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Sonntag, 31. Dezember 2017

Klassische Rezension: Bridget Jones's Diary (Sharon Maguire, 2001)

Wer ist Bridget Jones?

Bridget Jones lebt in London, ist Anfang 30 und der Prototyp eines neurotischen weiblichen Single inklusive tickender biologischer Uhr. Sie kämpft mit ihrem Gewicht, zu viel Alkohol und Zigaretten und ihrem Interesse an den falschen Männern. Ihr Sozialleben richtet sie nach unzähligen Taschenbuch-Ratgebern vom Typ "Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus" aus. Von der Neujahrsfeier bis zum folgenden Sylvesterabend erleben wir das Jahr 1995 mit ihr, mit Höhen und Tiefen (zur Erinnerung: Gewicht, Alkohol, Zigaretten, Männer), einer gewissen Emanzipation im Beruf und familiären Verwicklungen. Stoff für (aber)witzige Situationen gibt es also genug. Sie steht aber auch zwischen zwei Liebhabern, einem charmanten Windhund (Hugh Grant) und einem reichen Langweiler (Colin Firth). Jedenfalls scheint es zunächst so...

Von Jane Austen über Helen Fielding zu Richard Curtis

Für das Drehbuch zeichnen Richard Curtis, Andrew Davies und Helen Fielding verantwortlich. Dazu folgender Hintergrund: Im Herbst 1995 war halb Großbritannien für einige Sonntagvormittage im Bann einer brillanten sechsteiligen BBC-Verfilmung des wohl besten Jane-Austen-Romans, "Pride and Prejudice" ("Stolz und Vorurteil"). Jennifer Ehle spielte Elizabeth Bennet, die ihre Vorurteile, und Colin Firth Mr. Darcy, der seinen Stolz überwinden muß, um dieser berühmten Liebesgeschichte ihrem Happy End zuzuführen; das Drehbuch schrieb Andrew Davies. In mehrfacher Hinsicht hat sich Helen Fielding mit ihrem Tagebuch-Roman "Bridget Jones's Diary" von diesem Stoff inspirieren lassen (abgesehen davon, daß Bridget im Buch ebenfalls Fan der Serie ist). So haben Bridgets nervtötende Mutter und der vornehm leidende Vater ihre Vorbilder in den Eltern von Elizabeth. Vor allem aber ist Mark Darcy natürlich Jane Austens "Mr. (Fitzwilliam) Darcy" nachempfunden. Im Film wird dies wunderbar auf die Spitze getrieben, indem der gleiche Schauspieler, Colin Firth, auch den modernen Darcy spielt. Hugh Grant wurde von Richard Curtis schon mehrfach hervorragend in Szene gesetzt ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Notting Hill"), diesmal als unsympathischer Gegenspieler um die Gunst der Heldin; ein Imagewechsel, der  ihm gut zu Gesicht steht. Seine Rolle ist gegenüber der Vorlage deutlich aufgewertet (wenn er auch nicht Wickham genannt wird). Überhaupt erhält das Drehbuch erst durch die Aufpolsterung mit Jane-Austen-Elementen seine Kraft, auch als Romanze zu bestehen. Im Buch wird nämlich überhaupt nicht klar, warum sich überhaupt ein Mann für diese neurotische Person interessieren sollte; erst Richard Curtis und Andrew Davies machen sie zur Sympathieträgerin und geben ihr eine Persönlichkeit (z.B. die Eigenart, stets zur Unzeit mit undiplomatischen Gedanken herauszuplatzen).

Die Entdeckung einer Komikerin

Für Qualität beim Drehbuch war also gesorgt. Doch wer kam für die Hauptrolle in Frage? Zum Glück verfiel man auf die Amerikanerin Renée Zellweger. Einigen vielleicht noch dadurch in Erinnerung, daß sie in Cameron Crowes "Jerry Maguire" in ihren wenigen Szenen Tom Cruise an die Wand spielte, war sie zuletzt in einigen kleineren, weniger gelungenen Filmen zu sehen, so in der skurillen, überambitionierten Komödie "Nurse Betty" und im neuesten Farrelly-Fäkalwitz "Me Myself & Irene". Wer sich jetzt an sie erinnert, wundert sich vielleicht? Ja, sie hat sich für "Bridget Jones" nicht nur einen Londoner Akzent angeeignet, sondern auch 10 Kilo zugenommen (und inzwischen auch wieder abgenommen - uff). Und sie hat England im Sturm eingenommen, wo "Bridget Jones's Diary" ein sensationeller Erfolg ist. Sie ist nicht nur umwerfend komisch, sondern bleibt auch stets liebenswert! Dabei zeigt sie Mut zur Peinlichkeit und vollen körperlichen Einsatz und ist angesagten männlichen Kollegen wie Jim Carrey, Robin Williams oder Ben Stiller mehr als ebenbürtig.

Für mich die Komödie des Jahres (trotz "Shrek")

Und dann ist da noch Sharon Maguire, die Regisseurin. Sie hatte bestimmt alle Hände voll zu tun, um so viel Talent zu koordinieren und das ganze zu einem flotten Film zusammenzufügen. Vielleicht muß man in einem Londoner Kino gesessen haben, um in den vollen Genuß dieser Komödie zu kommen. Ich jedenfalls habe schon seit Jahren kein Publikum erlebt, das derart vor Lachen in den Gängen rollte. Und das trifft genauso auf den männlichen Anteil zu - beileibe nicht nur ein Frauenfilm! Genauso könnte man behaupten, daß "High Fidelity" ein Männerfilm war. Und vielleicht ist das ganze nicht so romantisch wie bei Jane Austen (was ist das schon?), aber mit Sicherheit viel, viel witziger. Dafür sorgen schon die komplizierten Tücken des modernen Lebens für alle Singles, nicht erst ab 30, nicht nur in London. Herausragend (9/10)!

Donnerstag, 28. Dezember 2017

Kein Weihnachtsmärchen: Ich, Daniel Blake (8/10)

Diese Geschichte vom Zimmermann, der selbstlos seinen Nächsten hilft und schließlich dem System zum Opfer fällt, ist leider kein Weihnachtsmärchen. Daniel Blake ist Ende 50 und erlitt gerade einen Herzinfarkt. Sein Arzt hat ihm bis auf weiteres das Arbeiten verboten. Das Arbeitsamt sieht das anders: Er kann zehn Schritte laufen und sich mit beiden Händen einen Hut aufsetzen, also ist er auch arbeitsfähig. Krankengeld bekommt er demnach nicht, und für die  Arbeitslosenunterstützung muss er nachweisen, dass er 35 Stunden pro Woche für die Stellensuche aufwendet (ich selbst könnte nicht mal nachweisen, dass ich 35 Stunden pro Woche arbeite). Von den Sachbearbeitern wird er streng nach Reglement wie ein Kleinkind behandelt, und Beschwerdeformulare gibt es nur online. Eine ziemliche Hürde für jemand, der in seinem Leben noch nie einen Computer bedient hat (seine erste Begegnung mit einer Maus ist vorhersehbar komisch). Den kleinen Triumph, dass er mit seinem handgeschriebenen Lebenslauf einen potentiellen Arbeitgeber interessieren konnte, darf er seiner Sachbearbeiterin dann aber nicht erzählen, denn das Jobangebot muss er aufgrund seines schwachen Herzens ablehnen.

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Auch wenn für das Drehbuch die Auswüchse des britischen Sozialsystems recherchiert wurden, ist die Situation sicher auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar. Auch wenn unsere Wirtschaftsverbände uns das Gegenteil weismachen wollen, leiden gerade brave Menschen, die unverschuldet ins Unglück geraten. Um vom sozialen Netz optimal abgefangen zu werden, muss man halt clever sein. Was bedeutet das für ältere, bildungsferne oder behördenunerfahrene Hartz-IV-Empfänger? Natürlich schauen sich auch diesen Film wieder die falschen Zuschauer an. Eine Breitenwirkung bleibt auch aus, weil Ken Loach mit (hervorragenden) Laiendarstellern arbeitet, die hierzulande niemand hinter dem Ofen hervorlocken (dagegen hat Dwayne Johnson fast zwei Millionen Deutsche ins anderswo ziemlich gefloppte Baywatch-Remake gelockt). Ich fand Dave Johns als Daniel und Hayley Squires als alleinerziehende Mutter faszinierend. Sie haben unverbrauchte Gesichter und agieren ohne Starallüren. Ich habe mit ihren Demütigungen gelitten und mich über ihre kleinen Erfolge gefreut (nicht alle Räder im Getriebe wollen den Figuren Böses).

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Man könnte Ken Loach vorwerfen, dass er seit 30 Jahren immer wieder den gleichen Film dreht. Anderseits gibt es kaum jemanden in Europa, dem ähnlich präzise, kompromisslose, aufwühlende Sozialdramen gelingen. Anders als etwa sein Landsmann Mike Leigh, der seine Sujets oft satirisch überhöht und sentimental unterfüttert, bleibt Ken Loach stets bodenständig. Natürlich verdichtet er seine Stoffe, aber sie bleiben im britischen Arbeitermilieu verwurzelt. Nach einigen Höhepunkten in den 90ern, vor allem die verschrobenen Drama-Komödien Riff Raff (1991) und Raining Stones (1993) mit Ricky Tomlinson (hierzulande bekannt aus Das Leben ist eine Baustelle), verlor ich ein wenig die Lust an seinen Werken, die mir zunehmend verbissen ideologisch und weniger unterhaltsam erschienen. Mit Ich, Daniel Blake ist dem Fellow der britischen Akademie nun mit 80 Jahren wieder ein großer Wurf gelungen - er gewann, nach etlichen Nominierungen, erstmals (!) in seiner Karriere auch einen BAFTA (für den besten britischen Film). Seit 20 Jahren arbeitet er übrigens mit Drehbuchautor Paul Laverty zusammen. Ich, Daniel Blake ist für mich ihr schönster Film seit Mein Name ist Joe von 1998. Sehr gut (8/10).

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Ich, Daniel Blake lief schon vor einem Jahr in den deutschen Kinos und ist für Mitglieder jetzt kostenlos bei Amazon Prime verfügbar (in deutsch und englisch).

