Da habe ich mich gerade noch gewundert, dass Aquaman unter Wasser sprechen kann, dabei kann Mary Poppins dort sogar singen! Dass mir das aufgefallen ist, zeigt leider, dass mich die Disney-Fantasie nicht so recht einfangen konnte. Und das sogar zur Weihnachtszeit, in der man für sentimentalen Quatsch am ehesten zu haben ist (Schmalz-Tip: A Christmas Prince mit Rose McIver bei Netflix - das Original vom letzten Jahr, nicht die alberne Fortsetzung). Disneys Original von 1964 mag ich sehr wohl, auch wenn ich es beileibe nicht für deren bestes Werk halte (vielleicht, wenn ich damals Kind gewesen wäre - aber so alt bin ich auch wieder nicht). Leider hat das Team um Regisseur Rob Marshall (Chicago) und Autor David Magee (Life of Pi) auch dessen Schwächen ins 21. Jahrhundert hinübergerettet, vor allem die selbstverliebten überlangen Tanzszenen.
Aber im Endeffekt sind es die Lieder der Sherman-Brüder (Das Dschungelbuch), die den Klassiker auch heute noch so vergnüglich machen: A Spoonful of Sugar, Chim Chim Cheree, Feed the Birds, Let's Go Fly a Kite etc. Dagegen können Komponist Marc Shaiman und sein Texter Scott Wittman nur leise anpusten. Da werden dann der smogverdeckte Londoner Himmel besungen (Lovely London Sky), Binsenweisheiten heraufbeschworen (A Cover Is Not The Book), oder den Kindern der Bär aufgebunden, dass die verstorbene Mutter ja gar nicht fort, sondern nur irgendwie verschütt gegangen ist (The Place Where Lost Things Go). Bezeichnenderweise hat es nicht mal für den behaupteten Höhepunkt, Trip a Little Light Fantastic, zu einer Golden-Globe-Nominierung gereicht.
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Nichts auszusetzen habe ich an Emily Blunt in der Titelrolle, die Julie Andrews in Würde nachfolgt und sogar eine ganz nette Stimme hat. Für eine Oscar-Nominierung wird das nicht reichen, aber der Preis für Dame Julie war damals auch die Anerkennung für ihre Paraderolle als Eliza Doolittle auf der Bühne, die ihr für den (trotzdem schönen) Film Audrey Hepburn weggeschnappt hatte (mit Gesang von Marni Nixon). Weniger begeistert war ich von Lin-Manuel Miranda als Lampenwart Jack. Er ist offenbar ein Broadway-Star, bleibt im Vergleich zu Dick van Dyke als Schornsteinfeger Berti aber blass (von dessen Eleganz und Beweglichkeit sogar Fred Astaire geschwärmt hatte). Der 93jährige hat übrigens einen schönen Gastauftritt als Banker Dawes Jr., genauso wie die gleichaltrige Angela Lansbury als Ballonverkäuferin (ein Tribut an die vogelfütternde Jane Darwell). Colin Firth darf mal seine fiese Seite zeigen, und Meryl Streep - na ja, sie hat sich als Gag einen besonders schrägen Akzent ausgedacht, aber ihr Gesangstalent wird verschwendet an die Kröte Turning Turtle.
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Mit einer Rückkehr von Mary Poppins hat eigentlich niemand mehr gerechnet, und bis auf Disneys Kassen hat sie auch niemanden so recht bereichert. Sie hat der Geschichte und Botschaft von P.L. Travers nichts hinzuzufügen. Die 1996 verstorbene Autorin hätte die Fortsetzung übrigens genauso gehasst wie das Original, vor allem die auch diesmal wieder vorhandene Zeichentricksequenz. Für die schönen Bilder, netten Darsteller und die harmlose Musik kann ich mit viel Wohlwollen (und Weihnachtsbonus) noch ein Ordentlich vergeben (6/10).
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Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Freitag, 28. Dezember 2018
Freitag, 21. Dezember 2018
Der Wassermann kommt: Aquaman (7/10)
Mit Aquaman haben die DC-Filme den Spaß wiedergefunden, den Batman und Superman so gar nicht verstehen. Solange man gleich zu Beginn sein Hirn fluten läßt, ist dies ein buntes Unterwasserabenteuer der Extraklasse. Das man wie gesagt mit verwässertem Verstand genießen sollte. Denn selbst unser Held wundert sich, dass er sich unter Wasser unterhalten kann. Und das ist noch die geringste Unwahrscheinlichkeit, in einer Welt bevölkert von wiehernden Seepferdchen, trommelnden Kraken und putzigen Urzeitwesen. Der Atlantier heißt übrigens eigentlich Arthur, ist selbstverständlich Sohn einer Königin (und eines trinkfesten Maori-Leuchtturmwärters, mit Herz verkörpert von Temuera Morrison) und fast so unverletzlich wie ein Asgardier.
Jason Momoa hatte mir schon in Justice League gefallen (gerade erst habe ich entdeckt, dass er mit der hinreißenden Lisa Bonet verheiratet ist!) In seinem Soloabenteuer, welches nach dem Sieg über Steppenwolf spielt, perfektioniert er seine bärbeißige Lässigkeit, seine Sprüche sind oft das Salz im Meerwasser. Und trotz seiner eindrucksvollen, kugelsicheren Muskelpakete spürt man doch gelegentlich die innere Verletzlichkeit des verstoßenen Bastards, der mit dem Unterseereich eigentlich nichts zu tun haben will. Bei seiner Leading Lady Amber Heard war ich zunächst sehr skeptisch. Durch ihre stürmische Kurzehe mit Johnny Depp nebst Scheidungskrieg hat sie sich keine Freunde gemacht, auch wenn sie dann die ihr zugesprochenen Millionen gespendet hat. Aber mit ihren langen, algenroten Haaren und enganliegendem Schuppenkostüm ist ihre Prinzessin Mera doch mehr als nur eine Barbie am Haken zweiter Fischmänner. Der zweite ist übrigens Arthurs Halbbruder Orm, eine blasse Figur, die Patrick Wilson (nicht mit Owen verwandt) gerade so über Wasser halten kann.
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Angenehm überrascht hat mich Nicole Kidman als Arthurs Vater. Die 51jährige hat inzwischen (sicherlich dank Hautstraffungen und viel Schminke) eine Aura der Alterslosigkeit und wirkt daher oft überheblich oder deplatziert. Hier macht sie in ihrem Muschelkostüm eine gute Figur, gelegentlich blitzt sogar der Schalk aus ihren wasserblauen Augen. Dann gibt es da noch Willem Dafoe als Arthurs Mentor Vulko mit fließender Agenda. Er ist ein seltener Überläufer von Marvel, für die er 2001 im originalen Spider Man einen erinnerungswürdigen Green Goblin gab, gerade im Vergleich mit Neuling Yahya Abdul-Mateen II, der hier alsFord Prefect Manta (warum nicht Mantis? Rechtestreit mit Marvel?) als ziemlich generischer schwarzer Schurke daherkommt. Einen der (vier bis sieben) Unterwasserkönige und Vater von Mera spielt übrigens Dolph Lundgren, ein Besetzungscoup, der an mir vorbeiging, da ich kein Kenner von B-Action bin.
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Kern von Aquaman sind allerdings die Schauwerte, und davon gibt es reichlich. Das versunkene Reich ist so eine Art Wakanda in der Tiefsee, das mit irrsinnigen Kamerafahrten präsentiert wird. Auch hier leben Traditionen neben hochentwickelten Technologien (lustig übrigens die mit Wasser gefüllten "Taucheranzüge" der Meersoldaten, ohne die sie an Land ersticken würden). Aber während wir Wakanda durch die Augen seiner Bewohner (und des CIA-Gasts) entdecken durften, ist Atlantis mehr eine Lightshow für Taucher, mit allerdings immer wieder neuen Überraschungen. Wohlgemerkt visueller Art, denn die Handlung ist nicht einfallsreicher als etwa die der Neuauflage von Tomb Raider (die ich nur wegen Alicia Vikander mochte). Nach 20 Minuten weiß man schon, was in der letzten Szene passieren wird (selbst die Postcredit-Szene ist vorhersehbar).
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Gelegentlich plätschert die Handlung nur so vor sich hin, und dann wirken die 143 Minuten doch etwas lang. Und abgesehen von Roy Orbisons She's a Mystery To Me möchte ich die Musikbeiträge gnädig ignorieren. Macht insgesamt nichts. Aquaman ist nicht Wonder Woman, auch nicht Black Panther (trotz einiger ethnischer Rollen sind die Protagonisten doch überwiegend schneeweiß), aber doch zehnmal unterhaltsamer als etwa Man of Steel. Gut (7/10).
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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Jason Momoa hatte mir schon in Justice League gefallen (gerade erst habe ich entdeckt, dass er mit der hinreißenden Lisa Bonet verheiratet ist!) In seinem Soloabenteuer, welches nach dem Sieg über Steppenwolf spielt, perfektioniert er seine bärbeißige Lässigkeit, seine Sprüche sind oft das Salz im Meerwasser. Und trotz seiner eindrucksvollen, kugelsicheren Muskelpakete spürt man doch gelegentlich die innere Verletzlichkeit des verstoßenen Bastards, der mit dem Unterseereich eigentlich nichts zu tun haben will. Bei seiner Leading Lady Amber Heard war ich zunächst sehr skeptisch. Durch ihre stürmische Kurzehe mit Johnny Depp nebst Scheidungskrieg hat sie sich keine Freunde gemacht, auch wenn sie dann die ihr zugesprochenen Millionen gespendet hat. Aber mit ihren langen, algenroten Haaren und enganliegendem Schuppenkostüm ist ihre Prinzessin Mera doch mehr als nur eine Barbie am Haken zweiter Fischmänner. Der zweite ist übrigens Arthurs Halbbruder Orm, eine blasse Figur, die Patrick Wilson (nicht mit Owen verwandt) gerade so über Wasser halten kann.
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Angenehm überrascht hat mich Nicole Kidman als Arthurs Vater. Die 51jährige hat inzwischen (sicherlich dank Hautstraffungen und viel Schminke) eine Aura der Alterslosigkeit und wirkt daher oft überheblich oder deplatziert. Hier macht sie in ihrem Muschelkostüm eine gute Figur, gelegentlich blitzt sogar der Schalk aus ihren wasserblauen Augen. Dann gibt es da noch Willem Dafoe als Arthurs Mentor Vulko mit fließender Agenda. Er ist ein seltener Überläufer von Marvel, für die er 2001 im originalen Spider Man einen erinnerungswürdigen Green Goblin gab, gerade im Vergleich mit Neuling Yahya Abdul-Mateen II, der hier als
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Kern von Aquaman sind allerdings die Schauwerte, und davon gibt es reichlich. Das versunkene Reich ist so eine Art Wakanda in der Tiefsee, das mit irrsinnigen Kamerafahrten präsentiert wird. Auch hier leben Traditionen neben hochentwickelten Technologien (lustig übrigens die mit Wasser gefüllten "Taucheranzüge" der Meersoldaten, ohne die sie an Land ersticken würden). Aber während wir Wakanda durch die Augen seiner Bewohner (und des CIA-Gasts) entdecken durften, ist Atlantis mehr eine Lightshow für Taucher, mit allerdings immer wieder neuen Überraschungen. Wohlgemerkt visueller Art, denn die Handlung ist nicht einfallsreicher als etwa die der Neuauflage von Tomb Raider (die ich nur wegen Alicia Vikander mochte). Nach 20 Minuten weiß man schon, was in der letzten Szene passieren wird (selbst die Postcredit-Szene ist vorhersehbar).
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Gelegentlich plätschert die Handlung nur so vor sich hin, und dann wirken die 143 Minuten doch etwas lang. Und abgesehen von Roy Orbisons She's a Mystery To Me möchte ich die Musikbeiträge gnädig ignorieren. Macht insgesamt nichts. Aquaman ist nicht Wonder Woman, auch nicht Black Panther (trotz einiger ethnischer Rollen sind die Protagonisten doch überwiegend schneeweiß), aber doch zehnmal unterhaltsamer als etwa Man of Steel. Gut (7/10).
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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Samstag, 8. Dezember 2018
Oh weh! Mowgli: Legende des Dschungels (4/10)
Zwei Jahre nach Jon Favreaus gelungener Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch läuft nun seit Freitag die lange erwartete Parallelproduktion Mowgli von Andy Serkis bei Netflix, nachdem Warner Bros. sie unzeremoniell an den Streaminganbieter verhökert hat. Man kann wohl vermuten, dass sie an den Kinokassen gnadenlos untergegangen wäre: zu düster für Kinder, zu zerfahren für Erwachsene.
Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.
Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.
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Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.
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Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).
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So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).
Wenn ich eine Goldene Himbeere für die schlechteste stimmliche Darbietung des Jahres zu verleihen hätte, ginge diese an die zweifache Oscar-Preisträgerin Cate Blanchett. Ihr Voiceover, mit dem die Python Kaa als Erzählerin zu Beginn und Ende der Geschichte von Mowgli einen Rahmen gibt., ist tierisch peinlich. Sie versucht an die Weisheit der äonenalten Elbin Galadriel anzuknüpfen, kommt aber leider nur wie die pompöse Ansagerin eines Schmierentheaters rüber. Die meisten ihrer Kollegen können etwas mehr überzeugen, so etwa Christian Bale als erstaunlich rumpeliger Panther Bagheera und Benedict Cumberbatch als bedrohlicher, Smaug artverwandter Tiger Shere Khan. Aber die meisten kleinen Rollen, inklusive Andy Serkis' Bär Baloo, wirken fehlbesetzt oder zumindest farblos.
Den Stimmkünstlern kann ich allerdings nicht die Hauptschuld an dieser Naturkatastrophe geben. In zwei weiteren entscheidenden Aspekten versagt die Neuinterpretation von Andy Serkis, der ja bei Peter Jackson in die Lehre ging. Für ihn verkörperte er nicht nur Gollum und King Kong, sondern übernahm oft auch die Regie des zweiten Units. Zum einen geht das Konzept der computergenerierten tierischen Darsteller nicht auf, und zum anderen entfernt sich die Handlung nicht weit genug von der berühmten Disney-Version.
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Was bei Gollum und Caesar (in der erfolgreichen neuen Trilogie um den Planet der Affen) eindrucksvoll wirkte, klappt mit Wölfen und Raubkatzen nur bedingt. Über den Motion-Capture-Prozess wurde die Mimik der menschlichen Darsteller auf die computergenerierten Tiere übertragen. Das führt zu verstörenden Chimäreneffekten. Die Figuren werden vermenschlicht, ohne dass sie sich (wie bei Disney) in liebevolle Karikaturen verwandeln. Matt Zoller Seitz nennt das in seiner klugen Kritik (2/4 Sterne) "uncanny valley feeling". Shere Khan ist eben nicht photorealistisch wie sein Argenosse aus Das Leben des Pi, sondern sieht aus wie Cumberbatch im Tigerfell. Die Tierdarsteller sind nicht mehr so putzig wie in der Realverfilmung von Disneys Dschungelbuch, aber doch noch zu vermenschlicht, um als wilde Wesen durchzugehen.
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Ähnliches gilt für die Handlung. Ziel der Produktion war es, sich näher an Rudyard Kiplings Buch zu orientieren (allein schon aus rechtlichen Gründen). Das Drehbuch stammt von der völlig unerfahrenen Callie Kloves, Tochter von Steve Kloves (Harry Potter, Wonder Boys, The Fabulous Baker Boys). Es gelingt ihr einfach nicht, Kiplings sparsamer Prosa Fleisch auf die Knochen zu zaubern. Nehmen wir nur Mowglis Entführung durch die Affenbande. Das ist im Buch eine kleine Episode, in der unser kleine Held die Äffchen als Zerrspiegel seiner selbst begreift. Im Film wird daraus eine kurze Actionsequenz, in der die Primaten wie gruselige Gremlins wirken. Oder der immerhin vom Regisseur selbst gespielte Baloo: Er entspricht zwar eher der literarischen Vorlage, gewinnt aber kaum Kontur (vielleicht kann ich auch einfach den gemütlichen Disney-Bären nicht aus meiner Erinnerung verdrängen). In der zweiten Hälfte der Handlung wird's zwar etwas besser, aber die dazuerfundene Figur des Jägers Lockwood (Matthew Rhys) fand ich am Ende nur ärgerlich, vor allem weil die indischen Dorfbewohner nur Kulisse für den weißen Wichtigtuer sein dürfen (inklusive der bezaubernden Freida Pinto, die in einer sehr merkwürdigen Szene dem hübschen Jungdarsteller Rohan Chand die Haare waschen durfte).
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So sehr ich Andy Serkis mag (der gerade in Black Panther einen denkwürdigen Schurken gab), so wenig konnte ich mit seiner ersten Regiearbeit anfangen (inzwischen gibt es mit Solange ich atme eine zweite, die bei der Kritik besser weggekommen ist). Und das, obwohl er viele Kollegen aus seinen Mittelerde-Jahren zur Mitarbeit bewegen konnte. Natürlich reicht es für ein paar schöne Bilder (bei entsprechendem Equipment in Dolby Vision und UHD-Auflösung), und es gibt auch spannende und komische Elemente, aber ein überzeugendes Ganzes ergibt das nicht. Vielleicht waren in diesem Fall 100 Minuten tatsächlich zu kurz. Erträglich (4/10).
Montag, 26. November 2018
Mamma Mia! Here We Go Again. (7/10)
Die beiden Mamma-Mia-Musicals sind randvoll mit guter Laune gefüllte Partyfilme, die man am besten leicht beschwipst genießt (mich haben ein paar Pinnchen westfälischer Pflaumenschnaps in Stimmung gebracht). Eine wirkliche Handlung gibt es nicht, stattdessen erfreut man sich an der herrlichen Insellandschaft (deren satte Farben auf den Zuschauer insbesondere in Dolby Vision einen zusätzlichen Extasy-Effekt haben), den schönen, ausgelassen tanzenden Menschen aller Generationen und natürlich den zeitlosen ABBA-Melodien, die von den Darstellern (teilweise mit erstaunlichem Erfolg) selbst geträllert und in den Arrangements erfreulicherweise weitgehend vom Disco-Gestampfe befreit wurden (unter der Regie Ihrer Hoheiten Björn Ulvaeus und Benny Andersson persönlich, die auch beide kleine Cameos haben).
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Der erste Film (der weitgehend dem Bühnenmusical entspricht) handelte von Sophie (Amanda Seyfried), die mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer kleinen griechischen Insel aufgewachsen ist. Zu ihrer Hochzeit mit Sky (Dominic Cooper), die im kleinen Touristenhotel des Gespanns stattfinden soll, lädt Sophie anhand vager Informationen aus Donnas alten Tagebuch heimlich ihre drei potentiellen Väter ein, dargestellt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard. Entsprechend komische Verwicklungen folgen...
Zehn Jahre später gibt es nun die Fortsetzung (Here We Go Again). Der hinzugezogene Romanzenspezialist Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Alles eine Frage der Zeit) ließ sich vom Paten, Teil II inspirieren und entwarf mit Regisseur Ol Parker (Autor des Best Exotic Marigold Hotel) und der Mamma-Mia-Erfindern Catherine Johnson und Judy Craymer eine Rückblendenstruktur, in der Lily James als junge Donna glänzt, während in der Gegenwart Sophie der Neueröffnung des Hotels entgegenfiebert. Den Hotelmanager gibt übrigens der Pate der dritten Generation, Andy Garcia (ob Pacino und DeNiro abgesagt hatten?) Donna ist inzwischen gestorben - vielleicht war Meryl Streep zu teuer, für ein Cameo an Schluß reichte es dann aber doch. Abgesehen von diesem ein Jahr zurückliegenden Trauerfall passiert natürlich wieder nix Schlimmes. Am dramatischsten ist noch der Sturm, der dafür sorgt, dass nicht die erhofften Millionäre, sondern nur eine Flotte gut gelaunter Fischersleute zur Eröffnung erscheinen. Plus Überraschungsgäste...
Ich vermute, es gibt kaum jemanden in der westlichen Welt, der nicht wenigstens eine Handvoll Lieder dieser zu den erfolgreichsten Bands unserer Zeit gehörenden Gruppe kennt: Waterloo, Dancing Queen, Thank You For The Music, ... In meiner Schulzeit war es nicht cool, ABBA zu hören. Aber einer gute Melodie konnte ich mich noch nie entziehen (na gut, bei den Bee Gees ziehe ich die Grenze). Es stimmt allerdings, dass die Disco-lastige Produktion so manche schöne Lieder verschandelt hat, etwa auf dem Album Super Trouper (1980). Was flüchtigen Hörern nicht so bewusst sein wird: Die Texte von Björn und (meist) Benny, gelegentlich unter Mitwirkung von Manager Stig Anderson entstanden, sind durchaus nicht alle oberflächliche Schlager. Viele ihrer besten Songs beschreiben persönliche Erlebnisse und Gefühle aus dem Leben der Musiker. Und die Liebeslieder haben oft einen pfiffigen Twist, etwa When I Kissed The Teacher:
Und Hand aufs Herz, wie viele Hörer wissen, dass The Winner Takes It All die Folgen einer Scheidung beschreibt? Mein Lieblingsalbum von ABBA war auch ihr letztes: The Visitors (1981). Es entstand, nachdem beide Bandehen in die Brüche gegangen waren und hat einen deutlich melancholischen Anstrich. Da erzählt dann Slipping From My Fingers die Gefühle der Mutter, die ihr Kind aufwachsen sieht, One of Us und When All Is Said And Done von Trennungsschmerz und Einsamkeit. Daneben gibt es aber auch eine letzte Elegie auf die Musik: I Let The Music Speak, und das witzige Two for the Price of One. Insgesamt ein perfektes Album für kalte Winterabende. Und wieviel Substanz die Melodien auch ohne Gesang und Band haben, kann man auf Benny Anderssons wunderschöner CD Piano hören (die auch Lieder des Ausnahmemusicals Chess und anderer Projekte beinhaltet).
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Für den zweiten Durchgang von Mamma Mia waren die großen Hits zwar fast schon abgegrast. Das hat aber den Vorteil, dass einige Lieder aus der zweiten Reihe zur Geltung kommen, die damit auch noch nicht so abgenudelt erscheinen, etwa Andante Andante, I've Been Waiting For You und (fast unkenntlich von der lokalen "Mariachi"-Band interpretiert) Hole in Your Soul.
Daneben gibt es einige Wiederholungen im neuen Kleid, neben dem Titelsong natürlich auch Dancing Queen, I Have a Dream und im grandiosen Finale (mit den Darstellern aller Generationen vereint) Super Trouper:
Aber in der ABBA-Schatztruhe waren durchaus auch noch ungenutzte Hits zu finden, so etwa Fernando, ein ungewöhnliches Liebeslied aus der mexikanischen Revolution, das nun mittels eines wackligen Kniffs in die Handlung eingebaut wurde. Was macht's, wenn niemand anders als Cher den Gesang übernimmt! Die inzwischen über 70jährige Sängerin war ja schon in den 60ern erfolgreich als Aushängeschild von Sonny & Cher (I Got You Babe). In den 80ern krönte sie eine kurze Schauspielkarriere mit dem Oscar für ihre Hauptrolle im märchenhaft-schönen Mondsüchtig (1987), bevor sie sich wieder (ähnlich erfolgreich) der Musik widmete (auch in Die Hexen von Eastwick und Meerjungfrauen küssen besser war sie toll). Trotz ihres leicht zombiehaften Auftretens hat sie immer noch eine tolle Stimme. Dass die Diva Donnas Mutter spielt, aber nur drei Jahre älter als Meryl Streep ist, darüber denkt man besser nicht nach.
Beim übrigen Cast muss ich zunächst mal die großartigen Gesangsstimmen der Damen herausheben. Von Meryl Streep wusste man das, und Amanda Seyfried überzeugte bereits im ersten Film. Nun überrascht noch Lily James, die ich bislang nicht besonders mochte, nun aber gewillt bin, ihre farblosen Auftritte in Cinderella und insbesondere dem gruseligen Stolz, Vorurteil und Zombies zu vergessen. Einen weiteren Reiz der Fortsetzung macht die Besetzung der beiden Haupttrios in den unterschiedlichen Zeitebenen aus. Im Original waren es Donnas beste Freundinnen, die für Komik und Pfiff sorgten: Julie Walters (Molly Weasley) als Rosie und Christine Baranski (Cybill) als Tanya. In jungen Jahren werden sie nun von Alexa Davies und Jessica Keenan Wynn gespielt, wobei gerade letztere, Spross einer illustren Schauspielerdynastie, Baranskis Posen erheiternd genau imitiert.
