So nett sind Jackson (Russell Crowe) und Holland (Ryan Gosling) am Anfang gar nicht. Jackson ist ein Auftragsschläger, der immerhin auch mal Stalker junger Frauen vergrault, Holland ein schmieriger Privatdetektiv, der auch schon mal im Auftrag einer Witwe deren verschollenen Mann sucht, dessen Urne er längst auf dem Kaminsims gesichtet hat. Die beiden sind mindestens so verschieden wie Riggs und Murtaugh. Beim Kennenlernen verpaßt Jackson Holland erst mal eine Drehfraktur des Ellbogens, damit dieser die Suche nach Amelia aufgibt. Kurze Zeit später kassiert Jackson wegen der gleichen Amelia ebenfalls Prügel, mit Folgen. Im Land der Auftragskiller sind die Kleinganoven dann plötzlich die netten Kerle. Amelia ist übrigens eher ein schwer durchschaubarer McGuffin, immerhin ein recht attraktiver, wenn wir sie endlich mal (kurz) zu Gesicht bekommen.
Shane Black, der Erfinder der stahlharten Profis, war in den 80ern ein angesagter Drehbuchautor, aber in den 90ern floppten mehrere seiner teuren Drehbücher in den Händen mehr oder weniger inkompetenter Regisseure und Produktionsfirmen. Sein Comeback hatte er erst 2005 mit der herrlichen, respektlosen Krimikomödie Kiss Kiss Bang Bang, die er erstmalig (und mit großem künstlerischen, wenngleich nicht kommerziellem Erfolg) selbst inszenierte. Seinem Hauptdarsteller Robert Downey Jr. stellte er damit die Weichen für seine Paraderolle als Iron Man, und der bedankte sich später mit dem Regieauftrag für die zweite Fortsetzung des Marvel-Hits. Inzwischen hatte Black gelernt, Kompromisse zugunsten des irrationalen Studiosystems zu akzeptieren, und so schrieb er zähneknirschend die den Mandarin kontrollierende Oberschurkin zu einem Mann um, da laut Marvel "weibliche Actionfiguren bei der Jugend nicht ankommen". Wieviele Figuren von Guy Pierce als Dr. Killian dann verkauft wurden, ist nicht herauszufinden. Mich würde da eine andere Inkarnation des smarten Australiers reizen: Priscilla, Queen of the Desert...
Attraktiver McGuffin: Margaret Qualley
Zurück zu den Nice Guys! Es ist erst die dritten Regiearbeit des 54jährigen Actionspezialisten, für die er gemeinsam mit seinem Kumpel Anthony Bagarzozzi das Drehbuch verfaßte. Obgleich eine ähnliche Mischung von Action, Thriller und Komödie, hat sie mich nicht genauso umgehauen wie vor zehn Jahren Kiss Kiss Bang Bang. Ich fand es etwas schwer, mich an den ständigen Wechsel zwischen Detektivarbeit (mit Anklängen an Rockford - Anruf genügt), Slapstick-Action und tragischen Untertönen zu gewöhnen, die wohl an Polanskis ultimativ-zynischen 70er-Jahre-Noir Chinatown erinnern sollten. Kim Basinger ist allerdings weder so perfide noch so eindrucksvoll wie John Huston, punktet dafür auch mit gut 60 Jahren noch mit umwerfender Schönheit.
Die Geschichte spielt übrigens wie die genannten Vorbilder in den 70ern, untermalt von einem handverlesenen Soundtrack mit u.a. Kiss, Earth Wind & Fire und (seltsam passend) Americas Horse With No Name, und liebevoll ausgestattet mit den zugehörigen wilden Frisuren und bunten Outfits. Es geht nicht um Wasserrechte, sondern um Umweltverschmutzung, und der Schlüssel zur Verschwörung ist ausgerechnet ein Pornofilm: How do you like my car, big boy? Es ist jetzt schwer zu erklären, wie da Hollands 13jährige Tochter reinpaßt, aber die von der australischen Entdeckung (und wahrscheinlich etwas älteren) Angourie Rice gespielte Holly ist die pfiffigste Figur des Films und gleichzeitig eine Art moralischer Kompaß für die beiden Helden, und den können sie auch gut gebrauchen.
Übrigens bin ich nicht durchgängig ein Fan von Crowe und Gosling, aber hier passen sie ganz gut. Beide sind mimische Minimalisten, aber als Archetypen sind sie glaubwürdig und durchaus sympathisch. An Coolness werden sie allerdings nicht nur von Holly, sondern auch von Matt Bomers kaltblütigem Attentäter John Boy übertroffen - kein Wunder bei diesem Namen!
Ich bin gespannt, wieviel Spaß der Film beim Wiedersehen machen wird. Allein schon wegen des schmierigen Milieus, der moralischen Grauzone und der Fluchfrequenz haben es die Nice Guys gerade in den USA schwer, ihr Geld wieder einzuspielen - die FSK16-Einstufung bei uns ist vollkommen gerechtfertigt, aber Kultpotential ist vorhanden. Erstmal bleibe ich bei einem Gut (7/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Samstag, 11. Juni 2016
Samstag, 4. Juni 2016
Hugo-nominiert: Naomi Noviks "Uprooted"
Wow. Schon lange habe ich keinen Roman mehr an einem einzigen Wochenende verschlungen. Die 465 Seiten von Uprooted schmolzen dahin wie ein Eis im Sommerwetter. Anders als die anderen beiden in diesem Jahr nominierten Fantasy-Romane handelt es sich nicht um den ersten Teil einer Reihe, sondern um eine abgeschlossene Geschichte. Zwar nicht formal, aber vom Erzählton her ist dies eher ein Märchen. Es erzählt in der ersten Person von Agnieszka, einer 17jährigen Holzfällertochter, deren heimatliches Tal von einem magischen, übelwollenden Wald umgeben ist, dessen Ausbreitung nur durch die Wachsamkeit des "Drachen" aufgehalten wird. Der Drache ist tatsächlich ein über 100 Jahre alter Magier und gleichzeitig der Fürst dieser mittelalterlich geprägten Dörfergemeinschaft. Alle zehn Jahre wählt er ein junges Mädchen aus, um ihm als Bedienstete in seinem einsamen Turm Gesellschaft zu leisten. Statt der Dorfschönheit Kesia wählt er diesmal zur Überraschung aller die unbeholfene, "pferdegesichtige" Agnieszka. Der Grund liegt, ohne zu viel verraten zu wollen, in ihren bislang unterdrückten magischen Fähigkeiten, deren naturverbundenen Wurzeln allerdings schnell in Konflikt mit den wissenschaftlich fundierten Kräften des Drachen kommen. Und wie es sich für ein Märchen gehört, kommen dann auch noch die Königsfamilie und weitere, möglicherweise feindlich gesonnene Zauberer ins Spiel...
Die New Yorkerin Naomi Novik, Jahrgang 1973, nutzt das Erbe ihrer polnischen Mutter, um eine authentische bäurische Gesellschaft zum Leben zu erwecken, die sicher dem ländlichen Polen des 19. Jahrhunderts ähnelt. Ihre europäischen Wurzeln sind auch in ihrer erfolgreichen Temeraire-Saga erkennbar, deren erster Band 2007 ebenfalls für einen Hugo nominiert war. Diese alternative Geschichte der napoleonischen Kriege, in denen die beteiligten Parteien über Luftstreitmächte in Form von Drachenreitern verfügen, ist natürlich stark beeinflusst von Anne McCaffreys (1926 - 2011) berühmter Reihe über die Drachenreiter von Pern (für eine Novelle daraus gewann sie als erste Frau überhaupt 1968 einen Hugo für Fiction, vier Romane daraus waren zwischen 1972 und 1992 nominiert). Naomi Noviks Drachen sind allerdings anders als beim Vorbild den Menschen mindestens ebenbürtige Intelligenzwesen, die lesen und (wenngleich anatomisch bedingt unbeholfen) schreiben können und ein Faible für höhere Mathematik haben. Leider kann man an Noviks Saga die gleiche Kurve von kommerziellem Erfolg und künstlerischem Niedergang wie bei McCaffrey beobachten. Den Drachen Seiner Majestät habe ich nach Band 6 aufgegeben (der 9. und angeblich letzte Band ist für nächstes Jahr angekündigt).
Umso größer war meine Freude über "Uprooted" (das übrigens noch nicht ins Deutsche übertragen wurde), das bereits den Nebula der Science Fiction Writers of America gewinnen konnte und nun auch mein Favorit bei den diesjährigen Hugos ist. Die Filmrechte hat sich bereits Ellen DeGeneres sichern lassen, aber wie immer in solchen Fällen steht es in den Sternen, ob da jemals was draus wird (die Temeraire-Rechte liegen übrigens seit langem bei Peter Jackson - siehe diesen Artikel von 2009!).
Die New Yorkerin Naomi Novik, Jahrgang 1973, nutzt das Erbe ihrer polnischen Mutter, um eine authentische bäurische Gesellschaft zum Leben zu erwecken, die sicher dem ländlichen Polen des 19. Jahrhunderts ähnelt. Ihre europäischen Wurzeln sind auch in ihrer erfolgreichen Temeraire-Saga erkennbar, deren erster Band 2007 ebenfalls für einen Hugo nominiert war. Diese alternative Geschichte der napoleonischen Kriege, in denen die beteiligten Parteien über Luftstreitmächte in Form von Drachenreitern verfügen, ist natürlich stark beeinflusst von Anne McCaffreys (1926 - 2011) berühmter Reihe über die Drachenreiter von Pern (für eine Novelle daraus gewann sie als erste Frau überhaupt 1968 einen Hugo für Fiction, vier Romane daraus waren zwischen 1972 und 1992 nominiert). Naomi Noviks Drachen sind allerdings anders als beim Vorbild den Menschen mindestens ebenbürtige Intelligenzwesen, die lesen und (wenngleich anatomisch bedingt unbeholfen) schreiben können und ein Faible für höhere Mathematik haben. Leider kann man an Noviks Saga die gleiche Kurve von kommerziellem Erfolg und künstlerischem Niedergang wie bei McCaffrey beobachten. Den Drachen Seiner Majestät habe ich nach Band 6 aufgegeben (der 9. und angeblich letzte Band ist für nächstes Jahr angekündigt).
Umso größer war meine Freude über "Uprooted" (das übrigens noch nicht ins Deutsche übertragen wurde), das bereits den Nebula der Science Fiction Writers of America gewinnen konnte und nun auch mein Favorit bei den diesjährigen Hugos ist. Die Filmrechte hat sich bereits Ellen DeGeneres sichern lassen, aber wie immer in solchen Fällen steht es in den Sternen, ob da jemals was draus wird (die Temeraire-Rechte liegen übrigens seit langem bei Peter Jackson - siehe diesen Artikel von 2009!).
Freitag, 3. Juni 2016
No Commitments: Sing Street (5/10)
Es war einmal ein kleiner Film über einen irischen Straßenmusiker und eine tschechische Pianistin, die sich in Dublin treffen, gemeinsam musizieren und sich vielleicht auch ineinander verlieben. Das funktionierte vielleicht deshalb so gut, weil Glen Hansard und Markéta Irglová Variationen ihrer selbst spielten und ihre Geschichte daher glaubhaft und berührend wirkte. Wenngleich sich das Paar, nach ein paar Alben als The Swell Season, schnell wieder getrennt hat, war es doch 2008 ein kleines Happy End, dass ihr Lied Falling Slowly den Oscar für den Besten Song gewann. Seitdem versucht Regisseur und Drehbuchautor John Carney, der übrigens mit Hansard Anfang der 90er Mitglied der Frames war, diesen Überraschungshit Once zu wiederholen (dessen Mikrobudget von 180.000 Euro vielfach wieder eingespielt wurde). Leider variiert er seitdem nur das gleiche Rezept mit stetig geringerem Erfolg.
