doppel-DVD enthält ein Büchlein mit auch für ältere Augen gut lesbaren Detailinformationen zu den Aufnahmen und eine kleine Rekapitulation der entsprechenden Phase von Oldfields Karriere. Dazu kommt eine CD mit einem aktuellen Stereomix und Bonustiteln, u.a. die Singles "Mistake" und "Crime of Passion" sowie die Maxiversion von "Moonlight Shadow". CD 2+3 enthalten Live-Aufnahmen von 1983 (Wembley). Des weiteren gibt es eine DVD mit einem Auszug des gleichen Live-Konzerts (Crises + Tubular Bells Part 1), drei Musikvideos sowie der vergnüglichen Top-of-the-Pops-Aufnahme des Hits (die allerdings die herrlich überzogene Playback-Vorstellung von "Five Miles Out" aus der ebenfalls empfehlenswerten Deluxe-Ausgabe des Vorgängeralbums nicht übertreffen kann). Die Bildqualität der Live-DVD (im TV-Format 4:3) ist nicht überragend, aber gemessen am Ausgangsmaterial wohl in Ordnung. Interessant ist es allemal zu sehen, wie diese komplexen Stücke durch eine achtköpfige Band interpretiert wurden. Am wichtigsten für mich die weitere DVD mit dem Surround-Mix in wahlweise DD5.1 und DTS, der wirklich fast eine Neuentdeckung der Platte ermöglicht. Leider gibt es keinen hochauflösenden Stereomix. Statt der beiden DVDs hätte man ruhig eine Blu-ray beilegen können, die locker alle Inhalte plus einen Stereomix in DTS-Master-Audio fassen könnte. Die Marktdurchdringung der Blu-ray mag in Deutschland erst bei 50 Prozent liegen, aber bei der Zielgruppe für diese etwa 42 Euro teure Box liegt dieser Wert bestimmt deutlich höher...

Schrodinger's Gat (Robert Kroese): SF, wie ich sie mir öfter wünsche

Schrödinger's Gat ist, wie der Titel schon andeutet, ein quantenphysikalischer Roman, der sich natürlich auf Schrödingers "halbtote" Katze bezieht und in der Abwandlung mit "Schrödingers Knarre" übersetzt werden könnte (es ist u.a. ein Spruch von Hawking vorangestellt, sinngemäß "Wenn ich von Schrödingers Katze höre, ziehe ich meine Waffe."). Es ist ein durchschnittlich spannender Thriller mit der Andeutung einer Liebesgeschichte, in Ich-Form erzählt von einem depressiven Englischlehrer in San Francisco, der zufällig über die physikalisch-metaphysischen Forschungen eines Wissenschaftlers stolpert. Es stellt sich heraus, daß dieser scheinbar durch praktische Anwendung der Quantentheorie gewalttätige Ereignisse beeinflussen kann. Eingestreut in die Erzählung sind erhellende, populärwissenschaftlich gestaltete Exkurse zu den physikalischen Grundlagen (Schrödingers Katze, das Doppelspalt-Experiment, ein Atom in zwei Boxen etc.). Das erfordert etwas Konzentration, lohnt aber den Aufwand und bietet knapp 200 Seiten anspruchsvolle Unterhaltung.

Ich wünschte mir, es gäbe mehr Science Fiction dieser Spielart. Die "harte" SF in der Tradition von Clarke und Asimov begann mehr mit Spekulationen über künftige Ingenieurskunst, bevor Einsteins Relativitätstheorie der nächsten Generation von Autoren Inspiration lieferte, die das neue Verständnis des "Raum-Zeit-Kontinuums" den Massen nahebrachten. Die philosophischen Implikationen der Quantentheorie sollten eigentlich Stoff für ein komplettes Subgenre bieten. (Ausnehmen möchte ich einmal die sich hartnäckig haltende Idee von Paralleluniversen, die sich bei jeder Entscheidung abzweigen, so daß jeder noch so unwahrscheinlichen Gang der Ereignisse sich in irgendeinem Universum realisiert. Wäre das der Fall, hätten wir die totale Beliebigkeit, und jede Entscheidung wäre sinnlos.) Die Quantenmechanik hat das kollektive Bewußtsein unserer Zivilisation noch nicht so recht erreicht. In der Schule werden uns noch die Newtonsche Physik und die mechanistische Chemie mit Atomen als Miniaturplanetensystemen eingebleut, nur damit wir dann vielleicht in der Oberstufe erfahren, daß das alles eigentlich nicht stimmt. Das liegt auch daran, daß die meisten Physiklehrer das Wesen eines Modells nicht klar verstehen, das ja kein Abbild der Natur ist, sondern kaum mehr als eine Veranschaulichung nicht beobachtbarer Vorgänge (was allerdings bis zu einem gewissen Grad Vorhersagen über ihr Verhalten möglich macht). Trotzdem werden auch auf der subatomaren Ebene weiterhin "Teilchen" postuliert. Die physikalische Forschung z.B. mittels Teilchenbeschleunigern scheint mir ein fast verzweifeltes Festhalten an solchen deterministischen Modellen.

Robert Kroese (ausgesprochen "Krusi") war einer der ersten Autoren, die vom eBook-Boom und insbesondere von Amazons Kindle profitierten (daher wird der Kindle im Buch auch mehrfach erwähnt). Aufmerksam wurde ich auf ihn durch seine herrliche Sammlung von humoristischen Anekdoten und Beobachtungen (tatsächlich bearbeitete Auszüge aus seinem Blog) The Force is middling in this one (toller Titel übrigens). Danach erschien eine nette Romantrilogie um den gefallenen Engel Mercury, in der es u.a. um die "himmlische" Bürokratie und irdische Esoterik-Profiteure geht. Kroese ist kein großer Stilist, ist aber durch seine klare, schnörkellose Sprache angenehm zu lesen. Sowohl seine eher auf Witz ausgelegten Mercury-Satiren in der Tradition von Douglas Adams als auch der vorliegende, übrigens per Kickstarter in Abschnitten entstandene Roman zeichnen sich durch einen leichten Ton, einige wohlgesetzte pophistorische Referenzen und sympathische, wenngleich noch etwas schematische Charaktere aus. Inzwischen hat Amazon seine Werke auch als Taschenbücher verlegt, allerdings bisher nur in Englisch.

