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Sonntag, 25. September 2016

Meine Emmy-Auslese 2016

Wenn ich mir die Emmy-Show anschaue, das TV-Pendant zu den Oscars, fühle ich mich ein wenig wie auf einer Party, zu der mich ein Bekannter eines Bekannten eingeladen hat. Etliche Gesichter kommen mir bekannt vor, viele Namen liegen mir auf der Zunge, aber es sind einfach zu viele Teilnehmer in rasanter Abfolge, um auch nur die Hälfte einordnen zu können. Die amerikanische TV-Landschaft hat sich in den letzten Jahren wahnsinnig verzettelt, es gibt Hunderte von Shows, die verzweifelt um Zuschauer kämpfen. Zu den klassischen flächendeckenden Sendern (ABC, NBC etc.) kommen nun nach den Kabelgiganten (HBO, Showtime) auch noch die Streaminganbieter (Netflix, Amazon). Wer kann sich das alles ansehen? Sicher nicht die Mitglieder der Fernsehakademie; kaum jemand wird nach dem üblichen 14-Stunden-Arbeitstag noch die Konkurrenz begutachten wollen. Daher werden bei den Emmys natürlich die Prestigeprojekte gefeiert, die Publikumslieblinge und vielleicht noch der eine oder andere Kritiker-Darling. In Deutschland schon mal ziemlich unbekannt ist der Moderator Jimmy Kimmel, ein beliebter Talkshow-Host, der einen ganz ordentlichen Job gemacht hat:

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Wie bei den Golden Globes wird in den meisten Kategorien zwischen Comedy und Drama unterschieden, aber davon gibt es viel, viel mehr - und dabei wurden die "technischen" Preise (Kamera, Schnitt etc.) bereits einige Tage zuvor separat ausgeschüttet. Da gibt es Serie, Limitierte Serie, TV-Movie, Variety-Program, ... Während die Dramen oft ziemlich humorlos erscheinen, haben offenbar bei den Komödien offenbar die Shows mit möglichst viel Pathos oder wichtigen Themen die Nase vorn. Nachdem die Comedyfabriken Big Bang Theory und Modern Family sich inzwischen ziemlich totgelaufen haben, gewann in diesem Jahr die Polit-Komödie Veep den Top-Preis. Hauptdarstellerin Julia Louis-Dreyfus gewann dafür den vierten Emmy in Folge, macht insgesamt sechs (und nur einer dafür für Seinfeld, immer noch meine liebste Comedy-Serie). Trotzdem habe ich die Geschichte um die unkompetente Vizepräsidentin nach dem Piloten aufgegeben. Lange ausgehalten habe ich es auch nicht bei Amazons Transgender-Geschichte Transparent, trotz des grandiosen und mutigen Jeffrey Tambor. Ich konnte einfach nicht drüber lachen. Hierzu teilte Kimmel eine kluge Beobachtung: 
Transparent wurde als Komödie geboren, fühlt sich aber als Drama ("identifies as a drama").



Umso mehr habe ich mich über den Gewinn einer anderen "Comedy"-Show gefreut, wenngleich nur für das Drehbuch der Episode Parents: Master of None von Aziz Ansari und Alan Yang sträubt sich gegen alle Kategorisierungen, was wohl nur dank Netflix funktioniert. Wenig Drama-Serien erlauben so kluge Einsichten in das Leben von "Asian-Americans", Migranten der zweiten Generation Mitte 30, junger Künstler. Sobald man einmal gelernt hat, die Welt durch die Augen von Aziz Ansari zu sehen, kann das auch hochkomisch sein. Da sich die Schöpfer an kein Schema halten müssen, funktioniert dann auch eine Episode wie Mornings, die über Monate das morgendliche Miteinander und damit die Entwicklung der Beziehung von Aziz und seiner Freundin zeigt.



Eine freudige Überraschung, wahrscheinlich nur durch den gestiegenen Bekanntheitsgrad nach der Übernahme der Serie durch Netflix möglich, ist der Preis für Tatiana Maslany als beste Hauptdarstellerin in einer Drama-Serie. Orphan Black ist ein kleines Juwel der kanadischen BBC, mit dem auch ich erst mit der Zeit warm wurde. Nun hat's gleich bei der ersten Nominierung geklappt - natürlich haben nicht viele Darstellerinnen die Chance, allein fünf Hauptfiguren gleichzeitig zu spielen.



Gefreut habe ich mich auch über den Emmy für Patton Oswald, für das Buch seines Standup-Specials Talking For Clapping, ebenfalls im Netflix-Angebot. Der 47jährige Komiker macht sehr scharfsinnige Beobachtungen, ist aber lange nicht so ausfallend wie viele seiner Kollegen. Dafür ist er wahrscheinlich einfach zu nett (verstörend ist allerdings, dass er genau wie über "Star Wars" auch minutenlang über das Lieblingsprogramm seiner sechsjährigen Tochter, "My Little Pony", referieren kann).



Am Ende gewann dann wie erwartet Game of Thrones als beste Drama-Serie, präsentiert von Kiefer Sutherland, ein Beispiel für einen Drama-Star, der mit einem einzigen Gesichtsausdruck auskommt. Und leider hat die vielleicht schlechteste Episode der Serie, Battle of the Bastards, Preise für die beste Regie und das beste Drehbuch (!) einkassiert. Vorhersehbar, unlogisch, brutal nur um des Schauwertes willen, steht dieser Tiefpunkt meiner aktuellen Lieblingsserie in der IMDB immer noch bei einer unglaublichen Wertung von 9,9. Schade allerdings, dass bei den Nebenrollen niemand zum Zuge kam. Musste wirklich die 81jährige Dame Maggie Smith ihren dritten Emmy für Downton Abbey (den vierten insgesamt) bekommen? Ich jedenfalls hätte "Daenerys" Emilia Clarke, wie "Cersei" Lena Headey zum dritten Mal nominiert, den Preis gegönnt, trotz ihrer fragwürdigen Entscheidung für jenes beige Kleid. Links neben ihr im Foto steht übrigens die erstmalig nominierte "Arya" Maisie Williams in sehr viel mutigerem Outfit.


Curtis Hanson: 1945 - 2016



Curtis Hanson hatte eine merkwürdige Karriere. Nach zwei Jahrzehnten unpersönlicher Auftragsarbeiten - etwa Das Schlafzimmerfenster (1987), Die Hand an der Wiege (1992) - katapultierte er sich 1997 mit dem herausragenden James-Ellroy-Thriller L.A. Confidential plötzlich in die A-Liste der Hollywood-Regisseure. Bei den Oscars war als Produzent und Regisseur nominiert und gewann gemeinsam mit Brian Helgeland den Preis für die beste Drehbuchadaption, Kim Basinger gewann als beste Nebendarstellerin. Der stimmungsvolle, in den 50ern spielende Krimi um drei sehr unterschiedliche Polizisten (Kevin Spacey, Russell Crowe, Guy Pearce) hält sich auch heute noch knapp in der IMDB-Top100.