Der in New York spielende Nachfolger Begin Again (Can a Song Save Your Life?) mit Keira Knightley und Mark Ruffalo wirkt dagegen doch arg glatt, hat allerdings immer noch hübsche handgemachte Musik zu bieten, und lebt ansonsten von der Ausstrahlung der beiden Stars. John Carney hat sich jüngst missliebig über Keira geäußert, die sich ihm zufolge wohl erdreistet hat, eine ihrer eigenen Persönlichkeit sehr unähnliche Figur zu spielen. Ich fand ihre zerbrechliche Gretta toll, und die von ihr selbst eingespielte Musik mehr als zweckdienlich. Ich hatte viel mehr Probleme mit ihrem Gegenüber, dem Gelegenheitsschauspieler Adam Levine (Leadsänger von Maroon 5 mit unglücklichem Hang zum Falsett). Jedenfalls wurden die Produktionskosten von angeblich 8 Millionen Dollar locker wieder eingespielt.
Mit Sing Street kommt jetzt eine für John Carney eigentlich sehr persönliche Geschichte aus seiner Jugendzeit. 1985 gründet der 15jährige Dubliner Cosmo eine Band und dreht Musikvideos, um ein älteres Mädchen zu beeindrucken. Es ist die Zeit der British New Wave, im Fernsehen laufen (noch recht primitive) Videoclips von Duran Duran, The Cure und Spandau Ballet. Das ist für mich schon das erste Problem: Das gleiche hätte auch in London passieren können. Irische Musik kommt nicht vor, obwohl die Band einen schwarzen Keyboarder findet. Der fällt allerdings nur durch ein paar Faxen (Whiteface) auf, dabei hätte das damals sicher jeden Iren an Thin Lizzy mit ihrem schwarzen Frontman Phil Lynott erinnert. Überhaupt entwickeln die Bandmitglieder höchstens durch ihren Kleidungsstil Persönlichkeit. Das war beim offensichtlichen Vorbild The Commitments von 1991 deutlich anders. Und mitreißende oder berührende Titel gibt's hier auch nicht zu hören - das ist höchstens Wegwerfmusik zum Schmunzeln.
Abgesehen von der Musik gibt es noch ein wenig müdes Sozialdrama, in der Hauptsache durch den Ehekrach von Cosmos Eltern. Sie haben hier die einzigen bekannten Gesichter: Maria Doyle Kennedy ("S" aus Orphan Black und Veteranin aus den Commitments) und Aidan Gillen ("Littlefinger" aus Game of Thrones). Cosmos Bruder Brendan erinnert mich an Williams große Schwester Anita aus Almost Famous und befindet sich damit komplett im falschen Film. Schlimmer sind die Schulszenen, mit dem wandelnden Klischee eines Bullys (der am Ende dann noch als Roadie "eingefangen" wird). Das alles ist manchmal durchaus komisch, meist aber eher irritierend, und funktioniert weder als Satire noch als nostalgische Farce. Als Höhepunkt gibt es dann noch eine komplett missglückte Phantasieszene à la Zurück in die Zukunft und ein besonders fragwürdiges Ende. Das war wohl nichts. In den USA kommen offenbar weder die sehr spezielle Musik noch die irischen Akzente gut an, es ist ein ziemlicher Flop. Annehmbar (5/10).
Der in New York spielende Nachfolger Begin Again (Can a Song Save Your Life?) mit Keira Knightley und Mark Ruffalo wirkt dagegen doch arg glatt, hat allerdings immer noch hübsche handgemachte Musik zu bieten, und lebt ansonsten von der Ausstrahlung der beiden Stars. John Carney hat sich jüngst missliebig über Keira geäußert, die sich ihm zufolge wohl erdreistet hat, eine ihrer eigenen Persönlichkeit sehr unähnliche Figur zu spielen. Ich fand ihre zerbrechliche Gretta toll, und die von ihr selbst eingespielte Musik mehr als zweckdienlich. Ich hatte viel mehr Probleme mit ihrem Gegenüber, dem Gelegenheitsschauspieler Adam Levine (Leadsänger von Maroon 5 mit unglücklichem Hang zum Falsett). Jedenfalls wurden die Produktionskosten von angeblich 8 Millionen Dollar locker wieder eingespielt.
Mit Sing Street kommt jetzt eine für John Carney eigentlich sehr persönliche Geschichte aus seiner Jugendzeit. 1985 gründet der 15jährige Dubliner Cosmo eine Band und dreht Musikvideos, um ein älteres Mädchen zu beeindrucken. Es ist die Zeit der British New Wave, im Fernsehen laufen (noch recht primitive) Videoclips von Duran Duran, The Cure und Spandau Ballet. Das ist für mich schon das erste Problem: Das gleiche hätte auch in London passieren können. Irische Musik kommt nicht vor, obwohl die Band einen schwarzen Keyboarder findet. Der fällt allerdings nur durch ein paar Faxen (Whiteface) auf, dabei hätte das damals sicher jeden Iren an Thin Lizzy mit ihrem schwarzen Frontman Phil Lynott erinnert. Überhaupt entwickeln die Bandmitglieder höchstens durch ihren Kleidungsstil Persönlichkeit. Das war beim offensichtlichen Vorbild The Commitments von 1991 deutlich anders. Und mitreißende oder berührende Titel gibt's hier auch nicht zu hören - das ist höchstens Wegwerfmusik zum Schmunzeln.
Abgesehen von der Musik gibt es noch ein wenig müdes Sozialdrama, in der Hauptsache durch den Ehekrach von Cosmos Eltern. Sie haben hier die einzigen bekannten Gesichter: Maria Doyle Kennedy ("S" aus Orphan Black und Veteranin aus den Commitments) und Aidan Gillen ("Littlefinger" aus Game of Thrones). Cosmos Bruder Brendan erinnert mich an Williams große Schwester Anita aus Almost Famous und befindet sich damit komplett im falschen Film. Schlimmer sind die Schulszenen, mit dem wandelnden Klischee eines Bullys (der am Ende dann noch als Roadie "eingefangen" wird). Das alles ist manchmal durchaus komisch, meist aber eher irritierend, und funktioniert weder als Satire noch als nostalgische Farce. Als Höhepunkt gibt es dann noch eine komplett missglückte Phantasieszene à la Zurück in die Zukunft und ein besonders fragwürdiges Ende. Das war wohl nichts. In den USA kommen offenbar weder die sehr spezielle Musik noch die irischen Akzente gut an, es ist ein ziemlicher Flop. Annehmbar (5/10).
Samstag, 28. Mai 2016
Verzichte: Alice hinter den Spiegeln (?)
Natürlich verzichte ich auf viele Filme. Kinobesuche plane ich nach meinen Vorlieben und dem Kritikerspiegel im Vorfeld. Einiges spare ich mir fürs Heimkino auf, anderes kommt auf die Liste "Kann man sich vielleicht mal anschauen, wenn's auf Netflix verfügbar ist". So muss ich sicher nicht erklären, warum ich mir trotz gewisser Sympathie für den Regisseur Duncan Jones' Warcraft nicht antun werde.
Tim Burtons Alice im Wunderland ritt 2010 die Erfolgswelle von Avatar und wurde zum bis dahin erfolgreichsten 3D-"Familienfilm". Es steht immer noch auf Platz 23 im exklusiven Club der Dollar-Milliardäre (inzwischen von einigen Disney-Produkten überholt). Ich mochte den seelenlosen Film überhaupt nicht, wie ich auch die Hauptdarstellerin Mia Wasikowska höchstens mal als Schurkin ertragen kann (etwa bei Jarmusch in Only Lovers Left Alive). Der einst so innovative, stilsichere Tim Burton hat leider seit zehn Jahren (mit seiner fabelhaften Neuverfilmung von Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik) nichts sehenswertes mehr geliefert, allenfalls Durchschnittskost wie Big Eyes. Sein nächstes Projekt soll eine Fortsetzung seiner schräg-genialen Komödie Beetlejuice sein - was aufgrund des aktuellen Comebacks von Michael Keaton eher kommerzielle Erwägungen vermuten läßt...
Beim kommerztechnisch verspäteten Nachfolger Alice hinter den Spiegeln des Regisseurs James Bobin, der auch die uninspirierten Muppets-Revivals mitzuverantworten hat, passe ich nun und verweise beispielhaft auf die herrliche Kritik von Matt Zoller Seitz auf der (von Kollegen fortgeführten) Website des jüngst verstorbenen Roger Ebert: Alice Through the Looking Glass.
Auch das Mitleid (bei mir eher: Schadenfreude) für Johnny Depp, der sich im Scheidungskampf mit der Barbie Amber Heard befindet, wird seinen nervigen Auftritt als Mad Hatter nicht erträglicher machen.Hoffentlich ist Vanessa klug genug, ihn nicht zurückzunehmen. Ein Foto aus glücklicheren Zeiten mit der Mutter seiner beiden (bald erwachsenen) Kinder:
Tim Burtons Alice im Wunderland ritt 2010 die Erfolgswelle von Avatar und wurde zum bis dahin erfolgreichsten 3D-"Familienfilm". Es steht immer noch auf Platz 23 im exklusiven Club der Dollar-Milliardäre (inzwischen von einigen Disney-Produkten überholt). Ich mochte den seelenlosen Film überhaupt nicht, wie ich auch die Hauptdarstellerin Mia Wasikowska höchstens mal als Schurkin ertragen kann (etwa bei Jarmusch in Only Lovers Left Alive). Der einst so innovative, stilsichere Tim Burton hat leider seit zehn Jahren (mit seiner fabelhaften Neuverfilmung von Roald Dahls Charlie und die Schokoladenfabrik) nichts sehenswertes mehr geliefert, allenfalls Durchschnittskost wie Big Eyes. Sein nächstes Projekt soll eine Fortsetzung seiner schräg-genialen Komödie Beetlejuice sein - was aufgrund des aktuellen Comebacks von Michael Keaton eher kommerzielle Erwägungen vermuten läßt...
Beim kommerztechnisch verspäteten Nachfolger Alice hinter den Spiegeln des Regisseurs James Bobin, der auch die uninspirierten Muppets-Revivals mitzuverantworten hat, passe ich nun und verweise beispielhaft auf die herrliche Kritik von Matt Zoller Seitz auf der (von Kollegen fortgeführten) Website des jüngst verstorbenen Roger Ebert: Alice Through the Looking Glass.
Auch das Mitleid (bei mir eher: Schadenfreude) für Johnny Depp, der sich im Scheidungskampf mit der Barbie Amber Heard befindet, wird seinen nervigen Auftritt als Mad Hatter nicht erträglicher machen.Hoffentlich ist Vanessa klug genug, ihn nicht zurückzunehmen. Ein Foto aus glücklicheren Zeiten mit der Mutter seiner beiden (bald erwachsenen) Kinder:
Sonntag, 22. Mai 2016
Ein Satz mit X - X-Men: Apocalypse (6/10)
Muss es eigentlich immer der Weltuntergang sein? Wenn ich Zerstörungsorgien ohne Sinn und Verstand sehen möchte, gibt es demnächst ja Independence Day: Wiederkehr (und dank Jeff Goldblum macht zumindest der Trailer Spaß - sein trockener Humor ist selbst schon eine Sehenswürdigkeit). Schon bei Avengers: Age of Ultron war das drohende Armageddon das geringste Spannungselement. Die Steigerung kann dann eigentlich nur noch die Auslöschung des Universums sein. Für den Kampf gegen Thanos in Avengers: Infinity War schwant mir Böses...