Klassische Rezension: Das Leben ist eine Baustelle (Wolfgang Becker, 1997)

Komödie, Drama, Romanze in einem? Das gelingt normalerweise nur den Briten, vor allem Mike Leigh und Ken Loach. Vielleicht kein Zufall, daß dessen Hauptdarsteller aus "RiffRaff" und "Raining Stones", der wunderbare Ricky Tomlinson, hier mitspielt. Ein seltener Fall eines deutschen Films über die sogenannte Unterschicht, der überhaupt nicht trocken akademisch daherkommt und trotz einiger komischer Überspitzungen glaubhaft bleibt. Die Besetzungsliste liest sich wie ein Who Is Who des deutschen Films (nicht der Stars, sondern der Könner). Neben den beiden Hauptdarstellern, Jürgen Vogel und Christiane Paul, glänzen in den Nebenrollen u.a. Martina Gedeck, Armin Rhode, Meret Becker und (ein Glücksgriff) die kleine Rebecca Hessing. Trotzdem sei mir erlaubt, die damals 21jährige Laienschauspielerin Christiane Paul hervorzuheben. Nicht wegen der offenherzigen Liebesszene (eigentlich schon, würde ich aber nie zugeben), sondern weil sie ihre Rolle mit so erstaunlich viel Leben erfüllt hat. Sie kann mit sparsamen Gesten und Blicken so viel ausdrücken... Wollen wir hoffen, daß sie Hollywood und die Medizin links liegenläßt und dem deutschen Kino erhalten bleibt - das bietet zwar nicht viele gute weibliche Rollen, aber diese wenigen kann man ihr getrost alle anvertrauen. Den Rest des Lobes muß ich nun Wolfgang Becker aussprechen, der (mit ein bißchen Hilfe von Tom Tykwer) eine originelle Geschichte (die nur ab und zu auf Klischees zurückgreift) erfunden und grandios inszeniert hat. Herausragend (9/10).

Freitag, 22. Dezember 2017

Das Wars: Die letzten Jedi (4/10)

Die beste Option für Episode 8 ist möglicherweise, die Augen zu schließen und die herrliche Musik von Altmeister John Williams zu genießen. Die wird leider ab und zu durch Explosionen und Schießereien unterbrochen, auch mal durch meist peinliche Dialoge. Zwar würde man dann auch die tollen Darstellungen der Althelden Mark Hamill und Carrie Fisher verpassen, die allerdings, vom Script im Stich gelassen, weitgehend im luftleeren Raum agieren - Leia sogar buchstäblich. Auch den Jungschauspielern kann man nichts vorwerfen, vor allem Daisy Ridley, die Rey bravourös als Ritterin ohne Furcht und Tadel verkörpert. Sogar Fiesling Adam Driver vermag seiner Rolle ein paar Nuancen zu geben, nachdem er endlich die doofe Maske ablegen darf (hier spricht mir Supreme Leader Snoke aus der Seele). Ich wünschte allerdings, er hätte sein T-Shirt angelassen.

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Leider habe ich dem Verhängnis offenen Auges ins Gesicht gestarrt. Zunächst wohlwollend, dann immer mehr irritiert, wegen mancher Längen auch gelangweilt, wurde mir immer unwohler bei der Ausbreitung dieses Puzzles von Versatzstücken, die nicht zusammenpassen und am Ende weniger als die Summe ihrer Teile ergeben. In meiner Kritik zur Vorgängerepisode hatte ich bereits vermerkt, dass Nostalgie nun von Neuerungen abgelöst werden müsse. Aber man hätte schon versuchen können, den Ton von Star Wars zu treffen. Nichts gegen ein bisschen Humor (über die putzigen Porgs konnte ich durchaus schmunzeln), nichts gegen ein Kommandounternehmen, welches zur Abwechslung mal schiefläuf, aber Twists um der Twists willen kotzen mich langsam an. Und der Twist, der im Vorfeld am meisten gehypt wurde, entpuppt sich als kein Twist. Mehr ist den Autoren nicht eingefallen? Man kann gegen George Lucas eine Menge einwenden, aber die Ursprungstrilogie folgte einem schlüssigen Konzept, und die aufgebauten Geheimnisse wurden zufriedenstellend aufgelöst. Dabei blieb ein gesundes Maß an Mysterium erhalten. Erst in der Folgetrilogie bekam etwa der Imperator eine Backstory, die diese Figur aber eher entzaubert hat. In der neuen Trilogie hat sich der zweite Autor (und Regisseur) Rian Johnson bereits soweit von J.J. Abrams' Ansatz getrennt, dass ich für dessen Abschlussepisode (er wird mangels Freiwilligen auf den Regiestuhl zurückkehren) nur noch Dunkelheit sehen kann.

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Star Wars war noch nie Science Fiction, aber nun entschwebt es endgültig ins Reich der Fantasy. Alle Regeln, die bislang für die Macht galten, werden gesprengt, Potestas ex machina sozusagen. Dass Rey im ersten Film bereits einem ausgebildeten Jedi (oder Sith) im Lichtschwertduell ebenbürtig war, konnte man gerade noch schlucken. Was nun aber alles möglich ist, hätte man sich nicht träumen lassen. Auch wurde die Macht bisher nie als Religion dargestellt - das ist eine Interpretation übereifriger Fans. Ich habe sie immer als eine leicht pantheistisch angehauchte Weltanschauung betrachtet. Nun finden sich sogar mystische Bäume und heilige Texte. Das passt übrigens zur modernen amerikanischen Unternehmenskultur, gemäß derer Ausbildung überflüssig und alles aus Büchern erlernbar ist. Apropos Lehrer - wie kann man ein Cameo von Kermit the Frog Master Yoda nur so verhunzen (Frank Oz, wie konnten Sie nur?)

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Die komplette Handlung der Episode 8 spielt sich an einem einzigen Tag ab und lässt sich spoilerfrei so zusammenfassen: "Die Rebellenflotte ist auf der Flucht vor der Ersten Ordnung, und ihr geht langsam der Sprit aus." Innerhalb dieses Tages besuchen zwei Figuren mal eben einen exotisch-kapitalistischen Waffenhändlerplaneten, um einen Codebreaker aufzutreiben (gab es jemals eine sinnlosere Nebenhandlung?). Gleichzeitig durchläuft Rey ihre Jedi-Ausbildung, ist aber rechtzeitig zurück, um den "Funken der Rebellion" zu retten. Erinnert sich noch jemand an die komplizierte Karte zu Luke Skywalkers Eremitage, um die es in Episode 7 ging? Das Ziel war offenbar gleich um die Ecke, denn der Millenium Falcon kann die Entfernung binnen Stunden zurücklegen (hin und zurück). So wie die Entfernungen in Westeros jüngst auf Drachenflugweite zusammengeschrumpft sind, so winzig scheint die Galaxie "weit, weit weg" nun plötzlich zu sein. Für eine epische Erzählung braucht es Geduld, aber die wird jungen Zuschauern wohl nicht mehr zugetraut.

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Und was bleibt am Ende übrig? Oder vielmehr wer? Ich finde es schon reichlich zynisch, dass die Rettung einer Handvoll Rebellen als Erfolg gewertet wird (Hauptsache, die Hauptfiguren sind dabei). Nicht einmal Star Trek entledigt sich so skrupellos Tausender von Redshirts. Das ist auch nicht "düster", sondern einfach nur gefühllos. Es erinnert mich an die zweite (und wahrscheinlich letzte) Staffel der Shannara-Chroniken, zu deren Ende es nun endgültig alle Handlungstragenden über 30 dahingerafft hat, so dass die Teenager endlich unter sich sind und sich ungestört ihren Balzproblemen widmen können. Gut, dass Carrie Fisher das nicht mehr erleben musste (Mark Hamill hat schon überraschend deutlich erklärt, dass er mit dem Weg seiner Figur nicht einverstanden war). Hoffen wir mal, dass Leia in Episode 9 nicht per Zombie-Technik am Leben erhalten wird. Unnötig verschenkt ist die Kunst von Andy Serkis, der als Supreme Leader Snoke zwar alle Register seines Könnens zieht, aber von den Autoren jämmerlich verraten. Von Captain Fantastic Gwendoline Christie ganz zu schweigen (führt man den Kalauer fort, dann wäre Finn der Dirt Brown Cowboy - politisch total unkorrekt. Pfui, Bernie Taupin!).

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Eigentlich habe ich gar nichts gegen einen Generationswechsel. Daisy Ridley als Rey habe ich schon gelobt, auch John Boyega als Finn gefällt mir trotz seines albernen Handlungsbogens nach wie vor. Gleiches gilt für Oscar Isaac als Cameron Crowe Poe Dameron, eine Figur, die Eltern wohl kaum bei der Namensgebung inspirieren wird. Er hat mehr zu tun als im Vorgängerfilm, muss aber auch als Prügelknabe und Möchtegernheld herhalten. Finn bekommt übrigens einen Sidekick spendiert, in Form der Kalifornierin (mit vietnamesischen Vorfahren) Kelly Marie Tran. Dass ihre Figur auf Dauer nervt, will ich der sympathischen Darstellerin nicht ankreiden (Diversität ist immer positiv, aber diese Besetzung ist sicher auch eine Anbiederung an den asiatischen Markt). Oscarpreisträger Benicio del Toro als Codebreaker hat so ungefähr zwei gute Momente, sein Talent ist ansonsten aber verschwendet. Für Laura Dern entwickle ich langsam Hassgefühle. Nach ihrem unangenehmen Auftritt in Twin Peaks: The Return spielt sie nun eine unpassend militärisch geprägte Vizeadmiralin (sagt man das so?) Niemals hatte eine Figur den Zuspruch "Möge die Macht mit dir sein!" mehr nötig als Holdo, denn vor ihrer neonfarbenen Perücke schreckt sicher selbst die Macht zurück.

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Ausnahmsweise sprechen die IMDB-Nutzerkritiken mir mal aus der Seele (noch deutlicher als beim Bastard Rogue One). Die letzten Jedi ist kein echter Star-Wars-Film, aber schlimmer: es ist ein schlechter Film. Fragt sich, wer all die Kritiker bestochen hat, die einen Metascore von momentan 86/100 spendiert haben. Oder wer denn diese sogenannten Kritiker überhaupt sind. Wegen der sympathischen Darsteller und aus (allerdings verblichenem) nostalgischen Gefühl heraus ergibt sich meine persönliche Wertung: Erträglich (4/10).

