In der Anfangsszene der Star-Trek-Episode Descent (1994, TNG S06E26) spielt Data auf dem Holodeck eine Runde Poker mit Isaac Newton, Albert Einstein und Stephen Hawking. Letzterer spielt sich selbst, gewinnt natürlich die Partie und fühlt sich sichtlich geschmeichelt, dieser illustren Gesellschaft anzugehören. Tatsächlich ist Hawking zwar ein Popstar unter den modernen Wissenschaftlern, kommt an Bedeutung aber nicht annähernd an seine fiktiven Mitspieler heran. Kosmologie ist ohnehin ein undankbares Feld, nirgendwo werden Theorien so oft angefeindet, widerrufen, verworfen. Hawking hat jedenfalls keinesfalls die Unendlichkeit entdeckt, und auch von der Theory of Everything (so der Originaltitel), der Relativität und Quantenphysik verbindenden Weltformel, ist seine Forschung weit entfernt.
Nicht nur darin ist der Titel des bisher eher durch Dokumentarfilme bekannt gewordenen James Marsh irreführend. Das Drehbuch des recht unbekannten Autors Anthony McCarten beruht auf den Erinnerungen von Hawkings erster Frau Jane (mit der er drei Kinder hat) und stellt daher eher den Familienmenschen als den Physiker in den Mittelpunkt. Hawking selbst spricht ungern über seine Krankheit, aber hier dienen die Stationen seines Verfalls fast als roter Faden durch eine Erzählung, die ansonsten offenbar eher für Jane wichtige Episoden herausgreift (etwa eine Ehrung durch die Queen, an der sie teilnehmen durfte). Der Verlauf von Hawkings akademischer Laufbahn bleibt unklar - seine Berufung auf den bedeutenden Lucasischen Lehrstuhl von Cambridge, im Geburtsjahr 1979 seines Sohnes Timothy, wird zum Beispiel kaum erwähnt.
Was bleibt (aber das ist allerhand), ist eine höchst ungewöhnliche Liebesgeschichte, die nur durch die fast unmenschliche Willenskraft beider Partner so lange gehalten hat. Getragen wird sie durch die beiden jungen Hauptdarsteller (beide sind kaum älter als 30). Felicity Jones, bisher vor allem durch Fernsehserien und als Austen-Heldin bekannt, agiert zurückhaltend und überzeugend, wirkt aber fast notgedrungen blaß gegenüber Eddie Redmayne (der 2011 der junge Liebhaber von Marilyn war). Redmaynes Darstellung ist technisch absolut brillant, und man meint passagenweise, per Zeitfernglas den wirklichen Hawking zu sehen. Auch die u.a. mit David Thewlis und Emily Watson prominent besetzten Nebenfiguren treten dabei in den Hintergrund.
Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, daß hier Stoff für mehr als nur eine Liebesgeschichte gewesen wäre. Hätte man Hawkings Lebensumstände nicht mehr mit seinen kosmologischen Erkenntnissen verknüpfen können? Und hätte man den (übrigens in Jane und Stephens Ehe zentralen) Konflikt, das Ringen um die Existenz eines Gottes, nicht stärker thematisieren können? So ist Die Entdeckung der Unendlichkeit für mich zwar keine Enttäuschung, aber doch eine vertane Chance. Noch Gut (7/10).
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Mittwoch, 31. Dezember 2014
Montag, 29. Dezember 2014
Überraschungshit des Jahres: Das Schicksal ist ein mieser Verräter (7/10)
Shailene Woodley hat sich im laufenden Jahr als preisgünstige Alternative zu Jennifer Lawrence etabliert. Sie ist (für Hollywood-Verhältnisse) nur mittelmäßig hübsch und hat geringere mimische Fähigkeiten, übertrifft JLaw Superstar aber immerhin um etliche Zentimeter Oberweite. Mit 20 hatte sie 2011 bereits einen Golden Globe eingeheimst, für ihre Rolle als George Clooneys Tochter in Alexander Paynes Oscar-prämierten (und m.E. etwas überschätzten) The Descendants. Nachdem ihre Fernsehserie (The Secret Life of the American Teenager, offenbar nicht so doll) nun nach fünf Staffeln und 121 Folgen beendet ist, war sie 2014 zunächst in der Hauptrolle des ersten Teils einer neuen dystopischen Teenager-Trilogie zu sehen: Divergent ist inhaltlich zwar nur die Kopie eines Abklatsches, man kann es sich aber im Verhältnis zu anderen Rohrkrepierern des Genres relativ schmerzfrei anschauen. Aufgrund des moderaten Profits (ca. 280 Mio Dollar Umsatz bei 85 Mio Dollar Budget) drohen hier Fortsetzungen.
Und dann kam der Donnerschlag (für die Filmstudios): Bei nur 20 Mio Dollar Budget hat Das Schicksal ist ein mieser Verräter bisher etwa den gleichen Umsatz wie Divergent erzielt. Die Geschichte um Freundschaft und Liebe zwischen krebskranken Jugendlichen traf offenbar den Nerv des Teenager-Marktes. Sie beruht auf dem Bestseller (im Original etwas subtiler "The Fault in Our Stars" betitelt) des Mittdreißigers John Green, der darin offenbar seine Erfahrungen als Kaplan einer Kinderkrebsstation verarbeitet hat. Die Verfilmung durch den jungen Josh Boone (sein Erstling Love Stories - Erste Lieben, zweite Chancen mit Greg Kinnear und Jennifer Connelly von 2012 war ganz ok) trifft gemäß den meisten Meinungen den Ton der Vorlage recht gut. Sie kommt zum Glück recht unsentimental daher und legt den Schwerpunkt auf die Lebensfreude der jungen Leute, die sich wenig Illusionen über ihre Lebenserwartung machen. Woodley und (mit etwas geringerem Erfolg) ihr Leinwandpartner Ansel Elgort (der in Divergent ihren Bruder spielte) agieren recht natürlich. Natürlich werden die Leiden und Folgen der Krankheit nur sehr vorsichtig gezeigt, aber sie werden auch nicht komplett geleugnet. Eher gestört hat mich die allzu große Harmonie besonders in den Familien der Jugendlichen (u.a. spielen Laura Dern und Sam Trammell Shailenes fast immer gut gelaunte Eltern). Die einzige Figur, die zur Karikatur geriet, ist ironischerweise (?) der enthusiastische Leiter der Selbsthilfegruppe, der auf seiner Gitarre Übelkeit erregende Lieder nach dem Motto "Jesus ist dein bester Freund" schrammelt.
Natürlich gehöre ich nicht zum Zielpublikum dieses Streifens und habe ihn nur fürs Heimkino ausgeliehen. Ich gestehe auch freimütig, daß ich am Ende NICHT geweint habe, aber ich fand ihn trotzdem unterhaltsam und erfrischend. Gut (7/10).
Und dann kam der Donnerschlag (für die Filmstudios): Bei nur 20 Mio Dollar Budget hat Das Schicksal ist ein mieser Verräter bisher etwa den gleichen Umsatz wie Divergent erzielt. Die Geschichte um Freundschaft und Liebe zwischen krebskranken Jugendlichen traf offenbar den Nerv des Teenager-Marktes. Sie beruht auf dem Bestseller (im Original etwas subtiler "The Fault in Our Stars" betitelt) des Mittdreißigers John Green, der darin offenbar seine Erfahrungen als Kaplan einer Kinderkrebsstation verarbeitet hat. Die Verfilmung durch den jungen Josh Boone (sein Erstling Love Stories - Erste Lieben, zweite Chancen mit Greg Kinnear und Jennifer Connelly von 2012 war ganz ok) trifft gemäß den meisten Meinungen den Ton der Vorlage recht gut. Sie kommt zum Glück recht unsentimental daher und legt den Schwerpunkt auf die Lebensfreude der jungen Leute, die sich wenig Illusionen über ihre Lebenserwartung machen. Woodley und (mit etwas geringerem Erfolg) ihr Leinwandpartner Ansel Elgort (der in Divergent ihren Bruder spielte) agieren recht natürlich. Natürlich werden die Leiden und Folgen der Krankheit nur sehr vorsichtig gezeigt, aber sie werden auch nicht komplett geleugnet. Eher gestört hat mich die allzu große Harmonie besonders in den Familien der Jugendlichen (u.a. spielen Laura Dern und Sam Trammell Shailenes fast immer gut gelaunte Eltern). Die einzige Figur, die zur Karikatur geriet, ist ironischerweise (?) der enthusiastische Leiter der Selbsthilfegruppe, der auf seiner Gitarre Übelkeit erregende Lieder nach dem Motto "Jesus ist dein bester Freund" schrammelt.
Natürlich gehöre ich nicht zum Zielpublikum dieses Streifens und habe ihn nur fürs Heimkino ausgeliehen. Ich gestehe auch freimütig, daß ich am Ende NICHT geweint habe, aber ich fand ihn trotzdem unterhaltsam und erfrischend. Gut (7/10).
Sonntag, 28. Dezember 2014
Klassiker auf Blu-ray #13: Gérard Depardieu in "Cyrano de Bergerac" (1990)
Lange bevor Gérard Depardieu sich zur Obelix-Karikatur entwickelte und mit russischen Oligarchen verbrüderte, galt er mal als ernsthafter Schauspieler. Sein internationaler Durchbruch und gleichzeitig der Höhepunkt seines Schaffens kam 1990, als Peter Weir ihn (und Mozarts wunderbares Klarinettenkonzert) dem amerikanischen Publikum in seiner charmanten romantischen Komödie Green Card präsentierte. Im gleichen Jahr war Depardieu für die Titelrolle in Jean-Paul Rappeneaus Verfilmung von Rostands Bühnenstück Cyrano de Bergerac für seinen einzigen Oscar nominiert (leider gewann Jeremy Irons). Und mit seiner einmaligen Mischung aus Feingeist, Verletzlichkeit und animalischer Lebenskraft war der damals 42jährige tatsächlich eine Idealbesetzung für den Fechtheld mit der großen Nase und dem noch größeren poetischen Herz.
Die Adaption dieser französischen Prestige-Produktion stammte vom profilierte Autor Jean-Claude Carrière (u.a. Zuarbeiter von Buñuel und Louis Malle) und modernisiert den aus dem Jahre 1897 stammenden Text nur behutsam - vor allem behielt sie die Versform bei. Das macht mehr Spaß, als man vermuten würde, so zum Beispiel beim ersten, unvergeßlichen Duell ("und beim letzten Verse stech' ich"). Der Film punktet aber auch mit opulenten Kostümen, Kulissen und nur leicht stilisierten Schlachtszenen, die die Theater-Herkunft des Materials fast vergessen machen. Getragen von der mitreißenden, mit dem BAFTA ausgezeichnete Musik von Jean-Claude Petit und immer wieder den vor Esprit sprühenden Versen, mündet das Spektakel nach zwei kurzweiligen Stunden in einer bewegenden Sterbeszene (sicher eine der längsten der Filmgeschichte) mit der Dichtung des eigenen Epitaphs (zitiert aus der Gutenberg-Ausgabe, die wahrscheinlich von der Film-Übersetzung abweicht):
Der Stoff, aus dem Steve Martin drei Jahre zuvor (mit Daryl Hannah in der Titelrolle) mit Roxanne bereits eine sehr schöne, stark modernisierte Komödie geflochten hatte, ist einfach unverwüstlich. Jean-Paul Rappeneau rettete mit dieser Glanztat Frankreichs Ehre, auch wenn er bei insgesamt starker Konkurrenz bei den Oscars in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film (wie so oft) einem "wichtigen" Film unterlag (dem ansonsten sehr guten schweizerischen Beitrag Reise der Hoffnung). Komisch, tragisch, spannend, staunenswert, wenngleich manchmal etwas selbstverliebt, ist "Cyrano" für mich der schönste französische Film der 90er. Herausragend (9/10).
Die deutsche Blu-ray bietet ein ordentliches Bild im Originalformat mit deutschem und französischem Ton, leider nur mit (optionalen) deutschen Untertiteln.
Die Adaption dieser französischen Prestige-Produktion stammte vom profilierte Autor Jean-Claude Carrière (u.a. Zuarbeiter von Buñuel und Louis Malle) und modernisiert den aus dem Jahre 1897 stammenden Text nur behutsam - vor allem behielt sie die Versform bei. Das macht mehr Spaß, als man vermuten würde, so zum Beispiel beim ersten, unvergeßlichen Duell ("und beim letzten Verse stech' ich"). Der Film punktet aber auch mit opulenten Kostümen, Kulissen und nur leicht stilisierten Schlachtszenen, die die Theater-Herkunft des Materials fast vergessen machen. Getragen von der mitreißenden, mit dem BAFTA ausgezeichnete Musik von Jean-Claude Petit und immer wieder den vor Esprit sprühenden Versen, mündet das Spektakel nach zwei kurzweiligen Stunden in einer bewegenden Sterbeszene (sicher eine der längsten der Filmgeschichte) mit der Dichtung des eigenen Epitaphs (zitiert aus der Gutenberg-Ausgabe, die wahrscheinlich von der Film-Übersetzung abweicht):
Musiker und Reimedrechsler,
Physiker, Philosoph und Fechter,
Zungenfertiger Schlagwortwechsler,
Mondreisender ohne Sack und Pack,
Liebhaber auch jedoch ein schlechter!
Hier ruht und wartet des Jüngsten Gerichts
Cyrano Savinien Herkules von Bergerac,
Der alles gewesen und dennoch nichts.
Der Stoff, aus dem Steve Martin drei Jahre zuvor (mit Daryl Hannah in der Titelrolle) mit Roxanne bereits eine sehr schöne, stark modernisierte Komödie geflochten hatte, ist einfach unverwüstlich. Jean-Paul Rappeneau rettete mit dieser Glanztat Frankreichs Ehre, auch wenn er bei insgesamt starker Konkurrenz bei den Oscars in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film (wie so oft) einem "wichtigen" Film unterlag (dem ansonsten sehr guten schweizerischen Beitrag Reise der Hoffnung). Komisch, tragisch, spannend, staunenswert, wenngleich manchmal etwas selbstverliebt, ist "Cyrano" für mich der schönste französische Film der 90er. Herausragend (9/10).
Die deutsche Blu-ray bietet ein ordentliches Bild im Originalformat mit deutschem und französischem Ton, leider nur mit (optionalen) deutschen Untertiteln.
Samstag, 20. Dezember 2014
Endlich vorbei: Des Hobbits Dritter Streich (6/10)
Während Peter Jacksons Team für den zweiten Film dieser aufgeblähten Trilogie noch eine befriedigende Struktur finden konnte, zeigen sich in diesem Abschied von Mittelerde die Adaptionsprobleme überdeutlich. Gleich im Vorspann wird mal eben der unbesiegbare Drache abgeschossen, dann retten die Mittelerde-Avengers schnell noch den geschlagenen Gandalf aus den Fängen des Nekromancers, und dann geschieht lange --- nichts. Die Figuren sind alle eingeführt, der Handlungsort ist bekannt, und dem Geschehen geht der Dampf aus. Fast in Zeitlupe hadern die Helden noch ein wenig mit ihrem Schicksal. Am interessantesten ist dabei noch Thorins Drachenfieber, alle anderen Zwerge treten unverständlicherweise noch weiter in den Hintergrund als bisher. Bard der Drachentöter stolpert nach seiner Heldentat nur noch ziellos durch die Gegend (er sucht seine Kinder - er findet seine Kinder - er bringt seine Kinder in Sicherheit), genauso wie Gandalf. Thranduil hat ein paar gute Momente, aber Legolas und sogar Tauriel wirken meist fehl am Platz. Die eigentliche Schlacht ist dann ziemlich langweilig, und (untypisch für Jackson) auch ziemlich unübersichtlich. Billy Connolly reitet ein Kampfschwein, und Ryan Gage als Alfrid sorgt mit etwas Slapstick für Comic Relief. Spannend wird's dann erst wieder in den entscheidenden Zweikämpfen. Thorin und Azog sichern sich die MTV-Trophäe für das beste Duell des Jahres, Legolas trotz zum wiederholten Male der Physik, und die Liebe von Kili und Tauriel (wer hätte es gedacht) endet tragisch. Der ansonsten großartige Martin Freeman als Bilbo wirkt gelegentlich eher amüsiert als bewegt. Und warum muß man ausgerechnet die schlechteste Dialogzeile der HdR-Trilogie zitieren? Oder ist das Schleichwerbung für eine abgehalfterte Country-Pop-Combo? Das wäre für mich dann eher eine Drohung: The Eagles are coming!
Als Abschluß der Trilogie ist Die Schlacht der fünf Heere akzeptabel, für sich gesehen aber ein recht mäßiger Film. Es fehlt das Gefühl von Abenteuer und eine gewisse Verschrobenheit, die die ersten beiden Teile so unterhaltsam gemacht hatten. Und die Brückenschläge zur HdR-Trilogie wirken aufgesetzt. Da kann auch das nette, von "Pippin" Billy Boyd gesungene Abschlußlied nicht drüber hinwegtrösten. Ordentlich (6/10).
Als Abschluß der Trilogie ist Die Schlacht der fünf Heere akzeptabel, für sich gesehen aber ein recht mäßiger Film. Es fehlt das Gefühl von Abenteuer und eine gewisse Verschrobenheit, die die ersten beiden Teile so unterhaltsam gemacht hatten. Und die Brückenschläge zur HdR-Trilogie wirken aufgesetzt. Da kann auch das nette, von "Pippin" Billy Boyd gesungene Abschlußlied nicht drüber hinwegtrösten. Ordentlich (6/10).
Freitag, 19. Dezember 2014
"Klassische" Rezension: Peter Sellers in "Willkommen Mr. Chance" (9/10)
Gerade habe ich eine schöne Dokumentation über Peter Sellers gesehen, die fast ausschließlich aus "Home Videos" des Exzentrikers zusammengesetzt wurde (The Peter Sellers Story - As He Filmed It). Er war einer der großen Clowns des 20. Jahrhunderts, auch wenn er selbst lieber wie Alec Guiness als ernsthafter Darsteller mit auch komischem Talent wahrgenommen worden wäre. Als Blu-ray gibt es den abschließenden Höhepunkt seiner Filmographie leider bisher nur als Import ohne deutsche Sprache. 2003 schrieb ich zur DVD:
Peter Sellers wird allein durch seine (ebenfalls Oscar-nominierten) Rollen in Kubricks Geniestreich Dr. Strangelove/Dr. Seltsam sicher auf immer im Gedächtnis der Filmliebhaber bleiben. Seine Verwandlungskunst und sein Talent für Slapstick schufen auch einen unvergeßlichen Inspector Clouseau (Der rosarote Panther). Mr. Chance war seine letzte große Rolle, bevor er 1980 mit 54 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Im Oscar-Rennen unterlag er Dustin Hoffman (Kramer vs. Kramer). Komiker haben es bei der Akademie schon immer schwer gehabt...
Willkommen, Mr. Chance steht und fällt mit Peter Sellers. Ohne ihn wäre dies tatsächlich eine nette, auf Spielfilmlänge ausgewälzte Idee. Die Nebenrollen sind alle ein wenig flach, die Szenen ohne ihn eher uninteressant (der Präsident mit seiner Frau im Ehebett - die vergebliche Suche der Reporter nach Hintergrundinfos). . Selbst Shirley MacLaine scheint ihrer Rolle in der grotesken "Sex"-Szene nicht so recht gewachsen zu sein. Hier hätte man kürzen können. Doch Peter Sellers ist grandios.Er entwickelt eine Figur, die Gelassenheit und Würde ausstrahlt (was fast alle mit Weisheit verwechseln) und auf eine wunderbare Art zurückhaltend komisch ist. Und Hal Ashby gibt ihm reichlich Gelegenheit dazu. Unterstützt von der impressionistisch angehauchten Pianountermalung von Johnny Mandel entwickelt gerade die erste halbe Stunde einen hypnotischen Rhythmus, der ohne viele Worte auskommt.