Trotz einer fulminanten Eröffnungsszene, einem 3D-Achterbahnritt ins Innere einer Pyramide, bleibt der Gestalt gewordene, titelgebende Weltuntergang von X-Men: Apocalypse enttäuschend blass. Da hatte Arnold Vosloo im spaßigen 90erJahre-Remake von Die Mumie viel mehr Ausstrahlung, und deutlich klarere Motivationen. Das liegt allerdings nicht an Oscar Isaac, der sich hier nach Star Wars klammheimlich und erneut kaum wiedererkennbar in ein weiteres Franchise einschleicht. Seine Figur ist einfach zu schlecht entwickelt, seine Dialoge wirken banal, er ist ganz Oberfläche.
Von seinen vier "apokalyptischen Reitern" mag ich schon gar nicht sprechen. Dabei ist eine von ihnen (Alexandra Shipp aus Straight Outta Compton) die "neue" Storm, deren Werdegang hier in zwei Miniszenen verschenkt wird, eine weitere ein Wonder-Woman-Klon (Olivia Munn als Psylocke), der dritte eine schlechte Angel-Kopie, und der vierte Nebenschurke - wer hätte es erraten - ist mal wieder Magneto, dessen Geschichte gut anfängt, um dann in ausgefahrenen Untiefen zu versinken.
Was diesen dritten Auftritt der "Next Generation" der X-Men trotzdem sehenswert macht, ist also nicht der große Handlungsbogen, sondern es sind die vielen kleinen Szenen der ansonsten hervorragenden Darstellerriege. Ich persönlich fand es jedenfalls herrlich, wie Xavier angesichts der hübschen CIA-Agentin Moira (Rose Byrne, die bereits in Erste Entscheidung dabei war, aber kaum gealtert ist; im Foto mit ihrem Partner Bobby Cannavale) zum Teenager mutiert, oder wie Cyclops beim Training Xaviers Lieblingsbaum zerstört. Nicholas Hoult als Hank und Jennifer Lawrence als Raven sind immer noch phantastische Identifikationsfiguren. Die junge Oscar-Preisträgerin wirkt allerdings gerade in 3D noch wie ein pausbäckiger Teenager (ich nehme an, dass Mystique einfach nicht wie andere altert).
Der Zeitsprung in die 80er und die im Vorgängerfilm erreichte Veränderung der Timeline sorgen für einige Verwirrung. So müßten Prof. X, Magneto, Mystique und Beast jetzt so um die 40 Jahre alt sein. Es ist also bereits Platz für die nächste Generation. Dabei stiehlt Evan Peters als Quicksilver mal wieder die Show (diesmal zeitgemäß zu Sweet Dreams von den Eurythmics). Kodi Smith-McPhee als Kurt Wagner alias Nightcrawler steht ihm an Unterhaltungswert kaum nach (aber warum muss nach dem Schotten Alan Cumming nun ein Australier in Deutsch radebrechen?) Scott Summers alias Cyclops (Neuling Tye Sheridan) fand ich als Figur immer schon langweilig, die Autoren machen noch das Beste draus. Und übrigens: Die Entstehungsgeschichte von Xaviers Glatze wirkt ziemlich an den Haaren herbeigezogen und ist aufgrund der neuen Zeitlinie auch unnötig.
Die wichtigste Neubesetzung war allerdings die der Telepathie und Telekinese mächtige Supermutantin Jean Grey. Nach einem holprigen Start hat mich die gerade 20jährige Sophie Turner, Lady Sansa aus Game of Thrones, allerdings schnell für sich eingenommen, und am Ende konnte man in ihrer Darstellung durchaus eine junge Famke Janssen erahnen. Kompliment an die rothaarige Engländerin, die sich in der HBO-Serie von Jahr zu Jahr steigern konnte. Und Schwamm drüber, was das misslungene Cameo ihres Soulmates Wolverine angeht - Hugh Jackman kann uns ja nächstes Jahr in seinem dritten Solofilm zeigen, dass er's noch drauf hat...
Nachdem einige der jungen Mutanten eines Abends ausbüxen und sich Return of the Jedi anschauen, fällt der von Bryan Singer hoffentlich selbstironisch gemeinte Spruch, dass "der dritte Teil" stets der schlechteste sei. Natürlich ist das zunächst ein Seitenhieb auf den Abschluss der ursprünglichen X-Men-Saga, den Brett Ratner mit unfassbarer Inkompetenz vor zehn Jahren in den Sand gesetzt hatte. Aber auch Apokalypse ist ein dritter Teil (allerdings kaum der Abschluss), und gerade im Vergleich zum Vorgänger kommt er schlecht weg. Days of Future Passed hat schließlich dem Star-Trek-Franchise gezeigt, wie man ein Treffen der Generationen mit einem Reboot zu einer fesselnden Geschichte verknüpfen kann. Aber diesmal haben sich Autor Simon Kinberg und Regisseur Bryan Singer übernommen. Anders als beim Bürgerkrieg der Avengers ist dies auch der Tenor der Filmkritiker. Obwohl ich einen Tick mehr Freude an Apokalypse als am Civil War hatte (vielleicht auch aufgrund einer geringeren Erwartungshaltung), reicht es bei mir doch nur für ein Ordentlich (6/10).
Trotz einer fulminanten Eröffnungsszene, einem 3D-Achterbahnritt ins Innere einer Pyramide, bleibt der Gestalt gewordene, titelgebende Weltuntergang von X-Men: Apocalypse enttäuschend blass. Da hatte Arnold Vosloo im spaßigen 90erJahre-Remake von Die Mumie viel mehr Ausstrahlung, und deutlich klarere Motivationen. Das liegt allerdings nicht an Oscar Isaac, der sich hier nach Star Wars klammheimlich und erneut kaum wiedererkennbar in ein weiteres Franchise einschleicht. Seine Figur ist einfach zu schlecht entwickelt, seine Dialoge wirken banal, er ist ganz Oberfläche.
Von seinen vier "apokalyptischen Reitern" mag ich schon gar nicht sprechen. Dabei ist eine von ihnen (Alexandra Shipp aus Straight Outta Compton) die "neue" Storm, deren Werdegang hier in zwei Miniszenen verschenkt wird, eine weitere ein Wonder-Woman-Klon (Olivia Munn als Psylocke), der dritte eine schlechte Angel-Kopie, und der vierte Nebenschurke - wer hätte es erraten - ist mal wieder Magneto, dessen Geschichte gut anfängt, um dann in ausgefahrenen Untiefen zu versinken.
Was diesen dritten Auftritt der "Next Generation" der X-Men trotzdem sehenswert macht, ist also nicht der große Handlungsbogen, sondern es sind die vielen kleinen Szenen der ansonsten hervorragenden Darstellerriege. Ich persönlich fand es jedenfalls herrlich, wie Xavier angesichts der hübschen CIA-Agentin Moira (Rose Byrne, die bereits in Erste Entscheidung dabei war, aber kaum gealtert ist; im Foto mit ihrem Partner Bobby Cannavale) zum Teenager mutiert, oder wie Cyclops beim Training Xaviers Lieblingsbaum zerstört. Nicholas Hoult als Hank und Jennifer Lawrence als Raven sind immer noch phantastische Identifikationsfiguren. Die junge Oscar-Preisträgerin wirkt allerdings gerade in 3D noch wie ein pausbäckiger Teenager (ich nehme an, dass Mystique einfach nicht wie andere altert).
Der Zeitsprung in die 80er und die im Vorgängerfilm erreichte Veränderung der Timeline sorgen für einige Verwirrung. So müßten Prof. X, Magneto, Mystique und Beast jetzt so um die 40 Jahre alt sein. Es ist also bereits Platz für die nächste Generation. Dabei stiehlt Evan Peters als Quicksilver mal wieder die Show (diesmal zeitgemäß zu Sweet Dreams von den Eurythmics). Kodi Smith-McPhee als Kurt Wagner alias Nightcrawler steht ihm an Unterhaltungswert kaum nach (aber warum muss nach dem Schotten Alan Cumming nun ein Australier in Deutsch radebrechen?) Scott Summers alias Cyclops (Neuling Tye Sheridan) fand ich als Figur immer schon langweilig, die Autoren machen noch das Beste draus. Und übrigens: Die Entstehungsgeschichte von Xaviers Glatze wirkt ziemlich an den Haaren herbeigezogen und ist aufgrund der neuen Zeitlinie auch unnötig.
Die wichtigste Neubesetzung war allerdings die der Telepathie und Telekinese mächtige Supermutantin Jean Grey. Nach einem holprigen Start hat mich die gerade 20jährige Sophie Turner, Lady Sansa aus Game of Thrones, allerdings schnell für sich eingenommen, und am Ende konnte man in ihrer Darstellung durchaus eine junge Famke Janssen erahnen. Kompliment an die rothaarige Engländerin, die sich in der HBO-Serie von Jahr zu Jahr steigern konnte. Und Schwamm drüber, was das misslungene Cameo ihres Soulmates Wolverine angeht - Hugh Jackman kann uns ja nächstes Jahr in seinem dritten Solofilm zeigen, dass er's noch drauf hat...
Nachdem einige der jungen Mutanten eines Abends ausbüxen und sich Return of the Jedi anschauen, fällt der von Bryan Singer hoffentlich selbstironisch gemeinte Spruch, dass "der dritte Teil" stets der schlechteste sei. Natürlich ist das zunächst ein Seitenhieb auf den Abschluss der ursprünglichen X-Men-Saga, den Brett Ratner mit unfassbarer Inkompetenz vor zehn Jahren in den Sand gesetzt hatte. Aber auch Apokalypse ist ein dritter Teil (allerdings kaum der Abschluss), und gerade im Vergleich zum Vorgänger kommt er schlecht weg. Days of Future Passed hat schließlich dem Star-Trek-Franchise gezeigt, wie man ein Treffen der Generationen mit einem Reboot zu einer fesselnden Geschichte verknüpfen kann. Aber diesmal haben sich Autor Simon Kinberg und Regisseur Bryan Singer übernommen. Anders als beim Bürgerkrieg der Avengers ist dies auch der Tenor der Filmkritiker. Obwohl ich einen Tick mehr Freude an Apokalypse als am Civil War hatte (vielleicht auch aufgrund einer geringeren Erwartungshaltung), reicht es bei mir doch nur für ein Ordentlich (6/10).
Montag, 16. Mai 2016
Hugo-nominiert: Neal Stephensons "Seveneves"
Der 1959 geborene Amerikaner Neal Stephenson schlug vor 25 Jahren wie ein Meteor im Science-Fiction-Genre ein. Seine drei Romane Zodiac (1988), Snow Crash (1992) und Diamond Age (1995) vereinten Originalität, naturwissenschaftliches Verständnis und einen reichhaltigen und doch präzisen Sprachstil. Das drittgenannte Werk, ein futuristisches Cyberpunk-Abenteuer im viktorianischen Stil, gewann 1996 den Hugo für den Besten Roman (bei starker Konkurrenz durch Baxter, Brin, Sawyer und Willis). Danach allerdings verfiel Stephenson in meinen Augen in eine Art megalomanische Selbstverliebtheit - die technischen Ideen wurden wichtiger als die Geschichten. Der Nachfolger Cryptonomicon, 2000 für einen Hugo nominiert, war bereits ein Wälzer von über 900 Seiten. Die anschließende, etliche tausend Seiten umfassende "Barock"-Trilogie habe ich mir bislang gespart, und das 2009 nominierte, wieder über tausend Seiten lange (für 1€ erstandene) Anathem liegt jetzt schon fast zwei Jahre ungelesen in meinem Kindle-Eingangsordner. Dagegen sind die 860 Seiten seines nunmehr vierten nominierten Romans Seveneves fast ein Klacks (Kurzgeschichten von Stephenson gibt es übrigens nur wenige).
