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Sonntag, 12. November 2017

Klassische Rezension: American Beauty (Sam Mendes, 1999)

Selten nur wagt man es direkt nach einem Kinobesuch, von einem Meisterwerk zu sprechen. Oft muß man einen Film ein zweites Mal sehen, bevor man ihn wirklich einzuschätzen weiß. Aber hier gab es keine Zweifel, hier war unmittelbar zu spüren, daß Kinogeschichte geschrieben worden war. Trotz Schindlers Liste, trotz Pulp Fiction, trotz Das Leben ist schön: Dies ist für mich der beste Film der 90er. Umso erstaunlicher, daß dieser Film das "Amerikanisch" sogar im Titel trägt, nachdem zuvor zweimal in Folge ein Italiener den für mich besten Film des Jahres abgeliefert hat (Benignis Das Leben ist schön und Tornatores Die Legende vom Ozeanpianisten). Und da Kritik und Publikum sich selten derart einig waren, braucht man eigentlich nicht viel mehr Worte zu verlieren. Ein Glücksfall von Drehbuch, ein Theaterregisseur in seinem Kinodebüt, der erstaunlich cineastisch inszenieren kann, und sensationelle Darsteller wirkten zusammen, um dies zu ermöglichen. Und treibende Kraft war wieder einmal Steven Spielberg, dessen Produktionsfirma Dreamworks das Projekt anging; damit ist dies quasi das dritte Meisterwerk der 90er, für das er verantwortlich zeichnet (nach seinen eigenen Filmen Schindlers Liste und Der Soldat James Ryan).

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Nach solch abstraktem Lob trotzdem ein paar Bemerkungen zum Film selbst: American Beauty ist ein vielschichtiges Werk, dem es gelingt, Zugang zu den verschiedensten Zuschauern zu finden. Es ist höchst philosophisch, ohne sich aufzudrängen. Es ist unmoralisch, aber zutiefst ethisch (nicht das gesellschafliche Tabu bewegt Lester Burnham , die Verführung der Freundin seiner Tochter abzubrechen, sondern die Erkenntnis ihrer Unschuld). Es fordert Toleranz nicht nur für Schwule, sondern auch für Menschen, die Angst vor Homosexualität haben. Es zeigt eine (nicht nur amerikanische) Schönheit des Lebens, die selbst einer Plastiktüte im Wind anhaften kann. Es ist komisch, ohne jemals der Albernheit zu verfallen. Es zeichnet Menschen, die es so nicht gibt, in denen sich aber jeder wiedererkennen kann, der es nur genug versucht. Und es illustriert den Zerfall einer Gesellschaft, die auf Lügen und falschen Idealen gebaut ist.

Mittwoch, 1. November 2017

Thöricht: Ragnarök (8/10)

Thor war noch nie der plausibelste Avenger. Genaugenommen zwar kein Gott (wie Phil Coulson nicht müde wird zu erklären), entstammen er und seine dysfunktionale Familie doch der nordischen Mythologie und  nicht der Welt der Comic-Wissenschaft. Hulk und Spiderman verdanken ihre Kräfte "radioaktiven Experimenten", Captain America wurde dank eines Drogencocktails zum Superman, Ant Man kann sich mittels einer raffinierten Erfindung verkleinern (und vergrößern), und Iron Man verwandelt seine Dollars mit viel Ingenieurskunst in Heldentum. Thor dagegen - fällt einfach vom Himmel. Er besitzt nicht nur den überlegenen Körper eines Asgardiers, sondern kann je nach Handlungsbedarf beliebige geheimnisvolle Kräfte eines Donnergotts manifestieren. Mehr Mysterium hat eigentlich nur Dr. Strange zu bieten (der Auftritt von Benedict Cumberbatch beschränkt sich hier leider auf eine Erweiterung des bereits bekannten Teasers).

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Daher konnte man Thor noch nie so recht ernst nehmen, auch wenn Shakespeare-Spezialist Kenneth Branagh beim Debut sein bestes gab. Außer (gerade in 3D spektakulären) Schauwerten, einer amüsanten Fish-Out-Of-Water-Geschichte ("Bringt mir ein Pferd!) und einer mauen Romanze kam dabei aber nichts überragendes heraus. Sogar Anthony Hopkins als Odin wirkte hölzern. Gerettet hat das Unterfangen schließlich ein Nebendarsteller, an sich als Wegwerfbösewicht konzipiert. Tom Hiddleston machte Loki zum Star der Neun Welten, und Loki Tom Hiddleston zum Starschurken des Marvel-Universums. In der Fortsetzung unter der Leitung von GoT-Kämpe Alan Taylor kam es dann zum gleichberechtigten Schlagabtausch der Brüder, in einer rasanten Action- und Effektorgie, an der ich viel Freude hatte. Während die Hauptfiguren ihren Leidensweg gingen, sorgten einige Nebendarsteller für komische Erleichterung, allen voran Stellan Skarsgård als durchgeknallter Wissenschaftler mit Hang zum Nudismus.

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Und nun wurde der Hammer weitergereicht an den Kiwi Taika Waititi, bekannt geworden durch seine herrliche Vampir-Dokumentation Fünf Zimmer Küche Sarg ("What We Did in the Shadows"). Letztes Jahr landete er einen von Kritikern hochgelobten Arthaus-Hit mit Wo die wilden Menschen jagen, über die Freundschaft eines älteren Witwers (Sam Neill) zu seinem Teenager-Adoptivsohn. Mich hat das Abenteuer im neuseeländischen Busch tonal nicht überzeugt. Die Figurenzeichnung fand ich sehr uneben, und der Abschluss der Verfolgungsjagd war einfach nur lächerlich. Daher und auch aufgrund der Trailer war ich sehr skeptisch, ob dieses Konzept für zwei Stunden Thor aufgehen könnte.


Aber hallo! Auch wenn der Film haarscharf an der Grenze zur Albernheit balanciert, gibt es nur seltene Fehltritte. Thor: Ragnarök ist schlicht die beste Komödie des Jahres. Nun ja, abgesehen von Die Mumie ist es auch die einzige ausgesprochene Komödie, die ich dieses Jahr bisher gesehen habe. Aber trotzdem! Selten so gelacht! Oder zumindest geschmunzelt. Schließlich geht es eigentlich um den Weltuntergang, die Geschichte beginnt in der Hölle, und es wird gemetzelt und gemeuchelt, was das Zeug hält. Vielleicht passt das zum Fest Halloween, denn je mehr Menschen sich als Horrorfiguren verkleiden, desto weniger Gewicht hat der Schrecken, der diesen eigentlich innewohnt. Und das ist auch meine Hauptkritik an Ragnarök, nämlich dass die Charaktere keinerlei Tiefe mehr haben und stattdessen für jeden Witz gut sind. Anderseits ist das immer noch besser als die Pseudopsychologie von Captain America: Civil War. Alberner als jede Filmszene ist übrigens der deutsche Verleihtitel "Thor: Tag der Entscheidung". Als ob man in Europa Ragnarök übersetzen müsste (im Englischen verlor es nur den Umlaut). Und wenn schon, dann wenigstens als "Thor: Götterdämmerung". Man muss kein Wagner-Fan sein, um das zu verstehen...

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Dass Chris Hemsworth ein begnadeter Komiker sein kann, weiss man spätestens seit Ghostbusters, eigentlich bereits seit Cabin in the Woods. Auch in dieser Hinsicht funktioniert das Zusammenspiel mit Tom Hiddleston ganz gut, aber sein eigentlicher Buddy in diesem dritten Outing ist Mark Ruffalo als Bruce Banner bzw. (meist) als Hulk - ein Traumpaar (oder Trio?) Dazu gibt es wie in den meisten guten Komödien eine Vielzahl gelungener Nebenfiguren. Das beginnt mit einem besonderen Cameo, das leider so schnell vorbei ist, dass ich es selbst erst im Nachhinein identifizieren konnte (Tip: ein Bruder, ein Marsianer, ein Dinosaurierforscher). Dann ist da der Chefgladiator Korg, ein skurilles Steinwesen mit Kiwi-Akzent, das per Motion Capture vom Regisseur persönlich animiert wurde. Unter weiteren Alien-Masken verbergen sich u.a. Zachary Levi (Chuck) und Clancy Brown. Mein Favorit unter den Revengern ist allerdings Tessa Thompson als Walküre: sexy as hell (wie die Angelsachsen sagen würden), umwerfend komisch (wenn der Alkohol sie nicht selbst umwirft) und mit einer den Stars ebenbürtiger Ausstrahlung (ich bin schon gespannt, welche Rolle sie in Westworld spielt - da warte ich auf die UHD-Veröffentlichung Ende des Monats). Neben Hauptdarsteller Sam Neill taucht auch Rachel House, die furchteinflößende Sozialarbeiterin aus Wo die wilden Menschen jagen, als Assistentin des Grandmasters auf.

