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Samstag, 31. Dezember 2016

Jahresrückblick 2016

Kino

Wenn Jimmy Kimmel, der schon bei der Emmy-Verleihung nicht besonders aufgefallen war, am 26. Februar die Academy Awards moderiert, werden die Präsentatoren wieder von einem tollen Kinojahr schwärmen und von all seinen fabelhaften, anspruchsvollen Filmen. Leider sind mir die irgendwie entgangen. Genauso wenig kann ich die Inflation der positiven Kritikermeinungen nachvollziehen, etwa bei den Metascores. Mit Gauss'scher Normalverteilung hat das nichts mehr zu tun.

Auch das internationale Boxoffice ist immer schwieriger zu interpretieren. In den deutschen Medien wird oft schon von einem Hit gejubelt, wenn ein Film die Nummer Eins in Amerika ist. Das ist aber bei den heutigen Kosten von Blockbustern nur das erwartete Minimum. Klar ist die Dominanz von Disney, die mit Captain America, Finding Dory, Zootopia und dem Dschungelbuch (welches bestimmt niemand dort erwartet hatte) die besten Einnahmen erzielten. Weniger klar ist, dass die jeweils rund 750 Millionen Dollar Umsatz für Batman vs. Superman und Suicide Squad von DC/Warner als enttäuschend gewertet werden. Dabei muss man bedenken, dass zu einem Budget von 250 Millionen Dollar oft nochmals die gleiche Summe für Marketing rausgeworfen wird. Damit relativieren sich solche Umsatzzahlen. Nach gleicher Rechnung gilt übrigens auch Star Trek Beyond mit 343 Millionen Dollar Einnahmen als Flop. Andere Möchtegern-Blockbuster waren nur durch ihren Erfolg in China nicht ruinös, so etwa Warcraft, X-Men, Independence Day 2, Now You See Me 2, die in den USA weniger als ein Drittel ihres weltweiten Umsatzes einspielten (in China gibt es seit jüngstem mehr Kinoleinwände als in den Vereinigten Staaten). Besonders deutlich zeigt sich diese Umverteilung nach Asien in Stephen Chows chinesischem Megahit Die Meerjungfrau, der in den USA noch gar nicht gelaufen ist, aber mit 550 Millionen Dollar Umsatz weltweit bereits an der zwölften Stelle der umsatzstärksten Filme des Jahres steht.

Immerhin wurden in diesem Kinojahre eine Menge Apokalypsen abgewendet: von den X-Men, dem Suicide Squad, Batman und Superman (mit willkommener Hilfe von Wonder Woman) den farblosen jungen Leuten von Independence Day: Die Rückkehr, den Ghostbusters, und natürlich Dr. Strange, der das Magieduell des Jahres gegen Newt Scamander klar für sich entscheiden konnte. Hier ist die bescheidene Liste meiner Lieblingsfilme des Jahres:

Herausragend (9/10)

Sehr gut (8/10)

Im Gegensatz zum ungarischen Besten Fremdsprachigen Film von 2015, Son of Saul, hat mich der kolumbianische Beitrag El abrazo de la serpienta überzeugt: malerische Schwarzweiss-Bilder des (noch) unberührten Amazonasgebiets, authentische eingeborene Nebendarsteller und eine tiefschürfende spirituelle Suche, ohne allzusehr ins Esoterische abzudriften.

Ebenfalls sehenswert (7/10)

Nice Guys, Brooklyn, Bad Moms, Hail Caesar!, Ghostbusters, The Danish Girl, Whiskey Tango Foxtrot (Tina Fey, Margot Robbie in einem missverstandenen Biopic), Ein ganzes halbes Jahr (ein wunderschönes Stück Kitsch mit einer hinreißend-naiven Emilia Clarke), Money Monster (Foster-Clooney-Roberts!), American Ultra (schräger Geheimtip), Es ist kompliziert...! (Simon Pegg und Lake Bell in warmherziger RomCom), Mr. Collins' zweiter Frühling (Al Pacino als Tom-Jones-Verschnitt bezirzt Annette Bening), Der letzte Wolf (Jean-Jacques Annaud zeigt wunderschöne Bilder aus der Mongolei)

Der lausige Rest

Enttäuscht haben mich besonders mittelmäßige Filme meiner Lieblingsregisseure Woody Allen (Café Society), Jim Jarmusch (Paterson), Tom Tykwer (Hologramm für den König) und Pedro Almodóvar (Julieta). Von den vorhersehbaren Flops (Ben Hur, anyone?) habe ich mich ferngehalten, trotzdem musste ich einige Gurken ertragen:
  • Star Wars: Rogue One
    Der Film wirkt, als habe man ein Kleinkind mit einem Star-Wars-Legobaukasten spielen lassen und das Ergebnis dann zu einem Drehbuch verwurstet. Was nichts daran ändert, dass die Zuschauer wie von der dunklen Seite der Macht verführt in die Kinos drängen (These are not the thrills you are looking for!)
  • Star Trek Beyond
  • The Hateful Eight (Quentin Tarantino)

TV

Auch wenn das Fernsehen nicht der alles heilende Gegenpol zum Kino ist, als der es inzwischen verklärt wird, gab es doch einige Höhepunkte, zwei sogar für uns Deutsche: die internationalen Emmys für Deutschland 83 und Christiane Paul!



Ansonsten gab es auch beim TV viel unqualifiziertes Lob, so etwa für die Nostalgieserie Stranger Things. So sehr ich Winona Ryder liebe, so wenig hat mir ihre überzogene Darstellung darin gefallen. Den zu Recht umjubelten Jungdarstellern, besonders Millie Bobby Brown und Natalia Dyer, tut man mit den übertriebenen Vorschusslorbeeren allerdings keinen Gefallen.


Meine "alten" Lieblingsserien aus dem Genre, vielleicht die letzten, die noch als physische Medien in meinem Regal landen, laufen gerade aus. Person of Interest hat in der vorletzten Staffel immerhin noch eine Sternstunde des Fernsehens geliefert. If-Then-Else ist packende, intelligente Unterhaltung auf höchstem Niveau, nicht nur für Programmierer. Die letzte (Kurz)Staffel erscheint im Januar.



Dann laufen in den USA auch die letzten Folgen von Grimm. Dort würfeln die Showrunner nur noch aus, wer wann mit wem im Bett landet. Nachdem sich gerade Nick und Adalind gefunden haben, fehlt dann eigentlich nur noch die Paarung von Juliette und Wu...



Bei Game of Thrones erwarten uns noch 7 + 6 Folgen, von denen ich nicht mehr allzuviel erwarte. Es wird wie in Die Rückkehr des Königs eine ganze Reihe von Abschlüssen geben, denen dann aber die Doppelbödigkeit von Martins Vorlage abgeht.




Viele der Nachfolger kann ich höchstens noch als Guilty Pleasures betrachten, wobei aufgrund des schwindenden Einflusses der konservativen Senderbosse der Trend zur Skurrilität zunimmt. iZombie, Lucifer, Preacher (mit Ruth Negga, einem der Shooting Stars des Jahres), Dirk Gently machen durchaus Spaß, aber kontinuierliche Qualität erwarte ich nicht von ihnen.



Höhepunkte kamen eher aus unerwarteten Ecken, etwa durch Master of None, oder die durchwachsene, düstere Anthologieserie Black Mirror, die aus heiterem Himmel mit der schönsten Romanze des Jahres aufwarten konnte: San Junipero ist untypisch und doch sehr willkommen. Die Hauptdarstellerinnen Gugu Mbatha-Raw und Mackenzie Davis (die mir schon im Marsianer als lebhafteste Mime aufgefallen war und von Sir Ridley gleich für die unnötige Fortsetzung des Blade Runners verpflichtet wurde) empfehlen sich für Größeres.