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Sonntag, 10. Dezember 2017

Meine Abenteuer mit Sky Ticket

Seit mehr als 15 Jahren pfeife ich aufs lineare Fernsehen. Ich bin weder über Kabel noch Satellit angeschlossen, und neuerdings empfange ich über DVBT nur noch die öffentlichen Sender. Selbst bei Arte schaue ich nicht mehr vorbei (früher habe ich dort ab und an einen Film aufgenommen). Neben Konserven (Blu-ray) greife ich in den letzten Jahren mehr und mehr auf Streamingdienste zu. Wie man meinem Blog unschwer entnehmen kann, ist dort Netflix mein Favorit, schon weil dort praktisch jeder Film und jede Serie auch im (meist englischen) Original verfügbar ist. Aber auch bei Amazon Prime werde ich gelegentlich fündig, zuletzt mit den jeweils zweiten Staffeln von Lucifer, Preacher und den Shannara-Chroniken (das ist die ultimative Guilty Pleasure unter den Fluchtfantasien: schöne junge Menschen vergnügen sich in tollen Landschaften - ein wunderbarer Ausgleich zu Babylon Berlin).

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Aufgrund der immer noch unverschämten Preise nutze ich nur sehr selten PayPerView zum Streamen. Schwer erhältliche Folgen oder Filme kaufe ich schonmal bei iTunes oder Amazon, aber der übliche Preis von 5 Euro für die HD-Version steht in keinem Verhältnis zu den Preisen, der Qualität und dem Zusatzkomfort physischer Medien.

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Nach der Abwicklung des Amazon-eigenen Lovefilm-Versands nutze ich übrigens nun ein vergleichbares Leihpaket von Videobuster. Der größte Unterschied zu Lovefilm ist, dass die pfiffigerweise immer gleich zwei Scheiben im Umschlag versenden, der ansonsten auf dem gleichen Patent beruht. Tip: Man sollte die Flex-Option zunächst deaktivieren, denn ansonsten bekommt man zusätzlich zu der vorgesehenen monatlichen Anzahl von Filmen automatisch weitere Sendungen, die zusätzliches Geld kosten (soweit ich das verstanden habe). Das Angebot von Videobuster scheint mir ähnlich wie das von Lovefilm, aber wahrscheinlich ist der Service noch nicht so überlaufen, denn bisher habe ich stets die Titel mit der höchsten Priorität meiner Wunschliste sofort bekommen. Dabei waren übrigens auch schon UHD-Blu-rays!

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Da nun O2 einen Einsteigetarif bot und dort exklusiv Twin Peaks: The Return, Game of Thrones und Babylon Berlin laufen, habe ich mich nun für ein halbes Jahr auf Sky Ticket eingelassen. Nachdem die genannten Serien nun abgelaufen sind, bin ich froh, mein Abonnement wieder kündigen zu können. Dass sich der Premiere-Nachfolger überhaupt hierzulande halten kann, liegt wohl nur an der Fußballvernarrtheit der Deutschen. Einige Gründe für meinen Frust:

Der Preis

10 Euro im Monat erscheinen zunächst fair und wären vergleichbar mit den Kosten der Konkurrenz. Das ist allerdings nur der Preis für das sogenannte "Entertainment Ticket" für TV-Serien. Kinofilme und Sport müsste man separat dazubuchen, das wären dann 30 Euro pro Monat. Lächerlich.

Das Angebot

Sky wirbt damit, Partner von HBO zu sein. Prima, dachte ich, dann schaue ich mal in Westworld rein. Pustekuchen - der neue Hoffnungsträger des GoT-Studios war im Sommer nicht verfügbar. Im Herbst, als ich mir bereits die UHD-Veröffentlichung bestellt hatte, wurde die Staffel dann mit großem Tamtam wieder bereitgestellt. Darüber hinaus finden sich viele Ladenhüter oder Serien, die auch woanders verfügbar sind, oft nicht in englischer Sprache (was in der Übersicht gar nicht leicht feststellbar ist).

Allgemein gilt darüber hinaus, dass oft nur einzelne Staffeln oder sogar nur einzelne Folgen der beworbenen Serien zur Verfügung stehen, die gerade auf den Sky-Kanälen gelaufen sind. Sky Ticket ist kein Streaming-Service, sondern eine wurmstichige Mediathek für das altbackene Premiere-Programm.

Die Technik

Auch bei der Technik hinkt Sky hinterher. Die Neuigkeit vom Digitalton hat sich noch nicht bis zu diesem Anbieter durchgesprochen. Dolby Surround ist das Maximum, was man erwarten kann. Von UHD ganz zu schweigen - meist scheint die Bildqualität nur bis 720P zu reichen. Auch die Wartezeiten bis zum Streaming-Start sind länger als gewohnt. Dazu passt, dass bei "Twin Peaks" zunächst die Folgen 13/14 vertauscht wurden, so dass zum gewohnten Tag dann keine neue Folge angeboten wurde. Bei "Game of Thrones" bin ich deshalb doch auf iTunes-Folgen ausgewiechen.

Sky sieht das Serienangebot offenbar als eine bunte Sammlung von Einzelepisoden. Hat denn Netflix die einzig sinnvolle Herangehensweise patentiert? Logisch wäre die Navigation von der Serie zur Staffel zur Einzelfolge. Schon bei Amazon Prime stehen die Einzelstaffeln (oft noch getrennt nach deutscher und Originalfassung) separat, auch etwa in den Suchergebnissen (dort gibt es dann oft eine Mischung von Flatrate- und Bezahlinhalten). Sky muss diesem Unfug noch einen draufsetzen. Selbst die Liste der gesehenen Titel enthält eine bunte, ungeordnete Mischung von Einzelfolgen, oft auch noch mit abgelaufenen (nicht mehr verfügbaren) Folgen: "This content has currently expired". Das kommt übrigens so häufig vor, dass es (immerhin) eine Suchkategorie "Letzte Chance" gibt. Bei Twin Peaks etwa lief das so: zwei Tage lang war die neue Folge nur in OF im Programm. Dann wurde die OF auf "abgelaufen" gesetzt (aber nicht entfernt), und es kam die deutsch-englische Variante hinzu.

Die Bedienung

Hier beurteile ich im wesentlichen die App meines modernen Samsung-Fernsehers. Auf dem iPad sieht es aber wohl nicht besser aus. Zunächst einmal muss ich mich bei jedem Aufruf (sogar mehrmals innerhalb eines Tages) erneut mit meiner vierstelligen Pin-Nummer anmelden. Und zum Anmeldebildschirm muss man erstmal hinnavigieren! Dazu kommt, dass bereits ab FSK16 der Jugendschutz greift und ich dafür zusätzlich nochmals eine Pin eingeben muss. Aber vielleicht ist es schon ein Fortschritt, dass ich solche Inhalte überhaupt tagsüber anschauen darf. Im linearen Fernsehen gelten immer noch die bizarren Regeln aus den 60ern: FSK16 ab 22 Uhr und FSK18 ab 23 Uhr. Jugendliche würden sich bestimmt darüber amüsieren, wenn sie am alten Fernsehmodell noch Interesse hätten.

Habe ich mich also angemeldet, lande ich immer erst bei den Filmen, die aber gar nicht Teil meines Tickets sind. Zu den Serien muss ich erst mühsam hinnavigieren. Auch die zuletzt gesehene Serie ist nicht so einfach zu finden. In der "Merkliste" wie auch unter "Zuletzt gesehen" stehen Einzelfolgen. Manchmal gibt es einen Button, um die aktuelle Serie fortzusetzen, aber eine Regelmäßigkeit habe ich dort nicht erkennen können. Bei "Babylon Berlin" habe ich mir angewöhnt, immer schon die ersten Sekunden der nächsten Folge abzuwarten, damit diese dann unter "Zuletzt gesehen" auf mich wartet. Trotzdem bin ich einmal versehentlich mitten in der zweiten Staffel gelandet. Das habe ich allerdings schnell aufgrund der Zusammenfassung am Anfang ("Bisher bei Babylon Berlin") erkannt, die man übrigens nicht überspringen kann (nicht gerade dem Binge-Watching zuträglich).

Kaum erwähnenswert ist das Ärgernis, dass die Sprachumschaltung (sofern denn vorgesehen) nur mit der gelben Taste der Fernbedienung möglich ist. Die gibt es auf der Smart Remote aber gar nicht. Na super - jetzt habe ich nur deswegen wieder Batterien in die herkömmliche Fernbedienung gepackt.

Samstag, 9. Dezember 2017

Deutsche Prestige-Serie: Babylon Berlin

Wir schreiben das Jahr 1928. Der junge Kölner Kommissar Gereon Rath ist zu Gast bei der Berliner Sittenpolizei. Wie er dem Polizeipräsidenten im Vertrauen mitteilt, wird Kölns Oberbürgermeister Dr. Adenauer erpresst. Rath hat den Auftrag, die kompromittierenden Fotos sicherzustellen und zu vernichten. Wie sich herausstellt, ist unser späterer erste Bundeskanzler nur vorgeschoben, die Hintergründe liegen im persönlichen Umfeld Raths, der noch am Trauma des Ersten Weltkriegs leidet, aus dem sein Bruder nicht zurückkehrte. Diese Ermittlung tritt aber schnell in den Hintergrund, und Rath gerät in einen Dschungel aus politischen Unruhen, internationalen Intrigen, schnittiger Gangstern und korrupter Polizisten. Dabei kreuzen sich seine Wege mit denen der jungen Berlinerin Charlotte Ritter, die ihr mageres Einkommen als freie Stenotypistin im Präsidium durch nächtliche Prostitution im Edelclub Moka Efti ergänzt, um ihre Familie ernähren zu könnne. Sie hat allerdings mehr Spaß an Detektivarbeit und träumt von einer Karriere als Kriminalassistentin.



Anders als bei Fassbinders Verfilmung von Döblins zeitgenössischem Roman Berlin Alexanderplatz beruht Babylon Berlin auf aktuellen historischen Romanen des 1962 geborenen Journalisten Volker Kutscher (die ich nicht kenne). Künstlerisch gestemmt wurde die Adaption von einem Dreierteam: Tom Tykwer, mein deutscher Lieblingsregisseur seiner Generation, sowie Achim von Borries und Henk Handlhoegten, beide langjährige Vertreter der X-Filme-Produktionsfirma und u.a. Mitautoren von Good Bye, Lenin!. Über Kosten und Produktionsaufwand ist schon viel geschrieben worden, siehe etwa die Süddeutsche oder Spiegel. Ja, das Berlin der 20er erwacht in verblüffendem Detailreichtum zum Leben, und ja, Bilder und Sound können sich auch international sehen und hören lassen, und ja, da agieren tolle Darsteller in weitgehend überzeugender Manier. Trotzdem konnte sich bei mir keine rechte Begeisterung einfinden. Warum?

