Es stellt sich heraus, dass im Kinosaal doch Männer zugelassen sind. Und niemand sonst ist im Wonder-Woman-Kostüm erschienen. Aber Spaß beiseite: Anlässlich der Reaktionen einiger junger Männer in meiner Sitzreihe wünschte ich mir, man müsste beim Einlass eine Mindestreife nachweisen. Dieses Mosern bei Knutschszenen kenne ich von Zwölfjährigen, aber ab 20 sollte diese Phase vorbei sein. Scheinbar nicht, wie auch viele IMDB-Kommentare junger Männer zeigen, die wohl besser mit Fließband-Action à la Die Mumie versorgt wären. Die kennen die Physiologie von Wonder Woman so genau wie den Transporter der Enterprise, und erläutern wissenschaftlich genau, dass Diana Prince in dieser und jener Szene eigentlich hätte sterben müssen, so wie sie auch die exakte Entfernung kennen, ab welcher Beamen nicht mehr möglich ist, weil dann der Partikelstrahl seine Kohärenz verliert. Obwohl ich es eigentlich müde bin, hier eine kleine Gegenrede: Gene Roddenberry hat das Beamen nur erfunden, weil Shuttle-Flüge im Budget nicht drin waren, und die Stärke von Wonder Woman kommt von Innen und ist nicht durch physikalische Gesetze bestimmt, sondern nur durch die Kraft ihres Selbstbewusstseins.
Darüber hinaus zeigt sich, dass die Gerüchteküche Hollywood immer mehr zur Schmähküche wird. Im Vorfeld hieß es, die Produktion sei in Schwierigkeiten und die Regisseurin Patty Jenkins überfordert (die immerhin vor 14 Jahren mit ihrem brillanten Mörderporträt Monster Charlize Theron zu ihrem Oscar führte). Tatsächlich kommt nun ein Cut in die Kinos, der fast genau ihrem Rohentwurf entspricht, und nach dem ersten Sehen kann ich nicht erkennen, wie man diese Fassung übertreffen könnte. Selten bietet das moderne Kino 140 solch kurzweilige Minuten, für mich die besten seit Scorseses Wolf of Wall Street. Komponist Rupert Gregson-Williams steigert mit seiner Musik die Spannung, indem er uns das inzwischen berühmte, nur aus sechs Tönen bestehende Motiv (von Hans Zimmer) möglichst lange vorenthält. Nur der Vorteil einer 3D-Version hat sich mir nicht erschlossen, aber sei's drum. Im Heimkino wird ohnehin die UHD-Version trumpfen.
Wonder Woman ist alles, was ich mir von einem Superheldenfilm erhoffen könnte, und mehr. Dass eine Frau im Mittelpunkt steht, ist dabei fast nebensächlich. Es wird so manches Klischee auf den Kopf gestellt. Während herkömmliche Origin-Geschichten die Entwicklung eines Menschen zum Superhelden beschreiben, findet hier eine Heldin ihre Bestimmung als Mensch. Regisseurin Patty Jenkins erzählt das in einer perfekten Balance zwischen Mythologie und Realität. Klar gibt es da Amazonen, Götter gar, Wunderwaffen und übermenschliche Stunts, und doch ist die Handlung fest in der Zeit zu Ende des Ersten Weltkrieges verwurzelt, dessen Schrecken hier ganz und gar nicht verharmlost werden. Vor diesem historischen Hintergrund muss Diana Prince lernen, das das Besiegen eines einzelnen Übeltäters einen solchen Krieg nicht beenden kann. Was bin ich dankbar, dass die Autoren die Handlungszeit entgegen den Comicvorlagen vorverlegt haben, denn gegen Nazis haben Superhelden schon oft genug gekämpft (und der Erste Weltkrieg hatte keinen zentralen Bösewicht). Den IMDB-Trollen, denen diese Verfilmung "nicht amerikanisch genug" ist, kann ich nur entgegnen, dass wir schon bei Captain America eine Überdosis amerikanischen Patriotismus zu ertragen hatten.
Während man in Batman vs. Superman Gal Gadots Potential in dieser ikonischen Rolle nur erahnen konnte, zeigt sie in ihrem eigenen Film eine Oscar-reife Leistung. Sie hat eine atemberaubende physische Präsenz in den Actionszenen, komisches Timing insbesondere in ihrem Zusammenspiel mit Chris Pine, und erdet ihre Figur gleichzeitig mit glaubwürdigen Emotionen. Chris Hemsworth hat per Twitter bereits zugegeben, dass sie seinem Thor jederzeit den Hintern versohlen könnte. Die 32jährige Israelin hat das notwendige exotische Aussehen, aber ihr nimmt man auch die Unschuld einer behütet aufgewachsenen Frau ab, die in Steve Trevor zum ersten Mal in ihrem Leben einem Mann begegnet. Dabei gleitet sie nie in Naivität oder albernen Slapstick ab und überzeugt auch in potentiell kitschigen Situationen, von ihrer Begeisterung über ein Kind in London bis zur Erschütterung über die Flüchtlingsströme in Belgien.
Nach seinen jämmerlichen Auftritten im Star-Drek-Reboot hätte ich nicht gedacht, dass ich Chris Pine noch einmal loben würde. Dabei hat er mir zu Anfang als Captain Kirk durchaus gefallen. Aber seit der inzwischen 36jährige in Star Trek: Into Darkness vergeblich versuchte, die Gravitas des 50jährigen Shatners zu imitieren, hatte ich ihn aufgegeben. Vielleicht wird er aber nur regelmäßig fehlbesetzt, worin im Falle des Oscar-nominerten Hell or High Water viele Kritiker mit mir übereinstimmten. Als amerikanischer Soldat, der im Auftrag des britischen Geheimdienstes den Machenschaften eines deutschen Generals auf die Schliche kommt und bei der Flucht eine Bruchlandung bei den Amazonen macht, kommen ihm jedenfalls sein spitzbübiger Charme und sein überdurchschnittliches Aussehen 😏 gelegen. Herrlich auch sein überdrehter "deutscher" Akzent, der hollywood-üblich untertitelte deutschsprachige Dialoge ersetzt.
Auch in den Nebenrollen können fein ausgewählte Asse trumpfen. "Prof. Lupin" David Thewlis als britischer General zeigt unerwartete Widerhaken, Angelicas weniger berühmter Halbbruder Danny Huston ist passend perfide als sein deutsche Gegenspieler von Ludendorff. Ihm zur Seite steht die aparte, hier mit entstelltem Gesicht kaum erkennbare Spanierin Elena Anaya (aus Julio Medems herausragendem erotischen Kammerspiel Room in Rome) als besessene Wissenschaftlerin. Bei den Amazonen bleibt Connie Nielsen als Dianas Mutter Hippolyta ein wenig blass (die Dänin ist wohl nicht verwandt mit ihrer Landsfrau Brigitte aka Red Sonja), was allerdings Robin Wright als Schwester und Generälin der Königin wieder gutmacht. Der 51jährige House of Cards-Superstar hat an der Fitness wohl hart gearbeitet und geht die martialische Lehrerrolle mit sichtlicher Freude an.
Bleibt noch Steves Howling Commando zu erwähnen - oops, falscher Comic-Verlag. Aber wirklich: dort Steve Rogers, hier Steve Trevor - wer hat von wem abgeschrieben? Vom Schild mal ganz zu schweigen - kann es sein, dass Wonder-Woman-Erfinder William Moulton Marston bereits 1942 die Standards absichtlich umkehrte? Jedenfalls haben wir auf den Trupp bereits letztes Jahr einen Blick erhaschen können, auf jener berühmten, von Bruce Wayne entdeckten Daguerreotypie, und trotz kurzer Auftritte bleiben die Herren durchaus im Gedächtnis, Als da wären: der kanadische Blackfoot-Indianer und hauptberufliche Stuntman Eugene Brave Rock als Chief, der sangeslustige Schotte Ewen Bremner ("Spud" aus Trainspotting) als tattriger Scharfschütze Charlie und der Franco-Marokkaner Saïd Taghmaoui (La Haine) als wortgewandter Schmuggler Sameer.
Der (tatsächlich alleinige) Drehbuchautor Allan Heinberg war zuvor laut IMDB ausschließlich fürs Fernsehen tätig, allerdings in hochkarätigen, oft frauenzentrierten Serien wie Gilmore Girls oder Sex and the City. Er hat aus dem reichhaltigen Comicfundus mit Input von Zack Snyder und Jason Fuchs (Ice Age 4 - wtf?) eine geradlinige Geschichte gewoben, die für den Zuschauer eine wunderbare Reise bereithält, ohne die Düsternis vielgelobter Vorgänger (The Dark Knight), die künstliche Kompliziertheit der bisherigen Justice-League-Filme und die Selbstzweifel praktisch aller übrigen Comicverfilmungen. Wonder Woman macht mindestens so viel Spaß wie die beiden Guardians-Filme, hat für mich aber mehr Resonanz und könnte sich über die Jahrzehnte ähnlichen Kultstatus verdienen wie etwa Star Wars oder Der Herr der Ringe. James Gunn hat bereits sein Lob ausgesprochen, genauso wie Joss Whedeon (" a goddam delight"), der nicht nur mit Buffy die prägende weibliche TV-Heldin schlechthin erfunden hat, sondern vor Jahren (vor den Avengers) auch mit einem eigenen, wohl recht eigenwilligen Wonder-Woman-Script hausieren ging. Jetzt ist er gerade von Marvel zu DC übergelaufen, und schon setzt Patty Jenkins hohe Hürden für sein kommendes Batgirl-Projekt (da Zack Snyder wegen einer familiären Tragödie indisponiert ist, hat Whedon auch weitreichende Änderungen und Nachdrehs für das im November kommende Justice-League-Spektakel verantwortet). Wenn selbst für einen ollen Zyniker wie mich ein Film so packend und emotional aufwühlend ist, kann ich nur das tun, wofür ich mich noch bei keinem Superhelden-Film aufraffen konnte (nicht mal bei meinen Lieblingen, X-Men 2+4, Avengers 1+2, Guardians 1+2): Ich vergebe die (gemäß meiner bescheidenen Meinung) für Meisterwerke reservierte Höchstnote (10/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 17. Juni 2017
Samstag, 10. Juni 2017
Witzloses Reboot: Die Mumie (3/10)
Nach mehreren Beiträgen zu "Prequels, Sequels, Squeakles" nun endlich wieder etwas aus der Reihe "Remakes, Reboots, Retreads": Die Mumie. Mutig: Nicht "Die Mumie beginnt" oder "Nick gegen die Mumie: Dämmerung im Dunklen Universum". Einfach nur "Die Mumie", als ob es das noch nie gegeben hätte.
Mit einem fatalen Startdatum zwischen Guardians und Wonder Woman wurde es kaum beworben, und doch haben es einige gemerkt (das Kino war zur Premiere fast halb gefüllt):Ethan Hunt Jack Reacher Tom Cruise hat zur Abwechslung mal wieder einen Action-Film gedreht. So aus den Augenwinkeln hatte ich irgendwas gelesen von Stunts in Schwerelosigkeit, und gleich an Mission: Impossible 6 gedacht. Die kommt zwar auch noch (nächstes Jahr), aber nein, Tom Cruise ist für Die Mumie zum Mars geflogen (na ja, bis in einen niedrigen Orbit). Passt ja auch gut zum alten Ägypten. Mitgeflogen ist als Jenny Halsey die 33jährige Annabelle Wallis ("Grace Burgess" aus Peaky Blinders), denn der bald 55jährige ehemalige Actionstar hat ein Auge für farblose Jungdarstellerinnen. Immerhin kann die athletische Blondine attraktiv rennen. Trotzdem entwickelt sich keine Chemie zwischen den beiden, weder im Flugzeug noch sonstwo (die Null-G-Szenen sind übrigens komplett als "noch mehr Action" an mir vorbeigeflogen). Dann gibt's noch eine Unterwasser-Sequenz, die wahrscheinlich aus übriggebliebenem Material aus MI:5 zusammengeschnitten wurde. Kann man alles (und ich meine ALLES) bereits im Trailer sehen.