Zum Jahreswechsel gab es dann noch Balsam in Form eines völlig unerwarteten "Weihnachtsspecials" von Sense8, das allerdings eher einen Übergang zur ab Mai verfügbaren zweiten Staffel darstellt. Trotzdem überwiegen die Wohlfühlmomente, wenn die Sensates erst Geburtstag feiern (am 8.8.), dann Weihnachten, untermalt von einer beseelten Version von Leonard Cohens "Hallelujah", und schließlich Silvester, u.a. mit dem traditionellen Feuerwerk über dem Brandenburger Tor. Schön, dass Lana Wachowski die Sache auch allein gut im Griff hat, natürlich mithilfe des Drehbuchkollegen J. Michael Straczynski.



Die Hugos


Bezeichnend für den kulturellen Grabenkampf, der gerade insbesondere in den USA ausgetragen wird, wurden die diesjährigen Hugos mehr aus politischem Kalkül als über die Qualität entschieden. Insbesondere beim Besten Roman war ich enttäuscht, denn Naomi Noviks Nebula- und Locus-Gewinner Uprooted hat mir sehr viel besser gefallen als der am Ende prämierte The Fifth Season von N.K. Jemisin. Für das kommende Jahr sind keine Änderungen in Sicht - bei mir selbst sind mit Death's End und Crosstalk leider bereits zwei mögliche Nominierungskandidaten durchgefallen. Offenbar bin ich zu anspruchsvoll.

Bei den dramatischen Präsentationen gewannen übrigens Jessica Jones und Der Marsianer (ein Film für den kleinsten gemeinsamen Nenner, der auch beim wiederholten Anschauen noch unterhaltsam ist); dem Autor der Vorlage Andy Weir wurde der Campbell-Award als bester Neuling zugesprochen.

And now their watch has ended

Peter Vaughan wird wohl immer als liebenswerter Greis in Erinnerung bleiben. Schon 1993 spielte er in Was vom Tage übrig blieb den tatterigen Vater von Anthony Hopkins; als blinder Maester Aemon und Großonkel der Drachenmutter Daenerys Targaryen lief er ein letztes Mal zur Hochform auf. Er wurde 93.



Carrie Fisher war in mehr Meilensteinen zu sehen als so mancher Superstar: Blues Brothers, Hannah und ihre Schwestern, Harry und Sally, Amazonen auf dem Mond... Ihre Mutter Debbie Reynolds wird allein schon durch ihre Hauptrolle neben Gene Kelly und Donald O'Connor in meinem Lieblingsmusical der Leinwand, Singin' in the Rain, in Erinnerung bleiben.



Er war als Shepherd Book das älteste Cast-Mitglied der Firefly, und seine Figur wurde im Kinofinale Serenity dann auch umgebracht - trotzdem werden wir Browncoats ihn vermissen: Ron Glass (1945 - 2016).



Nach Lee Hays (1914 - 1981), Pete Seeger (1919 - 2014) und Ronnie Gilbert (1926 - 2015) starb im September mit Fred Hellerman (1927 - 2016) das letzte Originalmitglied der Weavers. Sie hatten mit Goodnight Irene 1949 ihren einzigen Hit, bevor sie für ein Jahrzehnt auf McCarthys Schwarzer Liste landeten. Sie wehrten sich mit Liedern wie "Die Gedanken sind frei" und läuteten den Folk-Boom der 60er ein. Ihre Reunions wurden zu Legenden, zuletzt dokumentiert im großartigen Film (und Abschied von Lee Hays) Wasn't That A Time. Freddie produzierte u.a. Arlo Guthries Alice's Restaurant und spielte Gitarre auf Joan Baez' Debut.



Er wurde weltberühmt mit dem traumatisierenden Kinderbuch "Unten am Fluß", welches 1978 in einen Zeichentrickfilm umgesetzt wurde (Watership Down), und schrieb danach noch weitere Romane aus der (teilweisen) Perspektive von Tieren ("Shardik"). Mein Lieblingswerk von ihm ist aber der epische, unglaublich fesselnde erotische Fantasyroman Maia. Richard Adams starb am Heiligabend mit 96 Jahren.



Der tragischste Verlust des Jahres ist zweifelsohne der Tod des 27jährigen Anton Yelchin (Only Lovers Alive) durch einen dummen Unfall im vergangenen Juni.


Dienstag, 27. Dezember 2016

Carrie Fisher: 1956 - 2016

Farewell, fair princess! We loved you. You knew.


Neues von Connie Willis: Crosstalk

Die Science-Fiction-Gemeinschaft, mich eingeschlossen, liebt Connie Willis, eine von nur sechs Frauen der bislang von der US-Autorenschaft ernannten 33 Damon Knight Grand Masters (eine etwas merkwürdige Auslese - von der jüngsten Preisträgerin Jane Yolen hatte ich noch nie etwas gehört). Die Amerikanerin, die zum Jahresende ihren 71. Geburtstag feiert, gewann bislang unerreichte 11 Hugo Awards, darunter drei für die Romane "Die Jahre des schwarzen Todes" ("Doomsday Book", 1993), "Die Farben der Zeit" ("To Say Nothing Of the Dog", 1999) und "Dunkelheit/Licht" ("Blackout/All Clear", 2011). Sie spielen wie auch viele ihrer besten Kurzgeschichten im Universum der Zeithistoriker, in dem Zeitreisen eigentlich nur als Kniff dienen, um historische Epochen zu durchleuchten (die genannten Romane besuchen das Mittelalter, das Viktorianische Zeitalter und den Zweiten Weltkrieg). Mein Favorit darunter ist der (mittlere) humoristische Ausflug in die Zeit von Charles Dickens und Jerome K. Jermone, von dessen "Drei Mann in einem Boot. Ganz zu schweigen vom Hund." sich der Titel herleitet.

Quelle: http://www.tor.com/2015/06/24/where-to-start-with-the-works-of-connie-willis/

Daneben schrieb Willis immer wieder zeitgenössische Geschichten mit vorsichtig eingestreuten psychologischen oder soziologischen SF-Elementen. Erwähnenswert dabei sind vor allem der düstere, fast angsteinflößende Roman "Passage" (2001) um Nahtoderfahrungen und die umwerfend komische und gleichzeitig entlarvende Novelle "Bellwether" (1996) in der Tradition von P.G. Wodehouse ("Jeeves und Wooster").

Willis' neuester Roman "Crosstalk" wirkt leider in vieler Hinsicht wie eine auf 500 Seiten aufgeblähte Version dieses kleinen Meisterwerks. Statt um die soziologische Untersuchung von Modeerscheinungen ("fads") in "Bellwether" geht es hier um die aktuelle Kommunikations-Überladung durch Smartphones und soziale Netzwerke. Er ist zwar nicht in Ich-Form geschrieben, folgt aber strikt der Perspektive der Hauptfigur Briddey, die bei der kleinen Mobiltelefonfirma Commspan arbeitet, einer direkten Konkurrentin zu Apple (nun ja...) Die junge Managerin hat gerade beschlossen, sich gemeinsam mit ihrem Fast-Verlobten Trent ein "EED" einpflanzen zu lassen, ein kleines im Nacken implantiertes Gerät, welches die emotionale Verbindung zwischen Partnern verstärken soll. Es gibt allerdings unvorhergesehene Nebenwirkungen...

Anders als in ihren sorgfältig recherchierten Geschichtsszenarien bleibt die Autorin bei der Beschreibung der Telekommunikationswelt sehr an der Oberfläche. Es werden zwar brav die einschlägigen Apps (etwa Facebook, Twitter, Whatsup und auch einige erfundene) aufgezählt und genutzt, aber bis auf diverse Dating-Sites, die bei Briddeys Schwester Kathleen für nette Komplikationen sorgen, bleibt es bei allgemeinen Beobachtungen. Noch schlimmer ist es bei der Produktforschung von Commspan, wo offenbar Hardware und Software von einigen wenigen Technikern willkürlich und fast mit dem Zauberstab vorangetrieben werden (tatsächlich benötigen Hardware-Neuerungen wegen der komplexen Produktionstechnik oft jahrelangen Vorlauf). Vom telepathisch kommunizierenden Smartphone mal ganz abgesehen...

