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Samstag, 27. August 2016

Now You See Me Again: Die Unfassbaren 2 (3/10)

Lumos


Nachdem die Geschichte der vier apokalyptischen Reiter vor drei Jahren ein Überraschungshit wurde, der weltweit immerhin das fünffache seines Budgets einspielte, mußte natürlich eine Fortsetzung her. Louis Leterrier gab die Regie an den Tanzspezialisten und Justin-Bieber-Fan Jon M. Chu ab, und vorab kann ich bereits bestätigen, dass alle Tanzszenen des Hokuspokus-Spektakels gelungen sind. Nach einem ähnlichen Zuschauerzuspruch wie beim ersten Mal ist der dritte Teil bereits beschlossen. Ob dann Mélanie Laurent wieder auftaucht?



Confundo

Aufgrund ihrer Schwangerschaft musste die ohnehin blasse Isla Fisher hier den Zauberstab an TV-Sternchen Lizzy Caplan weitergeben, die allerdings auch keine magische Aura aufbauen kann. Für den Erfolg am chinesischen Markt garantieren Tsai Chin (Man lebt nur zweimal) und das taiwanesische Musiker-Idol Jay Chou sowie Macau als zentraler Drehort des zweiten Akts. Der eigentliche Besetzungs-Coup ist allerdings der Auftritt von Daniel Radcliffe als Schattenguru der Technikwelt mit modisch gestutztem Vollbart , zu Beginn durchaus spaßig, bis die Darstellung des emeritierten Harry Potter etwa ab der Halbzeit wie die seiner Kollegen in sich zusammenfällt (er spielt übrigens - Spoiler-Rätsel - den illegitimen Sohn eines der Altstars). Vermisst habe ich nur Mélanie Laurent.



Geminio

Zwei Steaks schmecken besser als eines - das müssen sich die Autoren wohl eingeredet haben, als sie Woody Harrelson verdoppelten. Sein Wunder-Hypnotiseur hatte selbst im Orginal schon die Glaubwürdigkeit der Tricks strapaziert. Diesmal ist es unmittelbar albern, wie sich die Zwillingsbrüder gegenseitig über den paraphysischen Tisch ziehen. Wenn schon, dann hätte ich mich über ein Spiegelbild von Mélanie Laurent gefreut.



Riddiculus

Dann gibt es da die Szene mit der magischen Codekarte, die irgendwie alle Computer der Welt aufschließen kann, von der es aber offenbar nur eine Kopie gibt, die in einem superfuturistischen Gebäude aufbewahrt wird. Hätte ich dem Film ja alles abgekauft! Selbst dass plötzlich alle vier Zauberer Spielkarten wie Gummibälle jonglieren können. Aber auch dem arglosesten Zuschauer wird sich wohl nicht erschließen, warum die gestohlene Karte immer am Körper desjenigen Reiters versteckt sein muss, der gerade die Leibesvisitation über sich ergehen lässt. Schade - das hätte die schönste Szene des Jahres werden können (sie enthält übrigens die einzige Tanzeinlage). Und wo war Mélanie Laurent?



Arresto Momentum

In China wurde gerade eine spezielle 3D-Version von Jason Bourne gezeigt, die Übelkeit und Ärger verursacht hat. Die Unfassbaren schaffen das ganz ohne eine dritte Dimension, nur mit Handkamera und Stakkatoschnitten. Da gibt es in Macau eine Prügelei mit Mark Ruffalo, die durchaus Ansätze von Coolness hatte. Leider erinnere ich mich nur an ein paar verwischte Bewegungen und Kampfgeräusche, die wohl aus einem Jackie-Chan-Film entliehen waren. Ansonsten war ich enttäuscht von Ruffalo, der völlig uncool durch die Kulissen stolpert. Wahrscheinlich hat er Mélanie Laurent vermisst.



Alohomora

Dann findet sich Ruffalo im Tresor seines Vaters wieder. Aha, dachte ich, jetzt zeigt uns Dylan endlich mal, was ein Houdini ist. Leider Fehlanzeige - er befreit sich zwar aus dem Kasten, nur um danach zu "ertrinken". Spoiler: ein Kollege rettet ihn - das wäre ein genialer Zeitpunkt gewesen, um Alma alias Mélanie Laurent ins Spiel zu bringen.



Wingardium Leviosa

Der Erfolg des ersten Films beruhte auf den spektakulären, trotzdem irgendwie nachvollziehbaren Tricks und der genialen Show, die die Hauptdarsteller auf die Bühne brachten. Davon ist nur noch eine Hülle übergeblieben. Vielleicht ist diese laue Fortsetzung ja eine Reflexion auf unsere moderne Medienwelt, in der eine Berühmtheit einfach nur auftreten muss, um tosenden Applaus zu ernten - die Performance ist zweitrangig. Während die laffe Handlung dem Drehbuch geschuldet ist, muss ich dem Regisseur das Talent zur Schauspielerführung absprechen - wie sonst ist es zu erklären, dass die Stars teilweise wie aufgescheuchte Hühner im Bild umherlaufen (vielleicht waren sie nur auf der Suche nach Mélanie Laurent).

Avada Kedavra

Diese Totgeburt reiht sich nahtlos in die gescheiterten Sequels des bislang bodenlos schlechten Kinojahrs ein, das zudem nicht einen einzigen Film mit Mélanie Laurent zu bieten hat (Angelina Jolie Pitts By The Sea habe ich mir wie alle anderen auch gespart). Mäßig interessant (3/10).

Samstag, 20. August 2016

Himmelfahrtskommando: Suicide Squad (4 Sterne)

Um nicht von den Comic-Fans gemobbt zu werden, verzichte ich auf eine ausführliche Kritik. Hier nur ein paar Worte des Lobs.

Suicide Squad ist komischer als Spotlight, romantischer als Der Rückkehrer, und kürzer als Batman v Superman (aber zur Verteidigung des Autors und Regisseurs David Ayers: er bekam nur drei Wochen.Zeit, das Drehbuch fertigzustellen - mehr ist so nicht zu schaffen). Wie immer, erklären die Macher am besten selbst, wie toll der Film eigentlich ist:


Suicide Squad hat einen klareren moralischen Standpunkt als Zoomania, doppelt so viele weltzerstörerische Schurken wie X-Men: Apocalypse, und die Bedrohung ist glaubwürdiger als in Ghostbusters.



Suicide Squad hat mehr Prügeleien als Captain America: Civil War, viel mehr nette Kerle als Nice Guys, und weniger queere Figuren als The Danish Girl (abgesehen vielleicht von einem gewissen Brony...)



