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Samstag, 31. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016

Kino

Wenn Jimmy Kimmel, der schon bei der Emmy-Verleihung nicht besonders aufgefallen war, am 26. Februar die Academy Awards moderiert, werden die Präsentatoren wieder von einem tollen Kinojahr schwärmen und von all seinen fabelhaften, anspruchsvollen Filmen. Leider sind mir die irgendwie entgangen. Genauso wenig kann ich die Inflation der positiven Kritikermeinungen nachvollziehen, etwa bei den Metascores. Mit Gauss'scher Normalverteilung hat das nichts mehr zu tun.

Auch das internationale Boxoffice ist immer schwieriger zu interpretieren. In den deutschen Medien wird oft schon von einem Hit gejubelt, wenn ein Film die Nummer Eins in Amerika ist. Das ist aber bei den heutigen Kosten von Blockbustern nur das erwartete Minimum. Klar ist die Dominanz von Disney, die mit Captain America, Finding Dory, Zootopia und dem Dschungelbuch (welches bestimmt niemand dort erwartet hatte) die besten Einnahmen erzielten. Weniger klar ist, dass die jeweils rund 750 Millionen Dollar Umsatz für Batman vs. Superman und Suicide Squad von DC/Warner als enttäuschend gewertet werden. Dabei muss man bedenken, dass zu einem Budget von 250 Millionen Dollar oft nochmals die gleiche Summe für Marketing rausgeworfen wird. Damit relativieren sich solche Umsatzzahlen. Nach gleicher Rechnung gilt übrigens auch Star Trek Beyond mit 343 Millionen Dollar Einnahmen als Flop. Andere Möchtegern-Blockbuster waren nur durch ihren Erfolg in China nicht ruinös, so etwa Warcraft, X-Men, Independence Day 2, Now You See Me 2, die in den USA weniger als ein Drittel ihres weltweiten Umsatzes einspielten (in China gibt es seit jüngstem mehr Kinoleinwände als in den Vereinigten Staaten). Besonders deutlich zeigt sich diese Umverteilung nach Asien in Stephen Chows chinesischem Megahit Die Meerjungfrau, der in den USA noch gar nicht gelaufen ist, aber mit 550 Millionen Dollar Umsatz weltweit bereits an der zwölften Stelle der umsatzstärksten Filme des Jahres steht.

Immerhin wurden in diesem Kinojahre eine Menge Apokalypsen abgewendet: von den X-Men, dem Suicide Squad, Batman und Superman (mit willkommener Hilfe von Wonder Woman) den farblosen jungen Leuten von Independence Day: Die Rückkehr, den Ghostbusters, und natürlich Dr. Strange, der das Magieduell des Jahres gegen Newt Scamander klar für sich entscheiden konnte. Hier ist die bescheidene Liste meiner Lieblingsfilme des Jahres:

Herausragend (9/10)

Sehr gut (8/10)

Im Gegensatz zum ungarischen Besten Fremdsprachigen Film von 2015, Son of Saul, hat mich der kolumbianische Beitrag El abrazo de la serpienta überzeugt: malerische Schwarzweiss-Bilder des (noch) unberührten Amazonasgebiets, authentische eingeborene Nebendarsteller und eine tiefschürfende spirituelle Suche, ohne allzusehr ins Esoterische abzudriften.

Ebenfalls sehenswert (7/10)

Nice Guys, Brooklyn, Bad Moms, Hail Caesar!, Ghostbusters, The Danish Girl, Whiskey Tango Foxtrot (Tina Fey, Margot Robbie in einem missverstandenen Biopic), Ein ganzes halbes Jahr (ein wunderschönes Stück Kitsch mit einer hinreißend-naiven Emilia Clarke), Money Monster (Foster-Clooney-Roberts!), American Ultra (schräger Geheimtip), Es ist kompliziert...! (Simon Pegg und Lake Bell in warmherziger RomCom), Mr. Collins' zweiter Frühling (Al Pacino als Tom-Jones-Verschnitt bezirzt Annette Bening), Der letzte Wolf (Jean-Jacques Annaud zeigt wunderschöne Bilder aus der Mongolei)

Der lausige Rest

Enttäuscht haben mich besonders mittelmäßige Filme meiner Lieblingsregisseure Woody Allen (Café Society), Jim Jarmusch (Paterson), Tom Tykwer (Hologramm für den König) und Pedro Almodóvar (Julieta). Von den vorhersehbaren Flops (Ben Hur, anyone?) habe ich mich ferngehalten, trotzdem musste ich einige Gurken ertragen:
  • Star Wars: Rogue One
    Der Film wirkt, als habe man ein Kleinkind mit einem Star-Wars-Legobaukasten spielen lassen und das Ergebnis dann zu einem Drehbuch verwurstet. Was nichts daran ändert, dass die Zuschauer wie von der dunklen Seite der Macht verführt in die Kinos drängen (These are not the thrills you are looking for!)
  • Star Trek Beyond
  • The Hateful Eight (Quentin Tarantino)

TV

Auch wenn das Fernsehen nicht der alles heilende Gegenpol zum Kino ist, als der es inzwischen verklärt wird, gab es doch einige Höhepunkte, zwei sogar für uns Deutsche: die internationalen Emmys für Deutschland 83 und Christiane Paul!



