Es sollte klar sein, dass es hier nicht um Mainstream geht. Trotz einiger Parallelen - Wenders und Herzog sind in Spielfilm und Dokumentation zu Hause, dabei selten kommerziell - könnten die beiden kaum unterschiedlicher sein. Wenders gilt, trotz gelegentlicher Kassenschlager (Buena Vista Social Club) als einer der Väter des Independant-Kinos und hat u.a. Jim Jarmusch und Hal Hartley beeinflusst. Herzog hat mit seinen bildgewaltigen, auf sechs Kontinenten entstandenen Projekten fast eine eigene Genre-Kategorie geprägt, die von Fans (einer seiner größten übrigens: Kritikerpapst Roger Ebert) liebevoll "Herzogian" genannt wird. Denn während Wenders noch gerade so als Exzentriker durchgeht, muss man Herzog definitiv als durchgeknallt charakterisieren. Er ist mit niemand anderem zu vergleichen. Das heisst nicht, dass er keinen Einfluss hätte - gerade im Dokumentationsbereich hat er neue Standards geschaffen und auch gelegentlich Kollegen gefördert, etwa den späteren Oscar-Gewinner Errol Morris. Herzog hat es immerhin auf eine Nominierung gebracht (2008 für seine beeindruckende Antarktis-Dokumentation Begegnungen am Ende der Welt), gegenüber drei Nominierungen des "gemäßigten" Kollegen Wenders.
Bei Herzog vermischen sich Spielfilm- und Dokumentationselemente. Am liebsten fängt er Naturereignisse ein. Bestes Beispiel sind seine Kinski-Filme, in denen Herzogs liebster Feind eher Archetypen als traditionelle Figuren darstellt, deren Entwicklung höchstens von überdreht zu übergeschnappt verläuft. Am bekanntesten sind sicher die in Peru gedrehten Aguirre - Der Zorn Gottes (1972, Herzogs dritter Spielfilm), und das über drei Jahre gedrehte Mammutwerk Fitzcarraldo (1982). Beim Wiedersehen hat mich vor allem Nosferatu (1979) überrascht, den ich früher wohl zu streng mit anderen Vampirfilmen verglichen hatte. Inzwischen möchte ich Harkers (Bruno Ganz) surreale Reise nach Transsylvanien und die abschließende fatale Verführung des Monsters durch Lucy (Isabelle Adjani) nicht mehr missen. Selbst Herzogs Genrefilme unterliegen halt ihren eigenen Regeln. Trotz faszinierender Szenen betrachte ich die Büchner-Verfilmung Woyzeck (1979) und das hauptsächlich in Afrika (Benin und Ghana) gedrehte Cobra Verde (1987) eher als interessant gescheitert. Trotzdem haben sich mir einige Bilder daraus ins Gedächtnis gebrannt - der in Zeitraffer gefilmte Drill und der stakkatoartige Mord aus Woyzeck etwa oder das Amazonenheer und der freizügige Nonnenchor aus Cobra Verde.
![]() |
| Bruno S. als Kaspar |
Mein Lieblingsfilm von Herzog ist allerdings ein anderer. Seine Kaspar-Hauser-Variation Jeder für sich, und Gott gegen alle entstand bereits 1974 und ist eine poetische, erschütternde Kritik an der modernen Gesellschaft. Kaspar Hauser, der ohne Bezugspersonen in einer dunklen Höhle aufwuchs, wird von Erziehungswissenschaftlern gern als Fallbeispiel herangezogen. Herzog ist allerdings weniger an der geistigen Entwicklung des Findelkindes interessiert, auch nicht nur an einer Parabel gegen Fremdenhass, wie sie Reinhard Mey in seiner schönen Ballade Kaspar interpretiert. Der Film nutzt den Außenseiter als Spiegel einer Gesellschaft, deren Regelwerk keinen Platz für Abweichler hat, und in der Menschlichkeit die Ausnahme bleibt. Gleichzeitig zeigt Kaspar Sehnsucht nach einer Traumwelt, die er aber nicht in Worte fassen kann, und die in der Realität wohl auch unerreichbar ist.