Connie Willis neigt zu Wiederholungen, sowohl in ihrem (vergleichsweise schmalen) Gesamtwerk als auch innerhalb ihrer Erzählungen. Das ist natürlich Geschmackssache, auch Wodehouse variiert in "Jeeves und Wooster" eigentlich die gleiche Geschichte wieder und wieder. In diesem Fall ist es mir aber auf die Nerven gegangen (wie teilweise auch schon in "Blackout/All Clear"). Briddey erscheint wie eine dümmere, attraktivere Version ihrer typisch neurotischen Vorgängerinnen - keine gute Kombination. Viel erfährt der Leser nicht über sie - sie ist ein klassicher Rotschopf, stark mit ihrer irischen Familie verbunden, anständig, aber naiv, wenn auch offenbar patenter als ihre beiden Schwestern Kathleen und Mary Clare. Nicht klargeworden ist mir, was eigentlich bei Commspan ihre Aufgabe ist. Sie wird wohl keine einfache Sachbearbeiterin sein, denn sie kann auf Assistentinnen zurückgreifen, zum Führungsstab (wie Trent) gehört sie aber auch nicht.

Auch ein weiteres Stilmittel der Autorin geht hier nach hinten los. Die "Überraschungen" werden so weit voraus telegraphiert, dass es weniger spannend als entnervend ist, bis die Figuren den Wissensstand der Leser einholen. Wie die Liebesgeschichte endet, sollte Willis-Kennern schon im ersten Kapitel klar sein. Und richtig Fahrt nimmt die Geschichte erst im letzten Drittel auf, bis dahin muss man schon einiges an Geduld und Wohlwollen aufbringen. Bezeichnend ist vielleicht, dass die interessanteste Figur Briddeys neunjährige, neunmalkluge Nichte Maeve ist. Mal davon abgesehen, dass auch 9jährige Wunderkinder nicht binnen Stunden eine neue Firewall programmieren können, schildert Willis doch recht überzeugend die widersprüchliche Gefühlswelt der munteren, hochbegabten Tochter von Mary Clare. Maeve schaut zwar liebend gern Zombie-Splatter, ist daneben aber doch in Disneys Tangled (2010, mit dem dämlichen deutschen Titel "Rapunzel - Neu verföhnt") vernarrt, welches immerhin mit einer selbstbewussten jungen Heldin aufwarten kann. Wie schnell ansonsten Popkultur-Referenzen veralten können, zeigt übrigens die Erwähnung von Brangelina, die bei Willis zu den ersten Stars mit EEDs gehören, in der wirklichen Welt aber bereits Vergangenheit sind.

So setzt sich mit "Crosstalk" für mich ein Qualitätsverlust fort, der schon mit dem Vorgänger-Romanduo "Blackout/All Clear" begann. Mit den genannten Abstrichen finde ich den Band immer noch lesenswert, aber ich kann verstehen, dass viele hier nur noch querlesen. Für eine erneute Hugo-Nominierung sollte das eigentlich nicht genügen. Der Preis der Kindle-Edition wurde gerade auf ein vernünftiges Maß reduziert. Sie enthält Amazons raffiniertes elektronisches Personen- und Begriffsverzeichnis X-Ray, welches mir soeben noch beim Zusammensuchen der Personennamen geholfen hat.

Sonntag, 18. Dezember 2016

Deutscher Emmy-Gewinner: Deutschland 83

Alle jubeln im Moment über Maren Ades Toni Erdmann: Nominierung für den Golden Globe, Europäischer Filmpreis, Oscar-Favorit. Auch bei vielen amerikanischen Kritikern findet sich das peinlich-komische Drama oft in der Top10 der besten Filme von 2016. Ach, wenn mir das Ding doch nur gefallen hätte!


Es gibt aber in diesem Jahr noch einen weiteren deutschen Triumph, wenngleich nur auf der Mattscheibe. Erstmalig ging der seit 2002 vergebene internationale Emmy für die beste Drama-Serie nach Deutschland (die Verleihung erfolgt unabhängig von den Preisverleihungen der US-internen Primetime Emmys und Daytime Emmys).  In dieser Kategorie gaben bislang die Dänen, Briten (BBC, etwa Life on Mars) und Franzosen (Canal+, etwa Les Revenants) den Ton an. Nun reiht sich hier die RTL-Serie Deutschland 83 ein. Vielleicht gibt es kein besseres Indiz dafür, wie tot das deutsche Fernsehmodell wirklich ist: Schon vor der Erstausstrahlung hierzulande wurde die Serie in die USA verkauft, wo sie erfolgreich mit englischen Untertiteln lief. Bei RTL dagegen gab es Ende 2015 nur dürftige Einschaltquoten. Zum Glück gibt es inzwischen Alternativen - Amazon Prime zeigt alle acht Folgen der ersten Staffel und hat auch schon eine Fortsetzung in Auftrag gegeben ("Deutschland 86"), die übernächstes Jahr zu sehen sein wird.



1983 war ein spannendes Jahr in der deutschen Geschichte: Nachrüstungsbeschluss, Friedensbewegung, zunehmende Spannungen zwischen den Großmächten. Dies erleben wir aus der Perspektive des naiven 24jährigen NVA-Soldaten Martin Rauch, der als Oberleutnant Stamm in den Führungszirkel des Bonner Generals Wolfgang Edel eingeschleust wird. Hier soll er Informationen über die Pläne der NATO sammeln, denn die sowjetische Führung befürchtet einen Erstschlag des Westens. Im wesentlichen gibt es nun zwei Handlungsebenen. Im Zentrum stehen Martins Spionageabenteuer in Bonn und Brüssel, bei denen er der Familie des Generals auch privat näher kommt: Sohn Alex ist ein Offizierskamerad mit Sympathie für die Friedensbewegung, Tochter Yvonne gar Mitglied einer pazifistischen Kommune. Währenddessen erfährt Martins Freundin Annett in Ost-Berlin, dass sie schwanger ist, und kümmert sich um seine nierenkranke Mutter, die zudem wegen ihrer Vorliebe für westliche Literatur (Orwells 1984) in Konflikt mit der Stasi kommt (diese Handlungsebene wirkt leider ein wenig schematisch).



Natürlich hätte niemals ein DDR-Soldat ohne besondere Ausbilung über längere Zeit einen westdeutschen Offizier verkörpern können. Aber wenn man einmal die unmögliche Voraussetzung geschluckt hat, macht die Geschichte sehr viel Spaß, und man lernt nebenbei noch einiges über die historische Situation (oder frischt die eigene Erinnerung auf). Tatsächlich gilt das NATO-Manöver Able Archer als eine der kritischsten Situationen des Kalten Krieges. Wie schön zu wissen, dass ein kleiner DDR-Spion den drohenden Atomkrieg gerade noch abwenden konnte;-) Und wenn am Ende kurz das freundliche Gesicht des jungen Gorbatchov eingeblendet wird, werfen positive Entwicklungen ihre Schatten voraus, auch wenn damit die reale Bedrohung der Periode vielleicht ein wenig verharmlost wird. Und sicher war die Friedensbewegung nicht, wie in der Serie behauptet, ein von der Stasi gelenkter Haufen von Spinnern. Vor einen solchen Karren hätten sich Willy Brandt und Heinrich Böll nicht spannen lassen. Aber ansonsten wird die Stimmung der Zeit schon sehr deutlich.