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Die Väter ("Sam" Pierce Brosnan, "Harry" Colin Firth und "Bill" Stellan Skarsgard) dagegen waren schon im Original vor allem Eye Candy, weniger Ohrenschmaus (auch wenn ich finde, dass gerade der emeritierte Bond trotz mangelndem Stimmtalent ganz viel Emotion in seine Gesangspassagen einbringen konnte). Bei der Besetzung ihrer jüngeren Versionen konnte man natürlich aus dem Vollen schöpfen, und so überzeugen Jeremy Irvine (Sam), Hugh Skinner (Harry) und Josh Dylan (Bill) auch durch Gesangstalent. Hier fiel mir besodners der bereits TV-erfahrene Hugh Skinner mit seiner amüsanten Firth-Imitation auf.
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Auch wenn im zweiten Teil die Originalidee bereits ein wenig abgestanden ist und ein paar Tanzszenen doch eher gezwungen wirken, kann auch dieser noch prächtig unterhalten. Nochmals loben muss ich die Ton- und Bildqualität der UHD-Präsentation (beider Filme). Beim zweiten Teil haben es übrigens, ein seltenes Vorkommnis, alle Extras auch auf die UHD-Scheibe geschafft, so dass ich die beiliegende Blu-ray gar nicht einlegen musste. Da gibt es dann noch mehr Gesangsnummern und spaßige Interviews mit den Machern und Darstellern, die offenbar alle viel Freude an ihrem Unterfangen hatten, sowie zwei Kommentare und eine Sing-along-Variante (nichts für mich, aber trotzdem eine schöne Zugabe). Daher ziehe ich vom Original auch nur einen Stern ab und lande bei einem Gut (7/10).
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Der erste Film (der weitgehend dem Bühnenmusical entspricht) handelte von Sophie (Amanda Seyfried), die mit ihrer Mutter Donna (Meryl Streep) auf einer kleinen griechischen Insel aufgewachsen ist. Zu ihrer Hochzeit mit Sky (Dominic Cooper), die im kleinen Touristenhotel des Gespanns stattfinden soll, lädt Sophie anhand vager Informationen aus Donnas alten Tagebuch heimlich ihre drei potentiellen Väter ein, dargestellt von Pierce Brosnan, Colin Firth und Stellan Skarsgard. Entsprechend komische Verwicklungen folgen...
Zehn Jahre später gibt es nun die Fortsetzung (Here We Go Again). Der hinzugezogene Romanzenspezialist Richard Curtis (Vier Hochzeiten und ein Todesfall, Alles eine Frage der Zeit) ließ sich vom Paten, Teil II inspirieren und entwarf mit Regisseur Ol Parker (Autor des Best Exotic Marigold Hotel) und der Mamma-Mia-Erfindern Catherine Johnson und Judy Craymer eine Rückblendenstruktur, in der Lily James als junge Donna glänzt, während in der Gegenwart Sophie der Neueröffnung des Hotels entgegenfiebert. Den Hotelmanager gibt übrigens der Pate der dritten Generation, Andy Garcia (ob Pacino und DeNiro abgesagt hatten?) Donna ist inzwischen gestorben - vielleicht war Meryl Streep zu teuer, für ein Cameo an Schluß reichte es dann aber doch. Abgesehen von diesem ein Jahr zurückliegenden Trauerfall passiert natürlich wieder nix Schlimmes. Am dramatischsten ist noch der Sturm, der dafür sorgt, dass nicht die erhofften Millionäre, sondern nur eine Flotte gut gelaunter Fischersleute zur Eröffnung erscheinen. Plus Überraschungsgäste...
Ich vermute, es gibt kaum jemanden in der westlichen Welt, der nicht wenigstens eine Handvoll Lieder dieser zu den erfolgreichsten Bands unserer Zeit gehörenden Gruppe kennt: Waterloo, Dancing Queen, Thank You For The Music, ... In meiner Schulzeit war es nicht cool, ABBA zu hören. Aber einer gute Melodie konnte ich mich noch nie entziehen (na gut, bei den Bee Gees ziehe ich die Grenze). Es stimmt allerdings, dass die Disco-lastige Produktion so manche schöne Lieder verschandelt hat, etwa auf dem Album Super Trouper (1980). Was flüchtigen Hörern nicht so bewusst sein wird: Die Texte von Björn und (meist) Benny, gelegentlich unter Mitwirkung von Manager Stig Anderson entstanden, sind durchaus nicht alle oberflächliche Schlager. Viele ihrer besten Songs beschreiben persönliche Erlebnisse und Gefühle aus dem Leben der Musiker. Und die Liebeslieder haben oft einen pfiffigen Twist, etwa When I Kissed The Teacher:
Und Hand aufs Herz, wie viele Hörer wissen, dass The Winner Takes It All die Folgen einer Scheidung beschreibt? Mein Lieblingsalbum von ABBA war auch ihr letztes: The Visitors (1981). Es entstand, nachdem beide Bandehen in die Brüche gegangen waren und hat einen deutlich melancholischen Anstrich. Da erzählt dann Slipping From My Fingers die Gefühle der Mutter, die ihr Kind aufwachsen sieht, One of Us und When All Is Said And Done von Trennungsschmerz und Einsamkeit. Daneben gibt es aber auch eine letzte Elegie auf die Musik: I Let The Music Speak, und das witzige Two for the Price of One. Insgesamt ein perfektes Album für kalte Winterabende. Und wieviel Substanz die Melodien auch ohne Gesang und Band haben, kann man auf Benny Anderssons wunderschöner CD Piano hören (die auch Lieder des Ausnahmemusicals Chess und anderer Projekte beinhaltet).
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Für den zweiten Durchgang von Mamma Mia waren die großen Hits zwar fast schon abgegrast. Das hat aber den Vorteil, dass einige Lieder aus der zweiten Reihe zur Geltung kommen, die damit auch noch nicht so abgenudelt erscheinen, etwa Andante Andante, I've Been Waiting For You und (fast unkenntlich von der lokalen "Mariachi"-Band interpretiert) Hole in Your Soul.
Daneben gibt es einige Wiederholungen im neuen Kleid, neben dem Titelsong natürlich auch Dancing Queen, I Have a Dream und im grandiosen Finale (mit den Darstellern aller Generationen vereint) Super Trouper:
Aber in der ABBA-Schatztruhe waren durchaus auch noch ungenutzte Hits zu finden, so etwa Fernando, ein ungewöhnliches Liebeslied aus der mexikanischen Revolution, das nun mittels eines wackligen Kniffs in die Handlung eingebaut wurde. Was macht's, wenn niemand anders als Cher den Gesang übernimmt! Die inzwischen über 70jährige Sängerin war ja schon in den 60ern erfolgreich als Aushängeschild von Sonny & Cher (I Got You Babe). In den 80ern krönte sie eine kurze Schauspielkarriere mit dem Oscar für ihre Hauptrolle im märchenhaft-schönen Mondsüchtig (1987), bevor sie sich wieder (ähnlich erfolgreich) der Musik widmete (auch in Die Hexen von Eastwick und Meerjungfrauen küssen besser war sie toll). Trotz ihres leicht zombiehaften Auftretens hat sie immer noch eine tolle Stimme. Dass die Diva Donnas Mutter spielt, aber nur drei Jahre älter als Meryl Streep ist, darüber denkt man besser nicht nach.
Beim übrigen Cast muss ich zunächst mal die großartigen Gesangsstimmen der Damen herausheben. Von Meryl Streep wusste man das, und Amanda Seyfried überzeugte bereits im ersten Film. Nun überrascht noch Lily James, die ich bislang nicht besonders mochte, nun aber gewillt bin, ihre farblosen Auftritte in Cinderella und insbesondere dem gruseligen Stolz, Vorurteil und Zombies zu vergessen. Einen weiteren Reiz der Fortsetzung macht die Besetzung der beiden Haupttrios in den unterschiedlichen Zeitebenen aus. Im Original waren es Donnas beste Freundinnen, die für Komik und Pfiff sorgten: Julie Walters (Molly Weasley) als Rosie und Christine Baranski (Cybill) als Tanya. In jungen Jahren werden sie nun von Alexa Davies und Jessica Keenan Wynn gespielt, wobei gerade letztere, Spross einer illustren Schauspielerdynastie, Baranskis Posen erheiternd genau imitiert.
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Die Väter ("Sam" Pierce Brosnan, "Harry" Colin Firth und "Bill" Stellan Skarsgard) dagegen waren schon im Original vor allem Eye Candy, weniger Ohrenschmaus (auch wenn ich finde, dass gerade der emeritierte Bond trotz mangelndem Stimmtalent ganz viel Emotion in seine Gesangspassagen einbringen konnte). Bei der Besetzung ihrer jüngeren Versionen konnte man natürlich aus dem Vollen schöpfen, und so überzeugen Jeremy Irvine (Sam), Hugh Skinner (Harry) und Josh Dylan (Bill) auch durch Gesangstalent. Hier fiel mir besodners der bereits TV-erfahrene Hugh Skinner mit seiner amüsanten Firth-Imitation auf.
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Auch wenn im zweiten Teil die Originalidee bereits ein wenig abgestanden ist und ein paar Tanzszenen doch eher gezwungen wirken, kann auch dieser noch prächtig unterhalten. Nochmals loben muss ich die Ton- und Bildqualität der UHD-Präsentation (beider Filme). Beim zweiten Teil haben es übrigens, ein seltenes Vorkommnis, alle Extras auch auf die UHD-Scheibe geschafft, so dass ich die beiliegende Blu-ray gar nicht einlegen musste. Da gibt es dann noch mehr Gesangsnummern und spaßige Interviews mit den Machern und Darstellern, die offenbar alle viel Freude an ihrem Unterfangen hatten, sowie zwei Kommentare und eine Sing-along-Variante (nichts für mich, aber trotzdem eine schöne Zugabe). Daher ziehe ich vom Original auch nur einen Stern ab und lande bei einem Gut (7/10).
Samstag, 10. November 2018
Erster! Aufbruch zum Mond (4/10)
Am 21. Juli 1969, ich war noch keine vier Jahre alt, weckten mich meine Eltern mitten in der Nacht und setzten sich mit mir vor den Fernseher. Da flimmerten nun die Bilder der ersten Mondlandung, natürlich noch von einer antiquierten Schwarzweiss-Röhre, Angeblich gab es weltweit 600 Millionen Zuschauer, gefühlt die Hälfte der Menschheit. Direkte Erinnerungen an das historische Ereignis habe ich trotzdem nicht, führe aber meine spätere Leidenschaft für Raumschiffe und Science Fiction durchaus auf diese frühkindliche Prägung zurück. Eigentor für meine Eltern, die diese Literaturgattung eher für schädlich hielten...
Zum historischen 49jährigen Jubiläum erzählt nun der jüngste Oscar-prämierte Regisseur Damien Chazelle (er ist erst 33) nach einer Drehbuch-Adaption von Oscar-Gewinner Josh Singer (Spotlight) den Aufbruch zum Mond. Oder tut er das?
Auf mich wirkte der Film eher wie ein dröges Familiendrama mit ein paar Ausflügen ins All. Der Originaltitel trifft es daher ein wenig besser: Ryan Gosling spielt tatsächlich den First Man. Nicht Adam, aber immerhin Neil Armstrong, den ersten Menschen, der seinen Stiefelabdruck in den Mondstaub setzte. Leider traf er nicht auf die Arkoniden Crest und Thora mit ihrem havarierten Raumschiff, was in einer Parallelwelt Perry Rhodan passierte (übrigens erst zwei Jahre später, gemäß "Kanonenherbert" K.H. Scheers vorsichtiger Vorstellungskraft). Aber die Realität wirkt im Finale des Films eindrucksvoll genug, schließlich hat man gewaltige IMAX-Kameras auf den Mond geschossen, um Armstrongs Giant Leap und Buzz Aldrins Tänzchen in der geringen Schwerkraft des Trabanten nachzustellen (Corey Stoll ist einer der wenigen Nebendarsteller, die einen Eindruck hinterließen). Trotzdem - bei diesem technischen Aufwand hätte ich schon erwartet, dass die eine oder andere Amazone auf der Leinwand verewigt worden wäre. Aber nein, wieder nur der Mann im Mond.
Leider hat das fulminante Finale das technische Budget wohl fast ausgeschöpft, denn für den Rest der 140 Minuten laangen Laufzeit konnte man sich offenbar nicht einmal ein Stativ leisten. Die Wackelkamera mit ihren überhasteten Schwenks, für die Raketenstarts durchaus ein passendes Stilmittel, verträgt sich nicht gut mit der IMAX-Leinwand (und sorgte bei vielen Zuschauern für Übelkeit). Im Kontrollzentrum und in der Vorstadtidylle der Astronautenfamilien ist sie erst recht fehl am Platz. Ähnlich sporadisch hat mich das Sounddesign überzeugt, das bei den Raketenstarts nicht den erwarteten Wumms hat, gelegentlich interessante ätherische Effekte bietet, aber ansonsten ähnlich motivationslos zusammengekleistert erscheint wie der Bildschnitt. Die Walzeruntermalung zu den Bildern im Orbit soll möglicherweise als Hommage an Kubrick verstanden werden, erzeugt aber nie den unnachahmlichen Sog des Weltraumballetts in 2001: Odyssee im Weltall. Spannend fand ich allerdings das akribisch nachempfundene Design der fast improvisiert zusammengenieteten Module, aus heutiger Sicht eher primitiv als futuristisch.