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Und dann sind da die Schurken, allen voran das LotR-Team Cate Blanchett und Karl Urban. Cates prominente Wangenknochen wurden von der Kostümabteilung effektvoll zu einem Geweih verlängert, ihre Todesgöttin ist eine bedrohliche Variante von Galadriel, und zumindest ihr computerisiertes Double hat beeindruckende Moves drauf. Karl Urban spielt nach Eomer auch hier wieder nur das zweite Schwert, aber manchmal ist der Wiedererkennungswert für solche Rollen am wichtigsten. Niemand wird hierfür Oscars gewinnen, aber wenn überhaupt, dann möchte ich Jeff Goldblum für diese Ehre vorschlagen. Er spielt den Grandmaster mit solcher süffisanten Raffinesse, dass ich gern noch viel mehr von ihm gesehen hätte. Er kann ja sowohl Komödie (Das lange Elend, Der Gefallen, die Uhr und der sehr große Fisch), Blockbuster (Jurassic Park, Independence Day) als auch Drama, siehe etwa einen meiner Lieblingsfilme: Der große Frust von Lawrence Kasdan (1983).

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Nicht wieder dabei ist Natalie Portman. Nicht nur, dass nicht so recht in die Handlung gepasst hätte; sie kann einfach nicht (mehr) komisch sein. Spätestens seit ihrem Oscar-Gewinn ist sie unter dem Gewicht ihrer Rollen implodiert - die Leichtigkeit ihrer Teenager-Rollen ist ihr abhanden gekommen. Auch Jaimie Alexander als  würdevolle Lady Sif sucht man hier (leider) vergebens. Willkommener Rückkehrer ist allerdings Idris Elba als Heimdall, mit einer größeren Heldenrolle. Außerdem ist er ja mit seinem Schwert für das asgardische Reiseportal zuständig. Da dieses aber von feindlicher Übernahme bedroht ist, kommen nun auch etliche spannend konzipierte Raumschiffe ins Spiel. So wird auch eine Brücke geschlagen zu den Guardians of the Galaxy, die sich ja im April in Infinity War mit den Avengers zusammentun sollen (das wird wohl ein ziemliches Gedränge). Und auch wenn Thor anders als James Gunns Weltraumoperetten von einem eher herkömmlichen Score des bisher wenig bekannten TV-Komponisten Mark Mothersbaugh untermalt ist, so ist zumindest der Gebrauch des Led-Zeppelin-Klassikers Immigrant Song denkwürdig. Dessen Text beschwört passenderweise Valhalla, was aber in Robert Plants heulenden Gesang eher untergeht...

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Nun haben wir in diesem Jahr also tatsächlich eine dritte höchst spaßige Comic-Verfilmung gesehen. Ich vermute allerdings stark, dass dies der letzte Höhepunkt des Jahres bleibt. Wäre es nicht toll, wenn zumindest bei den Golden Globes Wonder Woman als bestes Drama und Thor: Ragnarök als beste Komödie ausgezeichnet würden?

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Da steh ich nun, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor. Sehr gut (8/10).

Montag, 30. Oktober 2017

Klassiker auf Blu-ray #20: Bram Stokers Dracula (Francis Ford Coppola, 1992)

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Wenn zu Halloween allerorts Horrorfeste gefeiert werden, möchte ich mich nicht völlig ausschließen. Das Genre, insbesondere seine jüngeren Auswüchse, gruselt mich zwar eher unfreiwillig. Doch der Faszination des Vampirs konnte ich mich nie so recht entziehen. Als Jugendlicher hatte mir Christopher Lee als Graf Dracula Alpträume bereitet. Das Wiedersehen mit der britischen Billig-Produktionen aus dem Jahr 1958 fand ich allerdings recht enttäuschend. Lee gab den Grafen bis 1976 noch mehr als zehnmal, mehrfach mit Peter Cushing als Gegenspieler van Helsing (beide sind der jüngeren Generation nun als Star-Wars-Bösewichter bekannt). Die Horror-Ikone gefällt mir allerdings viel besser als bloßer Lord im einzigartigen Mystery-Thriller The Wicker Man von 1973 (inzwischen auch hierzulande restauriert als Blu-ray erhältlich - bitte nicht mit dem allseitig verrissenen Nicolas-Cage-Remake verwechseln!)

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Vielleicht bin ich auch verwöhnt von den expressionistischen Vorgängern aus der Frühzeit des Kinos. Max Schreck in Murnaus Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens (1922, 8/10) kann auch heute noch erschrecken, und auch Bela Lugosi in Tod Brownings erstem mit Ton gedrehten Dracula (1931, 7/10) läßt dem Zuschauer erst das Blut in den Adern erfrieren, bevor er ihm bei seinem tragischen Ende das Herz bricht. Gleiches gelang 1979 auch Klaus Kinski in Werner Herzogs versponnenem Nosferatu: Phantom der Nacht, mit Isabelle Adjani als zartestem Blutopfer der Filmgeschichte (gerade merke ich, dass der deutsche Wunderling Mina und Lucy vertauscht hat). Und dann kam (heute vor 25 Jahren) Francis Ford Coppola...

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So wie Murnau und Herzog den Namen Dracula nicht verwenden durften, musste Coppola seinen Film aus rechtlichen Gründen Bram Stokers Dracula nennen. Das Script von James V. Hart, auch sonst für leichte Kost bekannt (Hook, Contact), greift mehr Elemente aus Stokers Roman auf als die meisten Vorgänger, trifft vor allem aber ein gehöriges Stück Substanz des Originals. Coppola stellt zum einen die tragische Liebesgeschichte in den Mittelpunkt, darf zum anderen aber gut 100 Jahre nach der Entstehung der spätviktorianischen Abenteuergeschichte die sexuellen Metaphern betonen. Da werden gleich zu Beginn sehr freizügig die Vorzüge von Lucys Liebhabern diskutiert, später werden Vergleiche zwischen Vampirismus und der Syphilis gezogen, und Harker darf ausführlich mit den drei "Schwestern" (darunter Monica Belluci in ihrem US-Debut) im Bett umhertollen.

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Für mich ist Coppolas Dracula (mit dem inoffiziellen, von Kenneth Branagh inszenierten Sequel Mary Shelleys Frankenstein) so etwas wie ein Wendepunkt in der Darstellung der klassischen Horror-Figuren, übrigens drei Jahre später von Mel Brooks in seinem letzten Film mit mäßigem Erfolg verulkt als Dracula: Tot aber glücklich ("Dead and loving it", mit Leslie Nielsen als Titelheld!). Danach begannen die Studios, Dracula, Frankensteins Monster, die Mumie und andere zu mehr und mehr generischen Actionstoffen zu verwursten. Damit war Coppola der letzte, der den Expressionisten Tribut zollte, mit wunderbaren Schattenspielen, die die heftigen Gewaltszenen entschärfen, und reichhaltigen Tricks aus der Effekttüte: Wolkenbilder, aus denen plötzlich bedrohlich die Augen des Grafen herabschauen; Schatten, die sich verselbständigen; Draculas Metamorphosen von Mensch zu Wolf zu Fledermaus zu grünem Dampf. Das sind phantastische Bilder, atmosphärisch unterstützt von Oscar-prämierten Soundeffekten, bei denen gelegentlich der Spannungsbogen der Abenteuergeschichte verloren geht. Das ist nicht weiter tragisch - es macht einfach großen Spaß zuzusehen. Und das liegt natürlich auch an den Darstellern.