Suicide Squad hat mehr Popsongs als Guardians of the Galaxy, mehr Oscar-Preisträger als Deadpool, und es wird weniger geflucht als in The Hateful Eight (daher PG13, aber FSK16).



In Suicide Squad glänzen Ben Affleck als erneut nicht übler Batman, Jared Leto als bester Joker seit Heath Ledger, und Will Smith mit einer Leistung, die sogar Wild Wild West übertrifft.


























Suicide Squad ist düsterer als Das Dschungelbuch, farbiger als Star Trek Beyond, und weniger dreidimensional als The BFG.



Aber mal im Ernst: Suicide Squad wäre nichts ohne Margot Robbie. Sie ist der vielleicht schönste Hollywood-Star ihrer Generation, für ihre Statur erstaunlich biegsam, und darüber hinaus höllenwitzig (besser kann ich "funny as hell" nicht übersetzen). Nachdem sie in The Wolf of Wall Street die Leinwand zum Explodieren gebracht hatte, ernten wir nun die Früchte der darauf folgenden Engagements.



Während sie in Tarzan noch recht zugeknöpft war, überzeugte sie in Whiskey Tango Foxtrot an der Seite von Tina Fey und erklärte in The Big Short schwierige Finanzbegriffe auch für Männer mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne:


Wann immer ihre Harley Quinn im Bild ist, knistert die Leinwand. Und obwohl ihre besten Sprüche bereits in den Trailern auftauchen, kann man einfach nicht weggucken (und -hören). Will Smith ist nur nominell der Star des Ensemblefilms - Harley Quinn ist der Grund, ins Kino zu gehen - oder zumindest den folgenden Trailer anzuschauen. Und nebenbei bedeutet ihr Auftritt mit Sicherheit den Durchbruch für den Baseballschläger als Mode-Accessoire.


Suicide Squad ist der bisher zweitbeste Beitrag zur Justice League, dem neuen Kinouniversum von DC, und das beste Himmelfahrtskommando des Jahres. Vier Sterne!

Samstag, 6. August 2016

Spaßiges Femake: Ghostbusters (7/10)

In einer Zeit, in der man seine Lieblingsfilme fast in Kinoqualität zu Hause anschauen kann, muss sich die Neuverfilmung eines Kultfilms schon mit einem guten Twist rechtfertigen. Der Geschlechtertausch für dieses Femake der  Ghostbusters von 1984 ist ein solcher gelungener Twist, und das Ergebnis ist besser, als es ein dritter Teil mit der alten Besetzung je hätte werden können. Ich bin durchaus ein Fan des 1989 nachgeschobenen zweiten Teils, aber eine späte dritte Fortsetzung hätte mit ziemlicher Sicherheit die gleichen bleiernen Lähmungserscheinungen wie etwa Blues Brothers 2000 gezeigt (welches immerhin tolle Musik zu bieten hatte).



Hier spielen also gleich vier Komikerinnen auf, von denen ich zwei noch nicht kannte. Zum Glück versuchen sie nicht, die alten Haudegen aus dem Original zu kopieren, sondern schaffen vier neue Figuren, die auch überraschend gleichberechtigt rüberkommen. Die Chemie zwischen den Darstellerinnen könnte man vielleicht noch verbessern, aber für sich genommen bringt jede ihre Stärken ein. Hier sind vier nerdige, selbstbewusste Frauen, keine davon eine Sexbombe, keine auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, alle schlagfertig und unabhängig. Kein Wunder, dass das bei den (männlich nerdigen) Kernnutzern des Internets Angstzustände und Panikreaktionen hervorrief. Was kommt als nächstes - die Big Bang Theory mit weiblichen Wissenschaftlern? Anderseits: Bis auf Penny sind in der BBT doch alle Frauen auch mehr oder weniger nerdig! Ein guter Kommentar zu diesem Shitstorm findet sich bei den Fünf Filmfreunden.



Der Star, der trotz der Hasskampagne im Vorfeld dann doch die Fans in die Kinos lockte, ist natürlich Melissa McCarthy. Sie spielt klugerweise ein wenig gegen den Strich gebürstet. Ihre Abby ist zwar schrullig, aber nie vulgär, auch wenn es ein wenig schade ist, dass sie durch die PG13-Freigabe ausgebremst wird und ihrem Mundwerk nicht wie im Überraschungshit des letzten Jahres freien Lauf lassen kann. In Melissas Durchbruch (und erster Zusammenarbeit mit Regisseur Paul Feig) Brautalarm hatte Co-Star Kristen Wiig die nominelle Hauptrolle als erste Brautjungfer. Ich persönlich kann sie nur in kleinen Dosen ertragen, als leicht verklemmte Physikerin Erin ist sie hier immerhin minimal nervig. Ihre Reaktionen auf den Rezeptionisten sind allerdings herrlich (wie der Trailer bereits versprach).



Leslie Jones wird als Quotenschwarze in den Credits natürlich erst als Vierte genannt, macht aber mit viel Energie das beste aus ihrer leicht klischeehaften Rolle. Ihre pfiffige Patty steht jedenfalls lange nicht so im Abseits wie dereinst Ernie Hudson, der damals allerdings die undankbare Aufgabe hatte, in letzter Minute für Eddy Murphy einzuspringen. Und dann ist da Kate McKinnon als Ingenieurin Jillian Holtzmann. Von ihr kamen bis zum Schluss die besten Überraschungen, von ihren in Rekordzeit zusammengeflickten Gadgets über ihre flotten Sprüche bis hin zu einigen lässigen Tanzschritten.



Der fünfte im Bunde ist Donnergott Chris Hemsworth persönlich. Auch hier wird die schräge Annie Potts nicht einfach ins Männliche transponiert, sondern durch eine Neuschöpfung ersetzt. Kevin ist ein wandelnder Blondinenwitz, und die Damen geben gern zu, dass sie ihn hauptsächlich zum Angucken eingestellt haben (gegen Ende hat er immerhin fast raus, wie das Telefon zu bedienen ist). Ich kann nicht verstehen, wie einige Kritiker das als hölzern beschreiben können. Der Australier stürzt sich mit Wonne (und herrlich breitem Akzent) in diese ungewohnte Rolle, auch wenn die um ihn gestrickten Gags nicht so präzise rüberkommen wie in den Trailern (die einer komplett anderen Logik folgen). Allein seine im Abspann gezeigte Tanzchoreographie ist das Eintrittsgeld wert.



