In den 70ern war die Nische des Jugendromans (YA = Young Adult) noch nicht kommerziell entdeckt. Andernfalls hätte Michael Coney vielleicht mehr Erfolg mit diesem wundervollen Roman gehabt. Er erzählt eine Geschichte vom Erwachsenwerden, vom Generationenkonflikt, vom Klassenkampf, der Entdeckung einer geheimnisvollen Ökologie, und nicht zuletzt eine zarte Romanze. Und das alles auf gut 200 Seiten (des deutschen Taschenbuchs). Heute würde man das natürlich zu einer Trilogie aufblähen, die Poesie in Pathos ersticken und die Konflikte mit blutigen Kämpfen anreichern. Doch wer das Glück hatte, in jungen Jahren auf Der Sommer geht zu stoßen, wird dieses Leseerlebnis niemals vergessen können.
Der Teenager Drove reist mit seinen Eltern zum Sommerurlaub zur Hafenstadt Pallahaxi. Er steckt in einer Lebensphase, die viele aufgeschlossene und überdurchschnittlich begabte Heranwachsende nachvollziehen können. Er beginnt die Lebenslügen seiner Eltern zu durchschauen und muß seine Ideale gegen die Erosion der Gewohnheit verteidigen. Seine herankeimende Beziehung zur örtlichen Wirtstochter Braunauge stößt nicht nur bei seinem Vater, dem Regierungsbeamten, auf Widerstand. Er gerät zunehmend in den Fokus des politisch hochbrisanten Konflikts zwischen den lokalen Küstenbewohnern und den Funktionären aus dem Inland. Denn diese haben offenbar eine geheime Agenda, die wohl mit der neu erbauten Konservenfabrik in Verbindung steht...
Ein großer Reiz der Erzählung liegt darin, daß die Exposition ausschließlich indirekt erfolgt. Wir erleben die Welt durch die Augen des Ich-Erzählers und erkennen nur allmählich, daß es sich um einen fremden Planeten mit eigenwilligen Jahreszeiten und ungewohnter Tierwelt handelt. Die "Loxen" gingen vielleicht noch als Abart unserer Ochsen durch, aber die geheimnisvollen, allgegenwärtigen Lorin und die gefährlichen Eisteufel sind Beispiele für eine einfallsreichen exotische Fauna. Und dann gibt es noch das "Grum", eine jährliche wiederkehrende komplexe Wandlung des Meers, auf die sich die Fischer aber offenbar perfekt eingestellt haben. Ganz zu schweigen vom düsteren Himmelsgestirn Rax, auf dessen Zusammenspiel mit der Sonne Phu eine komplette Schöpfungsmythologie basiert.
Der Engländer Michael Coney emigrierte 1972 40jährig nach Kanada und veröffentlichte in kurzer Folge fast ein Dutzend SF-Romane. Hello Summer, Goodbye, seine achte Veröffentlichung, gilt als sein bester Roman. Es gab zwar ein positives kritisches Echo, aber finanziell blieb der große Erfolg wohl aus, so daß in den nächsten Jahren nur wenig Werke hinzukamen. Die (lose) Fortsetzung I Remember Pallahaxi erschien daher erst nach seinem Krebstod im November 2005.
Träume von Pallahaxi ist für sich gesehen ein sehr schöner Roman, verblaßt aber im Vergleich mit dem Vorgänger und sollte eher als dessen Epilog angesehen werden. Die Handlung spielt viele hundert Jahre später. Inzwischen ist der Planet von Menschen entdeckt worden, die eine kleine Repräsentanz etabliert haben. Dieser Kunstgriff ermöglicht viele explizite Erklärungen der ökologischen Situation, die man sich vorher selbst zusammenreimen mußte. Ansonsten werden die Themen des ersten Romans geschickt variiert, und die Perspektive ist wieder die eines (nicht-menschlichen) Teenagers, möglicherweise eines fernen Nachkommens von Drove. Der Clou ist die Fähigkeit der Aliens, auf eidetische Erinnerungen ihrer Vorfahren zurückgreifen zu können. Es gibt auch wieder eine bewegende Liebesgeschichte, aber insgesamt tritt die Poesie zugunsten einer direkteren Erzählweise zurück.