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Viel Geld ist immerhin noch in die Besetzung geflossen, darunter Kyle Chandler, Ciarán Hinds, Jason Clarke, Patrick Fugit und Lukas Haas. Die bekannten Gesichter sind aber auch notwendig, denn das Drehbuch gibt ihnen kaum Raum zur Entwicklung. Als (brüchiger) roter Faden dienen Armstrongs Hadern mit dem Krebstod seiner zweijährigen Tochter und die aus seiner nüchtern-zurückgezogene Haltung resultierenden Eheprobleme. Als seine resolute Ehefrau wirkt Claire Foy ziemlich anstrengend, was ich aber eher dem Buch als der Darstellerin anlasten möchte.
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Ansonsten kann ich eigentlich keinen Handlungsbogen erkennen. Es werden beliebige Ereignisse aus den Jahren 1961 bis 1969 aneinandergereiht. Dabei werden hochinteressante Wegmarken im NASA-Programm ausgespart, so das erste Umkreisen des Mondes 1968 (There is no dark side of the moon, really. Matter of fact, it's all dark). Es wird auch nicht klar, welche besonderen Fähigkeiten Armstrong hatte und warum er als Kommandant von Apollo 11 ausgewählt wurde. Man sieht ihn nur ein paar Schalter umlegen und einen Joystick bedienen, was die heutige Gamergeneration sicher nicht beeindrucken wird. Es mag Absicht sein, den Thriller-Aspekt des Wettrennens zwischen UdSSR und USA zu ignorieren, ebenso die Unterspielung der heroischen Momente. Aber wenn man auf traditionelle Erzählweisen und Stilmittel verzichtet, muss man dem Zuschauer doch einen angemessenen Ersatz bieten. Ansonsten verkommt Avantgarde zum reinen Trotzexzess.
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Kritikerliebling Damien Chazelle hat sich bei mir im Raktentempo zum unbeliebtesten Regisseur des letzten Jahrzehnts gemausert. Nach Whiplash und LaLaLand nun also Aufbruch zum Mond, nicht gerade Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten. Die technischen Herausforderungen der Raumfahrt sind viel besser in Hidden Figures thematisiert, das Abenteuer ist viel unterhaltsamer in Ron Howards Apollo 13 fühlbar, die Heldenbiographien prägnanter in The Right Stuff. Das Publikum ist diesmal auf meiner Seite, das (mittelschwere) 60-Millionen-Dollar-Projekt floppt gerade an den Kinokassen. Mit dem Oscar für Ryan Gosling wird es wohl wieder nichts, Favorit ist momentan ohnehin Rami Malek als Freddy Mercury (Bohemian Rhapsody habe ich mir ob lauer Kritiken vorerst gespart). First Man wird wohl trotzdem als Bester Film ins Rennen gehen. Für mich war's gerade noch Erträglich (4/10).
Zum historischen 49jährigen Jubiläum erzählt nun der jüngste Oscar-prämierte Regisseur Damien Chazelle (er ist erst 33) nach einer Drehbuch-Adaption von Oscar-Gewinner Josh Singer (Spotlight) den Aufbruch zum Mond. Oder tut er das?
Auf mich wirkte der Film eher wie ein dröges Familiendrama mit ein paar Ausflügen ins All. Der Originaltitel trifft es daher ein wenig besser: Ryan Gosling spielt tatsächlich den First Man. Nicht Adam, aber immerhin Neil Armstrong, den ersten Menschen, der seinen Stiefelabdruck in den Mondstaub setzte. Leider traf er nicht auf die Arkoniden Crest und Thora mit ihrem havarierten Raumschiff, was in einer Parallelwelt Perry Rhodan passierte (übrigens erst zwei Jahre später, gemäß "Kanonenherbert" K.H. Scheers vorsichtiger Vorstellungskraft). Aber die Realität wirkt im Finale des Films eindrucksvoll genug, schließlich hat man gewaltige IMAX-Kameras auf den Mond geschossen, um Armstrongs Giant Leap und Buzz Aldrins Tänzchen in der geringen Schwerkraft des Trabanten nachzustellen (Corey Stoll ist einer der wenigen Nebendarsteller, die einen Eindruck hinterließen). Trotzdem - bei diesem technischen Aufwand hätte ich schon erwartet, dass die eine oder andere Amazone auf der Leinwand verewigt worden wäre. Aber nein, wieder nur der Mann im Mond.
Leider hat das fulminante Finale das technische Budget wohl fast ausgeschöpft, denn für den Rest der 140 Minuten laangen Laufzeit konnte man sich offenbar nicht einmal ein Stativ leisten. Die Wackelkamera mit ihren überhasteten Schwenks, für die Raketenstarts durchaus ein passendes Stilmittel, verträgt sich nicht gut mit der IMAX-Leinwand (und sorgte bei vielen Zuschauern für Übelkeit). Im Kontrollzentrum und in der Vorstadtidylle der Astronautenfamilien ist sie erst recht fehl am Platz. Ähnlich sporadisch hat mich das Sounddesign überzeugt, das bei den Raketenstarts nicht den erwarteten Wumms hat, gelegentlich interessante ätherische Effekte bietet, aber ansonsten ähnlich motivationslos zusammengekleistert erscheint wie der Bildschnitt. Die Walzeruntermalung zu den Bildern im Orbit soll möglicherweise als Hommage an Kubrick verstanden werden, erzeugt aber nie den unnachahmlichen Sog des Weltraumballetts in 2001: Odyssee im Weltall. Spannend fand ich allerdings das akribisch nachempfundene Design der fast improvisiert zusammengenieteten Module, aus heutiger Sicht eher primitiv als futuristisch.
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Viel Geld ist immerhin noch in die Besetzung geflossen, darunter Kyle Chandler, Ciarán Hinds, Jason Clarke, Patrick Fugit und Lukas Haas. Die bekannten Gesichter sind aber auch notwendig, denn das Drehbuch gibt ihnen kaum Raum zur Entwicklung. Als (brüchiger) roter Faden dienen Armstrongs Hadern mit dem Krebstod seiner zweijährigen Tochter und die aus seiner nüchtern-zurückgezogene Haltung resultierenden Eheprobleme. Als seine resolute Ehefrau wirkt Claire Foy ziemlich anstrengend, was ich aber eher dem Buch als der Darstellerin anlasten möchte.
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Ansonsten kann ich eigentlich keinen Handlungsbogen erkennen. Es werden beliebige Ereignisse aus den Jahren 1961 bis 1969 aneinandergereiht. Dabei werden hochinteressante Wegmarken im NASA-Programm ausgespart, so das erste Umkreisen des Mondes 1968 (There is no dark side of the moon, really. Matter of fact, it's all dark). Es wird auch nicht klar, welche besonderen Fähigkeiten Armstrong hatte und warum er als Kommandant von Apollo 11 ausgewählt wurde. Man sieht ihn nur ein paar Schalter umlegen und einen Joystick bedienen, was die heutige Gamergeneration sicher nicht beeindrucken wird. Es mag Absicht sein, den Thriller-Aspekt des Wettrennens zwischen UdSSR und USA zu ignorieren, ebenso die Unterspielung der heroischen Momente. Aber wenn man auf traditionelle Erzählweisen und Stilmittel verzichtet, muss man dem Zuschauer doch einen angemessenen Ersatz bieten. Ansonsten verkommt Avantgarde zum reinen Trotzexzess.
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Kritikerliebling Damien Chazelle hat sich bei mir im Raktentempo zum unbeliebtesten Regisseur des letzten Jahrzehnts gemausert. Nach Whiplash und LaLaLand nun also Aufbruch zum Mond, nicht gerade Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten. Die technischen Herausforderungen der Raumfahrt sind viel besser in Hidden Figures thematisiert, das Abenteuer ist viel unterhaltsamer in Ron Howards Apollo 13 fühlbar, die Heldenbiographien prägnanter in The Right Stuff. Das Publikum ist diesmal auf meiner Seite, das (mittelschwere) 60-Millionen-Dollar-Projekt floppt gerade an den Kinokassen. Mit dem Oscar für Ryan Gosling wird es wohl wieder nichts, Favorit ist momentan ohnehin Rami Malek als Freddy Mercury (Bohemian Rhapsody habe ich mir ob lauer Kritiken vorerst gespart). First Man wird wohl trotzdem als Bester Film ins Rennen gehen. Für mich war's gerade noch Erträglich (4/10).
Samstag, 20. Oktober 2018
Lady Gaga: A Star Is Born (8/10)
Wie ich höre, ist Lady Gaga bei Jugendlichen bereits seit Jahren recht beliebt. Trotz des albern-provokanten Namens wird ihr Stern nun wohl auch bei Erwachsenen aufgehen. Was zu putzigen Normalisierungsversuchen führt, wenn etwa die IMDB-Biographie den Bühnenalias in Vor- und Nachnamen zerlegt ("Gaga was born in 1986..."). All I hear ist Radio Gaga. Welch eine tolle Stimme der Paradiesvogel hat, konnte man spätestens bei den Academy Awards 2015 erleben, als sie mit ihrem Medley zum 50jährigen Jubiläum von The Sound Of Music Dame Julie Andrews zu Tränen rührte.
Die erste Verfilmung von A Star Is Born gab es bereits 1937, damals mit Janet Gaynor und Fredric March. Sie war noch nicht im Musikgeschäft, sondern im Hollywood-Sumpf angesiedelt. Was folgte, würde ich nicht als Remakes sehen, sondern als den jeweiligen Zeitgeist spiegelnde Neuverfilmungen dieser archetypischen Geschichte des alternden Stars und des jungen Starlets (ähnliches gilt übrigens in einem ganz anderen Genre auch für die diversen Varianten von Die Invasion der Körperfresser). 1954 gab es dann bereits Gesangseinlagen, selbstverständlich, da die fabelhafte Judy Garland die Hauptrolle spielte (neben James Mason, der glücklicherweise aufs Singen verzichtete). Das Ergebnis gehört nicht zu meinen Lieblingsfilmen mit Judy, dafür ist es zu traurig. In beiden Filmen waren die Hauptdarsteller jeweils für Oscars nominiert, was sich 1976 definitiv nicht fortsetzte. An die nun fest im Music Business verwurzelte Variante mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson kann ich mich nicht erinnern, es muss aber ein ziemliches Debakel gewesen sein. Trotzdem hat sich Bradley Cooper nun bei seiner eigenen Verfilmung (er führte Regie und schrieb auch am Buch mit) wohl grob an diesem Vorbild orientiert. Macht nichts, es kommt ja aufs Ergebnis an.
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Barbra Streisand war 1976 kein Hollywood-Neuling, ihr Debut hatte sie bereits 1968 in Funny Girl mit einer erstaunlich naturalistischen Darstellung der Komödiantin Fanny Bryce, für die sie gleich einen Oscar gewann (den sie sich kurioserweise mit Katharine Hepburn "teilen" musste). Wie auch immer, sie hat nie wieder mit ähnlicher Leichtigkeit agiert wie in ihrem Erstling. Lady Gaga hat mit Streisand zumindest die nicht normgerechte Nase gemein (wird im Film thematisiert, nur dass niemand meint, ich würde jetzt gehässig Details kommentieren). Mal sehen, wie ihr es in Zukunft ergeht. Für die Neuauflage A Star Is Born gut 40 Jahre später scheinen jedenfalls die Oscar-Nominierungen für die beiden Hauptdarsteller sicher.