In den Nebenrollen geben sich etliche bekannte Gesichter die Ehre, Fans von Saturday Night Live haben natürlich die Nase vorn. Da geben sich etwa "Tywin Lannister" Charles Dance als Autoritätsfigur (was sonst) und der Pate dritter Generation Andy Garcia als Bürgermeister die Ehre. Es gibt Blinzel-und-du-hast-es-verpasst-Cameos von Dan Aykroyd (als Taxifahrer, der nicht an Geister glaubt), Ernie Hudson (als Pattys Onkel), Annie Potts (sorry, hab ich übersehen) und dem Sohn des 2014 verstorbenen Harold Ramis. Bis auf Rick Moranis sind tatsächlich alle Helden von damals vertreten, Bill Murray (als Entlarver von Scharlatanen des Übernatürlichen) und Sigourney Weaver (in den Credits als Jillians Professorin) sogar ein wenig ausführlicher.



Leider sind im Remake zwar die Figuren eigenständig, die Handlung aber ist viel zu stark an die ollen Kamellen angelehnt, die schon in den 80ern nur einen allzu wackligen Rahmen für die Kapriolen der Darstellertruppe boten. Das Buch stammt übrigens von Regisseur Paul Feig und Katie Dippold (die für Melissa bereits das gar nicht üble Taffe Mädels geschrieben hatte). Die Effekte waren am Computer bestimmt einfacher zu erzeugen als in den 80ern; leider wurde hier das Budget bis zum Overkill ausgereizt. Dass am Ende eine ewig lange Zerstörungsorgie steht, kennen wir ja schon von jedem anderen Blockbuster. Immerhin gibt es diesmal ein paar nette 3D-Effekte, auch wenn die dritte Dimension ansonsten nicht notwendig für den Filmgenuss ist. Auch wenn das erhoffte Gagfeuerwerk nicht immer zündet und viele Szenen eher zum Schmunzeln geraten sind, kann man hier bei einem vorurteilslosen Besuch viel Spaß haben. Gut (7/10).

Donnerstag, 4. August 2016

Nostalgisches von John Irving: Avenue of Mysteries

Die "Straße der Rätsel" liegt in Mexico Stadt und führt zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe. Der Legende nach erschien Guadalupe im Jahr 1531 dem Bauern Juan Diego. Die katholische Kirche beeilte sich, die dunkelhäutige Heilige als Inkarnation der Jungfrau Maria zu vereinnahmen. Der Roman spielt allerdings (in seinen mexikanischen Rückblicken) in der Kleinstadt Oaxaca und erzählt, wie dort eine überlebensgroße Marienstatue ihrer Nase verlustig wurde und diese später wiedergewann (nebst einer Nachdunklung ihrer Hautfarbe). Bin ich nicht hier, da ich doch Deine Mutter bin?



Hauptfigur ist Juan Diego, im Jahr 2010 ein weltberühmter Autor, der mit 14 Oaxaca verließ und nach Iowa zog. Nun ist er Mitte 50 und reist zu den Philippinen, um ein altes Versprechen einzulösen. Teilweise bedingt durch unkluges Experimentieren mit seinen Bluthochdruck-Medikamenten, verbringt er den Großteil seiner Reisewoche im verwirrten Traumzustand und erinnert sich an seine Jugend in Mexiko; ein Thema, welches er in seinen Romanen stets vermieden hatte. As I walked out in Laredo one day, I spied a young cowboy, all wrapped in white linen, Wrapped up in white linen and cold as the clay.



John Irving legt Wert darauf, dass sein Werk nicht autobiographisch ist. Er zieht als Beispiel die Shakespeare-Kontroverse heran, mit der strittigen Hypothese, nach der die Werke des Barden unmöglich alle aus dem Erfahrungsschatz einer einzigen Person herrühren können. Irving schlägt sich auf die Seite der Fantasie; er ist (wie Shakespeare) ein Autor, dessen Vorstellungskraft Figuren schaffen kann, die vielleicht nicht außerhalb seines Erfahrungshorizonts, aber doch weit jenseits seiner eigenen Biographie liegen. Trotzdem scheint mir, dass sich Irving mit Juan Diego besonders identifiziert. Er gibt seinem Protagonisten zwar seinen sehr spezifischen eigenen Werdegang, dazu aber seinen persönlichen schriftstellerischen Hintergrund mit (eine Reihe von Irvings Lieblingsautoren und -bücher werden im Roman genannt, siehe etwa die Liste aus der New York Times). Zudem sind die genannten Motive aus Juan Diegos Werk fast Zitate aus Irvings Oeuvre, vom Wassertrinker bis hin zum Abtreibungsdoktor. Auch die Handlung enthält bekannte Versatzstücke. Die transsexuelle Prostituierte Flor erinnert an Roberta aus Garp, wieder spielt ein Zirkus eine wichtige Rolle, und die Teilgeschichte um Juan Diegos Adoptiveltern ist fast eine Coda zu In One Person. Und dann gibt es die Obsession mit Betablockern und Viagra, die eher zu einem älteren Mann passen würde. Nur Bären kommen nicht vor - ein Umstand, der Irving sicher viel Überwindung gekostet hat. All dies erzeugt ein für Irving ungewöhnliches Gefühl der Nostalgie; ob sich hiermit der 74jährige Autor in der Verkleidung eines 54jährigen von seinen Lesern verabschiedet?



Bei aller Nostalgie hat Irving doch nichts von seinem Biss verloren und ist immer noch zu kraftvollen Neuschöpfungen fähig. Zunächst dachte ich, es ginge um das Thema Einwanderung. Aber wie im Werk von Juan Diego wird dies kaum thematisiert - sein Lebenslauf besteht einfach aus zwei verschiedenen Lebensabschnitten. Stattdessen steht die katholische Kirche im Mittelpunkt. Nachdem Irving bereits in Owen Meany den Theodice-Begriff ad absurdum geführt hatte, macht er sich nun über die Marienverehrung lustig. Dabei ist es geschickt, wie er auf der einen Seite seiner Verachtung des Katholizismus (insbesondere des polnischen Papstes Johannes Paul II.) Ausdruck verleiht und auf der anderen Seite einige Vertreter des Klerus in sympathisches Licht rückt, insbesondere Bruder Pepe, den Lehrer und Beschützer Juan Diegos, den er als "Müllhaldenleser" entdeckt und in seine Obhut genommen hatte. Aber auch die konservativen Priester Alfonso und Ocatavio sind keine Schurken (Pädophilie gibt es hier nur in Gestalt eines Löwenbändigers). Über Mexiko sonst erfährt man allerdings nicht besonders viel.