Pauline Kael sieht nicht ein, wie ein fast autistischer Gärtner, dessen einziger Einfluß das Fernsehen ist, sich zur Figur des gutmütigen, Gärtnerlatein als Lebensweisen austeilenden Herrn entwickeln könnte. Natürlich nicht! "Being There" (so der schöne Originaltitel) ist weder Charakterstudie noch Satire. Mr. Chance kommt aus dem Nichts und verschwindet in der fabelhaften Schlußszene auch wieder im Nichts. Seine Anwesenheit hat eine traumartige Qualität, und auf diesen Traum muß sich der Zuschauer einlassen. Daß sich in seiner leeren Persönlichkeit Politiker, Reporter und Wirtschaftsfunktionäre spiegeln, hat nur oberflächlich satirische Aspekte. Ist er ein göttlicher Abgesandter, ein Gärtner, der nach den Menschen sieht? Meine Empfehlung ist, sich von ihm für zwei Stunden hypnotisieren zu lassen. Der therapeutische Effekt scheint mir beträchtlich. Und obwohl man ziemlich oft schmunzeln muß, gibt es für eine Komödie eigentlich zu wenig zu lachen. Daher wirkt die "Outtake"-Szene im Abspann auch eher unpassend. Also weniger eine Komödie denn ein leicht sentimentales Märchen.
Herausragend (9/10).
Peter Sellers wird allein durch seine (ebenfalls Oscar-nominierten) Rollen in Kubricks Geniestreich Dr. Strangelove/Dr. Seltsam sicher auf immer im Gedächtnis der Filmliebhaber bleiben. Seine Verwandlungskunst und sein Talent für Slapstick schufen auch einen unvergeßlichen Inspector Clouseau (Der rosarote Panther). Mr. Chance war seine letzte große Rolle, bevor er 1980 mit 54 Jahren einem Herzinfarkt erlag. Im Oscar-Rennen unterlag er Dustin Hoffman (Kramer vs. Kramer). Komiker haben es bei der Akademie schon immer schwer gehabt...
Willkommen, Mr. Chance steht und fällt mit Peter Sellers. Ohne ihn wäre dies tatsächlich eine nette, auf Spielfilmlänge ausgewälzte Idee. Die Nebenrollen sind alle ein wenig flach, die Szenen ohne ihn eher uninteressant (der Präsident mit seiner Frau im Ehebett - die vergebliche Suche der Reporter nach Hintergrundinfos). . Selbst Shirley MacLaine scheint ihrer Rolle in der grotesken "Sex"-Szene nicht so recht gewachsen zu sein. Hier hätte man kürzen können. Doch Peter Sellers ist grandios.Er entwickelt eine Figur, die Gelassenheit und Würde ausstrahlt (was fast alle mit Weisheit verwechseln) und auf eine wunderbare Art zurückhaltend komisch ist. Und Hal Ashby gibt ihm reichlich Gelegenheit dazu. Unterstützt von der impressionistisch angehauchten Pianountermalung von Johnny Mandel entwickelt gerade die erste halbe Stunde einen hypnotischen Rhythmus, der ohne viele Worte auskommt.
Pauline Kael sieht nicht ein, wie ein fast autistischer Gärtner, dessen einziger Einfluß das Fernsehen ist, sich zur Figur des gutmütigen, Gärtnerlatein als Lebensweisen austeilenden Herrn entwickeln könnte. Natürlich nicht! "Being There" (so der schöne Originaltitel) ist weder Charakterstudie noch Satire. Mr. Chance kommt aus dem Nichts und verschwindet in der fabelhaften Schlußszene auch wieder im Nichts. Seine Anwesenheit hat eine traumartige Qualität, und auf diesen Traum muß sich der Zuschauer einlassen. Daß sich in seiner leeren Persönlichkeit Politiker, Reporter und Wirtschaftsfunktionäre spiegeln, hat nur oberflächlich satirische Aspekte. Ist er ein göttlicher Abgesandter, ein Gärtner, der nach den Menschen sieht? Meine Empfehlung ist, sich von ihm für zwei Stunden hypnotisieren zu lassen. Der therapeutische Effekt scheint mir beträchtlich. Und obwohl man ziemlich oft schmunzeln muß, gibt es für eine Komödie eigentlich zu wenig zu lachen. Daher wirkt die "Outtake"-Szene im Abspann auch eher unpassend. Also weniger eine Komödie denn ein leicht sentimentales Märchen.
Herausragend (9/10).
Samstag, 6. Dezember 2014
Wenig Magie: Woody Allens "Magic in the Moonlight" (5/10)
Der inzwischen 79jährige Woody Allen ist bekannt und beliebt für die starken Frauenrollen in seinen Filmen. Gleich fünf Darstellerinnen verhalf er zum Oscargewinn, von Diane Keaton über Dianne Wiest (zweimal), Mira Sorvino, Penélope Cruz zu Cate Blanchett. Aber auch unabhängig von den schauspielerischen Leistungen ist seine Kamera immer schon verliebt in schöne Frauen. Niemand sonst hat Mariel Hemingway so berückend wie in Manhattan, Barbara Hershey so sexy wie in Hannah und ihre Schwestern, Julia Roberts so bezaubernd wie in Alle sagen "I Love You", Freida Pinto so anbetungswürdig schön wie in Ich sehe den Mann deiner Träume eingefangen.
Doppelt gilt dies für seine "Musen", von Diane Keaton über Mia Farrow bis hin zu Scarlett Johansson, die jüngst in drei seiner schönsten europäischen Filme glänzen durfte. Nun hat Woody Emma Stone für sich entdeckt (ein Folgefilm mit ihr und Joaquin Phoenix ist bereits abgedreht). In der gleißenden Sonne, aber auch dem Sommerregen und Mondschein der Côte d'Azur kommen ihre großen Augen, ihr unbefangenes Lächeln und ihr unbeschreiblicher Charme gut zur Geltung. Leider scheint sie ansonsten doch sehr ins Korsett der Allenschen Dialoge und eine diesmal schmerzhaft einengenden Handlungsmechanik eingezwängt zu sein. Vielleicht ist sie auch einfach zu modern für eine Figur der 20er Jahre, mit ihrer funkelnden komischen Energie und ihrem koketten Mundwerk- bereits als Capone-Diva in Gangster Squad wirkte sie fehl am Platz. In The Help paßte ihre Besetzung wiederum gut, weil die Figur ihrer Zeit (den 50ern) voraus war. Anderseits würde ich ihr selbst beim Zähneputzen zuschauen (oder beim Lip-Syncen)...
Darüber hinaus teilt sie, abgesehen von ihren Auftritten als Gwen Stacy mit Spider-Man (und Lebenspartner) Andrew Garfield, einen Fluch mit Audrey Hepburn: Da kaum junge Darsteller neben ihr bestehen können, werden als ihre Leinwandpartner nun ältere Herren besetzt. Diesmal hat es Colin Firth erwischt. Nach seinem Auftritt als Darcy in der genialen BBC-Version von Stolz und Vorurteil immer noch der Schwarm aller Britinnen, inzwischen aber als "ernsthafter" Schauspieler akzeptiert (und Oscar-gekrönt für Die Rede des Königs), gibt er hier irgendwo zwischen Cary Grant und John Cleese angesiedelt den sarkastisch-zynischen, welterfahrenen Magier, der ein betrügerisches Medium entlarven soll und ihm stattdessen verfällt. Diese undankbare Aufgabe löst er eigentlich ganz gut, aber es sprühen nicht gerade Funken zwischen Emma und Colin (der trotz der Bemühungen der Haar- und Makeup-Abteilung nicht verbergen kann, daß er inzwischen ein attraktiver Mittfünfziger ist). Sein Rivale (der sympathische Hamish Linklater aus The Crazy Ones) wirkt mit seinen 37 Jahren dagegen nur mittelalt, auch wenn er mit amüsanten, schief intonierten Ukulele-Ständchen Punkte für jugendliche Dummheit sammelt.
Allerdings würde ich vermuten, daß die recht läppische Geschichte mit der banalen Moral (Magie findet man nicht im Ektoplasma, sondern in der Liebe) nicht aufgrund der Besetzung scheitert. Mir scheint, daß Woody mittendrin irgendwie die Lust verloren hat. Immerhin ist das bereits sein dritter Ausflug in die Welt der Illusionen, nach den weitaus ergiebigeren und unterhaltsameren Im Banne des Jade-Skorpions (2001) und Scoop (2006). So erscheint die Einleitung, in der Colin Firth als Wei Ling Soo immerhin einen Elefanten verschwinden läßt, seltsam uninspiriert. Dazu fehlt mindestens ein zweiter paralleler Handlungsstrang, vielleicht um die (übrigens mit Colin Firth gleichaltrige) Marcia Gay Harden als geschäftstüchtige Mutter des Mediums, die ab der Hälfte der (immerhin mit 97 Minuten kurzen) Laufzeit nicht mehr in Erscheinung tritt.
Wiederum hat mich die in dünnem Mono aus den Lautsprechern quäkende Salonmusik der 20er gestört. Da muß es selbst für diese Periode auch andere Optionen geben (wie wär's mit Al Jolson? Peter Jackson hat's in King Kong vorgemacht). Natürlich interessiert den inzwischen fast tauben Altmeister der Klang seiner Filme am wenigsten. Aber der Mangel an Magie und Mondlicht hätte ihm schon auffallen können. Annehmbar (5/10).
Doppelt gilt dies für seine "Musen", von Diane Keaton über Mia Farrow bis hin zu Scarlett Johansson, die jüngst in drei seiner schönsten europäischen Filme glänzen durfte. Nun hat Woody Emma Stone für sich entdeckt (ein Folgefilm mit ihr und Joaquin Phoenix ist bereits abgedreht). In der gleißenden Sonne, aber auch dem Sommerregen und Mondschein der Côte d'Azur kommen ihre großen Augen, ihr unbefangenes Lächeln und ihr unbeschreiblicher Charme gut zur Geltung. Leider scheint sie ansonsten doch sehr ins Korsett der Allenschen Dialoge und eine diesmal schmerzhaft einengenden Handlungsmechanik eingezwängt zu sein. Vielleicht ist sie auch einfach zu modern für eine Figur der 20er Jahre, mit ihrer funkelnden komischen Energie und ihrem koketten Mundwerk- bereits als Capone-Diva in Gangster Squad wirkte sie fehl am Platz. In The Help paßte ihre Besetzung wiederum gut, weil die Figur ihrer Zeit (den 50ern) voraus war. Anderseits würde ich ihr selbst beim Zähneputzen zuschauen (oder beim Lip-Syncen)...
Darüber hinaus teilt sie, abgesehen von ihren Auftritten als Gwen Stacy mit Spider-Man (und Lebenspartner) Andrew Garfield, einen Fluch mit Audrey Hepburn: Da kaum junge Darsteller neben ihr bestehen können, werden als ihre Leinwandpartner nun ältere Herren besetzt. Diesmal hat es Colin Firth erwischt. Nach seinem Auftritt als Darcy in der genialen BBC-Version von Stolz und Vorurteil immer noch der Schwarm aller Britinnen, inzwischen aber als "ernsthafter" Schauspieler akzeptiert (und Oscar-gekrönt für Die Rede des Königs), gibt er hier irgendwo zwischen Cary Grant und John Cleese angesiedelt den sarkastisch-zynischen, welterfahrenen Magier, der ein betrügerisches Medium entlarven soll und ihm stattdessen verfällt. Diese undankbare Aufgabe löst er eigentlich ganz gut, aber es sprühen nicht gerade Funken zwischen Emma und Colin (der trotz der Bemühungen der Haar- und Makeup-Abteilung nicht verbergen kann, daß er inzwischen ein attraktiver Mittfünfziger ist). Sein Rivale (der sympathische Hamish Linklater aus The Crazy Ones) wirkt mit seinen 37 Jahren dagegen nur mittelalt, auch wenn er mit amüsanten, schief intonierten Ukulele-Ständchen Punkte für jugendliche Dummheit sammelt.
Allerdings würde ich vermuten, daß die recht läppische Geschichte mit der banalen Moral (Magie findet man nicht im Ektoplasma, sondern in der Liebe) nicht aufgrund der Besetzung scheitert. Mir scheint, daß Woody mittendrin irgendwie die Lust verloren hat. Immerhin ist das bereits sein dritter Ausflug in die Welt der Illusionen, nach den weitaus ergiebigeren und unterhaltsameren Im Banne des Jade-Skorpions (2001) und Scoop (2006). So erscheint die Einleitung, in der Colin Firth als Wei Ling Soo immerhin einen Elefanten verschwinden läßt, seltsam uninspiriert. Dazu fehlt mindestens ein zweiter paralleler Handlungsstrang, vielleicht um die (übrigens mit Colin Firth gleichaltrige) Marcia Gay Harden als geschäftstüchtige Mutter des Mediums, die ab der Hälfte der (immerhin mit 97 Minuten kurzen) Laufzeit nicht mehr in Erscheinung tritt.
Wiederum hat mich die in dünnem Mono aus den Lautsprechern quäkende Salonmusik der 20er gestört. Da muß es selbst für diese Periode auch andere Optionen geben (wie wär's mit Al Jolson? Peter Jackson hat's in King Kong vorgemacht). Natürlich interessiert den inzwischen fast tauben Altmeister der Klang seiner Filme am wenigsten. Aber der Mangel an Magie und Mondlicht hätte ihm schon auffallen können. Annehmbar (5/10).
Samstag, 29. November 2014
Klassiker auf Blu-ray #12: The Crying Game (Neil Jordan 1992)
Für die Realisierung dieses kleinen britischen Films mußte Neil Jordan lange kämpfen. Zur Überraschung der Studioprofis wurde daraus ein weltweiter Hit, und Jordan gewann den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Und dieses Buch hat es tatsächlich in sich. Dabei meine ich nicht so sehr das zentrale Gimmick, sondern den überhaupt unvorhersehbaren Verlauf der Geschichte. Sie handelt zunächst von einer unmöglichen Freundschaft und dann von einer unmöglichen Liebe. Je weniger man darüber weiß, desto mehr Freude hat man beim Zuschauen. Aber auch das Wiedersehen ist noch ein Erlebnis. Das liegt wohl an Jordans romantisch-magischer Sicht auf die Welt. Er schafft eine melancholische und doch lebensbejahende Atmosphäre. The Crying Game ist damit thematisch eine Fortsetzung seiner früheren Filme Mona Lisa (mit dem jüngst verstorbenen wunderbaren Bob Hoskins) und Miracle - Geheimnis eines Sommers. Aufgrund dieses Erfolgs wurde ihm das (durchaus gelungene) Interview mit einem Vampir anvertraut, aber weitere Höhepunkte seiner Karriere blieben danach aus.
Ein großes Verdienst haben natürlich die wunderbar natürlich agierenden Darsteller: Stephen Rea als warmherziger IRA-Soldat, ein junger Forest Whitaker (Ghost Dog, Der letzte König von Schottland) als die IRA-Geisel und der vielbeschäftigte Jim Broadbent als Barkeeper, dazu Jaye Davidson als Dill (danach nur in einer einzigen Folgerolle zu sehen, nämlich als Ra in Stargate). Und dann ist da natürlich noch der Titelsong, ursprünglich in den 60ern ein kleiner Hit für Dave Berry. Vom Gesang her ziehe ich die Boy-George-Version vor, die zu den Endcredits läuft, auch wenn sie unter der typischen 80er-Produktion (Pet Shop Boys!) leidet.
Dieser herausragende Film ist bisher leider nur auf einer niederländischen Blu-ray erschienen, allerdings mit tollem Bild (im Originalformat 2.35:1) und tadellosem Originalton, mit optionalen niederländischen (keinen englischen!) Untertiteln. Keine Extras.
Ein großes Verdienst haben natürlich die wunderbar natürlich agierenden Darsteller: Stephen Rea als warmherziger IRA-Soldat, ein junger Forest Whitaker (Ghost Dog, Der letzte König von Schottland) als die IRA-Geisel und der vielbeschäftigte Jim Broadbent als Barkeeper, dazu Jaye Davidson als Dill (danach nur in einer einzigen Folgerolle zu sehen, nämlich als Ra in Stargate). Und dann ist da natürlich noch der Titelsong, ursprünglich in den 60ern ein kleiner Hit für Dave Berry. Vom Gesang her ziehe ich die Boy-George-Version vor, die zu den Endcredits läuft, auch wenn sie unter der typischen 80er-Produktion (Pet Shop Boys!) leidet.
Dieser herausragende Film ist bisher leider nur auf einer niederländischen Blu-ray erschienen, allerdings mit tollem Bild (im Originalformat 2.35:1) und tadellosem Originalton, mit optionalen niederländischen (keinen englischen!) Untertiteln. Keine Extras.
Sonntag, 23. November 2014
Klassiker auf Blu-ray #11: Martin Scorseses "Zeit der Unschuld"
Mit schöner Bildqualität, aber leider ohne Extras ist jüngst Martin Scorseses Kostümfilm Zeit der Unschuld ("Age of Innocence") als Blu-ray erschienen. Bereits vor zehn Jahren schrieb ich zum Film:
Welch eine Geschichte, welch eine Umsetzung! Selten hatte ich bei Scorsese das Gefühl, daß er sein formales Genie derart in den Dienst des Stoffes gestellt hat wie in diesem Meisterwerk (neben Howards End vielleicht die beste Literaturverfilmung der 90er). Bei den Kritikern nicht so gut angekommen, lautete der Hauptvorwurf wohl, die Schauspieler hätten die Gefühle nicht "rübergebracht". Tatsächlich sind die Figuren perfekte Abbilder ihrer Zeit, unfähig, einfache Wahrheiten auszusprechen, selbstbeherrscht bis zum Masochismus. Die Tragik wird uns vom Regisseur auf andere Weise vermittelt: durch Kameraperspektiven, kurze Traumsequenzen (quasi Gefühlssprünge), farblich verfremdete Überblendungen, und nicht zuletzt durch die wohldosierte Musikuntermalung (in die zumeist zeitgenössische Auswahl fügt sich das einzige moderne Stück von Enya nahtlos ein). Die besten Augenblicke aber kommen ohne Musik, ja manchmal fast ohne Ton aus. Wenn die Kamera im Opernhaus plötzlich auf Daniel Day-Lewis und Michelle Pfeiffer fokussiert, entsteht ein Moment von seltener Magie, und keine erklärenden Worte sind nötig. Dann wieder setzt die ironische Erzählstimme ein und erklärt uns eine vergangene Welt, die keine Verherrlichung lohnt und der doch eine gewisse Nostalgie anhaftet.
Ein weiteres Mal ist hier Michelle Pfeiffer bei den Oscar-Nominierungen übergangen worden. Ihre erstaunliche Leistung weiß man noch mehr zu würdigen, wenn man sich ihre vollkommen anders gelagerte und doch ebenso perfekt ausgeführte Rolle in jenem Wunderwerk von 1988, "Dangerous Liaisons" (Gefährliche Liebschaften), vergegenwärtigt. Daniel Day-Lewis war ihr ein würdiger Widerpart, und die damals 21jährige Winona Ryder hervorragend, wie übrigens alle weiteren Nebendarsteller. Gute Schauspielerei heißt halt mehr als exaltiert in Tränen ausbrechen zu können oder sich in Wutanfällen zu ergehen. Hier waren kleine Gesten gefragt, und die hat Scorsese zuhauf eingefangen.