Der immerhin ebenfalls drehbuchnominierte Nachfolger, Die Wonder Boys, gehört zu meinen Lieblingsfilmen des Jahres 2000 (Bob Dylan gewann übrigens für seinen Song "Things Have Changed" seinen bislang einzigen Oscar). Nach meiner sehr persönlichen Zählung gab es damals gleich drei Meisterwerke und sechs weitere herausragende Filme - welch ein Kinojahr:
  1. Almost Famous (Cameron Crowe, 10/10)
  2. Traffic (Steven Soderbergh, 10/10)
  3. Memento (Christopher Nolan, 10/10)
  4. Tiger & Dragon (Ang Lee, 9/10)
  5. Die Wonder Boys (Curtis Hanson , 9/10)
  6. High Fidelity (Stephen Frears, 9/10)
  7.  Billy Elliot - I Will Dance (Stephen Daldry, 9/10)
  8. Chocolat (Lasse Hallström, 9/10)
  9. Wir müssen zusammenhalten (Jan Hrebejk, 9/10)




Danach wurde es leider schnell wieder ruhig um Hanson. Sein Eminem-Biopic 8 Mile konnte mich 2002 nicht so recht überzeugen. Die nette Komödie In den Schuhen meiner Schwester mit Cameron Diaz, Toni Collette und Shirley McLaine war 2005 noch ein letzter Höhepunkt. Sein gar nicht so übler Surferfilm Chasing Mavericks mußte 2012 von Michael Apted abgeschlossen werden, Hanson war an Alzheimers erkrankt. An den Folgen verstarb er am vergangenen Dienstag. Vielleicht war er einfach zu nett, um weitere große Projekte an Land zu ziehen. Aber nicht viele Regisseure hinterlassen der Nachwelt gleich zwei herausragende Filme.



Hier meine Kritik zu Wonder Boys nach dem Kinobesuch (am 20.11.2000):
Es gibt kein Rezept dafür, einen guten Film zu machen. Auch die Methode, ein paar kreative Leute zusammenzuholen und das Beste zu hoffen, führt oft ins Abseits. Hier jedoch hat es geklappt. Autor Steve Kloves (Die fabelhaften Baker Boys) und Regisseur Curtis Hanson (L. A. Confidential) machen aus Michael Chabons Roman ein außergewöhnliches Kinoerlebnis. Versucht man die Handlung zu beschreiben, hört sich das fast nach einer Farce an, wie man sie von den Coen-Brüder kennt (und schätzt). Das trifft es aber nicht ganz - Wonder Boys hat zudem Herz, und seine Figuren sind viel näher am wirklichen Leben als die Karikaturen aus Fargo oder The Big Lebowski. Solche Charaktere erfordern außergewöhnliche Schauspieler, und die waren hier versammelt. Frances McDormand, Tobey Maguire und besonders Robert Downey Jr. (gezeichnet von Gefängnisaufenthalt und Drogenkonsum, aber umso präsenter) sind ideale Besetzungen. Michael Douglas jedoch spielt alle an die Wand. Es hat lange gedauert, aber jetzt endlich ist der Kirk-Douglas-Sproß zum Charakterdarsteller gereift. Er gibt dem ständig bekifften, sich nie entscheiden könnenden Versager und ehemaligen Wunderknaben genau das Maß an Würde, das die Rolle ausbalanciert. So können wir mit ihm, aber nicht über ihn lachen. Und zu lachen gibt es viel, auf seine (hintergründige) Art ist Wonder Boys mindestens so komisch wie O Brother, Where Art Thou oder High Fidelity. Und so verzeihen wir gern ein etwas schwaches (amerikanisches) Ende und den geschwätzigen Start, bis der Ich-Erzähler den Handlungsrahmen erklärt hat. Nun gut, das ermöglicht dann einen flotten Einstieg in die Geschichte, die an einem einzigen Wochenende spielt. Übrigens, wenn möglich die Originalversion anschauen: kaum anzunehmen, daß die beeindruckende Erzählstimme von Michael Douglas angemessen synchronisiert werden konnte.

Samstag, 24. September 2016

Nicht von schlechten Eltern: Bad Moms (7/10)

Bad Moms ist so ein Film, den Frauen lieben und Männer hassen. Das kann man sowohl an den IMDB-Bewertungen erkennen (w: 7,2 - m: 6,3) als auch am Kritikerspiegel. Noch schlimmer sieht's bei den sogenannten "Top 1000 voters" aus: ein Schnitt von 4,9 bei allerdings nur 69 abgegebenen Stimmen. Meinungen im Internet werden halt dominiert von jungen weissen Männern. Diese konnten allerdings nicht verhindern, dass die bescheidene 20-Millionen-Produktion mit einem Einspielergebnis von über 120 Millionen Dollar allein in den USA einer der profitabelsten Sommerhits wurde (in der Gewinnrechnung nur übertroffen von billigen Horrorfilmen).


Natürlich ist Schlechte Mütter ein "Chickflick", allerdings keineswegs eine romantische Komödie. Darauf weist schon der Titel hin, den man wohl besser mit "Mütter dürfen auch mal Fehler machen" übersetzen könnte. Das erklärt aber nicht die teilweise bösartigen Kritiken (zugegeben auch einige von erbosten Müttern). Kann es sein, dass diese derbe Komödie einen Nerv getroffen hat? Fühlen sich insbesondere Männer unbehaglich, weil sich hinter den Lachern und der Hochglanzausstattung unbequeme Wahrheiten verstecken? Und das ausgerechnet von einem männlichen Regie- und Autorenteam (Jon Lucas und Scott Moore), welches für das erste Hangover-Script verantwortlich zeichnet! Da ich im Gegensatz zu den beiden kein Vater bin, kann ich an einer tiefergehenden Diskussion der thematisierten Misstände nicht weiter teilnehmen.



Klar ist Bad Moms ein kommerzielles Produkt, das erfolgreich auf eine Zielgruppe ausgerichtet ist. Es mag ein weitverbreitetes soziales Dilemma (nicht nur) der amerikanischen Gesellschaft thematisieren, spielt aber in der Welt der Reichen und Schönen, die ihre Kinder auf eine elitäre Privatschule schicken. Im Vergleich zu Paul Feigs Brautalarm (mit Kristen Wiig und Melissa McCarthy) oder Judd Apatows Trainwreck (mit Amy Schumer) ist der Brachialhumor fast zahm, erschließt aber weitere Tabuzonen. Für mich hatten die komischen Übertreibungen genau das richtige Maß. Es gibt schließlich keinen Grund, warum volltrunkene Väter im Stripklub komisch, beschwipste Mütter, die ihre Kinder für einen Abend von Freunden betreuen lassen, dagegen tragisch sein sollten.



Eine Komödie mit Herz muss von ihren Darstellern getragen werden. Mila Kunis als Amy ist der unbestrittene Star des Films - unverschämt hübsch, emotional, hinreissend - die 32jährige ist in modernen Komödien einfach am besten aufgehoben (Jupiter Ascending sei ihr nunmehr verziehen). Dies bleibt wohl ihr vorerst einziger Auftritt nach der Babypause, denn sie ist erneut schwanger. Ich persönlich wäre glücklich, wenn sie fortan alle drei Jahre solche Qualitätsarbeit abliefern würde. Ihr zur Seite stehen zwei kongeniale, diametral unterschiedliche Kolleginnen. Kristen Bell scheint seit ihrer Zeit als pfiffige Jungdetektivin Veronica Mars eher auf brave Rollen festgelegt zu sein und spielt hier überzeugend die verschüchterte Mutter von vier Kindern. Die Komödiantin Kathryn Hahn sorgt mit ihrer burschikosen Art für die größten Lacher, zeigt in ihrer Beziehung zu ihrem "Monster" von Sohn aber auch Herz.