Die Philippinen dienen übrigens eher als Spiegel Mexikos, mit einer vergleichbaren Missionierungs- und Kolonialisierungsgeschichte, ähnlichem Klima (Geckos!) und besagter Marienverehrung - die Heilige Guadalupe wird auch in den Philippinen verehrt. Natürlich mögen die Ähnlichkeiten nur oberflächlich sein oder sich gar nur im gelegentlich delirischen Kopf von Juan Diego so darstellen. Die Geschehnisse in Manila sind ohnehin nicht so interessant wie die Rückblicke auf die Kindheit zwischen Waisenhaus und Müllhalde, deren Boss übrigens "wahrscheinlich" Juan Diegos Vater, aber "ziemlich sicher nicht" der Vater seiner kleinen Schwester (Guada)Lupe ist. Die Mutter ist, wie man fast erraten kann, Putzfrau und Prostituierte. In der Gestalt von Lupe (in den Rückblicken) und dem Mutter-Tochter-Gespann Miriam und Dorothy in der Gegenwart findet sich übrigens eine für Irving gehörige Portion von magischem Realismus (Marquez' Hundert Jahre Einsamkeit gehört zu Irvings und meinen Lieblingsromanen). Die neunmalkluge, unflätige, gedankenlesende Lupe, deren Kauderwelsch jedoch nur von ihrem Bruder verstanden werden kann, ist bei weitem die interessanteste Figur des Romans, und (wie bei Irving zu erwarten) auch die tragischste. Miriam und Dorothy dagegen sind eher komisch-erotisch angelegt. Zwar offenbar nicht komplett der Vorstellungskraft von Juan Diego geschuldet, scheinen sie eine Form von Succubi zu sein (wobei die Viagra-Tabletten von Nutzen sind). Dagegen verblassen auch die dem Müllhaldenleser gelegentlich erscheindenden Geister der amerikanischen Soldaten, die von den Vietkong zu Tode gefoltert wurden.



Wie immer man den Nostalgiefaktor versteht, mit Avenues of Mysteries hat mein Lieblingsautor erneut einen tollen Roman veröffentlicht. Es ist wohl kein Publikumsliebling wie Garp, und wie er die Welt sah oder das Hotel New Hampshire, sicher kein zeitloses Meisterwerk wie Gottes Werk und Teufels Beitrag oder A Prayer for Owen Meany, auch nicht so packend und emotional umwerfend wie der Vorgänger In One Person (2012), aber (wenn es so sein soll) auf jeden Fall ein würdiger Abgang. Nachdem mir Last Night in Twisted River (2009) überhaupt nicht gefallen hatte, war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Aber das war wohl nur ein einzelner Aussetzer. Auf die bedächtige, noch stärker als sonst von Wiederholungen geprägte Erzählweise in Avenida de los Misterios muss man sich einlassen; zu keinem Zeitpunkt ist sie sentimental - Empfindungen müssen im Leser selbst entstehen, wenn Irving etwa nüchtern und fast im medizinischen Fachjargon das Leiden einer 14jährigen nach einer verpfuschten Abtreibung schildert. Dies ist kein guter Moment für ein Erdbeben...

Mittwoch, 3. August 2016

Naives Abenteuer: Die Legende von Tarzan (4/10)

Warum ausgerechnet Tarzan?

Vielleicht hat irgendeine Studiomanagerin Alexander Skarsgards magnetischen Auftritt als Wikinger-Vampir Eric Northman in True Blood bewundert und nach einem passenden Vehikel für den beeindruckenden Oberkörper des US-Schweden gesucht (Alexander ist übrigens der Sohn von Stellan, dem spinnerten Wissenschaftler aus den Thor-Filmen). Leider bleibt vom Sex-Appeal des 39jährigen in diesem jugendfreien Abenteuer nicht viel übrig. Und als Tarzan kann er nicht mal fliegen ;-)



Warum gerade Tarzan?

Margot Robbie, seit ihrem Durchbruch in The Wolf of Wall Street ein gefragter Star, macht immer eine gute Figur. Sie kann auch mehr als hübsch aussehen, aber hier beeindruckt nur, wie wenig ihr Makeup in der afrikanischen Wildnis in Mitleidenschaft gezogen wird (erst gegen Ende verschmiert eine Träne die Schminke ein wenig). Heimlich hatte ich natürlich gehofft, dass Margot wie dereinst Maureen O'Sullivan (bzw. ihr Body-Double) beim Baden in freier Natur die Hüllen fallen lassen würde. Pustekuchen - Freigabe ab 12. Bleibt zu hoffen, dass die Trailer zum in drei Wochen anlaufenden Suicide Squad nicht zu viel versprechen ("We're the BAD guys! It's what we do...") - die ersten Kritikerstimmen sind leider nicht positiv...



Warum heute Tarzan?

1984 war es (zeitgemäß) eine Botschaft gegen Tierquälerei, mit der Hugh Hudson und Schreiberlegende Robert Towne im (ansonsten durchaus sehenswerten) Greystoke die Geschichte zu modernisieren versuchten - in der Hauptrolle "Highlander" Christopher Lambert, der fehlende Muskeln mit Persönlichkeit wettmachte. Diesmal kämpft Tarzan gegen Kolonialismus und Ausbeutung und befreit mal eben den kompletten Kongo aus den Fesseln des belgischen Königs. Platter geht's kaum. Empfehlung: die ersten Abenteuer mit Johnny Weissmueller aus den 30ern nochmal anschauen! Da ist die Naivität der Burroughs-Erzählungen noch mit Charme gepaart, und die politischen Missklänge sind verzeihbar.



Warum dieser Tarzan?

Immerhin sorgen Schurke Christoph Waltz und Sidekick Samuel L. Jackson (als historisch verbürgter Retter des Kongos) für unterhaltsame Augenblicke. Das überraschungsfreie Abenteuer ist ansonsten immerhin geradlinig erzählt, nur auf die Rückblenden hätte ich verzichten können. Während Regisseur David Yates aufgrund des tollen Stoffes bei Harry Potter 5-8 Kompetenz genügt hatte, wäre hier Vision gefragt gewesen.



Warum überhaupt Tarzan?

Jon Favreaus Dschungelbuch hat in diesem Jahr bereits vorgemacht, wie man in einem liebevoll gestalteten 3D-Dschungel Tiere mit Persönlichkeit agieren lassen kann. Die Legende von Tarzan ist genau das Gegenteil. Beliebige Landschaften, belanglose Massenszenen, banale Figuren aus Mensch- und Tierwelt bestimmen das Bild, das den Betrachter trotz bestimmt teurer Effekte zu keinem Moment in die nachträglich zu 3D konvertierte Welt eintauchen lässt. Gepflegte Langeweile zum Preis von 180 Millionen Dollar. Erträglich (4/10).