Die Geschichte beginnt, ziemlich geschmacklos, im Irak, wo IS-Krieger antike Statuen zerschießen, bis die Söldner-Soldaten Nick (Tom Cruise) und Chris (Jake Johnson) ihnen zeigen, wie das geht, und einen Luftschlag per Drohne anfordern. Die Explosion fordert zufällig keine zivilen Opfer, sondern legt ein 5.000 Jahre altes ägyptisches Grab frei - oder ist es ein Gefängnis? (fragt die hinzukommende Jenny). Wer im Vorspann aufgepasst hat (denn bevor die Geschichte begann, gab es den üblichen Vorspann), weiss nun, dass es sich um die Prinzessin Ahmanet handelt, gut erhalten für ihr Alter, aber doch etwasbulimisch löchrig wirkend. Dass auch alle aufpassen, dafür hat ganz am Anfang das Voiceover von Russell Crowe gesorgt, der als geheimnisvoller Henry in London eine Grabesstätte für Kreuzritter entdeckt. Was diese mit einer in Mesopotamien verbuddelten ägyptischen Mumie zu tun haben, sorgt für das einzige Spannungsmoment, bleibt aber bis zum Schluss ungeklärt (wo bleibt Robert Langdon, wenn man ihn braucht?)
Jetzt kommt das genannte Flugzeug ins Spiel, denn irgendwie müssen die Protagonisten von Irak nach England und endlich ins Computer-animierte London kommen. Dort gibt es eine Reihe von Showdowns: In Waverley Abbey in Surrey kämpft man gegen Skelette, im Naturkundemuseum gegen noch mehr Skelette, und im Prodigium gibt es Pandemonium. Ab jetzt beginnen echte Spoiler! Oder auch nicht, konnte man alles schon vorher den Trailern und Werbeartikeln entnehmen.
Jedenfalls, das Prodigium ist offenbar die Schaltzentrale von Dr. Henry Jekyll, Monsterjäger und auch ohne Augenklappe ein offensichtlicher Klon von Nick Fury (der Name Nick war halt schon besetzt). Aber Russell Crowe ist nicht Samuel L. Jackson, trotz Oscar-Ehren und Klugscheisserbrille (die er zur Transformation in Mr. Hyde dann abnimmt - überraschend wiederum nur für Leute, die noch nie was von Stevensons Roman gehört haben). Dafür bekommt er den größten Lacher des Films, als er Tom Cruise als "junger Mann" anspricht. Tatsächlich ist der Gladiator mit dem Schönen Verstand zwei Jahre jünger als das Stuntwunder mit den geweissten Zähnen. Trotz dessen gut geöltem Oberkörper ist es weit hergeholt, dass Ahmanet den hübschen ägyptischen Jüngling aus dem Vorspann durch diesen ollen Scientology-Priester ersetzen will - auch wenn sein Gebiss noch gut erhalten ist. Zurück zum Prodigium - das wirkt mehr wie ein Provisorium mit Sicherheitstüren und allem Pipapo, allerdings gefüllt mit zerbrechlichen Glasvitrinen, damit es bei der Prügelei zwischen Nick und Henry ordentlich scheppert. Die Inhalte (Überbleibsel von Vampiren, Werwölfen etc.) rauschen am Zuschauer allerdings ähnlich schnell vorbei wie die Videoclips zu Aquaman, The Flash etc. in Batman vs. Superman.
Für alle, die dieser komplizierten Geschichte nicht folgen können, gibt es weitere Erklärungen von Russell Crowe, der sich beste Mühe gibt, Morgan Freeman den Rang abzusprechen. Hinzu kommt nun Chris, inzwischen zum Zombie mutiert (lange, langweilige Geschichte), der seinen Kumpel Nick immer wieder mit guten Ratschlägen heimsucht ("Tu was sie sagt, sie ist mächtig!"). Nichts gegen den Komiker Jake Johnson, der als "Nick" (schon wieder ein Nick? Wen wollt Ihr hier verwirren?) in der Sitcom New Girl an der Seite von Zooey Deschanel schlumpfig-spaßig agiert (es war sein peinlicher Kumpel "Schmidt", den ich nach einer Saison nicht mehr ertragen konnte).
Vor dem Mumifizieren werden der Leiche zunächst alle Organe entnommen (das Gehirn durch die Nase - argh). Leider ist dies ein gutes Bild für die Entstehung dieses Films. Regisseur Alex Kurtzman ist bestimmt ein netter Mensch, und hat sich als Autor der Genreshows Xena, Alias, und Fringe einen Namen gemacht, bevor er als "Schöpfer" von Sleepy Hollow (das immerhin eine tolle erste Staffel hatte), dem Reboot von Hawaii Five-0 und der neuen, nun endgültig noch für dieses Jahr erwarteten neuen Star-Trek-Serie Discovery zum Produzenten aufstieg. Nebenbei trug er zu mehr oder minder erfolgreichen Kinodrehbücher bei, so zu den Star-Trek-Reboots, Transformers und The Amazing Spider Man 2 (offenbar leidet er an Sequelphilia). Als Regisseur hat er aber bisher nur das nette, mit u.a. Chris Pine und Michelle Pfeiffer toll besetzte Comedy-Drama Zeit zu leben auf seinem Resümee, und mit diesem teuren Action-Spektakel hat er sich kräftig überhoben. Für das Studio war er ohnehin nur die dritte Wahl, nach u.a. Underworld-Regisseur Len Wiseman. Zusätzlich ist er als einer von sechs Autoren genannt, übrigens ohne seinen langjährigen Schreibpartner Roberto Orci.
Warum gerade die Mumie? Für meine jüngeren Leser muss ich jetzt ein wenig weiter ausholen. Das Studio Universal veröffentlichte in den 30er und 40er Jahren eine Reihe überaus erfolgreicher und auch heute noch sehenswerter Horrorfilme, darunter Dracula mit Bela Lugosi (1931), Der Wolfsmensch mit Lon Chaney Jr. (1941), James Whales Meisterwerke Frankenstein (1931) und Frankensteins Braut (1935) mit Boris Karloff als Monster, und eben Die Mumie (1931) mit erneut Karloff als Imhotep (und sein kaum weniger geheimnisvoller Widersacher). Das waren von den deutschen Expressionisten beeinflusste Kammerspiele in Schwarzweiss, mit wenig Action und umso mehr Atmosphäre. Als Mumie war Karloff, mithilfe eines damals bahnbrechenden Makeups, eine absolut magnetische Erscheinung. Die Geschichte des Schamanen Imhotep, der sich in die Frau des Pharaos verliebt und darum alles verliert, war wie alle guten Monstergeschichten im Kern eine Tragödie. Ist es wirklich eine gute Idee, diese Monster und/oder ihre Jäger nun zu Helden eines Dunklen Universums zu machen? Und ist es redlich, aus Whales' von vielen (nicht mir: ich mag beide, ziehe aber den ersten vor) als überlegen angesehenen Frankenstein-Fortsetzung den Spruch "To a new world of gods and monsters"zu zitieren, nachdem dieser bereits für Bill Condons bewegende Biographie seiner letzten Jahre Pate stand: Gods and Monsters mit Ian McKellen als James Whale und Brendan Fraser (s.u.) als seine (erfundene) letzte Liebe?
Warum gerade die Mumie? Ich bin gar nicht orientiert, ob die Flops Dracula Untold (2014, mit Luke Evans) und Wolfman (2010, mit Benicio Del Toro) schon dazugehören oder erneut neu erfunden werden sollen, aber rein von der "Mumie" ausgehend, scheint mir das Franchise-Projekt bereits in den Anfängen gescheitert. Und: Während Marvel weitgehend unbekannte oder zumindest überraschende Darsteller für seine Helden gefunden hat, versucht Universal Zuschauer mit abgehalfterten Altstars zu ködern (neben Russell Crowe und Tom Cruise sind u.a. Johnny Depp als der "unsichtbare Mann" und Angelina Jolie als Frankensteins Braut angekündigt). Einen Mumienfilm, bei dem die Titelfigur zur Staffage wird, halte ich jedenfalls für sinnlos. Dabei hat man mit Sofia Boutella eine elektrisierende Darstellerin gefunden, die in wenigen Minuten eine emotionale Bindung zum Zuschauer aufbauen kann, obwohl ihre Figur dazu nicht gerade einlädt. Anders als Imhotep handelt die Pharao-Tochter Ahmanat nämlich nicht aus Liebe, sondern rein aus Geltungssucht. Sie will den Thron erben und dreht durch, als ihre Stiefmutter dem Pharao doch noch einen Sohn gebärt. Keine Tragik, kein Mitleid - eigentlich, denn: Sofia Boutella. Man sieht hier zwar auch nicht viel mehr von ihren Beinen als in Kingsman, dafür hat sie neckische Tattoos und zwei (2!) Pupillen pro Auge.
Warum gerade die Mumie? Da gab es doch schon was um die Jahrhundertwende? Ja, und zwar Actionspektakel mit Brendan Fraser und Rachel Weisz, in der, wenn nicht Stein-, dann zumindest Bronzezeit der CGI-Effekten. Der erste Teil (1999) und seine Fortsetzung (2001) waren Überraschungshits, der dritte Teil 2008 dann ein müder Nachgedanke. Dazwischen gab es Spinoffs um eine Nebenfigur von Die Mumie kehrt zurück, nämlich den "Scorpion King". Wäre jetzt nicht weiter erwähnenswert, wenn der Hauptdarsteller nicht inzwischen der größte Boxoffice-Star Amerikas geworden wäre: Dwayne Johnson, damals noch mit seinem Wrestling-Alias "The Rock" angekündigt. Jedenfalls sind trotz veralteter Effekte die Originalfilme auch heute noch sehenswert (die sich übrigens ebenfalls am Imhotep-Mythos anlehnten, mit einem gut passenden Arnold Vosloo als Mumie). Ihren Charme beziehen sie nicht zuletzt aus der Handlungszeit zwischen den Weltkriegen. Zur DVD-Veröffentlichung notierte ich (Regisseur war Stephen Sommers, von dem man nach dem lachhaften Van Helsing von 2004 mit Hugh Jackman nicht mehr viel gehört hat):
Und zur direkten Fortsetzung:
Warum also jetzt erneut Die Mumie? Keine Ahnung! Noch zu erwähnen: Die 3D-Präsentation war eher schmerzhaft, die Musik vorhersehbar uninteressant. Selten allerdings, dass im Abspann soviele Darsteller als "Undead" aufgelistet werden. Das waren wohl all die Skelette, die Nick und Kumpane verkloppt haben. Warum noch drei Sterne? Ich mag halt Nutella. Mäßig interessant (3/10).
Nächste Woche: Wonder Woman! Freue mich schon ganz doll drauf, bin allerdings noch unschlüssig wegen meiner Kleiderwahl - ich habe gehört, da dürfen nur Frauen rein! Kilt oder Niquab?
Mit einem fatalen Startdatum zwischen Guardians und Wonder Woman wurde es kaum beworben, und doch haben es einige gemerkt (das Kino war zur Premiere fast halb gefüllt):
Die Geschichte beginnt, ziemlich geschmacklos, im Irak, wo IS-Krieger antike Statuen zerschießen, bis die Söldner-Soldaten Nick (Tom Cruise) und Chris (Jake Johnson) ihnen zeigen, wie das geht, und einen Luftschlag per Drohne anfordern. Die Explosion fordert zufällig keine zivilen Opfer, sondern legt ein 5.000 Jahre altes ägyptisches Grab frei - oder ist es ein Gefängnis? (fragt die hinzukommende Jenny). Wer im Vorspann aufgepasst hat (denn bevor die Geschichte begann, gab es den üblichen Vorspann), weiss nun, dass es sich um die Prinzessin Ahmanet handelt, gut erhalten für ihr Alter, aber doch etwas
Jetzt kommt das genannte Flugzeug ins Spiel, denn irgendwie müssen die Protagonisten von Irak nach England und endlich ins Computer-animierte London kommen. Dort gibt es eine Reihe von Showdowns: In Waverley Abbey in Surrey kämpft man gegen Skelette, im Naturkundemuseum gegen noch mehr Skelette, und im Prodigium gibt es Pandemonium. Ab jetzt beginnen echte Spoiler! Oder auch nicht, konnte man alles schon vorher den Trailern und Werbeartikeln entnehmen.