Es ist schon geschickt, wie immer wieder Fernsehreden von Reagan, Kohl und Honecker eingeblendet werden, jeweils aus den sehr unterschiedlichen Perspektiven der Tagesschau und der Aktuellen Kamera (in der UdSSR hatte gerade für kurze Zeit Yuri Andropov das Sagen, was ich selbst nachschlagen musste). Dazu kommen die sorgfältig recherchierte Ausstattung, authentische Kostüme. und liebevolle Details wie einer der ersten Sony-Walkmen oder eine 5 1/4-Zoll-Diskette. Letztere sorgt für viel Vergnügen, denn im Osten gab es noch gar keine passende Hardware, um den darauf vermuteten Geheimbericht auszulesen. Die wichtigste Verwurzelung ins Jahr 1983 bietet aber die Musikauswahl. Das beginnt am offensichtlichsten mit Nenas 99 Luftballons und Fischer Z's Berlin, wirkt manchmal etwas unbeholfen integriert, etwa Bowies China Girl nach Martins Prügelei mit einer asiatischen Spionin (ja, an Action fehlt es nicht), überrascht aber gern mit fast vergessenen "Klassikern" der Neuen Deutschen Welle (Fehlfarben, Ideal) und der britischen New Wave (Duran Duran, The Cure). Udo Lindenberg, dessen herrlicher Sonderzug nach Pankow damals tatsächlich im Radio rauf- und runterlief, bekommt dabei Extrawerbung (wer wäre schon drauf gekommen, wie gut sich Honecker auf "lecker" reimt - Yvonne Edel darf den Rocker sogar als Background-Sängerin nach Ost-Berlin begleiten). Ich persönlich war damals eher von BAP geprägt (Zehnter Juni, Wenn et Bedde sich lohne däät), das mag aber meiner rheinländischen Herkunft geschuldet sein.



Insgesamt hat Deutschland 83 im besten und im schlechtesten Sinn das Niveau amerikanischer Serien. Im besten Sinne, weil es Mut zur Unterhaltung hat, die Geschichte von den Figuren her aufbaut und sich nie zu ernst nimmt, im schlechtesten, weil oft Nuancen zugunsten von Schockeffekten geopfert, die Seifenopernelemente übertrieben und einfach zu viele Zutaten verwurstet werden. Mussten denn wirklich noch AIDS und der berüchtigte Terrorist Carlos in den Mix? Musste Martin in Bond-Manier wirklich von einem Bett ins nächste hüpfen? Für meinen Geschmack gab es auch ein paar Leichen zu viel, mit wenig Konsequenzen (auch in dieser fernen Vergangenheit kannte die deutsche Polizei schon Fingerabdrücke).



Gelungen ist auch die Besetzung mit einer Mischung aus erfahrenen Stars und vielversprechenden Jungdarstellern. Zunächst aber ein paar Worte zu den Leuten hinter der Kamera. Erfunden und hauptsächlich verfasst wurde die Serie von Anna LeVine Winger und Jörg Winger, über die die IMDB nicht viel hergibt. Ich kann nur vermuten, dass die beiden ein Ehepaar sind, bei RTL gibt es immerhin ein fünfminütiges Interview mit den beiden, für welches man allerdings vier (4!) Werbespots ertragen muss. Regie führten die TV-erfahrenen Edward Berger und Samira Radsi. Es scheint, dass das Projekt so ziemlich quer zu allen deutschen Fernsehkonventionen entstand, auch wenn am Ende mit Nico Hofmann ein seit Jahrzehnten erfolgreicher Produzent hinzukam.



Den "älteren" Stars (meiner Generation) merkt man die Freude an ihren vielschichtigen Rollen an. Da ist Maria Schrader als Martins Tante Lenora. Seit ihrem Durchbruch mit Doris Dörries Keiner liebt mich (1994) wird sie zumindest von den Zuschauern geliebt, und sie steuert die Stasi-Funktionärin gekonnt zwischen Sympathie und ideologischem Pflichtbewusstsein. Als ihr Vorgesetzter Schweppenstette (wunderbarer Name) ist Sylvester Groth, der schon in Codename U.N.C.L.E. und Sense8 den Schurken gab, auch hier weitaus skrupelloser, zeigt am Ende aber doch menschliche Schwächen, zumindest für Martins Mutter ;-) Dazu kommt Alexander Beyer (Sonnenallee, Good Bye Lenin) als schmieriger Bonner Professor und Leitfigur der westdeutschen Friedensbewegung. Auf der anderen Seite ist Ulrich Noethen als General Edel hervorzuheben, ideologisch zerrissen, von seiner Familie gebeutelt. Noethen ist mir seit seiner Rolle als Harry Frommermann in den Comedian Harmonists ans Herz gewachsen; im international berühmten Untergang spielte er Heinrich Himmler.



Das wäre alles nur Beiwerk ohne einen starken Hauptdarsteller, und den hat man im inzwischen 26jährigen Jonas Nay gefunden, der mir wie seine jungen Kollegen unbekannt war, aber offenbar schon seit zehn Jahren im Geschäft ist. Er vermittelt die notwendige Naivität, aber auch genug Kompetenz, dass man ihm seine Spionageeskapaden immer wieder abnimmt. Als Alex Edel steht ihm der zwei Jahre ältere Ludwig Trepte zur Seite (dessen Credits sogar bis 2001 zurückgehen), mit der vielleicht besten Leistung der Nebendarsteller in einer schwierigen Rolle. Bei den jungen Frauen hat mich Sonja Gerhardt als Martins zurückgelassene Freundin am meisten überzeugt. Annett glaubt verbissen an die Ideale der DDR und wird schnell als Spitzel rekrutiert. Erst gegen Ende begreift sie ein wenig, was sie da eigentlich angerichtet hat. Stark war auch die 1983 geborene Nikola Kastner als NATO-Sekretärin, die sich mti traurigen Konsequenzen von Martin verführen lässt. Am schwächsten ausgeführt ist die Generalstochter Yvonne, sie tut das, was der Handlung dient. Lisa Tomaschewsky ist zwar hübsch anzusehen, wirkt in dieser Rolle aber eher hohl.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Bei mir nicht angekommen: Arrival (5/10)

Die 1998 veröffentlichte Novelle The Story of Your Life des New Yorkers Ted Chiang (Jahrgang 1967) ist eine kluge Reflexion über die Wahrnehmung von Zeit. Am Tag vor dem Kinobesuch habe ich sie mit Begeisterung innerhalb einer Stunde verschlungen und freue mich schon auf die weiteren Geschichten der Sammlung, die zum akzeptablen Preis für den Kindle erhältlich ist. Etliche davon gewannen Preise, darunter den Hugo, den Nebula und den Theodore Sturgeon Award (wie schon der Name sagt, ein prestigegeladener Preis für SF-Kurzgeschichten).



Die Linguistin Louise Banks war maßgeblich beteiligt an der Entschlüsselung der Heptapod-Sprache, im Team mit dem Physiker Ian Donnelly. Die Schiffe der Aliens waren eines Tages da, es gab Kommunikationsversuche, und dann waren sie wieder verschwunden. Es stellt sich heraus, dass ihre Schriftsprache nicht linear, sondern zirkulär ist - selbst komplizierteste Zusammenhänge können mit einem einzigen komplexen Symbol dargestellt werden, welches ohne Beginn und Ende geformt wird. Was folgt, kennt eigentlich jeder, der sich intensiv mit einer Fremdsprache beschäftigt hat: Louise beginnt wie Heptapods zu denken und sogar zu träumen; ihre Studien verändern ihre Art zu denken. Entsprechend ist Chiangs Erzählung aufgebaut. In kurzen Zwischenkapiteln erzählt Louise ihrer Tochter, die mit 25 sterben wird, ihr Leben, und zwar in der Zukunftsform. Es gibt mehrere Möglichkeiten, diese Struktur zu interpretieren. Vielleicht reflektiert sie einfach nur den Standpunkt des allwissenden Autors, für den alle Ereignisse seiner Geschichte gleichzeitig präsent sind. Oder sie demonstriert die Funktion der menschlichen Erinnerung, die für den Ablauf von Erlebnissen immer wieder einen neuen Rahmen konstruiert. Oder Louise kann tatsächlich in die Zukunft blicken bzw. ihren Lebenslauf auf einen Blick erfassen...