Donnerstag, 28. Juli 2016

Spielberg und Dahl mischen sich nicht: The BFG (5/10)

GFR - der Große Freundliche Riese
GFR/BFG ist gar nicht so groß - jedenfalls ist er der Kleinste und Schmächtigste im Riesenland. Dafür hat er als einziger einen Job - er fängt und verteilt Träume. Und er ist Vegetarier, im Gegensatz zu seinen Kollegen, die auch gern mal einen Menschenhappen verspeisen. Der frischgebackene Oscar-Gewinner Mark Rylance in der Titelrolle ist grandios, er allein kann dem Geschehen allerdings keine rechte Richtung geben. Seine Kapriolen sind aber nie weniger als amüsant, und der Brite hat die Wortspelunken des Reisen gut drunter.


BFG - Barely Funny Guys!
Leider ist die Besetzung der zweiten Hauptrolle mit der unerfahrenen 11jährigen Ruby Barnhill nicht besonders gelungen. Es ist ja schön, dass hier keine Disney-Prinzessin agiert, aber vielleicht wäre Mut zu echter Häßlichkeit angebracht gewesen (wenigstens die für Briten traditionellen schiefen Zähne;-) So ist Sophie nur langweilig, und das Drehbuch tut ihr auch keinen Gefallen. Das Leiden unter dem Leben im Waisenhaus ist lediglich behauptet, und eine Lesebrille und eine Ausgabe von Nicholas Nickleby ergeben noch keinen überzeugenden Nerd.


GFR - Grusel-Faktor Reduziert
Ähnlich wie in Scorseses Hugo Cabret kann ich hier nicht so recht eine Zielgruppe ausmachen. Die Verfilmung des Bilderbuchs von Roald Dahl (Charlie und die Schokoladenfabrik) ist technisch aufwändig, wirkt aber seltsam uninspiriert. Für kleine Kinder ist das vielleicht zu gruselig, für Größere aber schon zu langweilig. Die Geschichte ist geradlinig erzählt und bietet kaum Überraschungen. Die Spielberg-Magie ist trotz des (letzten) Drehbuchs der E.T.-Erfinderin Melssia Mathison kaum spürbar. Besonders müde ist der Score von Altmeister John Williams, der hier zum 24. Mal mit Spielberg gearbeitet hat.


BFG - Better Fart Green
Im dritten Akt wird dann endgültig jedes vernünftiges Maß von Albernheit überschritten. Wir befinden uns zwar in den 80ern, allerdings offenbar in einer Alternativwelt, in der die Queen (Penelope Wilton) Generäle befiehlt und zu den Klängen von "Rule Britannia" in Marsch setzt (von Prince Philip übrigens keine Spur). Rebecca Hall (Vicky Cristina Barcelona, Iron Man 3) darf als Kammerfrau mal unbeschwert lieb sein. Rafe Spall lädt immerhin zum Schmunzeln ein mit seinen Versuchen, auch beim Dinner mit einem Riesen das Protokoll aufrecht zu halten. Und keine Sorge, bei der Produktion dieses Films kam kein Riese zu Schaden.



Annehmbar (5/10).

Sonntag, 24. Juli 2016

Hugo-nominiert: Jim Butchers "The Aeronaut's Windlass"

Aeronauten? Die Menschheit lebt in kilometerhohen Habitaten im Luftraum über einem lebensfeindlichen Planeten, den sogenannten "Cinder Spires" (etwa "Betontürme"). Die Technologie beruht im wesentlichen auf gezüchteten Kristallen, mit deren Hilfe Elektrizität erzeugt wird, die aber auch als zu Waffen verarbeitet werden. Ihr wichtigster Einsatz ist der Antrieb der zivilen und militärischen Luftschiffe eben jener Aeronauten, die den Luftraum beherrschen. Aufgrund des frühindustriellen Status dieser Zivilisation ordnen viele diesen Fantasy-Roman dem sogenannten Steam Punk zu, ein Untergenre, das nach dem Technikniveau von Dampfmaschinen benannt ist.

Ich würde diesen ersten Band einer angeblich auf neun Bände ausgelegten Reihe zunächst aber eher der militärischen SF zuschlagen. Er beginnt mit einem Luftkampf und endet mit einer ausgedehnten Luftschlacht. Zentrale Figur dabei ist Kapitän Grimm, ein für den Autor typisch aufrechter, aber missverstandener Held, der auch mit gebrochenem Arm noch klaglos weiterkämpft. Unehrenhaft aus dem Militärdienst geworfen, lenkt er nun das Piratenschiff Predator, steht aber selbstverständlich auf der Seite der "Guten". Welche wären: der Spire Albion, eine einigermaßen demokratische, brav kapitalistische Gesellschaft, in der sogar die Ganoven einem Ehrenkodex folgen. Sie steht im Konflikt mit dem Spire Aurora, dessen System seine Bewohner unterdrückt und wirtschaftlich in relativer Armut hält. Zumindest bisher scheint mir das eine ziemlich schablonenhafte Kopie des Kalten Krieges zwischen den USA und der UdSSR zu sein.

Die Geschichte wird abwechselnd aus der Perspektive der Hauptfiguren geschildert. Ausser Grimm wären da noch die 16jährige Gwen, Erbin des mächtigen Hauses Lancaster; Benedict, ihr Cousin und durch seine Raubkatzengene ein geborener Kämpfer; Bridget, Tochter eines fast vergessenen Hauses, deren Vater als besserer Metzger sein Brot verdient. Das sind alles fürchterlich gute Menschen, denen gerade genug (und leider vorhersehbare) Charakterfehler mitgegeben werden, dass sie nicht todlangweilig werden: Gwen ist arrogant, Benedict leidet unter den Vorurteilen wegen seiner Hybrid-Gene, und Bridget schämt sich ihrer ärmlichen Herkunft.

Zum Glück gibt es noch Meister Ferus und seinen Lehrling Folly. Sie sind Etherealisten, die Magier-Variante in den Spires, die Kristallenergie auch ohne technische Hilfsmittel bündeln und sogar gelegentlich in die Zukunft blicken können. Ihre Fähigkeiten haben allerdings den Preis, dass sie sich mental irgendwo zwischen Exzentrik und Wahnsinn bewegen. Meister Ferus z.B. ist nicht mehr in der Lage, Türgriffe zu bedienen, und Folly kann nicht mehr direkt mit anderen kommunizieren (sie spricht aber laut mit ihrer Kristallsammlung, die sie stets mit sich führt). Jedenfalls sind die beiden mit ihren Merkwürdigkeiten die unterhaltsamsten Figuren der Erzählung.