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Bei der Besetzung konnte der Altmeister aus dem vollen schöpfen. Gary Oldman in der Titelrolle sehe ich ein bisschen zwiespältig. Ich finde, die (mit dem Oscar ausgezeichnete) Maske hat ihm gelegentlich keinen Gefallen getan, insbesondere als alter Mann wirkt er auf mich leicht lächerlich. Aber als verzweifelter Liebhaber ist er durchaus anrührend, obwohl er sonst eher für seine extravaganten Schurken bekannt war, zuletzt allerdings leicht gegen den Typ als Sirius Black  (der heute 59jährige Brite wird gerade für seine Darstellung von Winston Churchill als heißer Oscar-Kandidat gehandelt). Keanu Reeves als Harker kommt seine typische Blässe einmal gelegen, und Winona Ryder als eher biedere Mina agiert geschickt im Kontrast zu Sadie Frost als mannestoller Lucy. Anthony Hopkins als van Helsing hat offensichtlich große Freude, wissenschaftsverbrämten Unsinn von sich zu geben und dann den hungrigen Helden zu spielen. Gleiches gilt für Tom Waits als Renfield, der mit Genuss Maden und Insekten vertilgt und nach seinem Meister heult. Dazu kommen Cary Elwes, Richard E. Grant und Bill Campbell als Lucys Beaus, Niemand nimmt seine Rolle allzu ernst, und so sollte es sein.

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Die Mischung war 1992 ein ordentlicher Hit und landete unter den zehn erfolgreichsten Filmen des Jahres. Für mich war es leider das letzte gelungene Werk von Francis Ford Coppola. Er hatte in den 70ern fünf Oscars gewonnen und mindestens drei Meisterwerke für die Ewigkeit geschaffen: Der Pate, Der Pate Teil 2, Apocalypse Now. Danach ging er aber mit der merkwürdig-misslungenen Musical-Romanze Einer mit Herz finanziell baden, wovon er sich nie wieder so recht erholte. Gelegentlich gelangen ihm noch unterhaltsame Filme (Peggy Sue hat geheiratet, Tucker, Der Pate Teil 3), aber davon war Bram Stokers Dracula dann auch der letzte. Sehr gut (8/10).

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Zum Jubiläum wurde der Film neu in 4K abgetastet und jetzt auch als UHD-Blu-ray veröffentlicht. Der Aufwand hat sich gelohnt, das Ergebnis wirkt frischer als viele aktuelle Produktionen. Leider liegt der Vertrieb der UHD-Scheibe exklusiv bei Saturn und MediaMarkt, die nicht nur überhöhte Preise dafür verlangen, sondern auch zu knausrig sind, um (wie sonst üblich) die Blu-ray beizulegen. Dadurch bekommt man auch keine Extras geboten (die alle auf der Blu-ray zu finden wären). Gleiches gilt übrigens auch für Spielbergs Unheimliche Begegnung der Dritten Art (die nach 40 Jahren zwar toll aussieht, aber noch genauso langweilig ist). So wird sich das neue Format nie durchsetzen!

Samstag, 21. Oktober 2017

Dilettantisch: Blade Runner 2049 (1/10)

Vielleicht ist die Zeit der originalen Stoffe vorbei. Vielleicht gibt es keine neuen Ideen mehr. Aber wenn man schon alte Kamellen aufwärmt, sollte man zumindest wissen wie. Hauptkompetenz heutiger Regisseure scheint aber zu sein, innerhalb von Budget und Zeitrahmen zu bleiben. Der Francokanadier Denis (gesprochen: "Denny") Villeneuve ist ein gutes Beispiel dafür. Nach den 164 Minuten IMAX-Bedröhnung seiner von Ridley Scott produzierten Fortsetzung meines Lieblingsfilms erkenne ich, dass meine bisherigen Kritiken (Sicario, Arrival) viel zu wohlwollend waren. Villeneuves Werken wird gern audiovisuelle Kraft unterstellt. Aber ein paar expressive Farbtupfer ergeben noch kein meisterhaftes Gemälde, und ein paar schräge Akkorde noch keinen Progrock. Gleich die erste Szene von Blade Runner 2049 ist ihm misslungen. Die Konfrontation von K (Ryan Gosling) und Sapper (Dave Bautista) sollte wohl cool sein, wirkt aber nur konfus. Und so geht es leider weiter. Ja, es gibt tolle Bilder, aber Atmosphäre will sich trotzdem nicht einstellen. Und die Musikuntermalung aus der industriellen Hans-Zimmer-Schmiede "zitiert" gelegentlich Vangelis mit einem Synthesizerklang, bleibt aber vor allem als Hintergrunddröhnen im Gedächtnis.

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Filmemachen ist ja so einfach. Man hält die Kamera auf die Schauspieler drauf und reiht die Bilder danach aneinander. An Filmhochschulen kann man das Handwerk lernen: Totale, Halbtotale, Nahaufnahme. Dolly, Schwenk, Handkamera. Fokus, Tiefenschärfe, Framing. Farbgebung, Beleuchtung, Ausstattung. Aber niemand kann so recht lehren, wie man mit diesen Mitteln eine Geschichte erzählt. Und viele junge (und auch etliche ältere) Regisseure können das einfach nicht. Es ist ein nicht fassbares Talent, das Studioleitern und Produzenten nicht messen können und deshalb weitgehend ignorieren. Schlimmer noch: Viele Zuschauer bemerken gar nicht mehr, ob eine Geschichte gut oder schlecht erzählt wird! Auch bei vielen Kritikern kann man beobachten, dass sie das Gesehene im Nachhinein nach Gutdünken uminterpretieren. So wird dann in einer Rezension plötzlich Luv zur Hauptfigur, ihren Tränen emotionale Bedeutung unterstellt (für mich sah es eher so aus, dass der Darstellerin gelegentlich unmotiviert das Wasser in den Augen stand). Das ist dann so wie in Computer- oder Rollenspielen, wo jeder sich aus einem Baukasten von Klischees Zutaten entnimmt und seine eigene Fantasie erzeugt. Das ist aber keine Art Kino, an der ich interessiert bin. Dann sind wir bald soweit, dass man statt der Kinoleinwand eine Fassade von Spiegeln installieren kann, so dass sich jeder Zuschauer selbst zwei Stunden lang aus interessanten Blickwinkeln begutachten kann.

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Viele Musikstudenten können heute "im Stil von Mozart" komponieren, viele angehende Maler "wie Van Gogh" malen. Hörens- oder Sehenswertes kommt dabei trotzdem nicht raus. Kino ist zudem viel komplizierter als die bildenden Künste. Es ist nie nur der Regisseur, der einen Film formt. Manchmal gebiert der chaotische Schmelztiegel von herausragenden Talenten ein Meisterwerk, bei dessen Fertigsteller der Regisseur nur Motor war (siehe etwa Casablanca). Und natürlich waren schon immer die handwerkliche gediegenen Regisseure in der Überzahl, die ein gutes Script gelegentlich auch mal zu einem herausragenden Film verarbeiten konnten. Auch das sinnentleerte Kopieren von Stilmitteln hat Tradition. Bestes Beispiel hierfür ist Peter Bogdanovich, der die Methoden seiner Helden (insbesondere Hawks und Hitchcock) akribisch kopierte, dabei aber vielleicht zweimal etwas eigenständiges zur Filmgeschichte beitrug (mit Die letzte Vorstellung und Paper Moon). Da lobe ich mir Ed Wood, der zwar keinerlei handwerkliche Fähigkeiten hatte, aber immerhin einen unbändigen Willen, seine eigenen Geschichten zu erzählen. Das ist der Grund, warum Plan 9 From Outer Space trotz an Fäden aufgehängter UFOs und Styropor-Grabsteinen auch heute noch zu unterhalten weiss. Villeneuve hingegen kann seine teuren Hilfsmittel und sein begabtes Team (inklusive Drehbuchbeteiligung von Originalautor Hampton Fancher) nicht in den Dienst eines ordentlichen Films stellen. Sein Kamerachef Roger Deakins zum Beispiel, der nach 13 Nominierungen noch immer auf seinen ersten Oscar wartet, hat mit O Brother, Where Art Thou? und No Country For Old Men zwei der schönsten Coen-Filme photographiert.

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Die Replikanten aus Blade Runner waren Pinocchios: Kunstwesen mit fast kindlicher Persönlichkeit, entwickelt in nur wenigen Jahren Lebenszeit, verwandt mit Sebastians mechanischen Spielzeugautomaten, und doch menschlicher als die meisten ihrer Gegenspieler. Da war Leon, der sein Leben riskiert für die gefälschten Fotos seiner erfundenen Kindheit; Pris, die vor Lebensfreude übersprudelt und doch bei Sebastians Verführung ihre Unsicherheit kaum übertreiben muss; Rachael, äußerlich elegant, innerlich todtraurig und zerrissen. Und natürlich Roy, der scheinbar so sadistische herzlose Mörder, der beim Tod seiner Geliebten in Tränen ausbricht (und melancholisch ihr Blut kostet). Am Ende ist ihm Leben in jeder Form so wertvoll, dass er seinem Gegenspieler Deckard das seine schenkt.