Ansonsten gab es auch beim TV viel unqualifiziertes Lob, so etwa für die Nostalgieserie Stranger Things. So sehr ich Winona Ryder liebe, so wenig hat mir ihre überzogene Darstellung darin gefallen. Den zu Recht umjubelten Jungdarstellern, besonders Millie Bobby Brown und Natalia Dyer, tut man mit den übertriebenen Vorschusslorbeeren allerdings keinen Gefallen.


Meine "alten" Lieblingsserien aus dem Genre, vielleicht die letzten, die noch als physische Medien in meinem Regal landen, laufen gerade aus. Person of Interest hat in der vorletzten Staffel immerhin noch eine Sternstunde des Fernsehens geliefert. If-Then-Else ist packende, intelligente Unterhaltung auf höchstem Niveau, nicht nur für Programmierer. Die letzte (Kurz)Staffel erscheint im Januar.



Dann laufen in den USA auch die letzten Folgen von Grimm. Dort würfeln die Showrunner nur noch aus, wer wann mit wem im Bett landet. Nachdem sich gerade Nick und Adalind gefunden haben, fehlt dann eigentlich nur noch die Paarung von Juliette und Wu...



Bei Game of Thrones erwarten uns noch 7 + 6 Folgen, von denen ich nicht mehr allzuviel erwarte. Es wird wie in Die Rückkehr des Königs eine ganze Reihe von Abschlüssen geben, denen dann aber die Doppelbödigkeit von Martins Vorlage abgeht.




Viele der Nachfolger kann ich höchstens noch als Guilty Pleasures betrachten, wobei aufgrund des schwindenden Einflusses der konservativen Senderbosse der Trend zur Skurrilität zunimmt. iZombie, Lucifer, Preacher (mit Ruth Negga, einem der Shooting Stars des Jahres), Dirk Gently machen durchaus Spaß, aber kontinuierliche Qualität erwarte ich nicht von ihnen.



Höhepunkte kamen eher aus unerwarteten Ecken, etwa durch Master of None, oder die durchwachsene, düstere Anthologieserie Black Mirror, die aus heiterem Himmel mit der schönsten Romanze des Jahres aufwarten konnte: San Junipero ist untypisch und doch sehr willkommen. Die Hauptdarstellerinnen Gugu Mbatha-Raw und Mackenzie Davis (die mir schon im Marsianer als lebhafteste Mime aufgefallen war und von Sir Ridley gleich für die unnötige Fortsetzung des Blade Runners verpflichtet wurde) empfehlen sich für Größeres.



Zum Jahreswechsel gab es dann noch Balsam in Form eines völlig unerwarteten "Weihnachtsspecials" von Sense8, das allerdings eher einen Übergang zur ab Mai verfügbaren zweiten Staffel darstellt. Trotzdem überwiegen die Wohlfühlmomente, wenn die Sensates erst Geburtstag feiern (am 8.8.), dann Weihnachten, untermalt von einer beseelten Version von Leonard Cohens "Hallelujah", und schließlich Silvester, u.a. mit dem traditionellen Feuerwerk über dem Brandenburger Tor. Schön, dass Lana Wachowski die Sache auch allein gut im Griff hat, natürlich mithilfe des Drehbuchkollegen J. Michael Straczynski.



Die Hugos


Bezeichnend für den kulturellen Grabenkampf, der gerade insbesondere in den USA ausgetragen wird, wurden die diesjährigen Hugos mehr aus politischem Kalkül als über die Qualität entschieden. Insbesondere beim Besten Roman war ich enttäuscht, denn Naomi Noviks Nebula- und Locus-Gewinner Uprooted hat mir sehr viel besser gefallen als der am Ende prämierte The Fifth Season von N.K. Jemisin. Für das kommende Jahr sind keine Änderungen in Sicht - bei mir selbst sind mit Death's End und Crosstalk leider bereits zwei mögliche Nominierungskandidaten durchgefallen. Offenbar bin ich zu anspruchsvoll.