Perfekt besetzt auch Christina Applegate (vor langer Zeit war sie Kelly Bundy aus Eine schrecklich nette Familie) als intrigante Präsidentin der PTA (eine Art Elternpflegschaft auf Speed) und Jada Pinkett-Smith als ihr Sidekick. Die Gattin von Will Smith ist fast der einzige Farbklecks im Ensemble, bis auf eine wohl indischstämmige Mutter, die Amy vorwirft, "fremdländisch" auszusehen, den schwarzen Schuldirektor (Wendell Pierce), Wanda Sykes in einem klug-zurückhaltenden Cameo als Therapeutin und, last but not least, den smarten Jay Hernandez als Single Dad, verständlicherweise der Schwarm aller Mütter.



Was den Ghostbusters trotz eines Megabudgets in diesem Jahr an den Kinokassen nicht gelungen ist, schafften die Bad Moms fast unbemerkt - ein erfolgreiches, tolles Stück Unterhaltung mit Frauen im Mittelpunkt, sehenswert eigentlich auch für aufgeschlossene Männer. Fast fühle ich mich genötigt, zum Ausgleich ein wenig aufzuwerten. Dazu endet die Geschichte dann aber doch zu glatt (und tränenreich). Fast für einen Bonuspunkt gut war auch die liebenswerte Überraschung im Abspann, als die fünf Hauptdarstellerinnen jeweils ein kurzes Gespräch mit ihren (realen) Müttern führen - passenderweise über nicht so perfekte Erziehungsmomente. Alles in allem ein hochverdientes Gut (7/10).

Samstag, 17. September 2016

Ohne Sinn! Tschick (8/10)

Es gibt also doch noch gute deutsche Filme! Nach einem dreistündigen Arbeitsabend mit Maren Ades in Cannes gefeiertem, dann doch leer ausgegangenen Toni Erdmann ("unsere" Hoffnung bei den Oscars) hatte ich mein Pensum für dieses Jahr eigentlich schon erfüllt. Aber Fatih Akin ist einer der wenigen deutschen Regisseure, deren Werk ich mit Wohlwollen verfolge (da ist schon wieder dieser gönnerhafte Ton - aber anders kann ich dem deutschen Kino gar nicht mehr begegnen). Der 43jährige Hamburger begeistert seit 2000 mit Komödien (Solino) und Dramen (Gegen die Wand), wenngleich er sich zuletzt mit einem Historienfilm über den Armenien-Genozid wohl ein wenig überhoben hat (habe ich aufgrund der Kritiken noch nicht gesehen). Zu Tschick ist Akin zwar sehr spät gestoßen, hatte den Stoff allerdings schon seit Jahren im Visier. Herausgekommen ist seine schönste Komödie seit Im Juli.


Zwei Vierzehnjährige machen sich in den Sommerferien mit einem geklauten Lada auf den Weg in die Walachai. Mehr will ich mich über die Handlung gar nicht auslassen, das kann man überall nachlesen. Das Besondere ist ohnehin der Erzählton. Romanautor Wolfgang Herndorf (1965-2013) hatte sicher schon keinen Sozialrealismus im Sinn. Maiks disfunktionale Familie in Berlin-Marzahn ist satirisch derart überhöht, dass sie ihren Schrecken verliert. Die Gymnasiasten sind fast braver als die (zugegeben älteren) Helden aus der Feuerzangenbowle, und im Wilden Osten treffen Maik und Tschick kauzige und skurille Typen, die fast aus einer Fabel stammen könnten. Das von Veteran Hark Bohm und Herndorf-Kumpel Lars Hubrich verfasste Drehbuch verschiebt die Geschichte zwar nominell in die Gegenwart, aber die Kommunikation der Schüler über Papierzettelchen mutet in Whatsapp-Zeiten doch anachronistisch an.



So schwebt Tschick ein wenig zwischen den Zeiten, was aber einen Teil seines Charmes ausmacht. Dazu passt auch die Musik, die neben dem Talking-Heads-Ableger Tom Tom Club eher aktuelle Popsongs zu bieten hat (etwa Goosebumps von Seeed). Der Hammer ist natürlich die abgenudelte Version von Richard Claydermans Ballade pour Adeline, von den Jungs auf Musikcassette (!) im geklauten Lada entdeckt. Die gruselige Kitschballade war Ende der 70er gerade in Deutschland ein großer Hit und machte den französischen Sunnyboy für kurze Zeit zum TV-Star. Ich hoffe nicht, dass der Film jetzt ein Revival für süßliche Klavierballaden bedeutet! Sehr gut gefallen hat mir dagegen die locker-flockigen Originalmusik von Vince Pope (siehe das Soundtrack-Album).



Perfekt gecastet sind die tatsächlich erst 14jährigen Hauptdarsteller Tristan Göbel und Anand Batbileg sowie die 19jährige Nicole Mercedes Müller als Isa. Da wirkt kaum ein Dialog gekünstelt, und es wird auch nicht versucht, sich an eine Generation anzubiedern. Ob der Film allerdings bei Jugendlichen ankommen wird, wage ich nicht vorauszusagen (er ist freigegeben und empfehlenswert ab 12). Sprüche à la Fack ju Göhte ("Chantal, heul leiser") gibt es weniger, wenngleich ich immer noch die "übertrieben geile Jacke" im Ohr habe. Bei den Erwachsenen erkannte ich schon ein paar Misstöne, so etwa die unglaubwürdige Reaktion des Klassenlehrers (Udo Samel) auf Maiks Aufsatz. Aber vielleicht sind holprige Dialoge der Preis für unsere sperrige deutsche Sprache.



Die 93 Minuten flogen jedenfalls nur so dahin, es stellte sich bei mir auch nicht das bei Jugendfilmen eigentlich übliche Unwohlsein ein (selbst Rob Reiners Stephen-King-Klassiker Stand By Me bewundere ich mehr, als dass ich ihn liebe). Am Premieretag teilten nur ein paar Zuschauer meines Alters den Saal mit mir, wahrscheinlich Fans des Buches. Davon gibt es aber über zwei Millionen, und die Masse hat den Roman auch erst im Lauf der Zeit entdeckt. Ich hoffe, für die Verfilmung gilt jetzt ähnliches. Bisher konnte ich noch keine schlechte Kritik entdecken. Sehr gut (8/10).