Hugo-Awards 2013

Bereits letzten Sonntag wurden auf der 71. World Science Fiction Convention die diesjährigen Hugos überreicht. Leider gibt es nicht viel Aufregendes zu berichten.

Bei den Romanen gewann John Scalzis Redshirts. Scalzi ist ein netter, engagierter Autor und hat den Preis wohl verdient, wenngleich dieser Gewinn nach Jo Waltons "Among Others" zum zweiten Mal in Folge zeigt, daß Anbiederung an die Fangemeinde funktionieren kann. An zweiter Stelle übrigens "Lord Vorpatril's Allicance", jüngster Beitrag aus dem Barrayar-Universum, mal mit Ivan statt Miles im Mittelpunkt, knapp vor Kim Stanley Robinsons "2312". Das zeigt ein bißchen den jämmerlichen Zustand der aktuellen Science Fiction. Ich persönlich muß bis 2007 zurückgehen, um einen würdigen Gewinner zu finden (Vernor Vinges "Rainbows End"). Weitaus populärer ist inzwischen die Fantasy, deren Vertreter sich auch regelmäßig in den Nominierungen finden, allerdings in stark eingeschränkter Auswahl (ich vermisse dort z.B. Robin Hobb und Jim Butcher).

Erstaunlich ist, daß Brandon Sanderson mit seiner Novelle "The Emperor's Soul" erstmalig nominiert war (und gleich gewonnen hat). Er ist für mich neben George R.R. Martin der beste Fantasy-Autor des letzten Jahrzehnts, ein romantischer Gegenpol zur düsteren Welt aus Eis und Feuer. Falls er nicht vorschnell in die gleiche Falle wie sein "Nachbar" und mögliches Vorbild Orson Scott Card gerät (dessen mormonisch-beschränkte Ideologie inzwischen sein Werk und sein Auftreten vergiftet hat), sollte er in den nächsten Jahren auch im Roman-Bereich gute Chancen haben.

Bei der besten "dramatischen Präsentation, Langform" (sprich: Film) gewannen die Avengers vor dem Hobbit, bei der Kurzform (sprich: TV-Folge) triumphierte wie im letzen Jahr George R.R. Martin mit dem Höhepunkt der zweiten Game-of-Thrones-Staffel, "Blackwater". Gerade die Kurzform-Preise kann ich aber nicht besonders respektieren, denn die Nominierungen der letzten Zeit setzen sich zum Großteil aus Dr.-Who-Episoden zusammen, die mit ernsthafter SF nun wirklich nichts zu tun haben.

Samstag, 24. August 2013

Privatbehandlung für alle: Elysium (3/10)

In Elysium sind die Welten von Arm und Reich sauber getrennt. Die Elite hat sich in die paradiesische Raumstation zurückgezogen, die Erde ist zum Ghetto verkommen. (Das Paradies macht jedoch einen ziemlich spießigen Eindruck) Agent Bourne muß nun aus komplett uneigennützigen Motiven (nur in Elysium kann er geheilt werden) die Station erreichen. Auf dem Weg dorthin gibt es reichlich Prügeleien, und am Ende verwandelt er fast versehentlich alle Erdbewohner zu priviligierten Privatpatienten. Die Science-Fiction-Aspekte sind geradezu hanebüchen realisiert, so etwa die Sicherheitsmaßnahmen der Raumstation (es gibt doch genug SF-Experten, die man als Berater hätte einsetzen können). Tiefpunkt ist die Manipulation eines Computerprogramms, in dem einfach die Zeile "Illegal" durch "legal" ersetzt wird - selbst die Hackerkunst von Will Smith in Independence Day war überzeugender.

Welch eine vertane Chance! Regisseur Neill Blomkamp hat 2009 mit seinem überraschende Debut District 9 eine brillante Alegorie auf die Apartheit seiner südafrikanischen Heimat gedreht, mit kleinem Geld, fast im Guerilla-Stil à la CNN-Footage oder Reality TV. Nun versucht er mit Blockbuster-Budget etwas ähnliches und scheitert kläglich. Zum einen funktioniert die Sozialkritik nicht, zum anderen wirken die für ein erweitertes Zielpublikum notwendigen Actionszenen gezwungen und unbeholfen inszeniert. Seine Stilmittel (verwackelte Handkamera, schwer verständliche Slang-Dialoge, der Mix von Schrott und Zukunftstechnologie) nerven hier eher, als daß sie eine Botschaft transportieren.

Hauptproblem ist jedoch die naive Idee, man könne die Privilegien der Reichen einfach auf die Masse der Armen erweitern. Aber es gibt ja gerade ein Verteilungsproblem für knappe Ressourcen. Klar ist es unethisch, daß immer weniger Personen Zugang zu immer höheren medizinischen Standards haben. Auf der einen Seite stehen hochkomplizierte Organtransplantationen und exorbitant teure Medikamente, auf der anderen bekommt man nicht einmal einfache Infektionskrankheiten wie Malaria, Lepra und Cholera in den Griff. Eine gerechte Umverteilung würde aber einen Verzicht auf Privilegien für alle bedeuten.

Mäßig interessant (3/10).

Montag, 12. August 2013

Klassiker auf Blu-ray #7: High Noon/12 Uhr Mittags (1952)

Zu den karg-prächtigen schwarz-weißen Bildern von Floyd Crosby (dem Vater von David Crosby) erklingen die ersten perkussiven Takten der Eingangsmusik von Dimitri Tiomkin. Später heizt das Motiv der tickenden Uhr immer wieder die atemlose Spannung an, die für die fast in Echtzeit erzählten 90 Minuten kaum nachläßt. Das vom abgehalfterten Cowboy Tex Ritter gesungene Titellied erklärt in wenigen Zeilen die komplette Ausgangssituation:

Do not forsake me, oh, my darlin',
On this, our wedding day.
Do not forsake me, oh, my darlin',
Wait; wait alone.
I do not know what fate awaits me.
I only know I must be brave.
For I must face a man who hates me,
Or lie a coward, a craven coward;
Or lie a coward in my grave.