Bei den dramatischen Präsentationen gewannen übrigens Jessica Jones und Der Marsianer (ein Film für den kleinsten gemeinsamen Nenner, der auch beim wiederholten Anschauen noch unterhaltsam ist); dem Autor der Vorlage Andy Weir wurde der Campbell-Award als bester Neuling zugesprochen.

And now their watch has ended

Peter Vaughan wird wohl immer als liebenswerter Greis in Erinnerung bleiben. Schon 1993 spielte er in Was vom Tage übrig blieb den tatterigen Vater von Anthony Hopkins; als blinder Maester Aemon und Großonkel der Drachenmutter Daenerys Targaryen lief er ein letztes Mal zur Hochform auf. Er wurde 93.



Carrie Fisher war in mehr Meilensteinen zu sehen als so mancher Superstar: Blues Brothers, Hannah und ihre Schwestern, Harry und Sally, Amazonen auf dem Mond... Ihre Mutter Debbie Reynolds wird allein schon durch ihre Hauptrolle neben Gene Kelly und Donald O'Connor in meinem Lieblingsmusical der Leinwand, Singin' in the Rain, in Erinnerung bleiben.



Er war als Shepherd Book das älteste Cast-Mitglied der Firefly, und seine Figur wurde im Kinofinale Serenity dann auch umgebracht - trotzdem werden wir Browncoats ihn vermissen: Ron Glass (1945 - 2016).



Nach Lee Hays (1914 - 1981), Pete Seeger (1919 - 2014) und Ronnie Gilbert (1926 - 2015) starb im September mit Fred Hellerman (1927 - 2016) das letzte Originalmitglied der Weavers. Sie hatten mit Goodnight Irene 1949 ihren einzigen Hit, bevor sie für ein Jahrzehnt auf McCarthys Schwarzer Liste landeten. Sie wehrten sich mit Liedern wie "Die Gedanken sind frei" und läuteten den Folk-Boom der 60er ein. Ihre Reunions wurden zu Legenden, zuletzt dokumentiert im großartigen Film (und Abschied von Lee Hays) Wasn't That A Time. Freddie produzierte u.a. Arlo Guthries Alice's Restaurant und spielte Gitarre auf Joan Baez' Debut.



Er wurde weltberühmt mit dem traumatisierenden Kinderbuch "Unten am Fluß", welches 1978 in einen Zeichentrickfilm umgesetzt wurde (Watership Down), und schrieb danach noch weitere Romane aus der (teilweisen) Perspektive von Tieren ("Shardik"). Mein Lieblingswerk von ihm ist aber der epische, unglaublich fesselnde erotische Fantasyroman Maia. Richard Adams starb am Heiligabend mit 96 Jahren.



Der tragischste Verlust des Jahres ist zweifelsohne der Tod des 27jährigen Anton Yelchin (Only Lovers Alive) durch einen dummen Unfall im vergangenen Juni.


Dienstag, 27. Dezember 2016

Carrie Fisher: 1956 - 2016

Farewell, fair princess! We loved you. You knew.


Neues von Connie Willis: Crosstalk

Die Science-Fiction-Gemeinschaft, mich eingeschlossen, liebt Connie Willis, eine von nur sechs Frauen der bislang von der US-Autorenschaft ernannten 33 Damon Knight Grand Masters (eine etwas merkwürdige Auslese - von der jüngsten Preisträgerin Jane Yolen hatte ich noch nie etwas gehört). Die Amerikanerin, die zum Jahresende ihren 71. Geburtstag feiert, gewann bislang unerreichte 11 Hugo Awards, darunter drei für die Romane "Die Jahre des schwarzen Todes" ("Doomsday Book", 1993), "Die Farben der Zeit" ("To Say Nothing Of the Dog", 1999) und "Dunkelheit/Licht" ("Blackout/All Clear", 2011). Sie spielen wie auch viele ihrer besten Kurzgeschichten im Universum der Zeithistoriker, in dem Zeitreisen eigentlich nur als Kniff dienen, um historische Epochen zu durchleuchten (die genannten Romane besuchen das Mittelalter, das Viktorianische Zeitalter und den Zweiten Weltkrieg). Mein Favorit darunter ist der (mittlere) humoristische Ausflug in die Zeit von Charles Dickens und Jerome K. Jermone, von dessen "Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund." sich der Titel herleitet.

Quelle: http://www.tor.com/2015/06/24/where-to-start-with-the-works-of-connie-willis/

Daneben schrieb Willis immer wieder zeitgenössische Geschichten mit vorsichtig eingestreuten psychologischen oder soziologischen SF-Elementen. Erwähnenswert dabei sind vor allem der düstere, fast angsteinflößende Roman "Passage" (2001) um Nahtoderfahrungen und die umwerfend komische und gleichzeitig entlarvende Novelle "Bellwether" (1996) in der Tradition von P.G. Wodehouse ("Jeeves und Wooster").

