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Sonntag, 29. März 2015

Gentleman der Folkgitarre: John Renbourn 8.8.1944 - 26.3.2015

1998 durfte ich ihn live erleben, beim ersten Open Strings Festival in Osnabrück. Da wirkte er schon älter als seine 54 Jahre, mit schütterem grauen Haupthaar, passendem Kinnbart und diesem vom Leben gezeichneten, ungemein sympathischen Gesicht. Man munkelte, er habe sich Mut antrinken müssen, um sich vor das Fachpublikum zu trauen. Das war natürlich unnötig - er war damals bereits eine Legende, und sein Gitarrenspiel floß elegant wie eh und je. Den einen oder anderen falschen Ton hat man ihm gern verziehen, seine launischen Ansagen machten das spielend wett. Einige waren enttäuscht, daß er den Workshop am nächsten Tag für einen musikhistorischen Vortrag nutzte - aber alles andere wäre vor über hundert interessierten Hobbypickern auch wenig praktikabel gewesen. So erzählte er von den frühen Londoner Tagen, vom britischen Folk-Revival, von Davey Graham und Bert Jansch. Davon, wie er sich vom klassischen Wechselbass-Spiel (er illustrierte das mit ein paar Takten von Janschs großartigem "Needle of Death") zu lösen lernte, unter dem Einfluß u.a. von Grahams "Anji" (mit seiner unabhängigen Basslinie), wie er zunehmend horizontal (in Melodie- und Basslinien) statt vertikal (rein harmonisch) zu arrangieren versuchte.

Geschichte war ihm schon immer wichtig. Er löste sich schnell von seinen Blues-Wurzeln (die man in seinen frühen Aufnahmen mit Sängerin Dorris Henderson hören kann), "erfand" in seinen Duos mit Kumpel Bert Jansch den neuen Gitarrenstil des "Folk Baroque" und bestimmte schnell selbst die Geschichte der Folkgitarre, spätestens als er gemeinsam mit Bert Jansch, der exquisiten Soparanistin Jacqui McShee, dem unvergleichlichen Danny Thompson am Kontrabaß und dem vielseitigen Perkussionisten Terry Cox "The Pentangle" gründete, eine Supergruppe des Folk, bevor eine solche Definition denkbar war. Zwischen 1967 und 1973 nahmen sie sechs Alben auf, tourten die Welt und hatten für Folk-Verhältnisse einen erstaunlichen kommerziellen Erfolg.

"The Pentangle" waren für Renbourn aber nur eine von vielen Stationen, und so war er an der Reunion in den 80ern nur kurz beteiligt und wurde dann durch Mike Piggott und später durch Peter Kirtley ersetzt. Stattdessen beschäftigte er sich mit Renaissance-Musik (die er bereits 1968 auf seinem Album "Sir John Alot" für Stahlsaiten bearbeitete) und spielte in vielen verschiedenen Ensembles, so etwa in der John Renbourn Group, wieder mit Jacqui McShee, dazu kamen in einer Mischung aus Mittelalter und Moderne Flöten, Dudelsäcke, Krummhorn, Dulcimer und Tabla. Und immer wieder pflegte er mit Freunden die Kunst des Gitarrenduos, so mit Stefan Grossman, Robin Williamson (von der Incredible String Band), Duck Baker und John James. Erst 1992 kam es anläßlich des 65. Geburtstags von Derroll Adams ("Anniversary") zu einer erneuten Zusammenarbeit mit Bert Jansch und Danny Thompson.

Anders als Bert Jansch und besonders Wizz Jones (mit dem er kurz vor seinem Tode noch die Bühne teilte) mit ihren dröhnenden Bässen verzichtete der ursprünglich klassich ausgebildete Renbourn oft sogar auf den Daumenring und erreichte einen für Stahlsaiten sehr ausgewogenen Klang. Dazu paßte seine zurückhaltende, sanfte Singstimme, die sich gut in die Chorgesänge seiner Ensembles einpaßte, mit der er aber auch gern traditionelle Balladen zum Vortrage brachte. Zu seinen späten Lieblingsstücken gehörten etwa die Geschichte des Polarforschers Lord Franklin oder Great Dreams From Heaven (mit etwas dümmlichem Text, aber schönen Improvisationsmöglichkeiten). Anders als der bereits 2011 verstorbene Bert Jansch (der für mich ein überragender Songwriter war) komponierte er aber selten Lieder. In seinen Instrumentaltiteln bewegte er sich stilistisch scheinbar mühelos zwischen Folk und Jazz, Dowland und Mingus, ob in Eigenkompositionen oder Arrangements. Sein instrumentales "The Hermit" von 1976 ist für mich eines der schönsten und bedeutendsten Gitarrenalben überhaupt, er zeigt dort alle Register seines Könnens. Einzigartig ist seine Bearbeitung von Randy Westons Klavierstück "Little Niles", die in den letzten 20 Jahren zu seinem Standardrepertoire gehörte (leider hat die GEMA damit ihre Probleme...)


Renbourns Privatleben war wahrscheinlich ähnlich chaotisch wie sein professioneller Output. Laut seinem Nachruf hinterläßt er drei (vermutlich erwachsene) Kinder. Die Nachricht von seinem Tod verbreitete sein Manager. Die gut 30 CDs, die ich zu ihm in meinen Regalen finde, sind kunterbunt gemischt: Studioalben großer Verlage, Shanachie-Wiederveröffentlichungen, eine Aufnahme, die innerhalb von zwei Tagen in Japan entstand ("So early in the spring"), eine wunderbare DVD-Audio des schönsten Pentangle-Albums "Basket of Light". Eine Besonderheit ist die letzte (ursprüngliche) Pentangle-LP "Solomon's Seal", die ich dereinst auf Vinyl erstanden hatte, denn eine CD-Veröffentlichung erschien unwahrscheinlich - die Mastertapes waren nicht auffindbar. Erst vor einiger Zeit fand der gute John die Bänder wieder - er hatte sie all die Jahre als Stütze für sein Harmonium genutzt ;-)

Hier noch einige weitere Links:

Samstag, 28. März 2015

Tu felix Austria: Das ewige Leben (8/10)

Jetzt ist schon wieder was passiert. Diesmal liegt allerdings zunächst kein Kriminal-, sondern ein Sozialfall vor. Brenner erfährt beim Arbeitsamt, daß er noch bis 83 arbeiten muß, um die Mindestrente zu erreichen. Was hat der Privatdetektiv die letzten acht Jahre gemacht? Er war selbständig, hat allerdings keine Einkommenssteuer gezahlt. Mag daran liegen, daß nix reingekommen ist. Jetzt bleibt ihm nur noch das verfallene Elternhaus in Graz, das allerdings bereits besetzt ist, als er ankommt. Aber die Katze stört es nicht, daß es reinregnet, und hielt es bisher auch nicht für nötig, sich Strom beim Nachbarn auszuleihen, um knisternde Vinylplatten anzuhören. Die Sache nimmt Fahrt auf, als Brenner bei einem Migräneanfall statt des unwillkommenen Hausgastes versehentlich sich selbst anschießt. Er wacht mit Amnesie im Krankenhaus auf und beginnt, den Mordversuch an sich selbst zu untersuchen. Tatwaffe: eine Walther PKK (Bond läßt nicht grüßen), von der auch einige Jugendfreunde Exemplare besitzen...

Das Ewige Leben ist bereits Brenners vierter verfilmter Fall, adaptiert nach ausgewählten Romanen von Wolf Haas, dessen erfolgreiche Krimireihe bereits acht Bände umfaßt. Haas war neben Regisseur Wolfgang Murnberger und Hauptdarsteller Josef Harder auch jeweils am Drehbuch beteiligt. Während der starke erste Teil Komm, süßer Tod 2000 noch als (wenngleich tiefschwarze) Komödie daherkam, wurde es bereits mit Silentium (2004) und Der Knochenmann (2009) zunehmend zynisch und düsterer. Nun sind weder viel Krimi noch Komödie übriggeblieben, dafür gibt es ganz viel Weltschmerz eines desillusionierten Mittfünfzigers, mit einigen nostalgisch-verschwommenen Jugenderinnerungen als Rückblenden. Trotzdem scheint immer noch Brenners störrischer Humor durch, was auch dank eines kleinen Lichtblicks am Ende dann doch keine allzu deprimierende Tragödie ergibt.

Der Kabarettist Josef Hader, in seinem Nebenberuf bereits 1993 als Gesundheitsinspektor in der schönen Satire Indien (nach seinem eigenen Bühnenstück) bekannt geworden, ist in seiner Heimat ein Star. In Deutschland laufen seine Filme in Schuhschachtelkinos. Das ewige Leben lockte in der ersten Woche hierzulande gerade 26.000 Zuschauer, hiesige Kinogänger haben halt eher Honig im Kopf. Vergleichbare deutschsprachige Qualitätsware kenne ich sonst nicht (wenngleich ich mir gelegentlich Untertitel gewünscht hätte, um dem Grazer Schmarrn besser folgen zu können). O glückliches Österreich! Sehr gut (8/10).