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Die Replikanten von 2049 hingegen sind Kampfmaschinen: Terminatoren, wie ein anderer Rezensent bemerkte. Sie sind ideale Ausführende für die typisch orchestrierten Actionszenen, die wir inzwischen selbst in romantischen Komödien geboten bekommen. Aber Empathie kann man als Zuschauer für sie nicht aufbringen. Es ist schon der Hohn, dass K's Gegenspielerin Luv mit einer Niederländerin besetzt ist. Ihr holländisches Englisch lässt mich nur wehmütig Rutger Hauer vermissen. Harrison Ford taucht erst in der letzten halben Stunde auf, zeigt Ryan Gosling dann aber, wie man auch mit begrenzten mimischen Fähigkeiten den Zuschauer für eine Figur einnehmen kann. Aber schon wieder wird ihm ein sehr merkwürdiges Kind untergeschoben! Am meisten Eindruck hinterlassen Dave "Drax" Bautista und Mackenzie Davis in ihren Kurzauftritten. Davis, die nach den Emmy-Gewinnen für San Junipero jetzt hoffentlich bald zum Star aufsteigt, agiert zwar auch im luftleeren Raum, schmuggelt aber eine verblüffend bewegende Hommage an Daryl Hannahs Pris in die quietschende Mechanik ihres Handlungsstranges. Die hübsche Kubanerin Ana de Armas als Joi dagegen wird auf ihr Äußeres reduziert, ihrer Figur wirkt zweidimensional (so weit ist die Hologramm-Technik wohl doch noch nicht).

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Die vorkommenden Menschen sind so bizarr wie die Replikanten, aber auch so vergessenswert. Am schlimmsten chargiert Oscar-Preisträger Jared Leto als Tyrell-Nachfolger Wallace, aber er ist nur einer von vielen. Robin Wright spielt inzwischen nur noch Variationen ihrer Kartenhaus-First-Lady - je öfter ich sie als kaltherzige Manipulatorin sehe, desto weniger mag ich sie. Lobenswert, dass der wahrscheinlich ärmste und unbekannteste Oscar-nominierte Darsteller Hollywoods, Barkhad Abdi (Captain Phillips), eine Rolle bekam, aber an sein Pendant James Hong (der Augen-Erfinder) kommt auch er nicht ran. Edward James Olmos zeigt in seinem Cameo Gravitas und immer noch Origami-Geschick  (und darf wie Harrison Ford alt aussehen), während Sean Youngs Rachael mittels digitaler Tricks immer noch 30 ist. Keine Ahnung, ob die 57jährige überhaupt selbst beteiligt war oder ihr Kurzauftritt komplett am Computer entstand. Sie galt ja immer schon als "schwierig", aber inzwischen erfahren wir ja mehr und mehr, was das in Hollywood heissen mag. Frauen kommen jedenfalls auch im Jahr 2049 nicht gut weg - trotzt nominell vieler Frauenrollen fällt der Film durch beim entsprechenden Lackmus-Test: Gibt es Szenen, in denen zwei Frauen eine sinnvolle Unterhaltung führen, ohne nur über Männer zu reden?

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Würden die Menschen Schlange stehen für die "Mona Lisa: 30 Jahre später" eines Schülers von Da Vinci? Würden sie die Kopie dem Original vorziehen, weil sie großformatiger und bunter ist? Wie sich herausstellt, ist das Zuschauerinteresse für Blade Runner 2049 zwar nicht übermäßig, aber glaubt man der IMDB oder den diversesn Kritikerspiegeln (was ich schon lange aufgegeben habe), so übertrifft das Sequel das Original offenbar bei weitem. Was ist das für ein Kinojahr, in dem ein seelenloses Remake eines herzigen Disney-Klassikers mit einem fehlbesetzten Teenie-Schwarm mit Piepsstimme in der Hauptrolle weltweit die meisten Dollars eingespielt hat und die Kritiker sich überschlagen ob einer ultrabrutalen, nihilistischen Comicverfilmung mit genug Handlungslöchern, um alle X-Men darin zu versenken? Bei all den müden Fortsetzungen, Reboots und Remakes bringe ich kaum noch die Energie auf, mich darüber zu mokieren. Abgesehen von Wonder Woman und den Guardians hätte ich mir in diesem Jahr viele Kinogänge lieber gespart. Ärgerlich (1/10).

Samstag, 7. Oktober 2017

Queen Judi: Victoria & Abdul (6/10)

"There is nothing like a dame!" verkündete Robin Williams zur Oscar-Verleihung 1999, als er den Umschlag für die Beste Nebendarstellerin öffnete. Dame Judi Dench war es ein wenig peinlich, den Preis für ganze fünf Leinwandminuten zu bekommen. Von der amerikanischen Akademie wurde sie spät entdeckt. Bei ihrer ersten Nominierung ein Jahr zuvor für Mrs. Brown (ebenfalls unter der Regie von John Madden) war sie bereits 63 Jahre alt und in den USA vor allem als Chefin "M" von Pierce Brosnans James Bond bekannt. Den ersten "echten" BAFTA hatte sie bereits 1968 gewonnen, nach der Auszeichnung 1966 als vielversprechendste Debütantin. Im kommenden Jahr wird sie wohl für ihren 25. regulären BAFTA nominiert werden, neunmal gewann sie bereits, dazu kommt die Fellowship der britischen Akademie. Bei den Oscars wäre dies ihre achte Nominierung. Nur Meryl Streep, Katherine Hepburn und Bette Davis wurden öfter vorgeschlagen.

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Ihren Oscar gewann sie als Queen Elizabeth I. in Shakespeare in Love. Queen Victoria spielt sie jetzt nach Mrs. Brown zum zweiten Mal, jeweils in historisch verbürgtem, wenngleich natürlich künstlerisch ausgeschmücktem Kontext. Damals ging es um die Beziehung der frisch verwitweten Königin Anfang 40 zu ihrem schottischen Diener John Brown, nun in Victoria & Abdul um die (platonische) zum muslimischen Inder Abdul Karim in ihren letzten Lebensjahren (1887 - 1901). Und wie immer ist es ein Genuss, der 1988 zur "Dame Commander of the Order of the British Empire" ernannten Legende zuzuschauen, übrigens mit acht Oliviers auch die meistausgezeichnete britische Theaterschauspielerin. Die inzwischen 82jährige ist fast blind und muss sich zum Lernen ihre Dialoge vorlesen lassen. Man glaubt es nicht, wenn mal wieder der Schalk aus ihren wasserblauen Augen blitzt. Trotz Drehbuchschwächen schafft sie auch diesmal, eine glaubwürdige Figur zu erschaffen, mit der die Zuschauer mitfühlen können, ohne ins Sentimentale abzudriften.

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Leider kann man gleiches nicht über ihren Leinwandpartner Ali Fazal sagen. Daran ist der 30jährige, bis auf eine kleine Rolle in Fast & Furious 7 praktisch unbekannte Darsteller (geboren übrigens wie Cliff  Richard 😎 in der indischen Großstadt Lucknow), nicht einmal schuld. Das Drehbuch lässt ihn als das Rätsel stehen, als das er wohl dem Stab des britischen Königshauses erschienen sein muss. Ob das an der Adaption von Lee Hall (Billy Elliot) liegt, vermag ich nicht zu beurteilen. Obwohl der zugrunde liegende Roman von der in Indien aufgewachsenen Journalistin Shrabani Basu stammt, erfährt man fast nichts über das Indien der Kolonialzeit, geschweige denn über die Unterdrückung der Bevölkerung durch die Besatzung. Dafür ist das Porträt des britschen Königshofes erwartungsgemäß detailfreudig und wartet mit exzellenten Nebendarstellern auf (darunter Eddie Izzard als garstiger Thronfolger in Wartestellung - Prince Charles kann bestimmt mitfühlen).