Leider reduziert der Film diese Optionen buchstäblich auf die dritten Möglichkeit. Spätestens als im letzten Drittel des Films genau dieser Satz fällt: "Louise kann die Zukunft sehen", hat er bei mir verloren (danach muss sie mittels dieser "Fähigkeit" auch noch die Welt retten). Bereits zuvor gibt es problematische Abweichungen (nicht Erweiterungen) von der Vorlage, aber mit diesem Satz verrät der Film die Eleganz und die Mehrdeutigkeit der Novelle. Dabei gibt es in der ersten Hälfte durchaus interessante Aspekte. Regisseur Denis Villeneuve und sein Team verstehen ihr Handwerk. Die Ankunft der Aliens wirkt bombastisch überhöht, aber die Einführung von Louise und die Beschränkung der Perspektive auf sie selbst gibt den Bildern zunächst etwas schön Intimes. Insbesondere mittels Kameraführung und geschicktem Sound Design erleben wir die Geschehnisse durch Louises Augen und Ohren, so ihre anfängliche Panikattacke im ungewohnten Schutzanzug.



Der ist übrigens eine der wenigen hübschen Auskleidungen des ersten Kontakts. Auch die Fremdartigkeit der Aliens ist zunächst überzeugend und spannend. Dann aber geht alles viel zu schnell, Es ist, als ob Regie und Drehbuch (von Eric Heisserer, bisher vor allem bekannt durch eine jämmerliche dritte Version von Das Ding aus einer anderen Welt) plötzlich Angst vor ihrem eigenen Quellmaterial bekommen hätten. Dabei hätte ich mir eine faszinierende linguistische Abenteuerreise vorstellen können. Stattdessen werden die Fakten der eigentlich schmalen Vorlage noch gekürzt  (immerhin wurde die erheiternde Känguruh-Anekdote übernommen). Im Buch gibt es einen Durchbruch, als die Physiker den Heptapods das Prinzip der Lichtbrechung präsentieren. Diese kann nämlich auch so interpretiert werden, als ob das Licht gleichzeitig Start- und Endpunkt "kennt" und darauf beruhend den kürzesten Weg sucht (Minimierung des Weges - Fermatsches Prinzip). Das Buch bietet dazu eine kleine Illustration - was hätte man auf der Leinwand daraus machen können! Stattdessen wird die Intelligenz des Zuschauers mit der fast unmittelbaren Interpretation von Tintenklecksen beleidigt. Damit niemand das merkt, gibt es kurz darauf die ersten Explosionen, und es wird ein dramatisches Weltgeschehen dazuerfunden.



Eine weitere problematische Abweichung ist, dass Louises Tochter hier nicht durch einen Kletterunfall mit 25 stirbt, sondern als Teenager an einer seltenen Krankheit. Das zielt völlig an der Intention des Autors vorbei und hätte zumindest mit einer tiefergehenden Erörterung rechtfertigt werden müssen. Wenn Louise wirklich banal "in die Zukunft sehen" könnte, hätte sie nach der Logik der Filmemacher einen Unfall schließlich verhindern können. Die Novelle kann man aber auch so interpretieren, dass die Erinnerung an 25 Jahre als Mutter den Verlust am Ende aufwiegen (der Vater sieht das offenbar anders). Mehr noch als im Buch ist die Tochter hier eine flüchtige Erscheinung. Noch mehr marginalisiert wird allerdings ihr zukünftiger Vater Ian ("Hawkeye" Jeremy Renner), und dann wird noch der Grund für die Trennung ausbuchstabiert. Der Physiker macht Louise im Film übrigens irgendwann ein "Kompliment", ihre Untersuchungen wären fast mathematisch. D'oh! Die meisten Linguisten sind heute mathematisch gebildet, denn gerade Spracherkennung und automatische Übersetzung beruhen auf mathematischen Prinzipien. Dass ausserdem Forest Whitaker und Michael Stuhlbarg mitspielen, ist kaum erwähnenswert.



Trotz aller Erklärungen hat etwa die Tagesspiegel-Rezensentin nicht einmal begriffen, dass die Geburt der Tochter NACH dem Abzug der Heptapods erfolgte. Demzufolge scheint mir Arrival weder für SF-Fans noch für Laien geeignet. Daher ist mir der Erfolg bei Kritik und Publikum umso unerklärlicher: Mit einem Metascore von 81 und einem IMDB-Durchschnitt von 8,4 ist dies der Kritikerliebling des Jahres; in der IMDB konnte sich im laufenden Jahr nur Mel Gibsons platt-religiöses Kriegsdrama Hacksaw Ridge höher platzieren. Mit Mühe habe ich bei den Fünf Filmfreunden eine Kritik gefunden, die meine Meinung bestätigt (ansonsten fanden etliche Zuschauer den Film langweilig, was ich wiederum nicht nachvollziehen kann). Auch mit anderen umjubelten Filmen von Villeneuve (Sicario, Prisonders) konnte ich nichts anfangen - für mich ist er ein geschickter Manipulator mit fragwürdiger Sichtweise. Es ist so schade, dass es schon wieder eine solch fadenscheinige filmische Repräsentation der Science Fiction gibt. Letztes Jahr war immerhin Ex Machina vorzeigbar, eine kleine Geschichte, die sich selbst nicht zu ernst nahm, aber auf kluge Weise zum Thema Künstliche Intelligenz beitragen konnte. Arrival dagegen ist bei mir einfach nicht angekommen. Wegen einiger hübschen technischen Aspekte und einer fesselnden Amy Adams in der Hauptrolle gerade noch Annehmbar (5/10).

Sonntag, 27. November 2016

Deutscher Großmeister der Gitarre - Werner Lämmerhirt: 1949 - 2016



Werner Lämmerhirt hasste den Winter. Als ich ihn das letzte Mal live erleben durfte, im November 2010 in der Berliner Petruskirche, erklärte er das ausführlich in seiner schnoddrigen Art, wohl als Einführung zu einem seiner jüngeren Lieder. Die kommenden kalten Winter wird Werner nicht mehr erleben - er starb bereits am 14. Oktober am Krebs, der ihn seit August ausgebremst hatte. Die Nachricht habe ich erst jetzt aus der Akustikgitarre erfahren. Den Nachruf schrieb Herausgeber Peter Finger, jetzt wohl selbst der bedeutendste deutsche Akustikgitarrist, sichtlich betroffen - er hatte gerade erst (m.W. erstmalig) Werner auf einem Stück seines Abschiedsalbums "Halbe Ewigkeit" begleitet. Das dieser Tage erschienene Album wurde nach längerer Zeit wieder von Günter Pauler für Stockfisch produziert - noch so eine Legende der deutschen Szene.


Es gibt allerdings kaum gegensätzlichere Gitarrenpersönlichkeiten als Werner und Peter. Beide bearbeiten Stahlsaiten mit Fingerpicks in teilweiser irrwitziger Geschwindigkeit, aber während Peter Finger klassisch gebildet ist und komplexe, filigrane, oft impressionistische Kompositionen spielt (und gar nicht singt), war Werner Lämmerhirt Autodidakt und gerade in der Anfangszeit durch seine swingenden Brachialpickings und seine unkonventionelle Gesangsstimme bekannt. Insofern kann man ihn als deutsches Pendant zu Leo Kottke betrachten.