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Babylon Berlin ist konsequent horizontal erzählt. Einzelne Folgen können nicht für sich stehen, sondern ergeben nur im Zusammenhang einen Sinn. Im traditionellen Fernsehen ist dies ein recht modernes Phänomen, ein frühes Beispiel dafür wäre Twin Peaks (1990). Allerdings gab es schon länger etwas ähnliches, nämlich die sogenannten "Mini-Serien". In dieser Form hat etwa die BBC fast alle Dickens- und Austen-Romane auf die Bildschirme gebracht. Aus meiner Jugend erinnere ich mich auch an andere Beispiele, etwa diverse Jules-Verne-Epen oder den immer noch sehenswerten Fünfteiler Shogun. Was sich stark geändert hat, sind die Sehgewohnheiten. Die zweimal acht 45minütigen Folgen von Babylon Berlin sind zwar nominell über Oktober und November verteilt bei Sky angelaufen, stehen nun aber in ihrer Gesamtheit zum Streamen zur Verfügung. Ich persönlich habe sie mir binnen einiger Wochen verteilt angeschaut. Mehr als zwei Folgen pro Abend habe ich nicht geschafft, dafür erfordert die Serie zu viel Aufmerksamkeit und ist auch zu deprimierend. Nach der vorletzten Folge (2.7) war ich nachgerade sauer, auch wenn der tragische Ausgang schon früh telegraphiert wurde (und damit meine ich nicht den ebenfalls vorhersehbaren Cliffhanger um Charlotte).

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Dabei war das sicher nicht so anstrengend wie Fassbinders Epos Berlin Alexanderplatz, dessen 13 Folgen ich über Monate verteilen musste. Tykwer ist ja ein großer Fan, was man in seinem Essay für Criterion nachlesen kann. Babylon Berlin ist trotzdem fast als Antithese angelegt. Dort der Fokus auf Franz Biberkopf, hier auf ein umfangreiches Beziehungsgeflecht. Dort ein poetisch-surrealer Grundton, hier eine zwar komplexe, aber realistische Erzählstruktur. Dort spiegeln sich die historischen Ereignisse in den menschlichen Schicksalen, hier sind sie wesentlich in die Handlung integriert. Günter Lamprecht, war zwar als Biberkopf 1980 mindestens 10 Jahre zu alt, seine wuchtige Darstellung bleibt aber trotzdem im Gedächtnis. In Babylon Berlin hat der 87jährige einen netten Gastauftritt als Reichspräsident von Hindenburg.

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Tykwer war übrigens bereits an einer anderen Fernsehserie beteiligt, die unterschiedlicher nicht sein könnte: Sense8 gehört zu seiner eher Hollywood-orientierten Seite (Das Parfum, Der Wolkenatlas), Babylon Berlin zu der des Autorenfilmers (Winterschläfer, Drei). Sense8 hat sein Publikum nicht gefunden, weil die Welt nicht aufgeschlossen genug dafür war (aufgrund massiver Proteste nach der Absetzung, denen ich mich ebenfalls angeschlossen hatte, hat Netflix immerhin eine zweistündige Abschlussfolge für nächstes Jahr finanziert). Babylon Berlin steht momentan ohnehin nur einer Randgruppe, nämlich den Sky-Abonnenten, zur Verfügung. Ob es Ende 2018 bei der ARD-Ausstrahlung eine zu den Kosten passende Beachtung finden wird, halte ich für unwahrscheinlich. Selbst die auf Unterhaltung getrimmte Historienserie Deutschland 83 ist ja bei den Zuschauern hierzulande eher durchgefallen. Woher soll dann die Zielgruppe für dieses anstrengend-deprimierende Sittengemälde kommen?

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Grundproblem in Babylon Berlin sind für mich die Figuren, zu denen ich nur schwer eine Beziehung aufbauen konnte. Nehmen wir Gereon Rath. Gegen Mitte der ersten Staffel zweifelt sein Partner Wolter an einem Urteil Raths, und Rath fragt ihn darauf (sinngemäß): "Du kennst mich doch als guten Polizisten!" Der Zuschauer erinnert sich zu diesem Zeitpunkt allerdings vor allem daran, dass Rath bereits zweimal seine Dienstpistole verloren hat - einmal ist sie bei einer Verfolgungsjagd in einen Schacht gefallen, beim zweiten Mal entriss sie ihm ein Verdächtiger beim Verhör und erschoss sich damit. Kein Indiz für eine besondere Befähigung als Polizist, oder? Auch Kollege Wolter, als Berliner Urgestein brillant von Peter Kurth verkörpert, bleibt als Figur eine Summe von widersprüchlichen Behauptungen. Erst reiben sich die beiden, dann sind sie ganz plötzlich, nach einem einsamen Bier, Kumpel und per Du, und später wiederum - aber ich möchte nicht zu sehr spoilern...

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Besser steht es um Charlotte Ritter, der zwar ein bisschen viel aufgebürdet wird, mit deren Schicksal man aber am ehesten mitfiebert. Das liegt für mich auch an der Darstellerin. Die Berlinerin Liv Lisa Fries ist erst 27, aber schon seit zehn Jahren gut im Geschäft. Sie bringt die Widersprüche ihrer Figur glaubwürdig rüber - zerbrechlich und stark, opportunistisch und loyal. Ob eine solche Frau historisch in die Weimarer Republik passt, mag man bezweifeln, aber es wäre auch langweilig, eine reine Männerwelt zu zeigen. Es ist dramaturgisch immer reizvoll, Aussenseiter in den Mittelpunkt zu stellen. Gereon Rath ist mit Absicht ein Fremdkörper in Berlin, überhaupt bei der Polizei. Er ist schmal und sensibel, dazu Morphium-abhängig (oder ist das am Ende bereits Heroin?) Den zehn Jahre älteren Münchener Volker Bruch sehe ich in der Hauptrolle deutlich zwiespältiger als seine Kollegin. Er zeigt eine technisch brillante Leistung, ob in den Suchtszenen oder beim ausgelassenen Tanzen, aber das wirkt selten richtig natürlich. Man vergisst nie, dass er schauspielert (vielleicht ist es auch unmöglich, diese schwierige Figur überzeugend darzustellen).

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Die Nebenfiguren sind oft noch schwächer gezeichnet. Und wenn mal jemand gerade Kontur gewonnen hat, wird er oft gleich wieder beseitigt. So etwa Assistent Jänicke, der lange nur so nebenbei erscheint, an den man sich dann gerade zu erinnern beginnt (er hat taubstumme Eltern und kann daher gut Lippen lesen), bevor er dann kaltblütig erschossen wird. Bei einer Figur, der man gerade erst einen Namen zuordnen kann, entsteht dann auch keine emotionale Wirkung (wenn überhaupt, war ich betroffen von Charlottes Reaktion). Das ist aber kaum die Schuld der Darsteller, deren Namen selbst mir als Nicht-Fernsehgucker oft geläufig sind, so etwa Hannah Herzsprung, Jördis Triebel, Lars Eidinger, Fritzi Haberland und Benno Fürmann (der Tykwer-Veteran aus Der Krieger und die Kaiserin wird wohl in der Fortsetzung eine größere Rolle spielen).

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Gerade wenn man sich in der zweiten Staffel ein wenig besser zurechtfindet, wird das vertraute Personal gewalttätig abgebaut. Was in einem Roman dramaturgisch sinnvoll sein kann, wirkt im Fernsehen schnell frustrierend. Es wäre besser gewesen, man hätte zur Einführung eine Staffel vor dem ersten Roman angesiedelt, in der man die Protagonisten im "Fall der Woche" erstmal kennen- und schätzenlernt, bevor man vom Intrigengeflecht der Romanhandlung überwältigt wird. Diese Vorgehensweise findet man heute oft bei amerikanischen Serien, siehe etwa Person of Interest. Manchmal ist anderseits die Hinwendung zur horizontalen Erzählweise und zur Betonung der Seifenoperelemente auch nur Kalkül, um die Zuschauer bei der Stange zu halten (siehe etwa Grimm).

Zu Asche, zu Staub
Der Ohrwurm und inoffizielle Titelsong von Tom Tykwer und Johnny Klimek, in der Serie in einer bizarren Performance von Severija Janusauskaite live dargeboten (Cabaret lässt grüßen!), setzt den morbiden Grundton (den späteren Auftritt des müden 72jährigen Bryan Ferry, der auch ein paar unscheinbare Songs zum Soundtrack beitrug, wollen wir mal vergessen). Die Dekadenz der ausgelassenen 20er Jahre mündet in einer Wirtschaftskrise. Es wird immer noch getanzt und gesungen in den Clubs, aber nebenan hungern und frieren die Arbeitslosen und ihre Familien. Kommunisten, Anhänger des Kaisers und Nazis buhlen um Anhänger (wir wissen ja, wer die Oberhand gewann). Ein paar mehr oder weniger redliche Menschen stemmen sich noch gegen den Strom, aber die Lage ist hoffnungslos. Die auf acht Bände ausgelegten Romane sollen wohl 1938 enden, als wohl jeder das bittere Ende absehen konnte. Gut möglich, dass wir wieder auf solche Goldenen Zwanziger zusteuern. Aber will Babylon Berlin warnen oder uns nur in der Hoffnungslosigkeit ertränken? Für mich hat sich die Anstrengung zwar gelohnt, aber ich freue mich nicht gerade auf die bereits beschlossene Fortsetzung.

Klassische Rezension: Heaven (Tom Tykwer 2002, 8/10)

Tom Tykwer hat das Pech, durch einen Film international bekannt geworden zu sein, der in seiner Art ebenso einmalig wie unwiederholbar ist. Nicht einmal in Hollywood gibt es die Schublade "Rennende Rothaarige". Bei der Aufregung um die rote Lola wurde gern übersehen, daß das Regietalent mit Die tödliche Maria und vor allem Winterschläfer bereits zwei hervorragende Werke abgeliefert hatte, ganz zu schweigen von seinem Beitrag zu Das Leben ist eine Baustelle. Nach dem (auf hohem Niveau) gescheiterten Der Krieger und die Kaiserin meisterte Tykwer nun mit Heaven seine erste internationale Produktion.