Willis' neuester Roman "Crosstalk" wirkt leider in vieler Hinsicht wie eine auf 500 Seiten aufgeblähte Version dieses kleinen Meisterwerks. Statt um die soziologische Untersuchung von Modeerscheinungen ("fads") in "Bellwether" geht es hier um die aktuelle Kommunikations-Überladung durch Smartphones und soziale Netzwerke. Er ist zwar nicht in Ich-Form geschrieben, folgt aber strikt der Perspektive der Hauptfigur Briddey, die bei der kleinen Mobiltelefonfirma Commspan arbeitet, einer direkten Konkurrentin zu Apple (nun ja...) Die junge Managerin hat gerade beschlossen, sich gemeinsam mit ihrem Fast-Verlobten Trent ein "EED" einpflanzen zu lassen, ein kleines im Nacken implantiertes Gerät, welches die emotionale Verbindung zwischen Partnern verstärken soll. Es gibt allerdings unvorhergesehene Nebenwirkungen...

Anders als in ihren sorgfältig recherchierten Geschichtsszenarien bleibt die Autorin bei der Beschreibung der Telekommunikationswelt sehr an der Oberfläche. Es werden zwar brav die einschlägigen Apps (etwa Facebook, Twitter, Whatsup und auch einige erfundene) aufgezählt und genutzt, aber bis auf diverse Dating-Sites, die bei Briddeys Schwester Kathleen für nette Komplikationen sorgen, bleibt es bei allgemeinen Beobachtungen. Noch schlimmer ist es bei der Produktforschung von Commspan, wo offenbar Hardware und Software von einigen wenigen Technikern willkürlich und fast mit dem Zauberstab vorangetrieben werden (tatsächlich benötigen Hardware-Neuerungen wegen der komplexen Produktionstechnik oft jahrelangen Vorlauf). Vom telepathisch kommunizierenden Smartphone mal ganz abgesehen...

Connie Willis neigt zu Wiederholungen, sowohl in ihrem (vergleichsweise schmalen) Gesamtwerk als auch innerhalb ihrer Erzählungen. Das ist natürlich Geschmackssache, auch Wodehouse variiert in "Jeeves und Wooster" eigentlich die gleiche Geschichte wieder und wieder. In diesem Fall ist es mir aber auf die Nerven gegangen (wie teilweise auch schon in "Blackout/All Clear"). Briddey erscheint wie eine dümmere, attraktivere Version ihrer typisch neurotischen Vorgängerinnen - keine gute Kombination. Viel erfährt der Leser nicht über sie - sie ist ein klassicher Rotschopf, stark mit ihrer irischen Familie verbunden, anständig, aber naiv, wenn auch offenbar patenter als ihre beiden Schwestern Kathleen und Mary Clare. Nicht klargeworden ist mir, was eigentlich bei Commspan ihre Aufgabe ist. Sie wird wohl keine einfache Sachbearbeiterin sein, denn sie kann auf Assistentinnen zurückgreifen, zum Führungsstab (wie Trent) gehört sie aber auch nicht.

Auch ein weiteres Stilmittel der Autorin geht hier nach hinten los. Die "Überraschungen" werden so weit voraus telegraphiert, dass es weniger spannend als entnervend ist, bis die Figuren den Wissensstand der Leser einholen. Wie die Liebesgeschichte endet, sollte Willis-Kennern schon im ersten Kapitel klar sein. Und richtig Fahrt nimmt die Geschichte erst im letzten Drittel auf, bis dahin muss man schon einiges an Geduld und Wohlwollen aufbringen. Bezeichnend ist vielleicht, dass die interessanteste Figur Briddeys neunjährige, neunmalkluge Nichte Maeve ist. Mal davon abgesehen, dass auch 9jährige Wunderkinder nicht binnen Stunden eine neue Firewall programmieren können, schildert Willis doch recht überzeugend die widersprüchliche Gefühlswelt der munteren, hochbegabten Tochter von Mary Clare. Maeve schaut zwar liebend gern Zombie-Splatter, ist daneben aber doch in Disneys Tangled (2010, mit dem dämlichen deutschen Titel "Rapunzel - Neu verföhnt") vernarrt, welches immerhin mit einer selbstbewussten jungen Heldin aufwarten kann. Wie schnell ansonsten Popkultur-Referenzen veralten können, zeigt übrigens die Erwähnung von Brangelina, die bei Willis zu den ersten Stars mit EEDs gehören, in der wirklichen Welt aber bereits Vergangenheit sind.