Bis zum Showdown sehen wir einen schwitzenden Helden, der bettelt und fleht, mehrfach zur Flucht ansetzt, sich im Pferdemist prügelt, müde und verzweifelt wirkt. In der Tat keine Rolle für John Wayne - der gut 50jährige Gary Cooper wurde dafür mit seinem einzigen Oscar belohnt. In ihrer ersten Hauptrolle sehen wir eine junge, unsichere (und natürlich strahlend schöne) Grace Kelly, trotz des Altersunterschieds eine perfekte Besetzung. Oscars gab es auch für Musik und den Schnitt, aber nicht in den Hauptkategorien. Bester Film wurde damals DeMilles Größte Schau der Welt, ein mittelmäßiges,  längst vergessenes Zirkusepos, als bester Regisseur wurde John Ford für den zugegeben tollen Film Der Sieger ausgezeichnet. Der Exil-Österreicher Fred Zinneman gewann später zweimal, 1954 für sein zweites Meisterwerk Verdammt in alle Ewigkeit und 1967 für seine herausragende Thomas-Morus-Biographie Ein Mann zu jeder Jahreszeit. Tatsächlich ist High Noon ein Beispiel für eine perfekte Zusammenarbeit aller Beteiligten und ist heute als einer der besten amerikanischen Filme überhaupt anerkannt.

Aus moderner Sicht erscheint es fast selbstverständlich, daß der klassische Western eine Phantasie ist, die Illusion einer Zeit starker Helden, aufrichtiger Bürger und einiger weniger üblen Geschäftemacher und Banditen. In den 50ern war etwa Howard Hawks derart erbost über diese Entzauberung des Mythos, daß er 1959 mit Rio Bravo eine Art Gegenthese veröffentlichte (ein schöner Abenteuerfilm, aber nicht mehr). Selbst in späteren revisionistischen Western, etwa John Fords Der Mann, der Liberty Valance erschoß (1962) oder sogar Costners Der mit dem Wolf tanzt (1990) wird die Pionierzeit immer noch romantisch verklärt, bis dann die Coen-Brüder mit True Grit, einer düsteren Neuinterpretation ausgerechnet eines John-Wayne-Abenteuers, dem Genre den Todesstoß versetzten.

Aber 12 Uhr Mittags ist ja nur formal ein Western. Im Kern wird eine Gemeinschaft gezeigt, wie sie leider nur zu plausibel ist, ohne Zivilcourage, ohne echte Freundschaft, ohne gelebte christliche Nächstenliebe. Natürlich ist das eine Allegorie auf das Hollywood der McCarthy-Ära, als viele Filmschaffende mit realen oder vermuteten Verbindungen zu kommunistischen Ideen plötzlich allein dastanden, ohne Arbeit und ohne Unterstützung der Kollegen. Selbst die Arbeit an diesem "linken" Film  führte für die Mitwirkenden zu Schwierigkeiten, wie etwa Lloyd Bridges (Vater von Beau und Jeff) später bezeugte, der in der kleinen Rolle des stellvertretenden Marshalls zu sehen ist.

Dieses Thema ist leider viel universeller und auch heute noch aktuell. Gerade in den USA mag die Angst vor den Roten Horden in den Hintergrund getreten sein, aber dafür gibt es etwas ähnlich Schlimmes, nämlich eine übertriebene politische Korrektheit. Die Bürgerrechte von Minderheiten werden immer noch mit Füßen getreten, aber der Polizist, der den schwarzen Verdächtigen ansonsten recht ruppig behandelt, muß ihn heute respektvoll mit "Sir" ansprechen, das steht in den Vorschriften. Homosexuelle werden immer noch vielfach geächtet, aber wehe, ein Komödiant (wie vor einigen Jahren Michael Richards, "Kramer" aus Seinfeld) bedient sich in einem improvisierten Monolog homophober Klischees. In jüngerer Zeit gab es den Fall der TV-Köchin Paula Deen, die zugegeben hatte, gelegentlich das "N-Wort" ("Nigger") benutzt zu haben. Niemand fragt, wie sei denn ihre schwarzen Angestellten behandelt haben mag, aber dieser äußere Anschein von Rassismus führt zur Ausgrenzung und faktisch zum Blacklisting im Fernsehgeschäft. Ähnliche Ausgrenzung droht in den USA oft auch Politikern, die des Ehebruchs überführt werden - plötzlich will niemand etwas mit ihnen zu tun haben. Leider gilt gleiches nicht, wenn jemand Dummheit nachgewiesen wird - vielleicht weil es keine entsprechende Interessengemeinschaft gibt (Tina Fey hat allerdings jüngst für 30 Rock.eine solche erfunden: Idiots Are People Two! ;-) In allen geschilderten Fällen können die Betroffenen jedenfalls froh sein, wenn ihre Liebsten zu ihnen halten - auf die Gemeinschaft ist trotz aller ehemaligen Verdienste kein Verlaß. O mein Liebling, verlaß mich bitte nicht...

Die gerade weltweit erschienene Blu-ray des Klassikers bietet ein brillant restauriertes Bild im Originalformat (4:3), tadellosen Originalton und eine Fülle von empfehlenswerten Extras.