Neben Kinofilmen bespreche ich auch TV-Serien, Musik und Bücher, mit dem Schwerpunkt Science Fiction.
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Sonntag, 23. März 2014
Freitag, 14. März 2014
Wes-Anderson-Highlight: Grand Budapest Hotel (8/10)
Die besten Filme von Wes Anderson sind wie russische Matroschka-Puppen. Man entfernt die äußere Hülle und entdeckt eine neue, kleinere Puppe. Dies wiederholt man einige Male, bis sich die letzte Instanz als leer entpuppt. Der Wert der geschachtelten Objekte liegt aber in ihrer kunstvollen Bemalung, und der Spaß im Auspacken selbst.
Mit Grand Budapest Hotel kehrt Anderson zur erzählerischen Detaildichte und dem virtuos verwobenen Potpurri skuriller Figuren der Royal Tenenbaums von 2001 zurück. Während seine Phantasie im Nachfolger Die Tiefseetaucher (2004) reichlich überschäumte, mußte man mit Darjeeling Limited (2007) ihre endgültige Verwässerung befürchten. Jetzt triumphiert der sympathische Mittvierziger zum zweiten Mal in Folge. Seinem jüngsten Film fehlt zwar die Wärme der zentralen Teenagerromanze von Moonrise Kingdom, macht das aber wett durch eine irrsinnige Reise in ein verzaubertes Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Abgesehen von Altmeister Woody Allen gibt es nur wenige Regisseure, denen die Stars (des unabhängigen wie des Blockbuster-Kinos) so zu Füßen liegen und meist für den tariflichen Mindestlohn grandiose Darstellungen abliefern. Diesmal zähle ich allein drei Oscar-Preisträger (F. Murray "Salieri" Abraham, Adrien "Der Pianist" Brody, Tilda "Social Services" Swinton), weitere sieben Nominierte, darunter (diesmal nur in einem erweiterten Cameo) Mr. Comedy persönlich: Bill Murray, Andersons treuer Weggefährte seit dessen (Arthhouse-)Durchbruch mit Rushmore (1996). Hinzu kommen sein Freund aus Studentenzeiten, Owen Wilson, mit dem Anderson gemeinsam für das Drehbuch der Royal Tenenbaums nominiert war, der profilierte, weit unterschätzte Bob Balaban (der Erzähler und Wetterfrosch von Moonrise Kingdom), und in der fünften Zusammenarbeit Jason Schwartzman, der (im Vergleich zu Nic Cage) weniger bekannte Coppola-Neffe.
Hauptdarsteller Ralph ("Rafe") Fiennes wurde berühmt als sadistischer KZ-Chef in Schindlers Liste, bevor er uns als Englischer Patient fast zu Tode langweilte. Später übersteigerte er seine britische Hochadelsarroganz als Lord Voldemort ins Schleimige und als Skyfalls M ins Alberne. Aber bereits im grandiosen Brügge sehen... und sterben? zeigte er eine mir bis dahin unbekannte komische Seite. Sein Concierge und Schwerenöter Monsieur Gustave nun brennt sich uns mit exaktem Timing und staubtrockenen Dialogen ins Gedächtnis ein. Gemeinsam mit der noch nicht einmal 18jährigen Entdeckung Toni Revolori steht er im Zentrum dieser wilden Erzählung. In Nebenrollen amüsieren Willem "Green Goblin" Dafoe als sinistrer Biker, der leider nur noch selten zu sehende Jeff "das lange Elend" Goldblum als fatal korrekter Anwalt und Harvey "The Cleaner" Keitel, auch mit über 70 Jahren noch willens, seinen nackten Oberkörper darzubieten.
Ein erstes Highlight des jungen Kinojahres: Sehr gut (8/10)!