Zumindest die erste Stunde des Films ist sensationell. Die erste Überraschung: Bradley Cooper gibt einen absolut überzeugenden Country-Rocker ab, mit charismatischem Gesang und solider (gemimter?) Gitarrenarbeit. Auch Jacks Sprechstimme hat Cooper deutlich tiefergelegt und erinnert überhaupt nicht mehr an den galaktischen Waschbären Rocket. Jackson "Jack" Maines' Bühnenshow hat Cooper wohl mit Willy Nelsons Sohn Lukas einstudiert, und es hat sich gelohnt. Die knackigen Gitarren und präzise handgemachten Rhythmen machen einfach Spaß. Dann, wie aus einer Parallelwelt, entdeckt Jack in einer Schwulenbar, in die er sich auf der Suche nach einem Drink verirrt, die singende Kellnerin Ally. Ihrem "La Vie en Rose" mangelt es vielleicht ein wenig an Subtilität, dafür schmettert Lady Gaga Edith Piafs berühmtes Chanson kraftvoll und mit ordentlicher französischer Aussprache. Wie sich Jack und Ally zögerlich ineinander verlieben, ist so wunderschön mit der musikalischen Entdeckungsreise der beiden verquirlt, wie man es seit Once nicht mehr gesehen hat. Und die Wirkung verdoppelt sich noch, weil der Zuschauer gemeinsam mit Jack diese ungewöhnliche Frau kennenlernt, die (auch abgesehen von der Nase) so gar nicht den Hollywood-Idealen entspricht und doch eine magische Ausstrahlung hat (ich bin versucht, sie mit der Garbo zu vergleichen, aber ich will mich auch nicht komplett blamieren).
Leider rückt dann irgendwann Jacks Alkohol- und Drogensucht in den Mittelpunkt (hier kann der Sexiest Man Alive von 2011 aus persönlichen Erfahrungen schöpfen). Man merkt, dass dies Bradley Coopers Prestigeobjekt ist, welches ihm endlich (nach vier Nominierungen) den Oscar bringen soll. Das ist alles kompetent erzählt, aber es zwingt Lady Gaga in der zweiten Hälfte fast in eine Nebenrolle. Und trotz der Laufzeit von 136 Minuten wirkt die Entwicklung plötzlich überhastet. Wir bekommen ein wenig Küchenpsychologie präsentiert, dabei hätten Jacks Gehörprobleme als Motivation völlig ausgereicht. Auch Jacks Beziehung zu seinem älteren Bruder Bobby bleibt trotz des grandiosen Sam Elliott (der Cowboy aus The Big Lebowski) vage. Und wie steht der Film zu Allys schauderhaften "Performance" bei Saturday Night Live (präsentiert von Alec Baldwin)? Ist das der Ausverkauf, den ich darin sehe, oder der umjubelte Publikumserfolg, der zum Grammy-Gewinn führen soll? Dass Allys Haare am Ende rot statt blond sind, kann ja kaum als Triumph gefeiert werden. Jedenfalls hat mich die Tragödie der zweiten Hälfte lange nicht so bewegt wie die Romanze der ersten. Daher ist meine Wertung ein wenig zwiespältig: Sehr gut (8/10).
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Die erste Verfilmung von A Star Is Born gab es bereits 1937, damals mit Janet Gaynor und Fredric March. Sie war noch nicht im Musikgeschäft, sondern im Hollywood-Sumpf angesiedelt. Was folgte, würde ich nicht als Remakes sehen, sondern als den jeweiligen Zeitgeist spiegelnde Neuverfilmungen dieser archetypischen Geschichte des alternden Stars und des jungen Starlets (ähnliches gilt übrigens in einem ganz anderen Genre auch für die diversen Varianten von Die Invasion der Körperfresser). 1954 gab es dann bereits Gesangseinlagen, selbstverständlich, da die fabelhafte Judy Garland die Hauptrolle spielte (neben James Mason, der glücklicherweise aufs Singen verzichtete). Das Ergebnis gehört nicht zu meinen Lieblingsfilmen mit Judy, dafür ist es zu traurig. In beiden Filmen waren die Hauptdarsteller jeweils für Oscars nominiert, was sich 1976 definitiv nicht fortsetzte. An die nun fest im Music Business verwurzelte Variante mit Barbra Streisand und Kris Kristofferson kann ich mich nicht erinnern, es muss aber ein ziemliches Debakel gewesen sein. Trotzdem hat sich Bradley Cooper nun bei seiner eigenen Verfilmung (er führte Regie und schrieb auch am Buch mit) wohl grob an diesem Vorbild orientiert. Macht nichts, es kommt ja aufs Ergebnis an.
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Barbra Streisand war 1976 kein Hollywood-Neuling, ihr Debut hatte sie bereits 1968 in Funny Girl mit einer erstaunlich naturalistischen Darstellung der Komödiantin Fanny Bryce, für die sie gleich einen Oscar gewann (den sie sich kurioserweise mit Katharine Hepburn "teilen" musste). Wie auch immer, sie hat nie wieder mit ähnlicher Leichtigkeit agiert wie in ihrem Erstling. Lady Gaga hat mit Streisand zumindest die nicht normgerechte Nase gemein (wird im Film thematisiert, nur dass niemand meint, ich würde jetzt gehässig Details kommentieren). Mal sehen, wie ihr es in Zukunft ergeht. Für die Neuauflage A Star Is Born gut 40 Jahre später scheinen jedenfalls die Oscar-Nominierungen für die beiden Hauptdarsteller sicher.
Zumindest die erste Stunde des Films ist sensationell. Die erste Überraschung: Bradley Cooper gibt einen absolut überzeugenden Country-Rocker ab, mit charismatischem Gesang und solider (gemimter?) Gitarrenarbeit. Auch Jacks Sprechstimme hat Cooper deutlich tiefergelegt und erinnert überhaupt nicht mehr an den galaktischen Waschbären Rocket. Jackson "Jack" Maines' Bühnenshow hat Cooper wohl mit Willy Nelsons Sohn Lukas einstudiert, und es hat sich gelohnt. Die knackigen Gitarren und präzise handgemachten Rhythmen machen einfach Spaß. Dann, wie aus einer Parallelwelt, entdeckt Jack in einer Schwulenbar, in die er sich auf der Suche nach einem Drink verirrt, die singende Kellnerin Ally. Ihrem "La Vie en Rose" mangelt es vielleicht ein wenig an Subtilität, dafür schmettert Lady Gaga Edith Piafs berühmtes Chanson kraftvoll und mit ordentlicher französischer Aussprache. Wie sich Jack und Ally zögerlich ineinander verlieben, ist so wunderschön mit der musikalischen Entdeckungsreise der beiden verquirlt, wie man es seit Once nicht mehr gesehen hat. Und die Wirkung verdoppelt sich noch, weil der Zuschauer gemeinsam mit Jack diese ungewöhnliche Frau kennenlernt, die (auch abgesehen von der Nase) so gar nicht den Hollywood-Idealen entspricht und doch eine magische Ausstrahlung hat (ich bin versucht, sie mit der Garbo zu vergleichen, aber ich will mich auch nicht komplett blamieren).
Leider rückt dann irgendwann Jacks Alkohol- und Drogensucht in den Mittelpunkt (hier kann der Sexiest Man Alive von 2011 aus persönlichen Erfahrungen schöpfen). Man merkt, dass dies Bradley Coopers Prestigeobjekt ist, welches ihm endlich (nach vier Nominierungen) den Oscar bringen soll. Das ist alles kompetent erzählt, aber es zwingt Lady Gaga in der zweiten Hälfte fast in eine Nebenrolle. Und trotz der Laufzeit von 136 Minuten wirkt die Entwicklung plötzlich überhastet. Wir bekommen ein wenig Küchenpsychologie präsentiert, dabei hätten Jacks Gehörprobleme als Motivation völlig ausgereicht. Auch Jacks Beziehung zu seinem älteren Bruder Bobby bleibt trotz des grandiosen Sam Elliott (der Cowboy aus The Big Lebowski) vage. Und wie steht der Film zu Allys schauderhaften "Performance" bei Saturday Night Live (präsentiert von Alec Baldwin)? Ist das der Ausverkauf, den ich darin sehe, oder der umjubelte Publikumserfolg, der zum Grammy-Gewinn führen soll? Dass Allys Haare am Ende rot statt blond sind, kann ja kaum als Triumph gefeiert werden. Jedenfalls hat mich die Tragödie der zweiten Hälfte lange nicht so bewegt wie die Romanze der ersten. Daher ist meine Wertung ein wenig zwiespältig: Sehr gut (8/10).
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Montag, 15. Oktober 2018
Original: Bad Times at the El Royale (8/10)
Das El Royale hat tatsächlich schon bessere Zeiten gesehen. Das Hotel ist 1969 genauso heruntergekommen wie das Jahrzehnt der Liebe. Nixon erklärt im Fernsehen, warum in einem Guerilla-Krieg kein Waffenstillstand möglich ist, gottgleiche Musikproduzenten wie Phil Spector beuten ihre Künstlertalente aus und verhunzen ihre Werke, und die Manson-Morde versetzen der Hippie-Kultur den Todesstoß. Die Luxusherberge mit vielleicht einem Dutzend Zimmern wird inzwischen von einem einzelnen einsamen Bediensteten betreut. Die Begrüßungsrede des jungen Concierge Miles (Bill-Pullman-Spross Lewis) wirkt entsprechend gezwungen, ist aber im Preis inbegriffen. Es muss die Demarkationslinie zwischen Kalifornien und Nevada erklärt werden: Die Zimmer in Kalifornien kosten 50 Cent extra - vielleicht aus Steuergründen? Die Ausstattung erinnert mich an SF-Filme der 50er, von einer eleganten Jukebox (die selbstverständlich Vinylplatten abspielt, mit einem raffinierten Mechanismus, der die Nadel von unten auf die ausgewählte Scheibe setzt) bis zum automatischen Kuchenspender (gegen Münzen).
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Aber die Stars wie Marilyn Monroe, deren Fotos in der Lobby hängen, kommen schon längst nicht mehr hierher. An diesem stürmischen Abend checken jedoch gleich vier exzentrische Gäste ein: der windige Staubsaugervertreter Sullivan (Mad Man Jon Hamm), die schwarze Sängerin Darlene Sweet (Cynthia Erivo), der altersverwirrte Priester Daniel Flynn (Jeff Bridges) und die arrogante Hippiebraut Emily (Dakota Johnson). Alsbald gesellen sich noch ein paar weitere Gestalten hinzu, aber es bleibt bei einem Kammerspiel, das sich auf seine wenigen Figuren konzentriert. In den durch Titelkarten angekündigten Anfangskapiteln lernen wir durch kurze Rückblenden die Gäste näher kennen, bevor sich die Ereignisse dramatisch zuspitzen. Schon der blutige Prolog, der zehn Jahre vorher spielt, gibt einen Vorgeschmack auf die überraschenden und potentiell für alle tödlichen Ereignisse. Übrigens verlinke ich mit Absicht nicht den Trailer, der für meinen Geschmack schon zuviel von der Handlung preisgibt.
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Nicht nur die Struktur erinnert an Tarantino, der allerdings schon lange nichts außergewöhnliches präsentiert hat (sein nächstes Projekt ist übrigens in derselben Ära angesiedelt). Die präzis konstruierte Handlung könnte auch von den Coen-Brüdern stammen, insbesondere wenn man an ihr pfiffiges Debut Blood Simple denkt. Aber Drew Goddard, der hier nach seiner Zusammenarbeit mit Joss Whedon bei der herrlichen Horror-Satire Cabin in the Woods erstmalig als alleiniger Autor und Regisseur agiert, trifft einen ganz eigenen Ton, mit starken Anklänge an die Schwarze Serie ("Noir"), insbesondere in der archetypischen Figurenzeichnung und den abrupten Gewaltausbrüchen. Er zeigt ein wunderbar detailliertes Miniaturuniversum, mit stimmigen Dialogen, untermalt von zeitgenössischen Motown-Hits, sowohl vom Plattenteller als auch live und acapella (nur von einem Metronom unterstützt) von der erstaunlichen Cynthia Erivo dargeboten. Allerdings wirkt das Ganze mit 140 Minuten doch etwas aufgebläht. Dass es nicht langweilig wird, ist dann auch das Verdienst des hervorragenden Ensembles.
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Herausheben muss man sicher die Debutantin Cynthia Erivo, die am Broadway vor einigen Jahren für die Hauptrolle im Musical Die Farbe Lila einen Tony gewinnen konnte. Sie zeigt das bewegende Portrait einer Künstlerin, die sich trotz Diskriminierung und Demütigungen die Freude an ihre Musik bewahrt, auch wenn sie in einem kleinen Schuppen vor zehn Zuhörern auftritt. Jon Hamm variiert seine Paraderolle als John Draper mit einem süffigen Südstaatenakzent und schmieriger Attitude - das Jahrzehnt hat er natürlich im Blut. Dakota Johnson, Tochter von Miami-Vice-Schönling Don Johnson und Melanie Griffith, spricht mich nicht besonders an, passt hier aber mit ihren kalten Augen und ihren unattraktiv-hübschen Zügen gut zur Rolle. Wie sie mit ihrer verkitschten Sadomaso-Trilogie Fity Shades of Grey zum Star werden konnte, erschließt sich mir immer noch nicht.