Die meisten Autoren hätten die drei Teile von Seveneves wahrscheinlich als Trilogie veröffentlicht, und das hätte der Ausarbeitung insbesondere des Abschlusses sicher gut getan. Die Geschichte beginnt in naher Zukunft mit einer ungeklärten Katastrophe, durch die der Mond in sieben Teile zerbricht. Das wird für einige Wochen als Kuriosum betrachtet, bis Wissenschaftler die resultierenden exponentiellen Prozesse analysieren und erkennen, dass die Lebensgrundlagen der Erde binnen zwei Jahren in einem gewaltigen Feuersturm und Meteoritenbombardement untergehen werden - was immerhin nach wenigen Jahrtausenden in einen attraktiven Trümmerring münden wird. Die internationale Gemeinschaft lenkt daher alle irdischen Ressourcen in den Aufbau einer schwarmartigen Orbitalarche um die internationalen Space Station ISS (mit dem knuffigen Spitznamen Izzy), die inzwischen an einen kleinen eisenerzhaltigen Asteroiden angekoppelt ist.
Es ist schwer vorstellbar, wie eine Menschheit, die schon den gut belegten Klimawandel nicht wahrhaben will, derart rational auf die Vorhersage eines solchen Armageddons reagieren würde. Wenn man diese Pille aber erstmal geschluckt hat, macht es schon Spaß, den brillant beschriebenen technischen Herausforderungen und Lösungen zu folgen. Auch einige der eingeführten Figuren wissen zu überzeugen, insbesondere die weiblichen, so die Kommandantin der ISS Ivy und die Roboterspezialistin Dinah, deren von Nano bis Makro variierenden Maschinen zum wichtigsten Werkzeug der neuen Weltraum-Menschheit werden sollen. Zum Ende des ersten Teils beobachten etwa 2.000 Überlebende die Auslöschung der erdgebundenen Zivilisation aus dem All.
Im zweiten Teil kämpft nun diese sehr heterogene Gemeinschaft im geosynchronen Orbit ums Überleben. Insbesondere unberechenbare Boliden bilden eine ständige Gefahr, und die Ressourcen sind knapp. Ein kleines Team versucht daher, einen Eiskometen mittels eines Atomreaktors in eine angepaßte Umlaufbahn zu bringen. Zu allem Überfluß gibt es jetzt (endlich?!) politische Differenzen und Intrigenspiele, natürlich auch Depressionen, Selbstmorde und Kämpfe um die Ressourcenverteilung und die Langzeitstrategie. Hier wird allerdings eine traurige Wahrheit veranschaulicht. Politiker wissen zwar Statistiken gekonnt für sich zu manipulieren, vertrauen aber statt statistischen wissenschaftlichen Berechnungen (etwa der Wahrscheinlichkeiten für Bolidentreffer) lieber ihrer Intuition. Der insbesondere durch eine gewisse amerikanische Politikerin ausgelöste Machtkampf führt schließlich zu einer durch Menschen ausgelösten Katastrophe, und die Zahl der Überlebenden schwindet. Ohne zu viel verraten zu wollen, erreichen zum Ende des zweiten Teils zumindest einige Protagonisten einen sicheren Hafen. Hier gibt der Romantitel einen gewissen Hinweis...
Gerade wenn es spannend wird, nerven nun die detailverliebten Schilderungen der sicher wohlrecherchierten technischen Anstrengungen. Ohne ein grundsätzliches naturwissenschaftliches Verständnis ist hier der Leser schnell abgehängt, und selbst Fans von Hard SF überschlagen hier wohl so manche Seite mit Beschreibungen. Trotzdem Respekt dem Autor, der inzwischen auch als "Futurist" für Technologieunternehmen arbeitet. Er ist zwar immer noch typischer Technikoptimist (wie auch viele seiner Kollegen, etwa David Brin), aber in seiner Vorstellungskraft und dem grundsätzlichen Verständnis etwa Andy Weirs Marsianer (mir nur in der Verfilmung bekannt) weit voraus. Was die Charaktere betrifft, stellt sich nun eine gewisse Ermüdung ein, auch durch die (allerdings plausible) Sterblichkeitsrate.
============================== SPOILER ==============================
Den dritten Teil kann man ohne Spoiler nicht so recht zusammenfassen, geschweige denn kritisieren. Wir machen einen Zeitsprung von 5.000 Jahren. Die Orbitalgemeinschaft besteht aus etwa drei Milliarden Menschen, alles Nachkommen der ursprünglichen sieben Evas, die sich in den ersten Generationen im wesentlichen klonen mussten, so dass sieben klar unterscheidbare "Rassen" entstanden, inklusive zweier rivalisierender Supermächte, hier Rot und Blau genannt. Seit einigen hundert Jahren haben sie begonnen, die Erde wieder bewohnbar zu machen (ReTerraForm), u.a. mittels Beschuss durch wasserhaltige Kometen und den Kickstart der Ökosphäre durch künstlich erzeugte Organismen.
Es ist natürlich immer schwer, derart weit in die Zukunft zu spekulieren und doch im Rahmen des wissenschaftlich Plausiblen zu bleiben. Trotzdem war ich ein wenig enttäuscht von dieser recht unwahrscheinlichen Konstellation. Das betrifft das Vertrauen in gezielte genetische Manipulationen noch mehr als die ingenieurtechnischen Husarenstücke. Dazu kommt, dass das Szenario weder soziologisch plausibel ist noch mit überzeugenden Figuren aufwarten kann. Trotzdem gibt es dann einige Spannungsmomente, wenngleich aufmerksame Leser die großen "Enthüllungen" sicher lange vorhersehen können.
============================== Ende SPOILER ==========================
Am Ende hatte ich eher das Gefühl, eine Leseaufgabe bewältigt zu haben, ohne im Ausgang der Geschichte eine angemessene Belohnung zu spüren. Wenn ein kluger Lektor den Autor zur Kürzung auf die Hälfte des Umfangs gedrängt hätte, wäre vielleicht ein Meisterwerk dabei herausgekommen. Dem dritten Teil hingegen wäre mehr Arbeit an den Figuren zugute gekommen, vielleicht hätte man ihn tatsächlich besser als Folgeroman konzipiert. Stephenson hat angeblich übrigens keine Fortsetzung im Sinn, auch wenn der eigentliche Auslöser des ganzen (die Zerstörung des Monds) nicht geklärt wird. So geht die Nominierung vielleicht in Ordnung, aber einen würdigen Gewinner habe ich auch hier nicht gesehen.
Die meisten Autoren hätten die drei Teile von Seveneves wahrscheinlich als Trilogie veröffentlicht, und das hätte der Ausarbeitung insbesondere des Abschlusses sicher gut getan. Die Geschichte beginnt in naher Zukunft mit einer ungeklärten Katastrophe, durch die der Mond in sieben Teile zerbricht. Das wird für einige Wochen als Kuriosum betrachtet, bis Wissenschaftler die resultierenden exponentiellen Prozesse analysieren und erkennen, dass die Lebensgrundlagen der Erde binnen zwei Jahren in einem gewaltigen Feuersturm und Meteoritenbombardement untergehen werden - was immerhin nach wenigen Jahrtausenden in einen attraktiven Trümmerring münden wird. Die internationale Gemeinschaft lenkt daher alle irdischen Ressourcen in den Aufbau einer schwarmartigen Orbitalarche um die internationalen Space Station ISS (mit dem knuffigen Spitznamen Izzy), die inzwischen an einen kleinen eisenerzhaltigen Asteroiden angekoppelt ist.
Es ist schwer vorstellbar, wie eine Menschheit, die schon den gut belegten Klimawandel nicht wahrhaben will, derart rational auf die Vorhersage eines solchen Armageddons reagieren würde. Wenn man diese Pille aber erstmal geschluckt hat, macht es schon Spaß, den brillant beschriebenen technischen Herausforderungen und Lösungen zu folgen. Auch einige der eingeführten Figuren wissen zu überzeugen, insbesondere die weiblichen, so die Kommandantin der ISS Ivy und die Roboterspezialistin Dinah, deren von Nano bis Makro variierenden Maschinen zum wichtigsten Werkzeug der neuen Weltraum-Menschheit werden sollen. Zum Ende des ersten Teils beobachten etwa 2.000 Überlebende die Auslöschung der erdgebundenen Zivilisation aus dem All.
Im zweiten Teil kämpft nun diese sehr heterogene Gemeinschaft im geosynchronen Orbit ums Überleben. Insbesondere unberechenbare Boliden bilden eine ständige Gefahr, und die Ressourcen sind knapp. Ein kleines Team versucht daher, einen Eiskometen mittels eines Atomreaktors in eine angepaßte Umlaufbahn zu bringen. Zu allem Überfluß gibt es jetzt (endlich?!) politische Differenzen und Intrigenspiele, natürlich auch Depressionen, Selbstmorde und Kämpfe um die Ressourcenverteilung und die Langzeitstrategie. Hier wird allerdings eine traurige Wahrheit veranschaulicht. Politiker wissen zwar Statistiken gekonnt für sich zu manipulieren, vertrauen aber statt statistischen wissenschaftlichen Berechnungen (etwa der Wahrscheinlichkeiten für Bolidentreffer) lieber ihrer Intuition. Der insbesondere durch eine gewisse amerikanische Politikerin ausgelöste Machtkampf führt schließlich zu einer durch Menschen ausgelösten Katastrophe, und die Zahl der Überlebenden schwindet. Ohne zu viel verraten zu wollen, erreichen zum Ende des zweiten Teils zumindest einige Protagonisten einen sicheren Hafen. Hier gibt der Romantitel einen gewissen Hinweis...
Gerade wenn es spannend wird, nerven nun die detailverliebten Schilderungen der sicher wohlrecherchierten technischen Anstrengungen. Ohne ein grundsätzliches naturwissenschaftliches Verständnis ist hier der Leser schnell abgehängt, und selbst Fans von Hard SF überschlagen hier wohl so manche Seite mit Beschreibungen. Trotzdem Respekt dem Autor, der inzwischen auch als "Futurist" für Technologieunternehmen arbeitet. Er ist zwar immer noch typischer Technikoptimist (wie auch viele seiner Kollegen, etwa David Brin), aber in seiner Vorstellungskraft und dem grundsätzlichen Verständnis etwa Andy Weirs Marsianer (mir nur in der Verfilmung bekannt) weit voraus. Was die Charaktere betrifft, stellt sich nun eine gewisse Ermüdung ein, auch durch die (allerdings plausible) Sterblichkeitsrate.
============================== SPOILER ==============================
Den dritten Teil kann man ohne Spoiler nicht so recht zusammenfassen, geschweige denn kritisieren. Wir machen einen Zeitsprung von 5.000 Jahren. Die Orbitalgemeinschaft besteht aus etwa drei Milliarden Menschen, alles Nachkommen der ursprünglichen sieben Evas, die sich in den ersten Generationen im wesentlichen klonen mussten, so dass sieben klar unterscheidbare "Rassen" entstanden, inklusive zweier rivalisierender Supermächte, hier Rot und Blau genannt. Seit einigen hundert Jahren haben sie begonnen, die Erde wieder bewohnbar zu machen (ReTerraForm), u.a. mittels Beschuss durch wasserhaltige Kometen und den Kickstart der Ökosphäre durch künstlich erzeugte Organismen.