Unfaßbar schlecht: The Lone Ranger (1/10)

Zum Glück hat es sich bereits rumgesprochen; der Saal ist gähnend leer - was auch eine Beschreibung für meinen Gemühtszustand sein könnte. Selten habe ich so oft auf die Uhr geschaut - noch eine Explosion, noch ein Rohrkrepierer von Gag, noch ein inhaltsloser Dialog. Disney schreibt zwischen 100 und 200 Millionen Dollar ab für diesen halbherzigen Versuch, den Erfolg von Fluch der Karibik zu wiederholen. Der war damals eine Überraschung, basierte aber auf einem einigermaßen schlüssigen Konzept, einer exquisit entwickelten Hauptfigur und dem opportunen Casting gleich zweier kommender Jungstars. Aber keine Sorge, das Geld kommt schon wieder rein, spätestens wenn der zugehörige ödeste Themenpark der Welt eröffnet wird!

Es ist in Hollywood ein offenes Geheimnis, daß viele Blockbuster-Drehbücher inzwischen Computer-generiert sind (CGS = Computer Generated Scripts). Noch kontrovers diskutiert wird, ob bei den Oscars eine entsprechende dritte Drehbuch-Kategorie eingeführt werden soll (dann hätten wir orginale, adaptierte und generische). Einem anderen Vorschlag zufolge soll nicht das CGS selbst, sondern die Vorgabe für den Algorithmus geehrt werden, so wie es bis 1957 den Oscar für die beste zugrundeliegende Story gab. Meine Internet-Recherche ergab für The Lone Ranger folgenden Input:

  • Ursprungsgeschichten sind gerade hip, also weg mit dem Mythos!
  • Wir haben die Rechte auf die alte Fernsehserie, aber wer schaut schon 221 Folgen. Die Titelbilder sind aussagekräftig genug.
  • Die Handlung könnten wir eigentlich vom Schatz im Silbersee übernehmen.
  • Man könnte die beiden Hauptfiguren aneinanderketten, damit sie auch ohne sonstige Gründe zueinander finden. Das hat schon 1958 in Flucht in Ketten funktioniert, aufgrund der heutigen durchschnittlichen Aufmerksamskeitsspanne machen wir das aber nur drei Minuten lang.
  • Henry Fonda und Jason Robards und Eisenbahn-Salon - war cool in Spiel mir das Lied vom Tod, kennt bestimmt keiner mehr. Wir erinnern uns auch nur noch dunkel, aber was kann schon schiefgehen?
  • Slapstick kann nicht schaden, also bedienen wir uns bei den Klassikern, z.B. bei Buster Keatons The General. Fürs heutige Publikum muß die Verfolgungsjagd per Zug allerdings so verkompliziert werden, daß niemand nachvollziehen kann, was gerade los ist.
  • Die Komantschen hatten so ein schlimmes Schicksal, also mähnen wir mal ein paar Dutzend mit dem Maschinengewehr nieder.
  • Die Tabakindustrie hat nicht genug fürs Product Placement rausgerückt, also lassen wir die Indianer saufen statt Pfeife rauchen.
  • Fleischfressende Karnickel sind lustig.
  • Werw%246%lfe tötet man mit silbernen Kugeln.
  • Wenn die Helden sich in eine Ecke manövriert haben, lassen wir einfach das Zauberpferd die Situation lösen.
  • Da wir nicht sicher sind, ob uns der Quatsch abgenommen wird, bauen wir eine noch abstrusere Rahmengeschichte drum rum.

Nicht dem Computer anzulasten ist die Realisierung des Machwerks. Tom Wilkinson hat den gleichen Typ Bösewicht schon intensiver gegeben (ich habe mich nach dem Gespann Mario Adorf und Klaus Kinski gesehnt), Helena Bonham-Carter erinnert uns nur daran, in wie vielen guten Filme sie mitgespielt hat, Armie Hammer muß zwei Stunden lang wie der letzte Depp agieren, und Johnny Depp hämmert uns seine Sparrow-Kopie in die Birne. Angeblich hat er Respekt für seine (vage) indianische Herkunft ausdrücken wollen. Mir scheint, ihm ist der Respekt vor seinem Beruf abhanden gekommen. Gleiches scheint übrigens auch für den Komponisten Hans Zimmer zu gelten, denn der Soundtrack wirkt mehr wie eine lahme Zusammenstellung von Gassenhauern. Die Wilhelm-Tell-Ouvertüre, wirklich? Die Gesamtverantwortung hatte übrigens Gore Bruckheimer.

Ärgerlich (1/10).

Samstag, 10. August 2013

SF-Klassiker #3: Barrayar (Lois McMaster Bujold, 1991)

Barrayar (1991) ist chronologisch der zweite Roman in der Vorkosigan-Saga (abgesehen von Falling Free (1988), das 200 Jahre vor der Haupthandlung spielt). , Er entstand aber in seiner veröffentlichten Form als siebter Teil der inzwischen über zwanzig Romane und Novellen der Reihe. Daher kann man schriftstellerisch auch einen deutlichen Qualitätssprung zwischen dem Erstling Scherben der Ehre/Shards of Honor und "Barrayar" erkennen. Kurioserweise war dies der dritte Hugo-Gewinner aus der Serie, nach der Novelle "The Mountains of Mourning" (1989) und dem Roman The Vor Game (1990).

Der Roman ist aus der Sicht von Cordelia Naismith Vorkosigan erzählt. Sie stammt vom hochtechnologisierten, egalitären, notdürftig terrageformten Planeten Beta. Im Vorgänger Shards of Honor hatte sie als Leiterin einer wissenschaftlichen Expedition Lord Aral Vorkosigan kennen- und liebengelernt und muß sich nun in ihrer neuen Rolle als Lady Vorkosigan in ihrer "hinterwäldlerischen", aber ökologisch erdähnlichen neuen Heimat Barrayar zurechtfinden. Das bedingt politische, gesellschaftliche und auch alltägliche Herausforderungen; herrlich Cordelias Reaktion auf die furchteinflößenden Ungeheuer ihres Schwiegervaters: von der Erde stammende Reitpferde. Erschwerend kommt hinzu, daß Aral, der sich eigentlich vom aktiven Militärdienst zurückgezogen hat, bald als Regent des fünfjährigen Imperators Gregor Vorbarrar im Mittelpunkt politischer Intrigen steht. Während sich ein blutiger Bürgerkrieg ankündigt, wird Cordelia schwanger mit dem langersehnten Erben des Hauses Vorkosigan...