Mit Grand Budapest Hotel kehrt Anderson zur erzählerischen Detaildichte und dem virtuos verwobenen Potpurri skuriller Figuren der Royal Tenenbaums von 2001 zurück. Während seine Phantasie im Nachfolger Die Tiefseetaucher (2004) reichlich überschäumte, mußte man mit Darjeeling Limited (2007) ihre endgültige Verwässerung befürchten. Jetzt triumphiert der sympathische Mittvierziger zum zweiten Mal in Folge. Seinem jüngsten Film fehlt zwar die Wärme der zentralen Teenagerromanze von Moonrise Kingdom, macht das aber wett durch eine irrsinnige Reise in ein verzaubertes Osteuropa des frühen 20. Jahrhunderts.
Abgesehen von Altmeister Woody Allen gibt es nur wenige Regisseure, denen die Stars (des unabhängigen wie des Blockbuster-Kinos) so zu Füßen liegen und meist für den tariflichen Mindestlohn grandiose Darstellungen abliefern. Diesmal zähle ich allein drei Oscar-Preisträger (F. Murray "Salieri" Abraham, Adrien "Der Pianist" Brody, Tilda "Social Services" Swinton), weitere sieben Nominierte, darunter (diesmal nur in einem erweiterten Cameo) Mr. Comedy persönlich: Bill Murray, Andersons treuer Weggefährte seit dessen (Arthhouse-)Durchbruch mit Rushmore (1996). Hinzu kommen sein Freund aus Studentenzeiten, Owen Wilson, mit dem Anderson gemeinsam für das Drehbuch der Royal Tenenbaums nominiert war, der profilierte, weit unterschätzte Bob Balaban (der Erzähler und Wetterfrosch von Moonrise Kingdom), und in der fünften Zusammenarbeit Jason Schwartzman, der (im Vergleich zu Nic Cage) weniger bekannte Coppola-Neffe.
Hauptdarsteller Ralph ("Rafe") Fiennes wurde berühmt als sadistischer KZ-Chef in Schindlers Liste, bevor er uns als Englischer Patient fast zu Tode langweilte. Später übersteigerte er seine britische Hochadelsarroganz als Lord Voldemort ins Schleimige und als Skyfalls M ins Alberne. Aber bereits im grandiosen Brügge sehen... und sterben? zeigte er eine mir bis dahin unbekannte komische Seite. Sein Concierge und Schwerenöter Monsieur Gustave nun brennt sich uns mit exaktem Timing und staubtrockenen Dialogen ins Gedächtnis ein. Gemeinsam mit der noch nicht einmal 18jährigen Entdeckung Toni Revolori steht er im Zentrum dieser wilden Erzählung. In Nebenrollen amüsieren Willem "Green Goblin" Dafoe als sinistrer Biker, der leider nur noch selten zu sehende Jeff "das lange Elend" Goldblum als fatal korrekter Anwalt und Harvey "The Cleaner" Keitel, auch mit über 70 Jahren noch willens, seinen nackten Oberkörper darzubieten.
Ein erstes Highlight des jungen Kinojahres: Sehr gut (8/10)!
Sonntag, 2. März 2014
Oscar-Tip
Während letztes Jahr Life of Pi fast der einzige würdige Film im Rennen war, gibt es diesmal ein interessantes Feld mit mehreren hochklassigen Nominierungen. Die Verleihung wird also mindestens spannend. Bis auf Her und Im August in Osage Country habe ich alle für die Hauptkategorien relevanten Filme gesehen. Her läuft hierzulande erst Ende März an, "Osage Country" genauso wie der große Verlierer bei den Nominierungen, Saving Mr. Banks, in der kommenden Woche.
Originaldrehbuch
Blue Jasmine (2013): Woody Allen
Her (2013): Spike Jonze
Nebraska (2013): Bob Nelson
Mein Favorit: Dallas Buyers Club"Her" soll ein schöner Film sein, Blue Jasmine halte ich für etwas überschätzt. Ich tippe auf American Hustle, da der Drehbuchpreis oft auch als Trostpreis vergeben wird (und ich von einem Gesamtsieg von 12 Years A Slave ausgehe).