Es ist natürlich immer schwer, derart weit in die Zukunft zu spekulieren und doch im Rahmen des wissenschaftlich Plausiblen zu bleiben. Trotzdem war ich ein wenig enttäuscht von dieser recht unwahrscheinlichen Konstellation. Das betrifft das Vertrauen in gezielte genetische Manipulationen noch mehr als die ingenieurtechnischen Husarenstücke. Dazu kommt, dass das Szenario weder soziologisch plausibel ist noch mit überzeugenden Figuren aufwarten kann. Trotzdem gibt es dann einige Spannungsmomente, wenngleich aufmerksame Leser die großen "Enthüllungen" sicher lange vorhersehen können.
============================== Ende SPOILER ==========================
Am Ende hatte ich eher das Gefühl, eine Leseaufgabe bewältigt zu haben, ohne im Ausgang der Geschichte eine angemessene Belohnung zu spüren. Wenn ein kluger Lektor den Autor zur Kürzung auf die Hälfte des Umfangs gedrängt hätte, wäre vielleicht ein Meisterwerk dabei herausgekommen. Dem dritten Teil hingegen wäre mehr Arbeit an den Figuren zugute gekommen, vielleicht hätte man ihn tatsächlich besser als Folgeroman konzipiert. Stephenson hat angeblich übrigens keine Fortsetzung im Sinn, auch wenn der eigentliche Auslöser des ganzen (die Zerstörung des Monds) nicht geklärt wird. So geht die Nominierung vielleicht in Ordnung, aber einen würdigen Gewinner habe ich auch hier nicht gesehen.
Sonntag, 8. Mai 2016
Dark Knights: Captain America - Civil War (6/10)
Jetzt ist es doch passiert. Das erste Dutzend der Avenger-Filme ist voll, und ich bin übersättigt. Während alle Welt über den "vielleicht besten" Marvel-Film jubelt, versuche ich zu analysieren, warum ich so wenig Spaß im Kino hatte. Hier ein paar Thesen:
Na ja, es war doch etwas besser als die Prügelei zwischen den beiden DC-Helden - bessere Darsteller, bessere Dialoge - aber die Erwartungen waren auch höher. Ordentlich (6/10).
Da mich der Film einigermaßen ratlos zurückließ, habe ich mir eine zweite Meinung aus der wichtigsten Zielgruppe dazugeholt. Der knapp 13jährige Sohn von Freunden ist wohl noch etwas hungriger als ich und schreibt (leichter Spoiler für Batman vs. Superman):
- Christopher Nolan ist schuld! Seit seiner überaus erfolgreichen Dark-Knight-Trilogie meinen alle, Superhelden ernst nehmen zu müssen. So viel Düsternis möchte ich aber gar nicht sehen.
- Im Winter Soldier haben die Russos alles richtig gemacht - diesmal fand ich die Action zu hektisch und alles andere zu lang - aus dem 146-Minuten-Spektakel hätte man vielleicht einen dichten 100-Minuten-Thriller machen können.
- Warum soll ich mit Freude zusehen, wenn Freunde sich verprügeln? Boxkämpfe und MMA sind schließlich auch nicht mein Ding.
- Wenn schon Ernsthaftigkeit, dann auch richtig! Mit Schrecken habe ich darauf gewartet, dass Tony einen Herzinfarkt bekommt. Pustekuchen - Playboy-Billionäre sind unzerstörbar (Batman lässt grüßen).
- Die Integration von Wanda ("Scarlett Witch") und Vision (vormals Jarvis) ist noch ein wenig holprig (und nein, im Foto ist nicht Elizabeth Olsen (sie kommt weiter unten), sondern Paul Bettanys Ehefrau Jennifer Connelly, die ansonsten nichts mit dem Film zu tun hat. Aber ich lasse bestimmt keine Gelegenheit aus, eine meiner Lieblingsschauspielerinnen zu präsentieren).
- Spidey (mit 19 Lenzen der bislang jüngste: Tom Holland) ist als Comic Relief ganz witzig, aber wer will denn einen kompletten Film um diesen Rotzbengel sehen?
- Paul Rudds Gastauftritt war dagegen mehr als willkommen (Wer ist das? - Wirklich?) Müssen wir tatsächlich noch zwei Jahre auf Ant-Man and the Wasp warten?
- Drei schwarze Avengers sind offenbar zuviel für die Amerikaner, daher wird bei Einführung des dritten einer der anderen in Rente geschickt (Chadwick Boseman als Black Panther hat aber ein vielversprechendes Debut).
- Tony Stark könnte fast jeden der übrigen Avengers mit dem kleinen Finger seiner stählernen Faust K.O. schlagen. Wie insbesondere Natasha und Clint die brutalen Scharmützel überstehen, übersteigt meine Suspension of Disbelief (das heißt im Deutschen laut Wikipedia übrigens "Willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit" ;-). Scarlett Johannson hat wohl keine Promotion gemacht. Sie ist im Gegensatz zum Vorgängerfilm, in dem sie praktisch die zweite Hauptrolle hatte, kaum zu sehen...
- Der Bösewicht gewinnt! Bin ich der einzige, dem das missfällt? Auch wenn Daniel Brühl mit gekonntem Underplaying eine gute Figur macht und die (vor allem bei Bond gefestigte) Tradition renommierter deutscher Darsteller in Schurkenrollen aufrechterhält. Den sekovischen Akzent hat er jedenfalls drauf. Damit sei ihm auch sein hölzerner Auftritt als schwuler Chef von Bradley Cooper im schwer verbrannten Burnt ("Im Rausch der Sterne") verziehen. Schade nur, dass er in seiner Heimat kein Kassenmagnet mehr ist - dazu müsste er ein "Schweig" im Namen haben.
Na ja, es war doch etwas besser als die Prügelei zwischen den beiden DC-Helden - bessere Darsteller, bessere Dialoge - aber die Erwartungen waren auch höher. Ordentlich (6/10).
Da mich der Film einigermaßen ratlos zurückließ, habe ich mir eine zweite Meinung aus der wichtigsten Zielgruppe dazugeholt. Der knapp 13jährige Sohn von Freunden ist wohl noch etwas hungriger als ich und schreibt (leichter Spoiler für Batman vs. Superman):
Der Film (in 3D jedenfalls) war sehr actionreich und voller Effekte. Die Effekte sind manchmal ziemlich irritierend, aber die Geschichte ziemlich gut. Mir fiel auf, dass es in diesem Film wenige einfallsreiche Dialoge gab und es mehr um die Kämpfe ging, die sehr zahlreich waren. Tony Stark hat sehr mit seinem Humor nachgelassen. Ant-Man hätte ein wenig mehr Sprechrolle bekommen sollen, da er wenig gesagt hat, obwohl er eine einen sehr humorvollen Charakter hat.Der Auftritt vom Schwarzen Panther war sehr gut. Dass er den anderen einfach bis zum Ende gefolgt ist, war eine sehr gute Idee, da er eine neue Figur ist.Er ist zwar eine sehr draufgängerische Person, aber der Schauspieler spielt seine Rolle sehr gut. Die Musik war nicht so besonders, mir jedenfalls ist der Soundtrack zu keinem Zeitpunkt besonders aufgefallen. Im Vergleich ist dieser Film besser als der Film Batman vs. Superman. Der Film hat mir nicht ganz so gut gefallen gehabt, da er in einer einzigen Richtung gelaufen ist, das heißt, es war wie immer das gleiche !!!!!!!! Die Welt wird bedroht, und Superman rettet sie wieder. Dass er am Ende gestorben ist, hat mir dann auch ganz gut gefallen ;-) !!! Dass Captain America eine Überlänge hat, ist mir erst am Ende aufgefallen, der Film war so actionreich, da konnte man gar nicht auf die Uhr schauen und fragen, wo die Zeit geblieben ist. :-D
Freitag, 6. Mai 2016
Verschenkter Stoff: Ein Hologramm für den König (6/10)
Der zugrundeliegende Roman von Dave Eggers soll eine düstere Parabel auf den schwindenden amerikanischen Einfluss auf Weltpolitik und Weltwirtschaft sein. Die Adaption von Regisseur Tom Tykwer kann sich leider nicht für einen durchgängigen Ton entscheiden und schwankt zwischen Reisebericht, Farce und einer Romanze mit aufgesetztem Happy-End. Insbesondere die letzte halbe Stunde entbehrt jeglicher Glaubwürdigkeit. Aber schon zu Beginn hätte ich mir mehr Mut des Lola rennt-Schöpfers gewünscht, als eine an sich tolle Idee mit angezogener Handbremse umgesetzt wird. Beim Telegraph kann man sich die komplette surreale Tanzszene anschauen, in der Tom Hanks den leicht abgewandelten Text von David Byrnes Talking-Heads-Hit Once in a Lifetime interpretiert:
Als das schöne Haus und die schöne Ehefrau verpuffen, reist der gescheiterte Fahrradverkäufer nach Saudi-Arabien, um dem König (dessen Neffen er mal am Pissoir kennenlernte) ein Videokonferenz-Konzept auf Hologramm-Basis zu präsentieren. Damit wäre der Titel schon mal erklärt. Alles weitere gehört zum Merkwürdigsten, was ich in den letzten Jahren im Kino gesehen habe. Es gibt wundervolle (zumeist in Marokko gedrehte) Bilder, gute Schauspieler (u.a. die Borgen-Ministerpräsidentin Sidse Babett Knudsen) und tolle Momente, aber selbst über die an sich kurzen 98 Minuten entwickelt sich kein zusammenhängendes Ganzes. Auf der einen Seite hat die Handlung auch für flüchtige Kenner der arabischen Welt nichts mit der Realität zu tun, auf der anderen Seite ist sie auch nicht so satirisch übertrieben, dass mehr als eine platte Entlarvung der amerikanischen Hauruck-Mentalität dabei rauskommt.
Hier hätte ich mir einen jungen Werner Herzog am Ruder gewünscht, der dem originellen Stoff vielleicht die verdiente Umsetzung entrungen hätte. Leider ist auch dem inzwischen 73jährigen Altmeister längst die Luft ausgegangen, sein eigener Arabienfilm Königin der Wüste mit Nicole Kidman war nur noch eine fade, immerhin atemberaubend bebilderte Romanze. Von Tykwer, international der angesehenste deutsche Regisseur seiner Generation, hätte ich mir nach seinen tollen Adaptionen Das Parfum und Cloud Atlas mehr versprochen. So ist Ein Hologramm für den König ähnlich enttäuschend geraten wie The International von 2009, damals trotz Starbesetzung mit Clive Owen, Naomi Watts und Armin Müller-Stahl ein Flop. Auch diesmal sieht's an den Kinokassen nicht besser aus. Ordentlich (6/10).
You may find yourself living in a shotgun shack
And you may find yourself in another part of the world
And you may find yourself behind the wheel of a large automobile
You may find yourself in a beautiful house, with a beautiful wife
You may ask yourself, "Well, how did I get here?"
Letting the days go by, let the water hold me down
Letting the days go by, water flowing underground
Into the blue again, after the money's gone
Once in a lifetime, water flowing underground
Same as it ever was...
Als das schöne Haus und die schöne Ehefrau verpuffen, reist der gescheiterte Fahrradverkäufer nach Saudi-Arabien, um dem König (dessen Neffen er mal am Pissoir kennenlernte) ein Videokonferenz-Konzept auf Hologramm-Basis zu präsentieren. Damit wäre der Titel schon mal erklärt. Alles weitere gehört zum Merkwürdigsten, was ich in den letzten Jahren im Kino gesehen habe. Es gibt wundervolle (zumeist in Marokko gedrehte) Bilder, gute Schauspieler (u.a. die Borgen-Ministerpräsidentin Sidse Babett Knudsen) und tolle Momente, aber selbst über die an sich kurzen 98 Minuten entwickelt sich kein zusammenhängendes Ganzes. Auf der einen Seite hat die Handlung auch für flüchtige Kenner der arabischen Welt nichts mit der Realität zu tun, auf der anderen Seite ist sie auch nicht so satirisch übertrieben, dass mehr als eine platte Entlarvung der amerikanischen Hauruck-Mentalität dabei rauskommt.