So setzt sich mit "Crosstalk" für mich ein Qualitätsverlust fort, der schon mit dem Vorgänger-Romanduo "Blackout/All Clear" begann. Mit den genannten Abstrichen finde ich den Band immer noch lesenswert, aber ich kann verstehen, dass viele hier nur noch querlesen. Für eine erneute Hugo-Nominierung sollte das eigentlich nicht genügen. Der Preis der Kindle-Edition wurde gerade auf ein vernünftiges Maß reduziert. Sie enthält Amazons raffiniertes elektronisches Personen- und Begriffsverzeichnis X-Ray, welches mir soeben noch beim Zusammensuchen der Personennamen geholfen hat.

Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutscher Emmy-Gewinner: Deutschland 83

Alle jubeln im Moment über Maren Ades Toni Erdmann: Nominierung für den Golden Globe, Europäischer Filmpreis, Oscar-Favorit. Auch bei vielen amerikanischen Kritikern findet sich das peinlich-komische Drama oft in der Top10 der besten Filme von 2016. Ach, wenn mir das Ding doch nur gefallen hätte!


Es gibt aber in diesem Jahr noch einen weiteren deutschen Triumph, wenngleich nur auf der Mattscheibe. Erstmalig ging der seit 2002 vergebene internationale Emmy für die beste Drama-Serie nach Deutschland (die Verleihung erfolgt unabhängig von den Preisverleihungen der US-internen Primetime Emmys und Daytime Emmys).  In dieser Kategorie gaben bislang die Dänen, Briten (BBC, etwa Life on Mars) und Franzosen (Canal+, etwa Les Revenants) den Ton an. Nun reiht sich hier die RTL-Serie Deutschland 83 ein. Vielleicht gibt es kein besseres Indiz dafür, wie tot das deutsche Fernsehmodell wirklich ist: Schon vor der Erstausstrahlung hierzulande wurde die Serie in die USA verkauft, wo sie erfolgreich mit englischen Untertiteln lief. Bei RTL dagegen gab es Ende 2015 nur dürftige Einschaltquoten. Zum Glück gibt es inzwischen Alternativen - Amazon Prime zeigt alle acht Folgen der ersten Staffel und hat auch schon eine Fortsetzung in Auftrag gegeben ("Deutschland 86"), die übernächstes Jahr zu sehen sein wird.



1983 war ein spannendes Jahr in der deutschen Geschichte: Nachrüstungsbeschluss, Friedensbewegung, zunehmende Spannungen zwischen den Großmächten. Dies erleben wir aus der Perspektive des naiven 24jährigen NVA-Soldaten Martin Rauch, der als Oberleutnant Stamm in den Führungszirkel des Bonner Generals Wolfgang Edel eingeschleust wird. Hier soll er Informationen über die Pläne der NATO sammeln, denn die sowjetische Führung befürchtet einen Erstschlag des Westens. Im wesentlichen gibt es nun zwei Handlungsebenen. Im Zentrum stehen Martins Spionageabenteuer in Bonn und Brüssel, bei denen er der Familie des Generals auch privat näher kommt: Sohn Alex ist ein Offizierskamerad mit Sympathie für die Friedensbewegung, Tochter Yvonne gar Mitglied einer pazifistischen Kommune. Währenddessen erfährt Martins Freundin Annett in Ost-Berlin, dass sie schwanger ist, und kümmert sich um seine nierenkranke Mutter, die zudem wegen ihrer Vorliebe für westliche Literatur (Orwells 1984) in Konflikt mit der Stasi kommt (diese Handlungsebene wirkt leider ein wenig schematisch).



Natürlich hätte niemals ein DDR-Soldat ohne besondere Ausbilung über längere Zeit einen westdeutschen Offizier verkörpern können. Aber wenn man einmal die unmögliche Voraussetzung geschluckt hat, macht die Geschichte sehr viel Spaß, und man lernt nebenbei noch einiges über die historische Situation (oder frischt die eigene Erinnerung auf). Tatsächlich gilt das NATO-Manöver Able Archer als eine der kritischsten Situationen des Kalten Krieges. Wie schön zu wissen, dass ein kleiner DDR-Spion den drohenden Atomkrieg gerade noch abwenden konnte;-) Und wenn am Ende kurz das freundliche Gesicht des jungen Gorbatchov eingeblendet wird, werfen positive Entwicklungen ihre Schatten voraus, auch wenn damit die reale Bedrohung der Periode vielleicht ein wenig verharmlost wird. Und sicher war die Friedensbewegung nicht, wie in der Serie behauptet, ein von der Stasi gelenkter Haufen von Spinnern. Vor einen solchen Karren hätten sich Willy Brandt und Heinrich Böll nicht spannen lassen. Aber ansonsten wird die Stimmung der Zeit schon sehr deutlich.