Und dann gibt es noch Rowl, Beschützer und Freund von Bridget und Erbe der Dynastie der Samtpfoten. Diese Figur richtet sich an alle Leser, die mit Vergnügen das Internet nach Katzenvideos durchstöbern und glauben, dass Katzen die besseren Menschen sind. Butcher nimmt diesen Scherz ernst, und so unterhält sich Rowl mit Bridget in der Katzensprache, versteht sich als ihr "Besitzer" und verhält sich ansonsten genau so, wie es all die witzigen Internet-Fotos erwarten lassen. Ich selbst bin bei der Beurteilung dieser Figur ein wenig zwiespältig.

Jim Butcher versteht es natürlich, Spannung aufzubauen, und das letzte Drittel des Buchs ist wie erwartet eine atemlose Action-Achterbahn. Leider sind die Charaktere selbst für seine Verhältnisse sehr holzschnittartig. Seine Dresden Files sind auch nicht gerade Dostojewski, aber in jener wunderbaren Urban-Fantasy-Reihe und auch in seinem gelungenen, der klassischen Fantasy zugehörigen Codex-Alera-Zyklus fand ich Figuren und Situationen deutlich überzeugender. The Aeronaut's Windlass ist tadellos konstruiert, wirkt aber irgendwie müde und wenig originell. Preiswürdig ist das nun wirklich nicht, und ich bin skeptisch, wie sich die Serie über neun Bände hinweg entwickeln soll. Lesenswert ist das bisher trotzdem. In gewisser Hinsicht sind Butchers Romane das Pendant zum hirnlosen Actionkino à la Fast & Furious. Man kann sich davon widerstandslos unterhalten lassen, aber es hinterlässt bei Überdosierung doch ein hohles Gefühl. Und so wie ich F&F nur fürs Heimkino ausleihe, so warte ich bei den Cinder Spires, bis aufgrund der Taschenbuchveröffentlichung der Kindle-Preis akzeptabel ist.

Samstag, 23. Juli 2016

Star Shit Beyond Repair (1/10)

Fast Five, die wohl beste F&F-Folge, beginnt damit, dass das Team um Brian (Paul Walker) mit fünf Pkw einen Gefangenentransport überfällt (man stelle sich einen Planwagen vor, der von Indianern verfolgt wird). Der Transporter überschlägt sich, aber die Insassen bleiben unversehrt, und außer Dom (Vin Diesel) werden auch alle wieder von der Polizei eingesammelt. Das ist so albern und gleichzeitig so Comic-mäßig überhöht, dass es doch wieder Spaß macht. Überhaupt sind die meisten Actionszenen des unvorstellbar erfolgreichen Franchise oft zwar im Detail (und durch die Handkamera und schnelle Schnitte) ein wenig undurchschaubar, im Ganzen aber gut durchdacht. Sie bieten überraschende Wendungen und folgen einer absurden inneren Logik, auf die man sich als Zuschauer gern einläßt. Regisseur Justin Lin führte mit den Teilen Vier bis Sechs diese Autopornos in finanziell schwindelerregende Höhen. Nun hatte das Produktionsteam von Star Trek nach dem Abgang Abrams die Hoffnung, Lin könne diese Qualitäten auf die Paramount-Property übertragen. Ergebnis: Totalschaden. Die (bereits im Trailer zu sehende) Zerstörung der Enterprise nach kaum einer halben Stunde ist genau das Gegenteil der oben beschriebenen Szene. Unübersichtlich, dröhnend, voller Verachtung der Komparsen/Redshirts, von denen gleich Dutzende draufgehen, ohne dass einer der (selbstverständlich überlebenden) Offiziere eine Miene verzieht. Aber im Weltall hört dich ja keiner schreien...



Wo soll ich anfangen? Also die Enterprise ist bereits drei Jahre auf Mission, und die Verbreitung von Friede, Freude und Eierkuchen für die Föderation füllt Captain Kirk nicht mehr aus - der Action-Held hat sich um einen Schreibtischjob beworben. Jung-Spock dagegen möchte nach dem Tod von Alt-Spock kleine spitzohrige Vulkanier zeugen und die Sternenflotte ganz verlassen. Während die "alte" Crew Jahrzehnte brauchte, um einen ähnlichen Status von Altersmüdigkeit zu erreichen, genügen den Jungstars also wenige Jahre. Ein Hoch auf die Generation Y! Darsteller Zachary Quinto hat ja bereits im amerikanischen Fernsehen erklärt, dass man so langweilige Geschichten wie in den 60ern heute nicht mehr erzählen könne. Er unterstreicht damit aber nur, dass man ikonische Rollen nicht mit langweiligen Schauspielern besetzen sollte. Und das Einrahmen der Handlung mit Fotos von Leonard Nimoy bleibt eine plumpe Anbiederung an die Fans.



Also Kirk mag nicht mehr Kapitän sein. Aber nichts kann die Freude am Fliegen so gut wiederherstellen wie ein ordentlicher Crash. Also wird die Enterprise geschrottet, und alles ist wieder gut, nach ein paar Komplikationen und der Ausschaltung des (durch die Gesichtsprothese buchstäblich) undurchschaubaren Krall, der von Idris Elba als Variation seines Warlords aus Beast of No Nations gegeben wird, afrikanischer Akzent inklusive. Ähnliches gilt für die gute Sofia Boutella, die in Kingsman mit ihren tödlichen Beinprothesen zu begeistern wusste. Hier agiert sie in ebenfalls entstellendem Makeup irgendwie neben den Stars, ohne dass irgendeine emotionale Verbindung spürbar wäre. Im Zentrum der Handlung steht dann eine archaische Waffe, die mit ihrer puren McGuffin-Funktion direkt aus Indiana Jones geklaut sein könnte. Irgendwelche Science-Fiction-Ideen konnte ich hingegen nicht entdecken.