Als Zugabe hier noch meine originale Rezension zu Im Juli von 2001:

Ein deutsches Roadmovie, zugleich eine märchenhafte Liebesgeschichte europäischer Prägung. Der türkischstämmige Regisseur Fatih Akin dankt im Abspann den drei Meistern Scorsese, Coppola und Kusturica. Die letzte Nennung ist sicher die naheliegendste, zumal die wunderbar-pfiffige Branka Katic aus Schwarze Katze, Weißer Kater eine der skurillen Figuren verkörpert, denen das Liebespaar in spe Daniel (Moritz Bleibtreu) und Juli (Christiane Paul) auf ihrer Reise nach Istanbul begegnen. Akin hat viele schöne Ideen, zeigt malerische Landschaften und setzt ein paar gutgezielte Pointen (mehr Gag als Metapher: die Sonnenfinsternis, die dem Verschwinden der sonnigen Juli folgt). Er verliert dabei allerdings nie den roten Faden und hält den Zuschauer damit besser bei der Stange als Kusturicas sehr in die Breite gehender Erzählstil, der seine Hauptfiguren schon mal aus dem Blick verliert. Das passiert Akin nicht, der mit Moritz Bleibtreu eine ideale Besetzung fand für den schüchternen Physikreferendar, der ein bißchen erwachsener wird auf dieser Reise. Und wenn auch nicht gerade die Funken sprühen zwischen ihm und Christiane Paul, so nimmt man ihr die Juli doch ab und freut sich, ihr nach Das Leben ist eine Baustelle mal wieder in einem sehenswerten Film zu begegnen (und ihr Lächeln zu bewundern, das schier unendliche Nuancen zwischen Andeutung und sonnigem Strahlen bietet). Sehr gut (8/10).

Samstag, 10. September 2016

Klassiker auf Blu-ray #16: Wim Wenders - die frühen Jahre

Wie Werner Herzog ist inzwischen auch Wim Wenders ein ungeachtetes Stiefkind des deutschen Kinos. Nach einer ziemlich willkürlich zusammengeworfenen Blu-ray-Box mit fünf Filmen aus den 80ern und 90ern hat Studiocanal nun eine besser zusammengestellte zweite Kollektion veröffentlicht. "Die frühen Jahre" enthält vom Regisseur selbst ausgewählte Werke  und deckt sein Schaffen aus den 70er zufriedenstellend ab. Nicht enthalten sind lediglich sein Erstling Summer in the City (1970), sehenswert nur wegen der mitwirkenden Lovin' Spoonful, und die auch in seinen Augen misslungene Hawthorne-Verfilmung Der scharlachrote Buchstabe (1972). Wenders hat sich im Nachhinein insbesondere bei der Hauptdarstellerin Senta Berger entschuldigt und zugegeben, dass er damals noch keine überzeugenden Frauenfiguren zu inszenieren vermochte.



Die fünf in der Collection enthaltenen Filme sind allesamt von der 2012 gegründeten Wenders-Stiftung restauriert worden und wurden anläßlich der Verleihung des Ehrenbärs an Wenders bereits 2014 auf der Berlinale wiederaufgeführt (auf definitive Heimkinoversionen der späteren Filme warten wir noch, dann gern auch als UHD-Blu-rays!) Die Ergebnisse der Restauration sind tatsächlich augen- und ohrenöffnend. Das Bild wurde dankenswerterweise nicht künstlich auf 16:9 aufgeblasen, sondern (wie in der BFI-Box von Herzog)  im Originalformat 1,66:1 mit schmalen schwarzen Balken links und rechts präsentiert. Schon die 10 Jahre alten DVD-Editionen waren ordentlich aufbereitet, aber der Qualitätssprung zur Neuausgabe ist atemberaubend. Da sind viele kleine Wunder zu beobachten. Zum Beispiel beklagt Wenders im "historischen" Kommentar zu "Alice" die miserable Bildqualität einer bestimmten Szene (am Parkplatz), die inzwischen aber tadellos wiederhergestellt ist. Alles glänzt wie neu: Verschmutzungen fehlen komplett, Schärfe, Kontrast und (wo vorhanden) Farbe sind fabelhaft, nur gelegentlich zeigen sich die Grenzen des Ausgangsmaterials (wenn etwa grobkörniger 16mm-Film genutzt worden war).



Gleich die Existenz des ersten Films in der Box ist eine kleine Sensation für sich. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter (1972) konnte jahrzehntelang aufgrund ungeklärter Musikrechte nicht gezeigt werden und war auch für mich neu - die übrigen Filme rotierten ja lange vor der DVD-Veröffentlichung noch in den 80ern und 90ern in diversen Programmkinos. Es ist ein kleiner Film, eher eine Vorübung für die folgende berühmte "Reisetrilogie", aber für sich durchaus sehenswert. Erwähnen sollte man noch, dass es Wenders' erste Zusammenarbeit mit Peter Handke war, was uns später den Himmel über Berlin bescherte. Außerdem war es Rüdiger Voglers Kinodebut in einer kleinen Nebenrolle als Dorftrottel.



Rüdiger Vogler war natürlich der Hauptdarsteller der genannten Trilogie, die ich allerdings nur ungern als solche bezeichne. Der zweite Teil, Falsche Bewegung (1975), hat einfach ein zu deutlich abweichendes Konzept. Es ist zwar ein Roadmovie, aber die von Goethes "Wilhelm Meister" inspirierte Geschichte ist für mich zu verkopft und fügt sich nicht zu einem Ganzen, was Wenders auch im als Bonus verfügbaren Interview mit Roger Willemsen durchklingen läßt. In Erinnerung bleibt leider nicht die hier blasse Hanna Schygulla, dafür eine entzückende 14jährige Nastassja Kinski (als stumme Mignon) und der fabelhafte, in einer einzigen langen Kamerafahrt aufgenommene Spaziergang am Rhein entlang (bei Boppard, Heimat von Wenders' Mutter). Was heute gar nicht mehr möglich wäre, ist die eher lustige kleine Nacktszene, als Mignon mit einem Trick versucht, Wilhelm zu verführen. Nastassja hat durch ihr Kichern wohl viele Takes ruiniert - das waren noch unschuldige Zeiten...



Nicht nur an diese einzelne Szene, sondern wohl an die komplette Handlung von Alice in den Städten (1974) würde sich heute niemand mehr heranwagen. Rüdiger Voglers Phil Winter trifft in New York Lisa (Lisa Kreuzer) und ihre 11jährige Tochter Alice (Yella Rottländer), und durch eine Verkettung unglücklicher Umstände sitzt er plötzlich allein mit dem Kind im Flugzeug nach Amsterdam. Phil und Alice reisen auf der Suche nach der Mutter bzw. ersatzweise der Großmutter durch verschiedene Städte, von Wuppertal bis ins Ruhrgebiet. Durch die sich entwickelnde Freundschaft mit der munteren 11jährigen gewinnt der mürrische, mit Anfang 30 des Lebens bereits überdrüssige Journalist neuen Lebensmut. Wenders präsentiert diese einfache Geschichte mit umwerfendem Charme. Entsprechend dem Titel werden die städtischen Landschaften fast zu eigenen Charakteren, und natürlich ergibt sich beiläufig (wie in der kompletten Trilogie) auch ein Porträt des Deutschland der 70er Jahren. Im Zentrum steht aber die Chemie der beiden menschlichen Hauptdarsteller. Im 2002 aufgenommenen Kommentar erinnert sich Yella Rottländer mit Freude an die Dreharbeiten, die wohl allen viel Spaß gemacht hatten. Sie erwähnt eine nette Anekdote um Alices T-Shirt mit einer großen aufgedruckten Zwölf - die Kleine war sich nicht sicher, ob sie das mit 11 Jahren überhaupt schon tragen durfte...