Welch eine Geschichte, welch eine Umsetzung! Selten hatte ich bei Scorsese das Gefühl, daß er sein formales Genie derart in den Dienst des Stoffes gestellt hat wie in diesem Meisterwerk (neben Howards End vielleicht die beste Literaturverfilmung der 90er). Bei den Kritikern nicht so gut angekommen, lautete der Hauptvorwurf wohl, die Schauspieler hätten die Gefühle nicht "rübergebracht". Tatsächlich sind die Figuren perfekte Abbilder ihrer Zeit, unfähig, einfache Wahrheiten auszusprechen, selbstbeherrscht bis zum Masochismus. Die Tragik wird uns vom Regisseur auf andere Weise vermittelt: durch Kameraperspektiven, kurze Traumsequenzen (quasi Gefühlssprünge), farblich verfremdete Überblendungen, und nicht zuletzt durch die wohldosierte Musikuntermalung (in die zumeist zeitgenössische Auswahl fügt sich das einzige moderne Stück von Enya nahtlos ein). Die besten Augenblicke aber kommen ohne Musik, ja manchmal fast ohne Ton aus. Wenn die Kamera im Opernhaus plötzlich auf Daniel Day-Lewis und Michelle Pfeiffer fokussiert, entsteht ein Moment von seltener Magie, und keine erklärenden Worte sind nötig. Dann wieder setzt die ironische Erzählstimme ein und erklärt uns eine vergangene Welt, die keine Verherrlichung lohnt und der doch eine gewisse Nostalgie anhaftet.
Ein weiteres Mal ist hier Michelle Pfeiffer bei den Oscar-Nominierungen übergangen worden. Ihre erstaunliche Leistung weiß man noch mehr zu würdigen, wenn man sich ihre vollkommen anders gelagerte und doch ebenso perfekt ausgeführte Rolle in jenem Wunderwerk von 1988, "Dangerous Liaisons" (Gefährliche Liebschaften), vergegenwärtigt. Daniel Day-Lewis war ihr ein würdiger Widerpart, und die damals 21jährige Winona Ryder hervorragend, wie übrigens alle weiteren Nebendarsteller. Gute Schauspielerei heißt halt mehr als exaltiert in Tränen ausbrechen zu können oder sich in Wutanfällen zu ergehen. Hier waren kleine Gesten gefragt, und die hat Scorsese zuhauf eingefangen.
Montag, 17. November 2014
Aufgeblähtes Weltraumabenteuer: Interstellar (4/10)
Lang, aber nicht wirklich langweilig - das ist schon das beste, was ich über Interstellar sagen kann. Christopher Nolan hat nach dem Erfolg seiner Dark-Knight-Trilogie einen derart geschickten Marketingapparat und eine solch riesige Fangemeinde (die den Film bereits auf Platz 12 der IMDB-Top-250 gehievt hat), daß kaum jemand an seinem Lorbeer zu kratzen wagt. Es kann einem schon übel werden von den Lobhudeleien, die über Interstellar veröffentlicht werden.Dabei legt das Projekt schonungslos Nolans Schwächen als Filmemacher bloß - es ist clever, aber nicht mitreißend, starbesetzt, aber wenig eindringlich gespielt, technisch, aber nicht wissenschaftlich, geschätzig, aber nicht philosophisch. Viele aufwendige Bilder, aber: WO BLEIBT DER SPASS?
Was bleibt, ist ein recht humorloser Abenteuerfilm im Weltall mit vorhersehbaren Twists, die kaum eine emotionale Reaktion hervorrufen können. Und dabei habe ich generell durchaus meine Freude an Shuttle-Flügen, Bildern von Raumschiffen, Dockingmanövern und haarsträubenden Landungen auf fremden Planeten (sonst hätte ich mir kaum den ersten Star-Trek-Film freiwillig mehrfach angeschaut). Aber Interstellar hängt irgendwo im Nichts zwischen der Fantasietechnik à la Star Trek/Star Wars/Galactica und der aus heutiger Sicht realistischen Technik von Gravity - selbst Armageddon war darin überzeugender. Jetzt habe ich tatsächlich Lust, mir jene bodenlos schlechte SF-"Perle" nochmals anzuschauen, die bereits vor 35 Jahren ein Schwarzes Loch präsentiert hat.
Geradezu ketzerisch finde ich die Vergleiche mit dem sicher nicht perfektem Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltall, in dem Stanley Kubrick gemeinsam mit Arthur C. Clarke eine atemberaubende Vision präsentierte. Ja, streckenweise war das langweilig, aber allein für den unsterblichen Raumschiffwalzer und HALs Sterbeszene lohnte sich die Geduld. Und während Nolans Auflösung praktisch keine Fragen offen läßt, begann mit dem Ende von 2001 erst das Rätseln. Nolan bleibt (wie übrigens auch J.J. Abrams) an der Oberfläche, und wählt als Mittelpunkt (dies vielleicht ein Überbleibsel aus der Phase, als dies noch ein Spielberg-Projekt war) zwei banale Vater-Tochter-Beziehungen. Ansonsten ist es schon verblüffend, wie bei drei Stunden Laufzeit zwei der vier Expeditionsmitglieder nur als farblose Redshirts rüberkommen. Ganz zu schweigen vom längeren Cameo eines zombiehaft agierenden Matt Damon (falsches Genre!). Und dann ist da noch die "Musik", von der mir vor allem das bedeutungsschwere Dröhnen in vermeintlich "wichtigen" oder "mystischen" Szenen in Erinnerung blieb. Subwoofer bis zum Anschlag ausreizen und Kirchenorgeln fürs Metaphysische - mehr fällt unserem Landsmann in Hollywood Hans Zimmer offenbar nicht mehr ein.
Hier noch ein Gedanke, der mich trotz des Films beschäftigt: Ist es ethisch korrekt, für ein Überleben der Spezie um jeden Preis zu kämpfen? Sollte für die Menschheit nicht genauso für ein Individuum gelten, daß es auch darauf ankommt, wie man (über)lebt? Wenn man allerdings nach den SF-Filmen der letzten Jahre geht, sollte die Menschheit vielleicht einfach das Handtuch werfen.
Dies ist für mich nun der dritte mäßige Film mit Überlänge in Folge (Finchers Gone Girl hat auf mich eher wie ein Grippeanfall als ein Film gewirkt, so daß ich mir eine Kritik verkniffen habe). Interstellar? Kann man sich anschauen - schließlich schalten auch noch Millionen Deutsche "Wetten daß..." ein. Erträglich (4/10).
Was bleibt, ist ein recht humorloser Abenteuerfilm im Weltall mit vorhersehbaren Twists, die kaum eine emotionale Reaktion hervorrufen können. Und dabei habe ich generell durchaus meine Freude an Shuttle-Flügen, Bildern von Raumschiffen, Dockingmanövern und haarsträubenden Landungen auf fremden Planeten (sonst hätte ich mir kaum den ersten Star-Trek-Film freiwillig mehrfach angeschaut). Aber Interstellar hängt irgendwo im Nichts zwischen der Fantasietechnik à la Star Trek/Star Wars/Galactica und der aus heutiger Sicht realistischen Technik von Gravity - selbst Armageddon war darin überzeugender. Jetzt habe ich tatsächlich Lust, mir jene bodenlos schlechte SF-"Perle" nochmals anzuschauen, die bereits vor 35 Jahren ein Schwarzes Loch präsentiert hat.
Geradezu ketzerisch finde ich die Vergleiche mit dem sicher nicht perfektem Meisterwerk 2001: Odyssee im Weltall, in dem Stanley Kubrick gemeinsam mit Arthur C. Clarke eine atemberaubende Vision präsentierte. Ja, streckenweise war das langweilig, aber allein für den unsterblichen Raumschiffwalzer und HALs Sterbeszene lohnte sich die Geduld. Und während Nolans Auflösung praktisch keine Fragen offen läßt, begann mit dem Ende von 2001 erst das Rätseln. Nolan bleibt (wie übrigens auch J.J. Abrams) an der Oberfläche, und wählt als Mittelpunkt (dies vielleicht ein Überbleibsel aus der Phase, als dies noch ein Spielberg-Projekt war) zwei banale Vater-Tochter-Beziehungen. Ansonsten ist es schon verblüffend, wie bei drei Stunden Laufzeit zwei der vier Expeditionsmitglieder nur als farblose Redshirts rüberkommen. Ganz zu schweigen vom längeren Cameo eines zombiehaft agierenden Matt Damon (falsches Genre!). Und dann ist da noch die "Musik", von der mir vor allem das bedeutungsschwere Dröhnen in vermeintlich "wichtigen" oder "mystischen" Szenen in Erinnerung blieb. Subwoofer bis zum Anschlag ausreizen und Kirchenorgeln fürs Metaphysische - mehr fällt unserem Landsmann in Hollywood Hans Zimmer offenbar nicht mehr ein.
Hier noch ein Gedanke, der mich trotz des Films beschäftigt: Ist es ethisch korrekt, für ein Überleben der Spezie um jeden Preis zu kämpfen? Sollte für die Menschheit nicht genauso für ein Individuum gelten, daß es auch darauf ankommt, wie man (über)lebt? Wenn man allerdings nach den SF-Filmen der letzten Jahre geht, sollte die Menschheit vielleicht einfach das Handtuch werfen.
Dies ist für mich nun der dritte mäßige Film mit Überlänge in Folge (Finchers Gone Girl hat auf mich eher wie ein Grippeanfall als ein Film gewirkt, so daß ich mir eine Kritik verkniffen habe). Interstellar? Kann man sich anschauen - schließlich schalten auch noch Millionen Deutsche "Wetten daß..." ein. Erträglich (4/10).
Samstag, 15. November 2014
Rätselhafte Impressionen eines Meisters: Mike Leighs "Mr. Turner" (5/10)
"Schmutziges gelbes Geschmiere", so soll Queen Victoria das Spätwerk des bedeutenden Landschaftsmalers Turner beschimpft haben. Als Beschreibung dieser Filmbiographie mag das zu harsch sein, aber es ist schon sehr rätselhaft, was uns Altmeister Mike Leigh hier auftischt. Insbesondere der Zuschauer ohne Vorkenntnisse wird hineingeworfen in eine viktorianische Kulisse mit Figuren, die aus einem Dickens-Roman stammen könnten, deren Verhältnis zueinander aber lange unklar bleibt. So erkenne ich erst langsam, daß Turners jovialer Assistent wohl sein Vater ist (nicht hilfreich, daß die Darsteller nur zehn Lebensjahre trennen). Und ist die Haushälterin nun seine Geliebte oder die Ehefrau, die ihm den Haushalt führt? Überhaupt frage ich mich über eine halbe Stunde lang, ob die Geschichte nun chronologisch erzählt wird. Mit dem Tod des Vaters (den Turner am Sterbebett - ist das anachronistisch? Daddy nennt) löst sich zumindest dieses Rätsel, aber der Verlauf der wohl 25 letzten Jahre des Malers erschließt sich nur sporadisch. Natürlich kann man später alles bei Wikipedia recherchieren, aber Voraussetzung für einen Filmgenuß sollte das kaum sein.
Bisher eher auf urige Nebenrollen abonniert (er gab als Peter Pettigrew eine überzeugende Ratte in den Harry-Potter-Filmen), dominiert Leigh-Stammspieler Timothy Spall mit seiner sauertöpfischen Miene, dem schiefen Grinsen und seiner - nun ja - barocken Figur zweifelsohne die Szenerie. Aber nur selten erlaubt ihm das Buch (das der Regisseur wie üblich mit seinen Darstellern erarbeitet hat), seiner Figur sympathische Züge einzuhauchen. Der Kontrast zwischen dieser grobschlächtigen, gefühlskalten Person und seinem einfühlsamen Werk mag interessant sein, kann aber kaum über 150 Minuten fesseln. Gefühlte neunzig Prozent der Zeit kommuniziert Turner (immerhin Mitglied der Royal Academy) mit unbilligem Gegrunze, wenn er nicht im affektierten Oberschichten-Englisch Platitüden von sich gibt. Dies und erst recht der schwer verständliche Cockney-Akzent der Bediensteten wird dem Film übrigens keine Freunde in den USA machen, so daß ich eher wenig Oscar-Chancen sehe.
Stärke entwickelt der Film immerhin dann, wenn er Turner die kraftvollen europäischen Landschaften entdecken läßt, die er in seinen Ölgemälden und Aquarellen in der Tat meisterlich einzufangen vermochte. Das ist Leigh und seinem Stamm-Kameramann Dick Pope tatsächlich beeindruckend gelungen. Daneben bleiben einige Szenen im Gedächtnis, die die Möglichkeiten des Stoffes erahnen lassen. Warum sieht man mehr vom (zugegeben kunstvollen) Zusammenrühren der Farben als vom eigentlichen Schöpfungsakt (Spall hat angeblich zwei Jahre lang Malunterricht genommen)? Die Verwandlung eines roten Farbklecks in eine Boje zumindest macht Lust auf mehr. Der ansonsten vermißten Spitzbubenhumor des Regisseurs blitzt in einer Konversation einer kleinen Gesellschaft auf, die die klimatischen Bedingungen der Brombeerzucht erschöpfendend diskutiert, bevor sie in eine peinliche Lobhudelei zugunsten des (noch) hochgeschätzten Malers ausufert. Aber welche Signifikanz hat der stockende, abgelesene Vortrag in der Akademie (?) - war Turner Lehrer, hatte er Einfluß, Schüler? und wie steht es um das Experiment zur Magnetisierung einer Nadel mittels eines Prismas, oder die Entdeckung der Daguerrographie? Leider sind dies isolierte (mögliche) Höhepunkte in einem überlangen, formlosen Geschmiere.
Für mich ist diese zweite Filmbiographie (nach dem überwiegend gelungenen Gilbert & Sullivan-Opus Topsy Turvy von 1999) des großen britischen Sozialsatirikers Mike Leigh also eine Enttäuschung, so wie ich auch mit den meisten seiner jüngeren Werke (Happy-Go-Lucky, Another Year) nicht viel anfangen kann. Hoffentlich wird bals sein bester Film auf Blu-ray veröffentlicht, die herrliche, berührende Komödie Lügen und Geheimnisse von 1996 (schon damals mit Timothy Spall). Mr. Turner? Annehmbar (5/10).
Bisher eher auf urige Nebenrollen abonniert (er gab als Peter Pettigrew eine überzeugende Ratte in den Harry-Potter-Filmen), dominiert Leigh-Stammspieler Timothy Spall mit seiner sauertöpfischen Miene, dem schiefen Grinsen und seiner - nun ja - barocken Figur zweifelsohne die Szenerie. Aber nur selten erlaubt ihm das Buch (das der Regisseur wie üblich mit seinen Darstellern erarbeitet hat), seiner Figur sympathische Züge einzuhauchen. Der Kontrast zwischen dieser grobschlächtigen, gefühlskalten Person und seinem einfühlsamen Werk mag interessant sein, kann aber kaum über 150 Minuten fesseln. Gefühlte neunzig Prozent der Zeit kommuniziert Turner (immerhin Mitglied der Royal Academy) mit unbilligem Gegrunze, wenn er nicht im affektierten Oberschichten-Englisch Platitüden von sich gibt. Dies und erst recht der schwer verständliche Cockney-Akzent der Bediensteten wird dem Film übrigens keine Freunde in den USA machen, so daß ich eher wenig Oscar-Chancen sehe.
Stärke entwickelt der Film immerhin dann, wenn er Turner die kraftvollen europäischen Landschaften entdecken läßt, die er in seinen Ölgemälden und Aquarellen in der Tat meisterlich einzufangen vermochte. Das ist Leigh und seinem Stamm-Kameramann Dick Pope tatsächlich beeindruckend gelungen. Daneben bleiben einige Szenen im Gedächtnis, die die Möglichkeiten des Stoffes erahnen lassen. Warum sieht man mehr vom (zugegeben kunstvollen) Zusammenrühren der Farben als vom eigentlichen Schöpfungsakt (Spall hat angeblich zwei Jahre lang Malunterricht genommen)? Die Verwandlung eines roten Farbklecks in eine Boje zumindest macht Lust auf mehr. Der ansonsten vermißten Spitzbubenhumor des Regisseurs blitzt in einer Konversation einer kleinen Gesellschaft auf, die die klimatischen Bedingungen der Brombeerzucht erschöpfendend diskutiert, bevor sie in eine peinliche Lobhudelei zugunsten des (noch) hochgeschätzten Malers ausufert. Aber welche Signifikanz hat der stockende, abgelesene Vortrag in der Akademie (?) - war Turner Lehrer, hatte er Einfluß, Schüler? und wie steht es um das Experiment zur Magnetisierung einer Nadel mittels eines Prismas, oder die Entdeckung der Daguerrographie? Leider sind dies isolierte (mögliche) Höhepunkte in einem überlangen, formlosen Geschmiere.
Für mich ist diese zweite Filmbiographie (nach dem überwiegend gelungenen Gilbert & Sullivan-Opus Topsy Turvy von 1999) des großen britischen Sozialsatirikers Mike Leigh also eine Enttäuschung, so wie ich auch mit den meisten seiner jüngeren Werke (Happy-Go-Lucky, Another Year) nicht viel anfangen kann. Hoffentlich wird bals sein bester Film auf Blu-ray veröffentlicht, die herrliche, berührende Komödie Lügen und Geheimnisse von 1996 (schon damals mit Timothy Spall). Mr. Turner? Annehmbar (5/10).
Samstag, 4. Oktober 2014
Viel mehr als Nichts: Joss Whedons "Much Ado About Nothing" (9/10)
Im DVD-Kommentar zu (wenn ich mich nicht irre) einer Angel-Folge hat Joss Whedon vor Jahren mal Amy Acker als "das Schönste, das er jemals gefilmt hat" hervorgehoben. Was bei anderen vielleicht fragwürdig wirken würde, nimmt man ihm als Begeisterungsausbruch des Augenblicks ab. Er pflegt zu den meisten seiner Darsteller ein freundschaftliches Verhältnis, geprägt von der gemeinsamen Liebe zur Kreativität. Bei aller Cleverness hat Whedon, mit den Avengers immerhin für den dritterfolgreichsten Film aller Zeiten verantwortlich, nie seinen Sinn für künstlerische Ästhetik verloren. Und er hatte immer schon ein Händchen für die Besetzung gutaussehender Schauspieler mit oft eigenwilliger Persönlichkeit - Ken und Barbie hatten bei ihm nie eine Chance. Nur an Charisma Carpenter als Cordelia hat er m.E. aus Loyalität zu lange festgehalten - sie hatte ihr Willkommen schon in drei Staffeln Buffy überstrapaziert, bevor sie als Hauptfigur zu Angel wechselte.
Über Jahre hatte Joss Whedon mit einem Kern von Schauspieler-Freunden in seinem Haus Wochenend-Lesungen von Shakespeare-Werken veranstaltet. Im Herbst 2011, in einer Drehpause von den Avengers, inszenierte er "als Entspannung" und anstatt einer Reise zum 20jährigen Hochzeitstag binnen zwölf Tagen eine moderne und doch werkgetreue Fassung von Much Ado About Nothing (Viel Lärm um Nichts), die sich kaum mehr von der ausgelassenen, sonnigen Branagh-Version von 1993 unterscheiden könnte: photographiert in geschmackvollem Schwarz-Weiß, produziert in der von seiner Frau Kai eingerichteten Villa in Santa Monica, realisiert mit einem Team von Freunden. Welch glückliche Menschen, die da in einer Seifenblase von Schönheit und Wohlstand leben...