Mein Tip: American Hustle
Adaptiertes Drehbuch
Before Midnight (2013): Richard Linklater
Captain Phillips (2013): Billy Ray
12 Years a Slave (2013): John Ridley
Mein Favorit: Before MidnightSchade, daß Before Midnight nicht als Bester Film nominiert wurde, aber das Drehbuch ist wirklich exzellent. Chancen haben durchaus alle nominierten Filme.
Mein Tip: 12 Years a Slave
Weibliche Nebenrolle
Sally Hawkins for Blue Jasmine (2013)
Julia Roberts for Im August in Osage County (2013)
Lupita Nyong'o for 12 Years a Slave (2013)
Jennifer Lawrence for American Hustle (2013)
June Squibb for Nebraska (2013)
Mein Favorit: Sally HawkinsJennifer Lawrence hat letztes Jahr gewonnen und ist einfach zu jung für so viel Ehre. Julia Roberts soll auch gut gewesen sein, aber Sally Hawkins war ein solider Gegenpol zu Cate Blanchett. Lupita Nyong'o hat während der vielen Preisverleihungen der letzten Monate einen guten Eindruck gemacht, was leider oft mehr zählt als die eigentliche Rolle.
Mein Tip: Lupita Nyong'o
Männliche Nebenrolle
Barkhad Abdi for Captain Phillips (2013)
Bradley Cooper for American Hustle (2013)
Jonah Hill for The Wolf of Wall Street (2013)
Michael Fassbender for 12 Years a Slave (2013)
Jared Leto for Dallas Buyers Club (2013)
Mein Favorit: Jared LetoDas ist so eine Leistung, die aus dem Nichts kommt. Sympathien gibt es auch für den Neuling Barkhad Abdi und Michael Fassbender, der aber in den nächsten Jahren bestimmt noch "drankommt". Wenn es allerdings einen Durchmarsch für "12 Jahre" gibt...
Mein Tip: Jared Leto
Weibliche Hauptrolle
Amy Adams for American Hustle (2013)
Cate Blanchett for Blue Jasmine (2013)
Sandra Bullock for Gravity (2013)
Judi Dench for Philomena (2013)
Meryl Streep for Im August in Osage County (2013)
Mein Favorit: Sandra Bullock und Cate BlanchettHier zeigt sich, wie wenig man manchmal Leistungen vergleichen kann. Cate Blanchett zieht alle Register einer Theaterschauspielerin, während Sandra Bullock ihren Film erdet und gleichzeitig Starpower versprüht. Das ist eine schlecht meßbare Qualität, die von der Akademie selten gewürdigt wird (John Wayne mußte lange auf seinen Oscar warten). Für mich war Sandy in Gravity viel besser als im mäßigen The Blind Side.
Mein Tip: Cate Blanchett
Männliche Hauptrolle
Christian Bale for American Hustle (2013)
Bruce Dern for Nebraska (2013)
Leonardo DiCaprio for The Wolf of Wall Street (2013)
Chiwetel Ejiofor for 12 Years a Slave (2013)
Matthew McConaughey for Dallas Buyers Club (2013)
Mein Favorit: Matthew McConaugheyTrotz des scheinbar eindeutigen Favoriten ein offenes Rennen. Christian Bale ist nur einer von vielen in einem Ensemble-Film. Bruce Dern hat Sympathien bei den Senioren der Akademie (die mehr als die Hälfte der Mitglieder ausmachen), aber dann sollen sie ihm einen Ehrenoscar geben. Leo hätte in anderen Jahren vielleicht gewonnen, aber der Preis wird wohl zwischen McConaughey und Chiwetel Ejiofor ausgefochten. Wenn man die Online-Diskussion verfolgt, beziehen sich peinlicherweise selbst Profis auf "den Mann mit dem unaussprechlichen Namen". Man sollte meinen, der übrigens britische Schauspieler hätte wenigstens das bißchen Mühe verdient - auch eine Art von Rassismus.