Hatte ich erwähnt, dass die Crew angeblich schon drei Jahre gemeinsam unterwegs ist (unendliche Weiten und so)? Nach all dieser Zeit haben Kirk und Spock aber noch immer nicht den Dreh raus, wer als erster den Aufzug verlässt: "Nach Ihnen." "Nein, nach Ihnen. Ich bestehe darauf!". McCoy muss immer noch raten, wo bei Vulkaniern das Herz platziert ist. Chekovs russischer Akzent ist inzwischen so schleppend, dass man besser eine Rauchen geht, wenn er mehr als eine Dialogzeile aufzusagen hat. Scottys Parodie eines Schotten ist ähnlich nervig, aber Simon Pegg hat sich immerhin die besten Gags auf den Leib geschrieben (nur den Charme von Jimmy Doohan kann er leider nicht kopieren und damit seinem Chauvinismus auch nicht entwaffnen). Wie es sich gehört, ist Uhura neben dem Offenhalten der Grußfrequenzen nur Damsel in Distress, das von Spock gerettet werden muss. Frauen und Autos Raumschiffe passen halt nicht zusammen. Zu keinem Augenblick habe ich an ein zusammengeschweißtes Team geglaubt. All die gemeinsam verbrachten Jahre sind lediglich behauptet, während sowohl die Originalbesatzung als auch die Next Generation durch ihre TV-Staffeln genau diese gemeinsamen Erfahrungen vorweisen konnten. Nur dadurch war es damals gerechtfertigt, in den Kinofilmen neben der Rettung des Universums die Persönlichkeitsentwicklung der Hauptfiguren in den Mittelpunkt zu stellen.



Oh, und Sulu hat eine Tochter und einen Ehemann. Damit hatte George Takei im Vorfeld ein Problem, das ich auch nachvollziehen kann, denn Takeis Sulu war nicht schwul (da hat wohl jemand Darsteller und Figur verwechselt). Takei hätte lieber eine neue homosexuelle Figur gesehen - ich selbst hätte lieber überhaupt neue Figuren gesehen.. Spätestens seit ihrem zweiten Auftritt haben Kirk, Spock, Pille/Bones, Scotty und die anderen rein gar nichts mehr mit den ursprünglichen Charakteren zu tun. Ich kam mir vor wie im neusten Remake der Invasion of the Body Snatchers. Schlimmste Szene dabei: Kirk wird ob eines nahenden Geburtstages schwermütig. Nun ist der Kerl aber gerade mal 35, was nicht mal zur Midlife Crisis reicht - das ist genauso jung wie Shatner, als dieser 1966 erstmals in unendliche Weiten aufbrach. Vielleicht kamen sich die Autoren besonders klug vor, als sie McCoy toasten ließen auf "einen vollen Haarschopf und perfekte Sehkraft". Damit referenzieren sie sowohl Glatzkopf Picard als auch Kirks Brille in Zorn des Khan (die später noch eine Rolle in Zurück in die Gegenwart spielen sollte). Aber Shatner und Stewart waren halt in ihren Kinofilmen (Khan und Das unentdeckte Land bzw. First Contact und Der Aufstand) genau im richtigen Alter, um sich mit Karriereende und Sterblichkeit auseinanderzusetzen. Gegenüber diesen Giganten wirkt Chris Pine plötzlich wie ein aufsässiger Teenager (was aber genau dem Zielpublikum dieser Travestie entspricht).



Dunkel ist's übrigens gemäß dem Motto des Vorgängers tatsächlich reichlich, besonders in 3D, das ansonsten nur unvorteilhaft die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf die Nasen der Darsteller lenkt. Bei flackernder Beleuchtung, Wackelkamera und Stakkatoschnitten weiss man selten, was in diesen CGI-Sets überhaupt passiert. Immerhin sehen die Landschaften auch mit moderener Computertechnik noch wie gemalt aus. Und dann gibt's da die dröhnende Musik, die Pathos suggeriert, wo keiner zu finden ist. In Star Trek - Der Film gab es diese wunderbar nostalgische Szene, als Kirk im Shuttle die neue Enterprise erkundet. Dazu passte die elegische Untermalung von Jerry Goldsmith, ein Liebesmotiv für Schiff und Kapitän. In Beyond versucht Michael Giacchino einen ähnlichen Effekt, nur leider beim Zeigen einer Raumstation, die wir nicht kennen und auch keinen Bezug zu den Figuren hat, aber bei den anonymen Programmierern der Effekte bestimmt für eine Gänsehaut gut war.

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Die Sternenflotte ist inzwischen übrigens so sagenhaft effizient, dass das Nachfolgemodell des Flagschiffs bereits in Arbeit ist. Dem sympathischen Anton Yelchin hätte ich einen besseren Abschlussfilm gegönnt. Aber in einem zweifachen Zeitreisetulip hat das Studio für den vierten Film bereits die Rückkehr von Chris Hemsworth als Kirks Vater angekündigt. Der war zwar gleich nach der ersten halben Stunde des Reboots draufgegangen, aber da wusste man natürlich noch nicht, welch ein großer Star aus dem Darsteller werden würde. Da stehst du nun, du armer Thor, und bist so klug als wie zuvor...



Ach wären doch aller guten Dinge 13. Jetzt habe ich tatsächlich wieder Lust bekommen, mir doch noch mal Nemesis anzuschauen. Wer hätte damals gedacht, dass dieser unwürdige Abgesang der Next Generation noch zu unterbieten wäre? Und das zum 50. Jubiläum, das ansonsten lediglich mit dem restaurierten Director's Cut von Zorn des Khan aufwarten kann. Schande über Paramount! Ärgerlich (1/10).

Sonntag, 17. Juli 2016

Übergeschwappt: Independence Day - Resurgence ("Die Wiederkehr") (4/10)

Es gab eine Zeit, als Aliens noch putzig waren und nur nach Hause telefonieren wollten  Doch dann kam Independence Day. Es gab eine Zeit, als sich Action-Filme noch ernst nahmen. Doch dann kam Independence Day. Es gab eine Zeit, in der Will Smith nur als Prinz von Bel-Air bekannt war. Doch dann kam Independence Day. Es gab eine Zeit, als Kriegsführung mit Computerviren unerhört war. Doch dann kam Independence Day.



Der erfolgreichste Film von 1996 war beileibe kein Meisterwerk. Er war kitschig, albern und unglaubwürdig. Und doch kann man auch heute noch Spaß daran haben (insbesondere in der gerade veröffentlichten, perfekt aufbereiteten Jubiläumsedition). Beim Wiedersehen stellt sich schnell ein Nostalgie-Gefühl ein, mit Überraschungen: Da finden sich ein strammer junger Adam "Jayne" Baldwin als aufrechter Major, die strahlend-schöne junge Vivica A. "Copperhead" Fox als Ehefrau von Will Smith, und Mary McDonnell als First Lady, lange bevor sie in Battlestar Galactica zur Präsidentin der zwölf Kolonien vereidigt wurde. Vor zwanzig Jahren war die Welt noch in Ordnung ;-)



Es war die Zeit, als Patriotismus noch eine amerikanische Angelegenheit war. Doch dann kam der globale Kinomarkt. Es war die Zeit der Komiker in Heldenrollen. Doch dann kamen die vermarktbaren Models. Es war die Zeit der liebevoll von Hand gemachten Zerstörungsorgien. Doch dann kam der CGI-Overkill. Es war die Zeit, als Brent Spiner auch als schwuler Hippie-Wissenschaftler noch Data war. Doch dann kam J.J. Abrams. Es war die große Zeit des Schwaben Roland Emmerich in Hollywood. Doch dann kamen die Pleiten: God(awful)zilla. The Day After Tomorrow. 10.000 BC (Beyond Compare). Und 2012.