Samstag, 21. März 2015

Bond auf Acid: Kingsman (8/10)

Mit der Agentenkomödie Kingsman schenkt uns Regisseur Matthew Vaughn den ersten Knaller des Kinojahres. Und nachdem Colin Firth ja bereits Königsrollen hatte, darf er im zarten Alter von 55 Jahren nun zur Abwechslung mal als Actionheld Harry Hart glänzen. Dabei erinnert er mit britischem Understatement und präzisem Timing (u.a. in der Bedienung eines tödlichen Regenschirms) am ehesten an meinen Lieblingsbond Roger Moore. Dabei nehme ich gern hin, daß in Sir Colins Actionszenen wie weiland bei Sir Roger oftmals die Stuntdoubles deutlich zu erkennen sind.
Im Zentrum des Films steht allerdings der junge Kingsman-Anwärter Eggsy, den der 25jährige Neuling Taron Egerton mit überzeugendem Prol-Akzent und in amüsantem Kontrast zu seinem distinguierten Mentor Hart darstellt. Die supergeheime, internationale Spionageorganisation "Kingsman" hat sich zwar der Weltrettung verschrieben, rekrutiert ihre Agenten allerdings bevorzugt aus der Oxbridge-erzogenen Oberschicht und schwelgt in Codenamen, die der klassischen Tafelrunde entnommenen sind: Hart ist Galahad, der EDV-Mann (Mark Strong) Merlin, und der unermüdliche, gerade 82 gewordene Sir Michael Caine natürlich Arthur (in seiner laut IMDB 155. Rolle). Aber auch im Vereinten Königreich geht das Mittelalter langsam seinem Ende zu, und so darf sich um den freigewordenen Lancelot-Sitz neben einigen aristokratischen Schnöseln und dem Kuckucksei Eggsy auch die junge, immerhin wohlerzogene Roxy bewerben, besetzt mit der ebenfalls bisher unbekannten, erfrischend natürlichen 24jährigen Sophie Cookson.

Kein Spionagefilm kann ohne passende Schurken punkten, und Kingsman präsentiert uns ein beeindruckend böses Pärchen. Als ausführende Tötungsmaschine Gazelle mit prothetischen, tödlich scharfen Unterschenkeln tanzt die aparte Algerierin Sofia Boutella den Königsmännern auf der Nase herum und hätte bestimmt selbst den unlängst verstorbenen "Beißer" Richard Kiel schwer beeindruckt. Ihr Boss ist niemand anderes als Samuel L. Jackson, anderweitig auch als Nick Fury bekannt, hier herrlich abgedreht als Milliardär Valentine mit ökologisch korrektem Weltvernichtungskomplex, lispelnder Stimme und einer Blutphobie.

Ist Kingsman nun der bessere Bond? Keinesfalls würde ich den Film als Parodie sehen. Zwar erweist er den Bond-Filmen seine Referenz. So kommt auch hier jedes der eingeführten Hitech-Gadgets im Finale zum Einsatz. Aber natürlich würde die Queen (oder M - aber egal, Judy Dench ist ja beides) niemals eine Lizenz zum Töten an einen 25jährigen ausgeben. Und der Comic-Vorlage (Verzeihung: dem graphischen Roman) von Mark Millar (Text) und Dave Gibbons (Illustrationen) ist ein leichterer Ton geschuldet, mit überdeutlicher Übersteigerung der Realität: eher Ballett als Walzer. Auf diese Achterbahnfahrt muß man sich übrigens einlassen, denn je mehr man später über die Handlung nachdenkt, desto weniger Sinn ergibt sie. So akzeptiere ich gerade noch, daß Eggsy nach wenigen Monaten Training zum Überagenten wird. Daß der kugelsichere Anzug selbst unter Dauerbeschuß seine Bügelfalten nicht verliert, halte ich dann doch für zu weit hergeholt. Leider sind neben trockenen Einzeilern, vielleicht als Tribut an die Hangover-Generation, einige unnötig derbe Witzchen eingestreut, auf die ich persönlich verzichten könnte und die bei Bond sicher auch nichts zu suchen hätten.

Der gerade erst 44jährige Engländer Matthew Vaughn war bereits als Produzent u.a. der Gangsterfilme seines Freundes Guy Ritchie bekannt, als er 2004 mit Layer Cake (7/10, mit Daniel Craig) sein überzeugendes Regiedebut gab. Er war danach im Gespräch für den ersten Craig-Bond, woraus aber nichts wurde - er ist wohl bis heute aus mehr Projekten ausgestiegen, als er durchgezogen hat. Seine kongeniale Inszenierung von Neil Gaimans Der Sternwanderer ("Stardust", 2007, 9/10) ist für mich immer noch das schönste Leinwandmärchen der letzten zehn Jahre. Übrigens hat er darin Robert De Niro sein Image ähnlich  wunderbar auf die Schippe nehmen lassen wie nun Samuel L. Jackson. Es folgte 2010 mit Kick Ass (3/10) seine erste Adaption (mit Kollegin Jane Goldman) eines ziemlich abgedrehten Mark-Millar-Werkes, mit welcher ich aber nicht viel anfangen konnte. Dann sollte er eigentlich die dritte X-Men-Folge inszenieren, das klappte aber nicht (schade: jeder hätte einen besseren Job als Brett Ratner abliefern können). Dafür zeichnete er dann in Zukunft ist Vergangenheit verantwortlich für die Einführung einer neuen X-Men-Generation. Das wirkte zwar noch etwas mechanisch und gestelzt im Versuch, jüngere Versionen der ikonischen Vorbilder zu etablieren, führte aber immerhin zum herausragenden Treffen der Generationen vom letzen Jahr (wo er nur noch als Autor beteiligt war, weil Meister Bryan Singer das Ruder wieder übernommen hatte).

Angeblich leidet Vaughn am Hyperaktivitätssyndrom ADHD, was ihm bei Actionfilmen heutzutage vielleicht eher zum Vorteil gereicht. Privat ist er übrigens mit einer gewissen Claudia Schiffer verheiratet (die beiden haben drei Kinder). Professionell hat er mit Kingsman einen weiteren Höhepunkt erreicht. Sehr gut (8/10).

Montag, 23. Februar 2015

Mein Oscar-Tip 2015

In diesem Jahr findet sich bei durchaus guten Beiträgen kein einziger herausragender Kandidat. Die Akademie hat sich keinen Gefallen damit getan, den unterhaltsamsten und erfolgreichsten Film von 2014 fast vollständig zu ignorieren. Guardians Of The Galaxy stand gerade mal für Makeup und Visuelle Effekte auf dem Wahlzettel. Mit einem gewissen Konsens wird die Einzigartigkeit von Boyhood anerkannt, was Regisseur Richard Linklater mit ziemlicher Sicherheit einen Oscar einbringen wird. Aber ob die Mehrheit dies auch als "Besten Film" honoriert, ist noch offen. Zum einen könnte ein von den Medien aufgeputschtes kollektives schlechtes Gewissen (wegen fehlender Nominierungen schwarzer Darsteller und der Regisseurin) der Martin-Luther-King-Biographie Selma zum Sieg verhelfen, zum anderen ein falscher Patriotismus Clint Eastwoods American Sniper (das ist aber unwahrscheinlich). Theoretische Chancen hat auch der von der Kritik geliebte Birdman.

Bester Film


Mein Tip und mein Favorit: Boyhood

Beste Regie

Alejandro González Iñárritu - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit
Richard Linklater - Boyhood
Bennett Miller - Foxcatcher (3/10)
Wes Anderson - Grand Budapest Hotel
Morten Tyldum - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben

Mein Tip und mein Favorit: Richard Linklater

Bester Hauptdarsteller

Steve Carell - Foxcatcher
Bradley Cooper - American Sniper
Benedict Cumberbatch - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
Michael Keaton - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit
Eddie Redmayne - Die Entdeckung der Unendlichkeit 

Mein Tip: Eddie Redmayne
Mein Favorit: Benedict Cumberbatch, aber auch für Michael Keaton würde ich mich freuen

Manchmal wundert man sich, wie Spencer Tracy (den viele für den besten Filmschauspieler des 20. Jahrhunderts halten) zu seinen zwei Oscars kam, denn eigentlich liebt die Akademie Verwandlungskünstler. Hinzu kommt hier die allgemeine Bewunderung für Hawking, der bei den BAFTAs sogar noch Witzchen mit Stephen Fry austauschen durfte.