In den 70ern wurde er (nach fruchbarer Zusammenarbeit mit Hannes Wader) schnell zu einem Fixstern der deutschen und europäischen Folkszene. Es macht Spaß, nachträglich seine Entwicklung zu beobachten - auf CD als Die frühen Jahre und "Collection 1+2" erhältlich. Da gab es Bearbeitungen von Folksongs und modernen Standards, eigene Lieder und immer wieder verblüffende Instrumentals. Im zugehörigen Liederbuch beschreibt er stolz seine Entdeckung des Triolenpicks für "Corinna, Corinna", versieht Tim Hardins berühmtes If I Were A Carpenter mit einer Begleitung in Dropped D, schwärmt (zu Recht) über Paul Simons Lincoln Duncan (seine wunderbare Bearbeitung habe ich leider nie vortragsreif hinbekommen) und widmet "Marcel's Rag" dem Franzosen Marcel Dadi (1951 - 1996), einem Seelenverwandten, den er gerade erst entdeckt hatte.


1978 - 1980 gehörte er zu den Folkfriends, die in Hannes Waders Windmühle zusammenkamen und zwei tolle LPs aufnahmen. Dort musizierte er mit Wizz Jones, Derroll Adams, Danny Thompson (The Pentangle) und vielen weiteren Folklegenden. Später trug zu seinen Aufnahmen immer mal wieder Klaus Weiland (Das Loch in der Banane) lyrische Gitarrenparts bei. Er selbst war gefragter Gast nicht nur immer wieder (unterbrochen von einem dummen, zum Glück irgendwann beigelegten Zerwürfnis) bei Hannes Wader, sondern auch bei Guy und Candy Carawan, Davey Arthur,  Knut Kiesewetter (Fresenhof) und vielen anderen. In den 80ern ließ er sich seine Texte oft vom aus England nach Baden-Württemberg emigrierten Songpoeten Colin Wilkie schreiben. Mit der englischen Sprache hatte es der gebürtige Berliner nicht so, und so begann er Mitte der 90er damit, eigene deutsche Texte zu schreiben. Seine Texte erreichten sicher nie den Wortwitz eines Reinhard Mey, die verschmitzte Doppelbödigkeit von Franz-Josef Degenhardt oder die raue Poesie seines Freundes Hannes. Sie waren geradlinige Auseinandersetzungen mit seiner Umwelt und seinen Erfahrungen, selten platt oder übertrieben sentimental.


Daher würde es Werner wohl nicht gern hören, dass meine Lieblings-CD von ihm sein letztes Album mit englischen Texten ist: "Inbetween Times" erschien im Herbst 1992 und ist eine herzerwärmende Platte. Großen Anteil daran hatten Peer Knacke an der zweiten Gitarre, Beo Brockhausen am Saxophon und vor allem der Münsteraner Arzt Volker Leiss an verschiedenen Blockflöten. Dazu spielte wie bei den meisten Produktionen von Günter Pauler (bis hin zu "Halbe Ewigkeit") der Stockfisch-Tontechniker Hans-Jörg Maucksch seinen stimmungsvollen bundlosen Bass. Bei "Inbetween Times" war Lämmerhirt auf der Höhe seiner Kunst - eingängige Gitarrenriffs, schöne Melodielinien, mitreissende Instrumentalstücke und melancholische, zur Jahreszeit passende Texte:
(The One Who's Loosing You)
May the rain will keep on falling
May the wind will blow
May the fire will keep us warm
When the night is lonely and blue
(Pay the Bill)
A heavy wind is blowing round the whole world
Sometimes I wake up from a dream
Human computers sitting at their desks
Counting numbers of people who are dead.
Danach veröffentlichte er noch sieben CDs, vornehmlich mit deutschsprachigen Liedern. Reine Instrumentals waren immer weniger dabei, auch weil er Probleme mit seiner Greifhand bekam. Dafür veröffentlichte er 2009 die Sammlung zeitreise mit 20 ausgewählten Instrumentaltiteln seiner Karriere. Nachdem er in den 70ern große Säle gefüllt hatte, tingelte er nun unermüdlich mit seinen neuen Liedern durch die Klubs, stets mit Humor und Lebensfreude. Seine Ansagen frei nach Berliner Schnauze waren stets unterhaltsam, auch wenn er es mit den Fakten nicht immer so genau nahm (er ließ den am Heroin eingegangenen Tim Hardin mit dem Flugzeug abstürzen) Seine aufkommende Diabetes bekämpfte er nicht mit Insulin, sondern mit ausgiebigem Radfahren - auf seinen Tourneen begleitete ihn stets das Rennrad.


Lämmerhirt lebte mit seiner Frau zuletzt lange Jahre in Niedersachsen, wo ich ihn vor langer Zeit mal im Hamelner Regenbogen erleben durfte. Im hohen Norden war er allerdings so unbekannt, dass er oft mit seiner Hündin Abigail verwechselt wurde:


Samstag, 26. November 2016

Für unbegabte Musikliebhaber: Florence Foster Jenkins (9/10)

Jeder Hobbymusiker kennt das: Man ist von einem Stück so begeistert, dass man es unbedingt selbst darbieten möchte, auch wenn man stimmlich, technisch, musikalisch eigentlich nicht dafür geeignet ist. Im eigenen Kopf hört man dann eine idealisierte Version, aber meist gelingt es dem Umfeld, solch peinliche Misserfolge vor der Öffentlichkeit fernzuhalten. Was aber, wenn das nicht passiert? Wenn man weder ehrliche Mitmusiker hat noch genug Selbstzensur, so dass die Illusion selbst beim Hören der Aufnahme intakt bleibt? Unter glücklichen Umständen wird dann vielleicht eine Legende wie Florence Foster Jenkins geboren, die es 1944 trotz fehlender Begabung bis in die Carnegie Hall schaffte. Ihr Hit war, wie sollte es anders sein, der von Mozart in Koloratur gegossene Nervenzusammenbruch der Königin der Nacht:



Niemand hat uns in den letzten Jahrzehnten so viele Legenden nahegebracht wie Meryl Streep. Ob Vogue-Chefin Anna Wintour, die Eiserne Lady Maggie Thatcher oder Starköchin Julia Child, stets ist es ihr gelungen, sich äußerlich wie innerlich in diese Figuren zu verwandeln. Aber so komisch und gleichzeitig herzzerreissend tragisch war sie schon lange nicht mehr. Ich mache mich ja gern über ihre "automatischen" Oscar-Nominierungen lustig, aber diesmal wäre wirklich eine angebracht. Es erfordert schon großes Können, diese matronenhaft ausgepolsterter Figur mit ihren exaltierten Kostümen und den albernen Perücken mit Würde zu präsentieren. Und damit habe ich über ihren Gesang noch kein Wort verloren. Ihr musikalisches Talent hat die 67jährige Mimin schon vielfach unter Beweis gestellt. Wie sie hier manche Töne fast trifft, andere total verfehlt, manche Phrasen bis zur Unkenntlichkeit verhunzt und anderen fast erfolgreich nachhechelt, das ist wahrhaft unerhört.



Der dreifachen Oscar-Preisträgerin steht mit Hugh Grant einer der am meisten unterschätzten Darsteller zur Seite. Viele haben sich 1994 die Augen gerieben, als bei den Oscar-Nominierungen die Jahrhundertkomödie Vier Hochzeiten und ein Todesfall zwar als Bester Film nominiert wurde, der Garant für diesen Erfolg von der Akademie aber übersehen wurde (er gewann immerhin einen BAFTA und einen Golden Globe). Es wäre auch zu einfach, ihn als Komiker abzustempeln. Immerhin ist er in guter Gesellschaft mit seinem Namensvetter Cary Grant, der nach dürftigen zwei Nominierungen schließlich mit 66 Jahren den Ehren-Oscar mit nach Hause nehmen durfte. Es ist schade, dass sich der smarte Brite inzwischen so rar macht. Er kann zwar immer noch seinen bübischen Charme anknipsen, sein in Würde gealtertes Gesicht läßt aber auch tief in die Seele seiner Figuren blicken. Als Florences hingebungsvoller Ehemann Bayfield rührt er uns, ohne die Widersprüche zu verleugnen, die diesen gelegentlich mit seiner jungen Geliebten (Rebecca Ferguson aus Mission Impossible: Rogue Nation) zu einem "Golf"-Wochenende treiben.