Hier hätte ich mir einen jungen Werner Herzog am Ruder gewünscht, der dem originellen Stoff vielleicht die verdiente Umsetzung entrungen hätte. Leider ist auch dem inzwischen 73jährigen Altmeister längst die Luft ausgegangen, sein eigener Arabienfilm Königin der Wüste mit Nicole Kidman war nur noch eine fade, immerhin atemberaubend bebilderte Romanze. Von Tykwer, international der angesehenste deutsche Regisseur seiner Generation, hätte ich mir nach seinen tollen Adaptionen Das Parfum und Cloud Atlas mehr versprochen. So ist Ein Hologramm für den König ähnlich enttäuschend geraten wie The International von 2009, damals trotz Starbesetzung mit Clive Owen, Naomi Watts und Armin Müller-Stahl ein Flop. Auch diesmal sieht's an den Kinokassen nicht besser aus. Ordentlich (6/10).
Donnerstag, 5. Mai 2016
Hugo-nominiert: "Ancillary Mercy" von Ann Leckie
Die notorische Traurige-Welpen-Kampagne hat bei den diesjährigen Hugo-Nominierungen einen etwas anderen Effekt als zuvor. Statt fragwürdiger militärischer SF kommt diesmal der Mainstream zum Zuge. Es wurden vor allem Werke etablierter Autoren nominiert, die meisten davon sind auch für den Nebula und andere Preise im Rennen. Leider fehlen dadurch überraschende Neuentdeckungen, und mein einziger nominierter Roman, The Dark Forest von Cixin Liu, hat es auch nicht unter die letzten Fünf geschafft. Beigetragen zu dieser Situation hat sicher auch die Rekordzahl von über 4.000 abgegebenen (elektronischen) Stimmzetteln.
Der erste übliche Verdächtige bei den Romanen ist Ann Leckies Abschluss ihrer "Imperial Radch"-Trilogie. Nachdem ich beim zweiten Band vermutet hatte, dass es nicht bei einer Trilogie bleiben werde, bringt Ancillary Mercy die Geschichte nun doch etwas überhastet zum Abschluss. Insbesondere der systemumspannende Rahmen fällt dabei ziemlich in sich zusammen, was auch von vielen Lesern moniert wird. Insgesamt kann man nun höchstens von einer Weltraum-Operette sprechen (sogar mit Gesangspassagen, die beim Lesen allerdings nicht besonders überzeugen). Die persönliche Entwicklung der inzwischen etablierten Figuren fand ich dann aber doch fesselnd, und zwischendurch sorgt insbesondere Dilique, Verzeihung, Zeiat, der skurille Übersetzer der Presger, für willkommene komische Momente. Welche der Figuren übrigens männlich und welche weiblich waren, hatte ich längst vergessen, und durch die konsequente Nutzung des weiblichen Pronoms blieb dies auch so - vielleicht hat die Autorin damit genau ihr Ziel erreicht. Schließlich stellt sich heraus, dass es eine wesentlichere Unterscheidung gibt - die zwischen Menschen und anderen "signifikanten" Wesen, etwa Ancillaries und den KIs der beteiligten Schiffe und Stationen. Ohne den Hugo für Ancillary Justice hätte ich die Trilogie wohl trotzdem nicht zu Ende gelesen, aber schmerzhaft war es nun auch nicht. Ob ein zweiter Gewinn drin ist, wage ich momentan nicht vorherzusagen. Abwarten und Tee trinken!
Der erste übliche Verdächtige bei den Romanen ist Ann Leckies Abschluss ihrer "Imperial Radch"-Trilogie. Nachdem ich beim zweiten Band vermutet hatte, dass es nicht bei einer Trilogie bleiben werde, bringt Ancillary Mercy die Geschichte nun doch etwas überhastet zum Abschluss. Insbesondere der systemumspannende Rahmen fällt dabei ziemlich in sich zusammen, was auch von vielen Lesern moniert wird. Insgesamt kann man nun höchstens von einer Weltraum-Operette sprechen (sogar mit Gesangspassagen, die beim Lesen allerdings nicht besonders überzeugen). Die persönliche Entwicklung der inzwischen etablierten Figuren fand ich dann aber doch fesselnd, und zwischendurch sorgt insbesondere Dilique, Verzeihung, Zeiat, der skurille Übersetzer der Presger, für willkommene komische Momente. Welche der Figuren übrigens männlich und welche weiblich waren, hatte ich längst vergessen, und durch die konsequente Nutzung des weiblichen Pronoms blieb dies auch so - vielleicht hat die Autorin damit genau ihr Ziel erreicht. Schließlich stellt sich heraus, dass es eine wesentlichere Unterscheidung gibt - die zwischen Menschen und anderen "signifikanten" Wesen, etwa Ancillaries und den KIs der beteiligten Schiffe und Stationen. Ohne den Hugo für Ancillary Justice hätte ich die Trilogie wohl trotzdem nicht zu Ende gelesen, aber schmerzhaft war es nun auch nicht. Ob ein zweiter Gewinn drin ist, wage ich momentan nicht vorherzusagen. Abwarten und Tee trinken!
Samstag, 30. April 2016
SF-Klassiker #9: Wanderer im Universum ("The Wanderer", Fritz Leiber, 1964)
Fritz Leiber (1910 - 1992) war ab den 50ern bis in die 70er ein überaus beliebter, preisgekrönter Fantasy-Autor, der den Begriff "Sword & Sorcery" prägte und als einer der Urväter des Untergenres gilt, das auch heute noch vor allem durch Rollenspiele eine riesige Fangemeinde hat. Daneben schrieb er auch Science-Fiction. Für seinen ursprünglich in Fortsetzungen veröffentlichten Kurzroman The Big Time gewann er 1958 den vierten Hugo für den Besten Roman, bevor die Kurzformen als eigene Kategorien abgespalten wurden. Von der Grundidee her ist die Novelle eine leidlich unterhaltsame Variation von Isaac Asimovs The End of Eternity, allerdings mit einer recht wackligen Konstruktion und hanebüchenen Ideen. Auch sonst gibt es kaum Parallelen zwischen den beiden Autoren. Leiber, der in Chicago Philosophie-Studium abschloss, veröffentlichte auch Poesie, sein Sprachstil wirkt auf mich eher umständlich und ungenau, seine Ideen entspringen weniger einer wissenschaftlichen Haltung denn seiner kauzigen Weltsicht (er war auch Laienprediger). Das ist natürlich Geschmacksache. Seine anhand des Namens nahgeliegende Deutschstämmigkeit beweist er übrigens in etlichen (nicht immer grammatikalisch korrekten) deutschsprachigen Einwürfen und Zitaten.
1965 gewann Leiber für seinen längerer Roman The Wanderer erneut den Hugo (drei weitere Preise für kürzere Werke sollten folgen). Im Kern ist "Wanderer im Universum" ein Katastrophenroman. In einer nahen Zukunft, in der die Nationen der Erde bereits bemannte Missionen zu Mond und Mars geschickt haben, materialisiert plötzlich ein etwa erdgroßer Planet im Erdorbit. Die entstehenden Gezeitenkräfte lösen auf der Erde Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis von apokalyptischer Wucht aus. Leiber schildert die Katastrophe aus der Perspektive vieler über alle Welt verstreuter Figuren, von denen drei Hauptrollen spielen und zudem in einer Art Liebesdreieck verbunden sind.
Astronaut Don wird von den Ereignissen auf einer Mondstation überrascht, seine Freundin Margo und sein Wissenschaftskollege Paul treffen währenddessen auf eine Gruppe von UFO-Beobachtern, die eigentlich nur die anstehende Mondfinsternis zusammengeführt hat. Als Paul irgendwann tatsächlich von einem UFO entführt wird, findet Margo eine Gravitationspistole der Aliens und versucht sie als brave Amerikanerin in die Hände von verantwortlichen Wissenschaftlern zu bringen. Zwischendurch hüpft sie wie ein Flummi von einem Alphamännchen zum nächsten. Das wirkt auf mich leider nicht romantisch, sondern nur merkwürdig. Leiber zeigt ansonsten eher eine konservative Einstellung, Jugendliche und insbesondere Hippies sind ihm offenbar suspekt. Das war damals allerdings quer durchs Establishment so, auch in TV-Serien wie Bezaubernde Jeannie (1965-1970) und Hawaii Fünf-Null (1968-1980). Trotzdem vermochten mich die Erlebnisse dieser drei Figuren noch am meisten zu fesseln. Ich muss gestehen, dass ich ab der zweiten Hälfte die Erlebnisse der "Komparsen" oft nur noch quergelesen habe. Einige witzige Momente gab es trotzdem (z.B. die Reaktionen dreier zugekifften Kleinganoven). Am Ende wird übrigens noch schnell erklärt, was es mit dem wandernden Planeten auf sich hat (eigentlich eine Tautologie, denn "Planet" bedeutet "Wanderer"). Da wirft Leiber dann nur so mit etablierten SF-Begriffen um sich, vom Hyperraum über parallele Universen, Telepathie und Antigravitation bis zum überbevölkerten Kosmos, ohne eine schlüssige oder auch nur hinreichend interessante neue Idee zu präsentieren.
Schon 1964 gab es übrigens Anbiederungen an die SF-Fangemeinde wie zuletzt in Scalzis Redshirts und Jo Waltons Among Others. Bei Leiber sind es die Ufologen, die das Phänomen des Planeten aus dem Hyperraum anhand ihrer Genrekenntnisse korrekt beurteilen können und fleißig "Klassiker" von Heinlein bis "Doc" E.E. Smith zitieren. Ironischerweise spricht eine seiner Figuren aus, was leider für diesen Roman ganz besonders, aber beileibe nicht für das komplette Genre gilt: "Science Fiction ist so trivial wie alle künstlerischen Formen, die von Phänomenen statt von Menschen handeln." Wenn Leibers Figuren glaubwürdig und interessant wären, hätte man heute sicher noch Spaß an diesem ehrwürdigen Klassiker des Genres. Aus genannten Gründen bezweifle ich auch, dass mir Leibers Fantasy liegen würde. So liest man den Roman heute besser als Abenteuer, wenngleich eine bessere Ausarbeitung der Seifenoperelemente geholfen hätte, die viele der Katastrophenfilme der 70er so unfreiwillig unterhaltsam machten. Daher hier als Zugabe noch meine Amazon-Rezi für die DVD von Erdbeben (1974), die übrigens einige wütende Fan-Reaktionen nach sich zog:
1965 gewann Leiber für seinen längerer Roman The Wanderer erneut den Hugo (drei weitere Preise für kürzere Werke sollten folgen). Im Kern ist "Wanderer im Universum" ein Katastrophenroman. In einer nahen Zukunft, in der die Nationen der Erde bereits bemannte Missionen zu Mond und Mars geschickt haben, materialisiert plötzlich ein etwa erdgroßer Planet im Erdorbit. Die entstehenden Gezeitenkräfte lösen auf der Erde Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis von apokalyptischer Wucht aus. Leiber schildert die Katastrophe aus der Perspektive vieler über alle Welt verstreuter Figuren, von denen drei Hauptrollen spielen und zudem in einer Art Liebesdreieck verbunden sind.