Es ist schon geschickt, wie immer wieder Fernsehreden von Reagan, Kohl und Honecker eingeblendet werden, jeweils aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven der Tagesschau und der Aktuellen Kamera (in der UdSSR hatte gerade für kurze Zeit Yuri Andropov das Sagen, was ich selbst nachschlagen musste). Dazu kommen die sorgfältig recherchierte Ausstattung, authentische Kostüme. und liebevolle Details wie einer der ersten Sony-Walkmen oder eine 5 1/4-Zoll-Diskette. Letztere sorgt für viel Vergnügen, denn im Osten gab es noch gar keine passende Hardware, um den darauf vermuteten Geheimbericht auszulesen. Die wichtigste Verwurzelung ins Jahr 1983 bietet aber die Musikauswahl. Das beginnt am offensichtlichsten mit Nenas 99 Luftballons und Fischer Z's Berlin, wirkt manchmal etwas unbeholfen integriert, etwa Bowies China Girl nach Martins Prügelei mit einer asiatischen Spionin (ja, an Action fehlt es nicht), überrascht aber gern mit fast vergessenen "Klassikern" der Neuen Deutschen Welle (Fehlfarben, Ideal) und der britischen New Wave (Duran Duran, The Cure). Udo Lindenberg, dessen herrlicher Sonderzug nach Pankow damals tatsächlich im Radio rauf- und runterlief, bekommt dabei Extrawerbung (wer wäre schon drauf gekommen, wie gut sich Honecker auf "lecker" reimt - Yvonne Edel darf den Rocker sogar als Background-Sängerin nach Ost-Berlin begleiten). Ich persönlich war damals eher von BAP geprägt (Zehnter Juni, Wenn et Bedde sich lohne däät), das mag aber meiner rheinländischen Herkunft geschuldet sein.



Insgesamt hat Deutschland 83 im besten und im schlechtesten Sinn das Niveau amerikanischer Serien. Im besten Sinne, weil es Mut zur Unterhaltung hat, die Geschichte von den Figuren her aufbaut und sich nie zu ernst nimmt, im schlechtesten, weil oft Nuancen zugunsten von Schockeffekten geopfert, die Seifenopernelemente übertrieben und einfach zu viele Zutaten verwurstet werden. Mussten denn wirklich noch AIDS und der berüchtigte Terrorist Carlos in den Mix? Musste Martin in Bond-Manier wirklich von einem Bett ins nächste hüpfen? Für meinen Geschmack gab es auch ein paar Leichen zu viel, mit wenig Konsequenzen (auch in dieser fernen Vergangenheit kannte die deutsche Polizei schon Fingerabdrücke).



Gelungen ist auch die Besetzung mit einer Mischung aus erfahrenen Stars und vielversprechenden Jungdarstellern. Zunächst aber ein paar Worte zu den Leuten hinter der Kamera. Erfunden und hauptsächlich verfasst wurde die Serie von Anna LeVine Winger und Jörg Winger, über die die IMDB nicht viel hergibt. Ich kann nur vermuten, dass die beiden ein Ehepaar sind, bei RTL gibt es immerhin ein fünfminütiges Interview mit den beiden, für welches man allerdings vier (4!) Werbespots ertragen muss. Regie führten die TV-erfahrenen Edward Berger und Samira Radsi. Es scheint, dass das Projekt so ziemlich quer zu allen deutschen Fernsehkonventionen entstand, auch wenn am Ende mit Nico Hofmann ein seit Jahrzehnten erfolgreicher Produzent hinzukam.



Den "älteren" Stars (meiner Generation) merkt man die Freude an ihren vielschichtigen Rollen an. Da ist Maria Schrader als Martins Tante Lenora. Seit ihrem Durchbruch mit Doris Dörries Keiner liebt mich (1994) wird sie zumindest von den Zuschauern geliebt, und sie steuert die Stasi-Funktionärin gekonnt zwischen Sympathie und ideologischem Pflichtbewusstsein. Als ihr Vorgesetzter Schweppenstette (wunderbarer Name) ist Sylvester Groth, der schon in Codename U.N.C.L.E. und Sense8 den Schurken gab, auch hier weitaus skrupelloser, zeigt am Ende aber doch menschliche Schwächen, zumindest für Martins Mutter ;-) Dazu kommt Alexander Beyer (Sonnenallee, Good Bye Lenin) als schmieriger Bonner Professor und Leitfigur der westdeutschen Friedensbewegung. Auf der anderen Seite ist Ulrich Noethen als General Edel hervorzuheben, ideologisch zerrissen, von seiner Familie gebeutelt. Noethen ist mir seit seiner Rolle als Harry Frommermann in den Comedian Harmonists ans Herz gewachsen; im international berühmten Untergang spielte er Heinrich Himmler.