Jedenfalls, das Prodigium ist offenbar die Schaltzentrale von Dr. Henry Jekyll, Monsterjäger und auch ohne Augenklappe ein offensichtlicher Klon von Nick Fury (der Name Nick war halt schon besetzt). Aber Russell Crowe ist nicht Samuel L. Jackson, trotz Oscar-Ehren und Klugscheisserbrille (die er zur Transformation in Mr. Hyde dann abnimmt - überraschend wiederum nur für Leute, die noch nie was von Stevensons Roman gehört haben). Dafür bekommt er den größten Lacher des Films, als er Tom Cruise als "junger Mann" anspricht. Tatsächlich ist der Gladiator mit dem Schönen Verstand zwei Jahre jünger als das Stuntwunder mit den geweissten Zähnen. Trotz dessen gut geöltem Oberkörper ist es weit hergeholt, dass Ahmanet den hübschen ägyptischen Jüngling aus dem Vorspann durch diesen ollen Scientology-Priester ersetzen will - auch wenn sein Gebiss noch gut erhalten ist. Zurück zum Prodigium - das wirkt mehr wie ein Provisorium mit Sicherheitstüren und allem Pipapo, allerdings gefüllt mit zerbrechlichen Glasvitrinen, damit es bei der Prügelei zwischen Nick und Henry ordentlich scheppert. Die Inhalte (Überbleibsel von Vampiren, Werwölfen etc.) rauschen am Zuschauer allerdings ähnlich schnell vorbei wie die Videoclips zu Aquaman, The Flash etc. in Batman vs. Superman.
Für alle, die dieser komplizierten Geschichte nicht folgen können, gibt es weitere Erklärungen von Russell Crowe, der sich beste Mühe gibt, Morgan Freeman den Rang abzusprechen. Hinzu kommt nun Chris, inzwischen zum Zombie mutiert (lange, langweilige Geschichte), der seinen Kumpel Nick immer wieder mit guten Ratschlägen heimsucht ("Tu was sie sagt, sie ist mächtig!"). Nichts gegen den Komiker Jake Johnson, der als "Nick" (schon wieder ein Nick? Wen wollt Ihr hier verwirren?) in der Sitcom New Girl an der Seite von Zooey Deschanel schlumpfig-spaßig agiert (es war sein peinlicher Kumpel "Schmidt", den ich nach einer Saison nicht mehr ertragen konnte).
Vor dem Mumifizieren werden der Leiche zunächst alle Organe entnommen (das Gehirn durch die Nase - argh). Leider ist dies ein gutes Bild für die Entstehung dieses Films. Regisseur Alex Kurtzman ist bestimmt ein netter Mensch, und hat sich als Autor der Genreshows Xena, Alias, und Fringe einen Namen gemacht, bevor er als "Schöpfer" von Sleepy Hollow (das immerhin eine tolle erste Staffel hatte), dem Reboot von Hawaii Five-0 und der neuen, nun endgültig noch für dieses Jahr erwarteten neuen Star-Trek-Serie Discovery zum Produzenten aufstieg. Nebenbei trug er zu mehr oder minder erfolgreichen Kinodrehbücher bei, so zu den Star-Trek-Reboots, Transformers und The Amazing Spider Man 2 (offenbar leidet er an Sequelphilia). Als Regisseur hat er aber bisher nur das nette, mit u.a. Chris Pine und Michelle Pfeiffer toll besetzte Comedy-Drama Zeit zu leben auf seinem Resümee, und mit diesem teuren Action-Spektakel hat er sich kräftig überhoben. Für das Studio war er ohnehin nur die dritte Wahl, nach u.a. Underworld-Regisseur Len Wiseman. Zusätzlich ist er als einer von sechs Autoren genannt, übrigens ohne seinen langjährigen Schreibpartner Roberto Orci.
Warum gerade die Mumie? Für meine jüngeren Leser muss ich jetzt ein wenig weiter ausholen. Das Studio Universal veröffentlichte in den 30er und 40er Jahren eine Reihe überaus erfolgreicher und auch heute noch sehenswerter Horrorfilme, darunter Dracula mit Bela Lugosi (1931), Der Wolfsmensch mit Lon Chaney Jr. (1941), James Whales Meisterwerke Frankenstein (1931) und Frankensteins Braut (1935) mit Boris Karloff als Monster, und eben Die Mumie (1931) mit erneut Karloff als Imhotep (und sein kaum weniger geheimnisvoller Widersacher). Das waren von den deutschen Expressionisten beeinflusste Kammerspiele in Schwarzweiss, mit wenig Action und umso mehr Atmosphäre. Als Mumie war Karloff, mithilfe eines damals bahnbrechenden Makeups, eine absolut magnetische Erscheinung. Die Geschichte des Schamanen Imhotep, der sich in die Frau des Pharaos verliebt und darum alles verliert, war wie alle guten Monstergeschichten im Kern eine Tragödie. Ist es wirklich eine gute Idee, diese Monster und/oder ihre Jäger nun zu Helden eines Dunklen Universums zu machen? Und ist es redlich, aus Whales' von vielen (nicht mir: ich mag beide, ziehe aber den ersten vor) als überlegen angesehenen Frankenstein-Fortsetzung den Spruch "To a new world of gods and monsters"zu zitieren, nachdem dieser bereits für Bill Condons bewegende Biographie seiner letzten Jahre Pate stand: Gods and Monsters mit Ian McKellen als James Whale und Brendan Fraser (s.u.) als seine (erfundene) letzte Liebe?
Warum gerade die Mumie? Ich bin gar nicht orientiert, ob die Flops Dracula Untold (2014, mit Luke Evans) und Wolfman (2010, mit Benicio Del Toro) schon dazugehören oder erneut neu erfunden werden sollen, aber rein von der "Mumie" ausgehend, scheint mir das Franchise-Projekt bereits in den Anfängen gescheitert. Und: Während Marvel weitgehend unbekannte oder zumindest überraschende Darsteller für seine Helden gefunden hat, versucht Universal Zuschauer mit abgehalfterten Altstars zu ködern (neben Russell Crowe und Tom Cruise sind u.a. Johnny Depp als der "unsichtbare Mann" und Angelina Jolie als Frankensteins Braut angekündigt). Einen Mumienfilm, bei dem die Titelfigur zur Staffage wird, halte ich jedenfalls für sinnlos. Dabei hat man mit Sofia Boutella eine elektrisierende Darstellerin gefunden, die in wenigen Minuten eine emotionale Bindung zum Zuschauer aufbauen kann, obwohl ihre Figur dazu nicht gerade einlädt. Anders als Imhotep handelt die Pharao-Tochter Ahmanat nämlich nicht aus Liebe, sondern rein aus Geltungssucht. Sie will den Thron erben und dreht durch, als ihre Stiefmutter dem Pharao doch noch einen Sohn gebärt. Keine Tragik, kein Mitleid - eigentlich, denn: Sofia Boutella. Man sieht hier zwar auch nicht viel mehr von ihren Beinen als in Kingsman, dafür hat sie neckische Tattoos und zwei (2!) Pupillen pro Auge.
Warum gerade die Mumie? Da gab es doch schon was um die Jahrhundertwende? Ja, und zwar Actionspektakel mit Brendan Fraser und Rachel Weisz, in der, wenn nicht Stein-, dann zumindest Bronzezeit der CGI-Effekten. Der erste Teil (1999) und seine Fortsetzung (2001) waren Überraschungshits, der dritte Teil 2008 dann ein müder Nachgedanke. Dazwischen gab es Spinoffs um eine Nebenfigur von Die Mumie kehrt zurück, nämlich den "Scorpion King". Wäre jetzt nicht weiter erwähnenswert, wenn der Hauptdarsteller nicht inzwischen der größte Boxoffice-Star Amerikas geworden wäre: Dwayne Johnson, damals noch mit seinem Wrestling-Alias "The Rock" angekündigt. Jedenfalls sind trotz veralteter Effekte die Originalfilme auch heute noch sehenswert (die sich übrigens ebenfalls am Imhotep-Mythos anlehnten, mit einem gut passenden Arnold Vosloo als Mumie). Ihren Charme beziehen sie nicht zuletzt aus der Handlungszeit zwischen den Weltkriegen. Zur DVD-Veröffentlichung notierte ich (Regisseur war Stephen Sommers, von dem man nach dem lachhaften Van Helsing von 2004 mit Hugh Jackman nicht mehr viel gehört hat):
Schon wieder habe ich keinen Regisseur parat - macht nix bei diesem Film. Ausschlaggebend waren wohl mehr ein gutes Buch, sympathische Hauptdarsteller und tolle Tricks aus dem Computer (aber filmdienlich, nicht als Selbstzweck). Beinahe wäre ich nicht in den Genuß gekommen, weil der Film als Horror verpackt war. Reingelegt - es war eine waschechte Komödie mit Thrillerelementen. Eine sehr positive Überraschung. Tut mir leid, wenn ich nicht gezittert habe, aber dafür hatte der Bösewicht zu viel Ausstrahlung, und an die menschenfressenden Käfer habe ich auch nicht geglaubt. Mal eine Neuverfilmung, die sich gelohnt hat (8/10).
Und zur direkten Fortsetzung:
Als 1999 "Die Mumie" in den Kinos anlief, war sie zwar überraschend erfolgreich, galt jedoch mit ihren eindrucksvollen digitalen Effekten eher als Generalprobe für George Lucas' erste Sternenwahn-Episode. Nur zwei Jahre später werden wir mit ähnlich aufwendigen Werken geradezu überrannt: "Jurassic Park III", "Tomb Raider", "Pearl Harbor", "Herr der Ringe", "Harry Potter" - all diese Projekte wurden erst durch die rasante Entwicklung der Computer-Technik möglich. Trotzdem ist das ganze immer noch ziemlich teuer - so muß man befürchten, daß nicht genug Geld für Drehbuchautoren übrig blieb. Jedenfalls erweckt "Die Mumie kehrt zurück" eher den Eindruck, da habe jemand die Geschichte des ersten Films in einen elektronischen Drehbuchgenerator gespeist und als Vorgaben "größer, unwahrscheinlicher, mehr von allem" hinzugefügt. Also wurden der Originalmumie Imhotep eine sadistische Gespielin und mit dem Scorpion-König ein weiterer finsterer Bösewicht zur Seite gestellt, letzterer bereits im Bewußtsein, gut für ein Prequel geeignet zu sein. Ansonsten haben die O'Connells aus Gründen der Familientauglichkeit inzwischen einen Sohn, der ähnlich unbefangen wie seine Eltern zwischen Spinnweben, Untoten und Giftschlangen zu Hause ist.
Wer den ersten Teil übrigens verpaßt hat, dem muß man erklären, daß es sich hier keineswegs um Horror handelt. Vielmehr sollte man eine (etwas alberne) Komödie mit eindrucksvoll inszenierten Kampfszenen, phantasievollen Kulissen und mäßiger Spannung erwarten. Dieses Rezept funktioniert auch beim zweiten Mal recht gut, wenngleich ich beim ersten Teil mehr Spaß hatte. Die Gags wirken etwas müde dargeboten, wofür aber einige nette Einfälle entschädigen (am besten die Enterprise-förmige Silhouette des Luftschiffes, die sich wie dereinst E.T. vor dem Vollmond abzeichnet). Natürlich werden zu keiner Zeit Atmosphäre, Spannung oder der trockene Humor etwa der Indiana-Jones-Trilogie erreicht. Insgesamt entfalten die Effekte aber ihre kurzweilige Wirkung, so daß ich das ganze als ordentliches Popcorn-Kino empfehlen kann (6/10).
Warum also jetzt erneut Die Mumie? Keine Ahnung! Noch zu erwähnen: Die 3D-Präsentation war eher schmerzhaft, die Musik vorhersehbar uninteressant. Selten allerdings, dass im Abspann soviele Darsteller als "Undead" aufgelistet werden. Das waren wohl all die Skelette, die Nick und Kumpane verkloppt haben. Warum noch drei Sterne? Ich mag halt Nutella. Mäßig interessant (3/10).
Nächste Woche: Wonder Woman! Freue mich schon ganz doll drauf, bin allerdings noch unschlüssig wegen meiner Kleiderwahl - ich habe gehört, da dürfen nur Frauen rein! Kilt oder Niquab?
Montag, 5. Juni 2017
Die Hugo-Finalisten 2017: Kurzgeschichten
Wieder (fast) nur Frauen, (fast) nur Fantasy. Trotzdem ein nicht übler bunter Strauß.
(6) “An Unimaginable Light”, by John C. Wright
John C. Wright lese ich nicht mehr, seit der Schwemme von 2015. Trifft sich gut, dass seine Geschichte der Voters Package auch nicht im Kindle-gerechten Format beilag.