Beste Hauptdarstellerin

Marion Cotillard - Zwei Tage, eine Nacht
Felicity Jones - Die Entdeckung der Unendlichkeit
Julianne Moore - Still Alice - Mein Leben ohne Gestern
Rosamund Pike - Gone Girl - Das perfekte Opfer
Reese Witherspoon - Der große Trip - Wild

Mein Tip und Favorit: Julianne Moore (obwohl ich den Film noch nicht gesehen habe)

Sie war dieses Jahr auch im mißlungenen Maps to the Stars zu sehen, aber das sei ihr verziehen! Marion Cotillard ist immer sehenswert, hat aber genau wie Reese Witherspoon bereits eine Statue. Rosamund Pike mag ich, aber Finchers Film war überhaupt nicht meine Sache. Felicity Jones könnte höchstens von der Hawking-Welle profitieren.

Bester Nebendarsteller

Robert Duvall - Der Richter: Recht oder Ehre
Ethan Hawke - Boyhood
Edward Norton - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit
Mark Ruffalo - Foxcatcher
J.K. Simmons - Whiplash

Mein Tip und Favorit: J.K. Simmons


Beste Nebendarstellerin

Patricia Arquette - Boyhood
Laura Dern - Der große Trip - Wild
Keira Knightley - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
Meryl Streep - Into the Woods
Emma Stone - Birdman oder die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit

Mein Tip und Favorit: Patricia Arquette (so sehr ich Emma Stone und Keira Knightley auch liebe)


Bestes Originaldrehbuch

Alejandro González Iñárritu, Nicolás Giacobone, Alexander Dinelaris & Armando Bo - Birdman
Richard Linklater - Boyhood
E. Max Frye & Dan Futterman - Foxcatcher
Wes Anderson & Hugo Guinness - Grand Budapest Hotel
Dan Gilroy - Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis

Mein Favorit: Grand Budapest Hotel
Mein Tip: Grand Budapest Hotel

Drehbuchpreise sind stets am schwierigsten einzuschätzen. Wenn es keinen Durchmarsch eines einzigen Films gibt, werden hier oft "Trostpreise" vergeben. Chancen haben auch Birdman und (unwahrscheinlich) Boyhood. Für Wes Andersons stark europäisch geprägten Film ist es bereits eine große Ehre, so stark vertreten zu sein.

Bestes adaptiertes Drehbuch

Jason Hall - American Sniper
Graham Moore - The Imitation Game - Ein streng geheimes Leben
Paul Thomas Anderson - Inherent Vice - Natürliche Mängel
Anthony McCarten - Die Entdeckung der Unendlichkeit
Damien Chazelle - Whiplash

Mein Tip: Die Entdeckung der Unendlichkeit
Mein Favorit: The Imitation Game 

Chancen haben auch American Sniper und Whiplash.


Bester fremdsprachiger Film

Ida
Leviathan
Tangerines
Timbuktu
Wild Tales - Jeder dreht mal durch

Obwohl ich den Favoriten nicht gesehen habe:

Mein Tip: Leviathan (es kann aber auch Ida gewinnen)
Mein Favorit: Timbuktu (hat gerade immerhin etliche Césars gewonnen)


Bei den übrigen Kategorien müßte ich raten. Leider ist Wim Wenders bei den Dokumentarfilmen wieder nicht Favorit (Er ist seit seinen Nominierungen für Buena Vista Social Club und Pina Enttäuschungen gewohnt). Alexandre Desplat müßte es mit zwei Nominierungen dieses Jahr eigentlich schaffen, aber viele mochten auch Jóhann Jóhannsons Score für die Hawking-Biographie.

Überfällige, erneut brave Geschichtsstunde: Selma (7/10)

Selma ist erstaunlicherweise die erste Filmbiographie von Martin Luther King Jr. und als solche sicherlich überfällig. 50 Jahre nach den Märschen von Selma kann  trotz eines schwarzen Präsidenten immer noch nicht behauptet werden, die Bürgerrechtsbewegung sei am Ziel angekommen. Insofern ist dies eine wichtige Geschichtsstunde zu einem Thema, mit dem sich die Amerikaner offenbar schwer tun. Abgesehen von der amerikanischen Regisseurin Ava DuVernay scheinen hier vor allem Briten beteiligt zu sein.

Anders als der letztjährige Butler fokussiert Selma auf ein spezifisches Ereignis, auch wenn es sich nicht verkneifen kann, mit der Verleihung des Friedensnobelpreises zu beginnen. Es wird versucht, den Menschen und Politiker King zu zeigen, aber weder das Drehbuch (der erste Credit eines weißen Autors) noch die Regie vermögen dem Stoff Außergewöhnliches zu entreißen. Gegen Ende zweier langer Stunden nimmt der Pathos dann endgültig überhand, und der (Oscar-nominierte) Rap zum Abspann versucht arg verkrampft, den Bezug zum Heute herzustellen.

David Oyelowo (im Butler spielte er wohl den Sohn von Forest Whitaker) ist sicherlich kompetent, aber begeistert hat mich seine Darstellung nicht. Insbesondere spricht er in den Familienszenen im gleichen Tonfall wie bei seinen berühmten Reden, was eine gewisse Monotonie erzeugt. Im übrigen erschließt es sich mir nicht, warum die beiden Hauptrollen (King und seine Frau) durch Briten besetzt wurden, genauso wie die allerdings überzeugenden Tom Wilkinson als Präsident Johnson und Tim Roth als Gouverneur Wallace.

Ich bin hier auf der Seite der Akademie-Mitglieder, die sich beleidigt fühlen, wenn von ihnen eine quotengerechte Abstimmung verlangt wird. Das Grundproblem ist doch, daß es in den USA zu wenige Filme von Schwarzen mit Schwarzen gibt (und daneben auch Filme von Frauen). Schuld daran sind nicht das Abstimmungsverhalten oder die Zusammensetzung der Akademie, sondern die Machtverhältnisse in der Filmindustrie insgesamt. Selma war übrigens ein kleiner Hit und hat seine Kosten locker eingespielt. Gut (7/10).

Sonntag, 22. Februar 2015

Zu den Löwen: Into the Woods (5/10)

Neuinterpretationen klassischer Märchen liegen im Trend. Von der vorsichtig modernisierten, durchaus spaßigen Trickfassung von Rapunzel (im Deutschen mit dem unsäglichen Untertitel "neu verföhnt") bis hin zur dämlichen Horroraction (Hänsel und Gretel: Hexenjäger - kein Witz) gibt es die verschiedensten Ansätze. Von den Disney-Studios selbst kam letztes Jahr das interessante, aber doch enttäuschende Fantasy-Abenteuer Maleficent, Dornröschen aus der Sicht der doch nicht so bösen Hexe Angelina Jolie. Den Zeichentrick-Klassiker von 1959 halte ich zwar eher für langweilig, aber immerhin hat es der fantastische Titelsong "Once Upon a Dream" in die Realfilm-Neuauflage geschafft, berückend gesungen von Lana Del Rey.

Nun hat sich Disney an die Verfilmung des Broadway-Hits Into the Woods gewagt. Das Stück mischt Motive aus Aschenputtel, Jack und die Bohnenstange, Rapunzel und Rotkäppchen zu einer nicht jugendfreien, düster-ironischen Geschichte. Das weiß ich allerdings nur aus zweiter Hand, denn natürlich macht der Film daraus brave, ob der Auslassungen leicht verwirrende Familienunterhaltung. Manchmal ist es trotzdem noch verblüffend spaßig, wie die Märchenkonventionen dekonstruiert werden. So funktioniert die Rettung von Rotkäppchen und ihrer Großmutter aus dem Bauch des Wolfes (nicht durch den Jäger, sondern einen Bäcker) nur als surreale Traumsequenz. Und daß Aschenputtel mit Vögeln sprechen kann, sorgt bei ihren Freunden doch für Verwunderung.

Übrigens, und bereits der Trailer verschwieg das verschämt, handelt es sich um ein Musical, ohne Tanz oder Choreographien, aber gelegentlich schwillt die Orchesteruntermalung an, und die Schauspieler wechseln unmotiviert in ihre Singstimme. In Opern gibt es ja Passagen, in denen die Sänger Luft holen können und die Handlung per Sprechgesang vorantreiben. Into the Woods besteht nur aus solchen Passagen, als ob man die eigentlichen Lieder herausgeschnitten hätte. Komponist Steven Sondheim wäre wohl besser bei seinen Libretti (z.B. für West Side Story) geblieben. Zwar gewann er 1991 einen Oscar für den farblosen Dick Tracy-Song "Sooner or Later", aber musikalisches Talent kann ich bei ihm nicht entdecken. Ähnliches gilt für das ebenfalls von ihm verbrochenen Sweeney Todd, bei dessen Verfilmung Tim Burton immerhin einen Teil des Schwarzen Humors retten konnte.