Die Hauptrollen spielen die erwähnte bildhüsche Amy Acker (Angel, Dollhouse, Cabin in the Woods) und Alexis Denisof (Buffy, Angel, Dollhouse), der im wirklichen Leben mit "Willow" Alyson Hannigan (inzwischen mit How I Met Your Mother super-erfolgreich) verheiratet ist. Hier gibt es also ein spätes Happyend für Fred und Wesley aus Angel, und die beiden treten als Beatrice und Benedick selbstbewußt in die Fußstapfen von Emma Thompson und Kenneth Branagh. Aber wie meist bei Whedon ist das Ensemble der Star, unter anderen mit "Agent Coulson" Clark Gregg als Beatrice' Onkel Leonato, Reed Diamond (Dollhouse) als Prinz Don Pedro, Sean Maher (Simon, Rivers Bruder aus Firefly) als sein intriganter Bruder Don John und Fran Kranz (Dollhouse, Cabin in the Woods) als sein verliebter Freund Claudio. Dazu kommt die als Statistin bei den Avengers von Joss entdeckte Jillian Morgese, die sich als unschuldig-junge Hero nahtlos in die erfahrene Gruppe einreiht. Und dann gibt es da noch Nathan "Captain Smartpants" Fillion, dessen Tölpel Dogberry weit von Michael Keatons grandiosem Clown entfernt und doch ähnlich charismatisch ist (wenn man sich mal an die neuerrungene Leibesfülle des inzwischen gut 40jährigen Firefly-Veteranen gewöhnt hat).
Damit wirken die TV-Darsteller weitaus geschlossener als Brannaghs zusammengewürfelte Star-Ensemble (dessen Stunt-Casting u.a. mit Keanu Reaves als Don John und Denzel Washington als Don Pedro nicht komplett überzeugen konnte). Es ist ein kleines Wunder, wie natürlich die Verse des Barden den Whedonites von der Zunge rollen. Das wirkt kaum anachronistisch in einer Welt der Limousinen, Mobiltelefone und Handfeuerwaffen, aber immer noch komisch und bewegend. Auch der Slapstick kommt nicht zu kurz (Denisof hat dafür ein besonderes Talent). Dazu kommt die vom Meister unter Mitwirkung seines Bruders Jed und seiner Schwägerin Maurissa Tancharoen komponierte und eingespielte Musik. Besonders schön das von Maurissa bei der Willkommensparty gesungene "Sigh no more", das ich mir direkt bei iTunes laden mußte. Übrigens lief der Film auch in Deutschland kurz im Kino, ich selbst habe mir aber gleich die Blu-ray aus England besorgt (kommt demnächst aber auch hier heraus). Muß ich noch sagen, daß ich die Originalversion empfehle?
Insgesamt komme ich aus anderen Gründen zum gleichen Urteil wie für die Branagh-Verfilmung: Herausragend (9/10).
Über Jahre hatte Joss Whedon mit einem Kern von Schauspieler-Freunden in seinem Haus Wochenend-Lesungen von Shakespeare-Werken veranstaltet. Im Herbst 2011, in einer Drehpause von den Avengers, inszenierte er "als Entspannung" und anstatt einer Reise zum 20jährigen Hochzeitstag binnen zwölf Tagen eine moderne und doch werkgetreue Fassung von Much Ado About Nothing (Viel Lärm um Nichts), die sich kaum mehr von der ausgelassenen, sonnigen Branagh-Version von 1993 unterscheiden könnte: photographiert in geschmackvollem Schwarz-Weiß, produziert in der von seiner Frau Kai eingerichteten Villa in Santa Monica, realisiert mit einem Team von Freunden. Welch glückliche Menschen, die da in einer Seifenblase von Schönheit und Wohlstand leben...
Die Hauptrollen spielen die erwähnte bildhüsche Amy Acker (Angel, Dollhouse, Cabin in the Woods) und Alexis Denisof (Buffy, Angel, Dollhouse), der im wirklichen Leben mit "Willow" Alyson Hannigan (inzwischen mit How I Met Your Mother super-erfolgreich) verheiratet ist. Hier gibt es also ein spätes Happyend für Fred und Wesley aus Angel, und die beiden treten als Beatrice und Benedick selbstbewußt in die Fußstapfen von Emma Thompson und Kenneth Branagh. Aber wie meist bei Whedon ist das Ensemble der Star, unter anderen mit "Agent Coulson" Clark Gregg als Beatrice' Onkel Leonato, Reed Diamond (Dollhouse) als Prinz Don Pedro, Sean Maher (Simon, Rivers Bruder aus Firefly) als sein intriganter Bruder Don John und Fran Kranz (Dollhouse, Cabin in the Woods) als sein verliebter Freund Claudio. Dazu kommt die als Statistin bei den Avengers von Joss entdeckte Jillian Morgese, die sich als unschuldig-junge Hero nahtlos in die erfahrene Gruppe einreiht. Und dann gibt es da noch Nathan "Captain Smartpants" Fillion, dessen Tölpel Dogberry weit von Michael Keatons grandiosem Clown entfernt und doch ähnlich charismatisch ist (wenn man sich mal an die neuerrungene Leibesfülle des inzwischen gut 40jährigen Firefly-Veteranen gewöhnt hat).
Damit wirken die TV-Darsteller weitaus geschlossener als Brannaghs zusammengewürfelte Star-Ensemble (dessen Stunt-Casting u.a. mit Keanu Reaves als Don John und Denzel Washington als Don Pedro nicht komplett überzeugen konnte). Es ist ein kleines Wunder, wie natürlich die Verse des Barden den Whedonites von der Zunge rollen. Das wirkt kaum anachronistisch in einer Welt der Limousinen, Mobiltelefone und Handfeuerwaffen, aber immer noch komisch und bewegend. Auch der Slapstick kommt nicht zu kurz (Denisof hat dafür ein besonderes Talent). Dazu kommt die vom Meister unter Mitwirkung seines Bruders Jed und seiner Schwägerin Maurissa Tancharoen komponierte und eingespielte Musik. Besonders schön das von Maurissa bei der Willkommensparty gesungene "Sigh no more", das ich mir direkt bei iTunes laden mußte. Übrigens lief der Film auch in Deutschland kurz im Kino, ich selbst habe mir aber gleich die Blu-ray aus England besorgt (kommt demnächst aber auch hier heraus). Muß ich noch sagen, daß ich die Originalversion empfehle?
Insgesamt komme ich aus anderen Gründen zum gleichen Urteil wie für die Branagh-Verfilmung: Herausragend (9/10).
Freitag, 26. September 2014
Sündhaft schlechte Fortsetzung: Sin City 2 (2/10)
Es heißt ja, man müsse eine Horde Schimpansen nur lang genug auf Schreibmaschinen tippen lassen, und der Zufall werde irgendwann auch mal ein Meisterwerk entstehen lassen. Mir scheint, man könnte dabei eher auf ein neues Shakespeare-Drama hoffen als auf die ordentliche Fortsetzung eines Robert-Rodriguez-Films. Was bereits für sein Debut El Mariachi und den Grindhouse-Ableger Machete galt (die Spy Kids wage ich kaum zu erwähnen), erfüllt sich nun leider für Sin City tausendfach. A Dame To Kill For wirkt wie eine Fanboy-Kopie des Originals, eine Aneinanderreihung von schlecht erinnerten Elementen, vorzugsweise der Klischees:
Schon jetzt die Enttäuschung des Jahres. Uninteressant (2/10).
- das weltmüde Noir-Voice-over von Josh Brolins Dwight, dem ich schon nach fünf Minuten ein "Halt die Schnauze!" zurufen wollte.
- die brutal überzogenen Prügeleien, die überhaupt nicht mehr zu schockieren vermögen (und kein Suspense of Disbelief kann ausreichend erklären, warum die Figuren nur Tage nach knochenbrechenden, entstellenden Verletzungen schon wieder derart austeilen können - Marv hat man das im ersten Teil abgenommen, aber hier wird das potenziert)
- die fehlende Figurenmotivation, ersetzt durch ungeschickt plazierte Exposition ("übrigens, er hat Dir mal das Leben gerettet")
- die penetrant grün überzeichneten Augen von Eva Green, kein Vergleich mit Alexis Bledels strahlendem und ausdrucksstarken Blau
- die darüber hinaus aufdringliche Nacktheit der Französin, deren Brüste seit Bertoluccis Altherrenphantasie Die Träumer (2003) nicht interessanter geworden sind und die seitdem höchstens als zugeknöpfte Bond-Widersacherin in Casino Royale überzeugen konnte (die inzwischen zweifache Mutter Jessica Alba wirkt in ihrem Cowboy-Outfit immer noch hundertmal erotischer)
- das sinnlose Zurückbringen von Bruce Willis' Hartigan als "Geist", offenbar um Werbung mit dem müde wirkenden Altstar machen zu können
- die gefühlten 50% der Zeit, die der psychopathische Marv im Vordergrund steht - Mickey Rourke, dessen Comeback im Original von 2005 zu einer Oscar-Nominierung (The Wrestler, 2008) führte, ist nun eindeutig wieder auf dem absteigenden Ast
- Und merke - ein fehlendes Happy-End für eine Figur macht aus einem Actionfilm noch keine Tragödie!
Schon jetzt die Enttäuschung des Jahres. Uninteressant (2/10).
Dienstag, 16. September 2014
Flach: Maps to the Stars (3/10)
Der inzwischen 71jährige Kanadier David Cronenberg hat uns in seiner Karriere bestimmt schon so manchen Mist zugemutet, vor allem in seiner frühen Splatter-Phase (mit dem mittelmäßigen Die Fliege-Remake von 1986 mit Jeff Goldblum als "Höhepunkt"), Aber eine Hollywood-Satire so flach wie ein Nicholas-Sparks-Melodram, vorhersehbar wie ein Disney-Produkt und völlig ohne doppelten Boden - das hätte ich nicht erwartet. Waren seine klugen und unterhaltsamen Filme des letzten Jahrzehnts, mit Viggo Mortensen als seiner Muse, nur ein Versehen? Jedenfalls kann ich nur raten, statt Maps to the Stars lieber A History of Violence (2005) oder Tödliche Versprechen (Eastern Promises) (2007) nochmals anzuschauen.
Die vierfach Oscar-nominierte Julianne Moore (auch Arthouse-Hassern sicher wenigstens als Nacktkünstlerin Maude Lebowski im Gedächtnis geblieben) gewann für ihre Rolle einen Darstellerpreis in Cannes, was wohl bedeutet, daß verdiente Schauspielerinnen dort für die mutige Präsentation ihren nackten Körper und möglichst emotionales Chargieren belohnt werden. Auch alle übrigen Figuren sind weder sympathisch noch interessant, ein Kunststück bei einer Traumbesetzung u.a. mit John Cusack (High Fidelity) und Olivia Williams (Leiterin von Joss Whedons Dollhouse). Tim Burtons Alice Mia Wasikowska konnte mich hingegen noch nie begeistern - hier gibt sie ein gemäß Hollywood-Maßgaben"entstelltes" Mädchen, was sich auf ein paar unauffällige Narben beschränkt und sie weder mehr noch weniger attraktiv wirken läßt. Ein Cameo von Carrie "Prinzessin Leila" Fisher ist vertan, bevor man diese überhaupt erkennt. Und was ist mit Cronenbergs Obsession mit dem vielleicht langweiligsten Schauspieler seiner Generation? Bereits zum zweiten Mal besetzt er hier Robert "Vampir Edward" Pattinson, nach dem (gemäß Kritikerkonsens, ich hab's mir gespart) ebenso drögen Cosmopolis.
Man sollte meinen, Hollywood böte genug glaubwürdige Geschichten, die man satirisch ausschlachten kann - stattdessen gibt uns das Drehbuch des wenig profilierten Bruce Wagner ein unwahrscheinliches, inzestuöses Geschwisterpaar, dessen schizophrener Nachwuchs bereits im Kindesalter Trauungszeremonien nachspielt - wie originell! Mäßig interessant (3/10).
Die vierfach Oscar-nominierte Julianne Moore (auch Arthouse-Hassern sicher wenigstens als Nacktkünstlerin Maude Lebowski im Gedächtnis geblieben) gewann für ihre Rolle einen Darstellerpreis in Cannes, was wohl bedeutet, daß verdiente Schauspielerinnen dort für die mutige Präsentation ihren nackten Körper und möglichst emotionales Chargieren belohnt werden. Auch alle übrigen Figuren sind weder sympathisch noch interessant, ein Kunststück bei einer Traumbesetzung u.a. mit John Cusack (High Fidelity) und Olivia Williams (Leiterin von Joss Whedons Dollhouse). Tim Burtons Alice Mia Wasikowska konnte mich hingegen noch nie begeistern - hier gibt sie ein gemäß Hollywood-Maßgaben"entstelltes" Mädchen, was sich auf ein paar unauffällige Narben beschränkt und sie weder mehr noch weniger attraktiv wirken läßt. Ein Cameo von Carrie "Prinzessin Leila" Fisher ist vertan, bevor man diese überhaupt erkennt. Und was ist mit Cronenbergs Obsession mit dem vielleicht langweiligsten Schauspieler seiner Generation? Bereits zum zweiten Mal besetzt er hier Robert "Vampir Edward" Pattinson, nach dem (gemäß Kritikerkonsens, ich hab's mir gespart) ebenso drögen Cosmopolis.
Man sollte meinen, Hollywood böte genug glaubwürdige Geschichten, die man satirisch ausschlachten kann - stattdessen gibt uns das Drehbuch des wenig profilierten Bruce Wagner ein unwahrscheinliches, inzestuöses Geschwisterpaar, dessen schizophrener Nachwuchs bereits im Kindesalter Trauungszeremonien nachspielt - wie originell! Mäßig interessant (3/10).
Donnerstag, 11. September 2014
We Are Family: Guardians of the Galaxy (9/10)
Chris Pratt (Parks and Recreation) war bisher schon ziemlich komisch. Jetzt hat er sich auch noch Muskeln antrainiert. Co-Star Rob Lowe (Eddie Niro aus Californication) ist bereits neidisch auf den 35jährigen neuen Actionhelden im Marvel-Universum. In einigen Jahren sollen die Guardians auf die Avengers treffen, dann können sich Mark Ruffalo und Chris Pratt darum streiten, wer die Nachfolge von Robert Downey Jr. als Marvel-Superstar antreten darf.
Auf die zweite Sicht aufgewerte auf: Herausragend (9/10)!
I am Groot!An Muskelprotzen ist aber auch sonst kein Mangel, auch wenn Chris Pratts "Starlord" der einzige (mehr oder weniger) 100prozentige Mensch von ihnen ist. Daneben gibt es noch Martial-Arts-Champion Dave Batista und den eindrucksvollen Djimon Hounsou (Hauptdarsteller in Spielbergs Amistad).
I AM GROOT!Zoe Saldana machte als Uhura in Star-Trek-Uniform eine genauso gute Figur wie als Avatars Naytiri in blauem CGI-Makeup. Nun ist sie als Gamora in grün zu bewundern (angeblich nicht per Computer, sondern handbemalt) - ja wirklich, es ist die gleiche Schauspielerin! I see you! Als ihre Schwester Nebula nimmt diesmal Dr.-Who-Jungdarstellerin Karen Gillan die Farbe Blau in Beschlag - auch nicht unattraktiv.
i am groot ;-)Von Bradley Coopers Stimme haben sich bisher bestimmt viele Zuschauer zugunsten seiner blauen Augen ablenken lassen. Diesmal kommt sie bei der Animierung des Waschbären "Rocky" Rocket gut zur Geltung. Nicht daß Rocky keine Schauwerte hätte!
I am Groot?Warum der so ungeheuer liebenswerte Lee Pace (Pushing Daisies) in letzter Zeit so viele zwielichtige Gestalten spielen muß, ist mir unbegreiflich. Nach Legolas' Vater Thranduil ist er hier als Oberschurke Ronan zu sehen und verschwindet fast hinter seiner Kostümierung. Trotzdem ist er natürlich in jeder Rolle willkommen.
I AM Groot!Sean Gunn ist manchen bekannt als Dorftrottel Kirk bei den Gilmore Girls - hier spielt er eine kleine Piratenrolle und war ansonsten "Rocket am Set" - Sprecher Bradley Cooper war wohl zu teuer, um bei den Dreharbeiten abzuhängen. Sean ist natürlich der Bruder des Regisseurs James Gunn, der durch ein paar (mehr oder weniger) feine mit "S" beginnende Genrefilme bekannt geworden ist, so etwa Slither mit Nathan "Captain Reynolds" Fillion (2006, 7/10) und Super mit Rainn Wilson, Liv Tyler und Ellen Page (2010, 6/10).
I am Groot!Wie kann man nun diesen Film beschreiben? Man nehme die Schauwerte aus Krieg der Sterne Episode III, die Aliens aus Farscape, die Selbstironie aus Firefly, würfele alles gut durcheinander und reichere die Suppe mit ein paar schmissigen Popsongs an (und Pop hört hier zum Glück mit den 70ern auf, denn danach hat "Starlord" Peter Quill die Erde verlassen). So wie hier die Musik aus einem frühen Modell des Sony Walkman kommt (noch mit "Cassetten"), so retro ist auch der Spaß, den man hiermit haben kann. Die Guardians of the Galaxy behaupten sich zur Überraschung vieler wieder als ein aufgegangenes riskantes Konzept von Marvel - nur für Ant-Man sehe ich nach dem Weggang von Edgar Wright schwarz...
Auf die zweite Sicht aufgewerte auf: Herausragend (9/10)!
Samstag, 23. August 2014
Eine kurzweilige Geschichte der Zeit: Lucy (9/10)
Was ist Lucy?
Lucy ist kein Action-Film, peitscht aber über 85 Minuten den Adrenalinspiegel hoch. Der umgekehrte Countdown bis zur Gehirnkapazität von 100% erzeugt eine atemlose Spannung. Eine irrwitzige Auto-Verfolgungsjagd, Schußwechsel und sonstige Schlagabtäusche sind allerdings dabei.
Lucy ist keine wirkliche Science Fiction, obwohl die Grundidee schon mehrfach im Genre verarbeitet wurde. Aber sie dient nur als Aufhänger für eine aberwitzige Geschichte, die sich einer Zuordnung entzieht, inklusive Teleportation, Telekinese und Zeitreise. Die versammelten Wissenschaftler sind nur Dekoration.
Lucy ist kein philosophisches Epos, obwohl Parallelen zu Kubricks 2001 naheliegen. Aber man hat gar keine Zeit für Reflexion. Lucy selbst ist der Knochen, der zu HAL 9000 wird, sie läßt Menschen tanzen wie Kubrick Raumschiffe.
Lucy ist keine Komödie, auch wenn viele Szenen dem Zuschauer zum Lächeln bringen können. Die Leoparden erlegen die Gazelle, aber wie wird es den koreanischen Schurken mit Lucy ergehen?
Lucy ist kein Starvehikel, bietet aber mit Scarlett Johansson und Morgan Freeman zwei Gesichter, an denen man sich nicht sattsehen kann. Freeman persifliert mit Augenzwinkern sein Image als Stimme der Rationalität, und Johansson ist endgültig der Star des Jahres. Ihr gebührt ein Ehrenplatz in der eindrucksvollen Reihe der Besson-Heldinnen: Isabelle Adjani, Rosanna Arquette, Anne Parillaud, Natalie Portman, Milla Jovovich.