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Dafür taucht irgendwann die junge Cailee Spaeny als ihre Schwester Ruth auf. Sie erinnerte mich mit ihrem ausdrucksstarken Gesichtchen an die junge Carey Mulligan (An Education), kein übler Vergleich. Die anspruchsvolle Rolle des von Dämonen gequälten Pagen Miles füllt der 25jährige Lewis Pullman erstaunlich souverän mit Leben - auch für ihn ist dies die erste größere Rolle (er hatte bereits einen kleinen Part im Kampf der Geschlechter). Als Überraschungsgast schließlich hat der gerade von den Avengers entmuskelte Chris Hemsworth offensichtlich großen Spaß als verführerischer Schurke mit Silberzunge. Ihn hatte Goddard bereits in Cabin in the Woods ins perfekte Licht gerückt.
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Dafür taucht irgendwann die junge Cailee Spaeny als ihre Schwester Ruth auf. Sie erinnerte mich mit ihrem ausdrucksstarken Gesichtchen an die junge Carey Mulligan (An Education), kein übler Vergleich. Die anspruchsvolle Rolle des von Dämonen gequälten Pagen Miles füllt der 25jährige Lewis Pullman erstaunlich souverän mit Leben - auch für ihn ist dies die erste größere Rolle (er hatte bereits einen kleinen Part im Kampf der Geschlechter). Als Überraschungsgast schließlich hat der gerade von den Avengers entmuskelte Chris Hemsworth offensichtlich großen Spaß als verführerischer Schurke mit Silberzunge. Ihn hatte Goddard bereits in Cabin in the Woods ins perfekte Licht gerückt.
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Aber trotzdem - ohne Zweifel heißt der Star des Film Jeff Bridges. Der 68jährige zeigt nach einigen Routinedarstellungen mal wieder, warum Pauline Kael ihn bereits in den 70ern als besten amerikanischen Schauspieler bezeichnete (ihre Hyperbole muss man allerdings mit Vorsicht sehen - ähnliches schrieb sie damals, durchaus nachvollziehbar, auch über Morgan Freeman). Sein Father Flynn ist die vielschichtigste und nebe Darlene auch die spannendste Figur. Man erwischt den Dude ja nie beim Schauspielern, aber ihm bei der Verkörperung einer neuen Figur zuzusehen ist mal wieder ungeheuer faszinierend. Ob es für seine achte Oscar-Nominierung reichen wird? Ich vermute übrigens, dass bei den anstehenden Preisverleihungen alle Parts als Nebenrollen gewertet werden.
Es ist mal wieder traurig zu sehen, wie die Zuschauer (auch die deutschen) in einen öden, stachellosen Langweiler wie Venom strömen, mit einem grimassierenden, überschätzten Publikumsliebling, während ein wirklich originelles Werk wie Bad Times at the El Royale nur unter "Ferner liefen..." zu finden ist. Na ja, vielleicht wird Drew Goddards zweiter Film ja noch zum Kultobjekt. Ich fand's Sehr gut (8/10)!
Samstag, 6. Oktober 2018
Klassiker auf Blu-ray #22: Gosford Park (Robert Altman, 2001)
Gosford Park war Robert Altmans letztes Meisterwerk. Mit dem schönsten Film seines anglophilen Landsmanns James Ivory, (Wiedersehen in) Howards End (1992), hat es gemein, dass es nach einem Herrschaftshaus benannt ist, und mit dessen kongenialer Ishiguro-Verfilmung Was vom Tage übrig blieb (1993), dass es eine Upstairs-Downstairs-Geschichte erzählt. Anders als für seinen drei Jahre jüngerer Kollege (der mit 90 Jahren immer noch aktiv ist), blieb dies der einzige Ausflug des amerikanischen Urgesteins in die britische Klassengesellschaft. Der englischer Autor Julian Fellowes dagegen, der für das Drehbuch einen Oscar gewann, walzte später das Format mit der erfolreichen Fernsehserie Downton Abbey auf Seifenoperlänge aus (ich entschuldige mich bei den Fans, aber ich persönlich konnte mit der erfolgreichen Prestigeserie einfach nichts anfangen).
1932 war das englische Klassenmodell noch einigermaßen intakt. In Gosford Park findet sich zu einem Jagd-Wochenende eine gemischte Gesellschaft zusammen. Sie besteht in der Hauptsache aus der Familie des reichen, grantigen Gastgebers Sir William ("Dumbledore" Michael Gambon) und seiner besonders exzentrischen Frau Sylvia (Kristin Scott Thomas, Vier Hochzeiten und ein Todesfall). Zusätzliche Würze gibt der Runde ein kleine Gruppe Amerikaner, angeführt von Morris Weissman (Bob Balaban, der mit Altman auch die Idee zum Film hatte und produzierte). Der entfernte Cousin ist verantwortlich für die beliebten Charlie-Chan-Filme, sein Job "Filmproduzent" gilt bei den englischen Snobs aber eher als Schimpfwort. Er bringt einen Bediensteten mit Geheimnis (Ryan Phillippe) und seinen Freund Ivor Novello mit. Den gutaussehenden Musik- und Schauspielstar gab es wirklich, er wird sogar als Drehbuchautor eines frühen Hitchcock-Films (Abwärts, 1927) gelistet. Darsteller Jeremy Northam gibt im Film mit zartschmelzender Stimme und kompetenten Pianokünsten ein paar schöne Beispiele seiner selbstkomponierten Lieder zum besten. Wie dereinst John Ford und Howard Hawks, lässt Robert Altman selten eine Gelegenheit für musikalische Zwischenspiele aus.
Die Begeisterung für das Hollywood-Idol durchbricht allerdings mühelos die Klassenschranken, und so lauscht auch die Dienerschaft den Darbietungen, natürlich versteckt hinter den Türen, in den Vorzimmern und Treppenhäusern. Und wenn Altmans Collage von Eindrücken und Situationen einen roten Faden besitzt, dann findet man den am ehesten Downstairs, beim Schicksal der Bediensteten. Viele haben sich mit ihrer Situation arrangiert, aber etliche leiden auch unter dem Joch ihrer arroganten Arbeitgeber. Einige können ihre Gefühle nicht länger unterdrücken, was am Ende zu einer bewegenden, tränenreichen Katharsis führt. Diese Ebene war jedenfalls mir als Zuschauer wichtiger als der Mord, der so nach etwa zwei Dritteln der Handlung passiert. Aber wie Altman es ausdrückte, war er weniger am Whodunnit interessiert als vielleicht am Whatdunnit. Was führte zum Mord, und wie wurde er bei den Beteiligten aufgenommen? Zu diesem Zeitpunkt werden dann zwei weitere spannende Figuren eingeführt, nämlich der ermittelnde Inspektor (Stephen Fry), der sich selbst eher Upstairs verortet, ohne zu bemerken,wie der Adel auf ihn herabblickt, und sein pragmatischer Constable (Ron Webster), dessen Faktensuche ignoriert wird.
Es ist eines der Vergnügen beim Wiedersehen eines "älteren" Werks, bekannte Schauspieler in frühen Rollen zu beobachten. Die Oscar-Nominierungen gingen zwar an die damals bereits zweifach prämierte Grande Dame Maggie Smith und die spätere Gewinnerin Helen Mirren (welch eine Karriere: binnen sechs Jahren von der Hausdame zur Queen). Aber genauso gut gefielen mir der spätere Bond-Kandidat Clive Owen (Sin City, Shoot 'em Up) in seiner ersten größeren Kinorolle, Kelly MacDonald (Trainspotting) als persönliches Nadelkissen von Dame Maggie Smith und Emily Watson (Der Boxer) als fehlgeleitete Geliebte des Hausherrn. Dazu gesellten sich die Bühnenveteranen Derek Jacobi, Alan Bates und Dame Eileen Atkins. Und das war erst das Untergeschoss! Darüber muss man neben den Gastgebern noch James Wilby (Howards End), "Tywin Lannister" Charles Dance und Tom Hollander nennen (er ärgerte Keira Knightley in Fluch der Karibik 2+3 sowie als Mr. Collins in Stolz und Vorurteil). Welch ein Ensemble! Einzig Ryan Phillippe, damals Teenie-Schwarm (Eiskalte Engel) und mit Kollegin Reese Witherspoon verheiratet, konnte mich nicht 100%ig überzeugen - vielleicht lag's auch am Drehbuch, gerade was seine merkwürdigen Avancen gegenüber den jungen Hausmädchen betrifft.
Robert Altman ist nie die Anerkennung seiner Mitstreiter wie Coppola, Scorsese und Allen zuteil geworden, mit denen er in den 70ern das Hollywood-Kino erneuerte (ganz zu schweigen von Spielberg). Er tobte sich mit wechselhaftem Erfolg in den unterschiedlichsten Genres aus, sammelte auch eine Handvoll Oscar-Nominierungen, war dem heimischen Publikum aber meist zu sperrig. Nach seinem Überraschungserfolg M.A.S.H. (1970: da war er bereits 45) scheiterte er mit einigen Kritikerlieblingen am dumpfen amerikanischen Publikum, so etwa 1971 mit seiner subversiven Westerntragödie McCabe & Mrs. Miller (um dies zu verhindern, gab es sogar einen seltenen Talkshow-Auftritt der berühmten Kritikerin Pauline Kael, die Altmans Werk über alles liebte - siehe die Criterion-Veröffentlichung). Ähnliches galt zwei Jahre später für Der Tod kennt keine Wiederkehr, eine Chandler-Verfilmung, in der Elliot Gould als Philip Marlowe mit langem Gesicht durch eine sinnlose Krimihandlung stolpert. 1975 dann hatte er die Ehre, mit seinem ersten großen Meisterwerk Nashville im vielleicht besten Kinojahr des neuen Hollywoods anzutreten. Mitkonkurrenten waren damals Hundstage ("Dog Day Afternoon", Sidney Lumet), Barry Lyndon (Stanley Kubrick) und Der weiße Hai (Steven Spielberg). Es gewann ein anderes Werk für die Ewigkeit: Einer flog übers Kuckucksnest (Milos Forman). Pech für Altman, Glück für die Zuschauer.
Nach dieser Enttäuschung ging es dann recht wechselhaft weiter. Manche seiner Experimente gingen gnadenlos daneben, so etwa 1980 seine alberne Popeye-Komödie mit Robin Williams. Überhaupt hatte er in den 80ern keine glückliche Hand, so daß sein nächster Erfolg, die nette Hollywood-Satire The Player, 1992 schon als Comeback gefeiert wurde. Dem ließ er sein nächstes Meisterwerk folgen: Short Cuts verquirlte einige Kurzgeschichten von Raymond Carver und folgte grob einem ähnlichem Rezept wie Nashville oder eben später Gosford Park. Aber diese drei Eckpfeiler von Altmans Oeuvre haben genauso viele Unterschiede wie Gemeinsamkeiten. Niemand konnte Altman vorwerfen, dass er sich wiederholte. Und wenn, dann scheiterte er auch spektakulär, siehe etwa: H.E.A.L.T.H. (1979), Prêt-à-Porter (1994), Dr. T und die Frauen (2000). Aber dazwischen gelang ihm doch so viel, und wenn Altman gut war, dann war er einfach außergewöhnlich gut!
Als Altman 2006, kurz vor seinem Tod, endlich ein Ehrenoscar verliehen wurde, war er nur ein wenig bitter, aber doch auch dankbar. Dann enthüllte er, dass er zehn Jahre zuvor eine Herztransplantation erhalten habe. Ich persönlich bin eigentlich gegen teure lebensverlängernde Transplanationen, die doch nur einem privilegierten Promille der Menschheit zu gute kommen, aber in diesem Fall hat es sich gelohnt. Nach der Operation gelangen Altman neben Gosford Park noch zwei sehr unterhaltsame kleinere Komödien, nämlich 1999 Aufruhr in Holly Springs ("Cookies Fortune") und 2006 sein melancholischer Abschiedsfilm Robert Altmans Last Radio Show ("A Prairie Home Companion"). Und so bleibt Altman für mich einer meiner Lieblingsregisseure, auch wenn ich Pauline Kael in ihrer Verteidigung selbst seiner mittelmäßigen Projekte nicht unbedingt folgen kann.
Gosford Park erscheint jetzt erstmalig, sogar auch in Deutschland, auf Blu-ray, als einer von wenigen so erhältlichen Filmen (die meisten genannten Werke musste ich aus den USA importieren). Nach dem Kinobesuch 2002 und der kurz darauf erschienenen DVD hatte ich den Film aus den Augen verloren. Das Warten hat sich jedenfalls gelohnt, die Bildqualität ist nach meinem Empfinden hervorragend. Zudem wurden zudem nach meiner Erinnerung alle interessanten Extras der DVDs übernommen (was heute leider nicht selbstverständlich ist).