Glänzender Abschluss der Trilogie war dann 1976 das fast dreistündige Epos Im Lauf der Zeit. Diesmal geht es um eine Männerfreundschaft zwischen Rüdiger Voglers Bruno Winter und Hanns Zischlers Robert "Kamikaze" Lander. Winter reist mit einem kleinen LKW durch die Dörfer Norddeutschlands und wartet bzw. repariert Kinoprojektoren. Lander hat sich gerade von seiner Frau getrennt und seinen VW-Käfer in einen Baggersee gesteuert. Nach dieser Begegnung dauert es lange, bis die beiden überhaupt ein Wort miteinander wechseln oder sich gar namentlich vorstellen. So ist das halt unter Männern (Frauen kommen hier kaum vor, bis auf Lisa Kreuzer in einer kleinen Episode als Kinokassiererin). Überhaupt passiert äußerlich nicht viel im Lauf der Zeit. Die beiden trösten einen Mann, dessen Frau gerade einen tödlichen Unfall hatte (Marquard Bohm). Robert konfrontiert seinen seit vielen Jahren entfremdeten Vater, und Bruno macht sich im Kino mit der hübschen Kassiererin ein wenig nützlich. Das war's schon fast an Handlung, und doch wird's irgendwie nie langweilig. Einzig die Monologe und Dialoge sind gelegentlich holprig: ein Zeichen, dass Wenders unter diesem Aspekt besser mit anderen Drehbuchautoren zusammenarbeiten sollte. Aber die Kombination der exquisiten Schwarzweiss-Bilder und der sparsam eingesetzten Musik erzeugt einen fast hypnotischen Effekt.



Übrigens hat die FSK damals den Film erst ab 18 freigegeben - Vogler ist gelegentlich (auch frontal) nackt zu sehen, es gibt eine angedeutete Masturbationsszene, und - was die Zensoren damals bestimmt besonders erbost hat - Vogler entleert vor laufender Kamera seinen Darm (ob das eine Premiere im deutschen Kino war?) Heute wirkt das alles so harmlos, dass die Neuausgabe eine FSK12-Einstufung bekommen hat. Und die Wiederkehr des Namens "Winter" sollte man wohl eher als kleinen Scherz von Wenders verstehen. Im Amerikanischen Freund taucht ein Mr. Winter auf, in "In weiter Ferne, so nah" (der schönen, wenngleich nicht weltbewegenden Fortsetzung von Der Himmel über Berlin) und in Lisbon Story, meinem Lieblings-Wenders aus den 90ern, taucht Rüdiger Vogler sogar als Phil Winter wieder auf. Jedenfalls ist Im Lauf der Zeit neben Herzogs "Einer für sich, und Gott gegen alle" mein deutscher Lieblingsfilm der 70er, abgesehen von jenem Ausnahmewerk, für das ironischerweise nicht Wenders, nicht Herzog, und auch nicht Fassbinder 1980 den ersten Oscar für den Besten fremdsprachigen Film nach Deutschland brachte, sondern der ansonsten von mir nicht so geschätzte Volker Schlöndorff mit seinem (einzigen) Meisterwerk Die Blechtrommel. Wenders hat zwar bis heute keinen Oscar gewonnen (er war dreimal für Dokumentationen nominiert), aber uns 1987 mit Der Himmel über Berlin (im Rest der Welt als "Wings of Desire" bekannt) den für mich schönsten und wichtigsten deutschen Film überhaupt geschenkt. Nicht dass ich ansonsten viel vom deutschen Film verstehen würde...



Der fünfte Film der Box fällt ein wenig aus dem Rahmen, nicht nur weil er (wie der "Tormann") in Farbe gedreht wurde. Der amerikanische Freund (1977) ist die (lose) Adaption des damals noch unveröffentlichten Romans von Patricia Highsmith, "Ripley's Game". Dennis Hopper verkörpert die Titelfigur, frisch vom Set von Apocalypse Now eingeflogen. In der eigentlichen Hauptrolle überzeugt allerdings Bruno Ganz, zehn Jahre vor seinem Auftritt als Engel in Berlin (Lisa Kreuzer spielt seine Frau). In Hamburg, Paris und (kurz) München gedreht, sind wegen der amerikanischen und französischen Gäste etwa ein Drittel der Dialoge in Englisch. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, die Originalfassung (ggf. mit deutschen Untertiteln) anzuschauen, die auf der Blu-ray in atmosphärischem 5.1-Ton geboten wird. Wie Pauline Kael damals meiner Ansicht nach zutreffend feststellte, verlor Wenders leider vor lauter Atmosphäre die Geschichte aus dem Auge, die auch ich mir deutlich stimmiger gewünscht hätte. Der dramatische Soundtrack wirkt hier übertrieben, fast penetrant. Die beiden Attentatsszenen sind allerdings durchaus spannend inszeniert, und die aus mehr oder weniger berühmten Regisseuren rekrutierte Ganovengalerie (darunter Nicholas Ray und Samuel Fuller) bringt zumindest Cineasten zum Schmunzeln. Das Ergebnis ist zwar unterhaltsam, aber doch auch anstrengend.



Kommen wir abschließend zum Unerfreulichen. So toll die Auswahl und die technische Qualität der gebotenen Filme ist, so übel und lieblos sind die Extras zusammengestellt. Wenn ich mich recht entsinne, sind nicht mal alle Extras der DVD-Ausgaben rübergerettet worden. Es gibt ein paar geschnittene Szenen, zwei Studentenfilme von Wenders, die lieber im Archiv geblieben wären, und jeweils einen (älteren) Audiokommentar, bis auf den "Tormann", der dafür eine interessante Doku über die Restaurierung durch die Wim-Wenders-Stiftung enthält. Dafür ist das "Gespräch mit Roger Willemsen" zu Falsche Bewegung zweimal vorhanden, nämlich auch noch als Bonus zu Der amerikanische Freund - offensichtlich ein Authoring-Fehler. Das ist schlampig und mindert leider den Sammelwert der Box. Richtig wütend macht mich, dass die amerikanische Criterion-Ausgabe der "Road Trilogy" NEUE Interviews in DEUTSCHER Sprache enthält sowie zusätzliche lange Dokumentationen. Da hat Studiocanal gepennt - die Tatsache, dass hierzulande bei Amazon zwei Monate nach der Veröffentlichung der Box noch keine Kundenrezension zu finden ist, zeugt allerdings vom mangelnden Interesse am Frühwerk des inzwischen 71jährigen deutschen Altmeisters.

Samstag, 27. August 2016

Now You See Me Again: Die Unfassbaren 2 (3/10)

Lumos


Nachdem die Geschichte der vier apokalyptischen Reiter vor drei Jahren ein Überraschungshit wurde, der weltweit immerhin das fünffache seines Budgets einspielte, mußte natürlich eine Fortsetzung her. Louis Leterrier gab die Regie an den Tanzspezialisten und Justin-Bieber-Fan Jon M. Chu ab, und vorab kann ich bereits bestätigen, dass alle Tanzszenen des Hokuspokus-Spektakels gelungen sind. Nach einem ähnlichen Zuschauerzuspruch wie beim ersten Mal ist der dritte Teil bereits beschlossen. Ob dann Mélanie Laurent wieder auftaucht?