Mein Tip: Matthew McConaughey
Beste Regie
Alfonso Cuarón for Gravity (2013)
Steve McQueen for 12 Years a Slave (2013)
David O. Russell for American Hustle (2013)
Martin Scorsese for The Wolf of Wall Street (2013)
Alexander Payne for Nebraska (2013)
Mein Favorit: Alfonso CuarónSelten war die Abgrenzung zwischen "Beste Regie" und "Bester Film" so klar wie in diesem Jahr. Zum besten Film gehört mehr als eine Regieleistung, es müssen viele Faktoren zusammenspielen. Alfonso Cuarón hat uns ein erstaunliches Kinoereignis geschenkt, was selbst Kritiker anerkennen, die z.B. das Drehbuch eher gering schätzen. Von Steve McQueen, der immerhin der erste schwarze Gewinner dieser Kategorie werden könnte, denken viele, er sei ein wenig zu sehr von sich selbst eingenommen.
Mein Tip: Alfonso Cuarón
Bester Film
American Hustle (2013)
Captain Phillips (2013)
Dallas Buyers Club (2013)
Gravity (2013)
Her (2013)
Nebraska (2013)
Philomena (2013)
12 Years a Slave (2013)
The Wolf of Wall Street (2013)
Mein Favorit: The Wolf of Wall StreetScorseses Meisterwerk ist leider zu kontrovers, um Chancen auf den Hauptpreis zu haben. Viele ältere Akademiemitglieder haben allerdings auch das Sklavendrama gemieden oder nervlich nicht durchgestanden. Daher können durchaus auch American Hustle oder Gravity gewinnen. "Captain Phillips" mochte ich übrigens so wenig, daß ich nicht einmal eine Kritik geschrieben habe. Paul Greengrass ist stilistisch einfach nicht mein Fall, und diese Piratengeschichte ist so merkwürdig patriotisch gefärbt und arrogant, daß Tom Hanks' solide Leistung auch keinen Unterschied mehr macht.
Mein Tip: 12 Years a Slave
Samstag, 1. März 2014
Nette Balance zwischen Tragödie und Komödie: Philomena (7/10)
Philomena ist ein altmodisches Rührstück. Das Vorbild für die Titelfigur, Philomena Lee, ist eine von Tausenden irischer Frauen, die in der züchtigen Nachkriegszeit als Teenager zum Austragen ihrer unehelichen Kinder in Nonnenklöster abgeschoben wurden, bevor die Zeugnisse ihrer Sünden mit kaum drei Jahren zur Adoption freigegeben wurden. Komödiant Steve Coogan spielt den Journalisten Martin Sixsmith, der mit Philomena 50 Jahre später ihrem verschollenen Sohn nachspürt und auf dessen Artikel das Drehbuch basiert, mit kluger Zurückhaltung. Dame Judi Denchs Porträt der naiven, ungebildeten pensionierten Krankenschwester ist ehrlich und würdevoll, ohne je ins Lächerliche abzudriften. Philomena hat eine Vorliebe für Kitschromane, aber doch eine klare, unromantische Sicht auf das menschliche Leben. Aus dem Zusammenprallen der unterschiedlichen Persönlichkeiten schlägt der Film einiges komisches Kapital, ein wohltuender Ausgleich für die Tragödie, die hier unter Strapazierung der Tränendrüsen rekonstruiert wird. Gut (7/10).
Trotz des behaupteten übergreifenden Themas Vergebung ist dies ein kleiner Film, der weder große Überraschungen bietet noch Genregrenzen überschreitet. Dies setzt den Trend des Alterswerks des britischen Regisseurs Stephen Frears fort, der 1985 mit der spektakulären Sozialkomödie Mein wunderbarer Waschsalon weltberühmt wurde (und mit ihm sein Hauptdarsteller, Daniel Day-Lewis). Kurz darauf (1988) schuf er in den USA mit Gefährliche Liebschaften eine Literaturverfilmung für die Ewigkeit. Zwischenzeitlich arbeitete er immer wieder auch fürs britische Fernsehen und inszenierte zwei Teile der herrlich-verrückten Barrytown-Trilogie von Roddy Doyle mit Colm Meaney: The Snapper (1993) und Fish & Chips (1996 - beim ersten Teil The Commitments führte 1991 Alan Parker Regie). 2000 lieferte er mit High Fidelity sein letztes herausragendes Werk ab. Seitdem steht der heute 73jährige eher für nette, niveauvolle Unterhaltung, empfehlenswert u.a.: Lady Henderson präsentiert (2005: mit Judi Dench und Bob Hoskins), The Queen (2006: Oscar für Helen Mirren), Chéri (2009: inzwischen seltene Hauptrolle für Michelle Pfeiffer).