Das wäre alles nur Beiwerk ohne einen starken Hauptdarsteller, und den hat man im inzwischen 26jährigen Jonas Nay gefunden, der mir wie seine jungen Kollegen unbekannt war, aber offenbar schon seit zehn Jahren im Geschäft ist. Er vermittelt die notwendige Naivität, aber auch genug Kompetenz, dass man ihm seine Spionageeskapaden immer wieder abnimmt. Als Alex Edel steht ihm der zwei Jahre ältere Ludwig Trepte zur Seite (dessen Credits sogar bis 2001 zurückgehen), mit der vielleicht besten Leistung der Nebendarsteller in einer schwierigen Rolle. Bei den jungen Frauen hat mich Sonja Gerhardt als Martins zurückgelassene Freundin am meisten überzeugt. Annett glaubt verbissen an die Ideale der DDR und wird schnell als Spitzel rekrutiert. Erst gegen Ende begreift sie ein wenig, was sie da eigentlich angerichtet hat. Stark war auch die 1983 geborene Nikola Kastner als NATO-Sekretärin, die sich mti traurigen Konsequenzen von Martin verführen lässt. Am schwächsten ausgeführt ist die Generalstochter Yvonne, sie tut das, was der Handlung dient. Lisa Tomaschewsky ist zwar hübsch anzusehen, wirkt in dieser Rolle aber eher hohl.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Bei mir nicht angekommen: Arrival (5/10)

Die 1998 veröffentlichte Novelle The Story of Your Life des New Yorkers Ted Chiang (Jahrgang 1967) ist eine kluge Reflexion über die Wahrnehmung von Zeit. Am Tag vor dem Kinobesuch habe ich sie mit Begeisterung innerhalb einer Stunde verschlungen und freue mich schon auf die weiteren Geschichten der Sammlung, die zum akzeptablen Preis für den Kindle erhältlich ist. Etliche davon gewannen Preise, darunter den Hugo, den Nebula und den Theodore Sturgeon Award (wie schon der Name sagt, ein prestigegeladener Preis für SF-Kurzgeschichten).



Die Linguistin Louise Banks war maßgeblich beteiligt an der Entschlüsselung der Heptapod-Sprache, im Team mit dem Physiker Ian Donnelly. Die Schiffe der Aliens waren eines Tages da, es gab Kommunikationsversuche, und dann waren sie wieder verschwunden. Es stellt sich heraus, dass ihre Schriftsprache nicht linear, sondern zirkulär ist - selbst komplizierteste Zusammenhänge können mit einem einzigen komplexen Symbol dargestellt werden, welches ohne Beginn und Ende geformt wird. Was folgt, kennt eigentlich jeder, der sich intensiv mit einer Fremdsprache beschäftigt hat: Louise beginnt wie Heptapods zu denken und sogar zu träumen; ihre Studien verändern ihre Art zu denken. Entsprechend ist Chiangs Erzählung aufgebaut. In kurzen Zwischenkapiteln erzählt Louise ihrer Tochter, die mit 25 sterben wird, ihr Leben, und zwar in der Zukunftsform. Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Struktur zu interpretieren. Vielleicht reflektiert sie einfach nur den Standpunkt des allwissenden Autors, für den alle Ereignisse seiner Geschichte gleichzeitig präsent sind. Oder sie demonstriert die Funktion der menschlichen Erinnerung, die für den Ablauf von Erlebnissen immer wieder einen neuen Rahmen konstruiert. Oder Louise kann tatsächlich in die Zukunft blicken bzw. ihren Lebenslauf auf einen Blick erfassen...



Leider reduziert der Film diese Optionen buchstäblich auf die dritten Möglichkeit. Spätestens als im letzten Drittel des Films genau dieser Satz fällt: "Louise kann die Zukunft sehen", hat er bei mir verloren (danach muss sie mittels dieser "Fähigkeit" auch noch die Welt retten). Bereits zuvor gibt es problematische Abweichungen (nicht Erweiterungen) von der Vorlage, aber mit diesem Satz verrät der Film die Eleganz und die Mehrdeutigkeit der Novelle. Dabei gibt es in der ersten Hälfte durchaus interessante Aspekte. Regisseur Denis Villeneuve und sein Team verstehen ihr Handwerk. Die Ankunft der Aliens wirkt bombastisch überhöht, aber die Einführung von Louise und die Beschränkung der Perspektive auf sie selbst gibt den Bildern zunächst etwas schön Intimes. Insbesondere mittels Kameraführung und geschicktem Sound Design erleben wir die Geschehnisse durch Louises Augen und Ohren, so ihre anfängliche Panikattacke im ungewohnten Schutzanzug.