Und dann ist da Simon Helberg als Begleiter der Diva am Piano. Wer hätte nach neun Jahren Big Bang Theory gedacht, dass ausgerechnet der Darsteller der raumfahrenden Knallcharge Howard Wolowitz, die dort von Jahr zu Jahr nerviger und peinlicher wird, zu solch differenzierter Schauspielkunst fähig ist. Sein Cosmé McMoon (der Name ist nicht erfunden) ist zwar auch ein Klutz, zeigt aber ein großes Herz und ist komischer als Howard in einer ganzen Staffel (nicht dass ich dem 35jährigen die Millioneneinnahmen missgönnen würde). Nebenbei spielt Helberg seine Klavierpassagen nicht nur selbst live zur Kamera, sondern auch noch ungeheuer gefühlvoll, so etwa beim Vorspielen Saint-Saëns' Schwan. Wenn die Akademie im kommenden Frühjahr nur eine Nominierung für diesen Film vergeben sollte, dann bitte für diese "männliche Nebenrolle" (leider sieht es so aus, als ob Hugh Grant auch in diese Kategorie geschoben werden soll).



Nach 15 Jahren gehobenem Mittelmaß hat der 75jährige Altmeister Stephen Frears mich endlich mal wieder begeistert. Zugegeben, ich habe eine Schwäche für Musikfilme im weiteren Sinne, sein letztes herausragendes Werk war für mich High Fidelity aus dem Jahr 2000. Dazu liegen ihm wohl auch historische Themen, von seiner meisterhaften Verfilmung von Choderlos De Laclos' Briefroman Gefährliche Liebschaften aus dem 18. Jahrhundert bis hin zu den klugen Diskursen über das 20. Jahrhundert: The Queen, Philomena (seine Lance-Armstrong-Biographie The Program vom letzten Jahr habe ich mir allerdings bislang gespart). Seine Stärke ist es, einen Stoff mit genau dem richtigen Ton zu inszenieren. Dabei gibt er seine Figuren nie der Lächerlichkeit preis. Das Drehbuch stammt vom Engländer Nicholas Martin, bisher nur für einige TV-Arbeiten bekannt.



Florence Foster Jenkins ist großes Unterhaltungskino, regt aber auch zum Nachdenken an. Die britische Produktion war kein großer Hit, hat ihr bescheidenes Budget aber locker wieder eingespielt. Es ist ein Film für Musikliebhaber, aber vor allem ein Film für Erwachsene, und das hat es in diesem Jahr seit Spotlight nicht mehr gegeben. Herausragend (9/10).

Freitag, 25. November 2016

Enttäuschender Abschluss von Cixin Lius Trilogie: Death's End

Vielleicht war meine Erwartungshaltung zu hoch, aber andere Rezensenten sehen das genauso: Mit Death's End dümpelt die vielversprechende Trilogie zu einem unbefriedigendem Abschluss, deren erster Band The Three-Body Problem 2015 verdient den Hugo gewonnen hatte. Hauptproblem scheinen mir dabei, bis auf zwei Ausnahmen, die Charaktere zu sein, die so unscheinbar geraten sind, als ob der Autor sie nur aus dem Orbit beobachtet hätte. Aber auch die Handlungsentwicklung ist enttäuschend. Wie so oft, wenn Science Fiction in eine Äonen entfernte Zukunft blickt, weicht fundierte Spekulation immer mehr esoterischen Szenarien. Berühmtestes Beispiel dafür ist sicher das Ende von Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (nach der Novelle von Arthur C. Clarke).

Im Zentrum des dritten Bandes steht Cheng Xin, eine junge Wissenschaftlerin, die zwar begabt und beliebt ist, aber eher zufällig die Geschicke der Menschheit beeinflusst. Durch lange Kälteschlafphasen erlebt sie die entscheidenden Kapitel der Geschichte und ist nebenbei noch in eine tatsächlich kosmische Romanze verstrickt. Sie ist für mich die einzige Identifikationsfigur. Allerdings strotzt der Band nur so vor nüchterner Exposition, nicht nur in den kurzen essayistischen Zwischenkapiteln, sondern auch in den übrigen Abschnitten.

Der erste Teil wirkt fast wie eine Resteverwertung. Besonders irritiert hat mich der Prolog, der 1453 den Fall Konstantinopels schildert, mit einer kleinen magischen Ausschmückung, die wohl eine Vorahnung auf zu entdeckende fünfdimensionale Phänomene geben soll. Dann geht es in die frühen Jahre der Trisolar-Krise, mit der Beschreibung eines parallelen Projekts zum Wallfacer-Programm (Wallfacer Luo Ji aus The Dark Forest taucht noch ab und an auf), mit dem aberwitzigen Ziel, der trisolarischen Invasionsflotte das gefrorenes Gehirn des todkranken Yun Tianming entgegenzuschicken - diese Figur ist die zweite, die etwas plastischer wirkt, verschwindet aber zu schnell aus der Erzählung.

************ ES FOLGEN KLEINE SPOILER *************************

Im zweiten Drittel versucht dieser Yun Tianming, von den Trisolarern tatsächlich reanimiert, über ein dreiteiliges Märchen der Menschheit hinter dem Rücken der Trisolarer Informationen zukommen zu lassen. Das ist tatsächlich eine hübsche, gut ausgeführte Idee. Die sich dahinter verbergenden technischen Konzepte sind allerdings teilweise haarsträubend (insbesondere die Konvertierung von dreidimensionalen in zweidimensionale Objekte). Aus der Entschlüsselung des Märchens resultiert dann die "Bunkerphase", in der sich ein Großteil der Menschheit in Habitaten im Schatten der Großplaneten (Jupiter, Saturn etc.) vor der drohenden Zerstörung der Sonne zu verstecken versucht. Wie viele der Hard SF zuzuordnende Autoren unterschätzt m.E. Liu hier die gesellschaftlichen Probleme und überschätzt die technischen Möglichkeiten. Eine realistischere (wenngleich dramaturgisch auch nicht bessere) Darstellung einer solchen Flucht ins Weltall kann man in Neal Stephensons Seveneves nachlesen. Die Idee eines Teilchenbeschleunigers im Orbit um die Sonne ist allerdings nett.

Danach wurde es mir dann endgültig zu bunt, mit der Manipulation von physikalischen Konstanten (Verringerung der Lichtgeschwindigkeit), relativistischen Reisen durch die Äonen und außerdimensionalen Blasen, die Douglas Adams Restaurant am Ende des Universums Konkurrenz machen könnten.Dass am Ende dann die kosmische Romanze auch noch in den Weiten des Universums verpufft, passt zum Gesamteindruck. Die Übersetzung scheint mir übrigens sehr gut gelungen, die Kindle-Ausgabe ist tadellos formatiert. Zum Glück hat sich Cixin Liu  mit den beiden Vorgängern bei mir bereits fest etabliert - gerade habe ich zum fairen Preis seinen Kurzgeschichtenband "The Wandering Earth" erstanden und bin schon sehr gespannt...

Samstag, 19. November 2016

Klassische Rezension: Harry Potter und der Stein der Weisen (2001, 8/10)

Wenn man einmal von der Bibel und dem kommenden "Herrn der Ringe" absieht, ist wohl noch nie ein bekannteres Buch verfilmt worden als nun der erste Streich von "Harry Potter". Automatisch teilt sich das Publikum in die zwei Gruppen der Leser und Nicht-Leser. Meine Vermutung ist, daß letztere auch auf Grund der Verfilmung nicht in eine Potter-Euphorie verfallen wird. Zu komplex ist die dargestellte Zauberwelt, zu simpel die Handlung selbst. Leider kenne ich niemanden aus der zweiten Kategorie, den ich befragen könnte. Ich bin selbst schuld, denn ich habe die bisherigen vier Bände nach Kräften weiterempfohlen, bei Bedarf (und Interesse an der Originalfassung) auch verliehen. Was fasziniert mich als kinderlosen Mittdreißiger nun an einer Reihe von Jugendbüchern?