Trotz des behaupteten übergreifenden Themas Vergebung ist dies ein kleiner Film, der weder große Überraschungen bietet noch Genregrenzen überschreitet. Dies setzt den Trend des Alterswerks des britischen Regisseurs Stephen Frears fort, der 1985 mit der spektakulären Sozialkomödie Mein wunderbarer Waschsalon weltberühmt wurde (und mit ihm sein Hauptdarsteller, Daniel Day-Lewis). Kurz darauf (1988) schuf er in den USA mit Gefährliche Liebschaften eine Literaturverfilmung für die Ewigkeit. Zwischenzeitlich arbeitete er immer wieder auch fürs britische Fernsehen und inszenierte zwei Teile der herrlich-verrückten Barrytown-Trilogie von Roddy Doyle mit Colm Meaney: The Snapper (1993) und Fish & Chips (1996 - beim ersten Teil The Commitments führte 1991 Alan Parker Regie). 2000 lieferte er mit High Fidelity sein letztes herausragendes Werk ab. Seitdem steht der heute 73jährige eher für nette, niveauvolle Unterhaltung, empfehlenswert u.a.: Lady Henderson präsentiert (2005: mit Judi Dench und Bob Hoskins), The Queen (2006: Oscar für Helen Mirren), Chéri (2009: inzwischen seltene Hauptrolle für Michelle Pfeiffer).
Montag, 17. Februar 2014
Ausgetrickst: American Hustle (5/10)
"Hustle" bedeutet etwa "betrügerischer Trick". Ein berühmter Hustler war Paul Newman 1961 in Haie der Großstadt (für dessen Fortsetzung Die Farbe des Geldes er 1987 schließlich seinen Oscar gewann). American Hustle ist leider großenteils das Blendwerk, das der Titel verspricht (vielleicht paßt die "Eindeutschung" "American Bullshit" tatsächlich besser). Regisseur David O. Russell gibt selbst zu, daß Charaktere ihm wichtiger als die Handlung sind. Aber wenn Figuren nicht in einen sinnvollen Ablauf eingebunden sind, spielen selbst die besten Charakterdarsteller ins Leere. Nun, die Akademie ist drauf reingefallen - in allen Hauptkategorien gab's Nominierungen.
Bereits nach wenigen Minuten stellt sich bei mir Unbehagen ein. Es gibt keine Identifikationsfigur, und die Komik erstickt immer wieder in schlechtem Timing. Warum die Erzählung wahllos mittendrin begonnen wird und dann zurückblendet, erschließt sich mir nicht. Und wenn ich schon das anfänglich überschaubare Geschäftsmodell ("mach mir aus 5.000 Dollar 50.000) nicht nachvollziehen kann, dann investiere ich später wohl kaum noch Grips, wenn's ums Ganze geht. Ich verstehe aber richtig, daß der gutmütige und idealistische Lokalpolitiker (Jeremy "Hawkeye" Renner) übers Ohr gehauen werden soll. Christian "The Dark Knight" Bale (mit Wampe) und Amy "Lois Lane" Adams (mit tiefem Dekolleté) spielen das im Mittelpunkt stehende Betrüger- und Liebespaar facettenreich, doch es ist nie klar, welche Gefühle echt und welche gespielt sind. FBI-Agent Bradley Cooper will Karriere machen und verprügelt dazu schon mal seinen Vorgesetzten. Und dann kommt da die Mafia ins Spiel, mit einem glänzenden Cameo von Robert De Niro. Na ja, aber richtig Spannung erzeugt das trotzdem nicht. Einzig die Szenen mit Jennifer Lawrence als trashiger Ehefrau von Bale bleiben in Erinnerung - die 23jährige kann einfach nicht langweilig sein und steht kurz davor, zur jüngsten doppelten Oscarpreisträgerin der Geschichte gekürt zu werden.