Regisseur Rob Marshall kongeniale Inszenierung des Broadway-Hits Chicago (mit Richard Gere, Catherine Zeta-Jones und Renée Zellweger) verhalft dem Genre 2002 zu einer kleinen Renaissance, der Oscar für den Besten Film kam über 30 Jahre nach dem letzten preisgekrönten Musical (Carol Reeds bravem Oliver!). Danach allerdings ist ihm nichts Ordentliches mehr gelungen, und dieses Jahr gab's keine nennenswerten Nominierungen (Meryl Street erscheint inzwischen automatisch auf dem Stimmzettel, das hat nichts zu bedeuten). Sein offenbar unter dem Einfluß von Halluzinogenen entstandener Fellini-Verschnitt Nine verheizte 2009 Stars wie Daniel Day-Lewis, Penélope Cruz, Sophia Loren, Nicole Kidman, Judi Dench, und Marion Cotillard.

Auch diesmal geben sich Berühmtheiten die zweifelhafte Ehre. Am besten komm dabei Emily Blunt (Edge of Tomorrow) weg, der ich persönlich  für ihre unverkrampft-witzige Darstellung am ehesten eine Nominierung gegeben hätte. Dann ist da "Captain Kirk jr." Chris Pine als Prinz, der gemeinsam mit seinem Bruder in einer zugegeben (unfreiwillig?) lustigen Szene seiner "Agony" Ausdruck gibt (Rapunzel und Aschenputtel wollen nicht so wie die Königssöhne). Die Talente von Christine Baranski (Mamma Mia, Cybill) und Tracey Ullman sind in winzigen Rollen verschwendet. Johnny Depp hat einen unbehaglich-schrägen Cameo als pädophiler "Wolf", und Meryl Streep, mit 65 Jahren in ihrer ersten Hexenrolle, agiert angemessen exzentrisch und punktet (seit Mamma Mia bekanntermaßen) mit der besten Singstimme. Und dann ist da Anna Kendrick als Aschenputtel. In Up in the Air war sie perfekt in der Rolle des jungen It-Girls (und bekam eine Oscar-Nominierung), aber seitdem habe ich eine gewisse Abneigung gegen sie entwickelt. Ausschlaggebend sind nicht ihre (winzigen) Auftritte in der Twilight-Saga, sondern vielleicht eher ihr gelackten Aussehen und ihre metallische, nach Autotune klingende Singstimme, die mich bereits in Pitch Perfect ziemlich gequält hat.

Trotz allem hat Disney mit dem Endprodukt einen kommerziellen Erfolg landen können, und einen gewissen Unterhaltungswert will ich auch nicht abstreiten. Daher noch knapp Annehmbar (5/10).

Samstag, 21. Februar 2015

Der pervertierte amerikanische Traum: Whiplash (6/10)

Und noch mehr Trommelwirbel! Nach der teils aufdringlichen Untermalung in Birdman kommt mit Whiplash nun die Geschichte des jungen Schlagzeugers Andrew (Miles Teller), der an der Top-Musikschule der USA in das prestigeträchtige Jazz-Orchester des berühmten Bandleaders Fletcher (J. K. Simmons) aufgenommen wird. Es entwickelt sich ein packendes Psychoduell zweier besessener Persönlichkeiten, das allerdings an einer Übertreibung der Geschehnisse und den unsympathischen Hauptfiguren leidet.

Mit der Realität von Jazz-Musikern hat die Geschichte wenig zu tun, obwohl sie angeblich auf Erfahrungen des Regisseurs beruht. Fletcher treibt seine Schüler zu Höchstleistungen an, mit Demütigungen, Erniedrigungen, psychischer und physischer Gewalt. Er ist auf der Suche nach einem Genie vom Range Charlie Parkers und geht dabei als Einpeitscher fast buchstäblich über Leichen. Im Unterricht legt er aber offenbar nur Wert auf Tempo und Präzision, Musikalität scheint keine Rolle zu spielen. Das wirkt besonders ironisch, wenn man ihn später in einem Jazzclub entspannt am Piano erlebt. Viele Kritiker haben ihn mit einem Drill-Sergeant verglichen, aber bei der Armee gibt es Gründe, warum Kreativität in den unteren Rängen nicht gefragt ist...

Andrew möchte "der Größte" werden, dafür spielt er sich die Hände blutig und vernachlässigt alles, was ihn bei der Erreichung seines Ziels stören könnte. So stößt er seine nette neue Freundin bald wieder ab, denn vom Leben will er sich nicht ablenken lassen. Wo aber bleibt die Liebe zur Musik? Und kann eine Combo funktionieren, die aus eingeschüchterten Duckmäusern besteht? Am Ende will Fletcher seinen aufbockenden Musterschüler bloßstellen, aber Andrews Siegeswille führt ihn trotzdem zum Triumph. Das hört sich eher nach einem Sportfilm an, und die Absicht des Regisseurs bleibt nebulös. Allerdings kann man leicht Parallelen ziehen zum aktuellen Prominenzwahn. Gemäß dem neuen amerikanischen Traum suchen alle die Abkürzung zur Berühmtheit. Dazu muß man möglichst schnell möglichst viele Menschen beeindrucken. Show ist alles, Talent und gewiß die Kunst bleiben auf der Strecke. Aber ich bin mir sicher: Charlie Parker wollte nicht der Größte sein, er wollte die bestmögliche Musik spielen.

Whiplash ist erst der zweite Langfilm des gerade 30jährigen Regisseurs und Autors Damien Chazelle. Er ergatterte nicht nur Oscar-Nominierungen für den Besten Film und das beste adaptierte Drehbuch (die Akademie ist der Ansicht, der Langfilm beruhe auf dem Kurzfilm, den Chazelle mangels Budget zuvor abgedreht hatte), er steht in der IMDB-Beliebtheitsskala momentan auf Platz 38 Das sehe ich als ein Beispiel dafür, daß oft nicht das Werk selbst, sondern sein vermeintlich wichtiges Thema bewertet und dabei mißverstanden wird. Wenn etwas Gutes dabei herauskommt, dann immerhin der Oscar für J. K. Simmons. Eigentlich ein ebenbürtiger Antagonist, ist er doch nur für die beste Nebenrolle nominiert und in dieser Kategorie klarer Favorit. Das sei dem vielbeschäftigten 60jährigen gegönnt, denn es gelingt ihm, seine Figur doch mit genug Menschlichkeit auszustatten, daß man ein gewisses Mitgefühl entwickelt. Daneben ist er seit Jahrzehnten für seine Charakterrollen bekannt, oft mit brillantem trockenen Humor. Er war der CIA-Vorgesetzte in der Coen-Farce Burn After Reading ("Burn the body. Get rid of it!") und Junos sarkastisch-liebevoller Vater - kein Zufall, denn er war bei allen Filmen von Jason Reitmann dabei. Auch bei Whiplash war Reitman beteiligt, wenn auch nur als Executive Producer.

Eine fragwürdige Botschaft spannend präsentiert - schwer nachvollziehbare Figuren, aber gut gespielt - wie ist das in Punkten zu messen? Ich entscheide mich für eine Mischwertung, auch als Protest, denn zu den 250 besten Filmen aller Zeiten gehört dieser bestimmt nicht: Ordentlich (6/10).

Donnerstag, 12. Februar 2015

Unsportlich: Foxcatcher (3/10)

Sportfilme sind nicht so mein Fall. Sicher gibt es Ausnahmen - Schlittschuhlaufen (Moderne Zeiten, Blade Runner),  Billard (Haie der Großstadt/The Hustler) und Schach (Das Siebente Siegel) sind noch ok. Auch Bend it Like Beckham ist ein toller Film, aber Frauenfußball wird hierzulande ja auch nicht ernstgenommen. Am schlimmsten die amerikanische Dreifaltigkeit: Football, Baseball, Basketball - gähn. Vom Ringen habe ich eigentlich bereits durch John Irving eine reichliche Portion abbekommen, jetzt kommt mit dem diesjährigen Oscar-Kandidaten Foxcatcher die Überdosis.

Aus diesem Stoff, "basierend auf einer wahren Geschichte", hätte David O. Russell vielleicht eine schöne Satire machen können (ihm bin ich allerdings immer noch böse für American Hustle). Da kauft also in den 80ern der alternde Milliardär John Du Pont den jungen Olympiasieger Mark Schultz, spielt sich als sein Trainer auf und hofft, daß die nächste Medaille auf ihn abfärbt. Meist steht er nur im Trainingsraum rum und läßt die Profis gewähren. Einmal jedoch möchte er seine greise Mutter beeindrucken, und sein Versuch, ein echtes Training zu leiten, könnte tragisch oder komisch sein, wirkt hier aber nur peinlich. Dabei hilft es nicht, daß Du Pont von einem mit viel Oscar-nominiertem Makeup verunstalteten Steve Carrell gespielt wird. Der Starkomiker (The Office, Crazy Stupid Love) konnte bisher durchaus auch in dramatischen Rollen bestehen (etwa als selbstmordgefährdeter Onkel in Litte Miss Sunshine), scheint hier aber mehr damit beschäftigt, trotz seiner Zahnprotese verständlich zu sprechen. Die meiste Zeit wirkt er fast katatonisch, und die Oscar-Nominierung scheint mehr eine Belohnung für die Demütigungen, die er in den Ringszenen auf sich nimmt, ohne seine falsche Nase zu verlieren. Das mit der Mutter (um die Küchenpsychologie des Films zu erwähnen) ist übrigens so: Sie hält Ringen für eine schmutzige Sportart und schwört auf den Pferdesport. Da stimme ich allerdings mit ihr überein. Zumindest sind mir Kleines Mädchen, Großes Herz (1944, mit der entzückenden 12jährigen Liz Taylor) und Der Schwarze Hengst (1979, mit Mickey Rooney) in guter Erinnerung.