(5) “Our Talons Can Crush Galaxies”, by Brooke Bolander
Brooke Bolander mag ich auch nicht besonders, ihre Prosa ist mir zu negativ. Diese Rachegeschichte eines misshandelten Engels ist immerhin die kürzeste in der diesjährigen Auswahl.
(No Award)
(4) “A Fist of Permutations in Lightning and Wildflowers”, by Alyssa Wong
Der zweite diesjährige Beitrag von Alyssa Wong ist eine stilistisch brillante Allegorie auf eine junge Frau, die mit dem Tod ihrer Schwester zurechtkommen muss.
(3) “The City Born Great”, by N. K. Jemisin
Die Stadt ist New York, und die frischgebackene Hugo-Gewinnerin aus Brooklyn erzählt von einem hispanischen Straßenjungen, der als Geburtshelfer die Lieblingsstadt der Autorin zum Leben erweckt. Diese wird damit in die Gesellschaft solch ehrwürdiger Geschwister wie Mexico City und Paris aufgenommen. Ob Los Angeles diesen Schritt auf schaffen wird?
(2) “Seasons of Glass and Iron”, by Amal El-Mohtar
Die Kanadierin Amal El-Mohtar baut aus dem "Glashügel" und den "eisernen Schuhen" ihr eigenes Märchen zusammen, mit einer klugen Botschaft und einer anrührenden Frauenfreundschaft. Ihrer siebenjährigen Nichte Lara gewidmet, ist dies auch für Erwachsene ein hübsches Lesevergnügen.
(1) “That Game We Played During the War”, by Carrie Vaughn
Das Spiel heisst Schach, aber wie spielt man dieses, wenn einer der Kontrahenten Gedanken lesen kann? Trotzdem haben die Enith den telepathischen Gaan einen Waffenstillstand abgetrotzt, so dass die Krankenschwester Calla mit dem feindlichen Major Larn das Spiel fortsetzen kann, welches sie im Gefangenencamp begonnen hatten (und über das sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelte).
(6) “An Unimaginable Light”, by John C. Wright
John C. Wright lese ich nicht mehr, seit der Schwemme von 2015. Trifft sich gut, dass seine Geschichte der Voters Package auch nicht im Kindle-gerechten Format beilag.
(5) “Our Talons Can Crush Galaxies”, by Brooke Bolander
Brooke Bolander mag ich auch nicht besonders, ihre Prosa ist mir zu negativ. Diese Rachegeschichte eines misshandelten Engels ist immerhin die kürzeste in der diesjährigen Auswahl.
(No Award)
(4) “A Fist of Permutations in Lightning and Wildflowers”, by Alyssa Wong
Der zweite diesjährige Beitrag von Alyssa Wong ist eine stilistisch brillante Allegorie auf eine junge Frau, die mit dem Tod ihrer Schwester zurechtkommen muss.
(3) “The City Born Great”, by N. K. Jemisin
Die Stadt ist New York, und die frischgebackene Hugo-Gewinnerin aus Brooklyn erzählt von einem hispanischen Straßenjungen, der als Geburtshelfer die Lieblingsstadt der Autorin zum Leben erweckt. Diese wird damit in die Gesellschaft solch ehrwürdiger Geschwister wie Mexico City und Paris aufgenommen. Ob Los Angeles diesen Schritt auf schaffen wird?
(2) “Seasons of Glass and Iron”, by Amal El-Mohtar
Die Kanadierin Amal El-Mohtar baut aus dem "Glashügel" und den "eisernen Schuhen" ihr eigenes Märchen zusammen, mit einer klugen Botschaft und einer anrührenden Frauenfreundschaft. Ihrer siebenjährigen Nichte Lara gewidmet, ist dies auch für Erwachsene ein hübsches Lesevergnügen.
(1) “That Game We Played During the War”, by Carrie Vaughn
Das Spiel heisst Schach, aber wie spielt man dieses, wenn einer der Kontrahenten Gedanken lesen kann? Trotzdem haben die Enith den telepathischen Gaan einen Waffenstillstand abgetrotzt, so dass die Krankenschwester Calla mit dem feindlichen Major Larn das Spiel fortsetzen kann, welches sie im Gefangenencamp begonnen hatten (und über das sich eine unwahrscheinliche Freundschaft entwickelte).
Das Ziel ist, "kleine Kriege" zu kämpfen, ohne jemanden zu verletzen.Carrie Vaughn ist bekannt durch ihre romantische Werwolf-Fantasyreihe "Kitty Norville", liefert hier aber eine kluge SF-Geschichte.
Sonntag, 4. Juni 2017
Die Hugo-Finalisten 2017: Noveletten
Die ernstzunehmenden wählbaren Noveletten (typischerweise unter einer Stunde lesbar) stammen alle von Teilzeit-Autorinnen. Höchstens zwei davon kann man der Science Fiction zuordnen. Hier meine Rangfolge:
(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock
Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.
(No Award)
(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong
Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.
(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman
Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.
(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde
Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.
Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).
(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon
Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.
(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan
Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.
Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.
(6) Alien Stripper Boned From Behind By The T-Rex, by Stix Hiscock
Von vorne wäre auch fatal, denn aus den drei Brüsten der Ich-Erzählerin schießen beim Orgasmus Laserstrahlen. Ansonsten ist dies eine konservativ-romantische Geschichte: Die Stripperin Kelly trauert noch ihrem Tentakel-Liebhaber nach, und der T-Rex Tyrone (dank futuristischem Body-Building mit durchaus muskulösen Armen ausgestattet) hat seine Brontosaurus-Frau beim Meteor-Einschlag verloren. "Stix Hiscock" ist wohl Chuck Tingles Pseudonym für Hetero-Sexromane, auch wenn ich keine direkte Bestätigung gefunden habe. Der "schizophrene Autist" Tingle hat offenbar tatsächlich einen Fan-Kreis, die letztjährige Nominierung für "Space Raptor Butt Invasion" kommentierte er in "Slammed in the Butt by My Hugo Award Nomination". Also gebührt mein Dank den Trollen für diesen amüsanten Beitrag.
(No Award)
(5) “You’ll Surely Drown Here If You Stay”, by Alyssa Wong
Die aparte Amerikanerin Alyssa Wong war letztes Jahr bereits Finalistin für den Campbell Award als bester Neuling. Ihr poetischer Schreibstil liegt mir leider nicht, genauso wenig diese Fantasygeschichte im Wilden Westen um einen Teenager, der mit den Toten kommunizieren und sie kurzzeitig sogar zum Leben erwecken kann. Auch wenn seine Freundschaft mit einer jungen Prostituierten durchaus anrührend ist.
(4) “Touring with the Alien”, by Carolyn Ives Gilman
Endlich mal SF! Die Aliens sind gelandet, aber niemand weiss wie. Bis einer mit seinem menschlichen "Übersetzer" eine Bustour mietet. Nette Idee, von der Historikerin Carolyn Ives Gilman mit bescheidenen stilistischen Mitteln geradlinig umgesetzt.
(3) "The Jewel and Her Lapidary", by Fran Wilde
Ambitionierte, tragische Fantasy-Geschichte um den Fall einer Herrscherfamilie eines Tals, in dem alle Macht von der Manipulation bestimmter magischer Edelsteine ausgeht. Erzählt, als ob inspiriert von der fiktiven Ruine des Königshauses, aus der Sicht der jugendlichen letzten Überlebenden Lin und Sima (Juwel und Edelsteinschleiferin). Fran Wilde lebt in Philadelphia.
Die Beiträge von Alyssa Wong und Fran Wilde sind übrigens die einzigen Finalisten dieser Kategorie, die auch für einen Nebula nominiert waren (gewonnen hat ein anderer Beitrag).
(2) “The Tomato Thief”, by Ursula Vernon
Ursula Vernon hat bereits einen Hugo gewonnen, für ihren "Web comic" "Digger" (Graphic Novels bilden eine Kategorie, in der ich mich überhaupt nicht auskenne oder wohlfühle). Ansonsten schreibt sie meist für Jugendliche. Auch die "Tomatendiebin" ist aufgrund der einfachen Sprache für Jugendliche zumindest geeignet. Es ist ein Märchen um eine alte Tomatenzüchterin, die aufgrund des titelgebenden Diebstahls noch einmal zu einem kleinen Abenteuer in die Wüste aufbricht. Es stellt sich heraus, dass sie den Gefahren dieser magischen Welt durchaus gewachsen ist, in der Eisenbahnen als Götter verehrt werden (und Bahnbeamte Priesterstatus haben und in Trance mit ihren Göttern kommunizieren). Hübsch und unterhaltsam.
(1) “The Art of Space Travel”, by Nina Allan
Nina Allan ist eine 51jährige britische Autorin, die mit dem renommierten 73jährigen SF-Autor Christopher Priest in Devon lebt. Sie erzählt eine Episode aus dem Jahr 2070, aus der Sicht der jungen Hotelangestellten Emily, die mit ihrer dementen Mutter in der Nähe von Heathrow Airport lebt. Gerade soll eine zweite Marsexpedition starten (die übrigens ohne Rückkehr der Astronauten geplant ist), und zwei Teilnehmer werden eine Nacht in Emilys Hotel verbringen. Emily spekuliert, dass einer der Astronauten der gescheiterten ersten Expedition ihr Vater sein könnte, aber die Antwort auf diese Frage ist naheliegender, als sie denkt.
Nina Allan zeichnet mit wenigen Strichen ein überzeugendes Porträt einer selbstbewussten jungen Frau, die am wenigsten dadurch charakterisiert wird, dass ihre Mutter aus Afrika stammt. Der Science-Fiction-Aspekt ist allerdings vernachlässigbar. Bis auf die Marsexpeditionen und den Absturz eines radioaktiv verseuchten Flugzeuges, dessen Untersuchung die Krankheit von Emilys Mutter verursacht hat, unterscheidet sich die Welt in 50 Jahren kaum von unserer. Aber wie in allen Literaturgattungen stehen auch bei der SF menschliche Schicksale im Mittelpunkt.
Sonntag, 28. Mai 2017
Fluch der Karibik 5 blablabla (5/10)
Nur ein paar Worte zum nunmehr fünften Teil der Captain-Sparrow-Show (mit dem Untertitel "Salazars Rache" oder "Dead Men Tell No Tales", je nachdem wo man wohnt). Ja, er ist besser als der vierte Teil (keine Kunst), und nein, er ist wieder nicht mehr als ein müder Abklatsch des Überraschungshits von 2003. Mehr ist nicht besser, und so hilft es weder, dass die Geisterpiraten löchriger als zuvor sind, noch dass die Schiffe schneller sinken, als man sie den unterschiedlichen Parteien zuordnen kann. Es gibt einen Überschuss an Kapitänen, und dabei ist Captain Sparrow längst nicht mehr der interessanteste (auch wenn ich es liebe, wie Javier Bardem den Namen ausspricht).
Diese Ehre gebührt Geoffrey Rushs Barbossa. Der Oscar-Gewinner (für sein Porträt des schizofrenen Ausnahmepianisten David Helfgott in Shine) vermag es, dem wieder in Fleisch und Blut stehenden Verbündeten/Wiedersacher Sparrows ohne extravagantes Posieren Klasse und Pathos zu verleihen. Johnny Depp hingegen ist nur noch ein Gimmick, offenbar inzwischen in persona meist betrunken, mit unerträglichen Starallüren (seine Dialoge sollen ihm angeblich per Knopf im Ohr souffliert worden sein) - hier hat die Figur den Schauspieler überholt.
Zum Glück gibt es reichlich weitere Figuren, von denen mir nach Barbossa die "Hexe" Carina (Kaya Scodelario aus Maze Runner) am besten gefiel, die ihre dämlichen Dialoge immerhin mit Feuer und Leidenschaft rezitiert. Ihr romantischer Gegenpart hingegen (Brenton Thwaites aus dem trotz Jeff Bridges und Meryl Streep öden Hüter der Erinnerung) ist ein unsägliches Weissbrot, gegen den Orlando Bloom ein Schauspielgott ist (dieser taucht übrigens nebst Keira Knightley in einem Cameo auf, mit dem vagen Versprechen auf größere Rollen in der nächsten Fortsetzung).
Javier Bardem hat seit seinem Oscar von 2008 für das Meisterstück der Coens, No Country For Old Men, den Bösewicht mit spanischem Akzent perfektioniert (und in Skyfall auch zu viel Geld gemacht), ist hier allerdings hoffnungslos unterfordert. "Faramir" David Wenham dagegen wird mit zunehmendem Alter nur farbloser.