David O. Russell hat letztes Jahr mit Silver Linings sein diszipliniertestes Werk abgeliefert. Jetzt kehrt er zu früheren Exzessen zurück, mit vielen improvisierten Szenen (was dem Handlungsbogen schadet) und nervigen Kameraschwenks und Zooms. Für 138 Minuten Dialogeintopf können auch das detailreich inszenierte 70er-Ambiente und die explodierenden Frisuren (wie die Moderatorinnen der Globes es nannten) nicht entschädigen. Der Soundtrack bietet ein paar nett-nostalgische Hits aus den 70ern, aber merkwürdigerweise (falls ich mich nicht irre) auch zwei neue, auf Retro getrimmte Songs von Jeff Lynne (dessen ELO mit der allerersten Single von 1972 ebenfalls vertreten ist). Schwamm drüber (5/10).
Bereits nach wenigen Minuten stellt sich bei mir Unbehagen ein. Es gibt keine Identifikationsfigur, und die Komik erstickt immer wieder in schlechtem Timing. Warum die Erzählung wahllos mittendrin begonnen wird und dann zurückblendet, erschließt sich mir nicht. Und wenn ich schon das anfänglich überschaubare Geschäftsmodell ("mach mir aus 5.000 Dollar 50.000) nicht nachvollziehen kann, dann investiere ich später wohl kaum noch Grips, wenn's ums Ganze geht. Ich verstehe aber richtig, daß der gutmütige und idealistische Lokalpolitiker (Jeremy "Hawkeye" Renner) übers Ohr gehauen werden soll. Christian "The Dark Knight" Bale (mit Wampe) und Amy "Lois Lane" Adams (mit tiefem Dekolleté) spielen das im Mittelpunkt stehende Betrüger- und Liebespaar facettenreich, doch es ist nie klar, welche Gefühle echt und welche gespielt sind. FBI-Agent Bradley Cooper will Karriere machen und verprügelt dazu schon mal seinen Vorgesetzten. Und dann kommt da die Mafia ins Spiel, mit einem glänzenden Cameo von Robert De Niro. Na ja, aber richtig Spannung erzeugt das trotzdem nicht. Einzig die Szenen mit Jennifer Lawrence als trashiger Ehefrau von Bale bleiben in Erinnerung - die 23jährige kann einfach nicht langweilig sein und steht kurz davor, zur jüngsten doppelten Oscarpreisträgerin der Geschichte gekürt zu werden.
David O. Russell hat letztes Jahr mit Silver Linings sein diszipliniertestes Werk abgeliefert. Jetzt kehrt er zu früheren Exzessen zurück, mit vielen improvisierten Szenen (was dem Handlungsbogen schadet) und nervigen Kameraschwenks und Zooms. Für 138 Minuten Dialogeintopf können auch das detailreich inszenierte 70er-Ambiente und die explodierenden Frisuren (wie die Moderatorinnen der Globes es nannten) nicht entschädigen. Der Soundtrack bietet ein paar nett-nostalgische Hits aus den 70ern, aber merkwürdigerweise (falls ich mich nicht irre) auch zwei neue, auf Retro getrimmte Songs von Jeff Lynne (dessen ELO mit der allerersten Single von 1972 ebenfalls vertreten ist). Schwamm drüber (5/10).