Zunächst bietet Harry Potter ein ungetrübtes Lesevergnügen von solchem Ausmaß, wie ich es vielleicht seit Michael Endes "Jim Knopf" nicht mehr erlebt habe. Während mein literarischer Hunger nicht auf Hauptmahlzeiten etwa von Fjodor Dostojewski, Charles Dickens, Jane Austen, Heinrich Böll oder John Irving verzichten mag, liebe ich doch auch Leichtverdauliches, Zwischenmahlzeiten, Romane, die man wie im Fieber innerhalb von zwei Tagen verschlingt. Wenn das ein "Kinderbuch" leisten kann, dann her damit!

Aber - zum zweiten - Intelligenz muß sein, nichts verabscheue ich mehr als intravenös verabreichte Zuckerlösungen. Doch wer ein paar Seiten Rowling liest und das ganze dann als eine Art "Hanni und Nanni" in einer Zauberwelt verwirft, tut der Autorin großes Unrecht. Ja, sie benutzt traditionelle Versatzstücke aus der Fantasy-, Märchen- und Sagenwelt. Das hat Tolkien auch getan, und (um das ganze etwas übertrieben auf den Punkt zu bringen) auch Shakespeare hat Brudermord und Liebeswahn nicht erfunden. Es kommt auf die Konstruktion einer Geschichte, glaubwürdige Charaktere und die zur Verfügung stehenden erzählerischen Mittel an. Joanne Rowling hat ihren Zyklus von vornherein auf sieben Bände konzipiert, der erste ist lediglich als Einleitung zu sehen. Ihre Figuren erleben eine kritische Phase in der Geschichte der magischen Welt. In diesen sieben Jahren werden sie von Kindern zu pubertierenden Jugendlichen, reifen zu verantwortlichen jungen Erwachsenen. Durch all dies ziehen sich ein unnachahmlicher Humor, die Freude an skurrilen Details und Sympathie für alle beteiligten Charaktere.

Zum dritten ist die verborgene Zweitwelt der Zauberer und Hexen mehr als eine Flucht vor der Realität. Sie ist ein satirischer Spiegel der britischen Gesellschaft (die unser eigenen durchaus ähnelt), zusätzlich polarisiert durch die kindliche Sichtweise, die noch vereinfachend versucht, in Gut und Böse zu unterscheiden, was doch längst untrennbar ist. Wenn auf den ersten Blick im Hause Gryffindor die Braven und Ehrlichen wie Harry, Ron und Hermine vertreten sind, im Konkurrenzhaus Slytherin jedoch die Fiesen und Hinterhältigen wie Draco Malfoy, so ist dessen Vater doch ein wichtiger Minister, und der Vorsitzende Snape (eine der interessantesten Figuren) ein mächtiger und respektierter Magier, der entgegen dem Schein der Versuchung des Bösen Voldemort widersteht. Kennen wir das nicht - aus unbeliebten Rabauken werden einflußreiche Wirtschaftsbosse, aus jugendlichen Hitzköpfen pragmatische Minister? In Rowlings Utopie geht längst nicht alles so aus, wie der Leser es sich wünscht. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur Durchschnitts-Fantasy, in der das Gute stets das Böse besiegt. Sei noch erwähnt, daß ab dem dritten Band die Reihe auch sicherlich nicht mehr für jüngere Kinder geeignet ist, aufgrund eines ziemlich düsteren Tons und einer sehr differenzierten Handlung.

Daß ich so viel Vorrede auf die Romanvorlage verwende, hat seinen Grund - der Film reicht in keiner Hinsicht über die Vorlage hinaus. Für sich allein stehend, finde ich, daß weder die Internatswelt noch die Figuren besonders gut eingeführt werden. Die Handlung mußte denn doch gekürzt werden, einige charmante Details sind wohl dem Schnitt zum Opfer gefallen. Insgesamt ist das Resultat ein Augenschmaus, der sein Leben eher aus der Kenntnis der Bücher bezieht. Ein paar witzige Szenen sind sehr gut gelungen, die meisten Spezialeffekte erfüllen ihren Zweck. Aber schmerzlich vermißt habe ich Einblicke ins Innenleben von Harry. Es genügt halt nicht, ihn nachts grübelnd vorm Fenster sitzend zu zeigen - wo bleiben seine Demütigungen, seine Selbstzweifel, die Leere, die nur allmählich durch seine Freunde und die Vaterfiguren Hagrid und Dumbledore ausgefüllt wird? Und - was mir im Buch schon ein wenig missfallen hat, steht hier auch noch recht unerklärt für sich, nämlich der ungerecht erscheinende Gewinn des Hauspokals durch nachträgliche Zuerkennung von Punkten für die drei Freunde.

Die Besetzung ist zum größten Teil perfekt, herausheben möchte ich Robbie Coltrane als Hagrid (wunderbar, wenn sein Gesicht nebst Haarpracht die Widescreen-Leinwand ausfüllt) und die erfrischend lebhafte Emma Watson als Hermine. Es ist schwer festzumachen, ob dem etwas enttäuschenden Daniel Radcliffe in der Titelrolle nun das gewisse Etwas fehlt, oder ob hier Drehbuch und Regie versagt haben. Jedenfalls ist er kein Haley Joel Osment, dessen Präsenz der Rolle gut angestanden hätte (natürlich ist Haley selbst längst zu alt). Nun aber zur größten produktionstechnischen Panne: die Musik. Da hat Joanne Rowling schon darauf geachtet, britische Schauspieler einzusetzen, die Handlung in England zu belassen - und dann wird mit John Williams ein alternder amerikanischer Bombastkomponist engagiert, dessen Glanzzeiten längst vorüber sind und der sein Werk nur noch wieder und wieder recycelt (siehe die dem lausigen Werk allerdings ebenbürtige schlechte Arbeit zu "Star Wars - Episode 1"). Die Lautstärke des Scores kann nicht über seine Armseligkeit hinwegtäuschen - hier waren magische Themen gefragt! Hat niemand mal an Rachel Portman ("Chocolat") gedacht, oder, wenn's schon ein Amerikaner sein sollte, Danny Elfman (der Tim-Burton-Hauskomponist). Mir schaudert schon bei der Aussicht, einen solchen Soundbrei noch sechs weitere Male ertragen zu müssen.

Ansonsten habe ich mich tatsächlich großartig amüsiert - unter den gegebenen optimalen Voraussetzungen war gute Unterhaltung auch die Mindesterwartung an die Beteiligten, und die haben sie erfüllt. Da ich als Leser Figuren praktisch nicht visualisiere, sondern mich eher für ihr Inneres interessiere, war ich auch nicht irritiert von etwaigen Abweichungen von der Vorlage. Ich frage mich allerdings, wie es nun weitergehen soll. Der Erfolg wird Chris Columbus am Ruder natürlich bestätigen. Aber daß er für den vergleichsweise schmalen und einfach gestrickten ersten Band schon über 150 Minuten benötigt, läßt für die Nachfolger nichts Gutes erwarten. Spätestens beim dritten Band wird er vollkommen überfordert sein. Man beachte, daß der dritte und vierte Band in Hinsicht auf Komplexität und erzählerischer Dichte die Vorgänger um Klassen überragen. Nicht umsonst hat der "Feuerkessel" den Hugo-Gernsback-Award als bester SF/Fantasy-Roman des Jahres gewonnen (wenngleich begünstigt durch schwache Konkurenz). Was nun den "Stein der Weisen" betrifft: Wäre die Musik nicht so stimmungstötend gewesen, hätte ich mich vielleicht sogar zu einem "Herausragend" durchringen können. So immerhin ein "Sehr gut" (8/10).