Bis zur Entdeckung einer neuen Wurmloch-Passage war der Planet Barrayar jahrhundertelang von den übrigen galaktischen Zivilisationen abgeschnitten. Alle Macht liegt beim Imperator und einem Rat von "Grafen", der Vor-Klasse, mit Namen wie Vorrutyer, Vorpatril, Vorhartung etc. Auch wenn Fluggeräte und moderne Waffen bekannt sind, handelt es sich doch eher um eine mittelalterliche Welt, geprägt von der Landwirtschaft und erst am Beginn einer industriellen Revolution. Durch die Konfrontation mit "benachbarten" Welten bricht die Moderne über Barrayar herein, und die konservativen Kräfte (unter ihnen Arals Vater, Graf Piotr Vorkosigan) müssen um ihre Vorherrschaft bangen. Neben der Entwicklung der Charaktere und dem Heranwachsen einer neuen Generation legen diese übergreifenden Konflikte die Grundlage für eine komplexe, spannende Sternensaga.

Die Autorin schreibt im Nachwort zum Sammelband "Cordelia's Honor", der Subtext der beiden Romane sei ihre Auseinandersetzung mit dem Thema Elternschaft. Und beim nachträglichen Reflektieren erkennt man tatsächlich deutlich diesen roten Faden, der die Handlung und die Entwicklung der Charaktere vorantreibt. Auch unter diesem Gesichtspunkt steht das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne. Auf Beta werden die meisten Säuglinge nach einigen Schwangerschaftsmonaten in "Uterin-Replikatoren" verpflanzt. Auf Barrayar dagegen werden mutierte, andersartige Babys gleich nach der (stets natürlichen) Geburt entsorgt. Cordelia und Aral sind dabei übrigens nicht die einzigen Eltern, die im Fokus stehen. Da sind die drei Generationen der Imperatorfamilie, mit dem sterbenden Großvater, der eine schwere Entscheidung bezüglich seines psychopathischen Sohns Serg fällen mußte, seiner nun verwitwete Schwiegertochter, die im Bürgerkrieg zwischen allen Fronten steht, und ihrem Sohn Gregor, auf dessen Schultern die Zukunft des Planeten liegt. Da ist der psychisch labile Sergeant Bothari, dessen Tochter Elena im Krieg durch eine (befohlene) Vergewaltigung gezeugt wurde, und da sind die Vorpatrils, deren Sohn Ivan auf der Flucht geboren wird.

Bujolds Kunst liegt darin, ihre tiefgehenden Anliegen zu einem derart spannenden, mitreißenden Garn zu verspinnen, daß sich der Leser zu keinem Zeitpunkt belehrt oder gar durch philosophische Ausführungen gelangweilt fühlt. Selten in der Geschichte der Science Fiction ist eine Welt derart plastisch dargestellt worden, und selten sind den Lesern die Figuren einer Saga so ans Herz gewachsen. Für viele Leser liegt die Bedeutung dieses Romans natürlich in der Geburtsstunde von Miles Naismith Vorkosigan, der wohl beliebtesten Figur der SF-Literatur der letzen 25 Jahre (Harry Potter zählen wir zur Fantasy). Der Erfolg der Serie ist für mich darin begründet, daß die Autorin immer wieder grundlegende menschliche Themen behandelt, vor einem  wohldurchdachten technischen Hintergrund, neben reinen Abenteuerromanen und (in letzter Zeit) Romanzen, die immer noch willkommene Beiträge sind. Unglaubliche acht Teile der Saga wurden in der Roman-Kategorie für den Hugo nominiert, und mit Gewinnen für Mirror Dance (1995) und den zweiten Teil einer Fantasytrilogie, Paladin of Souls (2004), ist Bujold (Jahrgang 1949) der meistausgezeichnete lebende SF-Autor in dieser Kategorie (nur Heinlein gewann ebenfalls viermal).

Mittwoch, 7. August 2013

Proud to be Takei: Oh Myyy! (There goes the Internet)

In der vielversprechenden ersten Staffel der NBC-Serie Heroes (bevor diese unter ihrem eigenen Anspruch zusammenbrach) gibt es eine Schlüsselszene, in der Hiro (Masi Oka) das erste Mal seiner Nemesis begegnet. Als der geheimnisvolle Mann aus der Limousine aussteigt, bringt Hiro nur ein einziges Wort heraus - Otosa? (Vater?) Was dem SF-Fan eine Gänsehaut bereitet, ist jedoch die Besetzung von Hiros Vater mit George Takei, besser bekannt als Hikaru Sulu, Navigator der Enterprise und später Kapitän der Excelsior im Star-Trek-Universum.

George Takei, Jahrgang 1937, ist immer noch gefragt auf vielen Plattformen: Fernsehen, Kino, Bühne, Radio - Jimmy "Scotty" Doohan hatte vielleicht die vielseitigste, Takei aber sicher die sonorste Stimme der Originaldarsteller. Zusätzlich ist er profilierter Autor und seit Jahren ein Star der neuen Medien. Er hat Millionen Fans auf Twitter und Facebook. Auf seinen Aprilscherz mit der Nachricht, es sei ein Kinofilm mit Sulu als Kapitän der Excelsior geplant, fielen Tausende herein. Aber auch wenn er vor allem unterhalten möchte, nutzt er seinen Prominentenstatus auch für ernsthafte, insbesondere bürgerrechtliche Anliegen. So war er eine der führenden Stimmen im Kampf um die gleichgeschlechtliche Ehe und arbeitet das Unrecht der Inhaftierungslager für japanstämmige Amerikaner im Zweiten Weltkrieg auf - stets mit dem ihm eigenen unbekümmerten Humor:

Warum sind japanstämmige Amerikaner so gut in Mathe? - Weil sie Jahre im Konzentrationslager waren!