Was ist Lucy?
Lucy ist das Comeback von Luc Besson, dem französischen Blockbuster-Regisseur, der vor langer Zeit mal mit einigen ikonischen Filmen Hollywood durcheinandergerührt hat, Nach 15 Jahren Durststrecke zeigt er uns wieder Denkwürdiges, das sich auf die Netzhaut brennt und mit den ätherischen Klängen von Eric Serra untermalt ist. Es ist ein Hit, der seine Produktionskosten gleich am ersten Wochenende wieder eingespielt hat, und die meisten Kritiker vor ein Rätsel stellt.
Lucy ist herausragendes Kino (9/10).
Siehe auch:
Lucy ist kein Action-Film, peitscht aber über 85 Minuten den Adrenalinspiegel hoch. Der umgekehrte Countdown bis zur Gehirnkapazität von 100% erzeugt eine atemlose Spannung. Eine irrwitzige Auto-Verfolgungsjagd, Schußwechsel und sonstige Schlagabtäusche sind allerdings dabei.
Lucy ist keine wirkliche Science Fiction, obwohl die Grundidee schon mehrfach im Genre verarbeitet wurde. Aber sie dient nur als Aufhänger für eine aberwitzige Geschichte, die sich einer Zuordnung entzieht, inklusive Teleportation, Telekinese und Zeitreise. Die versammelten Wissenschaftler sind nur Dekoration.
Lucy ist kein philosophisches Epos, obwohl Parallelen zu Kubricks 2001 naheliegen. Aber man hat gar keine Zeit für Reflexion. Lucy selbst ist der Knochen, der zu HAL 9000 wird, sie läßt Menschen tanzen wie Kubrick Raumschiffe.
Lucy ist keine Komödie, auch wenn viele Szenen dem Zuschauer zum Lächeln bringen können. Die Leoparden erlegen die Gazelle, aber wie wird es den koreanischen Schurken mit Lucy ergehen?
Lucy ist kein Starvehikel, bietet aber mit Scarlett Johansson und Morgan Freeman zwei Gesichter, an denen man sich nicht sattsehen kann. Freeman persifliert mit Augenzwinkern sein Image als Stimme der Rationalität, und Johansson ist endgültig der Star des Jahres. Ihr gebührt ein Ehrenplatz in der eindrucksvollen Reihe der Besson-Heldinnen: Isabelle Adjani, Rosanna Arquette, Anne Parillaud, Natalie Portman, Milla Jovovich.
Was ist Lucy?
Lucy ist das Comeback von Luc Besson, dem französischen Blockbuster-Regisseur, der vor langer Zeit mal mit einigen ikonischen Filmen Hollywood durcheinandergerührt hat, Nach 15 Jahren Durststrecke zeigt er uns wieder Denkwürdiges, das sich auf die Netzhaut brennt und mit den ätherischen Klängen von Eric Serra untermalt ist. Es ist ein Hit, der seine Produktionskosten gleich am ersten Wochenende wieder eingespielt hat, und die meisten Kritiker vor ein Rätsel stellt.
Lucy ist herausragendes Kino (9/10).
Siehe auch:
- Im Rausch der Tiefe (1988, 9/10) - Jean Reno und Jean-Marc Barre im Duell der Taucher um Rekorde und die schöne Rosanna
- Nikita (1989, 8/10) - die französische Antwort auf James Bond
- Léon der Profi (1994, 10/10) - eine Ode an einen Auftragskiller, der uns am Schluß den Ringtrick zeigt.
- Das fünfte Element (1997, 9/10) - was bei Coppola ein Taufgottesdienst war, ist bei Besson die Opern-Arie einer außer-/überidischen Sängerin. Und Bruce Willis fährt Taxi - big bada boom.
Donnerstag, 21. August 2014
Die Hugo-Gewinner 2014
Es zeigt sich, wie weit mein eigener Geschmack von der Fangemeinde entfernt ist. Hier die diesjährigen Gewinner (pro Kategorie haben zwischen 2.600 und 3.100 Fans abgestimmt):
BEST NOVEL
Ancillary Justice, by Ann Leckie (Orbit US / Orbit UK)
Das Ergebnis ist deutlicher als befürchtet, und die Rangliste stellt meine eigenen Präferenzen auf den Kopf (es folgen Neptune's Brood, Parasite, Wheel of Time, Warbound). Ich würde zusätzlich mal behaupten, daß jeder zweite Roman des jüngst verstorbenen und lediglich einmal nominierten Iain M. Banks mich mehr beeindruckt hat als Ann Leckies Erstling.
BEST NOVELLA
“Equoid” by Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
Hier setzte sich knapp der bekannteste Autor durch, vor Valentes Schneewittchen-Variation. Es folgten meine Favoriten "Wakulla Springs" und "The Chaplain's Legacy" vor dem immerhin bei allen durchgefallenen "Butcher of Khardov".
BEST NOVELETTE
“The Lady Astronaut of Mars” by Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com /
Tor.com, 09-2013)
Hier ist meine Rangfolge fast übernommen worden, leider (aber akzeptabel) mit einem Tausch zwischen den Plätzen 1 und 2.
BEST SHORT STORY
“The Water That Falls on You from Nowhere” by John Chu (Tor.com, 02-2013)
Hier hat einmal mein Favorit triumphiert! Auch die weitere Rangfolge entspricht fast meiner eigenen.
BEST DRAMATIC PRESENTATION, LONG FORM
Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films;Warner Bros.)
Mein Favorit hat sich nur knapp vor dem unsäglichen "Frozen" durchgesetzt. Demographisch scheinen bei den Votern Teenager keine Rolle zu spielen, denn die "Hunger Games" landeten abgeschlagen auf dem letzten Platz.
BEST DRAMATIC PRESENTATION, SHORT FORM
Game of Thrones “The Rains of Castamere” written by David Benioff & D.B. Weiss, directed by David Nutter (HBO Entertainment in association with Bighead, Littlehead; Television 360; Startling Television and Generator Productions)
Keine Überraschung hier - zum Glück haben sich die Dr.-Who-Fans verzettelt, aber es war doch knapp ("Orphan Black" landete auf Platz 3).
BEST NOVEL
Ancillary Justice, by Ann Leckie (Orbit US / Orbit UK)
Das Ergebnis ist deutlicher als befürchtet, und die Rangliste stellt meine eigenen Präferenzen auf den Kopf (es folgen Neptune's Brood, Parasite, Wheel of Time, Warbound). Ich würde zusätzlich mal behaupten, daß jeder zweite Roman des jüngst verstorbenen und lediglich einmal nominierten Iain M. Banks mich mehr beeindruckt hat als Ann Leckies Erstling.
BEST NOVELLA
“Equoid” by Charles Stross (Tor.com, 09-2013)
Hier setzte sich knapp der bekannteste Autor durch, vor Valentes Schneewittchen-Variation. Es folgten meine Favoriten "Wakulla Springs" und "The Chaplain's Legacy" vor dem immerhin bei allen durchgefallenen "Butcher of Khardov".
BEST NOVELETTE
“The Lady Astronaut of Mars” by Mary Robinette Kowal (maryrobinettekowal.com /
Tor.com, 09-2013)
Hier ist meine Rangfolge fast übernommen worden, leider (aber akzeptabel) mit einem Tausch zwischen den Plätzen 1 und 2.
BEST SHORT STORY
“The Water That Falls on You from Nowhere” by John Chu (Tor.com, 02-2013)
Hier hat einmal mein Favorit triumphiert! Auch die weitere Rangfolge entspricht fast meiner eigenen.
BEST DRAMATIC PRESENTATION, LONG FORM
Gravity written by Alfonso Cuarón & Jonás Cuarón, directed by Alfonso Cuarón (Esperanto Filmoj; Heyday Films;Warner Bros.)
Mein Favorit hat sich nur knapp vor dem unsäglichen "Frozen" durchgesetzt. Demographisch scheinen bei den Votern Teenager keine Rolle zu spielen, denn die "Hunger Games" landeten abgeschlagen auf dem letzten Platz.
BEST DRAMATIC PRESENTATION, SHORT FORM
Game of Thrones “The Rains of Castamere” written by David Benioff & D.B. Weiss, directed by David Nutter (HBO Entertainment in association with Bighead, Littlehead; Television 360; Startling Television and Generator Productions)
Keine Überraschung hier - zum Glück haben sich die Dr.-Who-Fans verzettelt, aber es war doch knapp ("Orphan Black" landete auf Platz 3).
Freitag, 15. August 2014
Hail Caesar! Planet der Affen: Revolution (6/10)
Die gelungene Erstverfilmung von Pierre Boulles SF-Satire Der Planet der Affen (1968) ist noch heute sehenswert, trotz der flach wirkenden Parallelen zur amerikanischen Sklaverei . Viele Zuschauer ließen sich durch die spärlich bekleideten menschlichen Hauptfiguren gern von den offensichtlichen Affenkostümen ablenken. Beim Reboot (über Tim Burtons Remake von 2001 breiten wir den Mantel des Schweigens) erleben wir nun den umgekehrten Effekt: Die (zumeist mittels Motion Capture Computer-animierten) Affen wirken so verblüffend real, daß die menschlichen Figuren dagegen uninteressant erscheinen.
Dementsprechend verschwinden die eigentlichen Stars (Andy "Gollum" Serkis und Judy Greer) hinter ihren Kostümen, während Jason Clarke und Keri Russell als menschliches Paar blass bleiben. Ausnahme ist hier Gary Oldman, der in einer den wenigen seiner Figur zugebilligten Leinwandminuten seinen eigenen Rekord an Overacting einzustellen versucht, dann aber doch am eigenen Desinteresse scheitert.
Die Geschichte ist so schematisch wie die Figurenkonstellation (Vater-Mutter-Sohn-Rivale) und hält keiner logischen Überprüfung statt, macht aber aus unerfindlichen Gründen trotzdem Spaß. Der erste Film hatte seine Stärken in der Selbstfindung Caesars in der Gefangenschaft und der Entwicklung erster Strukturen einer Affengesellschaft. Hier sehen wir die konsequente Weiterentwicklung, und sie ist (vor allem in der ersten, ruhigen Hälfte) durchaus atemberaubend. Dann folgt Schlag auf Schlag die Action, die weitere Reflexion übertönt. Aber wer will nicht mal Schimpansen in tiefenscharfem 3D beobachten, wie sie sich an Lianen durch ihren "Ur"wald schwingen (sozusagen Spider Man und Tarzan in einem)!
Ordentlich (6/10).
Dementsprechend verschwinden die eigentlichen Stars (Andy "Gollum" Serkis und Judy Greer) hinter ihren Kostümen, während Jason Clarke und Keri Russell als menschliches Paar blass bleiben. Ausnahme ist hier Gary Oldman, der in einer den wenigen seiner Figur zugebilligten Leinwandminuten seinen eigenen Rekord an Overacting einzustellen versucht, dann aber doch am eigenen Desinteresse scheitert.
Die Geschichte ist so schematisch wie die Figurenkonstellation (Vater-Mutter-Sohn-Rivale) und hält keiner logischen Überprüfung statt, macht aber aus unerfindlichen Gründen trotzdem Spaß. Der erste Film hatte seine Stärken in der Selbstfindung Caesars in der Gefangenschaft und der Entwicklung erster Strukturen einer Affengesellschaft. Hier sehen wir die konsequente Weiterentwicklung, und sie ist (vor allem in der ersten, ruhigen Hälfte) durchaus atemberaubend. Dann folgt Schlag auf Schlag die Action, die weitere Reflexion übertönt. Aber wer will nicht mal Schimpansen in tiefenscharfem 3D beobachten, wie sie sich an Lianen durch ihren "Ur"wald schwingen (sozusagen Spider Man und Tarzan in einem)!
Ordentlich (6/10).
Dienstag, 12. August 2014
The Crazy One: Robin Williams (1951 - 2014)
Like catching lightning in a bottle - that's how hard it must have been to capture Robin Williams' comedy on camera. No accident then that one of his funniest performances was as Aladdin, the genie in a bottle (1992). When Williams was uncorked, he could morph from character to character within seconds, making impressions with his face, his voice and his whole body. Maybe the best vehicle for his comedy was Good Morning, Vietnam (1987), but even in bad movies he usually had some great bits to offer as consolation. Some of those bad films were colossal failures, like Robert Altman's Popeye (1980) and Barry Levinson's Toys (1992). But still, Toys has arguably one of the funniest scenes in one of the worst movies ever (the MTV parody), and also shows Williams' generosity in allowing his co-star Joan Cusack to shine. Pity it didn't come together as a movie...
Like many great comedians, Williams wanted to be recognized as a "serious" actor, which resulted in quite a few memorable roles. He was properly goofy in The World According to Garp, and touching in Moscow on the Hudson (1984), Awakenings (1990), Terry Gilliam's Fisher King (1991),and his (finally) Oscar-winning role in Good Will Hunting (1997). He was equally effective in his sinister roles of 2002, in One Hour Photo and Christopher Nolan's Insomnia.
I have yet to revisit his break-through TV show Mork and Mindy, but I guess its silliness is more palatable for children. It's not the worst accomplishment to make children laugh, though, so he's excused for Mrs. Doubtfire (1993), too. Also forgiven is his tendency to make grown men cry, especially with Dead Poets Society (1989) - O Captain, my Captain!
One of the last attempts to reign in Williams' talent came from renowned TV producer David E. Kelley (Ally McBeal) with The Crazy Ones. Williams plays a recovering alcoholic who runs an ad agency with his daughter ("Buffy" Sarah Michelle Gellar). It had spots of brilliance and some sympathetic co-stars, but never really found its stride. Maybe in these times of political correctness, it was simply too risky to let Robin Williams loose. So the show was canceled after one season, and Williams reverted to playing the occasional American President (three times as Teddy Roosevelt in Night at the Museum and once as Dwight D. Eisenhower in The Butler). His last role, fittingly, will be as "Dennis the Dog" in Terry Jones' 2015 SF comedy Absolutely Anything.
So thank you Robin, for making us cry and making us think and - still your greatest gift to us - to make us laugh like crazy.
Like many great comedians, Williams wanted to be recognized as a "serious" actor, which resulted in quite a few memorable roles. He was properly goofy in The World According to Garp, and touching in Moscow on the Hudson (1984), Awakenings (1990), Terry Gilliam's Fisher King (1991),and his (finally) Oscar-winning role in Good Will Hunting (1997). He was equally effective in his sinister roles of 2002, in One Hour Photo and Christopher Nolan's Insomnia.
I have yet to revisit his break-through TV show Mork and Mindy, but I guess its silliness is more palatable for children. It's not the worst accomplishment to make children laugh, though, so he's excused for Mrs. Doubtfire (1993), too. Also forgiven is his tendency to make grown men cry, especially with Dead Poets Society (1989) - O Captain, my Captain!
One of the last attempts to reign in Williams' talent came from renowned TV producer David E. Kelley (Ally McBeal) with The Crazy Ones. Williams plays a recovering alcoholic who runs an ad agency with his daughter ("Buffy" Sarah Michelle Gellar). It had spots of brilliance and some sympathetic co-stars, but never really found its stride. Maybe in these times of political correctness, it was simply too risky to let Robin Williams loose. So the show was canceled after one season, and Williams reverted to playing the occasional American President (three times as Teddy Roosevelt in Night at the Museum and once as Dwight D. Eisenhower in The Butler). His last role, fittingly, will be as "Dennis the Dog" in Terry Jones' 2015 SF comedy Absolutely Anything.
So thank you Robin, for making us cry and making us think and - still your greatest gift to us - to make us laugh like crazy.
Donnerstag, 7. August 2014
Enttäuschendes Ende einer Ära: Hayao Miyazakis "Wie der Wind sich hebt" (5/10)
In den meisten Filmen von Hayao Miyazaki kommen Flugzeuge, Flugmaschinen, Flugwesen oder (in seinem schönsten Werk) eine fliegende Hexe vor. Diese Begeisterung für die Flugkunst gipfelt nun im Abschlußfilm des 73jährigen japanischen Meisters, dessen Abschied nun zumindest vorläufig auch die Schließung des Ghibli-Studios bedeutet.
Leider kann sich Miyazakis Biographie des bedeutenden japanischen Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi weder politisch noch erzählerisch entscheiden. Ist Jiro ein genialer Depp oder ein naives Genie, wenn er nach dem Bau des "Zero"-Kampffliegers für den Zweiten Weltkrieg seinen Freund fragt: "Gegen wen kämpfen wir eigentlich?" Und ist dies nun eine tragische Liebesgeschichte (Jiros Frau starb an Tuberkulose) oder die Geschichte eines Ingenieurs, der seine Träume verwirklichen will?
Technisch ist Wie der Wind sich hebt brillant umgesetzt, und gerade im Vergleich mit dem (ansonsten gelungenen) Mohnblumenberg seines Sohnes Goro erkennt man immer noch einen deutlichen Qualitätsvorsprung, was den zeichnerischen Fluß und die Detaildichte der erschaffenen Welt anbelangt. Erzählt wird allerdings irritierend elliptisch, was gerade ohne viel historische Vorkenntnisse störend wirkt. Man erkennt weder den genauen Beitrag Jiros an der Konstruktion der verschiedenen Flugzeuge noch den allgemeinen technischen Fortschritt (Senknieten können doch nicht das einzige Geheimnis gewesen sein). In einigen Szenen allerdings blitzt Genie auf, etwa beim Erdbeben von 1923 und dem Besuch in Deutschland (inklusive expressionistischer Schattenbilder von Nazischergen).
Insgesamt enttäuschend. Annehmbar (5/10).
Leider kann sich Miyazakis Biographie des bedeutenden japanischen Flugzeugkonstrukteurs Jiro Horikoshi weder politisch noch erzählerisch entscheiden. Ist Jiro ein genialer Depp oder ein naives Genie, wenn er nach dem Bau des "Zero"-Kampffliegers für den Zweiten Weltkrieg seinen Freund fragt: "Gegen wen kämpfen wir eigentlich?" Und ist dies nun eine tragische Liebesgeschichte (Jiros Frau starb an Tuberkulose) oder die Geschichte eines Ingenieurs, der seine Träume verwirklichen will?
Technisch ist Wie der Wind sich hebt brillant umgesetzt, und gerade im Vergleich mit dem (ansonsten gelungenen) Mohnblumenberg seines Sohnes Goro erkennt man immer noch einen deutlichen Qualitätsvorsprung, was den zeichnerischen Fluß und die Detaildichte der erschaffenen Welt anbelangt. Erzählt wird allerdings irritierend elliptisch, was gerade ohne viel historische Vorkenntnisse störend wirkt. Man erkennt weder den genauen Beitrag Jiros an der Konstruktion der verschiedenen Flugzeuge noch den allgemeinen technischen Fortschritt (Senknieten können doch nicht das einzige Geheimnis gewesen sein). In einigen Szenen allerdings blitzt Genie auf, etwa beim Erdbeben von 1923 und dem Besuch in Deutschland (inklusive expressionistischer Schattenbilder von Nazischergen).
Insgesamt enttäuschend. Annehmbar (5/10).
Die Hugo-nominierten Romane
Bevor am 17. August die diesjährigen Preise vergeben werden, hier noch ein paar Anmerkungen zur Königskategorie.