Vielleicht konnte nur ein Deutscher den Patriotismus der Amerikaner zu ihrem Unabhängigkeitstag so unverfroren aufs Korn nehmen. Das ist Emmerich gleich nochmal gelungen, im Jahr 2000 mit dem unerträglichen Der Patriot (mit Mel Gibson und Heath Ledger). Aber heute greift diese Marketingstragie offenbar nicht mehr. Natürlich hätte es geholfen, wenn Die Wiederkehr sich zwischen Nostalgie und neuen Ideen hätte entscheiden können. Stattdessen ist sie ein müder Abklatsch geworden, und ein Franchise wird daraus mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr (wie das heute so üblich ist, wurden im Vorfeld bereits großkotzig mehrere Fortsetzungen in Aussicht gestellt).



Das zurückkehrende Komikerteam hätte vielleicht den Feiertag retten können, wenn man ihm ein paar neue Gags spendiert hätte. Stattdessen bekommen wir nur Aufgewärmtes, wobei Jeff Goldblum noch am besten weg kommt (warum hat man ihn nicht für Jurassic World wiederbelebt?) Brent Spiners Dr. Brakish Okun war eigentlich schon tot, wacht hier aber aus einem Koma auf, um das gleiche Minidrama erneut zu durchleben. Bill Pullman darf noch eine feurige Motivationsrede halten, auch wenn das Drehbuch ziemliche Kapriolen schlagen muss, um das zu ermöglichen. Am schmerzhaftesten ist allerdings der Auftritt des inzwischen 80jährigen Judd Hirsch (in der Rolle von Goldblums meschuggem Vater). Der sympathische Star der bahnbrechenden SitCom Taxi (1978 - 1983) ist leider nie so berühmt geworden wie seine Kollegen von damals: Danny DeVito, Christopher Lloyd und Andy Kaufman. Diesmal muss er eine Busladung voll Schulkinder retten, dabei verhindert er fast die Retttung der Welt (Spoiler: Sie wird trotzdem gerettet!)



Nun zu den Neuzugängen. Sela Ward ist als Präsidentin so blass, dass sie kaum als Wahlhilfe für Hillary Clinton durchgeht. Hier ist meine Alternatividee: Warum hat man nicht Vivica A. Fox, die im ersten Film so heldenmütig einen Hund retten durfte, zur Präsidentin gemacht? Das wäre mal progressiv gewesen: eine schwarze Frau mit Stripper-Vergangenheit. Stattdessen muss sie sich diesmal für ein jämmerliches menschliches Baby opfern.  Dann gibt es da Charlotte Gainsbourg, der man ja eigentlich gewisse schauspielerische Fähigkeiten nicht absprechen kann. Sie stolpert allerdings so unmotiviert durch die Szenerie, dass ich ihre Rolle bis zum Schluss nicht verstanden habe. Vielleicht hat sich Jeff Goldblum eine Kuss-Szene  mit einer einigermaßen alterskompatiblen Französin ins Drehbuch schreiben lassen (nach Hollywood-Logik ist sie dementsprechend kaum 20 Jahre jünger als das lange Elend)...



Die eigentliche Katastrophe sind allerdings die jungen Models im Zentrum der Action. Jessie T. Usher geht in keinem Universum als Sohn von Will Smith durch - er ist farblos und unkomisch, dazu derart unbeholfen, dass man bei einem Catwalk wohl befürchten müsste, dass er vom Laufsteg fällt. Im Vergleich macht selbst Milchgesicht Liam Hemsworth (Die Tribute von Panem) einen besseren Eindruck, auch wenn wenig vom Talent und Charisma seines großen Bruders erkennbar ist (der übrigens ein Highlight des kommenden Ghostbusters-Refemakes sein soll).



Bei den jungen Damen bin ich hormonell bedingt ein wenig nachsichtiger. Maika Monroe ist zwar ganz hübsch, wird ihrem Namen aber naturgemäß nicht gerecht. Ihre Figur ist der eigentliche Superstar des Films: eine 22jährige (die Tochter von Präsident Pullman-Whitman), die Reden für die Präsidentin schreibt und nebenbei ausgebildete Kampfpilotin ist - wow, da halte ich die Godzilla-große Alienqueen für glaubhafter. Und zuletzt ist da Angelababy (ein Künstlername, über den in China offenbar niemand lacht), eine generische asiatische Schönheit mit ganzen vier Dialogzeilen, deren Aussehen angeblich der größte Spezialeffekt des Films ist (siehe dieses Bild).



Dass die gesamte Handlung des Films keinen Sinn ergibt, brauche ich kaum zu erwähnen, oder? Da gibt's auch noch einen Warlord mit einem Herz aus Gold (und tätowierten Strichlisten für die erlegten Aliens), der auch die an ägyptische Hieroglyphen erinnerende Schriftsprache der Invasoren entziffern kann (gab's das nicht schon in Stargate?) Zwar zieht niemand einen Nutzen daraus, aber jetzt wissen wir immerhin, dass das Symbol für Furcht/Feind einem Eurozeichen mit nur einem Strich ähnelt - der Brexit lässt grüßen. Am Ende spielen auch die (russischen?) Schatzsucher eine Rolle, die unter primitivsten Voraussetzungen ein Computerprogramm mit hübscher grafischer Oberfläche zusammengebastelt haben, das den Countdown bis zum Weltuntergang sekundengenau darstellen kann (und die längsten vier Minuten der Filmgeschichte anzählt).



Je mehr ich schreibe, desto klarer wird mir, dass man diesen Film gar nicht spoilern kann (wenn man das Original kennt). Man muss diesen Unfug gesehen haben, um ihn zu glauben. Aber wer würde das wollen? Fünf Drehbuchautoren zeichnen verantwortlich, und dann klauen sie für ihren Hundekampf im Luftraum Dialoge aus der ehrwürdig-originalen Galactica-Fernsehserie ("I can't shake him!" - "I'm almost there!")... Gerade noch erträglich (4/10).