Das Drehbuch stammt von Krzystof Kieslowski, der wenige Jahre nach seinem frühen Tod bereits zum Genie verklärt wird, obwohl selbst seine berühmten Drei-Farben-Filme von durchaus unterschiedlicher Qualität sind. Es ist eine schlichte Geschichte um zwei Menschen und ein schwieriges ethische Problem. Zur Handlung möchte ich nicht viel verraten, nur eines klarstellen, was in manchen Beschreibungen falsch dargestellt wurde. Philippa geht es nicht um die Rache am (mittelbaren) Mörder ihres Mannes. Vielmehr möchte die Lehrerin ihre Schüler vor diesem Drogenboß schützen; nur wenige Tage vor ihrer Verzweiflungstat hat sich eines dieser jugendlichen Opfer umgebracht.

"Heaven" erinnert in seiner Art am ehesten an "Winterschläfer". Es ist emotional fesselnd, arbeitet mit ruhigen, hypnotischen Bildern und kommt mit sehr wenigen Dialogen aus (die italienischen sind untertitelt, die englischen synchronisiert). Die Kameraführung ist brillant, aber unaufdringlich, die Musikuntermalung minimalistisch (sie stammt vor allem von Arvo Pärt) und zweckdienlich. Cate Blanchett, deren Nicht-Oscar für Elisabeth die offensichtlichste Fehlentscheidung der US-Akademie der letzten Jahre war, füllt ihre Rolle perfekt aus. Ihr Partner Giovanni Ribisi wirkt dagegen etwas blaß, aber er soll ja vor allem Jugendlichkeit und die Unbedingtheit einer ersten Liebe ausstrahlen, was man ihm abnimmt.

Tykwers Verdienst ist es für mich, die Geschichte auf das Wesentliche reduziert zu belassen. Wie einfach wäre es gewesen, aus der Flucht dramatisches Kapital zu schlagen oder die Romanze zu verkitschen. Man muß schon etwas genauer hinsehen, um zu wissen, was in den Figuren vorgeht (wunderbar, was alles zwischen den Worten im Gespräch mit Filipos Vater gesagt wird). Um das Ende zu begreifen, sollte man sich übrigens an den Vorspann (die Hubschrauber-Simulation) erinnern...

Tom Tykwer gelingt es also auch unter erschwerten Bedingungen, gute Arbeit zu leisten. Angeblich hat er 30 abgedrehte Stunden auf die nun 95 Minuten zusammengeschnitten, allein drei Drehtage wurden auf die drei Minuten des entscheidenden ersten Verhörs verwandt. Meiner Meinung nach hätte der Stoff auch nicht die Substanz für mehr gehabt, so daß ihm sozusagen eine optimale Auswertung gelungen ist. Sicher kein Film für jeden Zuschauer, aber nicht nur Cineasten zu empfehlen. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 26. November 2017

Herausragende SF-Action-Serie: Person of Interest

You are being watched. Du wirst beobachtet.



Die (US-)Regierung betreibt heimlich eine Maschine, eine künstliche Superintelligenz (KSI), die an alle Überwachungskameras, Telefon- und Computernetze angeschlossen ist. Ihre offizielle Aufgabe ist es, Terroranschläge vorherzusagen und damit ihre Verhinderung zu ermöglichen. Um die Privatsphäre der Bürger zu schützen und Machtmissbrauch zu verhindern, hat ihr Erfinder sie von jeglicher anderer Verwendung abgeschottet. Mit einer wesentlichen Ausnahme: Über eine Hintertür im Code bekommt er Informationen (meist nur die Sozialversicherungsnummer) über "irrelevante" Personen - Menschen, die im Begriff sind, Opfer oder Täter "gewöhnlicher" Verbrechen zu werden. So jemand ist eine "Person of Interest" (PoI).

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Der "Schöpfer" dieser Maschine, ihr Hauptprogrammierer, der von ihr immer noch als "Admin" anerkannt wird, heißt Harold Finch (Michael Emerson). Er hatte mit seiner IT-Firma Milliarden verdient, bevor er der Regierung die Krone seiner Schöpfung für einen symbolischen Dollar überließ. Aber er weiß, dass mächtige Kreise nach direktem Zugang zum Überwachungsapparat suchen. Sein Geschäftspartner kam bereits bei einer Bombenexplosion ums Leben. Er selbst hat damals seinen Tod fingiert und lebt seither in New York im Verborgenen. Aufgrund seiner moralischen Gewissensbisse beginnt er, ein Team aufzubauen, um jenen PoI zu helfen.

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Dies ist die Ausgangssituation für die prozedurale Struktur der Show, die in den  ersten Staffeln jeweils für einen Fall der Woche sorgte. Parallel dazu gibt es natürlich Figurenentwicklungen, die allerdings nie in Seifenoper-Bereiche abdriften. Erstaunlicherweise werden auch keine Liebesbeziehungen der Teammitglieder in den Fokus gerückt. Nach und nach erfahren wir zwar, dass Finch seine große Liebe (Carrie Preston) verlassen hat, um sie zu schützen (die beiden Darsteller sind übrigens verheiratet, was der Beziehung eine besondere Wärme gibt). Das gehört aber mehr zum Hintergrundrauschen der Erzählung. Nur eine einzige Liebesbeziehung gewinnt gegen Ende der Serie an Kontur, und diese sorgte leider gleich für Kontroversen, weil sie sich zufällig zwischen zwei starken Frauen entwickelt...

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Aber der Reihe nach. Person of Interest lief zwischen 2011 und 2016 mit insgesamt 103 Folgen auf CBS und hat in dieser Zeit nie mehr als eine allerdings substantielle Fangemeinde als Publikum gefunden. Eine einzige jämmerliche Emmy-Nominerung (für die Klangmischung) gab es. Dabei kam die Serie von der Produktionsfirma von J.J. Abrams, der allerdings meines Wissens kaum kreativen Input geliefert hat. Der kam von den Showrunnern Greg Plageman und Jonathan "Jonah" Nolan, Bruder des Kultregisseurs und Mitautor einiger seiner stärksten Filme (Memento, Prestige). Dazu kam ein brillantes Autorenteam, aus dem ich Denise Thé hervorheben möchte, die für If-Then-Else das Drehbuch für die wohl beste Folge der Serie beisteuerte. Auch das fulminante Finale Return 0, welches die Serie zu einem runden Abschluss führt, schrieb sie gemeinsam mit Nolan. Die Absetzung war rechtzeitig bekannt - PoI war wohl zu intelligent, um ausreichende Zuschauerquoten zu erreichen (not being watched).

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Nomineller Hauptdarsteller der Serie ist Jim Caviezel, berühmt-berüchtigt durch die Titelrolle in Mel Gibsons Die Passion Christi, ansonsten im Kino eher in Nebenrollen tätig. Er ist nun Ende 40, dies war sicher eine seiner letzten Actionrollen. Ehrlich gesagt, kann ich ihn nicht besonders leiden. Er hat nur minimale mimische Fähigkeiten, und seine Stimme ist monoton und heiser. Es hilft auch nicht, dass er meist im Flüsterton spricht - er behauptet, das gehöre zur Rolle, bei der er meist per Headset mit seinen Teamkameraden kommuniziert. Aber gut zu wissen, dass er notfalls auch in aramäisch flüstern kann. Als Actionheld und potentiell tödlicher Attentäter ist er allerdings einigermaßen glaubwürdig. John Reese wird von Finch als erster rekrutiert; er wurde von der CIA bei einem Himmelfahrtskommandos fallengelassen und findet beim Team PoI zögerlich eine sinnvollere Aufgabe. Nun beginnt er Leben zu retten statt zu zerstören.

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Natürlich ist es Kalkül der Autoren, die Killermaschine John Reese in maximalen Kontrast zum Kopf des Teams zu stellen. Harold Finch ist ein genialer Programmierer und Hacker, ein Schöngeist, der voller moralischer Zweifel und Komplexe steckt und seit seinem fingierten Tod mit Rückenproblemen und einem Humpeln zu kämpfen hat. Dargestellt wird er vom heute 63jährigen anerkannten Theaterschauspieler Michael Emerson, der Genrefans selbstverständlich in Erinnerung ist als Ben Linus aus Lost. Das war ein so hinterhältiger und doch vielschichtiger Schurke, dass ich ihn oft durch den Bildschirm hindurch angebrüllt habe und ihn am liebsten erwürgt hätte. Für die Rolle gewann er 2009 seinen zweiten Emmy, den ersten erhielt er 2001 als Gaststar in der Anwaltsserie The Practice. Sicher in der Theaterpraxis geschult, verfügt er über eine ungeheuer geschmeidige, eigenwillige Stimme, die nicht nur den an sich eher banalen Einführungstext veredelt ("You are being watched. The government has built a secret machine...") Es ist unfassbar, dass der gleiche Schauspieler Ben Linus und Harold Finch verkörpern konnte. Hier jedenfalls steht er für Herzlichkeit und moralische Standfestigkeit, und mit seiner sich entwickelnden Freundschaft zu John Reese vermag er es, auch in Skeptikern wie mir Sympathie für diese Figur zu entfachen.

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Zu diesem Kernteam gesellt sich schnell die rechtschaffene NYPD-Detektivin Joss Carter (Taraji P. Henson), die bei komplexen Fällen hinzugezogen wird und mit viel Herzblut bei der Sache ist. Von Hensons Ausstieg in der dritten Staffel hat sich die Serie in mancher Hinsicht nie so recht erholt. Carters Ende ist bezeichnend für die zunehmende Düsterheit der Geschehnisse, einen Pessimismus, in dem die prozedurale Seite der Serie immer mehr in den Schatten der übergreifenden Handlung gerät. Es ist zwar toll, wie komplexe moralische Fragen aufgeworfen werden und die Figuren an den Widersprüchen zu zerbrechen drohen. Auch die Betonung der SF-Aspekte, u.a. mit der Einführung einer zweiten, feindlichen KSI "Samaritan", ist an sich gelungen. Aber der Spaß an den frühen Fällen, bei denen das Team in Superheldenmanier alltägliche Verbrechen verhindern konnte, geht unter dem Gewicht der Rahmenhandlung weitgehend verloren. Hensons Karriere ist dagegen mit ihrem Ausstieg erst richtig durchgestartet. Sie war ja bereits 2009 für Der seltsame Fall des Benjamin Button für einen Oscar nominiert worden. Inzwischen sind dazu Emmy-Nominierungen und 2016 ein Golden Globe für ihre Darstellung im HipHop-Drama Empire dazugekommen, und natürlich eine Hauptrolle im Oscar-nominierten Hidden Figures.