Ein großes Verdienst ist auch die Schlichtung im Streit zwischen den Lagern von Star Wars und Star Trek, personifiziert durch eine Fehde zwischen Carrie Fisher und William Shatner. Seine Vermittlung (übrigens auf Anregung von Roger Ebert) vereinte die Lager gegen den gemeinsamen Feind: das dümmliche Twilight-Franchise. Den vergnüglichen Schlagabtausch kann man bei YouTube nachverfolgen.

Als der Staat Tennessee in Grundschulen den Gebrauch des Wortes "gay" (schwul) und damit jede Erwähnung von Homosexualität verbieten wollte, stellte Takei selbstlos seinen eigenen Namen als Ersatzwort zur Verfügung, etwa für eine Takei-Parade. Dazu verkaufte er T-Shirts mit der Aufschrift "Proud to be Takei". Das umstrittene Gesetz kam nicht zustande.

In Oh Myyy! (There goes the Internet) berichtet Takei nun von diesen und anderen Abenteuern mit den neuen Medien. Ohne Ghostwriter, in elegeganter, klarer Sprache, gelingt es ihm dabei zu unterhalten und zu informieren. Ich persönlich habe viel über die mir unbekannten Welten von Twitter und Facebook gelernt, aber auch Experten können sicher von seinen Erfahrungen profitieren. Seine Facebook-Seite ist eine der beliebtesten überhaupt, und er hat sogar einen direkten Draht zu den Entwicklern gefunden, um technische Probleme zu diskutieren.

Die Fernsehwelt hat Sulu eine Tochter spendiert. In der Realität begnügt sich George Takei damit, der schwule, freche Lieblingsonkel von Tausenden zu sein, und geht nicht den Weg von Elton John, der mit seinem Ehemann im Rentenalter noch ein Kind adoptiert hat.

Klassiker auf Blu-ray #6: Hayao Miyazakis "Kikis kleiner Lieferservice" (1989)

Kiki ist eine dreizehnjährige Hexe und muß für ihre Ausbildung ein Jahr lang ihr Glück in einer fremden Stadt versuchen. Sie schwingt sich also mit ihrem Kater Jiji auf ihren Besen und braust davon - nun ja, der Start gerät noch etwas holprig, und unterwegs sucht sie auch schon mal Schutz vor Regen in einem Güterzug. Aber dann findet sie eine Großstadt am Meer, die ihr gefällt. Zwar sind ihre ersten Begegnungen nicht vielversprechend, daber dann kommt sie bei einer freundlichen Bäckerin unter und versucht, mit ihrer einzigen Hexenbegabung - dem Fliegen - einen Lieferservice aufzubauen.

Bereits in den ersten Momenten zaubert der Überschwang des jungen Mädchens ein Lächeln ins Gesicht des Zuschauers, das dann 90 Minuten lang höchstens mal ein paar Tränen der Rührung weichen muß. Kiki erlebt einfache und doch packende Abenteuer in einer verklärten europäischen Welt mit Straßenbahnen und Automobilen, in denen eine fliegende Hexe nur ein weiteres Kuriosum ist. Zeppeline sind im Flugverkehr die Norm, und Teenager bauen eigene Flugapparate auf Fahrradbasis. Die beschwingte (und uns Westlern recht zugängliche) Musik von Joe Hisaishi und natürlich die farbenprächtigen, mal eher impressionistischen, mal sehr detailreich realistischen Animationen des Teams vom japanischen Studio Ghibli erzeugen eine wunderbar märchenhafte Stimmung.

Regisseur Hayao Miyazaki, geboren 1941 in Tokyo, wird gern der japanische Walt Disney genannt. Er hat japanische Anime-Traditionen und unterschiedliche europäische Einflüsse zu einem einmaligen eigenen Stil verbunden und ist wie einstmals Disney ein begnadeter Erzähler. Seine Filme sind immer noch handgemalt, obgleich inzwischen zusätzliche Computertechniken zum Einsatz kommen, und gehören nach dem durch Pixar eingeläuteten Siegeszug der Computeranimation wohl zu den letzten ihrer Art. Miyazakis junge Helden behaupten sich in perfekt inszenierten Fantasiewelten. Als Grundthema könnte man die Suche nach Harmonie betrachten, oft in einem ökologischen Kontext. Die meisten seiner Filme sind komplett der Fantasy zuzuordnen, die besten davon Nausicaa (1984, 9/10), Prinzessin Mononoke (1997, 8/10) und das oscargekrönte Chihiros Reise ins Zauberland (2001, 8/10).

Meine Lieblingsfilme des japanischen Meisters sind aber Kikis kleiner Lieferservice (1989) und sein vielleicht sogar noch besserer Vorgänger, Mein Nachbar Totoro (1988). Sie enthalten nur leichte Fantasy-Elemente, sind für Kinder und Erwachsene gleichsam geeignet und stehen für mich auf einer Stufe mit Disneys frühen Meisterwerken. Trotz aller technischer Raffinessen der Pixar-Produktionen ist Pete Docters Oben (2009) der einzige Zeichentrickfilm der letzten Jahrzehnte, der mich ähnlich berührt hat. Neben Disneys Dschungelbuch sind die genannten auch die einzigen Trickfilme, für die ich die Höchstwertung 10/10 vergeben mag.

Sonntag, 4. August 2013

Grobe Prügeleien: Pacific Rim (4/10)

Wenn es nicht immer noch ein paar erfolgreiche Franchises gäbe, müßte Hollywood schon längst unter der Last seiner gescheiterten Blockbuster implodiert sein. Alle zwei Wochen wird versucht, uns die neueste Sensation zu verkaufen. Jedes vorstellbare Zelt würde unter dem Gewicht derart vieler Zeltstangen ("Tentpoles") im Erdboden versinken. Manchmal wünscht man sich die alten autokratischen Studioköpfe zurück, Louis B. Mayer, Jack Warner, Samuel Goldwyn. Was hätten diese Haudegen wohl von den heutigen sogenannten "High Concepts" gehalten, bei denen selbst in die Verfilmung simpler Brettspiele Hunderte Millionen Dollars versenkt werden - siehe Battleship (Schiffe versenken).