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Abdul Karim war offenbar gebildet, er beherrschte Hindi und Urdu in Wort und Schrift, hatte (angeblich?) den kompletten Koran im Kopf und zitierte geschmackvolle Poesie. In Indien hatte er als Schreiber in einem Gefängnis der Kolonialherren gearbeitet - für die Präsentation zum Kronjubiläum wurde er aufgrund seiner hochgewachsenen Statur ausgewählt. War es nur Fassade, die ihm zur Position des "Munshi", also sprituellem Lehrers der Königin verhalf? Nach den Recherchen der eifersüchtigen Höflinge war er von einfacher Geburt, zudem litt er an einer Gonorrhoe. Wie passt das zusammen? Der Film gibt nicht einmal Erklärungsansätze. Vielleicht sah Regisseur Stephen Frears (Florence Foster Jenkins) das Thema als zeitgemäße Auseinandersetzung mit Rassismus, insbesonder gegenüber Muslimen an. Das kann ich aber nur als gescheitert betrachten. Abduls Glaube wird kaum thematisiert; die Ausnahme ist ausgerechnet die Ankunft seiner vollverschleierten Ehefrau und Schwiegermutter, eine mittelalterliche Erscheinung, die auch nicht ins Viktorianische Zeitalter passt.

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So bleibt Stephen Frears dritte Zusammenarbeit mit Judi Dench im Mittelmaß stecken. Auch wenn er durch die überragende Hauptdarstellerin noch sehenswert ist, gerät Victoria & Abdul für mich zum schwächsten Film dieses Trios, ergänzend zu Mrs. Henderson Presents (2005, 7/10, in herrlichem Zusammenspiel mit Bob Hoskins) und Philomena (2013, 7/10). Ordentlich (6/10).

Klassische Rezension: Billy Elliot (Stephen Daldry, 2000)

Komödien sind oft umso besser, je näher sie der Realität sind, Melodramen am wirkungsvollsten, desto unwahrscheinlicher ihre Ausgangssituation ist. Billy Elliot gelingt die Balance zwischen beiden Extremen. Wenn da Schulkinder unbefangen am Schilderwald der die Streikbrecher bewachenden Polizisten entlanglaufen, hat das eine fast verzweifelte Komik, die länger nachhallt als der beste Slapstick oder der geschliffenste Wortwitz. Und wenn ein Bergarbeitersohn, dem die Boxhandschuhe des Großvaters quasi in die Wiege gelegt wurden, von einer Ballettkarriere träumt, fühlt man mehr mit ihm als mit den vielen Alkoholikern und Todeszelleninsassen, die in Hollywood-Produktionen Mode geworden sind.



Sich eine solche Geschichte auszudenken (Drehbuch: Lee Hall, von dem mir nichts bekannt ist), ist eine bewundernswerte Leistung - daran zu glauben, daß sie verfilmbar ist, ein kleines Wunder. Der Theater-Regisseur Stephen Daldry hat in seinem Film-Debut ein bemerkenswertes Gespür für die Choreographie der Handlung. Mit trockenem Humor, fast ohne Sentimentalität (wenn man vom Ende absieht, das denn doch an die Tränendrüsen appelliert) und mit der typisch britischen Zuneigung zu allen Figuren gelingt ihm eine Gratwanderung zwischen Unterhaltung und Anspruch. Allerdings hat er Glück, glaubwürdige Darsteller gefunden zu haben. Gary Lewis als Billys Vater gibt der Masse der unter der Thatcher-Knute verzweifelnden Arbeiter ein Gesicht, Julie Walters als Tanzlehrerin zeigt eine solch rauhe Schale, daß der weiche Kern stets sichtbar bleibt, und sämtliche Nebenrollen (diese aufgeklärten und doch so unschuldigen Kinder!) sind ebenfalls perfekt besetzt. Aber ohne Jamie Bell als Billy wäre dieser Film trotzdem nichts wert. Sein Lächeln sieht man vielleicht zwei-, dreimal - alles, was Billy ausmacht, drückt er im Tanz aus. Und genau wie die Musik, die zwischen Schwanensee und T. Rex hin- und herspringt, sind auch seine Bewegungen mal zart-ausdrucksstark, mal unbändig-kraftvoll und lebenslustig.

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Ob als Komödie, Analyse einer Vater-Sohn-Beziehung, Bergarbeiterdrama oder Tanzfilm, Billy Elliot überzeugt als der beste britische Film seit Ganz oder gar nicht. Herausragend (9/10).

Montag, 2. Oktober 2017

Für den Stinkefinger: Kingsman - The Golden Circle (5/10)

Es war ja zu erwarten, dass die amerikanische Statesman-Organisation ähnlich ausgetretene Klischees bedient wie Kingsman für die Briten. Hüben Gentlemen im Massanzug, drüben Cowboys im Stetson. Hüben der kugelspeiende Regenschirm, drüben das tödliche Lasso. Aber musste es denn gar so viel John Denver im Soundtrack sein? Besonders wenn sein Gegenstück von der Insel derart lahm inszeniert wird...

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Das Spektakel beginnt mit einem Zweikampf zwischen Eggsy und einem Cyborg und erinnert an Captain America gegen den Winter Soldier. Was ist das Geheimnis des Kingsman-Drills, der in wenigen Wochen aus Waschlappen Superhelden formt? Na gut, kann man gerade noch akzeptieren. Aber dann wird in einer herzlosen Aktion sämtlicher Ballast des Vorfilms abgeworfen, einschließlich des Hündchens! Das ist harter Tobak - für die Ritter der Tafelrunde UND die Anonymen Alkoholiker war wohl kein Platz...

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Die Statesmen sind zwar bestens ausgerüstet mit Überschalljets und Cryotechnik, aber wenn's drauf ankommt, können sie doch nicht mehr als zwei Agenten entbehren, von denen einer sich mit illegalen Freizeitaktivitäten gleich selbst aus dem Rennen nimmt. "Tequila" Channing Tatum war zwar groß angekündigt, verschläft dann aber die Action - eine müde Visitenkarte für die erhoffte Fortsetzung (oder sogar einen Ableger). "Champ(agner)" Jeff Bridges wurde lediglich zur Exposition engagiert, und "Ginger Ale" Halle Berry sieht zwar mit 50 immer noch toll aus, kommt über eine Statistenrolle aber auch kaum hinaus. So steht "Whiskey" Pedro Pascal im Rampenlicht - nicht die schlechteste Option, aber der schnauzbärtige Chilene, der zuletzt schon Matt Damon an die Wand spielte, trägt sehr dick auf mit seinem Südstaaten-Akzent und seinen Amerikanismen. Starke Frauen: Fehlanzeige! Wo bleibt Charlize Theron, wenn man sie mal braucht?

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Ok, es gibt diesmal eine SchurkIN, durchaus amüsant von Julianne Moore personifiziert. Aber ihr Plot zur Erlangung der Weltherrschaft ist genauso unglaubwürdig wie ihr Rezept für den perfekten Hamburger. Von den Roboterhunden Benny und Jet ganz zu schweigen - dies übrigens eine holprige Hommage an Sir Elton John. Die übergewichtige Legende hat sich für sein erweitertes Cameo wohl ins Buch schreiben lassen, dass er am Ende seinen Wärtern in den Hintern treten darf. Wird trotzdem nichts mit dem zweiten Oscar!

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Neben Sir Elton habe ich bereits drei weitere Oscar-Preisträger aufgezählt (Berry, Moore, Bridges), - der Auftritt des vierten ist ein offenes Geheimnis, welches besser verschlossen geblieben wäre. In der 20. Instanz einer Filmreihe darf man reichlich zitieren, in der zweiten wirkt das nur peinlich. Und einfach eine alte Figur zu reaktivieren statt neue zu etablieren, ist nur ein Zeichen von Faulheit der Autoren (und Feigheit der Produzenten). Wenngleich ich durchaus über die Schmetterlinge schmunzeln konnte...

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Bleibt "Lancelot" Taron Egerton als Eggsy, dessen Wandlung vom Loser zum Gentleman das Herzstück des ersten Films war. Leider überschreitet er hier mehrfach die feine Linie zwischen Coolness und Arroganz (was seinem Mentor nie passiert wäre). So ließ mich das Innenleben der Hauptfiguren seltsam kalt, selbst das heroische Opfer einer an sich sympathischen weiteren Figur. Gleiches gilt für die romantischen Verwicklungen, bei der uns in einer computeranimierten Szene das pornographische Innenleben von Cara "Laureline" Delevinges älterer Schwester Poppy aufgedrängt wird. In den Zeiten des Megaerfolges Fifty Shades of Grey darf man sich wohl nicht wundern, dass Beziehungen mit Analverkehr beginnen und einer königlichen Hochzeit enden...