Vier Kandidaten habe ich bereits besprochen, der fünfte ist der 12teilige "Wheel of Time"-Zyklus von Robert Jordan, postum vervollständigt von Brandon Sanderson. Vor einigen Jahren habe ich mich mal bis zum vierten Band durchgekämpft und dann zumindest vorläufig aufgegeben. Jordan schreibt an sich unterhaltsam und schöpft mit viel Fantasie eine erstaunlich detaillierte Welt. Seine Figuren sind vielleicht ein wenig stereotyp, aber durchaus einprägsam. Nicht so überzeugend fand ich den mythologischen Unterbau. Der Gedanke vom "Rad der Zeit" basiert auf der Wiedergeburt mythischer Helden und satanischer Schurken, die in einem ewigen Kampf immer wieder die gleichen Fehler begehen und jedesmal auf ähnliche Weise scheitern (und offenbar den Weltuntergang orchestrieren). Nun scheint eine Zeit des Durchbruchs gekommen, in der vielleicht erstmals die Helden triumphieren könnten. Der Kampf spielt sich ab in einer weitgefächerten mittelalterlichen Welt voller magischer Orte, Völker und Einzelfiguren. Tatsächlich scheint den Entdeckungen auch nach 4.000 Seiten noch keine Grenze gesetzt zu sein, und das ist auch der Hauptkritikpunkt an der Serie. Ein Rezensent bei Amazon hat die Handlung mal treffsicher mit einem Rollenspiel am Computer verglichen. Die Figuren irren umher, finden Verbündete oder machen sich Feinde, sammeln magische Gegenstände und Fähigkeiten, setzen diese in diversen Scharmützeln ein und gewinnen oder verlieren Lebens- oder Gesundheitspunkte. In jeder Schlacht scheint es nicht nur um Leben oder Tod, sondern um das Schicksal der ganzen Welt zu gehen, und doch folgt jedem Erfolg nur eine noch größere Herausforderung. Kurz gesagt: Es fehlt der Erzählung an Struktur, sie ist ein amorphes Monster, das zwar passagenweise immens unterhalten kann, aber den Leser auch extrem frustriert.
Trotzdem halte ich den Zyklus für den diesjährigen Favoriten. Er ist ohne Zweifel ein Klassiker und hat eine große Fangemeinde. Mein persönlicher Favorit ist zwar Larry Correias Grimnoir-Roman, aber dem rechne ich nicht viele Chancen aus. Neben dem "Wheel of Time" könnte auch Ancillary Justice das Rennen machen, nachdem Ann Leckies Debut bereits den Nebula und weitere Preise gewonnen hat. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:
Vier Kandidaten habe ich bereits besprochen, der fünfte ist der 12teilige "Wheel of Time"-Zyklus von Robert Jordan, postum vervollständigt von Brandon Sanderson. Vor einigen Jahren habe ich mich mal bis zum vierten Band durchgekämpft und dann zumindest vorläufig aufgegeben. Jordan schreibt an sich unterhaltsam und schöpft mit viel Fantasie eine erstaunlich detaillierte Welt. Seine Figuren sind vielleicht ein wenig stereotyp, aber durchaus einprägsam. Nicht so überzeugend fand ich den mythologischen Unterbau. Der Gedanke vom "Rad der Zeit" basiert auf der Wiedergeburt mythischer Helden und satanischer Schurken, die in einem ewigen Kampf immer wieder die gleichen Fehler begehen und jedesmal auf ähnliche Weise scheitern (und offenbar den Weltuntergang orchestrieren). Nun scheint eine Zeit des Durchbruchs gekommen, in der vielleicht erstmals die Helden triumphieren könnten. Der Kampf spielt sich ab in einer weitgefächerten mittelalterlichen Welt voller magischer Orte, Völker und Einzelfiguren. Tatsächlich scheint den Entdeckungen auch nach 4.000 Seiten noch keine Grenze gesetzt zu sein, und das ist auch der Hauptkritikpunkt an der Serie. Ein Rezensent bei Amazon hat die Handlung mal treffsicher mit einem Rollenspiel am Computer verglichen. Die Figuren irren umher, finden Verbündete oder machen sich Feinde, sammeln magische Gegenstände und Fähigkeiten, setzen diese in diversen Scharmützeln ein und gewinnen oder verlieren Lebens- oder Gesundheitspunkte. In jeder Schlacht scheint es nicht nur um Leben oder Tod, sondern um das Schicksal der ganzen Welt zu gehen, und doch folgt jedem Erfolg nur eine noch größere Herausforderung. Kurz gesagt: Es fehlt der Erzählung an Struktur, sie ist ein amorphes Monster, das zwar passagenweise immens unterhalten kann, aber den Leser auch extrem frustriert.
Trotzdem halte ich den Zyklus für den diesjährigen Favoriten. Er ist ohne Zweifel ein Klassiker und hat eine große Fangemeinde. Mein persönlicher Favorit ist zwar Larry Correias Grimnoir-Roman, aber dem rechne ich nicht viele Chancen aus. Neben dem "Wheel of Time" könnte auch Ancillary Justice das Rennen machen, nachdem Ann Leckies Debut bereits den Nebula und weitere Preise gewonnen hat. Hier meine Abstimmungsreihenfolge:
- Warbound, Book III of the Grimnoir Chronicles, Larry Correia (Baen Books)
- The Wheel of Time, Robert Jordan and Brandon Sanderson (Tor Books / Orbit UK)
- Parasite, Mira Grant (Orbit US/Orbit UK)
- Neptune’s Brood, Charles Stross (Ace / Orbit UK)
- Ancillary Justice, Ann Leckie (Orbit US/Orbit UK)
Hugo-nominiert: Parasite (Mira Grant)
Nachdem ich mich mit Mira Grants Zombie- und Blogger-verseuchten Newsflesh-Trilogie gar nicht anfreunden konnte, hatte ich diesen ersten Band einer neuen Trilogie lange vor mir hergeschoben. Zu Unrecht, wie sich herausstellte: Es geht zwar auch hier nebenbei um Zombies ("Schlafwandler" genannt), aber es fehlen die atemlose Action genauso wie die überdrehten Figuren und der bemühte Blogger-Stil. Stattdessen erzählt Parasite unaufgeregt und doch spannend eine völlig neue Geschichte, die auf einer brillanten SF-Idee basiert. Nach einem medizinischen Durchbruch der nahen Zukunft haben sich viele Millionen Menschen einen genetisch manipulierten Bandwurm implantieren lassen, der sie symbiotisch vor den meisten Stoffwechsel- und Kreislaufkrankheiten schützt. Doch nun scheinen erste Nebenwirkungen aufzutreten, die von der das Patent haltenden BioTech-Firma aber zunächst vertuscht werden können...
Erzählt wird das in Ich-Form von der jungen Sally, die nach einem Unfall und dem überraschenden Aufwachen aus dem Koma ihr Gedächtnis verloren hatte und nun ihren Erinnerungen entsprechend eigentlich erst sechs Jahre alt ist (im Gegensatz zu ihrem etwa 25jährigen Körper). Sie hat mühsam fast alle kognitiven Fähigkeiten wiedererlernen müssen, und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn sie auf einige Leser ein wenig eindimensional wirkt. Für mich ist sie eine gelungene, überhaupt nicht langweilige Identifikationsfigur. Ihre Genesungsgeschichte birgt ein (leicht zu erratendes) Geheimnis, und gegen Ende dieses Einführungsbandes gewinnen sie und ihre Bezugspersonen genug Komplexität, um mich auf die Fortsetzung neugierig zu machen.
Mira Grant ist ein Pseudonym für die Kalifornierin Seanan McGuire (geboren 1978), die bisher offenbar durchaus erfolgreiche Urban Fantasy schrieb und nun unter neuem Namen eine ambitioniertere Richtung einschlägt, was ihr nun die vierte Hugo-Nominierung in Folge für den besten Roman einbrachte (nach den drei Newsflesh-Bänden). Wenn ihr ein überzeugender Abschluß dieser Trilogie gelingt, winkt ihr vielleicht der Preis im übernächsten Jahr.
Erzählt wird das in Ich-Form von der jungen Sally, die nach einem Unfall und dem überraschenden Aufwachen aus dem Koma ihr Gedächtnis verloren hatte und nun ihren Erinnerungen entsprechend eigentlich erst sechs Jahre alt ist (im Gegensatz zu ihrem etwa 25jährigen Körper). Sie hat mühsam fast alle kognitiven Fähigkeiten wiedererlernen müssen, und vor diesem Hintergrund ist es verständlich, wenn sie auf einige Leser ein wenig eindimensional wirkt. Für mich ist sie eine gelungene, überhaupt nicht langweilige Identifikationsfigur. Ihre Genesungsgeschichte birgt ein (leicht zu erratendes) Geheimnis, und gegen Ende dieses Einführungsbandes gewinnen sie und ihre Bezugspersonen genug Komplexität, um mich auf die Fortsetzung neugierig zu machen.
Mira Grant ist ein Pseudonym für die Kalifornierin Seanan McGuire (geboren 1978), die bisher offenbar durchaus erfolgreiche Urban Fantasy schrieb und nun unter neuem Namen eine ambitioniertere Richtung einschlägt, was ihr nun die vierte Hugo-Nominierung in Folge für den besten Roman einbrachte (nach den drei Newsflesh-Bänden). Wenn ihr ein überzeugender Abschluß dieser Trilogie gelingt, winkt ihr vielleicht der Preis im übernächsten Jahr.
Sonntag, 20. Juli 2014
Wieder keine Amélie: Die Karte meiner Träume (7/10)
Jean-Pierre Jeunet wurde 1991 mit seiner phantastisch-bizarren schwarzen Komödie Delicatessen in Arthouse-Kreisen bekannt, damals noch mit seinem Partner Marc Caro. Dieser Endzeitfilm führte neben dem weniger gelungenen Nachfolger Die Stadt der verlorenen Kinder zu seinem ersten in Englisch gedrehten Werk, nämlich Alien - Die Wiedergeburt (1997). Jener vierte und letzte Beitrag zur Saga (mit Winona Ryder als Androidin) gefiel mir persönlich sehr gut, hatte aber ansonsten eher durchwachsene Kritiken. Jeunet erholte sich davon aber, und vier Jahre später landete er mit Die fabelhafte Welt der Amélie einen wunderbaren Welterfolg, dessen Rezept er seitdem ein wenig hinterherzurennen scheint.
So scheint es mir auch in seinem erst dritten englischsprachigen Film, Die Karte meiner Träume (der Originaltitel bedeutet eigentlich "Der junge und erstaunliche T.S. Spivet"): Der hochbegabte 10jährige Titelheld lebt mit seinen Eltern, einer Insektenforscherin (Helena Bonham Carter) und einem Cowboy-Nostalgiker (Callum Keith Rennie, Lew Ashby aus Californication), auf einer Ranch in Montana. Als er den Baird Award des Washingtoner Smithsonian Museums für das Modell eines Perpetuum Mobile gewinnt, macht er sich auf eigene Faust auf den Weg zur Preisverleihung, mit einem riesigen Koffer und noch mehr mentalem Ballast.
Die Buchvorlage des New Yorkers Reif Larsen, offenbar an das Tagebuch des jungen Protagonisten angelehnt mit vielen Zeichnungen und Karten angereichert, kommt Jeunets verschrobenen visuellem Stil tatsächlich entgegen, und die (überzeugend dreidimensionalen) Bilder machen die Verfilmung auch sehenswert. Darüber hinaus fehlt dem Ganzen aber ein wenig der magische rote Faden. Vielleicht wäre einfach nur ein wenig mehr Verrücktheit angebracht gewesen. So wirkt das Resultat fast bieder, zwar mit etlichen herrlichen Szenen (eine der besten davon mit Delicatessen-Star Dominique Pinon als Hobo), aber auch einigem Leerlauf. Und natürlich kann kein zehnjähriger Hauptdarsteller an den Charme einer Audrey Tautou heranreichen...
Gut (7/10).
So scheint es mir auch in seinem erst dritten englischsprachigen Film, Die Karte meiner Träume (der Originaltitel bedeutet eigentlich "Der junge und erstaunliche T.S. Spivet"): Der hochbegabte 10jährige Titelheld lebt mit seinen Eltern, einer Insektenforscherin (Helena Bonham Carter) und einem Cowboy-Nostalgiker (Callum Keith Rennie, Lew Ashby aus Californication), auf einer Ranch in Montana. Als er den Baird Award des Washingtoner Smithsonian Museums für das Modell eines Perpetuum Mobile gewinnt, macht er sich auf eigene Faust auf den Weg zur Preisverleihung, mit einem riesigen Koffer und noch mehr mentalem Ballast.
Die Buchvorlage des New Yorkers Reif Larsen, offenbar an das Tagebuch des jungen Protagonisten angelehnt mit vielen Zeichnungen und Karten angereichert, kommt Jeunets verschrobenen visuellem Stil tatsächlich entgegen, und die (überzeugend dreidimensionalen) Bilder machen die Verfilmung auch sehenswert. Darüber hinaus fehlt dem Ganzen aber ein wenig der magische rote Faden. Vielleicht wäre einfach nur ein wenig mehr Verrücktheit angebracht gewesen. So wirkt das Resultat fast bieder, zwar mit etlichen herrlichen Szenen (eine der besten davon mit Delicatessen-Star Dominique Pinon als Hobo), aber auch einigem Leerlauf. Und natürlich kann kein zehnjähriger Hauptdarsteller an den Charme einer Audrey Tautou heranreichen...
Gut (7/10).
Hugo-nominiert: Neptune's Brood (Charles Stross)
Charles Stross ist der Mann mit den großen Ideen in der Science Fiction der letzten zwei Dekaden. Leider gelingt es ihm mit seinem jüngsten Roman wiederholt nicht, diese in eine wohlkonstruierten Handlung einzubetten und mit überzeugenden Figuren zu vermitteln. Stross schöpft aus einem riesigen Wortschatz (ein oft unnötiges Ärgernis, wenn man einen superseltenen Begriff nachschlagen muß) und baut wohlfeile, knifflig verschachtelte Sätze, aber Spannungsaufbau gehört nicht zu seinen Stärken, während sein Humor mehr Pointen vertragen könnte.
Neptune's Brood spielt in einer Zukunft, in der die Menschen weitgehend ausgestorben sind, ihre Zivilisation aber in Form von sehr menschenähnlichen Androiden fortgeführt wird. Stross entwirft (und erläutert dieses in handlungsunterbrechenden Passagen) ein Banken- und Wirtschaftssystem der Zukunft. Zur Finanzierung der Kolonisation Lichtjahre entfernter Systeme durch Raumschiffe mit nur gering-relativistischen Geschwindigkeiten hat sich ein Kreditsystem des "langsamen Geldes" etabliert, das auf Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit basiert. Es können auch komplette Androiden-Persönlichkeiten von System zu System "gebeamt" werden, die dann in den "Seelenchips" neu geschaffener Körper wieder zum Leben erweckt werden.
Auf diese Weise reist auch die Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) "Krina Buchhaltung Historiker Alizond-114" (nicht übersetzt) auf der Suche nach ihrer Schwester Ana, bevor sie für die letzte Etappe auf dem Schiff einer Kirche der Fragilen anheuert, die ihre heilige Pflicht in der Wiederansiedlung von fleischlichen Menschen sieht. Krina wird von Piraten (der Unterart Versicherungsagenten) abgefangen, dann auf einer Wasserwelt entführt und in eine Meerjungfrau gewandelt, bevor sie endlich mit ihrer Schwester einen gigantischen Ponzi-Trick aufklärt. Das ist alles recht amüsant, aber doch auch belanglos. Krina gewinnt nicht so recht an Format, auch ihr Geschlecht scheint beliebig, und zum Schluß erscheinen alle Motivationen durch einen Twist nochmals in neuem Licht - frustrierend, wenn man bis dahin versucht hat, die komplexen Hintergründe nachzuvollziehen.
Auch außerhalb der gelungenen Laundry-Reihe hat Stross schon bessere Romane geschrieben. So wird es wohl auch dieses Jahr nichts mit dem Hugo in der Königskategorie.
Neptune's Brood spielt in einer Zukunft, in der die Menschen weitgehend ausgestorben sind, ihre Zivilisation aber in Form von sehr menschenähnlichen Androiden fortgeführt wird. Stross entwirft (und erläutert dieses in handlungsunterbrechenden Passagen) ein Banken- und Wirtschaftssystem der Zukunft. Zur Finanzierung der Kolonisation Lichtjahre entfernter Systeme durch Raumschiffe mit nur gering-relativistischen Geschwindigkeiten hat sich ein Kreditsystem des "langsamen Geldes" etabliert, das auf Kommunikation mit Lichtgeschwindigkeit basiert. Es können auch komplette Androiden-Persönlichkeiten von System zu System "gebeamt" werden, die dann in den "Seelenchips" neu geschaffener Körper wieder zum Leben erweckt werden.
Auf diese Weise reist auch die Hauptfigur (und Ich-Erzählerin) "Krina Buchhaltung Historiker Alizond-114" (nicht übersetzt) auf der Suche nach ihrer Schwester Ana, bevor sie für die letzte Etappe auf dem Schiff einer Kirche der Fragilen anheuert, die ihre heilige Pflicht in der Wiederansiedlung von fleischlichen Menschen sieht. Krina wird von Piraten (der Unterart Versicherungsagenten) abgefangen, dann auf einer Wasserwelt entführt und in eine Meerjungfrau gewandelt, bevor sie endlich mit ihrer Schwester einen gigantischen Ponzi-Trick aufklärt. Das ist alles recht amüsant, aber doch auch belanglos. Krina gewinnt nicht so recht an Format, auch ihr Geschlecht scheint beliebig, und zum Schluß erscheinen alle Motivationen durch einen Twist nochmals in neuem Licht - frustrierend, wenn man bis dahin versucht hat, die komplexen Hintergründe nachzuvollziehen.
Auch außerhalb der gelungenen Laundry-Reihe hat Stross schon bessere Romane geschrieben. So wird es wohl auch dieses Jahr nichts mit dem Hugo in der Königskategorie.
Sonntag, 13. Juli 2014
Die Hugo-nominierten Kurzromane
Die nominierten Novellen des Jahres sind alle von ähnlicher Länge (ca. 100 Seiten) und spiegeln wohl recht gut die Vielfalt des Genres. In aufsteigender Wertungsreihenfolge gelistet:
Dies ist ein Beitrag zur weitverbreiteten Sword-and-Sorcery-Fantasy, nicht wirklich schmerzhaft, aber auch nicht von besonderem Interesse. Figuren, magische Elemente und soziale Gegebenheiten aus dem Baukasten.
Dies ist Catherynne Valentes zweiter nominierter Kurzroman in Folge. 2010 war ihr Roman "Palimpsest" nominiert, der mir nach wenigen Jahren schon komplett aus dem Gedächtnis gefallen ist (das war allerdings ein Jahrgang, in dem mich keiner der Kandidaten angesprochen hatte). Mit ihrem Revolver-Schneewittchen amerikanisiert die 35jährige das Grimm'sche Märchen. Schneewittchen ist nun die Tochter einer Indianerin und eines Geschäftsmannes im ausgehenden 19. Jahrhundert, und der Spiegel der Stiefmutter ist eher ein Verwandter von Dorian Grays Gemälde. Das ist nicht langweilig, aber recht versponnen und gegen Ende ziemlich ziellos erzählt.