Hinter Guillermo del Toros Pacific Rim steht wenigstens eine gewisse Vision, nämlich die Fortführung der japanischen Kaiju-Filme (Godzilla!) mit modernen Mitteln. Die Herkunft der Monster wird mit dem bekannten SF-Konzept eines Paralleluniversums "erklärt". Leider verlieren sie dadurch viel von ihrem Mythos. Godzilla war ja vor allem die Inkarnation der japanischen Urängste vor der Atombombe und allgemein unvorhersehbaren Naturgewalten. Jetzt kommen die Monster also durch eine tektonischen Spalte als Vorhut einer Alien-Invasion und werden mit von jeweils zwei Menschen gesteuerten gigantischen Androiden bekämpft.

Die Action besteht im wesentlichen aus Prügeleien zwischen CGI-Monstern und CGI-Robotern, schnell geschnitten, mit im Halbdunkel oft verschwimmenden Details. Inmitten des Getöses ab und zu brüllende, kaum zu verstehende Kommunikation zwischen dem Kommandozentrum und den eingesetzten Soldaten. Totenöde also - gerade im Vergleich mit dem hocheleganten Stab-Zweikampf zwischen den Hauptdarstellern (bzw. ihren Stuntdoubles), bei dem ihre "Kompatibilität" geprüft werden soll.

Dann gibt es noch die menschliche Ebene, die Dynamik zwischen den Steuerungspartnern und der dahinterstehenden militärischen Organisation. Del Toro ist es allerdings noch selten gelungen, menschliche Interaktion über eine Handlungskurve hinweg überzeugend darzustellen - daran haben auch seine visuell sehenswerten Hellboy-Filme gekrankt. Die hatten immerhin eine charismatische zentrale Figur - hier schmerzlich vermisst gerade beim herrlichen Cameo von Ron Perlman. Auf die Knallchargen von Wissenschaftlern, die selbst in der Big Bang Theory überzogen wirken würden, hätte man besser verzichtet. Anderseits gibt es Sprenkel von (vorwiegend visuellem) Humor, die durchaus mal für ein befreiendes Lachen gut sind.

Nach dieser frustrierenden Erfahrung kann man wohl froh sein, daß Peter Jackson den Hobbit doch selbst in die Hand genommen hat. Guillermo del Toro sollte sich vielleicht mehr auf kleinere, intime Filme konzentrieren. Schließlich hat er 2006 mit Pans Labyrinth einen herausragenden, erschütternden Film über die Schrecken des spanischen Bürgerkriegs abgeliefert. Davon würde ich gern mehr sehen, bestimmt aber keine Fortsetzung dieses mißlungenen Blockbusters. Erträglich (4/10).

Flüchtiges Komödchen von Almodóvar: Fliegende Liebende (6/10)

Pedro Almodóvar, der weltweit berühmteste (lebende) spanische Regisseur, begann seine Karriere mit schrillen, ab und zu die Grenzen des guten Geschmacks überschreitenden Komödien (Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs), die oft grotesk fast alle Schattierungen der menschlichen Sexualität ausloteten. Zunächst nur in Arthaus-Kreisen bekannt, gelang ihm 1999 mit Alles über meine Mutter der internationale Durchbruch (Oscar für den besten fremdsprachigen Film), 2002 folgte mit Sprich mit ihr der nächste Triumph (Oscar für das beste Originaldrehbuch). Das waren vielschichtige Mischungen aus Drama und Komödie, zwar im Vergleich zu seinem Frühwerk gemäßigt, aber immer noch kraftvoll und mutig in der Darstellung von Subkulturen und abweichenden Geschlechterrollen.Er hat ein Auge für ungewöhnliche Gesichter und ein Herz für starke Frauenfiguren. Zwei seiner Lieblingsdarsteller sind inzwischen Weltstars und eröffnen in einem Cameo seine neueste Komödie: Penélope Cruz und Antonio Banderas.

Nach der teilweise schwer verdaulichen Kost der letzten Dekade (den Vorgänger Die Haut, in der ich wohne fand ich ziemlich unerträglich) erklärt Pedro diesmal die Leichtigkeit zum Programm. Herausgekommen ist dabei ein flüchtiges Komödchen ohne Tiefe und leider auch ohne viel Witz - nett, aber schnell vergessen. Es ist ein Kammerspiel, das sich vorwiegend in der Ersten Klasse des Fliegers abspielt. Da gibt es die drei herzallerliebsten schwulen Stewards, die in einer der besten Szenen zum größten Hit der Pointer Sisters posieren - daher übrigens auch der US-Titel: "I'm So Excited". Dazu gesellen sich weitere trinkfreudige Crewmitglieder und einige mild karikierte Passagiere, darunter Almodóvar-"Veteranen" Lola Dueñas als Noch-Jungfrau Bruna und Cecilia Roth als Pornokönigin. Durch freigiebige Mescalin-Zugabe zu den Drinks wird die Stimmung schnell ausgelassen. Es gibt eine ärgerliche Szene, als Bruna einen schlafenden Passagier vergewaltigt - es wäre im abgedrehten Kontext so einfach gewesen, ihn aufzuwecken und zu verführen! Dann bekommen wir, über Telefonate aus dem Flieger heraus verknüpft, einige Szenen mit den Ex-Freundinnen (Augenweiden: Paz Vega und die junge Blanca Suárez) eines Passagiers zu sehen - vielversprechend und dann doch erzählerische Seifenblasen.

Fliegende Liebende, im Original sowohl "Flüchtige Liebende" als auch "Liebende Passagiere", bedeuten für den Meister nur Mittelmaß. Mit viel Sympathie für Pedro und sein Ensemble vergebe ich noch ein Ordentlich (6/10).