Drei Dinge möchte ich noch erwähnen.
  • Muskelprotz Channing Tatum (gerade auch in Jupiter Ascending zu bestaunen) gibt besagten Olympiasieger mit minimalem Ausdruck als beschränkte Dumpfbacke ohne einen einzigen unabhängigen Gedanken. Das kann dem historischen Vorbild kaum entsprechen, das immerhin einen ordentlichen Universitätsabschluß vorzuweisen hatte. 
  • Zum anderen bekommt man im Film niemals einen Eindruck vom Alltag amerikanischer Ringer. Von der Weltmeisterschaft geht es da zur Qualifikation und weiter zu den Olympischen Spielen. Gibt es da keine Liga, keine zwischenzeitlichen Mannschaftswettbewerbe? Einige Rezensenten haben Mark Schultz als "Profiringer" bezeichnet. Wer hat ihn denn dann bezahlt? Am Anfang gibt es eine alleinstehende Szene, in der er dankbar einen Scheck über 20 Dollar für einen Vortrag vor einer Schulklasse entgegennimmt...
  • Als drittes scheint mir der Schluß (Du Pont erschießt Marks Bruder, den Cheftrainer der Mannschaft) dramaturgisch völlig aus der Luft geholt, auch wenn er entgegen der "wahren Geschichte" chronologisch direkt an das Debakel bei der Olympiade von 1988 anzuschließen scheint (tatsächlich geschah der Mord erst Mitte der 90er).
Das Erkaufen von Prestige und narzissistischer Patriotismus könnten nicht nur im Sportzusammenhang ergiebige Themen sein. Regisseur Bennett Miller macht aus diesem Stoff leider ein humorloses Drama ohne Dramatik, eine Charakterstudie ohne Charaktere. Beim Regie-Zweig der amerikanischen Akademie ist er damit tatsächlich unter die fünf Nominierten gekommen. Bezeichnenderweise konnte Foxcatcher trotzdem keine der acht (!) Nominierungen für den Besten Film ergattern. Diese werden nämlich von der kompletten Mitgliedschaft benannt. Mir unverständlich, wie auf das herausragende Capote (2005) und das ordentliche Moneyball (2011 - Baseball!) ein solcher Flop folgen kann. Die Nominierung für Mark Ruffalo als Bester Nebendarsteller geht aber in Ordnung, mit ihm weht immer mal wieder eine frische Brise durch diesen öden Film. Lustigerweise tritt damit in diesem Jahr der aktuelle Hulk gegen seinen Vorgänger Edward Norton an (gesetzt ist aber der wunderbare J.K. Simmons für Whiplash - Rezi folgt hoffentlich zum Kinostart nächste Woche). Ruffalo war im letzten Jahr auch noch im schönen Musikdrama Begin Again an der Seite von Keira Knightley zu sehen. Ihm verdankt Foxcatcher, der Höchststrafe entgangen zu sein. Mäßig interessant (3/10).

Dienstag, 10. Februar 2015

Abgehoben: Michael Keaton als "Birdman" (7/10)

Bereits in den 60ern stellt Paul Simon in "The Dangling Conversation" die provokante Frage: "Is the theatre really dead?" (Joan Baez interessierte das so wenig, daß sie die Zeile durch "Is the church really dead?" ersetzte). Tatsächlich hat das Theater im Zeitalter des Kinos einen schweren Stand und könnte als überholte, prätentiöse Kunstform für eine kleine Elite verstanden werden. Anderseits haben sich Theater und Kino immer wieder gegenseitig befruchtet, und etliche Stars (von Olivier bis Blanchett) fühlen sich durchaus in beiden Welten zu Hause. So finde ich das bösartige Porträt der Theaterkritikerin Tabitha in diesem hochgehandelten Oscar-Kandidaten doch recht befremdlich (sie wird dargestellt von Lindsay Duncan, manchen vielleicht noch in Erinnerung als Brutus' Mutter Servilia in der TV-Serie Rom.) Immerhin läßt sie sich am Ende dazu hinreißen, die "unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit" des Hauptdarstellers zu loben (daher der deutsche Untertitel). Möchte Regisseur Iñárritu zeigen, daß Superhelden-Darsteller auch nur Menschen sind?

Tim Burtons Batman Michael Keaton allerdings ist brillant als abgehalfterter Filmschauspieler Riggan Thomson, dessen berühmte Rolle als "Birdman" ihm auch nach Jahrzehnten noch nachhängt. Jetzt möchte er es allen noch einmal zeigen, ausgerechnet mit der Inszenierung und Hauptrolle in einem Theaterstück nach Raymond Carver (Short Cuts). In den wenigen Tagen der letzten Proben und schließlich der Broadway-Premiere kämpft er mit seinen eigenwilligen Co-Stars, seiner drogengefährdeten Tochter und vor allem sich selbst, personifiziert durch sein Alter Ego, den Birdman, der ihn mit Superheldenstimme immer wieder zum Aufgeben auffordert, worauf schon mal per "Telekinese" die Garderobeneinrichtung zu Bruch geht. Eigentlich klar als Thomsons Halluzinationen erkennbar, wird dieses Konstrukt meiner Meinung nach durch das Ende leider ruiniert.

Rein intellektuell betrachtet ist dies ein toll inszenierter Film, mit eleganten Kamerafahrten, die übergangslos zwischen Realität und Fantasie, Aufführungen und Proben wechseln. Dazu kommt der ungewöhnliche Soundtrack, meist hört man nur ein Schlagzeug, lediglich die Traumszenen des Birdman werden von Streichern umhüllt. Aber leider hat das alles bei mir eine solche Unruhe erzeugt, daß ich auf emotionaler Ebene kaum etwas davon hatte. Und dabei meine ich noch nicht einmal die Szene, als Emma Stone auf dem Außensims des fünften Stockwerkes sitzt, und ich vor lauter Höhenangst kaum den Dialogen folgen konnte. Aber ach, es sind solch fabelhafte Dialoge und Darstellerleistungen! Nicht nur die drei diesjährigen Oscar-Nominierten Michael Keaton, Edward Norton und Emma Stone zeigen hier ihre Klasse, sondern auch Naomi Watts und sogar Zach Galifianakis, dessen bodenständiger, einfühlsamer Manager eher an Eliza Dushkus Mentor in Tru Calling als an seine jüngeren Hangover-Erfolge erinnert.

Der Mexikaner Alejandro González Iñárritu hat sich seit seinem (für den Fremdsprachen-Oscar nominierten) furiosen Debut Amores Perros (2000, 8/10) einen Namen gemacht als Regisseur für intelligent konstruierte, leider aber auch sperrige Filme. Seine frühen Filme nach Drehbüchern seines Landsmannes Guillermo Arriaga (daneben auch 21 Gramm, 2003, 6/10 und Babel, 2006, 7/10) haben mir dabei besser gefallen, das erste Werk seines eigenen Autorenteams Biutiful (2010, 2/10) überhaupt nicht. Birdman hat aber so viele tolle Elemente, daß ich ihm meinen Respekt nicht verweigern kann. Gut (7/10).

The Wachowskis Descending: Jupiter Ascending (4/10)

Laut Douglas Adams hat der Genuß eines pangalaktischen Donnergurglers eine Wirkung, „als werde einem mit einem riesigen Goldbarren, der in Zitronenscheiben gehüllt ist, das Gehirn aus dem Kopf gedroschen“. So ähnlich habe ich mich beim IMAX-3D-Erlebnis von Jupiter Ascending gefühlt, der neuen Extravaganz der Wachowski-Geschwister. Nach diesem 200-Millionen-Dollar-Flop ist wohl endgültig klar, daß sie ihr kreatives Pulver bereits mit der Matrix (erstem Teil) verschossen hatten und höchstens noch durch starke Zügelung via Co-Regisseur und ergiebigem Quellmaterial wie bei Cloud Atlas zu Höchstleistungen fähig sind.

Das ist schon ein trauriger Abschied von Mila Kunis, die sich nach der Geburt ihrer Tochter ins Privatleben zurückziehen möchte. Sie spielt Jupiter, eine Putzfrau, die durch eine kosmische Fügung die EXAKT GLEICHE Genkonfiguration hat wie eine verstorbene galaktische Potentatin. Das ist etwa so wahrscheinlich, als ob sämtliche Putzfrauen der Welt gleichzeitig im Lotto gewinnen würden, aber sei's drum. Es beginnt ein großes Gezanke der drei Sprößlinge der Potentatin, denn Jupiter erbt DIE ERDE (warum kleckern, wenn man klotzen kann). Warum die so wertvoll ist, will ich hier nicht verraten, nur ein kleiner Tip: "Soylent Green is People!"