Confundo

Aufgrund ihrer Schwangerschaft musste die ohnehin blasse Isla Fisher hier den Zauberstab an TV-Sternchen Lizzy Caplan weitergeben, die allerdings auch keine magische Aura aufbauen kann. Für den Erfolg am chinesischen Markt garantieren Tsai Chin (Man lebt nur zweimal) und das taiwanesische Musiker-Idol Jay Chou sowie Macau als zentraler Drehort des zweiten Akts. Der eigentliche Besetzungs-Coup ist allerdings der Auftritt von Daniel Radcliffe als Schattenguru der Technikwelt mit modisch gestutztem Vollbart , zu Beginn durchaus spaßig, bis die Darstellung des emeritierten Harry Potter etwa ab der Halbzeit wie die seiner Kollegen in sich zusammenfällt (er spielt übrigens - Spoiler-Rätsel - den illegitimen Sohn eines der Altstars). Vermisst habe ich nur Mélanie Laurent.



Geminio

Zwei Steaks schmecken besser als eines - das müssen sich die Autoren wohl eingeredet haben, als sie Woody Harrelson verdoppelten. Sein Wunder-Hypnotiseur hatte selbst im Orginal schon die Glaubwürdigkeit der Tricks strapaziert. Diesmal ist es unmittelbar albern, wie sich die Zwillingsbrüder gegenseitig über den paraphysischen Tisch ziehen. Wenn schon, dann hätte ich mich über ein Spiegelbild von Mélanie Laurent gefreut.



Riddiculus

Dann gibt es da die Szene mit der magischen Codekarte, die irgendwie alle Computer der Welt aufschließen kann, von der es aber offenbar nur eine Kopie gibt, die in einem superfuturistischen Gebäude aufbewahrt wird. Hätte ich dem Film ja alles abgekauft! Selbst dass plötzlich alle vier Zauberer Spielkarten wie Gummibälle jonglieren können. Aber auch dem arglosesten Zuschauer wird sich wohl nicht erschließen, warum die gestohlene Karte immer am Körper desjenigen Reiters versteckt sein muss, der gerade die Leibesvisitation über sich ergehen lässt. Schade - das hätte die schönste Szene des Jahres werden können (sie enthält übrigens die einzige Tanzeinlage). Und wo war Mélanie Laurent?



Arresto Momentum

In China wurde gerade eine spezielle 3D-Version von Jason Bourne gezeigt, die Übelkeit und Ärger verursacht hat. Die Unfassbaren schaffen das ganz ohne eine dritte Dimension, nur mit Handkamera und Stakkatoschnitten. Da gibt es in Macau eine Prügelei mit Mark Ruffalo, die durchaus Ansätze von Coolness hatte. Leider erinnere ich mich nur an ein paar verwischte Bewegungen und Kampfgeräusche, die wohl aus einem Jackie-Chan-Film entliehen waren. Ansonsten war ich enttäuscht von Ruffalo, der völlig uncool durch die Kulissen stolpert. Wahrscheinlich hat er Mélanie Laurent vermisst.



Alohomora

Dann findet sich Ruffalo im Tresor seines Vaters wieder. Aha, dachte ich, jetzt zeigt uns Dylan endlich mal, was ein Houdini ist. Leider Fehlanzeige - er befreit sich zwar aus dem Kasten, nur um danach zu "ertrinken". Spoiler: ein Kollege rettet ihn - das wäre ein genialer Zeitpunkt gewesen, um Alma alias Mélanie Laurent ins Spiel zu bringen.



Wingardium Leviosa

Der Erfolg des ersten Films beruhte auf den spektakulären, trotzdem irgendwie nachvollziehbaren Tricks und der genialen Show, die die Hauptdarsteller auf die Bühne brachten. Davon ist nur noch eine Hülle übergeblieben. Vielleicht ist diese laue Fortsetzung ja eine Reflexion auf unsere moderne Medienwelt, in der eine Berühmtheit einfach nur auftreten muss, um tosenden Applaus zu ernten - die Performance ist zweitrangig. Während die laffe Handlung dem Drehbuch geschuldet ist, muss ich dem Regisseur das Talent zur Schauspielerführung absprechen - wie sonst ist es zu erklären, dass die Stars teilweise wie aufgescheuchte Hühner im Bild umherlaufen (vielleicht waren sie nur auf der Suche nach Mélanie Laurent).

Avada Kedavra

Diese Totgeburt reiht sich nahtlos in die gescheiterten Sequels des bislang bodenlos schlechten Kinojahrs ein, das zudem nicht einen einzigen Film mit Mélanie Laurent zu bieten hat (Angelina Jolie Pitts By The Sea habe ich mir wie alle anderen auch gespart). Mäßig interessant (3/10).

Samstag, 20. August 2016

Himmelfahrtskommando: Suicide Squad (4 Sterne)

Um nicht von den Comic-Fans gemobbt zu werden, verzichte ich auf eine ausführliche Kritik. Hier nur ein paar Worte des Lobs.

Suicide Squad ist komischer als Spotlight, romantischer als Der Rückkehrer, und kürzer als Batman v Superman (aber zur Verteidigung des Autors und Regisseurs David Ayers: er bekam nur drei Wochen.Zeit, das Drehbuch fertigzustellen - mehr ist so nicht zu schaffen). Wie immer, erklären die Macher am besten selbst, wie toll der Film eigentlich ist:


Suicide Squad hat einen klareren moralischen Standpunkt als Zoomania, doppelt so viele weltzerstörerische Schurken wie X-Men: Apocalypse, und die Bedrohung ist glaubwürdiger als in Ghostbusters.



Suicide Squad hat mehr Prügeleien als Captain America: Civil War, viel mehr nette Kerle als Nice Guys, und weniger queere Figuren als The Danish Girl (abgesehen vielleicht von einem gewissen Brony...)



Suicide Squad hat mehr Popsongs als Guardians of the Galaxy, mehr Oscar-Preisträger als Deadpool, und es wird weniger geflucht als in The Hateful Eight (daher PG13, aber FSK16).



In Suicide Squad glänzen Ben Affleck als erneut nicht übler Batman, Jared Leto als bester Joker seit Heath Ledger, und Will Smith mit einer Leistung, die sogar Wild Wild West übertrifft.


























Suicide Squad ist düsterer als Das Dschungelbuch, farbiger als Star Trek Beyond, und weniger dreidimensional als The BFG.



Aber mal im Ernst: Suicide Squad wäre nichts ohne Margot Robbie. Sie ist der vielleicht schönste Hollywood-Star ihrer Generation, für ihre Statur erstaunlich biegsam, und darüber hinaus höllenwitzig (besser kann ich "funny as hell" nicht übersetzen). Nachdem sie in The Wolf of Wall Street die Leinwand zum Explodieren gebracht hatte, ernten wir nun die Früchte der darauf folgenden Engagements.



Während sie in Tarzan noch recht zugeknöpft war, überzeugte sie in Whiskey Tango Foxtrot an der Seite von Tina Fey und erklärte in The Big Short schwierige Finanzbegriffe auch für Männer mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne:


Wann immer ihre Harley Quinn im Bild ist, knistert die Leinwand. Und obwohl ihre besten Sprüche bereits in den Trailern auftauchen, kann man einfach nicht weggucken (und -hören). Will Smith ist nur nominell der Star des Ensemblefilms - Harley Quinn ist der Grund, ins Kino zu gehen - oder zumindest den folgenden Trailer anzuschauen. Und nebenbei bedeutet ihr Auftritt mit Sicherheit den Durchbruch für den Baseballschläger als Mode-Accessoire.