Bonus: Meine damalige DVD-Kritik zu "Cookies Fortune"
Da hat's der Altmeister noch mal allen gezeigt. Nachdem man "Prête à Porter" zu Recht vorwerfen konnte, die Erzählweise, die Altman in "Short Cuts" so eindrucksvoll perfektioniert hatte, nur noch zu kopieren, aber nicht mehr mit genug Inhalt zu füllen (auch wenn Mastroianni und die Loren ein wunderbares Paar abgaben), so folgte nun eine ruhig und abgeklärt erzählte Geschichte, in der alles so ausgeht, wie man es sich wünscht, ohne daß man sich darüber ärgert. Wie immer versammelt Altman ein glänzendes Ensemble: Glenn Close spielt die Rolle, für die sie berühmt ist, nämlich die unsympathische Furie. Julianne Moore ist als ihre passive Schwester perfekt besetzt (was selten passiert, da ihre Wandlungsfähigkeit weit überschätzt wird). Liv Tyler und Chris O'Donnell geben ein wunderbar-erfrischendes junges Paar ab. Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht aber Charles S. Dutton, der als Willis Wärme und Weisheit ausstrahlt und quasi synchron zum wunderbar relaxten Soundtrack von David A. Stewart agiert. Alles in allem ein großes Kinovergnügen zum Zurücklehnen und Genießen (8/10).
Samstag, 29. September 2018
Auf den zweiten Blick: Logan (6/10)
Wolverine war noch nie der fröhlichste der X-Men. Vielleicht ist seine Schwermut für mich sogar seine attraktivste Eigenschaft. Logan geht allerdings einen Schritt weiter. Hugh Jackmans Abschiedsvorstellung ist ein trauriger Film, der den Zuschauer in eine dystopische Gesellschaft katapultiert. Mutanten sind fast ausgerottet, für die letzten X-Men gilt es, um jeden Preis zu überleben: Wir gegen Sie. Spoiler: Nicht ein einziger sympathischer Nicht-Mutant wird bis zum Ende überleben (gibt es dafür eigentlich eine Bezeichnung, so wie Muggles?) Die Anfangsszene setzt den Ton. Logan will sich eigentlich nicht prügeln, hat dann aber auch keine Gewissensbisse, als er, in die Ecke gedrängt, eine räuberische Gang massakriert. Und so geht es weiter, Komparsen werden links und rechts zerfetzt, Blut spritzt, Körperteile fliegen durch die Luft. Johnny Cashs bewegende Interpretation des Nine-Inch-Nails-Songs "Hurt" (aus seinen späten American Recordings) dominiert den Trailer, erzeugt aber vielleicht auch zu hohe Erwartungen:
Schon in Der Weg des Kriegers musste Logan sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Jetzt wirkt er mit bald 150 Jahren sichtlich älter, schwächer, Narben schmerzen, die Haare werden grau - das Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper von innen, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Verbissen widmet er sich seiner letzten Aufgabe - er kümmert sich um den über 90jährigen Xavier (Patrick Stewart), den einst so mächtigen Professor X, dessen Kräfte nun in epileptischen Anfällen zur Bedrohung für seine Umgebung werden (tatsächlich wird er als Massenvernichtungswaffe eingestuft). Zu Beginn wird Logan dabei vom lichtscheuen Caliban (Stephen Merchant) unterstützt, einer Figur, die wohl nur bei Comiclesern Kontur entwickelt. Und dann taucht die elfjährige Laura (Dafne Keene) auf, eine Art Mini-Me-Wolverine. Es stellt sich heraus, dass sie aus dem genetischen Experiment X23 entstand, um Supersoldaten mit Mutantengenen zu produzieren. Nun versucht sie zu einem Eden nahe der kanadischen Grenze zu gelangen (für US-Amerikaner liegt das Paradies in Kanada). Ihr auf den Fersen sind der Projektleiter Dr. Rice (Richard E. Grant), der seinem Vorbild Mengele alle Ehre macht, und dessen Handlanger Pierce (Boyd Holbrook mit Cyborg-Arm). Beim sich entwickelnden malerischen Roadmovie dominiert weiterhin das Blutrot.
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Mit dem Drehbuch von Scott Frank (Out of Sight), Michael Green (Green Lantern - wie hat der denn jemals wieder einen Job bekommen?) und Regisseur James Mangold, deren Oscar-Nominierung als Meilenstein gefeiert wurde, habe ich so meine Probleme. Der Grad an Brutalität, der das R-Rating (nur für Erwachsene) ausreizt, ist sicherlich Geschmackssache. Logans realistische und bitterernste Action.steht jedenfalls in unversöhnlichem Gegensatz zu den Eskapaden seines Möchtegernkumpels Deadpool, der fantastisch und ironisch überzogen daherkommt. Dazu kommen dann noch Handlungslöcher, die wohl nur Comicfans erklären können. Im Kino schien mir, dass X24 praktisch vom Himmel gefallen war, kurz glaubte ich sogar, er sei nur eine Ausgeburt von Wolverines Schizophrenie. Beim zweiten Sehen fällt auf, dass der Auftritt dieser Figur durchaus, wenngleich dürftig, vorbereitet war. Trotzdem ist mir nicht klar, warum sich die Schurken mit den nervigen X23-Kindern abgegeben haben, wenn sie doch die Technologie für einen X24 parat hatten...
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Und dann ist das alles so schwer zu ertragen, und damit meine ich nicht einmal das vorhersehbare tragische Ende der Hauptfiguren. Das Schicksal der Farmerfamilie ging mir viel näher. Zudem ist mir bei Logan besonders aufgefallen, mit welcher Skrupellosigkeit die Henchmen der Schurken eliminiert werden. Ich muss dann immer an eine Szene in Austin Powers denken, in der Mike Myers mal die Konsequenzen durchdacht hat: "The Henchman's Wife". Ironischerweise sollte Boyd Holbrook, hier Darsteller des Hauptschurken Pierce, in seiner nächsten Rolle die Perspektive wechseln. In The Predator ist es sein Team, das skrupellos reihenweise "feindliche" Soldaten entsorgt.
Wenn man sich mit den geschilderten Voraussetzungen arrangiert, ist Logan ein fabelhaft gespieltes Abenteuer mit beeindruckenden Bildern und der passend verstörenden Musikuntermalung. Man kann sich längst niemand anders als Hugh Jackman als Wolverine vorstellen. Als sein Mentor ist Patrick Stewart wohl nur knapp an einer Oscar-Nominierung gescheitert. Der heute 78jährige Shakespeare-Mime hat für die Rolle wohl sogar abgespeckt und wurde von der Maske auf älter getrimmt. Die elfjährige Neuentdeckung Dafne Keen kann mit den beiden Veteranen durchaus mithalten, und die Interaktionen zwischen den drei Generationen machen auch den Hauptreiz dieser Geschichte aus. Meine Wertung: Ordentlich (6/10).
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Nach langem Zögern habe ich mir nun doch die UHD-Blu-ray des Films besorgt, und neben der tollen Bild- und Tonqualität lohnt schon die hochinteressante Making-Of-Dokumentation den Kauf.
Schon in Der Weg des Kriegers musste Logan sich mit seiner eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Jetzt wirkt er mit bald 150 Jahren sichtlich älter, schwächer, Narben schmerzen, die Haare werden grau - das Adamantium-Skelett vergiftet seinen Körper von innen, seine Selbstheilungskräfte schwinden. Verbissen widmet er sich seiner letzten Aufgabe - er kümmert sich um den über 90jährigen Xavier (Patrick Stewart), den einst so mächtigen Professor X, dessen Kräfte nun in epileptischen Anfällen zur Bedrohung für seine Umgebung werden (tatsächlich wird er als Massenvernichtungswaffe eingestuft). Zu Beginn wird Logan dabei vom lichtscheuen Caliban (Stephen Merchant) unterstützt, einer Figur, die wohl nur bei Comiclesern Kontur entwickelt. Und dann taucht die elfjährige Laura (Dafne Keene) auf, eine Art Mini-Me-Wolverine. Es stellt sich heraus, dass sie aus dem genetischen Experiment X23 entstand, um Supersoldaten mit Mutantengenen zu produzieren. Nun versucht sie zu einem Eden nahe der kanadischen Grenze zu gelangen (für US-Amerikaner liegt das Paradies in Kanada). Ihr auf den Fersen sind der Projektleiter Dr. Rice (Richard E. Grant), der seinem Vorbild Mengele alle Ehre macht, und dessen Handlanger Pierce (Boyd Holbrook mit Cyborg-Arm). Beim sich entwickelnden malerischen Roadmovie dominiert weiterhin das Blutrot.
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Mit dem Drehbuch von Scott Frank (Out of Sight), Michael Green (Green Lantern - wie hat der denn jemals wieder einen Job bekommen?) und Regisseur James Mangold, deren Oscar-Nominierung als Meilenstein gefeiert wurde, habe ich so meine Probleme. Der Grad an Brutalität, der das R-Rating (nur für Erwachsene) ausreizt, ist sicherlich Geschmackssache. Logans realistische und bitterernste Action.steht jedenfalls in unversöhnlichem Gegensatz zu den Eskapaden seines Möchtegernkumpels Deadpool, der fantastisch und ironisch überzogen daherkommt. Dazu kommen dann noch Handlungslöcher, die wohl nur Comicfans erklären können. Im Kino schien mir, dass X24 praktisch vom Himmel gefallen war, kurz glaubte ich sogar, er sei nur eine Ausgeburt von Wolverines Schizophrenie. Beim zweiten Sehen fällt auf, dass der Auftritt dieser Figur durchaus, wenngleich dürftig, vorbereitet war. Trotzdem ist mir nicht klar, warum sich die Schurken mit den nervigen X23-Kindern abgegeben haben, wenn sie doch die Technologie für einen X24 parat hatten...
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Und dann ist das alles so schwer zu ertragen, und damit meine ich nicht einmal das vorhersehbare tragische Ende der Hauptfiguren. Das Schicksal der Farmerfamilie ging mir viel näher. Zudem ist mir bei Logan besonders aufgefallen, mit welcher Skrupellosigkeit die Henchmen der Schurken eliminiert werden. Ich muss dann immer an eine Szene in Austin Powers denken, in der Mike Myers mal die Konsequenzen durchdacht hat: "The Henchman's Wife". Ironischerweise sollte Boyd Holbrook, hier Darsteller des Hauptschurken Pierce, in seiner nächsten Rolle die Perspektive wechseln. In The Predator ist es sein Team, das skrupellos reihenweise "feindliche" Soldaten entsorgt.
Wenn man sich mit den geschilderten Voraussetzungen arrangiert, ist Logan ein fabelhaft gespieltes Abenteuer mit beeindruckenden Bildern und der passend verstörenden Musikuntermalung. Man kann sich längst niemand anders als Hugh Jackman als Wolverine vorstellen. Als sein Mentor ist Patrick Stewart wohl nur knapp an einer Oscar-Nominierung gescheitert. Der heute 78jährige Shakespeare-Mime hat für die Rolle wohl sogar abgespeckt und wurde von der Maske auf älter getrimmt. Die elfjährige Neuentdeckung Dafne Keen kann mit den beiden Veteranen durchaus mithalten, und die Interaktionen zwischen den drei Generationen machen auch den Hauptreiz dieser Geschichte aus. Meine Wertung: Ordentlich (6/10).
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Nach langem Zögern habe ich mir nun doch die UHD-Blu-ray des Films besorgt, und neben der tollen Bild- und Tonqualität lohnt schon die hochinteressante Making-Of-Dokumentation den Kauf.
Sonntag, 16. September 2018
Keine neuen Features: The Predator (6/10)
Ein Predator ist eigentlich ein Raubtier, während das Monster hier eher ein Trophäenjäger ist - was in dieser Neuauflage auch mehrfach erwähnt wird. Aber das klingt natürlich nicht annähernd so cool. Dieses unfreiwillige Franchise ist ohnehin nur im weitesten Sinne Science Fiction. Es kommen zwar Raumschiffe und Aliens vor, aber sonst... Zum Beispiel verstehe ich nicht, wie die Predators an der Spitze der galaktischen Nahrungspyramide stehen können, wenn sie nur im Infrarotbereich sehen können (was allerdings Raum für interessante Effekte gibt). Wie haben solche Wesen denn überhaupt das Rad erfinden können, wenn sie die dazu notwendigen Materialien nicht sehen können?