Der Film wurde lange vor Milas Schwangerschaft gedreht, und der Starttermin des Spektakels wurde sicher auch deswegen so lange verschoben, damit Eddie Redmayne im Jahr seines Oscar-Triumphes nicht auch noch ins Rennen für die Goldene Himbeere gehen muß. Er spielt den mit 14.000 Jahren ältesten Sohn jener gengleichen Potentatin, die er natürlich selbst umgebracht hat. Zugegeben würde er auch für 1.000 Jahre durchgehen, aber leider ist seine Figur mit unerträglich heiserer Stimme und britisch-aristokratischem Gehabe viel zu langweilig, um den Zuschauer zum Hingucken zu bewegen.

Die Handlung besteht dann darin, daß Jupiter vom ersten Sproß gekidnappt wird, mit viel Wirbel befreit wird, dann dem nächsten Sproß in die Hände fällt, wieder gerettet wird, nur um zuletzt beim Oberschurken zu landen. Es wäre ja schön, wenn sie dabei über sich hinauswachsen und aktiv zu ihrer Rettung beitragen würde, aber dazu gibt's ja den generischen Actionhelden: Channing Tatum ist spätestens seit Magic Mike der Lieblingsschwarm aller Frauen und der heimliche Schwarm vieler Männer, aber hier wirkt er mit Bärtchen und Hundeohren so unattraktiv, daß kaum eine Reinigungskraft sich für ihn begeistern könnte - selbst wenn man in Betracht zieht, daß er praktisch im Alleingang gegen eine komplette galaktische Zivilisation antritt. Nun, nicht ganz, denn Sean Bean kämpft gelegentlich auf seiner Seite, und stirbt dabei nicht mal. Wäre aber auch nicht aufgefallen, wenn man ihn rausgeschnitten hätte.

So bewegt sich der Film zwischen tosenden Actionszenen mit durchaus coolen Ideen, die aber schnell ausgereizt sind, und öder Exposition. Dazwischen gibt es eine surreale Hommage an Brazil, inklusive Cameo vom Meister Terry Gilliam selbst, bei dem Jupiter der galaktischen Bürokratie ihre Erbansprüche melden will. Dies und die tricktechnischen Schauwerte und Milas Charme machen das ganze gerade noch

Erträglich (4/10).

Samstag, 31. Januar 2015

Alan Turings Rehabilitierung: Ein streng geheimes Leben (8/10)

Gegen Ende der ersten Staffel von Person of Interest taucht eine Figur namens Caroline Turing auf (gespielt von der zauberhaften Amy Acker). In einem Trivia-Eintrag der IMDB wird vermutet, dies beziehe sich auf den bekannten Turing-Test (bei dem es darum geht, durch ihr Gesprächsverhalten Maschinen von Menschen zu unterscheiden). lol. Unabhängig von seiner Qualität und historischen Genauigkeit hat die filmische Biographie The Imitation Game den Namen Alan Turing einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht und trägt damit zu einer späten Rehabilitierung dieses Genies bei, der bereits mit 22 Jahren zum Fellow in Cambridge ernannt wurde. Turing war einer der Begründer der mathematischen Logik und der Vorvater der Computerwissenschaften (und selbstverständlich Erfinder des Turing-Tests). Seine Turing-Maschinen werden als theoretisches Konstrukt noch heute zum Beweis der Gödelschen Sätze herangezogen. Einen sehr praktischen und vielleicht kriegsentscheidenden Effekt hatte jedoch sein Beitrag zur Entschlüsselung der deutschen Enigma-Nachrichten im Zweiten Weltkrieg. Dafür wurde er zu Lebzeiten aufgrund der strikten Geheimhaltung des Projektes allerdings nie richtig gewürdigt (auch wenn er einen OBE bekam). Er starb nur 41jährig 1954 an den Folgen seiner chemischen Kastration nach einer Verurteilung wegen "ungebührendem Verhalten" (das britische Understatement für homosexuelle Kontakte). Erst 2013 wurde er reichlich verspätet von Queen Elizabeth begnadigt.

Der Film basiert auf einer offenbar lesenswerten Biographie von Andrew Hodges. Das Drehbuch des unerfahrenen Amerikaners Graham Moore nimmt sich aber starke Freiheiten und versucht das ehrgeizige Konzept einer Rahmenhandlung, in dem der Mathematikprofessor nach seiner Verhaftung quasi die britische Gesellschaft einem Turing-Test unterzieht. Auch wenn dies nicht vollkommen gelungen ist, wird doch der Wille sichtbar, mehr als nur eine tragische Lebensgeschichte zu erzählen. Als Kern des Films werden die Ereignisse während des Krieges gezeigt, wo Turing eigentlich nur eine der Schlüsselfiguren in einem zum Schluß 9.000 Mitarbeiter zählenden Projekt war. Der Film reduziert Bletchley Park auf ein Kammerspiel mit wenigen Figuren und konzentriert diese Jahre zu einem packenden Thriller und einer faszinierenden Charakterstudie. Zugleich ist er ein glühender Appell, Andersartigkeit in jeder Form zu akzeptieren. Auch heute noch muß man sich fragen, welches Potential unsere Zivilisation mit solchen Ausgrenzungen verschenkt. Keira Knightleys Figur tröstet Turing am Ende mit den Worten:

Ein "normaler" Mensch hätte das nie vermocht.

Obwohl wissenschaftlicher Fortschritt meist in Teamarbeit und immer durch langwierige kontroverse Diskussionen entsteht, hält sich in der Filmgeschichte auch in diesem Bereich der Mythos des einsamen Helden, der seine Erkenntnisse fast im Alleingang gegen alle Kontrahenten durchsetzen muß. Wenn man allerdings eine solche Galionsfigur porträtieren möchte, gibt es kaum eine bessere Wahl als Benedict Cumberbatch. Und wenn das Buch aus einem Exzentriker einen leicht autistischen Miesepeter macht, dann ist das zumindest im Trend. Es erinnert nicht nur an Cumberbatchs Paraderolle als Sherlock, sondern auch an den momentan beliebtesten Sitcom-Nerd, Dr. Sheldon Cooper (via Jim Parsons) aus der Big Bang Theory. Cumberbatch erfindet aber eine völlig eigenständige Figur, die zwar nicht historisch fundiert ist, aber im Kontext des Films vollkommen plausibel gerät (auch wenn man sich in der Rahmenhandlung fragt, wie dieser schüchterne Mensch überhaupt sexuelle Partner finden konnte). Kein Zweifel, daß mit dieser Rolle endgültig ein Weltstar geboren ist (die "Cumberbitches" werden sich freuen).

Der mir bisher unbekannte norwegische Regisseur Morten Tyldum beweist zumindest in der Schauspielerführung ein gutes Händchen. Von Keira Knightley erwartet man ja ohnehin über ihren unendlichen Charme hinaus eine solide Leistung, sie wurde mit ihrer zweiten Oscar-Nominierung belohnt (auch wenn Patricia Arquette gesetzt ist). "Lord Tywin Lannister" Charles Dance spielt den Kommandanten mit gewohnter Bedrohlichkeit. Hervorzuheben ist Matthew Goode als gutaussehende, herzliche Antipode zum spröden Cumberbatch. In Match Point hatte er die undankbare Rolle des langweiligen Verlobten von Scarlett Johannson, im wundervollen A Single Man war er der verstorbene Partner von Colin Firth. Beim nächsten Film werde ich mich an ihn erinnern, versprochen! Zuletzt sei noch erwähnt, daß ich bei acht Nominierungen nun auf den Oscar für den lyrischen Komponisten Alexandre Desplat hoffe (er ist dieses Jahr auch noch für Grand Budapest Hotel im Rennen).

So gefällt mir The Imitation Game (der englische Titel bezieht sich besser als die Übersetzung auf die Rahmenhandlung) trotz aller Schwächen besser als die leicht schöngefärbte, konventionelle Hawking-Biographie, auch wenn Eddie Redmayne im Oscar-Rennen vorne zu liegen scheint. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 25. Januar 2015

Lichtblick: Die Oscar-Nominierungen für den besten fremdsprachigen Film

Diese Kategorie bei den Oscars war eigentlich geschaffen worden, um bedeutende Werke des Weltkinos zu würdigen. Zu den ersten Gewinnern gehörten Vittoria de Sica (u.a. Schuhputzer, Fahrraddiebe), René Clément (Die Mauern von Malapaga, Verbotene Spiele), Federico Fellini (La Strada, Die Nächte der Cabiria), Akira Kurosowa (Rashomon, Uzala) und Ingmar Bergman (Die Jungfrauenquelle, Wie in einem Spiegel). Inzwischen tritt bei der Vergabe die künstlerische Vision jedoch immer mehr in den Hintergrund. Stattdessen werden immer öfter "wichtige", "politisch mutige" Nischenfilme nominiert, und Chaos mit Untertiteln wird uns als Kunst verkauft. Nach dem letzjährigen Desaster (drei Filme konnten ganze acht Punkte sammeln) hatte ich die Kategorie schon fast aufgegeben, aber dieses Jahr gab es zumindest einen Lichtblick (und der große Favorit, der russische Beitrag Leviathan, wird in Deutschland erst im März zu sehen sein).