Mehr ist nur in einer Hinsicht besser: Die beiden norwegischen Regisseure Joachim Roenning und Espen Sandberg, deren schönes Meeresabenteuer Kon-Tiki 2013 Oscar-nominiert war, setzen den dürftigen Stoff der renommierten, wahrscheinlich überbezahlten Autoren ordentlich um, mit viel Karacho und ein paar ganz hübschen Szenen (etwa die zwischen dem frankophilen Johnny Depp und einer Guillotine). Ansonsten muss man sich von dem Blödsinn einfach überspülen lassen - Augen auf und durch! Annehmbar (5/10).
P.S.: Hier noch der Score für coole Cameos:
Diese Ehre gebührt Geoffrey Rushs Barbossa. Der Oscar-Gewinner (für sein Porträt des schizofrenen Ausnahmepianisten David Helfgott in Shine) vermag es, dem wieder in Fleisch und Blut stehenden Verbündeten/Wiedersacher Sparrows ohne extravagantes Posieren Klasse und Pathos zu verleihen. Johnny Depp hingegen ist nur noch ein Gimmick, offenbar inzwischen in persona meist betrunken, mit unerträglichen Starallüren (seine Dialoge sollen ihm angeblich per Knopf im Ohr souffliert worden sein) - hier hat die Figur den Schauspieler überholt.
Zum Glück gibt es reichlich weitere Figuren, von denen mir nach Barbossa die "Hexe" Carina (Kaya Scodelario aus Maze Runner) am besten gefiel, die ihre dämlichen Dialoge immerhin mit Feuer und Leidenschaft rezitiert. Ihr romantischer Gegenpart hingegen (Brenton Thwaites aus dem trotz Jeff Bridges und Meryl Streep öden Hüter der Erinnerung) ist ein unsägliches Weissbrot, gegen den Orlando Bloom ein Schauspielgott ist (dieser taucht übrigens nebst Keira Knightley in einem Cameo auf, mit dem vagen Versprechen auf größere Rollen in der nächsten Fortsetzung).
Javier Bardem hat seit seinem Oscar von 2008 für das Meisterstück der Coens, No Country For Old Men, den Bösewicht mit spanischem Akzent perfektioniert (und in Skyfall auch zu viel Geld gemacht), ist hier allerdings hoffnungslos unterfordert. "Faramir" David Wenham dagegen wird mit zunehmendem Alter nur farbloser.
Mehr ist nur in einer Hinsicht besser: Die beiden norwegischen Regisseure Joachim Roenning und Espen Sandberg, deren schönes Meeresabenteuer Kon-Tiki 2013 Oscar-nominiert war, setzen den dürftigen Stoff der renommierten, wahrscheinlich überbezahlten Autoren ordentlich um, mit viel Karacho und ein paar ganz hübschen Szenen (etwa die zwischen dem frankophilen Johnny Depp und einer Guillotine). Ansonsten muss man sich von dem Blödsinn einfach überspülen lassen - Augen auf und durch! Annehmbar (5/10).
P.S.: Hier noch der Score für coole Cameos:
Rolling Stones 1 - Beatles 0
Die Hugo-Finalisten 2017: Novellen
Spät passe ich mich dem offiziellen Sprachgebrauch an. Für den Hugo-Gernsback-Award nominieren darf jedes Mitglied des WeltCons bis zu fünf Werke pro Kategorie. Die Finalisten sind diejenigen mit den meisten Nominierungen. Nach einer klugen Regeländerung sind dies nun sechs Gesetzte, aus denen der Gewinner gewählt wird.
Noch wichtiger, es greift nun eine Regeländerung, die Slate-Voting in diesem Jahr ziemlich erfolgreich verhindert hat, so dass nur wenige Puppy-Kandidaten ins Rennen gehen. Allerdings setzt sich der Trend zur Bevorzugung von Minderheiten und LGBT-Autoren fort. Für den Besten Roman (dazu später vielleicht mehr) sind 2017 nominiert: eine amerikanische Transgender-Frau, ein Chinese, ein Korea-amerikanischer Transgender-Mann, eine schwarze amerikanische Frau, und zwei weitere weisse Amerikanerinnen, deren Werke zumindest Gender-bewusst sind. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen schränkt es vielleicht ebenfalls die künstlerische Vielfalt ein.
Die seit Jahren zunehmende Konzentration auf Fantasy spiegelt hingegen lediglich den Buchmarkt wieder. Trotzdem ist es ein trauriger Rekord, dass in diesem Jahr alle sechs Novellen (mit jeweils einer Länge von ca. 100-200 Seiten) dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Im einzelnen sind dies (in meinem Stimmzettel entsprechend aufsteigender Reihenfolge):
Der Brite China Miéville ist einfach nicht mein Fall. "The City & the City" gewann 2010 als vierter seiner fünf nominierten Romanen den Hauptpreis, aber stilistisch und erzählerisch kann ich mit seinen Büchern nichts anfangen. Da diese Fantasy-Novelle zudem dem Voters Package nur als PDF beiliegt, habe ich mir das Lesen gespart.
Die erste von zwei Lovecraft-Nacherzählungen mit Twist in dieser Kategorie handelt von einem 20jährigen schwarzen Blues-Gitarristen im New York der 20er, der zwischen die Fronten mächtiger Zauberkräfte gerät. Atmosphärisch, aber trotz der Kürze unfokussiert erzählt und dadurch nicht besonders fesselnd. Der Twist ist natürlich die gelungene Perspektive des Jugendlichen aus Harlem. Der Assistenzprofessor an der Columbia University Victor LaValle ist in Queens aufgewachsen und schreibt offenbar nur im Nebenjob - daran gemessen ist er recht erfolgreich.
Meine SF-Lieblingsautorin geht langsam auf die 70 zu, und darin liegt vermutlich der Grund für diese kürzeren Ausflüge in ihre Fantasy-Welt der Sechs Götter (inzwischen sind bereits zwei weitere Novellen um Pendric und Desdemona erschienen). Spannende, sympathische Unterhaltung ohne viel Tiefe.
Diese zweite Lovecraft-Adaption der 57jährigen Akademikerin Kij Johnson hat es in sich. Eine Mathematik-Professorin versucht einer ausgebüxten Schülerin aus der "Traumwelt" in die reale Welt zu folgen und sie zur Rückkehr zu bewegen, bevor deren Großvater, ein seniler Gott, aus Wut ihre Heimat zerstört. Die durchaus spannende Erzählung lebt von der übersprudelnden Phantasie der Autorin, die die mysteriöse Traumwelt mit immer neuen Details ausschmückt, dabei allerdings bis auf die Hauptfigur keine überzeugenden Charaktere aufbaut. Für meinen Geschmack ein zu komplexer Weltenaufbau für eine kurze Erzählung. Der Twist ist hier die weibliche Perspektive. H.P. Lovecraft, 1890 - 1937, wurde postum als Meister des Horros verklärt, seine Welten sind aber wie die seiner meisten Zeitgenossen männlich und zumindest Rassen-elitär (dies nur aus dritter Hand erschlossen).
"A Taste of Honey" ist eine "Romeo & Julius"-Geschichte in einer komplexen Fantasy-Welt verschiedener Rassen, Kulturen und Götter, die Kai Ashante Wilson bereits in einem Roman eingeführt hatte. Die Erzählstruktur ist ein wenig kompliziert, mit vielen Zeitsprüngen, und der Stil des schwarzen New Yorkers ist gelegentlich allzu selbstverliebt, mit Zitaten in Latein und Sprüngen zwischen Umgangssprache und Hochsprache. Im Mittelpunkt steht die Kontemplation einer wegweisenden Entscheidung im Leben des Protagonisten (für die Familie oder den Geliebten) und ist trotz erzählerischer Holprigkeiten überaus anrührend. Trotzdem bin ich nicht besonders auf den zugehörigen Roman erpicht.
Seanan McGuire, die auch als Mira Grant schreibt, ist sicher eine der sympathischsten und rührigsten Autorinnen des Genres. Die 39jährige Kalifornierin ist dieses Jahr auch in der neuen (fragwürdigen) Kategorie "Beste Serie" Finalistin. "Every Heart a Doorway" gewann in diesem Jahr bereits den Nebula Award der amerikanischen Autorenschaft, und ein erster Hugo wäre ihr wirklich zu gönnen. Ihre sprachlichen Mittel sind im Vergleich zur Konkurrenz eher einfach, ihre Erzählstruktur konventionell, und doch ist ihre Geschichte keineswegs trivial, und die stets überzeugend weibliche Perspektive der Autorin nicht selbstverständlich.
Die 17jährige Nancy trifft in einem Internat für "gestörte" Kinder ein; "gestört" jedenfalls in den Augen der Eltern - tatsächlich sind dies alles Jugendliche (zumeist Mädchen), die ähnlich wie "Alice im Wunderland" eine Zeit in einer Phantasiewelt verbracht haben, von den Erwachsenen interpretiert als traumatische Entführungen. Die meisten betroffenen Kinder möchten nichts lieber als wieder in ihre jeweilige Welt zurückkehren, aber dies ist offenbar nur selten möglich. Im Internat lernen sie nun, dass sie in ihrem Schicksal nicht allein sind, auch wenn es sehr verschiedene Phantasiewelten gibt. Tatsächlich kann man diese grob anhand eines Kompasses mit den Hauptrichtungen Logik, Unsinn, Tugend und Laster einordnen (die Welt von Alice liegt wohl klar in Richtung Unsinn). Doch bevor sich Nancy auch nur richtig eingelebt hat, wird bereits ihre Zimmerkameradin ermordet, und sie findet sich im Zentrum der Untersuchung wieder...
Noch wichtiger, es greift nun eine Regeländerung, die Slate-Voting in diesem Jahr ziemlich erfolgreich verhindert hat, so dass nur wenige Puppy-Kandidaten ins Rennen gehen. Allerdings setzt sich der Trend zur Bevorzugung von Minderheiten und LGBT-Autoren fort. Für den Besten Roman (dazu später vielleicht mehr) sind 2017 nominiert: eine amerikanische Transgender-Frau, ein Chinese, ein Korea-amerikanischer Transgender-Mann, eine schwarze amerikanische Frau, und zwei weitere weisse Amerikanerinnen, deren Werke zumindest Gender-bewusst sind. Das ist auf der einen Seite erfreulich, auf der anderen schränkt es vielleicht ebenfalls die künstlerische Vielfalt ein.
Die seit Jahren zunehmende Konzentration auf Fantasy spiegelt hingegen lediglich den Buchmarkt wieder. Trotzdem ist es ein trauriger Rekord, dass in diesem Jahr alle sechs Novellen (mit jeweils einer Länge von ca. 100-200 Seiten) dem Fantasy-Genre zuzuordnen sind. Im einzelnen sind dies (in meinem Stimmzettel entsprechend aufsteigender Reihenfolge):
(6) This Census-Taker, by China Miéville
Der Brite China Miéville ist einfach nicht mein Fall. "The City & the City" gewann 2010 als vierter seiner fünf nominierten Romanen den Hauptpreis, aber stilistisch und erzählerisch kann ich mit seinen Büchern nichts anfangen. Da diese Fantasy-Novelle zudem dem Voters Package nur als PDF beiliegt, habe ich mir das Lesen gespart.
(5) The Ballad of Black Tom, by Victor LaValle
Die erste von zwei Lovecraft-Nacherzählungen mit Twist in dieser Kategorie handelt von einem 20jährigen schwarzen Blues-Gitarristen im New York der 20er, der zwischen die Fronten mächtiger Zauberkräfte gerät. Atmosphärisch, aber trotz der Kürze unfokussiert erzählt und dadurch nicht besonders fesselnd. Der Twist ist natürlich die gelungene Perspektive des Jugendlichen aus Harlem. Der Assistenzprofessor an der Columbia University Victor LaValle ist in Queens aufgewachsen und schreibt offenbar nur im Nebenjob - daran gemessen ist er recht erfolgreich.
(4) Penric and the Shaman, by Lois McMaster Bujold
Meine SF-Lieblingsautorin geht langsam auf die 70 zu, und darin liegt vermutlich der Grund für diese kürzeren Ausflüge in ihre Fantasy-Welt der Sechs Götter (inzwischen sind bereits zwei weitere Novellen um Pendric und Desdemona erschienen). Spannende, sympathische Unterhaltung ohne viel Tiefe.