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The Golden Circle ist überlang, die dröhnende Musikuntermalung macht selbst bessere Momente schwer erträglich, und die Actionszenen wirken plötzlich reichlich mechanisch. Die futuristische Technik strapaziert die Glaubwürdigkeit (das Heilverfahren für Kopfverletzungen wäre selbst in der Stadt der tausend Planeten eine Sensation), und die Geschichte kippt mehr als einmal in Richtung geschmacklos. Die Teile, die mir gut gefallen haben, sind meist diejenigen, die aus dem Vorgänger kopiert wurden. Daher ist meine Wertung noch gutmütig: Annehmbar (5/10).

Samstag, 23. September 2017

Triumphaler Abschluss von N.K. Jemisins Hugo-prämierter Trilogie: The Stone Sky

Zu Beginn ist es mir schwergefallen, mich mit der "Broken Earth"-Trilogie der gerade 45 Jahre gewordenen Afroamerikanerin N.K. Jemisin anzufreunden. Sie erschien mir stilistisch sperrig, die Figuren waren mir zunächst unsympathisch. Es stellt sich heraus, dass sich die anfängliche Anstrengung gelohnt hat. Der Hugo-Gewinn des ersten Bandes gegen meinen Favoriten, Naomi Noviks Märchen Uprooted, hatte vielleicht tatsächlich politische Gründe. Schon der zweite Band landete allerdings auf Platz Eins meines eigenen Stimmzettels und gewann erneut den begehrten Preis als Bester Roman des Jahres. Nun ist mit The Stone Sky der Abschlussband erschienen, der die Geschichte spannend und bewegend zu einem glücklichen Ende bringt.

Nach ihrem Pyrrhussieg über die feindliche Enklave verwandelt sich Essun wie ihr Ex und Mentor Alabaster Körperteil für Körperteil in Stein. Sie muss mit ihren Kräften haushalten, um noch eine Chance zu haben, mit Hilfe der Obelisken das seismische Gleichgewicht der Welt wieder in Ordnung zu bringen. Das bedeutet aber, dass sie für die Castrima-Gemeinschaft auf der Suche nach einem neuen Zufluchtsort nur eine Bürde ist. Zunächst geht es also ums nackte Überleben.

Nassun und der ehemalige Guardian Schaffa haben sich dem Einfluss der übrigen Guardians entzogen und entdecken mit Hilfe des Steinfressers ("Stone Eater") Steel funktionierende Überbleibsel einer uralten Zivilisation. Essuns 11jährige Tochter entwickelt bereits erstaunliche orogenische Kräfte und findet einen intuitiven Zugang zur Magie der Obelisken. Das Ziel des traumatisierten Kindes ist allerdings nicht Heilung, sondern Rache...

In Zwischenkapiteln erzählt der Steinfresser Hoa (oder Houwha), der sich als der bisher versteckte Ich-Erzähler entpuppt, die Jahrtausende zurückliegende Geschichte der hochmütigen Zivilisation von Syl Anagist, deren rücksichtslose Suche nach einer unerschöpflichen Energiequelle die "Fünfte Saison" auslöste und zudem durch den Beinahverlust des Mondes "Vater Erde" zum Feind der Menschen gemacht hatte. Es ist die Historie eines Genozids, der kapitalistischen Ausbeutung von Individuen und blinder Technologiegläubigkeit. Dass die ursprünglich als Werkzeuge "gezüchteten" Steinfresser unverschämterweise begannen, Persönlichkeiten zu entwickeln, war einer der entscheidenden Faktoren bei der Zerstörung von Syl Anagist, deren Bewohner übrigens alle orogenische Fähigkeiten hatten...

Die Autorin verarbeitet eine Vielzahl von schwerwiegenden Themen: Sklaverei, Pogrome, Diskriminierung, rücksichtslose Umweltzerstörung, Raubkapitalismus. Zentral waren für sie allerdings (wie sie im Nachwort zugibt, geprägt vom Leidensweg ihrer eigenen Mutter) unterschiedliche Ausprägungen von Mutterschaft. Ihre Figurenzeichnung leidet allerdings darunter, dass diese gleich eine ganze Welt retten müssen. Diese Überhöhung steht im Widerspruch zur Erörterung grundlegender menschlicher Wesenszüge, und dadurch verliert der Leser nie eine gewisse Distanz zu den Charakteren. Der Weltenbau ist allerdings phänomenal, und ich würde das Werk nachträglich eher der Science Fiction als der Fantasy zuordnen. Der SF-Geschichte wird eigentlich nur eine phantastische Ebene übergestülpt, in Gestalt der magisch anmutenden Fähigkeiten der Bewohner von Syl Anagist, unterschiedlich vererbt an die Orogene und die Steinfresser, und natürlich der Zeichnung von "Vater Erde" als eigenständige Intelligenz.

Grundsätzlich verstehe ich die Trilogie als einen einzigen Roman in drei nicht in sich abgeschlossenen Teilen, und das ist mein Hauptproblem mit den vergebenen Preisen. Falls "The Stone Sky" das bisher nicht dagewesene Kunststück gelingen sollte, dass ein Autor den Hugo dreimal hintereinander gewinnt (und das hängt natürlich stark von der Konkurrenz ab), so handelt es sich dann eigentlich um drei Auszeichnungen für das gleiche Werk. Die Situation ist also ganz anders als die bisherigen vergleichbaren Fälle in der Hugo-Geschichte. Der erste Autor, der zweimal hintereinander für den Besten Roman gewann, war Orson Scott Card: 1986 für "Ender's Game" und 1987 für die Fortsetzung "Speaker for the Dead". Dies sind aber zwei in sich abgeschlossene, sehr unterschiedliche Meisterwerke, die erst nachträglich in das sogenannten "Ender-Quartett" eingeordnet wurden (inzwischen hat Card leider aus rein kommerziellen Gründen noch etliche weitere Romane im Ender-Universum veröffentlicht). Ähnlich verhält es sich mit den Vorkosigan-Romanen von Lois McMaster Bujold, die 1991/92 und 1995 den Preis gewannen, wobei übrigens der Gewinner von 1992, Barrayar, in der Timeline von Miles Vorkosigan ein Prequel des Vorgängers war (wenn ich es richtig verstehe, entstanden die Bände konzeptionell schon chronologisch, aber "The Vor Game" kam als kommerziell vielversprechender zuerst heraus).

Es bleibt zu hoffen, dass J.K. Jemisin sich in ihren nächsten Projekten vielleicht besser auf glaubwürdige Charaktere fokussiert, die nicht gleich eine ganze Welt retten müssen. Aber wie auch immer, sie ist eine fantastische neue Stimme in der SF, die das Genre mit ungewohnten Sichtweisen bereichert. Dafür lohnt sich auch ein wenig Lese-Arbeit, bis man von ihrem Erzählstil mitgerissen wird.

Nachtrag: Die Hugos für 2017


Bei den literarischen Formen haben sich zu meiner Freude stets meine Favoriten durchgesetzt, entweder Platz Eins oder Zwei meines Stimmzettels, übrigens mit knappem Ergebnis bei den Romanen. Bei den dramatischen Formen sieht es wie so oft anders aus. Für die Langform gewann Arrival (auf Platz Zwei abgeschlagen Hidden Figures), für die Kurzform die Expanse-Episode, die immerhin meine Anerkennung als SF für Erwachsene fand (mal sehen, was die zweite Staffel zu bieten hat, die inzwischen auf Netflix verfügbar ist). Hier landete mein Favorit San Junipero auf Platz 2, die Black-Mirror-Episode konnte zum Trost allerdings gerade zwei Emmys einheimsen.

Wen's interessiert: Hier sind alle Nominierungen und das genaue Abstimmungsergebnis.