Ida (Polen, 4/10)

Diese Geschichte einer polnischen Nonne, die in den 60ern erfährt, wie ihre jüdischen Eltern im Krieg umgekommen waren, habe ich im Heimkino nachgeholt. Zwei Dinge haben mich besonders gestört. Zum einen muß sich der Zuschauer die Gefühlswelt der Figuren selbst ausdenken, denn diese agieren wie Schlafwandler in ihrer eigenen Welt, und ihre Handlungen sind daher völlig beliebig. Zum anderen kann ich keinen Bezug zum modernen Polen erkennen - das Buch wirkt wie ein Schulaufsatz mit der Vorgabe, drei typische polnische Klischees zu enthalten (Katholizismus, Holocaust, kommunistisches Unrecht).

Wild Tales (Argentinien, 7/10)

Sehr unterhaltsam fand ich dagegen diesen argentinischen Beitrag, der u.a. vom Spanier Pedro Almodóvar produziert wurde. Sechs "wilde Geschichten" unterschiedlicher Länge werden nacheinander erzählt und sind nur grob thematisch verknüpft. Allen gemeinsam ist ein skuriller Humor, der von Übertreibungen und überraschenden Pointen lebt, und zusammen werfen sie ein Schlaglicht auf die argentinische Mittel- und Oberschicht.

Timbuktu (Mauretanien, 8/10)

Timbuktu ist ein Stadt in Mali mit etwa 50.000 Einwohnern. Der Film zeigt vielfältige Impressionen dieses afrikanischen Schmelztiegels uralter Kulturen unter der Willkürsherrschaft von IS-Schergen. Verloren wirkende, sexuell frustrierte junge Männer fahren mit ihren automatischen Waffen auf Mofas und Jeeps durch die Wüste. Einer stellt einer verheirateten Beduinenfrau nach, sobald ihr Mann nicht zu Hause ist. Er hat aber noch genug Anstand, daß es nicht zu Übergriffen kommt. Ein anderer greift sich einfach eine junge Frau aus der Stadt und läßt sich mit ihr verheiraten. In einer schrecklichen Aneinanderreihung von Banalitäten rechtfertigt der IS-Anführer die Zwangsehe mit diesem doch "perfekten" Mujahedin.

Moderne und Tradition prallen in diesem Mosaik aufeinander - Kamele und Autos, Talismane und Handys. Neben Französisch, Arabisch und gelegentlich Englisch hört man etliche afrikanische und Berber-Dialekte. Auch ohne die IS herrschte schon Armut, aber noch sind die Menschen in ihrer Lebensfreude nicht vollkommen gebrochen. Es gibt kleine und größere Instanzen des zivilen Widerstandes, der örtliche Iman versucht die Kämpfer zu mäßigen. Selten habe ich so viele ausdrucksstarke Gesichter gesehen, vor allem die kleine Beduinenfamilie bleibt im Gedächtnis (im Bild nur Vater und Tochter, fast alles wurde mit Laiendarstellern gedreht). Stolze Besitzer von acht Rindern (eines davon wird "GPS" genannt) und einigen Ziegen, sind sie doch noch glücklich miteinander, bis auch ihre kleine Idylle zerstört wird.

Regisseur Abderrahmane Sissako, der in seiner Jugend selbst in Mali gelebt hat, kann zwar nur einen kleinen Ausschnitt der Stadt zeigen, findet trotz seines geringen Budgets erstaunliche Bilder. Eines gehört jetzt schon zu den schönsten des Kinojahres. Nach einer gewalttätigen Auseinandersetzung des Rinderhirten und des Fischers sieht man eine malerische Weitwinkelaufnahme des kleinen Sees bei Sonnenuntergang, während die Kontrahenten sich langsam am linken und rechten Ufer aus dem Bild schleppen. Es ist das schmerzhafte, nicht enden wollende Tableau einer Tragödie, die nicht einmal direkt mit der IS-Herrschaft zu tun hat.

Timbuktu ist ein wunderschöner und tieftrauriger Film. In Berlin läuft er noch in einigen Programmkinos, aber insgesamt hat das nur wenige tausend Deutsche interessiert. Und wie so oft wird er wohl kaum bei den direkt Betroffenen ankommen, geschweige denn verstanden werden. Es bricht einem das Herz.

Sehr gut (8/10).

Samstag, 24. Januar 2015

Reese Witherspoon ist "Wild" (8/10)

Es ist schon merkwürdig: Wenn ein Mann, etwa Brad Pitt mit Moneyball oder World War Z, Stoffe entwickelt, produziert  und die Hauptrolle übernimmt, wird er dafür gelobt und bewundert. Wenn eine Frau wie Reese Witherspoon (oder vor Jahren Selma Hayek mit Frida) das gleiche tut, wird das als Ego-Trip kommentiert. Das amerikanische Kino kann aber durchaus ein paar mehr Filme über starke Frauen vertragen. Und es erschließt sich mir nicht, warum Der große Trip es nicht unter die acht "Besten Filme" der amerikanischen Akademie geschafft hat, ein dumpf-patriotisches Machwerk wie Clint Eastwoods American Sniper aber schon. Die Nominierungen für die beste Haupt- und Nebenrolle sind da eher als Trostpreise zu verstehen.

Witherspoon spielt Cheryl Strayed, die in den 90ern mit 26 Jahren eine mehr als 1.700 Kilometer weite (und offenbar recht beliebte) Rucksack-Wanderung durch die USA antritt. Der Hike wird weitgehend chronologisch erzählt, aber immer wieder zeigen sehr elegant eingebettete Rückblenden ihr Innenleben, die traumatische Erinnerung an den Krebstod ihrer Mutter, die Haltlosigkeit in den Folgejahren, das Scheitern ihrer Ehe nach wahllosen One-Night-Stands und den leeren Trost der Heroinsucht. Es ist eine Geschichte der Selbstfindung, aber ohne spirituellen Kitsch, Platitüden und die abschließende Begegnung mit der großen Liebe. Fans von Eat, Pray, Love sollten diesen Film also meiden.

Einige Zuschauer schrieben, die Hauptfigur sei von Beginn an unsympathisch, und verstehen sie eher antagonistisch. Man muß aber schon über sehr wenig Empathie verfügen, um hinter der Promiskuität und den Drogen nicht eine verlorene Frau zu entdecken, die sich aus eigener Kraft aus ihrer Lebenskrise befreit. Sie ist sich selbst der stärkste Gegner, eine Anti-Heldin, die ihren Trek relativ unvorbereitet antritt und gleich in der ersten Woche unter kalter Küche leiden muß, da ihre Gasflasche nicht mit dem Campingkocher kompatibel ist. Aber die Willenskraft dieser intelligenten, hübschen Frau hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen.

Reese Witherspoon kommen in ihrem Porträt die zehn zusätzlichen Lebensjahre zugute, die passende Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen haben. Obwohl sich die Massen an das süße Blondchen aus romantischen Komödien (Natürlich Blond, Sweet Home Alabama) erinnern, war ich schon immer ein Fan ihrer anspruchsvolleren Rollen, etwa in Pleasantville, Election und Eiskalte Engel. 2005 gewann sie einen Oscar für ihr brillantes Porträt der June Carter in der Cash-Biographie Walk the Line. Nach zwei Ehen und drei Kindern scheint sie jetzt für reifere Rollen bereit, und anders als bei Julia Roberts spiegelt sich ihre faszinierende Persönlichkeit auch vollkommen ungeschminkt  (wie in diesem Film) in natürlicher äußerer Schönheit.

Neben der Hauptdarstellerin muß ich Regisseur Jean-Marc Vallée für seine unsentimentale, humorvolle  Inszenierung loben, die durchaus atemberaubende Landschaftsaufnahmen zu bieten hat. Nach Dallas Buyers Club ist dies sein zweiter toller Film in Folge, und für seine exzellente Schauspielerführung sprechen die Nominierungen, letztes Jahr erfolgreich für zwei Herren, diesmal für zwei Damen (die supernette Laura Dern hat aber diesmal keine Chancen gegen Patricia Arquette, genauso wenig wie Reese gegen die lange überfällige Julianne Moore). Beigetragen hat natürlich auch das auf Cheryls Erlebnisbericht basierende Drehbuch von Nick Hornby (High Fidelity, About a Boy), der sich inzwischen eine zweite Karriere im Filmgeschäft aufgebaut hat (2010 war er für die schöne Adaption An Education sogar Oscar-nominiert). Als letztes muß ich noch das Lama erwähnen, und den Fuchs, der dann doch noch einen kleinen spirituellen Akzent setzt.