Astronaut Don wird von den Ereignissen auf einer Mondstation überrascht, seine Freundin Margo und sein Wissenschaftskollege Paul treffen währenddessen auf eine Gruppe von UFO-Beobachtern, die eigentlich nur die anstehende Mondfinsternis zusammengeführt hat. Als Paul irgendwann tatsächlich von einem UFO entführt wird, findet Margo eine Gravitationspistole der Aliens und versucht sie als brave Amerikanerin in die Hände von verantwortlichen Wissenschaftlern zu bringen. Zwischendurch hüpft sie wie ein Flummi von einem Alphamännchen zum nächsten. Das wirkt auf mich leider nicht romantisch, sondern nur merkwürdig. Leiber zeigt ansonsten eher eine konservative Einstellung, Jugendliche und insbesondere Hippies sind ihm offenbar suspekt. Das war damals allerdings quer durchs Establishment so, auch in TV-Serien wie Bezaubernde Jeannie (1965-1970) und Hawaii Fünf-Null (1968-1980). Trotzdem vermochten mich die Erlebnisse dieser drei Figuren noch am meisten zu fesseln. Ich muss gestehen, dass ich ab der zweiten Hälfte die Erlebnisse der "Komparsen" oft nur noch quergelesen habe. Einige witzige Momente gab es trotzdem (z.B. die Reaktionen dreier zugekifften Kleinganoven). Am Ende wird übrigens noch schnell erklärt, was es mit dem wandernden Planeten auf sich hat (eigentlich eine Tautologie, denn "Planet" bedeutet "Wanderer"). Da wirft Leiber dann nur so mit etablierten SF-Begriffen um sich, vom Hyperraum über parallele Universen, Telepathie und Antigravitation bis zum überbevölkerten Kosmos, ohne eine schlüssige oder auch nur hinreichend interessante neue Idee zu präsentieren.
Schon 1964 gab es übrigens Anbiederungen an die SF-Fangemeinde wie zuletzt in Scalzis Redshirts und Jo Waltons Among Others. Bei Leiber sind es die Ufologen, die das Phänomen des Planeten aus dem Hyperraum anhand ihrer Genrekenntnisse korrekt beurteilen können und fleißig "Klassiker" von Heinlein bis "Doc" E.E. Smith zitieren. Ironischerweise spricht eine seiner Figuren aus, was leider für diesen Roman ganz besonders, aber beileibe nicht für das komplette Genre gilt: "Science Fiction ist so trivial wie alle künstlerischen Formen, die von Phänomenen statt von Menschen handeln." Wenn Leibers Figuren glaubwürdig und interessant wären, hätte man heute sicher noch Spaß an diesem ehrwürdigen Klassiker des Genres. Aus genannten Gründen bezweifle ich auch, dass mir Leibers Fantasy liegen würde. So liest man den Roman heute besser als Abenteuer, wenngleich eine bessere Ausarbeitung der Seifenoperelemente geholfen hätte, die viele der Katastrophenfilme der 70er so unfreiwillig unterhaltsam machten. Daher hier als Zugabe noch meine Amazon-Rezi für die DVD von Erdbeben (1974), die übrigens einige wütende Fan-Reaktionen nach sich zog:
Charlton Heston in einer Heldenrolle garantiert stets einen soliden Unterhaltungswert. Hier ist es eine Freude, ihn ziellos im sich auflösenden L.A. umherirren zu sehen. Es kracht und donnert, daß man jauchzen möchte, und Menschen sterben auf jede erdenkliche Art (bei Lorne Greene dauert's am längsten, bei Marjoe Gortner geht's trotz Karate-Kenntnissen am schnellsten). Aber Heston und Roundtree (Shaft!) berührt das alles nicht, sie lassen die Verletzten und Sterbenden links liegen und machen sich auf die Suche nach ihren Lieben. Und wer würde das nicht tun für Geneviève Bujold oder Victoria Principal? Nur um die arme Ava Gardner kümmert sich niemand. Trotzdem hält sie tapfer bis zum Schluß durch, um dann mit ihrem Ehemann den Bach runterzugehen. So ist denn auch der Ehebruch gesühnt, und alles wird gut... Man fragt sich, was wohl Mario Puzo (Der Pate) zum Drehbuch beigetragen haben mag. Aber wozu überhaupt Autoren - die Handlung hätte doch wohl jeder Studioboss zusammenpuzzeln können, oder? Meine Empfehlung ist, es mit Walter Matthau zu halten (unter Pseudonym aufgetreten zu sein, nimmt ihn nicht von der Schande der Mitwirkung an diesem Machwerk aus): Man halte sich an seinem Drink fest und versuche bloß nicht, irgend etwas ernst zu nehmen. Dann kann man sich an dieser Katastrophe durchaus mal zwei Stunden lang laben. Annehmbar (5/10).
Sonntag, 17. April 2016
Ich wär so gern wie du - Die Neuverfilmung des "Dschungelbuch" (8/10)
Wir Deutschen haben ein besonders inniges Verhältnis zu Disneys Dschungelbuch. Nach der Erstaufführung von 1967 wurde dieser letzte von Walt Disney persönlich überwachte Zeichentrickfilm in jeder Dekade neu in die Kinos gebracht und brachte jeweils (1979, 1987, 1994) noch Umsätze um die 30 Millionen DM ein. Fernsehausstrahlungen wurden nicht zugelassen, und erst die Veröffentlichung fürs Heimkino beendete diese Erfolgskette, mit unübertroffenen 27 Millionen verkaufter Tickets in deutschen Kinos. Daher hat es vielleicht nostalgische Gründe, dass diese Musikkomödie auch mein liebster Disneyfilm ist. Der Neuverfilmung sah ich daher eher skeptisch entgegen. Zu Unrecht...
Von Beginn an zog mich die dreidimensionale, offenbar komplett am Computer entstandene Welt des indischen Dschungels in ihren Bann. Sie ist ähnlich überwältigend wie zuvor nur James Camerons Avatar, Sam Raimis Die fantastische Welt von Oz und Ang Lees Schiffbruch mit Tiger. Natürlich ergeben sich schon durch die fotorealistische Darstellung (in der nur der 12jährige Indien-stämmige New Yorker Neel Sethi als Mowgli "echt" ist) tonale Unterschiede zur Vorlage (einen guten Eindruck verschafft der Trailer). Regisseur Jon Favreau (Iron Man, Kiss the Cook) und sein wenig erfahrener Drehbuchautor Justin Marks orientieren sich zwar hauptsächlich an Wolfgang Reithermans Zeichentrickvorlage und sind damit keinen Deut näher an Kiplings charmanten Fabeln, modernisieren aber einige Handlungselemente und verzichten weitgehend auf Musicalszenen. Einige der ikonischen Lieder sind trotzdem zu hören, und auch der Score des Fernsehkomponisten John Debney macht kräftig Gebrauch von den berühmten Melodien.
Man stelle sich einmal vor, der Tiger in Life of Pi hätte angefangen zu sprechen - es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Der Panther Baghira (Sir Ben Kingsley) hat mich am wenigsten überzeugt, die Wölfe (darunter die Oscar-Gewinnerin für 12 Years a Slave, Lupita Nyong'o) waren unauffällig, dafür war Idris Elba als Tiger Shere Khan stark, wenngleich ich hier der Animation ein wenig mehr Mut zur Entstellung des gebrandmarkten Raubtiers gewünscht hätte. Putzig ist all das eingestreute Kleintier, sei es das vom Regisseur selbst gesprochene Zwergschwein oder Sam Raimis Rieseneichhörnchen. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass bei der Synchronisation ins Deutsche einige Feinheiten verloren gegangen sind. Einen interessanten Einblick gibt dieser Hintergrundbericht.
Tatsächlich hat Disney hier mit ähnlicher Vorgehensweise wie bei Star Wars ein neues Franchise erschlossen. Eine Fortsetzung ist bereits beschlossen. Dabei tut mir Andy Serkis leid, der für Warner Bros. gerade eine weitere Realverfilmung des Stoffes vollendet, mit Benedict Cumberbatch als Shere Khan und Christian Bale als Baghira, die erst 2018 ins Kino kommen wird und sich allein schon aus rechtlichen Gründen eher am Buch orientieren wird. Disney hat sich schließlich viele Freiheiten genommen - in Kiplings Geschichten sind die Rollen von Baloo und Baghira fast vertauscht, Mowgli hat viel früher Kontakt zu Menschen und wehrt sich auch frühzeitig mit Feuer gegen Shere Khan. Aber der Großmeister der Motion-Capture-Technik wird es schwer haben, gegen Jon Favreaus Konkurrenz zu bestehen. Alles in allem kommt dieses Remake also nicht ans Original heran, bereitet die Geschichte aber gekonnt für die Teenager von heute auf. Für kleinere Kinder ist die Neufassung wohl weniger geeignet. Sehr gut (8/10).
Von Beginn an zog mich die dreidimensionale, offenbar komplett am Computer entstandene Welt des indischen Dschungels in ihren Bann. Sie ist ähnlich überwältigend wie zuvor nur James Camerons Avatar, Sam Raimis Die fantastische Welt von Oz und Ang Lees Schiffbruch mit Tiger. Natürlich ergeben sich schon durch die fotorealistische Darstellung (in der nur der 12jährige Indien-stämmige New Yorker Neel Sethi als Mowgli "echt" ist) tonale Unterschiede zur Vorlage (einen guten Eindruck verschafft der Trailer). Regisseur Jon Favreau (Iron Man, Kiss the Cook) und sein wenig erfahrener Drehbuchautor Justin Marks orientieren sich zwar hauptsächlich an Wolfgang Reithermans Zeichentrickvorlage und sind damit keinen Deut näher an Kiplings charmanten Fabeln, modernisieren aber einige Handlungselemente und verzichten weitgehend auf Musicalszenen. Einige der ikonischen Lieder sind trotzdem zu hören, und auch der Score des Fernsehkomponisten John Debney macht kräftig Gebrauch von den berühmten Melodien.
♫ Probier's mal mit Gemütlichkeit ♫Der Star des Projekts ist eindeutig Bill Murray, der nach langer Zeit mal wieder zeigt, wie komisch er in der richtigen Rolle aufspielen kann. Sein Baloo, der Mowgli auszunutzen versucht und doch schnell seinem Charme erliegt, ist eine eigenständige, aber ähnlich unterhaltsame Interpretation des Bären, und Murray brummt mit Neel Sethi auch überzeugend von den Bare Necessities, wenngleich die Version von Phil Harris natürlich ein Klassiker bleibt.
♫ Ich wär gern wie du ♫Christopher Walken lässt in seinen Filmen ja keine Gelegenheit aus, eine coole Sohle aufs Parkett zu legen (siehe etwa Hairspray). Sein Orang-Utan King Louie erreicht bei Favreau fast King-Kong-Dimensionen und ist entsprechend täppisch, sein I Wanna be like you ist aber ähnlich beschwingt wie die Version von Jazz-Trompeter Louis Prima. Der 73jährige Oscar-Gewinner (Die durch die Hölle gehen) strahlt aber auch Bedrohlichkeit aus, er war schließlich auch schon Bond-Bösewicht und bei Tarantino zu Gast.
♫ Hör auf mich ♫Keine Überraschung ist es, wie wunderbar Scarlett Johansson die Python Kaa spricht. Bei ihrer Verführung Mowglis kommt der Raumklang besonders gut zur Geltung, wenn ihre Stimme an verschiedenen Ecken des Kinos erklingt. Erst im Abspann darf sie dann das schöne, in den 60ern von Sterling Halloway eher gesäuselte Lied interpretieren. Es ist der musikalische Höhepunkt des Films. Scarlett ist schließlich nebenberuflich schon länger als Sängerin unterwegs (auch wenn mir ihre Tom-Waits-Interpretationen nicht so zusagen).