Samstag, 16. September 2017

Klassiker auf Blu-ray #19: Eins, zwei, drei (Billy Wilder, 1961)

Sitzen machen!
Mr. MacNamara (James Cagney), der Leiter der Berliner Coca-Cola-Niederlassung, hat seine Angestellten im Griff. Nur das Habacht-Stehen und Hackenknallen seines Adjutanten Assistenten Schlemmer (Hanns Lothar) geht ihm auf die Nerven, und so hofft er sehnsüchtig auf seine Versetzung aus dieser "halben Stadt" nach London, als Europa-Leiter. Den für einen britischen Gentleman passenden Regenschirm hat er bereits erstanden, doch natürlich kommt alles anders. Dafür sorgt die 17jährige Tochter seines Chefs, die er für einige Monate babysitten muss, was diese allzu wörtlich nimmt...
Raus machen!
Natürlich wusste Wilder, was er da schrieb. Gut 25 Jahre nach seiner Emigration hatte der Starregisseur seine Muttersprache noch nicht verlernt. 13 Jahre nach Eine auswärtige Affäre begab er sich erneut an seine alte Wirkungsstätte und teilte fleissig aus. Kapitalisten und Kommunisten, Arme und Reiche, Ost und West, Amerikaner, Russen und Deutsche bekamen ihr Fett ab. Als Schauplätze sind das Brandenburger Tor, die Gedächtniskirche und der Flughafen Tempelhof zu sehen. Dann ist da das Ost-Berliner Hotel Potemkin (vormals Göring, vormals Bismarck) und natürlich die Coca-Cola-Zentrale in Lichterfelde. Heute würde man wohl eine Firma erfinden und der Satire damit die Schärfe entziehen. Auch damals gab es Unmut, etwa von einer gewissen Joan Crawford, Aufsichtsrätin von Pepsi, derzuliebe Wilder immerhin einen Schlussgag am Getränkeautomaten hinzufügte. Schlemmer!
Schneller machen!
Es war eine Tour de Force des 62jährigen James Cagney, der in den 30ern durch Gangsterfilme bekannt geworden war, seinen Oscar dann aber 1943 in der Musikbiographie Yankee Doodle Dandee eintanzte. Auch sein MacNamara (für den er eigentlich 10 Jahre zu alt war) hat Rhythmus im Blut, spätestens im hektischen Finale, als er über Nacht einen Kommunisten in einen Grafen verwandelt und dazu die besten Schneider, Hutmacher, Barbiere und Maler (für das Wappen) der Stadt herankommandiert (mit virtuosem Fingerschnippen). Später beklagte sich Cagney über den herrschsüchtigen Perfektionisten Wilder, sah das Ergebnis dann aber doch als würdigen Abschied (erst 20 Jahre später konnte ihn Milos Foreman zu einem Cameo im leider nicht überzeugenden Ragtime überreden). Wie schön, dass ihm Wilder zwei nostalgische Momente gestattete, erst mit einem Zitat von Edward G. Robinsons Kleinem Cäsar ("Is this the end of Rico?"), dann, indem er ihn sein Mündel mit einer Pampelmuse bedrohen lässt, in Erinnerung an die Szene aus Der öffentliche Feind, die 1931 Amerika schockierte. Auch gibt es erneut ein kurzes Musik-Intermezzo mit Bandleader Friedrich Hollaender (Ausgerechnet Bananen). Ansonsten liefert sich Cagney tolle Wortgefechte, u.a. mit der Komödiantin Arlene Francis als seine patente Ehefrau Phyllis (den doppelten Nerzmantel bekommt allerdings nicht sie, sondern die Putzfrau)  und der äusserlich hübschen, ansonsten unscheinbaren 19jährigen Pamela Tiffin als die ihm anvertraute Scarlett, die dann auch prompt wie vom Winde verweht ist. "You're underage, and I'm under orders!°



Als jener sozialistischer Wendehals, der erst die Millionärstochter verführt und dann dem Kapital zum Opfer fällt (am Ende hat er 10.000 Dollar Schulden), ist übrigens der 28jährige Horst Buchholz zu sehen. Frisch nach seinem Erfolg bei den Glorreichen Sieben ging er mit seinen Starallüren wohl vor allem Cagney auf die Nerven, konnte dem Veteranen aber keineswegs die Schau stehlen. Einige der herrlichsten Szenen hat der andere deutsche Co-Star: Lilo Pulver als fesche Sekretärin mit platinblonder Perücke und Wonderbra, die ihrem Chef den Umlaut nahebringt, ist einfach wunderbar, gerade weil sie gegen ihr Image besetzt war - nach Ich denke oft an Piroschka und den Spessart-Komödien war sie eher für Hosenrollen berühmt. Kein Wunder, dass sie den drei russischen Kommissaren den Kopf verdreht. Die verpflanzte Wilder übrigens fast unverändert aus der geistesverwandten, aber viel romantischeren Lubitsch-Komödie Ninotchka von 1939 mit der unvergleichlichen Garbo. Am Drehbuch war er damals schon maßgeblich beteiligt, also warum nicht daraus stehlen? Diesmal liefern sich die Funktionäre, darunter der Österreicher Leon Askin und der spätere Sam Hawkens Ralf Wolter, eine rasante Verfolgungsjagd, mit vorhersehbarem Sieg der Mercedes-Limousine vor ihrem Trabant-ähnlichen Vehikel, welches fast das Brandenburger Tor zum Einsturz bringt. Übrigens war dies wohl (zum Glück) ein Nachbau in den Münchner Studios, nachdem die Kommunisten zum Ärger der Filmemacher über Nacht die Grenze zugemauert hatten.



Das war übrigens auch der (verständliche) Grund, warum der Film in Deutschland zunächst kein Erfolg war (Anerkennung kam erst mit der Wiederaufführung 1985). Über eine Ost-West-Komödie konnte man plötzlich nicht mehr lachen. Das ist zumindest die offizielle Lesart. Zusätzlich glaube ich, dass Wilders zynische Sicht auf das Nachkriegsdeutschland 1961 dort ohnehin nicht besonders populär gewesen wäre. So entpuppt sich ein neugieriger Reporter als ehemaliger SS-Offizier, während Assistent Schlemmer im Krieg im "Untergrund" war, nämlich beim U-Bahn-Bau, und daher gar keinen Adolf kannte. Jawoll!



Der Misserfolg in den USA ist schon schwerer zu erklären. Noch ein Jahr zuvor war schließlich die beinhart sozialkritische Komödie Das Apartment gefeiert worden und brachte Wilder seinen zweiten Regie-Oscar und dritten Drehbuch-Oscar ein (und seinen insgesamt sechsten und letzten Oscar für den Besten Film). War es der Spott über das zu dieser Zeit jämmerliche amerikanische Raketenprogramm, der Kapitalismus im Zerrspiegel (in der Kuckucksuhr war der Kuckuck durch einen fahnenschwingenden Yankee Doodle Dandy ersetzt) oder doch ein ungutes Gefühl ob des düsterer werdenden Kalten Krieges?



Pauline Kael konnte mit dem Film nichts anfangen, sie fand die Witze schal und die Darsteller chargierend - aber sie mochte Wilder ohnehin nicht (für Manche mögen's heiss fand sie zähneknirschend ein paar anerkennende Worte). Für mich persönlich ist Wilders Reihung von vier Komödienknallern in Folge beispiellos in der Filmgeschichte. Dabei war er eigentlich für sehr diverse Werke bekannt, zu meinen Lieblingsfilmen gehören u.a. Die Frau ohne Gewissen (Schwarze Serie, 1944), Das verlorene Wochenende (Alkoholiker-Drama, 1945) und Boulevard der Dämmerung (Hollywood-Drama, 1950). Aber nach den (sehr unterschiedlichen) Meisterwerken Zeugin der Anklage (1957, mit Charles Laughton und Marlene Dietrich), Manche mögen's heiß (1959) und Das Apartment (1960) hatte der deutsche Trailer vielleicht Recht, Wilder als Komödienspezialist zu verkaufen. Eins, Zwei, Drei ist leider das Stiefkind des Quartetts, das es heutzutage wegen der Schwarzweiss-Bilder ohnehin schwer hat, neue Freunde zu finden (Das Apartment war das letzte Schwarzweiss-Werk, das als Bester Film ausgezeichnet wurde, zumindest bis Schindlers Liste und The Artist). Wilder drehte noch ein paar schöne Filme (am überzeugendsten davon fand ich Avanti, Avanti) von 1972, aber Eins, Zwei, Drei ist für mich sein letzter herausragender (9/10), den es bisher übrigens auf Blu-ray nur als US-Import mit Regionalcode A zu kaufen gibt, dafür aber in perfekter Bildqualität. Nicht nur für Berliner zu empfehlen!

Zugabe: Meine 15 Jahre alte Amazon-Kritik zur DVD von "Manche mögen's heiß":


Niemand ist perfekt - aber wenn man die perfekte Komödie küren wollte, dann wäre "Some Like It Hot" der erste Anwärter auf die Krone. Selten waren die Oscars so unverdient wie die Preise von 1960 für "Ben-Hur". In der AFI-Liste der besten amerikanischen Filme taucht "Some Like It Hot" auf Platz 14, "Ben-Hur" nur auf Platz 72 auf; späte Genugtuung für Billy Wilder, der hier quasi im Vorübergehen ein zweites Mal (nach "The Seven Year Itch") die Monroe so in Szene setzte, wie sie es öfter verdient gehabt hätte. Aber genug von Marilyn - die Hauptdarsteller hießen Tony Curtis und Jack Lemmon, und beiden hätte man den Oscar (und den Millionärsgatten, und Sugar Cane) gegönnt. Und natürlich dem vielleicht spritzigsten Drehbuch seit "Leoparden küßt man nicht". Es ist fraglich, ob man mehr unvergeßliche Szenen und Dialoge in einen Film packen kann, und der einzige Kritikpunkt ist denn auch, daß die zwei Stunden viel zu schnell vorüber sind...