Sehr gut (8/10).

Sonntag, 11. Januar 2015

Bill Murray ist "St. Vincent" (7/10)

Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand Bill Murray zum Heiligen erklären würde. Ob als Geisterjäger, ewiger Wetterfrosch oder Agent Null Null Nix (nicht), stets wirkte seine melancholisch gefärbten Komik neue Wunder. Nun spielt er Vincent, einen mißgelaunten Misanthropen, dessen unfreiwillige Freundschaft mit dem 11jährigen Nachbarsjungen seinem Leben noch einen letzten Dreh gibt. Angeblich hatte Regie-Neuling Theodore Melfi die Rolle für Jack Nicholson maßgeschneidert. Das Ergebnis wäre sicher düsterer und wilder geworden. So ist ihm ein schöner Film für die Weihnachtszeit gelungen, in Deutschland natürlich mit falschem Marketing und zu spät gestartet. Aber auch für einen verregneten Januarabend taugt das Ergebnis als Stimmungsaufheller, wenn man sich einmal auf die unwahrscheinliche Situation und die eigenwillige Besetzung der Nebenrollen eingelassen hat. Nur zu Beginn irritieren Peter Jacksons King-Kong-Blondine Naomi Watts mit russischem und Chris O'Dowd mit (immerhin authentischem) irischen Akzent. Melissa McCarthy zeigt statt Brachialhumor zur Abwechslung mal wieder die Wärme, die ihre Sookie bei den Gilmore Girls auszeichnete, und in der kleinen Rolle ihres Ehemanns ist Scott Adsit zu sehen, der Produzent aus 30 Rock.

Es gibt ein paar verunglückte Augenblicke, die ein erfahrener Regisseur vielleicht hätte vermeiden können, aber insgesamt ist dies ein schönes Debut und gleich für den Golden Globe in der Kategorie Komödie/Musical nominiert. Manche Kritiker sprechen von der besten Rolle Murrays seit Sofia Coppolas Meisterstück Lost in Translation, vergessen aber offenbar seine zwischenzeitlichen Auftritte für Wes Anderson (Die Tiefseetaucher, Moonrise Kingdom), Jim Jarmusch (Broken Flowers) und Roger Mitchell (für Hyde Park am Hudson war er ebenfalls für einen Globe nominiert). Dazwischen gab's dazu noch ein herrliches Cameo in Zombieland (ich erwähne dies nur, um diese hübsche Horror-Komödie mit Jesse Eisenberg, Emma Stone und Woody Harrelson in Erinnerung zu rufen). Wenn's dieses Jahr für die zweite Oscar-Nominierung reicht, dann sicher eher als Anerkennung für eine herausragende Karriere. Natürlich ist auf dem Oscar für die beste männliche Hauptrolle in diesem Jahr bereits "Benedict Cumberbatch" eingraviert...

Unabhängig von den übertriebenden Trophäenspekulationen ist St. Vincent jedenfalls überraschend, komisch und im besten Sinne sentimental. Gut (7/10).

Freitag, 2. Januar 2015

Kino-Jahresrückblick 2014

Eigentlich müßte man das deutsche Filmjahr im April beginnen lassen. Bis dahin dauert es meist, bis die Nachzügler des Vorjahres in den deutschen Kinos gelaufen sind. 2014 begann mit ein paar solcher Oscar-Kandidaten (Wolf of Wall Street, Dallas Buyers Club, Her, 12 Years a Slave). Nach einer Durststrecke gab's dann im Sommer ein paar höchst unterhaltsame Überraschungen (Edge of Tomorrow, Lucy). Die Marvel-Beiträge sind inzwischen die stabilsten Zeltpfosten der Studios, diesmal konnten sie sogar die eifrigsten Fans noch überraschen (bei den Guardians kämpfe ich noch mit mir, ob ich sie auf Herausragend aufwerten soll - die Blu-ray wird's entscheiden). Ansonsten hat Richard Linklaters Kabinettstück Boyhood einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es kommt diesen Monat erneut in die deutschen Kinos und ist momentan Favorit für den Regie-Oscar.

Hier die besten der nur noch 32 Filme, die ich mir 2014 in einem Kino angeschaut habe:

MEISTERWERK (10/10)

1. The Wolf of Wall Street (Martin Scorsese)

HERAUSRAGEND (9/10) 

2. Her (Spike Jonze)
3. Lucy (Luc Besson)
4. Dallas Buyers Club (Jean-Marc Vallée)
5. X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (Bryan Singer) *

SEHR GUT (8/10)

6. Guardians of the Galaxy (James Gunn) *
7. Captain America 2 (Anthony & Joe Russo) *
8. Grand Budapest Hotel (Wes Anderson)
9. Edge of Tomorrow (Doug Liman) *
10. Beziehungsweise New York (Cédric Klapisch)
11. Boyhood (Richard Linklater)
12. 12 Years a Slave (Steve McQueen)

Die dritte Dimension tritt übrigens immer mehr in den Hintergrund. Nach 12 von 42 waren es dieses Jahr noch 9 von 32 Filmen (siehe *), die ich mir in 3D angeschaut habe, und von diesen kommt wohl nur der Hobbit tatsächlich als 3D-Version ins Regal.

Damit sind wir bei den Enttäuschungen des Jahres. Der Hobbit zählt dabei lange nicht zu den schlimmsten, auch nicht die Beiträge von Woody Allen, Mike Leigh, David Cronenberg und David Fincher. Gemessen an den Erwartungen gewinnt die Krone Christopher Nolan, dessen Interstellar die Kulmination seiner Hubris darstellt. Daß ich mit dieser Meinung nicht ganz allein dastehe, zeigt diese Kritik des Hollywood-Reporters.

Von den schlechtesten Filmen des Jahres habe ich die meisten gemieden, nur auf Robert Rodriguez' und Frank Millers üble Sin-City-Parodie bin ich reingefallen. Einige andere habe ich im Heimkino gesichtet, gelegentlich auch nur überflogen:
  • Das Lego-Movie und Disneys Frozen teilen sich dieses Jahr meinen König-der-Löwen-Preis für den geringsten Sinn und Unterhaltungswert bei maximalem Squirm-Effekt.
  • Darren Aronofskys Noah schafft das Kunststück, zwischen alle Genres zu fallen, und das ziemlich tief. Weder Bibel-Epos noch Moraldrama noch Actionfilm, scheint dieses Machwerk mehr zu eine Kampagne zu gehören, die Oscars von Russell Crowe und Jennifer Connelly zurückzufordern.
  • Die Vampire Academy hat meine nicht vorhandenen Erwartungen noch untertroffen. Meist haben solche YA-Adaptionen zumindest einen unfreiwilligen Unterhaltungswert, aber hier stolpern Barbies mit Zombie-Augen durch Pappkulissen und treffen auf abgehalfterte Altstars wie Gabriel Byrne und Olga Kurylenko (moment mal, war die nicht vor kurzem erst Bond-Girl?)
  • Dann gab es die sogenannte intelligente Science Fiction, z.B. The Signal (53/100) mit "Morpheus" Laurence Fishburn (wir sollten ihn wieder Larry nennen) und Transcendence mit Johnny dem Deppen (auch Co-Stars Paul Bettany und Morgan Freeman sollten sich was schämen). Die waren allerdings regelrecht spaßig im Vergleich zum Langweiler Under The Skin (78/100, mit Scarlett Johannson) und schließlich dem erzähltechnisch und moralisch übelsten Werk des Jahres, Snowpiercer (84/100, mit Captain America Chris Evans!). Die Werte in Klammern geben übrigens den IMDB-Metascore an, d.h. die durchschnittliche Meinung professioneller Kritiker. Kein Kommentar.
Damit ist leider das Ende noch nicht erreicht. Die zweifelhafte Ehre der

Ärgerlichsten Filme von 2014

teilen sich:
  • Nächster Halt: Fruitvale Station zeigt, was für ein netter und liebevoller Kerl der schwarze Junge war, den ein brutaler weißer Polizist ohne Grund in der U-Bahn erschoß. Zusätzlich zu dieser Schürung von Rassenhaß ist das auch noch gestelzt und phlegmatisch inszeniert.
  • Monsieur Claude und seine Töchter: Millionen Fliegen können nicht irren. Als die vier Schwiegersöhne von M. Claude agieren buchstäbliche Klischees jeweils eines Juden, Arabers, Chinesen und (katholischen) Schwarzafrikaners. Die Moral: Rassisten sind auch nur Gutmenschen. Das wollten die Franzosen und Deutsche in Scharen sehen. Zu weiteren Erläuterungen sei diese Kritik empfohlen.