Suicide Squad ist der bisher zweitbeste Beitrag zur Justice League, dem neuen Kinouniversum von DC, und das beste Himmelfahrtskommando des Jahres. Vier Sterne!

Samstag, 6. August 2016

Spaßiges Femake: Ghostbusters (7/10)

In einer Zeit, in der man seine Lieblingsfilme fast in Kinoqualität zu Hause anschauen kann, muss sich die Neuverfilmung eines Kultfilms schon mit einem guten Twist rechtfertigen. Der Geschlechtertausch für dieses Femake der  Ghostbusters von 1984 ist ein solcher gelungener Twist, und das Ergebnis ist besser, als es ein dritter Teil mit der alten Besetzung je hätte werden können. Ich bin durchaus ein Fan des 1989 nachgeschobenen zweiten Teils, aber eine späte dritte Fortsetzung hätte mit ziemlicher Sicherheit die gleichen bleiernen Lähmungserscheinungen wie etwa Blues Brothers 2000 gezeigt (welches immerhin tolle Musik zu bieten hatte).



Hier spielen also gleich vier Komikerinnen auf, von denen ich zwei noch nicht kannte. Zum Glück versuchen sie nicht, die alten Haudegen aus dem Original zu kopieren, sondern schaffen vier neue Figuren, die auch überraschend gleichberechtigt rüberkommen. Die Chemie zwischen den Darstellerinnen könnte man vielleicht noch verbessern, aber für sich genommen bringt jede ihre Stärken ein. Hier sind vier nerdige, selbstbewusste Frauen, keine davon eine Sexbombe, keine auf der Suche nach dem Mann fürs Leben, alle schlagfertig und unabhängig. Kein Wunder, dass das bei den (männlich nerdigen) Kernnutzern des Internets Angstzustände und Panikreaktionen hervorrief. Was kommt als nächstes - die Big Bang Theory mit weiblichen Wissenschaftlern? Anderseits: Bis auf Penny sind in der BBT doch alle Frauen auch mehr oder weniger nerdig! Ein guter Kommentar zu diesem Shitstorm findet sich bei den Fünf Filmfreunden.



Der Star, der trotz der Hasskampagne im Vorfeld dann doch die Fans in die Kinos lockte, ist natürlich Melissa McCarthy. Sie spielt klugerweise ein wenig gegen den Strich gebürstet. Ihre Abby ist zwar schrullig, aber nie vulgär, auch wenn es ein wenig schade ist, dass sie durch die PG13-Freigabe ausgebremst wird und ihrem Mundwerk nicht wie im Überraschungshit des letzten Jahres freien Lauf lassen kann. In Melissas Durchbruch (und erster Zusammenarbeit mit Regisseur Paul Feig) Brautalarm hatte Co-Star Kristen Wiig die nominelle Hauptrolle als erste Brautjungfer. Ich persönlich kann sie nur in kleinen Dosen ertragen, als leicht verklemmte Physikerin Erin ist sie hier immerhin minimal nervig. Ihre Reaktionen auf den Rezeptionisten sind allerdings herrlich (wie der Trailer bereits versprach).



Leslie Jones wird als Quotenschwarze in den Credits natürlich erst als Vierte genannt, macht aber mit viel Energie das beste aus ihrer leicht klischeehaften Rolle. Ihre pfiffige Patty steht jedenfalls lange nicht so im Abseits wie dereinst Ernie Hudson, der damals allerdings die undankbare Aufgabe hatte, in letzter Minute für Eddy Murphy einzuspringen. Und dann ist da Kate McKinnon als Ingenieurin Jillian Holtzmann. Von ihr kamen bis zum Schluss die besten Überraschungen, von ihren in Rekordzeit zusammengeflickten Gadgets über ihre flotten Sprüche bis hin zu einigen lässigen Tanzschritten.



Der fünfte im Bunde ist Donnergott Chris Hemsworth persönlich. Auch hier wird die schräge Annie Potts nicht einfach ins Männliche transponiert, sondern durch eine Neuschöpfung ersetzt. Kevin ist ein wandelnder Blondinenwitz, und die Damen geben gern zu, dass sie ihn hauptsächlich zum Angucken eingestellt haben (gegen Ende hat er immerhin fast raus, wie das Telefon zu bedienen ist). Ich kann nicht verstehen, wie einige Kritiker das als hölzern beschreiben können. Der Australier stürzt sich mit Wonne (und herrlich breitem Akzent) in diese ungewohnte Rolle, auch wenn die um ihn gestrickten Gags nicht so präzise rüberkommen wie in den Trailern (die einer komplett anderen Logik folgen). Allein seine im Abspann gezeigte Tanzchoreographie ist das Eintrittsgeld wert.



In den Nebenrollen geben sich etliche bekannte Gesichter die Ehre, Fans von Saturday Night Live haben natürlich die Nase vorn. Da geben sich etwa "Tywin Lannister" Charles Dance als Autoritätsfigur (was sonst) und der Pate dritter Generation Andy Garcia als Bürgermeister die Ehre. Es gibt Blinzel-und-du-hast-es-verpasst-Cameos von Dan Aykroyd (als Taxifahrer, der nicht an Geister glaubt), Ernie Hudson (als Pattys Onkel), Annie Potts (sorry, hab ich übersehen) und dem Sohn des 2014 verstorbenen Harold Ramis. Bis auf Rick Moranis sind tatsächlich alle Helden von damals vertreten, Bill Murray (als Entlarver von Scharlatanen des Übernatürlichen) und Sigourney Weaver (in den Credits als Jillians Professorin) sogar ein wenig ausführlicher.



Leider sind im Remake zwar die Figuren eigenständig, die Handlung aber ist viel zu stark an die ollen Kamellen angelehnt, die schon in den 80ern nur einen allzu wackligen Rahmen für die Kapriolen der Darstellertruppe boten. Das Buch stammt übrigens von Regisseur Paul Feig und Katie Dippold (die für Melissa bereits das gar nicht üble Taffe Mädels geschrieben hatte). Die Effekte waren am Computer bestimmt einfacher zu erzeugen als in den 80ern; leider wurde hier das Budget bis zum Overkill ausgereizt. Dass am Ende eine ewig lange Zerstörungsorgie steht, kennen wir ja schon von jedem anderen Blockbuster. Immerhin gibt es diesmal ein paar nette 3D-Effekte, auch wenn die dritte Dimension ansonsten nicht notwendig für den Filmgenuss ist. Auch wenn das erhoffte Gagfeuerwerk nicht immer zündet und viele Szenen eher zum Schmunzeln geraten sind, kann man hier bei einem vorurteilslosen Besuch viel Spaß haben. Gut (7/10).

Donnerstag, 4. August 2016

Nostalgisches von John Irving: Avenue of Mysteries

Die "Straße der Rätsel" liegt in Mexico Stadt und führt zur Basilika der Jungfrau von Guadalupe. Der Legende nach erschien Guadalupe im Jahr 1531 dem Bauern Juan Diego. Die katholische Kirche beeilte sich, die dunkelhäutige Heilige als Inkarnation der Jungfrau Maria zu vereinnahmen. Der Roman spielt allerdings (in seinen mexikanischen Rückblicken) in der Kleinstadt Oaxaca und erzählt, wie dort eine überlebensgroße Marienstatue ihrer Nase verlustig wurde und diese später wiedergewann (nebst einer Nachdunklung ihrer Hautfarbe). Bin ich nicht hier, da ich doch Deine Mutter bin?