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Als Spiegel zu Carter kann man Lionel Fusco (Kevin Chapman) sehen. Er ist ein korrupter Cop, das genaue Gegenteil der gewissenhaften Joss. Zu Beginn wird er von John mehr oder weniger erpresst, ihm bei der Rettung einer PoI zu helfen. Mehr und mehr plagen ihn Gewissensbisse, und schließlich findet er den Mut, sich vom Kreis der kriminellen Polizisten abzusetzen. Im Laufe der Serie macht Fusco die größte Wandlung durch und stellt sich am Ende sogar gegen das Team, weil ihm Einzelschicksale wichtiger sind als der abstrakte Kampf gegen Samaritan. Zu diesem Zeitpunkt hat er fast so viele Sympathiepunkte gewonnen wie das heimliche Herz des Teams, der Deutsche Schäferhund Bär (Bear), der nur auf holländische Befehle hört.

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Um die Lücke beim Weggang von Taraji P. Henson zu schließen und, wie ich glaube, um Jim Caviezel zu signalisieren, dass die Serie auch ohne ihn weitergeführt werden könnte, gab es in der dritten Staffel einen weiteren Neuzugang. Ähnlich wie früher John erledigte auch Sameen Shaw die Drecksarbeit für den CIA, noch mehr als John ist sie soziopathisch veranlagt und muss vom Team erst davon überzeugt werden, dass Töten vielleicht nicht immer die beste Lösung ist. Gespielt wird sie von der heute 37jährigen Texanerin Sarah Shahi, eine aparte Mischung eines iranischen Vaters und einer spanischen Mutter. Vom physischen Aspekt her ist die ehemalige Schönheitskönigin vielleicht nicht völlig glaubwürdig, macht dies aber durch eine Tour de Force der unterdrückten Gefühle wieder wett, als sie in der vorletzten Staffel vom "Feind" gefangengenommen wird - ein Handlungsbogen, der bis fast zum Schluss für Spannung sorgt.



Neben den Hauptfiguren sorgen auch die oft hochkarätig besetzten Nebenfiguren für Furore, oft als PoI eingeführt, die später aus Dankbarkeit das Team unterstützen. Hervorzuheben sind Paige Turco als High-Society-Vermittlerin Zoe Morgan (die sogar eine kleine Liaison mit John spendiert bekommt, aber leider in der letzten Staffel keinen Auftritt mehr hat), und Enrico Colantoni als Elias, der zunächst vom Team gerettet wird, sich dann aber als dubioser Gangsterboss entpuppt, in der Tradition von Keyser Söze. Als finsterer Repräsentant John Greer der feindlichen KSI Samaritan glänzt John Nolan, Onkel von Jonathan und Christopher, in dessen Filmen der fast 80jährige Londoner auch öfter ein Cameo hat.

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Die faszinierendste PoI ist aber sicherlich Samantha Groves, eine junge Frau, deren Fall ähnlich wie der von Elias anders gelagert ist, als das Team zunächst vermutet. Das hat zunächst tragische Folgen, als sie sich als soziopathische Hackerin "Root" (das ist der Admin-Account bei Unix-Systemen) zu erkennen gibt. Ja, brave Familienmenschen kommen bei PoI selten vor ;-) Jedenfalls spielte sich Amy Acker in dieser Rolle schnell ins Herz der Fans und stieg in der dritten Staffel zur Hauptdarstellerin auf, womit sie sich auch endgültig vom Whedon-Universum emanzipierte. Es ist einfach fabelhaft, wie sie zur "analogen Schnittstelle" der Maschine wird und in direkter Interaktion Gott-gleich agiert ("in God mode"). Ihre Figur verbindet Computer-Zauberei mit einem Actionfeuerwerk, und das ist cool as fuck. Nun ist die hübsche Amy bereits vierzig Jahre alt und spielt in der besseren neuen Marvel-Serie The Gifted zum ersten Mal eine (immer noch ziemlich attraktive) Mutter zweier Mutanten-Teenager...

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Person of Interest findet eine gute Balance zwischen Action, Charakteren und SciFi-Elementen. Titelsequenz, Kapitelübergänge und Zeitsprünge werden geschickt als Überwachungsbilder aus Computersicht dargestellt. Dazu passt die variable Musik des Duisburger Erfolgskomponisten Ramin Djawadi (Game of Thrones). Die Kampfszenen, ob im Nahkampf oder mit Schusswaffen, sind meist aufregend und überraschend inszeniert, auch wenn gelegentlich die Fernsehkonventionen durchscheinen. Viele erwischte Täter würden sicher einen Kopfschuss den Knieschüssen von John, Sameen und Root und damit ein Restleben im Rollstuhl vorziehen. Das ist halt TV-Logik, so wie die wundersame Heilung der Hauptfiguren von zahlreichen Schuss- und Stichverletzungen innerhalb weniger Wochen. Aber gutes Fernsehen soll ja Kopf und Herz ansprechen, und das macht PoI auf unvergleichliche Weise.

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Die SF-Idee des Überwachungsstaates wurde 2013 fast von den Snowden-Entwicklungen überholt. Wie in den meisten aktuellen Krimiserien wird in PoI allerdings kräftig übertrieben. Da werden lückenlose Bewegungsprofile erstellt, Smartphones per Knopfdruck geclont, praktisch jede Firewall in Minuten überlistet. Allein zur sinnvollen Verarbeitung der Datenmengen bräuchte man einen Quantencomputer, auch dies eine Utopie. Technologisch sind wir noch weit von echten künstlichen Intelligenzen entfernt. Sogenannte Künstliche Intelligenz beschränkt sich heute auf mehr oder weniger clevere Marketing- und Einkaufshilfen, siehe Siri, Alexa und Echo. Trotz der publikumswirksamen Warnungen sogenannter Zukunftsforscher wird das auch noch für Jahrzehnte so bleiben. Der Judgment Day ist noch weit entfernt. Natürlich braucht die Menschheit keine KIs, um ihren Untergang zu betreiben.

Person of Interest ist seit Anfang des Jahres komplett in perfekter Qualität auf Blu-ray erhältlich, exklusiv bei Amazon auch als Gesamtausgabe. Netflix hat die Serie leider kürzlich aus dem Programm genommen.

Samstag, 25. November 2017

Klassiche Rezension: Memento (Christopher Nolan, 2000)

Um zu zeigen, dass ich nicht immer ein Nolan-Hasser war, und wegen der wesentlichen Beteiligung seines Bruders Jonathan Nolan, der nach der eher unter dem Radar gelaufenen SF-Actionserie Person of Interest nun bei HBO mit Westworld einen Hit bei Kritikern und Publikum gelandet hat, hier meine damalige Kinokritik zu Memento. Wenn das Kino des 21. Jahrhunderts doch gehalten hätte, was jenes Jahr versprach! (Meine Meinung zu Fincher habe ich übrigens inzwischen deutlich revidiert.)
Wenn ich in Vorankündigungen und Kritiken Begriffe wie "revolutionärer Filmsprache" finde, gehe ich mit sehr viel Skepsis ins Kino. Dazu muß ich erklären, daß ich in Cineasten-Kreisen eher ein Outcast bin: Ich mag nämlich den berühmten und vielgeliebten Klassiker Citizen Kane nicht besonders. Weder die Geschichte noch die Charaktere vermochten mich in diesem Erstling von Orson Welles zu überzeugen, und bei aller Anerkennung für seine technische Virtuosität konnte ich mich doch nur zu einer knapp überdurchschnittlichen Wertung entschließen. (Daß das Wunderkind erzählen konnte, hat er mir allerdings mit seinem nächsten Film, The Magnificent Ambersons, bewiesen, den ich trotz entstellender Kürzungen tatsächlich für ein kleines Meisterwerk halte.)

Und wenn ich auch noch von einem überraschenden Ende höre, erinnere ich mich mich Grauen an Sixth Sense, dessen tatsächlich origineller Schluß für mich keineswegs die banalen Dialoge und die größtenteils dröge Handlung entschuldigt. Diese Art Trickserei funktioniert für mich nicht. Niemand würde einen Maler allein aufgrund seiner technischen Brillanz für ein Genie halten - warum fallen Filmliebhaber trotzdem immer wieder auf die (David) Finchers, (Oliver) Stones und (Michael) Manns herein?

Also, ich bin altmodisch, ich mag die traditionelle Erzählform, Stil allein genügt mir nicht. In diesem deutschen Kinojahr habe ich bereits für drei eher herkömmlich strukturierte Werke mit gut ausgeführten Figuren und starkem Anliegen die Höchstwertung vergeben: Traffic von Soderbergh, Almost Famous von Crowe und Das Experiment von Hirschbiegel (!). Jetzt kommt zu meiner Verblüffung ein vierter, ganz anderer Film hinzu: Memento von einem gewissen Christopher Nolan, bei den Oscars nicht mal erwähnt, ohne Stars und sicherlich mit geringem Budget abgedreht. Was gefällt mir daran?

Ich glaube, daß die Sache mit der "revolutionären Filmsprache" falsch ist. Vielmehr haben wir hier eine geniale Geschichte, die nur auf eine einzige Art erzählt werden kann - nämlich (fast möchte ich sagen, zufällig) rückwärts. Und genau das macht Nolan - zugegeben die technischen Möglichkeiten recht geschickt ausnutzend. Nur die allererste (und chronologisch letzte) Szene wird tatsächlich entgegen unserem Zeitsinn gezeigt (was übrigens sehr reizvoll ist), danach werden lediglich die kurzen Episoden in umgekehrter Reihenfolge hintereinandergeschnitten, durchbrochen von einer längeren, in fahlem Schwarzweiß abgesetzten, den Rahmen erklärenden Handlung, deren zeitliche Einordnung etwas schwer fällt.

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Das Thema des ganzen ist das menschliche Gedächtnis, mit seinen Möglichkeiten und seinen Beschränktheiten. Wahrscheinlich werden bei genauer Analyse der Konstruktion Logikbrüche und Ungereimtheiten sichtbar werden. Das ist aber für die Qualität des Filmes bedeutungslos. Was zählt, sind die vielfältigen Anregungen zum Nachdenken und die schöpferische Kraft, die sich hier offenbart. Das Ergebnis ist ungeheuer spannend, allerdings auch absolute Aufmerksamkeit fordernd. Das muß nicht als anstrengend empfunden werden, eignet sich aber nicht als Popcorn-Kino für ein samstägliches Rendezvous (was übrigens auch auf Traffic zutraf). Bleibt zu erwähnen, daß alle Darsteller perfekt agieren, allen voran Guy Pearce in der Hauptrolle. Also haben wir hier das vierte Meisterwerk der Saison, allen empfohlen, die intelligentes Kino mögen. Ob der "Herr der Ringe" noch einen draufsetzen wird?