Freitag, 2. August 2013

Momentaufnahmen von Ikonen: Hitchcock (8/10), Hyde Park am Hudson (7/10)

Eines der größten Vergnügen für den Kinozuschauer ist es, wenn ein Film historische Figuren zum Leben erweckt. Ohne das hätte z.B. Scorseses Aviator nur halb so viel Spaß gemacht: Leonardo DiCaprio beeindruckend als Howard Hughes, Jude Law schmissig als Errol Flynn, Cate Blanchett technisch perfekt als Katherine Hepburn (Oscar!), sogar Kate Beckinsale als Ava Gardner zumindest optisch angemessen. Für Schauspieler sind solche Aufgaben Traum und Albtraum zugleich. Die Erwartungshaltung ist groß, und der Spott bei Mißlingen ebenso. Den mußte jüngst sogar Oscar-Preisträger Adrien Brody für sein Cameo als Salvadore Dalí in Woody Allens Midnight in Paris einstecken. Meist erinnern wir uns aber an gelungene, oft preisgekrönte Porträts, die Drehbuchschwächen vergessen machen und auch mittelmäßigen Filmen einen besonderen Glanz verleihen können - zuletzt etwa Daniel Day-Lewis als Abraham Lincoln, Colin Firth als King George VI. und Michelle Williams als Marilyn Monroe,

Bei der Darstellung von Figuren der jüngeren Geschichte kommen oft sehr spezifische Erwartungen ins Spiel. Es sind Fotos, Ton- oder sogar Filmaufnahmen bekannt, manchmal sind sie in der Öffentlichkeit bis zur Legende verklärt. Anthony Hopkins als Alfred Hitchcock in Hitchcock und Bill Murray als Franklin D. Roosevelt in Hyde Park on the Hudson gelingen eindrucksvolle Porträts, Momentaufnahmen, die ikonische Figuren nicht einfach kopieren, sondern plausible Einblicke in die Menschen jenseits des offiziellen Bildes konstruieren. Die schärfsten Kritiker der beiden Filme hadern mit ihren nicht erfüllten Erwartungen. Es ist aber nicht fair, an möglicherweise falschem Marketing einen Mißerfolg festzumachen. Hitchcock ist trotz des Titels eher die faszinierende Geschichte von Alma und Alfred, kein reines Porträt des genialen Regisseurs und schon gar keine Dokumentation seiner einzigartigen Arbeitsweise. Hyde Park am Hudson zeigt keinen idealisierten, fast schon als nationales Heiligtum kanonisierten Präsidenten, sondern einen Menschen mit Schwächen und Fehlern.

Anthony Hopkins sieht trotz Makeup und Figuranpassung nicht wirklich wie der medienpräsenteste Regisseur des 20. Jahrhunderts aus, trifft dessen markante Sprechweise auch nur annähernd. Trotzdem habe ich mich gern auf dieses Spiel eingelassen und nie Hannibal Lector oder eine andere von Hopkins' berühmten Figuren gesehen. Der Film zeigt Hitchcock an einem entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben. Gerade 60 geworden, hatte er mit Der unsichtbare Dritte sein erfolgreichstes (und für mich auch bestes) Werk abgeliefert. Die amerikanische Kritik, die seine Kunst ja schändlicherweise nie anerkannt hatte, bezweifelte, ob er diesen Erfolg wiederholen könne. Er selbst wollte keine weiteren Filme nach dem gleichen Schema drehen. Er spürte wohl das Nachlassen seiner Energie, wollte es aber zumindest einmal noch allen zeigen, und das ausgerechnet mit einem Horrorfilm, zum Schrecken der Finanziers und der Zensurbehörde.

Hopkins zeigt all diese widersprüchlichen Emotionen und wird dabei kongenial unterstützt von Helen Mirren (Oscar für Die Queen) als Alma Reville, Hitchcocks Ehefrau und Mitstreiterin. Filmemachen ist ja keine einsame Kunst, sondern erfordert konstruktive Zusammenarbeit und die Schaffung einer kreativen Atmosphäre in allen Stadien des Prozesses. Das Beiträge Almas insbesondere zu Script und Post Production sind nicht zu unterschätzen, und obwohl Schauspieler lt. dem Meister "wie Vieh behandelt werden sollten", merkt man doch, daß Hitch auch Inspiration von seinen Darstellern bezog. Hervorzuheben hier Scarlett Johannson als Janet Leigh und James D'Arcy als Anthony Perkins. Und was wäre die Duschszene ohne Bernard Hermanns stechende Musik? Ob die vom Drehbuch stipulierte Ehekrise tatsächlich der Realität entspricht, ist für den Erfolg des Films unwesentlich. Sie illustriert in einer gelungenen Parallele die kreativen Probleme und ist daher Teil der filmischen Wahrheit. Sehr gut (8/10).

Bill Murray zeigt als FDR eine abgeschwächte Form der humorvollen Lebensüberdrüssigkeit seiner Figur aus Lost in Translation, allerdings gepaart mit einem scharfen Verstand und charismatischem Auftreten. Ihm ebenbürtig Samuel West und Olivia Colman als das britische Königspaar, nicht so glamourös wie Firth und Bonham-Carter in Die Rede des Königs, dafür mit mehr Humor und genauso authentisch. Herrlich das Hin und Her zur Frage, ob ein Monarch einen Hot Dog essen sollte, und bewegend das Zwiegespräch zwischen dem lahmen Präsidenten und dem stotternden König. Zur Besetzung frage ich mich allerdings schon, ob die an sich wunderbare Olivia Williams nicht effektiver als Königin denn als Eleanor Roosevelt gewesen wäre: eine undankbare Rolle, in der sie recht blass wirkt. Genauso kommt Laura Linney als FDRs Geliebte Daisy nicht so recht zum Zuge, was aber auch an der schlecht strukturierten Geschichte liegt. Hier hätte das Drehbuch die überlieferten Fakten (DaisysTagebuch wurde nach ihrem Tod veröffentlicht) in eine filmische Wahrheit wandeln müssen. Nach kurzweiligen, eher episodischen 90 Minuten vermißt man doch einen roten Faden. Gut (7/10).

Beide Filme sind gerade als Blu-rays erschienen.