Der Brite Charles Stross, Jahrgang 1964, ist ein unbestrittener Star der Science-Fiction-Szene. Zwei seiner Novellen gewannen den Hugo, sieben seiner Romane waren (innerhalb von zehn Jahren!) nominiert, allerdings gehört sein Beitrag auch dieses Jahr nicht zu den Favoriten. Seine Werke würde ich aufteilen in populäre Unterhaltung und anspruchsvollere Versuche. Zur zweiten Kategorie gehören die meisten seiner nominierten Romane, zur ersten die (etwa ab der Hälfte leider enttäuschenden) Merchant-Princes-Reihe und die humoristischen "Laundry"-Erzählungen, zu der auch diese Novelle zählt. Charles Stross ist ein mit ungemeinem Sprachwitz begabter Vielschreiber, mit einer durchwachsenen Menge von Veröffentlichungen. Die Laundry Files sind seine britischsten Werke, mit einem Anklang von Douglas Adams, allerdings mit schlüssigeren Handlungsstrukturen und gelegentlich selbstverliebter Geistreichheit. Sie funktionieren als Abenteuer wie als Satire auf die britische Behördenmentalität.
Die "Laundry" ist eine geheime britische Behörde, die Magie, Dämonenbeschwörung und weitere potentiell apokalyptische Praktiken reguliert. In dieser leicht alternativen Welt hat sich herausgestellt, daß höhere Mathematik und Computeralgorithmen ab einer gewissen Komplexität gefährliche Nebenwirkungen haben können. Entsprechend begabte Personen werden zu ihrer eigenen und zur nationalen Sicherheit aus dem Verkehr gezogen. So auch Bob Howard, nun in der Laundry offiziell zuständig für die Serveradministration, aber eigentlich ein Spezialist für Außeneinsätze, wo er sich - oft nur mit einer Hasenpfote, einem jPhone und seinem Verstand bewaffnet - mit psychopathischen Zauberern, fehlgeleiteten Hackern und freigesetzten Dämonen herumschlägt. Sein geheimes Tagebuch, das Charles Stross seit 2004 in Auszügen veröffentlicht, ist natürlich durch ein mächtiges Geas geschützt, das Unbefugte vom Lesen abhalten soll. Schließlich würde die Welt in Panik ausbrechen, sollte das Ausmaß der durch die moderne Computertechnik freigesetzten magischen Kräfte und das Nahen des Nightmare Case Green öffentlich werden.
Equoid ist ein minderer Beitrag zur Reihe, in der ersten Hälfte amüsant, in der zweiten spannend. Es geht um Einhorne, die allerdings mit dem Mythos nicht mehr viel gemeinsam haben. Ist daher nicht für Kinder geeignet, denn eine Begegnung mit einem Stross'schen Einhorn kann sehr blutig enden.
Nach Torgersen eindimensionalen Kurzgeschichte war ich nicht so recht auf eine solch komplexe Novelle vorbereitet. Spriritualität, abstrahiert von konkreten Religionen, dient in diesem überzeugenden Kurzroman als Brücke zwischen Menschen und Aliens und schließlich sogar als Friedensbringer. Der Ich-Erzähler Harrison Barlow, der (atheistische) "Assistent des Kaplans", hatte vor 20 Jahren de facto eigenhändig die Vernichtung der Menschheit durch eine technisch weit überlegene Insektenrasse gestoppt, indem er bei den "Käfer"-Wissenschaftlern ein Interesse an der Erforschung menschlicher Religionen erwecken konnte (die Ähnlichkeit der Aliens mit den Bugs aus Starship Troopers scheint mir gewollt). Nun neigt sich der Waffenstillstand seinem Ende zu. Trotz fieberhafter Versuche, technologisch mit dem Gegner aufzuschließen, scheint der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. Plötzlich findet sich Barlow mit einer menschlichen Offizierin sowie einem Wissenschaftler und einer einflußreichen Königin der Insektoiden auf einem unwirtlichen Planeten gestrandet wieder. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und gewinnen gleichzeitig Respekt füreinander. Das ist allerdings deutlich vielschichtiger angelegt als Wolfgang Petersens betulicher Genrefilm Enemy Mine.
Von zwei Gelegenheitsautoren kommt dieses tolle, sich über drei Generationen erstreckende Erzählung, die allerdings keinem phantastischen Genre zuzuordnen ist, sondern sich vor dem Hintergrund der Entstehung zweier Fantasy-Filme entwickelt. Wakulla Springs ist ein Resort in Nord-Florida mit einer tiefen Lagune und einem fast urzeitlichen Dschungel. Die Geschichte beginnt 1941, als hier Szenen zum fünften Tarzan-Film mit Johnny Weissmueller gedreht werden. Der zweite Teil setzt 1953 an, mit dem Dreh von Der Schrecken vom Amazonas ("The Creature from the Black Lagoon"), dem ersten (übrigens auch heute noch beeindruckenden) 3D-Film mit Unterwasseraufnahmen. Nach Weissmueller begegnet man hier dem Schwimmstar Ricou Browning als "Titelheld". Inhaltlich geht es aber eher um die Entwicklung der Bürgerrechte amerikanischer Farbiger bis in die heutige Zeit. Zwischendrin gibt es ein bizarres Interview mit dem heimlichen Tarzan-Star Cheetah.
The Butcher of Khardov (Dan Wells)
Dies ist ein Beitrag zur weitverbreiteten Sword-and-Sorcery-Fantasy, nicht wirklich schmerzhaft, aber auch nicht von besonderem Interesse. Figuren, magische Elemente und soziale Gegebenheiten aus dem Baukasten.
Six-Gun Snow-White (Catherynne M. Valente)
Dies ist Catherynne Valentes zweiter nominierter Kurzroman in Folge. 2010 war ihr Roman "Palimpsest" nominiert, der mir nach wenigen Jahren schon komplett aus dem Gedächtnis gefallen ist (das war allerdings ein Jahrgang, in dem mich keiner der Kandidaten angesprochen hatte). Mit ihrem Revolver-Schneewittchen amerikanisiert die 35jährige das Grimm'sche Märchen. Schneewittchen ist nun die Tochter einer Indianerin und eines Geschäftsmannes im ausgehenden 19. Jahrhundert, und der Spiegel der Stiefmutter ist eher ein Verwandter von Dorian Grays Gemälde. Das ist nicht langweilig, aber recht versponnen und gegen Ende ziemlich ziellos erzählt.
Equoid (Charles Stross)
Der Brite Charles Stross, Jahrgang 1964, ist ein unbestrittener Star der Science-Fiction-Szene. Zwei seiner Novellen gewannen den Hugo, sieben seiner Romane waren (innerhalb von zehn Jahren!) nominiert, allerdings gehört sein Beitrag auch dieses Jahr nicht zu den Favoriten. Seine Werke würde ich aufteilen in populäre Unterhaltung und anspruchsvollere Versuche. Zur zweiten Kategorie gehören die meisten seiner nominierten Romane, zur ersten die (etwa ab der Hälfte leider enttäuschenden) Merchant-Princes-Reihe und die humoristischen "Laundry"-Erzählungen, zu der auch diese Novelle zählt. Charles Stross ist ein mit ungemeinem Sprachwitz begabter Vielschreiber, mit einer durchwachsenen Menge von Veröffentlichungen. Die Laundry Files sind seine britischsten Werke, mit einem Anklang von Douglas Adams, allerdings mit schlüssigeren Handlungsstrukturen und gelegentlich selbstverliebter Geistreichheit. Sie funktionieren als Abenteuer wie als Satire auf die britische Behördenmentalität.
Die "Laundry" ist eine geheime britische Behörde, die Magie, Dämonenbeschwörung und weitere potentiell apokalyptische Praktiken reguliert. In dieser leicht alternativen Welt hat sich herausgestellt, daß höhere Mathematik und Computeralgorithmen ab einer gewissen Komplexität gefährliche Nebenwirkungen haben können. Entsprechend begabte Personen werden zu ihrer eigenen und zur nationalen Sicherheit aus dem Verkehr gezogen. So auch Bob Howard, nun in der Laundry offiziell zuständig für die Serveradministration, aber eigentlich ein Spezialist für Außeneinsätze, wo er sich - oft nur mit einer Hasenpfote, einem jPhone und seinem Verstand bewaffnet - mit psychopathischen Zauberern, fehlgeleiteten Hackern und freigesetzten Dämonen herumschlägt. Sein geheimes Tagebuch, das Charles Stross seit 2004 in Auszügen veröffentlicht, ist natürlich durch ein mächtiges Geas geschützt, das Unbefugte vom Lesen abhalten soll. Schließlich würde die Welt in Panik ausbrechen, sollte das Ausmaß der durch die moderne Computertechnik freigesetzten magischen Kräfte und das Nahen des Nightmare Case Green öffentlich werden.
Equoid ist ein minderer Beitrag zur Reihe, in der ersten Hälfte amüsant, in der zweiten spannend. Es geht um Einhorne, die allerdings mit dem Mythos nicht mehr viel gemeinsam haben. Ist daher nicht für Kinder geeignet, denn eine Begegnung mit einem Stross'schen Einhorn kann sehr blutig enden.
The Chaplain's Legacy (Brad Torgersen)
Nach Torgersen eindimensionalen Kurzgeschichte war ich nicht so recht auf eine solch komplexe Novelle vorbereitet. Spriritualität, abstrahiert von konkreten Religionen, dient in diesem überzeugenden Kurzroman als Brücke zwischen Menschen und Aliens und schließlich sogar als Friedensbringer. Der Ich-Erzähler Harrison Barlow, der (atheistische) "Assistent des Kaplans", hatte vor 20 Jahren de facto eigenhändig die Vernichtung der Menschheit durch eine technisch weit überlegene Insektenrasse gestoppt, indem er bei den "Käfer"-Wissenschaftlern ein Interesse an der Erforschung menschlicher Religionen erwecken konnte (die Ähnlichkeit der Aliens mit den Bugs aus Starship Troopers scheint mir gewollt). Nun neigt sich der Waffenstillstand seinem Ende zu. Trotz fieberhafter Versuche, technologisch mit dem Gegner aufzuschließen, scheint der Untergang der Menschheit nur noch eine Frage der Zeit. Plötzlich findet sich Barlow mit einer menschlichen Offizierin sowie einem Wissenschaftler und einer einflußreichen Königin der Insektoiden auf einem unwirtlichen Planeten gestrandet wieder. Gemeinsam kämpfen sie ums Überleben und gewinnen gleichzeitig Respekt füreinander. Das ist allerdings deutlich vielschichtiger angelegt als Wolfgang Petersens betulicher Genrefilm Enemy Mine.
Wakulla Springs (Andy Duncan und Ellen Klages)
Von zwei Gelegenheitsautoren kommt dieses tolle, sich über drei Generationen erstreckende Erzählung, die allerdings keinem phantastischen Genre zuzuordnen ist, sondern sich vor dem Hintergrund der Entstehung zweier Fantasy-Filme entwickelt. Wakulla Springs ist ein Resort in Nord-Florida mit einer tiefen Lagune und einem fast urzeitlichen Dschungel. Die Geschichte beginnt 1941, als hier Szenen zum fünften Tarzan-Film mit Johnny Weissmueller gedreht werden. Der zweite Teil setzt 1953 an, mit dem Dreh von Der Schrecken vom Amazonas ("The Creature from the Black Lagoon"), dem ersten (übrigens auch heute noch beeindruckenden) 3D-Film mit Unterwasseraufnahmen. Nach Weissmueller begegnet man hier dem Schwimmstar Ricou Browning als "Titelheld". Inhaltlich geht es aber eher um die Entwicklung der Bürgerrechte amerikanischer Farbiger bis in die heutige Zeit. Zwischendrin gibt es ein bizarres Interview mit dem heimlichen Tarzan-Star Cheetah.
"Klassische" DVD-Kurzrezension: Enemy Mine
Wolfgang Petersens ehrbarer Versuch eines intelligenten Science-Fiction-Dramas ist leider vorhersehbar und sentimental geworden. Gute Absichten allein reichen eben nicht, um einen guten Film abzuliefern. Louis Gossett Jr. als Alien ist nicht abstoßend genug in seiner Gummimaske, und Dennis Quaid kann nicht überzeugen in der Wandlung vom haßerfüllten Kämpfer zum zärtlichen Patenonkel. Es fehlen Nuancen, stattdessen sollen Standard-Versatzstücke aus dem Seifenopern-Repertoire den Zuschauer zu Tränen rühren. Wenn man darüber hinwegsieht, ist das Resultat denn doch einigermaßen spannend und unterhaltsam. Ordentlich (6/10).
Sonntag, 6. Juli 2014
Klassiker auf Blu-ray #10: Taking Off - Milos Formans US-Debut
Die 70er stehen für die Erneuerung des amerikanischen Kinos, mit Meilensteinen u.a. von Francis Coppola (Der Pate), Martin Scorsese (Taxi Driver) und Robert Altman (Nashville). Aber gelegentlich machten immer noch europäische Immigranten von sich reden, so etwa Roman Polanski (Chinatown, 1974) und der Tschechoslowake Milos Forman, der 1975 mit Einer flog über das Kuckucksnest und 1984 mit Amadeus zwei der besten Drehbücher des Jahrhunderts zu Klassikern machte, gekrönt jeweils mit Oscars für den Besten Film, die beste Regie und die Autoren. Taking Off ("Ich bin durchgebrannt") war 1971 sein erster amerikanischer Film und floppte damals so gnadenlos, daß er erst jetzt auf einer technisch tadellosen Blu-ray im Heimkino wiederentdeckt werden kann. Er ist das Bindeglied zwischen seinen tschechischen, von der Nouvelle Vague beeinflußten "kleinen" Filmen und seinen brillanten Hollywood-Hochglanzprodukten.
Im der Blu-ray beigefügten hochinteressanten Interview aus dem Jahr 2000 erklärt Forman das Zustandekommen des Projekts, dessen Drehbuch er u.a. mit Jean-Claude Carrière entwickelte, einem wichtigen Collaborateur von Louis Malle und Luis Buñuel, Überwiegend mit Amateuren improvisiert, ist es eine sanfte Satire auf die Haltlosigkeit der amerikanischen Mittelschicht und die Entfremdung von ihren "Hippie"-Kindern. Ausgangspunkt der Geschichte ist das Verschwinden der 15jährigen Jeannie und der verzweifelt-komische Versuch der spießigen Eltern, einen Zugang zur geheimnisvollen Welt der Tochter zu bekommen. Dabei werden sie jedoch eher mit ihren eigenen Unsicherheiten und Sehnsüchten konfrontiert.
Die episodisch-fragmentierte Erzählstruktur reibt sich vielleicht mit den Sehgewohnheiten vieler Zuschauer, enthält aber fabelhaft zusammengeschnittene Sequenzen und tolle Musik. Da singt Kathy Bates in ihrem Leinwanddebut ein wunderschönes, selbstkomponiertes Lied zur Gitarre, und es gibt einen explosiven Live-Auftritt von Ike und Tina Turner. Im unfaßbar skurrilen Höhepunkt erklärt Vincent Schiavelli (Formans erster amerikanischer Freund war später einer der Patienten im "Kuckucksnest" und dann Butler von Salieri) den verwirrten Eltern "verschwundener" Jugendlicher den korrekten Konsum von Marihuana ("Wird sich das mit dem Alkohol vertragen? - Ich verspreche Ihnen, es wird!"). Das mündet abends in eine Partie Strip-Poker im Hause von Lynns Eltern, wo sich der Kreis schließt, als Lynn plötzlich heimkehrt und im abschließenden Dinner mit ihrem Musikerfreund plötzlich vernünftiger und reifer als die ältere Generation erscheint.
Diese Entdeckung ist nicht nur film- und musikhistorisch interessant, sondern allemal gut für einen vergnüglichen Filmabend. Sehr gut (8/10)!
Im der Blu-ray beigefügten hochinteressanten Interview aus dem Jahr 2000 erklärt Forman das Zustandekommen des Projekts, dessen Drehbuch er u.a. mit Jean-Claude Carrière entwickelte, einem wichtigen Collaborateur von Louis Malle und Luis Buñuel, Überwiegend mit Amateuren improvisiert, ist es eine sanfte Satire auf die Haltlosigkeit der amerikanischen Mittelschicht und die Entfremdung von ihren "Hippie"-Kindern. Ausgangspunkt der Geschichte ist das Verschwinden der 15jährigen Jeannie und der verzweifelt-komische Versuch der spießigen Eltern, einen Zugang zur geheimnisvollen Welt der Tochter zu bekommen. Dabei werden sie jedoch eher mit ihren eigenen Unsicherheiten und Sehnsüchten konfrontiert.
Die episodisch-fragmentierte Erzählstruktur reibt sich vielleicht mit den Sehgewohnheiten vieler Zuschauer, enthält aber fabelhaft zusammengeschnittene Sequenzen und tolle Musik. Da singt Kathy Bates in ihrem Leinwanddebut ein wunderschönes, selbstkomponiertes Lied zur Gitarre, und es gibt einen explosiven Live-Auftritt von Ike und Tina Turner. Im unfaßbar skurrilen Höhepunkt erklärt Vincent Schiavelli (Formans erster amerikanischer Freund war später einer der Patienten im "Kuckucksnest" und dann Butler von Salieri) den verwirrten Eltern "verschwundener" Jugendlicher den korrekten Konsum von Marihuana ("Wird sich das mit dem Alkohol vertragen? - Ich verspreche Ihnen, es wird!"). Das mündet abends in eine Partie Strip-Poker im Hause von Lynns Eltern, wo sich der Kreis schließt, als Lynn plötzlich heimkehrt und im abschließenden Dinner mit ihrem Musikerfreund plötzlich vernünftiger und reifer als die ältere Generation erscheint.
Diese Entdeckung ist nicht nur film- und musikhistorisch interessant, sondern allemal gut für einen vergnüglichen Filmabend. Sehr gut (8/10)!
Sonntag, 29. Juni 2014
Hugo-nominiert: Larry Correias Abschlußband der Grimnoir-Trilogie
Raymond Chandler trifft auf die X-Men: So könnte man vereinfacht diese erstaunliche Trilogie des in Utah lebenden Mittdreißigers Larry Correia beschreiben, auf die ich erst im Rahmen dieser Hugo-Nominierung gestoßen bin. Sie spielt in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, aber es liegt ihr ein alternativer Geschichtsverlauf zugrunde: Etwa seit Mitte des 19. Jahrhunderts werden immer mehr Menschen mit besonderen Fähigkeiten geboren. Sie können auf natürliche Weise eine geheimnisvolle Kraftquelle anzapfen, die scheinbar magische Eigenschaften hat. Sowohl die Stärke als auch die Ausprägung dieser Fähigkeiten variiert mit den betroffenen Individuen. Da gibt es klassische Mutantenfähigkeiten (Telekinese, Teleportation, Telepathie, Heilkräfte), die Manipulation von physikalischen Gegebenheiten (Feuer, Eis, Masse), aber auch die mit Urängsten verbundenen Fähigkeiten, Tiere fernzusteuern, Dämonen aus
einer anderen Dimension heraufzubeschwören oder gar Tote zum
(Zombie-)Leben zurückzurufen.
Eine besondere Rolle spielen die sogenannten Cogs, meist ohnehin Genies, deren rationale Fähigkeiten unvorstellbar geseteigert werden. Und so hat sich auch die menschliche Technologie in andere Richtungen entwickelt. Die Erfindungen von Einstein, Edison und Tesla (!) prägen eine deutlich abweichende Wissenschaftswelt. Die Luftfahrt wird von zeppelinartigen Luftschiffen dominiert, und die Atombombe ist nicht einmal die schrecklichste bisher erfundene Waffe. Im dritten Band spielt der Cog Buckminster Fuller eine entscheidende Rolle, uns als Architekt, Erbauer geodätischer Kuppeln und Namensgeber für die Fullerene bekannt.