Auf Blu-ray ist Nolans Durchbruch (es war sein zweiter Film) in Deutschland leider ein Stiefkind, die Edition zum zehnjährigen Jubiläum ist hier nicht erschienen (ich besitze die amerikanische Ausgabe). Auch die angekündigte Nolan-Edition mit sieben Filmen in UHD-Qualität wird seinen für mich immer noch besten Film nicht enthalten, genauso wenig wie den tollen Nachfolger Insomnia mit Al Pacino und Robin Williams.

Samstag, 18. November 2017

Eher zweite Liga: Justice League (6/10)

DC versucht verzweifelt, sich vom MCU abzusetzen. Statt wie Marvel auf überraschende, fachfremde Regisseure und unbekannte Gesichter zu setzen, hält man seit fünf Jahren am gleichen stümperhaften Hack Zack Snyder fest und schürte mit der Besetzung von Ben Affleck als Batman eine PR-Pleite ersten Grades. Nun präsentiert man die Justice League, mit der Absicht, die einzelnen Mitgliedern in Folge nach und nach in Einzelfilmen genauer vorzustellen. So funktioniert Teambildung aber nicht, und die sechs Hauptstreiter agieren meist nebeneinander statt miteinander. Der Ensemblefilm zerfällt in Einzelepisoden mit viel Exposition, darunter immerhin ein paar recht hübsche Szenen. Ansonsten könnte man die Handlung in zwei Sätzen zusammenfassen, spare ich mir aber. Na ja, ok: Steppenwolf sammelt drei Zauberwürfel ein, um die Welt zu zerstören, und die Justice League versucht das zu verhindern. Thank you, and good night...

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Nach ihrem furiosen Durchstarten im Sommer muss sich niemand wundern, dass Wonder Woman den Herren die Schau stiehlt, sobald sie auch nur am Rande der Leinwand zu sehen ist. Leider verpufft gleich zu Beginn ein Heldenmoment (der schon im Trailer zu sehen war) im Snyder-typischen Chaos von schnellen Schnitten und unklaren Kameraperspektiven. Aber Dianas innere Entwicklung, die sie aus dem Schatten ins Rampenlicht katapultiert, bleibt weitgehend intakt. In einer Welt, in der Superman Reden vor der UN schwingen kann, verdient auch ihre Botschaft gehört zu werden.

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Wie bei Marvel Spiderman, so ist auch bei DC der Junior im Team für die Witze zuständig. Ezra Miller als Barry Allen schlägt sich besser als erwartet, wobei ihm auch ein paar gelungene visuelle Tricks helfen. The Flash (wenn ich nicht irre, fällt dieser Name übrigens gar nicht) hat dafür die dünnste Backstory. Nur kurz taucht Billy Crudup als sein Vater auf. Für mehr wird man wohl noch Jahre warten müssen - sein Solofilm Flashpoint ist für 2020 angedacht.

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Verschenkt ist der Auftritt der Amazonen, noch immer angeführt von Dianas Mutter Hippolyta (Connie Nielsen). Im direkten Vergleich zeigt sich nochmals das Genie von Patty Jenkins, die beim spektakulären Gefecht am Strand jeder Figur Gewicht zu geben vermochte. Bei Snyder ist das Äquivalent nur eine Massenkeilerei, deren Ergebnis allein der Handlungsfortführung dient (Bösewicht Steppenwolf ergattert den ersten Zauberwürfel).

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Henry Cavill als Mann aus Stahl hat mich noch nie so recht überzeugt (besser war er allerdings in Codename U.N.C.L.E.). Diesmal kommt auch noch das Debakel um seine vom Computer rasierte Oberlippe hinzu. Supermans Rückkehr ist keine Überraschung, aber das Wie ist doch recht enttäuschend geraten - hier wäre ein interessanter Handlungsbogen drin gewesen! Immerhin reissen "seine" Nebendarsteller einiges wieder raus. Diane Lane hat einen sympathischen Auftritt, und Amy Adams wird endlich mal wieder (möglicherweise von Frauenverehrer Whedon) ins rechte Licht gerückt; buchstäblich, mit einer atemberaubenden Einstellung beim Sonnenuntergang.



Von den Neulingen im Team schlägt Jason Momoa ("Khal Drogo") als Aquaman die größten Wellen. Er hat sichtlich Spaß daran, seinen muskulären, tätowierten Oberkörper zu präsentieren und den Teamkameraden Seemannsgarn aufzutischen (nach etwas Nachhilfe durch das Wahrheits-Lasso). Aber auch für ihn wird nicht hinreichend erklärt, warum er sich dem Team anschließt - er ist irgendwann plötzlich dabei, natürlich zu einem opportunen Zeitpunkt. Sein kurzer Exkurs in sein Unterwasserreich macht mir jedenfalls Hoffnung auf sein Soloabenteuer, das Ende nächsten Jahres ins Kino kommt. Auch wenn die Atlantier diesmal nach kurzem Gefecht den zweiten Zauberwürfel an Steppenwolf verlieren.

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Ben Affleck als Batman gefällt mir immer noch. Hier spielt der 45jährige selbstironisch mit den altersbedingten Grenzen seiner Heldenpersona und muss sich von einer Frau (nun ja, technisch gesehen einer Halbgöttin) die Schulter einrenken lassen. Aber auch eine gewisse Altersmüdigkeit lässt sich feststellen - inmitten von Alkoholentzug, Scheidungsproblemen und der Verhöhnung durch die Fans könnte dies Afflecks Abschiedsvorstellung gewesen sein. Die besten Dialoge hat mal wieder Altstar Jeremy Irons als Alfred (zum Skillset des Butlers gehört heute offenbar das Hacken von Computern). Auch für ein Cameo von Commissioner Gordon (glänzend: J.K. Simmons) reicht es noch, aber von Lex Luthor (Jesse Eisenberg) fast keine Spur (ich möchte die Postcredit-Szene nicht spoil... - ups, passiert).

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Cyborg Victor Stone (Neuling Ray Fisher) schließlich  hat eine reine McGuffin-Funktion. Auch für seine Entstehungsgeschichte steht ein Altstar Pate, diesmal Joe Morton (Eureka), aber im Endeffekt bleibt seine Entwicklung unerklärt. Sie ist aber praktischerweise mit dem Schurken Steppenwolf verquickt, so dass er irgendwie zum Sieg beitragen kann. Und übrigens Steppenwolf - bis auf den Namen und die Hörner bleibt nicht viel in Erinnerung. Ciarán Hinds ("The King Beyond the Wall" Mance Ryder) tut mir schon leid, denn sein markantes Gesicht bleibt unter der Maske verborgen, und obwohl er die Figur per Motion Capture zum Leben erweckte, taucht er in den Credits nur als "Stimme" auf.

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Aus Mangel an Alternativen werden die DC-Fans trotzdem in die Multiplexe strömen. Wenn da nicht Wonder Woman gewesen wäre, könnte man die Justice League ja sogar als kleinen Schritt vorwärts betrachten. Und da viele Fans auf Zack Snyder nix kommen lassen, bietet sich als Sündenbock der Mann an, der ohnehin vom Feind kommt und dessen "romantischer" Stil sich arg mit Snyders schmutziger Unlogik beisst: Joss Whedon, der das Drehbuch von Chris Terrio überarbeitete und dann die Nachdrehs übernahm (ca. 20 Prozent des Endergebnisses sollen von ihm stammen). Na ja, wenn man nichts besonderes erwartet, kann man durchaus seinen Spaß haben. Ordentlich (6/10).

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Sonntag, 12. November 2017

Der Skandal um Kevin Spacey

Bei der Diskussion von Rassismus, sexueller Belästigung oder gar Pädophilie gelten plötzlich, insbesondere in den Online-Medien, keine journalistischen Regeln mehr. Abwägung von Tatsachen und Aussagen, differenzierte Bewertungen, selbst rechtsstaatliche Prinzipien fallen unter den Tisch. Vergewaltiger werden mit Grapschern in einen Topf geworfen, ältere Verführer junger Menschen mit Pädophilen. Jeder versucht, seine persönlichen Moralvorstellungen auf die gesamte Menschheit anzuwenden. Heuchelei ist Trumph. Sensationsgier ist erlaubt, solange man sich auf die Seite der Opfer schlägt. Unabhängig von der Art, vom Kontext oder sogar der Widerlegbarkeit der Verfehlung ist der Ruf des "Täters" ruiniert. Das habe ich vor langen Jahren auch schon persönlich erlebt. Als Student bin ich nach einem Streit mit einen griechischen Mitbewohner selbst als Rassist hingestellt worden. In diesem Fall hatte ich praktisch keine Möglichkeit der Verteidigung. Es spielte auch keine Rolle, dass ich demselben Mitbewohner zuvor wochenlang mit hohem Zeitaufwand bei der Ausformulierung seiner Seminararbeit geholfen hatte. Solche Vorwürfe entwickeln eine Eigendynamik, bei der plötzlich sämtliche Indizien im Sinne der Anklage uminterpretiert werden.

Bei den ersten Berichten über das Fehlverhalten von Kevin Spacey war ich daher noch versucht, ihn innerlich zu verteidigen. Unzählige Menschen sind schon auf Partys von Betrunkenen bedrängt worden. Es ist unrealistisch, solches Verhalten ausmerzen zu wollen. Natürlich hat ein 15jähriger nichts auf einer alkoholseligen Erwachsenenparty zu suchen, darf schon gar nicht als letzter Gast zurückbleiben. Das entschuldigt Spaceys Verhalten zwar nicht. Aber kein amerikanisches Gericht hätte aufgrund der Geschehnisse Anklage erhoben. Die Annahme, dass ein solches Erlebnis den jungen Mann fürs Leben traumatisiert hat, ist eine Beleidigung für alle Opfer sexueller Gewalt. Die Veröffentlichung dieses Berichts 30 Jahre später weckt in mir die Vermutung, dass ein Therapeut diese Erinnerung ausgegraben und verstärkt hat und nun alle persönlichen Probleme des Patienten darauf zu reduzieren sucht.