![]() | |
| Bruno S. und Brigitte Mira |
Der Straßenmusiker Bruno S., der Jahre seiner Jugend in psychiatrischen Anstalten verbracht hatte, haucht dieser schwierigen Figur eine unfassbar naturalistische Qualität ein, die wohl kein "Profi"-Schauspieler erreicht hätte. Das heisst nicht, dass er nur "sich selbst" gespielt hätte, auch nicht im sehenswerten Folgefilm Stroszek von 1977, der zumindest im ersten (Berliner) Teil stärker an seinen eigenen Lebenslauf angelehnt war. Aber er verstand es, Figuren zu verkörpern, die quer zur Gesellschaft und ihren Normen standen. Schade, dass keine weiteren Projekte mit ihm zustande kamen - laut Herzog war die Zusammenarbeit wohl schwierig, aber das traf auf Kinski ja auch zu...
Daneben findet sich in der Box noch ein weiterer Spielfilm von 1976, Herz aus Glas mit einem jungen Josef Bierbichler (mir vor allem durch Tykwers Winterschläfer und Murnbergers Der Knochenmann geläufig). Das bayrische Urgestein spielt eine Art Orakel vom Berge, alle anderen Darsteller wurden von Herzog hypnotisiert und agieren dementsprechend hölzern. Das ergibt zwar einige herrliche Szenen, muss insgesamt aber als gescheitertes Experiment angesehen werden. Wie hier hat Herzog auch später nur selten die erzählerische Wucht seiner Zusammenarbeiten mit Kinski und Bruno S. erreicht. Von seinen Spätfilmen hat mich allein Ein fürsorglicher Sohn ("My Son, My Son, What have you done?", 2009) mit Willem Dafoe und Michael Shannon überzeugt, doch ab den 90ern speiste sich sein Reputation mehr und mehr aus seinen einzigartigen Dokumentationen. In der Box sind einige frühe Beispiele enthalten, die vor allem fürs Fernsehen entstanden, am eindrucksvollsten wohl Land des Schweigens und der Dunkelheit, ein vollkommen unsentimentaler und doch mitfühlender Bericht über die blinde und taube Aktivistin Fini Straubinger. Ansonsten drehte er in den 70ern vor allem Kurzdokumentationen, am berühmtesten Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner (1974), eine Fanarbeit über einen besessenen Weltrekord-Skispringer, am skurillsten How Much Wood Would a Woodchuck Chuck (Beobachtungen zu einer neuen Sprache, 1976) über die Zungenbrecherakrobatik amerikanischer Rinderauktionäre.
Im Grunde dokumentiert und kommentiert Herzog in seinem Werk den Untergang unserer Zivilisation und ihrer Grundlagen. Sein erklärtes Ziel ist es, eine der modernen Welt angemessene Bildsprache zu finden. Vom Unterhaltungsapparat des Fernsehens hält er dagegen nicht viel. In Interviews in den 80ern rief er gar zum heiligen Krieg gegen Talkshows und Bonanzo & Co. auf (zu hören etwa in Werner Herzog Eats His Shoe). Vielleicht schätze ich seine Filme um so mehr, je älter ich werde, und je desillusionierter ich von der Standardkost im Kino bin. Das heißt nicht, dass ich jetzt auf Superhelden und Liebeskomödien verzichten möchte. Eher benötige ich ein Gegengewicht, das die realen Verwerfungen unserer Welt zeigt. Dabei muss man bei Herzog durchaus nicht auf Spannung oder Witz verzichten. Er reist in entlegene Regionen, findet dort durchaus vertraute Situationen, aber auch Menschen, die noch verrückter als er selbst sind. Meist gelingt es ihm, überraschende Wendungen und nie zuvor gesehene Bilder zu präsentieren. Dann macht es auch nichts, wenn sein Voice Over gelegentlich in esoterisches Geschwafel ausufert, wie z.B. bei seiner ansonsten grandiosen 3D-Dokumentation Die Höhle der vergessenen Träume.
In Deutschland sind immerhin zwei Blu-ray-Boxen erscheinen, eine mit den fünf Kinski-Filmen und eine ziemlich beliebig zusammengewürfelte "Werner Herzog-Edition", die neben Kaspar (in einer mit der BFI-Version vergleichbarer Bildqualität) und Ein fürsorglicher Sohn vier zwischen 1992 und 2010 entstandene abendfüllende Dokumentationen enthält. Die jüngste und beste davon, Happy People - Ein Jahr in der Taiga, hat Herzog im Grunde aus Material des russischen Regisseurs Dmitry Vasyukov zusammengeschnitten und mit seinem eigenen Kommentar versehen. Aber ohne seinen Markennamen wäre diese exotische Geschichte wohl nie in westliche Kinos gekommen.