(3) The Dream-Quest of Vellitt Boe, by Kij Johnson
Diese zweite Lovecraft-Adaption der 57jährigen Akademikerin Kij Johnson hat es in sich. Eine Mathematik-Professorin versucht einer ausgebüxten Schülerin aus der "Traumwelt" in die reale Welt zu folgen und sie zur Rückkehr zu bewegen, bevor deren Großvater, ein seniler Gott, aus Wut ihre Heimat zerstört. Die durchaus spannende Erzählung lebt von der übersprudelnden Phantasie der Autorin, die die mysteriöse Traumwelt mit immer neuen Details ausschmückt, dabei allerdings bis auf die Hauptfigur keine überzeugenden Charaktere aufbaut. Für meinen Geschmack ein zu komplexer Weltenaufbau für eine kurze Erzählung. Der Twist ist hier die weibliche Perspektive. H.P. Lovecraft, 1890 - 1937, wurde postum als Meister des Horros verklärt, seine Welten sind aber wie die seiner meisten Zeitgenossen männlich und zumindest Rassen-elitär (dies nur aus dritter Hand erschlossen).
(2) A Taste of Honey, by Kai Ashante Wilson
"A Taste of Honey" ist eine "Romeo & Julius"-Geschichte in einer komplexen Fantasy-Welt verschiedener Rassen, Kulturen und Götter, die Kai Ashante Wilson bereits in einem Roman eingeführt hatte. Die Erzählstruktur ist ein wenig kompliziert, mit vielen Zeitsprüngen, und der Stil des schwarzen New Yorkers ist gelegentlich allzu selbstverliebt, mit Zitaten in Latein und Sprüngen zwischen Umgangssprache und Hochsprache. Im Mittelpunkt steht die Kontemplation einer wegweisenden Entscheidung im Leben des Protagonisten (für die Familie oder den Geliebten) und ist trotz erzählerischer Holprigkeiten überaus anrührend. Trotzdem bin ich nicht besonders auf den zugehörigen Roman erpicht.
(1) Every Heart a Doorway, by Seanan McGuire
Seanan McGuire, die auch als Mira Grant schreibt, ist sicher eine der sympathischsten und rührigsten Autorinnen des Genres. Die 39jährige Kalifornierin ist dieses Jahr auch in der neuen (fragwürdigen) Kategorie "Beste Serie" Finalistin. "Every Heart a Doorway" gewann in diesem Jahr bereits den Nebula Award der amerikanischen Autorenschaft, und ein erster Hugo wäre ihr wirklich zu gönnen. Ihre sprachlichen Mittel sind im Vergleich zur Konkurrenz eher einfach, ihre Erzählstruktur konventionell, und doch ist ihre Geschichte keineswegs trivial, und die stets überzeugend weibliche Perspektive der Autorin nicht selbstverständlich.
Die 17jährige Nancy trifft in einem Internat für "gestörte" Kinder ein; "gestört" jedenfalls in den Augen der Eltern - tatsächlich sind dies alles Jugendliche (zumeist Mädchen), die ähnlich wie "Alice im Wunderland" eine Zeit in einer Phantasiewelt verbracht haben, von den Erwachsenen interpretiert als traumatische Entführungen. Die meisten betroffenen Kinder möchten nichts lieber als wieder in ihre jeweilige Welt zurückkehren, aber dies ist offenbar nur selten möglich. Im Internat lernen sie nun, dass sie in ihrem Schicksal nicht allein sind, auch wenn es sehr verschiedene Phantasiewelten gibt. Tatsächlich kann man diese grob anhand eines Kompasses mit den Hauptrichtungen Logik, Unsinn, Tugend und Laster einordnen (die Welt von Alice liegt wohl klar in Richtung Unsinn). Doch bevor sich Nancy auch nur richtig eingelebt hat, wird bereits ihre Zimmerkameradin ermordet, und sie findet sich im Zentrum der Untersuchung wieder...
Dienstag, 23. Mai 2017
Einer der letzten Gentlemen: Roger Moore 1927 - 2017
Dass er mein Lieblingsbond war, habe ich bereits ausführlich dargelegt: Nobody does it better. In Deutschland wenig bekannt ist, dass Roger Moore in den 60ern bereits ein berühmter Fernsehstar war. Als Simon Templar (im Original The Saint) spielte er zwischen 1962 und 1969 bereits einen Playboy/Detektiv, und nur aufgrund seiner vertraglichen Bindung an diese Serie musste er dem übrigens drei Jahre jüngeren Sean Connery den Vortritt als James Bond lassen. Beliebt war Moore in Deutschland allerdings durch seine Folgeserie Die 2 ("The Persuaders", 1971/72), seit einigen Jahren als schöne Blu-ray-Edition erhältlich Die gut ausgestattete, an phantastischen Schauplätzen gedrehte Abenteuerreihe bietet auch heute noch gediegene Unterhaltung, wenngleich ich kein Fan der für die 70er typisch überdrehten deutschen Synchronisation bin. Auch im Original sprühen da oft die Charme-Funken zwischen Roger Moore und seinem Co-Star Tony Curtis, auch wenn dieser am Set meist betrunken gewesen sein soll.
Natürlich spielte Moore gelegentlich auch in Nicht-Bond-Filmen mit, auch wenn nichts herausragendes dabei war. Ich persönlich schätze etwa das kriegerische Abenteuer vor Apartheits-Hintergrund Die Wildgänse kommen von 1978, wo er an der Seite von Richard Burton, Richard Harris, Hardy Krüger und Stewart Granger Teil eines unglaublichen Ensembles war. Das ist sicher ein Stück Kitsch, das man jung gesehen haben muss; ich habe mich jedenfalls gefreut, als es vor zwei Jahren nach etlichen unbefriedigenden Versionen endlich in einer schönen Fassung wiederveröffentlicht wurde.
Nach 1985 nutzte Moore seine Popularität vor allem für Wohltätigkeitsarbeit, so für UNICEF und PETA. Seit 2003 durfte er sich Sir Roger nennen - er war ein Gentleman durch und durch (um dem auf den Grund zu gehen, müsste man natürlich auch seine vielen Frauen befragen). Mir ein Vorbild ist er vor allem durch seinen Humor - er nahm sich und die Welt nicht zu ernst. Moore wäre im Oktober 90 geworden. Es ist wohl passend, dass er als zwar nicht erster, aber als ältester "offizieller" Bond-Darsteller nun als erster die Bühne verlässt (zählt man Casino Royale von 1967, so wären da allerdings noch David Niven, Peter Sellers und Woody Allen zu erwähnen). Harald Schmidt hat er übrigens 1996 erzählt, er sei schon mit Frack geboren worden.
Welch ein feiner Mensch Roger Moore war, erhellt am besten eine Anekdote, die momentan über Twitter verbreitet wird. Ich versuche mal, das Original frei in Deutsch zusammenzufassen:
1983 wartete ein 7jähriger Junge mit seinem Großvater am Flughafen Nizza und erkannte plötzlich am Gate den zeitungslesenden James Bond. Opa, Opa, bitte besorg mir ein Autogramm? Der Opa kannte den Herrn zwar nicht, fragte aber höflich im Namen seines Enkels und bekam auch die Unterschrift. Der Junge war allerdings enttäuscht, denn es war die falsche: "Roger Moore" stand da, nicht "James Bond". Also schickte er den Opa erneut los, mit der Bitte um Korrektur. Da rief der Herr den Jungen zu sich und flüsterte ihm ins Ohr: Ich muss als "Roger Moore" unterschreiben, denn sonst könnte mich Blofeld finden! Bitte erzähl auch niemandem, dass du mich getroffen hast. Danke, dass du mein Geheimnis bewahrst!
Samstag, 20. Mai 2017
Im Weltall hört dich keiner Gähnen: Alien: Covenant (4/10)
Es war einmal ein kleiner SF-Horror-Film, der durch eine Verkettung glücklicher Umstände über sich hinauswuchs, Fortsetzungen und Querschläger inspirierte und immer noch zurecht als Klassiker des Genres gefeiert wird. Alien nahm 1979 seinen Namen noch ernst und schlug maximales Kapital aus der Fremdartigkeit der Bedrohung, mit sparsamer Zurschaustellung der Designs des Schweizer Künstlers HR Giger. Daraus resultierte ein packender Überlebenskampf, aus dem (für die damalige Zeit ungewöhnlich) eine starke Frau als Siegerin hervorging. Regisseur Ridley Scott wurde damit berühmt.
Lange sorgten andere für das Fortleben der Aliens, aber nun versucht der inzwischen 79jährige, 2003 von der Queen zum Ritter geschlagene Engländer, Original und Fortsetzung als Eckpfosten seiner ansonsten durchwachsenen Karriere zu inszenieren. Aus meiner Sicht zerstört er damit eher den Mythos, den er miterschaffen hat, genauso wie bei der kommenden Fortsetzung seines Opus Magnissimum Blade Runner, die er allerdings lediglich produziert. Aber trotz gelegentlich hübschen Beiträgen (Ein gutes Jahr, 2006) und Publikumslieblingen (Der Marsianer, 2015) sind seine besten Zeiten lange vorbei. Oscar-Ehren gab es nur für das (tatsächlich feministische) Roadmovie Thelma & Louise (1991) und den ultrabrutalen Sandalenfilm Gladiator - der "Beste Film" des Jahres 2000 blieb für mich allerdings weit hinter seinen Vorbildern wie z.B. Spartacus zurück, und der Oscar für die Beste Regie ging an Steven Soderbergh (dessen Meisterwerk Traffic auch die Krone verdient gehabt hätte).
Alien: Covenant verkehrt die Stärken von Alien in ihr Gegenteil. Die Besatzung der Nostromo bestand aus sympathischen Typen, deren Schicksal den Zuschauer bewegte. Die Crew der Covenant ist weitgehend eine Nummernrevue von Komparsen, deren Beweggründe undurchschaubar bleiben und die mit ihren Aktionen lediglich die Handlung vorantreiben. Ist es zu viel verlangt von heutigen Drehbuchautoren, sich in eine futuristische Situation hineinzuversetzen und plausible Reaktionen zu erfinden? Stattdessen verhalten sich die Profi-Raumfahrer wie grüne Rekruten. Am menschlichsten wirken die Roboter: Sie leiden mehr unter den Verlusten als ihre Schöpfer.
Auch Alien: Covenant versucht eine starke Frau aufzubauen. Nichts gegen Katherine Waterston, die hier wie auch in Phantastische Tierwesen kompetent und nett rüberkommt, aber sie ist nicht Sigourney Weaver, und Daniels ist nicht Ripley. Aus politischer Korrektheit heraus gibt es heute oft eine Frauenquote von 1:2 (gegenüber 1:5 von vor 30 Jahren), aber was nützt das, wenn Männer- und Frauenfiguren beliebig austauschbar sind? Ripley war taff, hatte aber eine feminine Charakterisierung, was James Cameron in seiner fulminanten Action-Forsetzung Aliens zu einem Zweikampf der Mütter zuspitzte. Daniels dagegen hätte man ohne jegliche Drehbuchänderungen mit einem Mann besetzen können (analoges gilt übrigens für das kaum wahrnehmbare Männerpärchen).
Der schlimmste Fehler von Alien: Covenant ist aber ein anderer. Ich sprach schon von der Dekonstruktion eines Mythos. Das passiert hier leider buchstäblich. Fast jeder Schockeffekt des Originals wird hier wiederholt, aber in Großaufnahme und im Zeitraffer. Heutigen Zuschauern ist offenbar nicht zuzumuten, länger als fünf Minuten auf die Konsequenzen einer Infektion zu warten. Und als der Captain so unschuldig das Alien-Ei begutachtet, ist meine einzige Reaktion Verwunderung - über die Dummheit der Figur und die Dreistigkeit der Drehbuchautoren (während Alien vom Team O'Bannon/Shusett stammt, kam hier ein Komitee unter Teilnahme des Oscar-nominierten Veteranen John Logan zum Zuge). Daher mein Vorschlag für einen deutschen Verleihtitel: "Alien: Alte Bekannte".