Leider hat sich anhand von zahlreichen Zeugenaussagen nun herausgestellt, dass das Verhalten des damals 26jährigen Theaterschauspielers Spacey kein Ausrutscher war, sondern sich systematisch wiederholte und verstärkte. Viel deutlicher als im Fall von Harvey Weinstein, der ja auch nach außen als unangenehmer Zeitgenosse bekannt war, zeigt der Fall Spacey, welche üblen Verhältnisse hinter den Kulissen der Traumfabrik herrschen. Und leider ist dies nur ein Spiegelbild der übrigen Geschäftswelt. Verstärktes Echo fand der Fall dann noch wegen Spaceys schwammigen Aussagen zu seiner sexuellen Identität. Die amerikanische LGBT-Community hat zwar ideologisch verknöcherte Vorstellungen, wie ein Coming Out vonstatten zu gehen hat, aber in diesem Fall muss ich zustimmen, dass Spacey sich auch in dieser Hinsicht sehr ungeschickt verhalten hat. Schließlich war das spätestens mit seinem Bobby-Darin-Muscial Beyond the Sea ein offenes Geheimnis. Hätte es wirklich solch einen Karriereknick für ihn bedeutet, sich zu diesem Zeitpunkt als schwul zu outen?

Der eigentliche Skandal ist, dass die Studios Kevin Spacey nun fallenlassen, weil er ein Imageproblem darstellt, nicht etwa weil er seine Machtposition ausnutzte und eine giftige Atmosphäre beim Dreh erzeugte. Bei House of Cards etwa war er von Beginn an nicht nur Hauptdarsteller, sondern auch Produzent und damit Chef. Hat wirklich keiner seiner Co-Produzenten und Regisseure etwas gemerkt? Sein Kollege Jon Bernthal berichtet nun im nachhinein von den Dreharbeiten zu Baby Driver, dass er vom Verhalten seines Idols Spacey enttäuscht gewesen sei. "Wenn das Opfer eine Frau gewesen wäre, hätte ich etwas gesagt." Es ist leider inhärent sexistisch anzunehmen, dass sich Männer gegen Belästigung selbst wehren können. Es geht gar nicht ums Geschlecht, sondern um das Machtgefälle, in dem Nebendarsteller Bernthal im Verhältnis zum zweifachen Oscar-Preisträger auch nur ein kleines Rädchen war. Daher kann ich es auch Robin Wright, Co-Star in House of Cards, nicht übelnehmen, dass sie nicht gegengesteuert hat. Sie hat sich zwar als eine von wenigen Frauen schließlich einen Titel als Executive Producer erkämpft (unter der Produzentenkategorie listet die IMDB mehr als 30 Personen), sie konnte aber trotz ihrer gewachsenen Popularität nicht einmal ihre Forderung nach gleichem Gehalt durchsetzen.

Was Kevin Spacey betrifft, so ist seine Karriere nun beendet, egal ob die Vergewaltigungsvorwürfe zu strafrechlichen Konsequenzen führen. Das heißt nicht, dass man nun seine bisherigen darstellerischen Leistungen geringer schätzen oder gar verteufeln muss. Möglich, dass er deshalb so überzeugend in der Rolle von aalglatten Schurken war, weil er den soziopathischen Teil seiner Persönlichkeit einbringen konnte. Aber hier muss die Trennung von Werk und Künstler gelten. American Beauty bleibt für mich eines der prägenden Werke der 90er, Die üblichen Verdächtigen und L.A. Confidential sind immer noch tolle Thriller. Wir sehen ohnehin nur die Spitze des Eisbergs, und es wäre scheinheilig, nun Filme nur aufgrund der Beteiligung einer zwielichtigen Person zu boykottieren. Schließlich haben wir auch heute noch Spaß an der Nackte-Kanone-Trilogie, trotz des verurteilten Gewaltverbrechers und offenkundigen Mörders O.J. Simpson in der Rolle des Co-Deppen Nordberg. Anders kann es sein, wenn die fragwürdige Weltanschauung der Regisseure oder Hauptdarsteller ins Werk einsickern. So schmecken mir heute so manche John-Wayne-Filme nicht, etwa der weltberühmte Ford-Western Der schwarze Falke/The Searchers (andere sehe ich immer noch gern, etwa Der Sieger/The Quiet Man).

Die Kehrseite der an sich begrüßenswerten aktuellen Debatte ist allerdings die Gefahr einer Hexenjagd (wovor ungeschickterweise Woody Allen warnte - mehr dazu später). Es entsteht auch eine unangenehme Arbeitsatmosphäre, wenn jede Bemerkung und jede Interaktion auf die Goldwaage gelegt wird. Das erkennt man am besten im Fall Dustin Hoffman. Wer ihn jemals in Talkshows erlebt hat (etwa Letterman oder Leno, mit einer herrlichen De-Niro-Imitation), weiss, dass er einen recht derben Humor hat, der sicher nicht allen gefällt. Auch am Set spielt er gern den Clown, und in diesem Kontext (und nachdem ihn u.a. der damalige Regisseur Volker Schlöndorff in Schutz genommen hat) muss man die Aussagen der damals 17jährigen Praktikantin betrachten, die sich von ihm belästigt fühlte. Hoffman hat sich nun bei ihr entschuldigt, aber es handelte sich definitiv nicht um Machtmissbrauch, sondern die junge Frau ist einfach mit seiner Art nicht klargekommen. Mehr als Unsensibilität kann man Hoffman nicht vorwerfen. Der gerade 80 gewordene zweifache Oscar-Preisträger muss sich zwar keine Sorgen um ein Karriereende machen, aber der Vorwurf der sexuellen Belästigung wird ihm nun noch lange anhängen (das kann man auch an den Kommentaren bei den referenzierten Youtube-Videos sehen).

Für Vorwürfe sexueller Belästigung gelten offenbar auch keine Verjährungsfristen. Natürlich kann ein Gang an die Öffentlichkeit manchen Opfern auch nach Jahrzehnten noch helfen, so etwa bei Scheusal Klaus Kinskis Tochter Pola. Anderseits ist es nach langer Zeit sehr schwer, die tatsächliche Beweislage zu beurteilen. Rassistische und antisemitische Tiraden werden offenbar leichter verziehen, denn Mel Gibson gelang mit seinem neuesten (und wieder stumpf-religösen) Machwerk Hacksaw Ridge (einer der ärgerlichsten Filme des Jahres) die Rückkehr in die Gunst seiner Kollegen. Geld ist halt doch der wahre Gott Hollywoods.

Dafür wird immer wieder der Fall Roman Polanski aufgewärmt. Dabei hat er mit der aktuellen Debatte nur wenig zu tun, und die Sachlage ist klar. Er hat vor vierzig Jahren eine 13jährige ("fast 14jährige") vergewaltigt, und zwar nicht nur als "Statutory Rape", der bei Geschlechtsverkehr mit Kindern immer angenommen wird. Er hat das Mädchen eindeutig zum Sex gezwungen (und sicher seine Machtposition gegenüber dem jungen Fotomodell ausgenutzt). Dafür hätte man ihn für zehn Jahre ins Gefängnis stecken sollen, so traurig der Verlust für die Filmwelt auch gewesen wäre. Er hat sich den juristischen Konsequenzen aber entzogen. Dass das Opfer ihm vergeben hat, ändert nichts an den Tatsachen, und echte Reue kann ich bei ihm nicht erkennen. Er ist einfach ein scheusslicher Mensch, der trotzdem fabelhafte Filme gemacht hat. Trotzdem ist er nicht pädophil, sondern einfach ein Arschloch. Schon Charlie Chaplin und Errol Flynn hatten eine unangenehme Vorliebe für junge Teenager-Mädchen. Das ist keine Pädophilie, sondern moralische Schwäche und mangelnde Urteilsfähigkeit.

In den gleichen Topf wird gern Woody Allen geworfen, der (unbestritten) eine Beziehung mit der jungen (aber bereits 21jährigen) Stieftochter seiner damaligen Lebensgefährtin Mia Farrow einging, Das ist moralisch zweifelhaft, aber weder strafrechtlich relevant noch selten. Man muss wissen, dass Woody Allen nie mit Mia Farrow zusammengelebt hatte, er war immer nur Gast bei ihren (großenteils adoptierten) Kindern. Ich halte es für heuchlerisch, solche Fälle pauschal zu verurteilen. Es kommt immer auf den Einzelfall an, und nach allem, was wir wissen, feiern Soon-Yi Previn und Woody Allen im Dezember den 20. Jahrestag einer glücklichen Ehe, mit zwei eigenen Adoptivtöchtern. Diese Situation erschwert es aber, objektiv die Vorwürfe zu beurteilen, er habe damals seine siebenjährige Adoptivtocher Dylan missbraucht. Damals wurde bei einer gerichtlichen Untersuchung keinerlei Indiz gefunden. Die zugezogenen Kinderpsychologen kamen zu dem Schluss, dass die Erinnerungen der Tochter von der Mutter Mia Farrow eingepflanzt worden waren. Für die erwachsene Dylan ist dieses Trauma so oder so eine Tragödie. Ich kann verstehen, dass sie die Erinnerungen für real hält, aber es ist nachgewiesen, dass wir bei frühen Kindheitserinnerungen nicht immer zwischen "echten" und anhand von Erzählungen "nachgebauten" Erinnerungen unterscheiden können, Inzwischen hat sich Dylans Bruder Moses auf die Seite seines Vaters geschlagen und schildert unangenehme private Seiten seiner Mutter. Für mich bedeutet das vor allem, dass ich die Freude an den Darstellungen von Mia Farrow verloren habe, vor allem bei Hannah und ihre Schwestern, einem meiner Lieblingsfilme von Woody, ausgerechnet seine Liebeserklärung an Mia Farrows mütterliche Wärme.

Das Internet-Publikum ist in seiner Gesamtheit noch ein paar Grade dümmer als die Menschheit an sich, die ja schon in jämmerlicher Weise auf den eigenen Untergang (und vor allem den Untergang der weltweiten Zivilisation) hinsteuert. Daher glaube ich nicht, dass die aktuelle Debatte grundsätzliche Änderungen bewirken wird. Einige Auswüchse werden abgestellt, aber das System bleibt bestehen. Den Menschen kann man halt nicht ändern, und die Evolution ist einfach zu langsam, um dieser Spezie eine Zukunft zu ermöglichen.