Vor diesem Hintergrund hat der Erste Weltkrieg zwar einen ähnlichen Verlauf wie in unserer Geschichte genommen, seine Schrecken haben aber durch das Aufeinanderprallen der Mutanten eine besondere Dimension gewonnen. So liegt Berlin in Schutt und Asche und dient, von einer hohen Mauer umgeben, nun als Ghetto für die von Kaiser Wilhelms Magiern freigesetzten Zombies. Als Gewinnermächte stehen sich weltpolitisch nun die Amerikaner und ein übermächtiges japanisches Reich gegenüber.
Als Gegengewicht zum zentral von einem scheinbar unbesiegbaren Supermutanten gesteuerten Japan mit seinen Elitetruppen, der mit übermenschlichen Kräften operierenden eisernen Garde und teleportierenden Ninjas, hat sich in den USA und anderen alliierten Ländern die Gesellschaft der "Grimnoir" etabliert, eine Art Freimaurer-Organisation der Mutanten. Sie stemmen sich meist im Verborgenen gegen die japanische Bedrohung und müssen gleichzeitig gegen die Vorurteile und Beschwichtigungspolitik des amerikanischen Establishments ankämpfen, deren Schlüsselfiguren J. Edgar Hoover und Franklin D. Roosevelt die wahre Bedrohung nicht erkennen wollen. Je mehr man jedoch über die Herkunft der geheimnisvollen Kräfte erfährt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Ich beschreibe diesen Hintergrund der Trilogie deswegen so im Detail, weil die fabelhafte Ausarbeitung dieser alternativen Realität die wesentliche Qualität der Romane ausmacht. Daneben sind aber auch einige durchaus überzeugende Charakterzeichnungen zu nennen. Insbesondere die komplexen Hauptfiguren sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Dabei entspricht Gravitationsmanipulator, Weltkriegsveteran und Privatdetektiv Jake Sullivan am ehesten einer Chandler-Figur, während die junge, hochbegabte Teleporterin Faye moderner, fast emanzipatorisch wirkt. Auch einige der Nebenfiguren beruhen übrigens auf historischen Persönlichkeiten, so etwa der (nun telepathische) General Pershing als Anführer der amerikanischen Grimnoir und sein Stellvertreter John Browning, der als Cog noch ausgefuchstere Waffen herstellt als sein ohnehin schon berühmtes Vorbild. Wie oft in mehrteiligen Erzählungen sind gerade die im zweiten Band eingeführten Figuren schwächer. Mit diesen reinen Handlungsträgern hat der Leser eine geringere emotionale Bindung. Mit dem aus der Iron Guard desertierten Toru gibt es dann aber doch noch eine interessante neuere Figur.
Während Correias Helden teilweise aus der Schwarzen Serie stammen könnten, ist die Handlung sehr von (ungemein spannenden) Actionszenen bestimmt. Zu Beginn möchte man die Romane der Urban Fantasy zuordnen, aber mit der Zeit stellt sich heraus, daß es sich tatsächlich um waschechte Science Fiction handelt, und solche gut durchdachten Szenarien findet man nur selten. Besonders bezogen auf seine Vorgängerromane wird Correias Waffenfetischismus kritisiert. In dieser Trilogie fand ich diesen Aspekt nicht störend. Es gibt viele Kampfhandlungen, bei denen (neben den Mutantenkräften) eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen zum Einsatz kommen, und die Detailliertheit der Beschreibungen fand ich durchaus angemessen. Insgesamt betrachte ich die Reihe als intelligente, spannende Unterhaltung auf hohem Niveau. Für die Hugos wäre es vielleicht geschickter gewesen, die komplette Trilogie und nicht nur den Abschlußband zu nominieren. So oder so halte ich diese Überraschung in der Kategorie Roman für einen würdigen Beitrag.
Eine besondere Rolle spielen die sogenannten Cogs, meist ohnehin Genies, deren rationale Fähigkeiten unvorstellbar geseteigert werden. Und so hat sich auch die menschliche Technologie in andere Richtungen entwickelt. Die Erfindungen von Einstein, Edison und Tesla (!) prägen eine deutlich abweichende Wissenschaftswelt. Die Luftfahrt wird von zeppelinartigen Luftschiffen dominiert, und die Atombombe ist nicht einmal die schrecklichste bisher erfundene Waffe. Im dritten Band spielt der Cog Buckminster Fuller eine entscheidende Rolle, uns als Architekt, Erbauer geodätischer Kuppeln und Namensgeber für die Fullerene bekannt.
Vor diesem Hintergrund hat der Erste Weltkrieg zwar einen ähnlichen Verlauf wie in unserer Geschichte genommen, seine Schrecken haben aber durch das Aufeinanderprallen der Mutanten eine besondere Dimension gewonnen. So liegt Berlin in Schutt und Asche und dient, von einer hohen Mauer umgeben, nun als Ghetto für die von Kaiser Wilhelms Magiern freigesetzten Zombies. Als Gewinnermächte stehen sich weltpolitisch nun die Amerikaner und ein übermächtiges japanisches Reich gegenüber.
Als Gegengewicht zum zentral von einem scheinbar unbesiegbaren Supermutanten gesteuerten Japan mit seinen Elitetruppen, der mit übermenschlichen Kräften operierenden eisernen Garde und teleportierenden Ninjas, hat sich in den USA und anderen alliierten Ländern die Gesellschaft der "Grimnoir" etabliert, eine Art Freimaurer-Organisation der Mutanten. Sie stemmen sich meist im Verborgenen gegen die japanische Bedrohung und müssen gleichzeitig gegen die Vorurteile und Beschwichtigungspolitik des amerikanischen Establishments ankämpfen, deren Schlüsselfiguren J. Edgar Hoover und Franklin D. Roosevelt die wahre Bedrohung nicht erkennen wollen. Je mehr man jedoch über die Herkunft der geheimnisvollen Kräfte erfährt, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Gut und Böse.
Ich beschreibe diesen Hintergrund der Trilogie deswegen so im Detail, weil die fabelhafte Ausarbeitung dieser alternativen Realität die wesentliche Qualität der Romane ausmacht. Daneben sind aber auch einige durchaus überzeugende Charakterzeichnungen zu nennen. Insbesondere die komplexen Hauptfiguren sind mir beim Lesen sehr ans Herz gewachsen. Dabei entspricht Gravitationsmanipulator, Weltkriegsveteran und Privatdetektiv Jake Sullivan am ehesten einer Chandler-Figur, während die junge, hochbegabte Teleporterin Faye moderner, fast emanzipatorisch wirkt. Auch einige der Nebenfiguren beruhen übrigens auf historischen Persönlichkeiten, so etwa der (nun telepathische) General Pershing als Anführer der amerikanischen Grimnoir und sein Stellvertreter John Browning, der als Cog noch ausgefuchstere Waffen herstellt als sein ohnehin schon berühmtes Vorbild. Wie oft in mehrteiligen Erzählungen sind gerade die im zweiten Band eingeführten Figuren schwächer. Mit diesen reinen Handlungsträgern hat der Leser eine geringere emotionale Bindung. Mit dem aus der Iron Guard desertierten Toru gibt es dann aber doch noch eine interessante neuere Figur.
Während Correias Helden teilweise aus der Schwarzen Serie stammen könnten, ist die Handlung sehr von (ungemein spannenden) Actionszenen bestimmt. Zu Beginn möchte man die Romane der Urban Fantasy zuordnen, aber mit der Zeit stellt sich heraus, daß es sich tatsächlich um waschechte Science Fiction handelt, und solche gut durchdachten Szenarien findet man nur selten. Besonders bezogen auf seine Vorgängerromane wird Correias Waffenfetischismus kritisiert. In dieser Trilogie fand ich diesen Aspekt nicht störend. Es gibt viele Kampfhandlungen, bei denen (neben den Mutantenkräften) eine Vielzahl unterschiedlicher Waffen zum Einsatz kommen, und die Detailliertheit der Beschreibungen fand ich durchaus angemessen. Insgesamt betrachte ich die Reihe als intelligente, spannende Unterhaltung auf hohem Niveau. Für die Hugos wäre es vielleicht geschickter gewesen, die komplette Trilogie und nicht nur den Abschlußband zu nominieren. So oder so halte ich diese Überraschung in der Kategorie Roman für einen würdigen Beitrag.
Samstag, 21. Juni 2014
Die Hugo-nominierten "Noveletten"
Die Form der "Novelette" ist eine künstlich zwischen Kurzgeschichte und Novelle eingeschobene Kategorie von Erzählungen mit 7.500 bis 17.500 Wörtern. Ich würde sie eher den Kurzgeschichten zuordnen, auch wenn bei dieser Länge mehr Raum für verschiedene Handlungsebenen und die Figurenentwicklung bleibt.
Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:
5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day
Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.
“The Exchange Officers”, Brad Torgersen
Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.
“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard
Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.
“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa
Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).
“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang
Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...
Alle Nominierungen sind im Voters Pack enthalten ("Lady Astronaut" leider nur als PDF). Hier meine Rangliste, von schlecht bis gut:
5. Opera Vita Aeterna”, Vox Day
Vox Day ist ein Pseudonym von Theodore Beale, offenbar eine unangenehme Person. Er hat es letztes Jahr geschafft, wegen übler rassistischer Bemerkungen aus der amerikanischen Autorenvereinigung rausgeworfen zu werden und ist vor allem unter fundamentalistischen Christen beliebt. In der Geschichte selbst geht es um die Entstehung einer legendären mittelalterlichen Bibelabschrift. Als Thema durchaus originell, ist die Gesamtabsicht aber so verquer wie die sich zumindest mir nicht erschließende Grammatik des lateinischen Titels.
“The Exchange Officers”, Brad Torgersen
Brad (R.) Torgersen ist ein durchaus populärer Vertreter militärischer SF, scheinbar sowohl Scientology als auch der LDS-Kirche verbunden. Anders als bisher bei Brad Sanderson oder dem frühen Orson Scott Card (der zu Beginn seine ideologischen Scheuklappen gut verbergen konnte) scheint die simplistische mormonische Weltsicht unangenehm durch in dieser Geschichte einer Konfrontation amerikanischer und chinesischer Astronauten (bzw. ferngesteuerter Roboter) um eine Raumstation im Orbit.
“The Waiting Stars”, Aliette de Bodard
Aliette de Bodard ist eine in den USA geborene Französin mit vietnamesischen Wurzeln, schreibt aber in Englisch. Diese Geschichte ist auf zwei Ebenen erzählt, die am Ende "überraschend" verknüpft werden. Es geht um "Ship Minds", künstliche (?) Intelligenzen einer fernen Zukunft, die Raumschiffe quasi beseelen. Das ist ganz interessant, aber nicht wirklich fesselnd. Vielleicht aufgrund der Kürze, oder wegen mangelnder sprachlicher Mittel bleiben die Figuren recht eindimensional.
“The Lady Astronaut of Mars”, Mary Robinette Kowa
Mary Robinette Kowa hatte lange als Puppenspielerin u.a. für die Jim-Henson-Company gearbeitet, bevor sie innerhalb der letzten Jahren etliche Kurzgeschichten und vier Romane veröffentlichte. Ihre Novelette spielt offenbar in einer alternativen Zeitlinie, in der Washington in den 50ern durch einen Asteroideneinschlag zerstört wurde, was eine Beschleunigung des Raumfahrtprogramms und die Besiedlung von Mars und Venus binnen Jahrzehnten auslöste. Das ist kaum glaubwürdig, aber darum geht es in dieser Geschichte eigentlich nicht. Die "Astronautendame vom Mars" war in ihrer Jugend das Aushängeschild der PR-Abteilung der "NAS", die Frauen zur Kolonisierung der Planeten bewegen wollte, ist jetzt aber über 60 Jahre alt und lebt mit ihrem sterbenden Ehemann auf dem Mars. In Ich-Form hadert sie mit dem Dilemma, daß ihr jetzt die ersehnte letzte Weltraummission angeboten wird, während sie eigentlich für ihren Mann da sein möchte, und reflektiert über die Vergangenheit. Das ist trotz des merkwürdigen, an naive Weltraumabenteuer der 50er erinnernden SF-Rahmens (Computer-Lochkarten!) bewegend und interessant (vielleicht war die Idee tatsächlich, die Geschichte so zu schreiben, als sei sie in den 50ern entstanden).
“The Truth of Fact, the Truth of Feeling”, Ted Chiang
Diese in einer nahen Zukunft spielende Reflexion auf die Auswirkungen moderner Aufzeichnungstechnologie des bereits mehrfach preisgekrönten China-stämmigen Amerikaners Ted Chiang hat mich mit Abstand am meisten überzeugt. In der ersten Erzählebene berichtet ein Blog-Autor in Ich-Form von seiner Reportage über ein neues Videosystem, mit dessen Hilfe man sein komplettes Leben dokumentieren kann. Über einen intelligenten Suchalgorithmus kann man jederzeit objektive Aufzeichnungen aus beliebigen Lebensphasen abrufen. Der Erzähler stellt fest, daß seine persönlichen Erinnerungen im starken Gegensatz zu den objektiven Belegen stehen und offenbar eher einem Ideal seiner selbst entsprechen. Aber ist es wirklich immer nützlich, Zugang zur "objektiven Wahrheit" zu haben? Die zweite Erzählebene handelt von einem afrikanischen Volk ohne Schriftsprache, und vom jungen Jijingi, der von europäischen Missionaren das Schreiben lernt, aber bald ebenfalls mit dem Gegensatz von Wahrheit und Wahrhaftigkeit (oder Wahrheitsempfinden) konfrontiert wird, denn schriftliche Aufzeichnungen entsprechen nicht unbedingt den mündlich überlieferten Tatsachen...
Einzigartiges Erlebnis: Boyhood (8/10)
Dieses einzigartige Projekt haben viele Kritiker bejubelt, aber nur wenige Zuschauer gesehen. Über zwölf Jahre mit den gleichen Hauptdarstellern gedreht, schildert Boyhood die Kindheit und Jugend des zu Beginn etwa 6jährigen Mason (Ellar Coltrane). Es ist zwar eine überdurchschnittlich wechselhafte, aber durchaus vertraute Familiengeschichte.. Die Mutter (Patricia Arquette) fällt reihenweise auf die falschen Männer rein, der Vater (Ethan Hawke) bleibt ein entfernter Wochenendbezug, und man zieht von einer Kleinstadt nach Houston, dann wieder in eine texanische Kleinstadt. Neben Mason sieht man auch seine Schwester Samantha (Lorelei Linklater, Tochter des Regisseurs) die Pubertät durchlaufen. Die episodische Erzählstruktur bringt Vorteile: Wenn eine Szene peinlich oder banal zu werden droht, wird einfach weitergeblendet. So ergeben viele bekannte Puzzleteile doch ein neues Ganzes. Und nebenbei erkennt man, daß die Makeup- und Computertricks der üblichen Hollywood-Produktionen nicht mithalten können mit den Veränderungen, die zwölf reale Jahre vor allem bei den jungen Darstellern bewirken.
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
Wie gut das dem Zuschauer gefällt, hängt von jedem einzelnen ab. Es sind lange 166 Minuten, die aber immer wieder verblüffen und amüsieren können. Zwischendurch war ich mal wieder erschüttert über das selten porträtierte dröge amerikanische Kleinstadtleben mit seinen Alkoholikern und Gewaltausbrüchen, aber insgesamt hat die Geschichte doch einen optimistischen Dreh. Patricia, Jahrgang 68, die weniger hübsche, aber talentiertere der Arquette-Schwestern, mochte ich eigentlich noch nie (aber vielleicht vermisse ich einfach die schöne Rosanna: "Meet you all the way!"). Hier spielt sie aber authentisch und mutig eine Frau, die spät im Leben innere Stärke findet. Ein wenig muß sie wohl Ethan Hawke beneiden, der mit 44 Jahren noch wenig von seiner spitzbübisch-jugendlichen Ausstrahlung verloren hat, als planloser Vater aber ebenfalls glaubwürdig wirkt. Wie mit seiner "Before"-Trilogie schreibt Regisseur und Autor Richard Linklater hier Kinogeschichte.
So bin ich froh, daß ich diesen einzigartigen Film erlebt habe, möchte ihn so schnell aber auch nicht nochmals schauen. Sehr gut (8/10).
Montag, 9. Juni 2014
Die X-Men sind zurück: Zukunft ist Vergangenheit (9/10)
Als 2011 in Erste Entscheidung die jüngeren Ausgaben der X-Men eingeführt wurden, um in den 60ern die Kubakrise aufzumischen, schien mir das Konzept noch recht bemüht, und trotz guter Darsteller wie Michael Fassbender als junger Magneto fand ich das Ergebnis nur mittelmäßig. In Zukunft ist Vergangenheit treffen nun die Generationen aufeinander, und plötzlich klickt die Verbindung. Vielleicht ist das Gelingen auch auf die Rückkehr von Hugh Jackmans Wolverine zurückzuführen, der als nicht alternder "Unsterblicher" in beiden Zeitebenen agieren kann und sich bereits in der Ursprungstrilogie zur Identifikationsfigur des Zuschauers entwickelt hatte.
Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.
Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.
Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.
Herausragend (9/10)!
Für die nötige Gravitas sorgen nun Sir Ian und Sir Patrick, während die jungen Ausgaben James McAvoy und Fassbender befreit aufspielen können, unterstützt von Jennifer Lawrence als Mystique am Scheideweg und dem ungeheuer sympathischen Nicholas Hoult als Beast. Bei einer Laufzeit von 132 Minuten ist es verständlich, daß die übrigen Veteranenauftritte eher als Cameos gewertet werden sollten. Trotzdem schön, Halle Berry als Storm, Ellen Page als Kitty Pryde, Shawn Ashmore als Iceman und (sehr kurz) Anna Paquin als Rogue wiederzusehen. Als Neuzugänge muß man den bislang recht unbekannten Evan Peters als Quicksilver loben, und natürlich Peter "Tyrion Lannister" Dinklage als zwielichtigen Wissenschaftler Dr. Trask.
Sowohl die futuristische Technik der Zukunftsebene als auch die augenzwinkernd und detailreich realisierte Ebene der 70er Jahre überzeugen. Als Clou sieht man auf einem Fernsehbildschirm kurz Captain Kirk und Sulu in einer Zeitreisegeschichte! Die Kämpfe finden gleichermaßen auf phyischer wie psychischer Ebene statt und sind technisch perfekt inszeniert.. Atemberaubend ist die bisher schönste Sequenz des Kinojahres, eine lyrische Actionszene, die selbst John Woo zu Tränen rühren müßte. "Time in a Bottle" des unsterblichen Jim Croce ist die perfekte Untermalung für dieses fast blutlose trickreiche Ballett. Aber es gibt auch gelungene Effekte größeren Ausmaßes, wenn etwa der junge Magneto ein komplettes Stadionrund "umziehen" läßt oder in der Zukunft die Sentinels zum letzten Gefecht am Zufluchtsort der X-Men eintreffen.
Es hat sich also gelohnt, daß Bryan Singer nach den ersten beiden Teilen erstmalig wieder den Regiestuhl übernahm, und Autor Simon Kinberg hat sich für den vor allem vom Amateurfilmemacher Brett Ratner verhunzten dritten Teil rehabilitiert. Marvel hat nun neben den Avengers ein zweites vielversprechendes Franchise wiederbelebt, Patrick Stewart und Ian McKellen haben sich würdig verabschiedet, und die Spannung auf das für 2016 geplante X-Men: Apocalypse steigt.
Herausragend (9/10)!
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