Hauptfigur ist Juan Diego, im Jahr 2010 ein weltberühmter Autor, der mit 14 Oaxaca verließ und nach Iowa zog. Nun ist er Mitte 50 und reist zu den Philippinen, um ein altes Versprechen einzulösen. Teilweise bedingt durch unkluges Experimentieren mit seinen Bluthochdruck-Medikamenten, verbringt er den Großteil seiner Reisewoche im verwirrten Traumzustand und erinnert sich an seine Jugend in Mexiko; ein Thema, welches er in seinen Romanen stets vermieden hatte. As I walked out in Laredo one day, I spied a young cowboy, all wrapped in white linen, Wrapped up in white linen and cold as the clay.



John Irving legt Wert darauf, dass sein Werk nicht autobiographisch ist. Er zieht als Beispiel die Shakespeare-Kontroverse heran, mit der strittigen Hypothese, nach der die Werke des Barden unmöglich alle aus dem Erfahrungsschatz einer einzigen Person herrühren können. Irving schlägt sich auf die Seite der Fantasie; er ist (wie Shakespeare) ein Autor, dessen Vorstellungskraft Figuren schaffen kann, die vielleicht nicht außerhalb seines Erfahrungshorizonts, aber doch weit jenseits seiner eigenen Biographie liegen. Trotzdem scheint mir, dass sich Irving mit Juan Diego besonders identifiziert. Er gibt seinem Protagonisten zwar seinen sehr spezifischen eigenen Werdegang, dazu aber seinen persönlichen schriftstellerischen Hintergrund mit (eine Reihe von Irvings Lieblingsautoren und -bücher werden im Roman genannt, siehe etwa die Liste aus der New York Times). Zudem sind die genannten Motive aus Juan Diegos Werk fast Zitate aus Irvings Oeuvre, vom Wassertrinker bis hin zum Abtreibungsdoktor. Auch die Handlung enthält bekannte Versatzstücke. Die transsexuelle Prostituierte Flor erinnert an Roberta aus Garp, wieder spielt ein Zirkus eine wichtige Rolle, und die Teilgeschichte um Juan Diegos Adoptiveltern ist fast eine Coda zu In One Person. Und dann gibt es die Obsession mit Betablockern und Viagra, die eher zu einem älteren Mann passen würde. Nur Bären kommen nicht vor - ein Umstand, der Irving sicher viel Überwindung gekostet hat. All dies erzeugt ein für Irving ungewöhnliches Gefühl der Nostalgie; ob sich hiermit der 74jährige Autor in der Verkleidung eines 54jährigen von seinen Lesern verabschiedet?



Bei aller Nostalgie hat Irving doch nichts von seinem Biss verloren und ist immer noch zu kraftvollen Neuschöpfungen fähig. Zunächst dachte ich, es ginge um das Thema Einwanderung. Aber wie im Werk von Juan Diego wird dies kaum thematisiert - sein Lebenslauf besteht einfach aus zwei verschiedenen Lebensabschnitten. Stattdessen steht die katholische Kirche im Mittelpunkt. Nachdem Irving bereits in Owen Meany den Theodice-Begriff ad absurdum geführt hatte, macht er sich nun über die Marienverehrung lustig. Dabei ist es geschickt, wie er auf der einen Seite seiner Verachtung des Katholizismus (insbesondere des polnischen Papstes Johannes Paul II.) Ausdruck verleiht und auf der anderen Seite einige Vertreter des Klerus in sympathisches Licht rückt, insbesondere Bruder Pepe, den Lehrer und Beschützer Juan Diegos, den er als "Müllhaldenleser" entdeckt und in seine Obhut genommen hatte. Aber auch die konservativen Priester Alfonso und Ocatavio sind keine Schurken (Pädophilie gibt es hier nur in Gestalt eines Löwenbändigers). Über Mexiko sonst erfährt man allerdings nicht besonders viel.

Die Philippinen dienen übrigens eher als Spiegel Mexikos, mit einer vergleichbaren Missionierungs- und Kolonialisierungsgeschichte, ähnlichem Klima (Geckos!) und besagter Marienverehrung - die Heilige Guadalupe wird auch in den Philippinen verehrt. Natürlich mögen die Ähnlichkeiten nur oberflächlich sein oder sich gar nur im gelegentlich delirischen Kopf von Juan Diego so darstellen. Die Geschehnisse in Manila sind ohnehin nicht so interessant wie die Rückblicke auf die Kindheit zwischen Waisenhaus und Müllhalde, deren Boss übrigens "wahrscheinlich" Juan Diegos Vater, aber "ziemlich sicher nicht" der Vater seiner kleinen Schwester (Guada)Lupe ist. Die Mutter ist, wie man fast erraten kann, Putzfrau und Prostituierte. In der Gestalt von Lupe (in den Rückblicken) und dem Mutter-Tochter-Gespann Miriam und Dorothy in der Gegenwart findet sich übrigens eine für Irving gehörige Portion von magischem Realismus (Marquez' Hundert Jahre Einsamkeit gehört zu Irvings und meinen Lieblingsromanen). Die neunmalkluge, unflätige, gedankenlesende Lupe, deren Kauderwelsch jedoch nur von ihrem Bruder verstanden werden kann, ist bei weitem die interessanteste Figur des Romans, und (wie bei Irving zu erwarten) auch die tragischste. Miriam und Dorothy dagegen sind eher komisch-erotisch angelegt. Zwar offenbar nicht komplett der Vorstellungskraft von Juan Diego geschuldet, scheinen sie eine Form von Succubi zu sein (wobei die Viagra-Tabletten von Nutzen sind). Dagegen verblassen auch die dem Müllhaldenleser gelegentlich erscheindenden Geister der amerikanischen Soldaten, die von den Vietkong zu Tode gefoltert wurden.



Wie immer man den Nostalgiefaktor versteht, mit Avenues of Mysteries hat mein Lieblingsautor erneut einen tollen Roman veröffentlicht. Es ist wohl kein Publikumsliebling wie Garp, und wie er die Welt sah oder das Hotel New Hampshire, sicher kein zeitloses Meisterwerk wie Gottes Werk und Teufels Beitrag oder A Prayer for Owen Meany, auch nicht so packend und emotional umwerfend wie der Vorgänger In One Person (2012), aber (wenn es so sein soll) auf jeden Fall ein würdiger Abgang. Nachdem mir Last Night in Twisted River (2009) überhaupt nicht gefallen hatte, war ich schon auf das Schlimmste gefasst. Aber das war wohl nur ein einzelner Aussetzer. Auf die bedächtige, noch stärker als sonst von Wiederholungen geprägte Erzählweise in Avenida de los Misterios muss man sich einlassen; zu keinem Zeitpunkt ist sie sentimental - Empfindungen müssen im Leser selbst entstehen, wenn Irving etwa nüchtern und fast im medizinischen Fachjargon das Leiden einer 14jährigen nach einer verpfuschten Abtreibung schildert. Dies ist kein guter Moment für ein Erdbeben...