Der ist übrigens eine der wenigen hübschen Auskleidungen des ersten Kontakts. Auch die Fremdartigkeit der Aliens ist zunächst überzeugend und spannend. Dann aber geht alles viel zu schnell, Es ist, als ob Regie und Drehbuch (von Eric Heisserer, bisher vor allem bekannt durch eine jämmerliche dritte Version von Das Ding aus einer anderen Welt) plötzlich Angst vor ihrem eigenen Quellmaterial bekommen hätten. Dabei hätte ich mir eine faszinierende linguistische Abenteuerreise vorstellen können. Stattdessen werden die Fakten der eigentlich schmalen Vorlage noch gekürzt  (immerhin wurde die erheiternde Känguruh-Anekdote übernommen). Im Buch gibt es einen Durchbruch, als die Physiker den Heptapods das Prinzip der Lichtbrechung präsentieren. Diese kann nämlich auch so interpretiert werden, als ob das Licht gleichzeitig Start- und Endpunkt "kennt" und darauf beruhend den kürzesten Weg sucht (Minimierung des Weges - Fermatsches Prinzip). Das Buch bietet dazu eine kleine Illustration - was hätte man auf der Leinwand daraus machen können! Stattdessen wird die Intelligenz des Zuschauers mit der fast unmittelbaren Interpretation von Tintenklecksen beleidigt. Damit niemand das merkt, gibt es kurz darauf die ersten Explosionen, und es wird ein dramatisches Weltgeschehen dazuerfunden.



Eine weitere problematische Abweichung ist, dass Louises Tochter hier nicht durch einen Kletterunfall mit 25 stirbt, sondern als Teenager an einer seltenen Krankheit. Das zielt völlig an der Intention des Autors vorbei und hätte zumindest mit einer tiefergehenden Erörterung rechtfertigt werden müssen. Wenn Louise wirklich banal "in die Zukunft sehen" könnte, hätte sie nach der Logik der Filmemacher einen Unfall schließlich verhindern können. Die Novelle kann man aber auch so interpretieren, dass die Erinnerung an 25 Jahre als Mutter den Verlust am Ende aufwiegen (der Vater sieht das offenbar anders). Mehr noch als im Buch ist die Tochter hier eine flüchtige Erscheinung. Noch mehr marginalisiert wird allerdings ihr zukünftiger Vater Ian ("Hawkeye" Jeremy Renner), und dann wird noch der Grund für die Trennung ausbuchstabiert. Der Physiker macht Louise im Film übrigens irgendwann ein "Kompliment", ihre Untersuchungen wären fast mathematisch. D'oh! Die meisten Linguisten sind heute mathematisch gebildet, denn gerade Spracherkennung und automatische Übersetzung beruhen auf mathematischen Prinzipien. Dass ausserdem Forest Whitaker und Michael Stuhlbarg mitspielen, ist kaum erwähnenswert.



Trotz aller Erklärungen hat etwa die Tagesspiegel-Rezensentin nicht einmal begriffen, dass die Geburt der Tochter NACH dem Abzug der Heptapods erfolgte. Demzufolge scheint mir Arrival weder für SF-Fans noch für Laien geeignet. Daher ist mir der Erfolg bei Kritik und Publikum umso unerklärlicher: Mit einem Metascore von 81 und einem IMDB-Durchschnitt von 8,4 ist dies der Kritikerliebling des Jahres; in der IMDB konnte sich im laufenden Jahr nur Mel Gibsons platt-religiöses Kriegsdrama Hacksaw Ridge höher platzieren. Mit Mühe habe ich bei den Fünf Filmfreunden eine Kritik gefunden, die meine Meinung bestätigt (ansonsten fanden etliche Zuschauer den Film langweilig, was ich wiederum nicht nachvollziehen kann). Auch mit anderen umjubelten Filmen von Villeneuve (Sicario, Prisonders) konnte ich nichts anfangen - für mich ist er ein geschickter Manipulator mit fragwürdiger Sichtweise. Es ist so schade, dass es schon wieder eine solch fadenscheinige filmische Repräsentation der Science Fiction gibt. Letztes Jahr war immerhin Ex Machina vorzeigbar, eine kleine Geschichte, die sich selbst nicht zu ernst nahm, aber auf kluge Weise zum Thema Künstliche Intelligenz beitragen konnte. Arrival dagegen ist bei mir einfach nicht angekommen. Wegen einiger hübschen technischen Aspekte und einer fesselnden Amy Adams in der Hauptrolle gerade noch Annehmbar (5/10).