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Die Geschichte begann 1987 eher als Horror-Thriller und Schwarzenegger-Vehikel (für die Jüngeren: er war der Dwayne Johnsson der 80er). Das Original macht aber auch heute noch Spaß, wenn man die unnötige Brutalität und Arnies unpassende Einzeiler der ersten Hälfte ignoriert. Die folgende Hetzjagd im lateinamerikanischen Dschungel ist aber grandios inszeniert (von Stirb-Langsam-Regisseur John McTiernan). Gleiches kann man leider nicht für die drei Jahre später erschienene Fortsetzung behaupten, die im Großstadt-Dschungel in einer dystopischen Zukunft spielt (was in den Folgefilmen zu Recht ignoriert wurde). Predators 2 hatte mit Lethal-Weapon-Star Danny Glover zwar einen soliden Hauptdarsteller, das Drehbuch wirkt aber so zerfleischt wie am Ende die Körper seiner Mitstreiter, darunter ein junger "Jayne" Adam Baldwin. Auch dabei: der im letzten Jahr verstorbene Bill Paxton in einem bizarren Auftritt irgendwo zwischen James Dean und Robert DeNiro, der eher wie eine Probeaufnahme für einen Fernsehkrimi wirkt.
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Jedenfalls kann man dieses Machwerk von Stephen Hopkins getrost ignorieren und gleich zum dritten Teil übergehen, der 20 Jahre später entstand (zwischendurch gab es wohl noch lausige Cross-Franchise-Breeds wie Alien vs. Predator etc.) Predators (2010) unter Leitung von Nimród Antal und Robert Rodriguez spielt wieder in einem "echten" Dschungel, allerdings auf einem fremden Planeten. Eine Darstellerriege mit hohem Wiedererkennungswert (und inzwischen zwei Oscar-Preisträgern) sorgte erneut für ein kurzweiliges Schlachtfest, darunter Adrien Brody (Der Pianist), Topher Grace (Die wilden 70er), Alice Braga (City of God), Danny Trejo (Machete) und Mahershali Ali (Moonlight).
Nachdem Ridley Scott die Alien-Welle inzwischen zu Tode geritten hat, will Twentieth Century Fox nun offenbar auch aus dem verwandten B-Franchise noch ein paar Dollars erpressen. Immerhin wurde mit Shane Black als Regisseur und Autor eine Legende engagiert, die übrigens im allerersten Film bereits eine kleine Rolle spielte, damit das Studio im Notfall einen Scriptdoktor vor Ort hatte. Wie man hört, hatte der Stahlharte Profi diesmal selbst mit den Produzenten zu kämpfen. Es ist ja bekannt, dass Studiobosse selbst nur in einem stark eingeschränkten Spektrum sehen können. Rausgekommen ist daher leider wieder nur ein Hybrid aus dem Katz-und-Maus-Spiel des Originals und Blacks skurillen Ensemble-Menagen wie Kiss Kiss Bang Bang oder Nice Guys. Diese Hetzjagd ging auf Kosten der rohen Spannung, und die Charakterzeichnungen wirken sprunghafter als sonst bei ihm üblich. Irgendwie verliert er diesmal den roten Faden (vielleicht ein Infrarot-Effekt). Da gibt es zum Beispiel diesen allerliebsten Weltraumhund, der erst Bedrohung, dann nach einer improvisierten Lobotomie Verbündeter ist und schließlich in einen Anhänger gelockt und vergessen wird. Es gibt einfach zu viele Handlungsbruchstücke ohne Payoff. Dem Franchise geschuldet müssen natürlich die meisten Figuren am Ende dem Predator zum Opfer fallen. Für so manchen Antihelden hätte ich mir allerdings einen denkwürdigeren Abgang gewünscht.
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Immerhin konnte Shane Black ein Traumteam zur Mitarbeit bewegen. Hauptdarsteller Boyd Holbrook (Narcos) ist zwar ein blasser Nachfolger von Arnie, Glover und Brody, das machen seine Kumpanen, das unwahrscheinliche Comedy-Duo Keegan-Michael Key und Trevante Rhodes (Moonlight), "Theon Greyjoy" Alfie Allen, Thomas Jane (bester Darsteller aus The Expanse) als Tourette-geplagter Grantler, Augusto Aguilera und Jake (Garys Sohn) Busey, allemal wett. Hinzu kommt der 11 jährige Fast-Oscar-Kandidat Jacob Tremblay (Raum), der seine potentiell nervige Rolle zum Glück sehr zurückhaltend anlegt (der erste Trailer ließ ja das Schlimmste befürchten).
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Und dann sind da die beiden Frauen, deren Rollen ich gern getauscht hätte. Schließlich hat die wunderbare Yvonne Strahovski aus Chuck reichlich Actionerfahrung, muss sich hier aber mit der passiven Rolle als zurückgelassene Ehefrau begnügen (in ihrer aktivsten Szene wirft sie ihr Telefon ins Spülwasser). Nichts gegen Olivia Munn (Psylocke in X-Men: Apocalypse), sie gibt ihr Bestes und kann durchaus mit den Männern mithalten. Hier liegt aber auch das (Drehbuch-)Problem: Sie wird als Wissenschaftlerin eingeführt (die einzige Alien-Biologin - auf Abruf - der USA), greift sich aber bei erster Gelegenheit ein Gewehr und ist fortan nur noch selten am Mikroskop zu beobachten. Das ist ein trauriger Verrat an sowohl der Wissenschafts- als auch der Damenwelt.
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Nun ja, niemand hat ein Meisterwerk erwartet. Auch wenn die Produktion soviel gekostet hat wie die drei Vorgänger zusammen, kann man aus einem B-Franchise nicht einfach einen A-Blockbuster machen. Und Shane Black hat seine Munition wohl langsam verschossen. Was bleibt, sind durchaus unterhaltsame 100 Minuten mit Witz und ein paar Überraschungen. Ein wirkliches Upgrade kann ich aber nicht erkennen, höchstens ein Update. Ordentlich (6/10).
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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Die Original-"Trilogie" ist zur Einstimmung auf die Fortsetzung jüngst auf UHD-Blu-ray erschienen, in für meinen Geschmack guter Bildqualität - die Restaurierung läßt nun wieder (ruhiges) Filmkorn erkennen. Kauftipp: die britische Box ist deutlich günstiger und enthält trotzdem auf fast allen Scheiben den deutschen Ton.
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Die Geschichte begann 1987 eher als Horror-Thriller und Schwarzenegger-Vehikel (für die Jüngeren: er war der Dwayne Johnsson der 80er). Das Original macht aber auch heute noch Spaß, wenn man die unnötige Brutalität und Arnies unpassende Einzeiler der ersten Hälfte ignoriert. Die folgende Hetzjagd im lateinamerikanischen Dschungel ist aber grandios inszeniert (von Stirb-Langsam-Regisseur John McTiernan). Gleiches kann man leider nicht für die drei Jahre später erschienene Fortsetzung behaupten, die im Großstadt-Dschungel in einer dystopischen Zukunft spielt (was in den Folgefilmen zu Recht ignoriert wurde). Predators 2 hatte mit Lethal-Weapon-Star Danny Glover zwar einen soliden Hauptdarsteller, das Drehbuch wirkt aber so zerfleischt wie am Ende die Körper seiner Mitstreiter, darunter ein junger "Jayne" Adam Baldwin. Auch dabei: der im letzten Jahr verstorbene Bill Paxton in einem bizarren Auftritt irgendwo zwischen James Dean und Robert DeNiro, der eher wie eine Probeaufnahme für einen Fernsehkrimi wirkt.
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Jedenfalls kann man dieses Machwerk von Stephen Hopkins getrost ignorieren und gleich zum dritten Teil übergehen, der 20 Jahre später entstand (zwischendurch gab es wohl noch lausige Cross-Franchise-Breeds wie Alien vs. Predator etc.) Predators (2010) unter Leitung von Nimród Antal und Robert Rodriguez spielt wieder in einem "echten" Dschungel, allerdings auf einem fremden Planeten. Eine Darstellerriege mit hohem Wiedererkennungswert (und inzwischen zwei Oscar-Preisträgern) sorgte erneut für ein kurzweiliges Schlachtfest, darunter Adrien Brody (Der Pianist), Topher Grace (Die wilden 70er), Alice Braga (City of God), Danny Trejo (Machete) und Mahershali Ali (Moonlight).
Nachdem Ridley Scott die Alien-Welle inzwischen zu Tode geritten hat, will Twentieth Century Fox nun offenbar auch aus dem verwandten B-Franchise noch ein paar Dollars erpressen. Immerhin wurde mit Shane Black als Regisseur und Autor eine Legende engagiert, die übrigens im allerersten Film bereits eine kleine Rolle spielte, damit das Studio im Notfall einen Scriptdoktor vor Ort hatte. Wie man hört, hatte der Stahlharte Profi diesmal selbst mit den Produzenten zu kämpfen. Es ist ja bekannt, dass Studiobosse selbst nur in einem stark eingeschränkten Spektrum sehen können. Rausgekommen ist daher leider wieder nur ein Hybrid aus dem Katz-und-Maus-Spiel des Originals und Blacks skurillen Ensemble-Menagen wie Kiss Kiss Bang Bang oder Nice Guys. Diese Hetzjagd ging auf Kosten der rohen Spannung, und die Charakterzeichnungen wirken sprunghafter als sonst bei ihm üblich. Irgendwie verliert er diesmal den roten Faden (vielleicht ein Infrarot-Effekt). Da gibt es zum Beispiel diesen allerliebsten Weltraumhund, der erst Bedrohung, dann nach einer improvisierten Lobotomie Verbündeter ist und schließlich in einen Anhänger gelockt und vergessen wird. Es gibt einfach zu viele Handlungsbruchstücke ohne Payoff. Dem Franchise geschuldet müssen natürlich die meisten Figuren am Ende dem Predator zum Opfer fallen. Für so manchen Antihelden hätte ich mir allerdings einen denkwürdigeren Abgang gewünscht.
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Immerhin konnte Shane Black ein Traumteam zur Mitarbeit bewegen. Hauptdarsteller Boyd Holbrook (Narcos) ist zwar ein blasser Nachfolger von Arnie, Glover und Brody, das machen seine Kumpanen, das unwahrscheinliche Comedy-Duo Keegan-Michael Key und Trevante Rhodes (Moonlight), "Theon Greyjoy" Alfie Allen, Thomas Jane (bester Darsteller aus The Expanse) als Tourette-geplagter Grantler, Augusto Aguilera und Jake (Garys Sohn) Busey, allemal wett. Hinzu kommt der 11 jährige Fast-Oscar-Kandidat Jacob Tremblay (Raum), der seine potentiell nervige Rolle zum Glück sehr zurückhaltend anlegt (der erste Trailer ließ ja das Schlimmste befürchten).
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Und dann sind da die beiden Frauen, deren Rollen ich gern getauscht hätte. Schließlich hat die wunderbare Yvonne Strahovski aus Chuck reichlich Actionerfahrung, muss sich hier aber mit der passiven Rolle als zurückgelassene Ehefrau begnügen (in ihrer aktivsten Szene wirft sie ihr Telefon ins Spülwasser). Nichts gegen Olivia Munn (Psylocke in X-Men: Apocalypse), sie gibt ihr Bestes und kann durchaus mit den Männern mithalten. Hier liegt aber auch das (Drehbuch-)Problem: Sie wird als Wissenschaftlerin eingeführt (die einzige Alien-Biologin - auf Abruf - der USA), greift sich aber bei erster Gelegenheit ein Gewehr und ist fortan nur noch selten am Mikroskop zu beobachten. Das ist ein trauriger Verrat an sowohl der Wissenschafts- als auch der Damenwelt.
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Nun ja, niemand hat ein Meisterwerk erwartet. Auch wenn die Produktion soviel gekostet hat wie die drei Vorgänger zusammen, kann man aus einem B-Franchise nicht einfach einen A-Blockbuster machen. Und Shane Black hat seine Munition wohl langsam verschossen. Was bleibt, sind durchaus unterhaltsame 100 Minuten mit Witz und ein paar Überraschungen. Ein wirkliches Upgrade kann ich aber nicht erkennen, höchstens ein Update. Ordentlich (6/10).
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Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.
Die Original-"Trilogie" ist zur Einstimmung auf die Fortsetzung jüngst auf UHD-Blu-ray erschienen, in für meinen Geschmack guter Bildqualität - die Restaurierung läßt nun wieder (ruhiges) Filmkorn erkennen. Kauftipp: die britische Box ist deutlich günstiger und enthält trotzdem auf fast allen Scheiben den deutschen Ton.
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