Und wie üblich in sogenannten "Origin"-Filmen, wird jedes Geheimnis so lange auseinandergenommen, bis es auch jedes Schulkind verstanden hat. Willkürliches Zitieren von Byron und Shelley gibt dem Ganzen auch keinen doppelten Boden. Schon gar nicht das Gequängel des Ersten Offiziers, er werde nur wegen seines "Glaubens" nicht ernstgenommen (nichts gegen Billy Crudup, aber das war ziemlich lächerlich). Nachdem ich mich durchaus 40 Minuten auf die stilsicher ausgestattete SF-Welt einlassen wollte, habe ich mich nachfolgend nur noch amüsiert zurückgelehnt und die Geschehnisse aus der Ferne beobachtet. Nur durch Michael Fassbender, schon das einzige Highlight im Vorgänger Prometheus, hier in einer cleveren Doppelrolle, war das dann doch noch Erträglich (4/10).
Lange sorgten andere für das Fortleben der Aliens, aber nun versucht der inzwischen 79jährige, 2003 von der Queen zum Ritter geschlagene Engländer, Original und Fortsetzung als Eckpfosten seiner ansonsten durchwachsenen Karriere zu inszenieren. Aus meiner Sicht zerstört er damit eher den Mythos, den er miterschaffen hat, genauso wie bei der kommenden Fortsetzung seines Opus Magnissimum Blade Runner, die er allerdings lediglich produziert. Aber trotz gelegentlich hübschen Beiträgen (Ein gutes Jahr, 2006) und Publikumslieblingen (Der Marsianer, 2015) sind seine besten Zeiten lange vorbei. Oscar-Ehren gab es nur für das (tatsächlich feministische) Roadmovie Thelma & Louise (1991) und den ultrabrutalen Sandalenfilm Gladiator - der "Beste Film" des Jahres 2000 blieb für mich allerdings weit hinter seinen Vorbildern wie z.B. Spartacus zurück, und der Oscar für die Beste Regie ging an Steven Soderbergh (dessen Meisterwerk Traffic auch die Krone verdient gehabt hätte).
Alien: Covenant verkehrt die Stärken von Alien in ihr Gegenteil. Die Besatzung der Nostromo bestand aus sympathischen Typen, deren Schicksal den Zuschauer bewegte. Die Crew der Covenant ist weitgehend eine Nummernrevue von Komparsen, deren Beweggründe undurchschaubar bleiben und die mit ihren Aktionen lediglich die Handlung vorantreiben. Ist es zu viel verlangt von heutigen Drehbuchautoren, sich in eine futuristische Situation hineinzuversetzen und plausible Reaktionen zu erfinden? Stattdessen verhalten sich die Profi-Raumfahrer wie grüne Rekruten. Am menschlichsten wirken die Roboter: Sie leiden mehr unter den Verlusten als ihre Schöpfer.
Auch Alien: Covenant versucht eine starke Frau aufzubauen. Nichts gegen Katherine Waterston, die hier wie auch in Phantastische Tierwesen kompetent und nett rüberkommt, aber sie ist nicht Sigourney Weaver, und Daniels ist nicht Ripley. Aus politischer Korrektheit heraus gibt es heute oft eine Frauenquote von 1:2 (gegenüber 1:5 von vor 30 Jahren), aber was nützt das, wenn Männer- und Frauenfiguren beliebig austauschbar sind? Ripley war taff, hatte aber eine feminine Charakterisierung, was James Cameron in seiner fulminanten Action-Forsetzung Aliens zu einem Zweikampf der Mütter zuspitzte. Daniels dagegen hätte man ohne jegliche Drehbuchänderungen mit einem Mann besetzen können (analoges gilt übrigens für das kaum wahrnehmbare Männerpärchen).
Der schlimmste Fehler von Alien: Covenant ist aber ein anderer. Ich sprach schon von der Dekonstruktion eines Mythos. Das passiert hier leider buchstäblich. Fast jeder Schockeffekt des Originals wird hier wiederholt, aber in Großaufnahme und im Zeitraffer. Heutigen Zuschauern ist offenbar nicht zuzumuten, länger als fünf Minuten auf die Konsequenzen einer Infektion zu warten. Und als der Captain so unschuldig das Alien-Ei begutachtet, ist meine einzige Reaktion Verwunderung - über die Dummheit der Figur und die Dreistigkeit der Drehbuchautoren (während Alien vom Team O'Bannon/Shusett stammt, kam hier ein Komitee unter Teilnahme des Oscar-nominierten Veteranen John Logan zum Zuge). Daher mein Vorschlag für einen deutschen Verleihtitel: "Alien: Alte Bekannte".
Und wie üblich in sogenannten "Origin"-Filmen, wird jedes Geheimnis so lange auseinandergenommen, bis es auch jedes Schulkind verstanden hat. Willkürliches Zitieren von Byron und Shelley gibt dem Ganzen auch keinen doppelten Boden. Schon gar nicht das Gequängel des Ersten Offiziers, er werde nur wegen seines "Glaubens" nicht ernstgenommen (nichts gegen Billy Crudup, aber das war ziemlich lächerlich). Nachdem ich mich durchaus 40 Minuten auf die stilsicher ausgestattete SF-Welt einlassen wollte, habe ich mich nachfolgend nur noch amüsiert zurückgelehnt und die Geschehnisse aus der Ferne beobachtet. Nur durch Michael Fassbender, schon das einzige Highlight im Vorgänger Prometheus, hier in einer cleveren Doppelrolle, war das dann doch noch Erträglich (4/10).
Sonntag, 14. Mai 2017
Klassiker auf Blu-ray #17: Comedian Harmonists (1997)
🎝VEEEEronika!
🎝Veronika, Veronika, der Lenz ist da!
🎝Veronika, der Lenz ist da,
🎝die Vöglein singen Trallalla
🎝die ganze Welt ist wie verhext
🎝Veronika, der Spargel wächst
Moment mal, was? Das kann man denken, aber doch nicht singen! Sagte angeblich Ari Leschnikoff, das bulgarische Mitglied der Combo, der deutschen Sprache kaum mächtig, aber mit seinem zartschmelzenden Jahrhunderttenor und verschmitzten Charme doch der Frauenschwarm unter seinen Kollegen, die für kurze Jahre die Welt verhexten mit ihrem respektlosen Trallalla. Wie so oft war es eine Mischung starker Individuen, die im Ergebnis weit mehr als die Summe ihrer Teile ergab: Die Comedian Harmonists (1927 - 1935). Da war Erich Collin, präziser zweiter Tenor, dessen klare Stimme Leschnikoff ergänzte und kontrastierte; der Polen-stämmige Roman Cycowski, dessen kraftvoll-schöner Bariton die Brücke schlug zum sonoren, oft humoristisch polternden Bass des Berliner Urgesteins Robert Biberti; der junge (zu Beginn gerade 21jährige) Begleitpianist Erwin Bootz mit seinen leichtfüßig tanzenden Fingern; und natürlich der Gründer und Arrangeur Harry Frommermann, nominell dritter Tenor, klanglich angesiedelt irgendwo zwischen Vöglein und Flügelhorn (das Duell in Duke Ellingtons "Creole Love Call" zwischen Bibertis Posaune und Frommermanns krächzender Trompete, die bald in eine geschmeidige Klarinette übergeht, wäre allein schon den Eintrittspreis wert).
Die Comedian Harmonists waren für einige Jahre eine der Hauptattraktionen auf den europäischen Bühnen. Ihr Repertoire bestand großenteils aus bekannten Schlagern ihrer Zeit, aber ihre Interpretationen transzendierten selbst die banalsten Volkslieder. Und welchem Schlagertexter würde heute noch wie Fritz Löhner-Beda vor 90 Jahren in der "Bar zum Krokodil" einfallen, "Ramses" auf "da ham'Ses" zu reimen! Umwerfend komisch, gelegentlich auch mit Pathos vorgetragen, immer originell und unterhaltsam - ein paar Auftritte in Kinofilmen (etwa 1930 in Die Drei von der Tankstelle) lassen ihre damalige Wirkung wohl nur erahnen. Ein Stück deutscher Kulturgeschichte, das dem Dritten Reich zum Opfer fiel und lange Zeit vergessen war. Bis dann...
50 Jahre später Eberhard Fechner für den NDR eine dreistündige Dokumentation über die Comedian Harmonists mit dem Untertitel Sechs Lebensläufe produzierte (auch das Begleitbuch ist lesenswert). Vier der sechs Originalmitglieder konnte er noch befragen, leider starb Frommermann kurz vor Beginn der Dreharbeiten (er und der 1961 verstorbene Collin sind durch Partner und Geschwister vertreten). Selten ist eine derart packende Musikdokumentation gelungen, mit komischen und tragischen Aspekten, getragen immer wieder von jenen herrlichen historischen Aufnahmen. Am glücklichsten hatte es Cycowski getroffen, für den sich eine lange Karriere als angesehener Kantor in San Francisco anschloss. Am traurigsten ist der Werdegang des genialen Frommermann (später Frohman), der nach dem Krieg nie wieder richtig Fuß fasste und zeitweise in einer Fabrik am Fliessband arbeiten musste! Faszinierend, wie in den Gesichtern von Bootz und Biberti nach all den Jahren ihre Persönlichkeitsfehler auch äußerlich sichtbar geworden waren. Überhaupt entsteht gerade in den Widersprüchen der Interviews ein plastisches Bild jener Zeit, in der die Musiker mit ungeheurer Energie und Fleiss über sich hinauswuchsen, viel Freude dabei hatten, aber auch unter zunehmenden Spannungen innerhalb der Gruppe litten, so dass die Trennung wahrscheinlich auch ohne die äußeren Umstände unausweichlich erscheint. Man weiss es nicht - es waren die Nazis, vor denen die drei Juden Cycowski, Frommermann und Collin schließlich fliehen mussten. 20 Jahre nach der Ausstrahlung der Dokumentation im deutschen Fernsehen kam sie übrigens in zwei Teilen wieder ins Kino, aus Anlass...
Des wiederauflebenden Interesses aufgrund Joseph Vilsmaiers Biographie, die 1997/98 mit um die drei Millionen deutschen Zuschauern überaus erfolgreich war. In zwei Stunden wurde hier die Geschichte der Comedian Harmonists erzählt, linear und konventionell, aber liebevoll ausgestattet und mit geschickt integrierten, überzeugend restaurierten Originalaufnahmen gespickt. Das Drehbuch hangelt sich von Anekdote zu Anekdote und konzentriert sich ansonsten auf die Spannungen zwischen Frommermann und Biberti. Es bleibt damit an der Oberfläche, die Geschehnisse an sich bieten aber genug Substanz, so dass sich durchaus eine kleine Geschichtslektion aus dem (wie heute noch recht provinziellen) Berlin der 30er entwickelt, gelegentlich plakativ, aber trotzdem bewegend. Unvergesslich der Schock des nationalkonservativen Musikalienhändlers Grünbaum (Rudolf Wessley), als er von Polizisten als "Judensau" beschimpft wird. Ein ausgelassener Höhepunkt dagegen ist die Hochzeit Cycowskis, bei der Klezmermaestro Giora Feidman persönlich zum Tanz aufspielt (er war in den 90ern in Deutschland omnipräsent, siehe auch Jenseits der Stille). Ansonsten sind die Mitglieder der Comedian Harmonists zufällig durchaus repräsentativ, von den Nazi-Mitläufern Bootz und Biberti bis zu den so unterschiedlichen Juden: der fromme Cycowski, der weltliche Frommermann und der getaufte, nur durch seine Herkunft gebrandmarkte Collin. Die Frauen an ihrer Seite sind dabei eher Staffage.
Als Darsteller engagierte Vilsmaier sympathische, durchweg etwas zu alte Typen, denen schauspielerisch nur wenig abverlangt wurde, die technisch allerdings hart arbeiten mussten, um als (Playback-)Sänger und Entertainer zu überzeugen. Damals war das eine Mischung aus bekannten Gesichtern und Neulingen, heute sind sie fast alle berühmt: für Ulrich Noethen (Frommermann) war es fast ein Debut; für Heino Ferch (Cycowski) und Ben Becker (Biberti) war es der Durchbruch; Kai Wiesinger (Bootz) war bereits aus Kleine Haie und Der bewegte Mann bekannt; Max Tidof und Heinrich Schafmeister waren als Nebendarsteller bereits Veteranen. Dazu gesellten sich Meret Becker (Bens Schwester als Spielball zwischen Frommermann und Biberti mit der größten Frauenrolle) und Katja Riemann (Mary Cycowski), ebenfalls seit Kleine Haie und Der bewegte Mann ein Star, sowie Vilsmaiers Muse Dana Vavrova als irgendeine der übrigen Partnerinnen. Wie in jedem bedeutenden deutschen Film taucht auch irgendwann Otto Sander auf (übrigens der Stiefvater der Beckers).