Sonntag, 10. September 2017

The Owls Are Not What They Seem

Ich entschuldige mich im voraus für den Gebrauch der englischen Sprache.
I apologize in advance for Albert my bad use of the english language.
A Dream Within a Dream (Edgar Allan Poe)
Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream. 
I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?
Maybe we all live inside a dream. Or the Black Lodge? Backwards speaking not. Enjoying Garmonbozia. And David Lynch is the only sane person in the world.



But maybe not. Maybe David Lynch just shared an 18 hour nightmare with his audience. And from the mind of this cracked genius, that is quite something. Just not entertaining. Or, heaven forbid, fun! Or even just watchable. Showtime handed him a shitload of money, and he let his imagination run wild. At least it payed for a date with Monica Bellucci (in Paris, no less). But where was his collaborator, Mark Frost? Wasn't he supposed to temper his extremes? The cable network is playing it down, saying The Return won it new subscribers. But it's a safe bet that from now on, no one will offer the 71-year-old money to film a funeral, let alone a movie or tv series.

Through the darkness of future past / The magician longs to see / One chants out between two worlds / Fire walk with me. I'll catch you with my death bag. You may think I've gone insane, but I promise I will kill again!

This is certainly not an objective opinion. I love the Original, especially the first half (say, until the "resolution" of Laura's murder). It's right up there with my favourite drama shows: Star Trek (TOS), Buffy, The West Wing, Lost, Game of Thrones, Sense8. I also love most of David's movies, though not Lost Highway (1997), which is referenced quite a lot in the Return. But  I certainly consider Blue Velvet (1986) and Mulholland Dr. (2001) to be minor masterpieces, which (to my astonishment) garnered him Best Director Nominations from the Academy. Of course, Hollywood preferred his "mainstream" movies. I certainly don't agree, but I still think The Elephant Man (1980) is his most satisfying movie. I even liked his strange debut Eraserhead (1977) and still enjoy the immensely flawed Dune (1984) now and then. However, that is in the past. Even ten years ago, Inland Empire was an unmitigated desaster. So I'm especially pissed off by this new pile of garbage in 18 pieces.



Lynch's best and most personal work always had surreal parts. But it was all grounded in reality, never weirdness for weirdness's sake. Lynch showed us the rot beneath the veneer. But now the veneer is gone, and everything is rotten. I've never experienced more meanness and hopelessness. The new show almost completely lacks love and compassion, and most of the comfort comes from old characters who are only shadows of their former selves. I never felt that I was spending quality time with these people. The Original was sad (and funny, and suspenseful, and romantic), but the Return is just depressing. Gordon Cole may be hard of hearing, but David Lynch certainly is tone-deaf.



And what's up with all the dead people? Is it really a proper way to say goodbye to so many fine actors by dragging them before a camera? Have Catherine E. Coulson (the "Log Lady") talk about her fear of death? Put a sick Warren Frost on display via Skype? Put Miguel Ferrer in a lot of scenes but not give him anything of note to do (but have Gordon Cole cast sad looks at him)? By the way, Michael Ontkean (Sheriff Harry Truman) might as well be dead, what with all the good wishes for his health (stand-in Robert Forster is still with us, though). And then there's the "photograph" and flashback cameos: Major Briggs (Don S. Davis, 1942-2008), Bob (Frank Silva, 1950-1995), Pete Martell (Jack Nance, 1943-1996). And Bowie is a a smoking kettle now...



And what's up with all the old people? Of course, Peggy Lipton (Norma) still looks mighty pretty at 70. The same cannot be said for Grace Zabriskie (Sarah Palmer), not just because she plays a monster. For most of the others, it's quite embarrassing to watch them shuffle across the screen, especially Harry Goaz (Andy) and Michael Horse (Hawk). Richard Beymer (Benjamin Horne) at least has some energy left (well, who wouldn't be invigorated by the presence of beautiful Ashley Judd).



And what's up with all the middle-aged people? It's downright cruel to display a picture of the young Laura Palmer throughout the series and then show us a haggard 50ish Sheryl Lee (whom I never liked anyway). Equally cruel are the scenes with Sherilyn Fenn, whose Audrey may have the worst fate of all her peers in the show. James Marshall/Hurley is not treated much better. Dana Ashbrook as (Deputy - who'd have thunk) Bobby Briggs fares a bit better, and Mädchen Amick as Shelly is still sexy as hell (no thanks to Lynch). I think Lara Flynn Boyle made the right decision not to return. Now I can at least imagine bright young Donna having a happy future.



And what's up with all the new characters? Not much, to be frank. The greatest impact is made by Diane, who we only knew as the recipient of Cooper's voice recordings. Maybe they should have left it that way (I used to like Laura Dern, but not anymore). Then there's Naomi Watts, wife of Cooper Doppelgänger Dougie, who is nice to look at but whose character is almost as frustrating as vegetable Cooper, Amanda Seyfried as Rebecca looks pretty, which makes sense for the daughter of Shelly. Caleb Landry Jones (her husband Steven) and Eamon Farren (devil-spawn Richard Horne) seem to have been cast for their asymmetric looks. Others are just returning actors from Lynch movies, e.g. Patrick Fischler as a gangster. His funny counterparts, James Belushi and Robert Knepper as the Mitchum Brothers, do have some of the best scenes, and they are always accompanied by eye candy (Sandie, Mandie and Candie). The most clueless must be Chrysta Bell as FBI agent  Tammy Preston. Blue Rose, anyone?



And what's up with all the homages? The obvious one would be Tarantino - none other than Tim Roth and Jennifer Jason Lee play a homicidal couple (sounds familiar?) Sadly, David Lynch was not able to provide them with Tarantinesque dialogue, just generous amounts of blood. There's also pretty obscure references - why would you name three detectives "Fusco" if not to make a nod to Jonathan Nolan's Person of Interest? The most embarrassing homage, alas, is the appearance of Michael Cera as the Wild Son (of Lucy and Andy, of all possible parents) in what must be the worst Brando parody I could imagine. And that's just off the top of my head - I'm certain there's lots of stuff to discover for masochists on a Return watch.
Is the coffee on?

And what's up with Agent Cooper? He used to be the cheerful, intense center of the show. Kyle MacLachlan still has presence and acting chops, but the two (and a half) characters he plays do not engage the viewers enough. Some of Dougie's antics are funny, some of Bad Cooper's poses are menacing, but everything is stretched out to nothingness. Coffee and cherry pie just remind us of happier times. At least, Lucy (now even dimmer than before) can tell Bad Cooper apart from Good Cooper for his appreciation of a damn fine cup of coffee.
You all live inside a dream.
25 years ago, Twin Peaks was a cultural phenomenon, like Game of Thrones today. People discussed it by the water cooler: Who murdered Laura Palmer, what was the significance of the red room, the one-armed man, the strange dwarf ("I am the arm") and the giant? Twin Peaks: The Return came and went and will soon be forgotten. The outrageously high IMDB ratings stem from a small population of geeks. Of those, many sceptics now will fondly remember episode 17 and forget all the anguish that came before. Perhaps if the return of Agent Cooper had been placed in the middle of the series, I could tolerate all the lunacy that went on before. But by episode 17, it was too late, and I'm not gonna talk about episode 18 at all. It's really pathetic how most of the critics disected each episode to find some good entrails. Let me tell you: If you have to dig that deep, it's not worth the effort! And as for Lynch directing (and writing): Scenes don't breathe, minor events are played out until no-one cares anymore. There is so much fan-service (or self-service?) that he forgot to put in intriguing drama for any characters. Some have lauded the special effects. They must have never seen movies or shows with good effects (see Zelig or The Curious Case of Benjamin Button). The Return feels like an artist finishing an oil painting with water color. It is said that not all entertainment is art, but that all art is entertainment. I conclude logically that Twin Peaks: The Return is NOT art.
David Lynch (via the "Woodsman")
This is the water, and this is the well. Drink full, and descend. The horse is the white of the eyes, and dark within.
Gotta light?