Man stelle sich einmal vor, der Tiger in Life of Pi hätte angefangen zu sprechen - es hat eine Weile gedauert, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Der Panther Baghira (Sir Ben Kingsley) hat mich am wenigsten überzeugt, die Wölfe (darunter die Oscar-Gewinnerin für 12 Years a Slave, Lupita Nyong'o) waren unauffällig, dafür war Idris Elba als Tiger Shere Khan stark, wenngleich ich hier der Animation ein wenig mehr Mut zur Entstellung des gebrandmarkten Raubtiers gewünscht hätte. Putzig ist all das eingestreute Kleintier, sei es das vom Regisseur selbst gesprochene Zwergschwein oder Sam Raimis Rieseneichhörnchen. Jedenfalls kann man davon ausgehen, dass bei der Synchronisation ins Deutsche einige Feinheiten verloren gegangen sind. Einen interessanten Einblick gibt dieser Hintergrundbericht.
Tatsächlich hat Disney hier mit ähnlicher Vorgehensweise wie bei Star Wars ein neues Franchise erschlossen. Eine Fortsetzung ist bereits beschlossen. Dabei tut mir Andy Serkis leid, der für Warner Bros. gerade eine weitere Realverfilmung des Stoffes vollendet, mit Benedict Cumberbatch als Shere Khan und Christian Bale als Baghira, die erst 2018 ins Kino kommen wird und sich allein schon aus rechtlichen Gründen eher am Buch orientieren wird. Disney hat sich schließlich viele Freiheiten genommen - in Kiplings Geschichten sind die Rollen von Baloo und Baghira fast vertauscht, Mowgli hat viel früher Kontakt zu Menschen und wehrt sich auch frühzeitig mit Feuer gegen Shere Khan. Aber der Großmeister der Motion-Capture-Technik wird es schwer haben, gegen Jon Favreaus Konkurrenz zu bestehen. Alles in allem kommt dieses Remake also nicht ans Original heran, bereitet die Geschichte aber gekonnt für die Teenager von heute auf. Für kleinere Kinder ist die Neufassung wohl weniger geeignet. Sehr gut (8/10).
Samstag, 2. April 2016
Gruppenprügelei mit Dame - Batman v Superman: Dawn of Justice (5/10)
Wenn man bei einem Feuerwerk alle Raketen gleichzeitig zündet, muss man sich nicht wundern, wenn das Ergebnis nur durchwachsene Kritiken erntet. In Batman v Superman wird nicht nur Regisseur Zack Snyders Mangel an Subtilität deutlich. Nach Man of Steel zeigt er auch hier überdeutlich, dass er kein Geschichtenerzähler ist und seine Projekte weder mit einem durchgängigen Ton noch einer rudimentären Handlungslogik ausstatten kann, geschweige denn mit stimmigen Figuren. Den Titelzusatz "Dawn of Justice" sollte man ehrlicherweise mit "Ein Vorgeschmack auf kommende DC-Verfilmungen" übersetzen. Viele Fans und Kritiker betrachten Batman v Superman daher als den längsten (und mit 250 Millionen Dollar sicher auch teuersten) Trailer der Filmgeschichte. 150 Minuten Einstimmung auf die kommenden League-Of-Justice-Filme frustrieren auch die hartgesottensten Fans, die nun auf eine Ablösung des Regisseurs für die Fortsetzungen drängen. Besonders lesenswert: die fünf Tips des Hollywood-Reporter.
Dabei gibt es durchaus auch Gutes zu berichten. Da ist zunächst Ben Affleck als bereits fünfter Kino-Batman in 25 Jahren. Der 43jährige macht nicht nur durch seine sicher unter Qualen antrainierten Muskeln eine gute Figur, sein ausdrucksarmes Gesicht vermag den Schwermut und die Todessehnsucht des einsamen Rächers auch überzeugend zu vermitteln. Seine Besetzung löste im Vorfeld bereits einen beispiellosen Shitstorm aus, doch nun ist er klarer Gewinner des Projekts, das trotz aller Klagen innerhalb einer Woche weltweit bereits über 500 Millionen Dollar eingespielt hat. Da kann er es sich leisten, bei Interviews Zurückhaltung zu üben, denn der Spott ist inzwischen in Sympathie umgeschlagen: The Sounds of Silence (unbedingt bis zum Ende schauen!) Seine Gedanken über den Film darf er natürlich nicht äußern, vielleicht trauert er aber auch einfach seinen Jennifers hinterher...
Mit Afflecks Co-Star Henry Cavill bin ich immer noch nicht warm geworden. Sein in Stein gemeisseltes Gesicht vermag bei mir keine Empathie zu wecken, und mir fehlt insbesondere die selbstironische Seite des Clark Kent, die Christopher Reeves Darstellung so einmalig machte. Da hat mir selbst Brandon Routh noch besser gefallen, der übrigens inzwischen einen Gang zurückgeschaltet hat und im Fernsehen als Atom (DCs Ant-Man) auftritt (und immer noch gern seinen eindrucksvollen nackten Oberkörper zur Schau stellt). Düsterheit widerspricht einfach dem Konzept von Superman.
Das muss wohl auch Jesse Eisenberg erkannt haben. Sein Lex Luthor spaltet zwar die Zuschauerreaktionen, für mich ist dies aber die einzige Hauptfigur, an der ich Spaß hatte. Ich verstehe, dass seine Manierismen manche nerven können, aber der 32jährige Jungstar schöpft hier einen Bösewicht, der nur leicht verwandt ist mit seinem Zuckerberg-Porträt in The Social Network und dem magischen Con-Artist aus Die Unfassbaren. Sein Lex Luthor ist nicht so albern wie der von Gene Hackman und nicht so oberflächlich wie der von Kevin Spacey. Leider gönnt ihm das Drehbuch keinen nachvollziehbaren Handlungsbogen, und so erreicht seine Darstellung nicht die gleiche Klasse wie Heath Ledgers unnachahmlicher Joker.
Über den Rest des Ensembles breiten wir gnädig den Mantel des Schweigens. Jeremy Irons als Alfred darf immerhin ein paar gute Sprüche von sich geben. Unfassbar dagegen, welchen Unsinn Diane Lane und Kevin Costner als Clarks Eltern von sich geben müssen - hoffentlich sind sie finanziell entsprechend entschädigt worden. Amy Adams als Lois Lane ist ähnlich verschenkt wie im Man of Steel, Holly Hunter als nuschelnde Senatorin wirkt vollends deplaziert (und was sollte das mit dem Pfirsichtee?) Ohnehin gibt es nur noch eine Frauenfigur, die die Fanherzen im Vorfeld höher schlagen ließ. Hat sich das Warten auf Gadot gelohnt? Ich muss zugeben, dass die spärlichen Auftritte von Gal Gadot als Diana Prince aka Wonder Woman supercool waren, allerdings genauso fragmentiert wie der Rest der Geschichte. Und ich könnte schwören (allerdings nicht belegen), in einem Trailer mehr von der abgebrochen wirkenden Szene im Flugzeug (der Turkish Airlines) gesehen zu haben als im fertigen Film. Bei der allgemeinen Inkompetenz der Mitwirkenden könnte das durchaus sein. Immerhin stach das von perkussiven Streichern bestimmte Wonder-Woman-Thema aus dem dröhnenden Soundbrei heraus, der vom Kitschpapst Hans Zimmer und einer Entität namens Junkie XL stammt.
Dank Ben Affleck, Jesse Eisenberg und Gal Godot bietet Batman v Superman immerhin etwas mehr Unterhaltungswert als der Mann aus Stahl. Vielleicht habe ich auch nur die romantische Komponente übersehen, die dieser Trailer unterstreicht. Annehmbar (5/10).
Dabei gibt es durchaus auch Gutes zu berichten. Da ist zunächst Ben Affleck als bereits fünfter Kino-Batman in 25 Jahren. Der 43jährige macht nicht nur durch seine sicher unter Qualen antrainierten Muskeln eine gute Figur, sein ausdrucksarmes Gesicht vermag den Schwermut und die Todessehnsucht des einsamen Rächers auch überzeugend zu vermitteln. Seine Besetzung löste im Vorfeld bereits einen beispiellosen Shitstorm aus, doch nun ist er klarer Gewinner des Projekts, das trotz aller Klagen innerhalb einer Woche weltweit bereits über 500 Millionen Dollar eingespielt hat. Da kann er es sich leisten, bei Interviews Zurückhaltung zu üben, denn der Spott ist inzwischen in Sympathie umgeschlagen: The Sounds of Silence (unbedingt bis zum Ende schauen!) Seine Gedanken über den Film darf er natürlich nicht äußern, vielleicht trauert er aber auch einfach seinen Jennifers hinterher...
Mit Afflecks Co-Star Henry Cavill bin ich immer noch nicht warm geworden. Sein in Stein gemeisseltes Gesicht vermag bei mir keine Empathie zu wecken, und mir fehlt insbesondere die selbstironische Seite des Clark Kent, die Christopher Reeves Darstellung so einmalig machte. Da hat mir selbst Brandon Routh noch besser gefallen, der übrigens inzwischen einen Gang zurückgeschaltet hat und im Fernsehen als Atom (DCs Ant-Man) auftritt (und immer noch gern seinen eindrucksvollen nackten Oberkörper zur Schau stellt). Düsterheit widerspricht einfach dem Konzept von Superman.
Das muss wohl auch Jesse Eisenberg erkannt haben. Sein Lex Luthor spaltet zwar die Zuschauerreaktionen, für mich ist dies aber die einzige Hauptfigur, an der ich Spaß hatte. Ich verstehe, dass seine Manierismen manche nerven können, aber der 32jährige Jungstar schöpft hier einen Bösewicht, der nur leicht verwandt ist mit seinem Zuckerberg-Porträt in The Social Network und dem magischen Con-Artist aus Die Unfassbaren. Sein Lex Luthor ist nicht so albern wie der von Gene Hackman und nicht so oberflächlich wie der von Kevin Spacey. Leider gönnt ihm das Drehbuch keinen nachvollziehbaren Handlungsbogen, und so erreicht seine Darstellung nicht die gleiche Klasse wie Heath Ledgers unnachahmlicher Joker.
Über den Rest des Ensembles breiten wir gnädig den Mantel des Schweigens. Jeremy Irons als Alfred darf immerhin ein paar gute Sprüche von sich geben. Unfassbar dagegen, welchen Unsinn Diane Lane und Kevin Costner als Clarks Eltern von sich geben müssen - hoffentlich sind sie finanziell entsprechend entschädigt worden. Amy Adams als Lois Lane ist ähnlich verschenkt wie im Man of Steel, Holly Hunter als nuschelnde Senatorin wirkt vollends deplaziert (und was sollte das mit dem Pfirsichtee?) Ohnehin gibt es nur noch eine Frauenfigur, die die Fanherzen im Vorfeld höher schlagen ließ. Hat sich das Warten auf Gadot gelohnt? Ich muss zugeben, dass die spärlichen Auftritte von Gal Gadot als Diana Prince aka Wonder Woman supercool waren, allerdings genauso fragmentiert wie der Rest der Geschichte. Und ich könnte schwören (allerdings nicht belegen), in einem Trailer mehr von der abgebrochen wirkenden Szene im Flugzeug (der Turkish Airlines) gesehen zu haben als im fertigen Film. Bei der allgemeinen Inkompetenz der Mitwirkenden könnte das durchaus sein. Immerhin stach das von perkussiven Streichern bestimmte Wonder-Woman-Thema aus dem dröhnenden Soundbrei heraus, der vom Kitschpapst Hans Zimmer und einer Entität namens Junkie XL stammt.
Dank Ben Affleck, Jesse Eisenberg und Gal Godot bietet Batman v Superman immerhin etwas mehr Unterhaltungswert als der Mann aus Stahl. Vielleicht habe ich auch nur die romantische Komponente übersehen, die dieser Trailer unterstreicht. Annehmbar (5/10).
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