Als erstes nenneswertes deutsches Vokalensemble ihrer Art hatten die Comedian Harmonists viele Nachahmer. Ich persönlich kann z.B. die münsterschen Sechszylinder und der Berliner Männerwirtschaft nennen. Aber in all den Jahren hat niemand diesen Grad an Perfektion erreicht. Inzwischen sind sie ein Teil der deutschen Popkultur geworden, mit Bewunderern von Loriot bis Otto. Der Kinofilm bietet nur ein blasses Abbild dessen, und doch ist er als Ganzes viel besser als die Summe seiner Teile. Obwohl nicht für den Oscar eingereicht, wurde er in Arthouse-Kreisen als "The Harmonists" auch in den USA bekannt, selbst der damalige Präsident Bill Clinton soll ihn geschätzt haben. Jetzt ist endlich eine Blu-ray-Edition erschienen, die diesem Kleinod in glanzvollem Bild und Ton wieder gerecht wird (das Bild der DVD-Ausgabe war grauenhaft beschnitten und unscharf). Leider hat es nicht mal die 20minütige Doku der DVD auf die Blu-ray geschafft, in der immerhin der greise Roman Cycowski kurz zu Wort kam (er starb ein Jahr später). Fechners Dokumentation erzielt als DVD immer noch Fantasiepreise und ist demnach einer der größten Schätze in meinem Regal. Eine ordentliche Zusammenstellung der Aufnahmen auf CD ist leider immer noch nicht in Sicht, so dass man nach wie vor mit einem Sammelsurium von "Best of"-Ausgaben leben muss.
Donnerstag, 4. Mai 2017
Still awesome: Guardians of the Galaxy Vol. 2 (9/10)
I am still Groot.
Man könnte vieles kritisieren, aber mal ehrlich: Das ist immer noch der spaßigste, abgefahrenste (sorry Vin), ausgefuchsteste (sorry Rocky) Trip des 21. Jahrhunderts. Trotz Stallone und Hasselhoff. Es hilft allerdings, wenn man ELO und Fleetwood Mac mag.
Herausragend (9/10).
Man könnte vieles kritisieren, aber mal ehrlich: Das ist immer noch der spaßigste, abgefahrenste (sorry Vin), ausgefuchsteste (sorry Rocky) Trip des 21. Jahrhunderts. Trotz Stallone und Hasselhoff. Es hilft allerdings, wenn man ELO und Fleetwood Mac mag.
Herausragend (9/10).
Sonntag, 9. April 2017
Neues aus Kaurismäkis Finnland: Die andere Seite der Hoffnung (8/10)
Jenseits der Hoffnung liegt Aki Kaurismäkis Finnland. Es besteht aus schäbigen Einzimmerwohnungen, scheusslichen Hotelzimmern und schummrigen Kneipen. Dazu kommen vermüllte Straßen, trübe Hafenlandschaften, trostloses Großstadt-Flair. Bevölkert ist es von Menschen mit ausdruckslosen Gesichtern und einem derart lakonischen Gefühlsleben, dass sie südlich von Berlin wahrscheinlich als Zombies durchgehen würden. Alkohol fließt in verqualmten Räumen wie anderswo Leitungswasser. Und doch brodelt es unter der abweisenden Oberfläche, es laufen wortlose Dramen ab, und es gibt unerwartete Wendungen, die nur durch Herzenswärme erklärbar sind. So trübe die Ausgangssituation, so beherzt stemmen sich Kaurismäkis Figuren gegen ihr Schicksal, und oft ist ihnen am Ende ein bescheidenes Happy-End vergönnt.
So kann es Kenner der finnischen Regielegende auch nicht überraschen, dass sich der vom Hemdenverkäufer zum Restaurantbesitzer umorientierte 60jährige Wikström und der etwa halb so alte, aus dem syrischen Aleppo geflüchtete Khaled nach einem ritualistischen Faustkämpfchen zusammenraufen. Solidarität wird hier nicht thematisiert, sondern gelebt - den wenigen Besitz kann man genauso gut auch teilen. Natürlich ist Khaled nicht gerade ein typischer Araber. Der Verlust seiner Familie hat ihn traumatisiert und zum Atheisten gemacht, sein Temperament hat sich schnell den finnischen Gegebenheiten angepasst. Und so passt er vortrefflich zur Mannschaft des "Goldenen Krugs" ("bei dem Namen bekommt man doch sofort Durst!") und wundert sich auch nicht, wenn (in der witzigsten Szene) mal schnell auf Sushi-Betrieb umgeflaggt wird und der gepökelte Hering mit viel japanischem Senf veredelt auf den Tellern landet (immerhin eine Verbesserung zur halb geöffneten Sardinendose, die zuvor mit ein paar Kartoffeln als Menü kredenzt wurde).
Viel geredet wird nicht bei Kaurismäki, aber wenn, dann entfaltet sich die beste Wirkung im Original mit Untertiteln. Die finnische Sprache steuert eine ganz eigene Würze bei. Sie enthält mindestens so viel Vokale wie das finnische Bier Kohlensäureblasen und klingt genauso fremdländisch wie Khaleds Arabisch. Gesungen entwickelt sie ein besonderes Eigenleben, und folkloristische Pop-Musik spielt bei Kaurismäki stets eine große Rolle, nicht nur bei seinen "berühmten" Musikfilmen um die Leningrad Cowboys. Auch Die andere Seite der Hoffnung bietet unterhaltsame Auftritte von urigen Straßen- und Kneipencombos. Übrigens tut man dem Regisseur Unrecht, wenn man seinen jüngsten Film nun "politisch" nennt - so platt ist Kaurismäki nie. Er zeigt Alltagssituationen und lässt den Zuschauer seine eigenen Schlüsse ziehen. Insofern ist er subtiler als sein ansonsten wesensverwandter britischer Kollege Ken Loach.
Wichtig für seinen Erfolg ist auch Kaurismäkis Darstellerriege, in der immer wieder die gleichen eindrucksvollen Gesichter auftauchen. Die großartige Kati Outinen (Das Mädchen aus der Streichholzfabrik) hat diesmal nur einen Gastauftritt, aber Sakari Kuosmanen als Wikström ist bereits Kaurismäki-Veteran. Die Wunschbesetzung wäre natürlich Matti Pellonpää gewesen, der traurige Clown mit dem Walrossbart, der zwischen 1983 und 1994 neunmal mitspielte, u.a. als herzloser Manager der Leningrad Cowboys. Leider hat sich Pellonpää bereits 1995 zu Tode gesoffen, da war er erst 44. Aki Kaurismäki ist diese Woche immerhin 60 geworden. Für seinen Silbernen Bären hat er es bei der diesjährigen Berlinale allerdings nicht bis zur Bühne geschafft, weil er zu betrunken war.
Finnland kenne ich nur aus den Filmen von Aki Kaurismäki, und Aki Kaurismäki personifiziert selbst dann Finnland, wenn er in Paris (La Vie de Bohème, 1992) oder London (I Hired a Contract Killer, 1990) dreht. Aki Kaurismäki bedient die gängigen Klischees, und durchbricht sie dann immer wieder. Wahrscheinlich gilt er damit sowohl als Segen als auch als Fluch der finnischen Filmindustrie. Tatsächlich gibt es da noch seinen älteren Bruder Mika (L.A. without a Map, 1998), dessen Werk ein vielseitigeres Spektrum abdeckt und doch lange nicht so intensiv ist (ich kenne allerdings nur wenig von ihm). Finnisches Kino ist für mich somit gleichzusetzen mit den Filmen von Aki Kaurismäki. Sein Mann ohne Vergangenheit war 2003 auch der einzige finnische Beitrag, den die amerikanische Akademie jemals für einen Oscar nominierte. Die andere Seite der Hoffnung ist sein 18. Langfilm und gefällt mir weitaus besser als der mir müde erscheinende Vorgänger Le Havre von 2011. Sehr gut (8/10).
So kann es Kenner der finnischen Regielegende auch nicht überraschen, dass sich der vom Hemdenverkäufer zum Restaurantbesitzer umorientierte 60jährige Wikström und der etwa halb so alte, aus dem syrischen Aleppo geflüchtete Khaled nach einem ritualistischen Faustkämpfchen zusammenraufen. Solidarität wird hier nicht thematisiert, sondern gelebt - den wenigen Besitz kann man genauso gut auch teilen. Natürlich ist Khaled nicht gerade ein typischer Araber. Der Verlust seiner Familie hat ihn traumatisiert und zum Atheisten gemacht, sein Temperament hat sich schnell den finnischen Gegebenheiten angepasst. Und so passt er vortrefflich zur Mannschaft des "Goldenen Krugs" ("bei dem Namen bekommt man doch sofort Durst!") und wundert sich auch nicht, wenn (in der witzigsten Szene) mal schnell auf Sushi-Betrieb umgeflaggt wird und der gepökelte Hering mit viel japanischem Senf veredelt auf den Tellern landet (immerhin eine Verbesserung zur halb geöffneten Sardinendose, die zuvor mit ein paar Kartoffeln als Menü kredenzt wurde).
Viel geredet wird nicht bei Kaurismäki, aber wenn, dann entfaltet sich die beste Wirkung im Original mit Untertiteln. Die finnische Sprache steuert eine ganz eigene Würze bei. Sie enthält mindestens so viel Vokale wie das finnische Bier Kohlensäureblasen und klingt genauso fremdländisch wie Khaleds Arabisch. Gesungen entwickelt sie ein besonderes Eigenleben, und folkloristische Pop-Musik spielt bei Kaurismäki stets eine große Rolle, nicht nur bei seinen "berühmten" Musikfilmen um die Leningrad Cowboys. Auch Die andere Seite der Hoffnung bietet unterhaltsame Auftritte von urigen Straßen- und Kneipencombos. Übrigens tut man dem Regisseur Unrecht, wenn man seinen jüngsten Film nun "politisch" nennt - so platt ist Kaurismäki nie. Er zeigt Alltagssituationen und lässt den Zuschauer seine eigenen Schlüsse ziehen. Insofern ist er subtiler als sein ansonsten wesensverwandter britischer Kollege Ken Loach.
Wichtig für seinen Erfolg ist auch Kaurismäkis Darstellerriege, in der immer wieder die gleichen eindrucksvollen Gesichter auftauchen. Die großartige Kati Outinen (Das Mädchen aus der Streichholzfabrik) hat diesmal nur einen Gastauftritt, aber Sakari Kuosmanen als Wikström ist bereits Kaurismäki-Veteran. Die Wunschbesetzung wäre natürlich Matti Pellonpää gewesen, der traurige Clown mit dem Walrossbart, der zwischen 1983 und 1994 neunmal mitspielte, u.a. als herzloser Manager der Leningrad Cowboys. Leider hat sich Pellonpää bereits 1995 zu Tode gesoffen, da war er erst 44. Aki Kaurismäki ist diese Woche immerhin 60 geworden. Für seinen Silbernen Bären hat er es bei der diesjährigen Berlinale allerdings nicht bis zur Bühne geschafft, weil er zu betrunken war.
Finnland kenne ich nur aus den Filmen von Aki Kaurismäki, und Aki Kaurismäki personifiziert selbst dann Finnland, wenn er in Paris (La Vie de Bohème, 1992) oder London (I Hired a Contract Killer, 1990) dreht. Aki Kaurismäki bedient die gängigen Klischees, und durchbricht sie dann immer wieder. Wahrscheinlich gilt er damit sowohl als Segen als auch als Fluch der finnischen Filmindustrie. Tatsächlich gibt es da noch seinen älteren Bruder Mika (L.A. without a Map, 1998), dessen Werk ein vielseitigeres Spektrum abdeckt und doch lange nicht so intensiv ist (ich kenne allerdings nur wenig von ihm). Finnisches Kino ist für mich somit gleichzusetzen mit den Filmen von Aki Kaurismäki. Sein Mann ohne Vergangenheit war 2003 auch der einzige finnische Beitrag, den die amerikanische Akademie jemals für einen Oscar nominierte. Die andere Seite der Hoffnung ist sein 18. Langfilm und gefällt mir weitaus besser als der mir müde erscheinende Vorgänger Le Havre von 2011. Sehr gut (8/10).
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