Samstag, 15. Februar 2014
Überragend: Matthew McConaughey in "Dallas Buyers Club" (9/10)
Matthew McConaugheys magnetische Darstellung in Dallas Buyers Club gibt dem tragischen Schicksal unzähliger HIV-Opfer ein Gesicht. Er entlockt der zwiespältigen Figur des texanischen Rodeo-Cowboys und Machos Ron Woodroof selbst in den frühen Szenen unerklärlich sympathische Züge. Woodroof dröhnt sich mit Alkohol und Kokain zu, hat groben Sex mit anonymen Frauen und stockt sein mageres Elektrikergehalt mit betrügerischen Wettspielchen auf. Dann aber bricht seine mickrige Welt zusammen. Er hat AIDS, der Arzt gibt ihm noch 30 Tage zu leben. Man schreibt das Jahr 1985, niemand weiß viel über diese Krankheit, zu der sich Rock Hudson zum Schock von Rons Clique gerade öffentlich bekannt hat ("Hätte nicht gedacht, daß der auch ein Schwanzlutscher ist"). Die amerikanische Pharmaindustrie pusht die Zulassung überteuerter antiviraler Medikamente, die mehr schaden als nutzen. Mit Glück übersteht Ron diese Phase; in Mexiko hilft ihm ein exilierter Arzt mit Vitamin- und Eiweißpräparaten, die in den USA teilweise nicht zur Behandlung zugelassen sind. Aus dieser Erfahrung heraus gründet er den "Dallas Buyers Club", nach einem sich aus der Notlage entwickelnden Geschäftsmodell, bei dem AIDS-Kranke für 400 Dollar im Monat eine Clubmitgliedschaft kaufen und damit Zugang zu den lebensverlängernden, die Symptome erfolgreich bekämpfenden Medikamenten bekommen, die die offizielle Ärzteschaft ihnen verweigert.
Tatsächlich halte ich es für sehr geschickt, diese Geschichte aus der Sicht eines Heterosexuellen zu erzählen, aus einer konsequent subjektiven Perspektive. Politische Korrektheit ist hier nicht gefragt, aber die jämmerlichen Vorurteile dieser unaufgeklärten Zeit werden schonungslos offengelegt. Ron erfährt eine in ihrer zurückhaltenden Darstellung umso effektivere Wandlung zum Sympathieträger. Bezeichnend dabei ist seine Beziehung zum Transvestiten Rayon (Jared Leto mit fast sicheren Oscar-Chancen für diese bewegende Nebenrolle): Die "eklige Schwuchtel" im Nachbarbett des Krankenhauses wird erst zum Geschäftspartner und schließlich unmerklich zum besten Freund (während seine Macho-Kumpels Ron übergangslos fallen lassen). Nicht ausgespart wird die Fragwürdigkeit seines Geschäftsgebahrens; die FDA (Food and Drug Administration) u.a. mit Importen "für den Eigenbedarf" zu übertölpeln war vielleicht legitim, aber die IRS (Steuerbehörde) beobachtete nicht ohne Grund den anfänglich immensen Geldfluß mit Argwohn.
Abgesehen von Rayon sind die Nebenrollen eher skizzenhaft entwickelt. Jennifer Garner als sympathisierende Ärztin steuert die ihr innewohnende Warmherzigkeit bei, während Denis O'Hare (der soziopathische Vampirkönig Russell Edgington aus True Blood) als emotionsloser Klinikchef perfekt besetzt ist. Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée wurde mit seiner für den Fremdsprachenoscar nominierten schrägen Komödie C.R.A.Z.Y und der netten Historienverfilmung Young Victoria (mit Emily Blunt als junger Königin) bekannt. Das knappe Budget und die furchtlose Herangehensweise des Drehbuchs von Melisa Wallack und Craig Borten sorgen für eine kantige Unmittelbarkeit, die auf Hochglanz polierten Hollywoodproduktionen wie etwa dem (inzwischen 20 Jahre alten und natürlich trotzdem bahnbrechenden) Betroffenheitsdrama Philadelphia abgehen. Trotz des deprimierenden Themas vergehen die zwei Kinostunden wie im Flug. Herausragend (9/10)!
Tatsächlich halte ich es für sehr geschickt, diese Geschichte aus der Sicht eines Heterosexuellen zu erzählen, aus einer konsequent subjektiven Perspektive. Politische Korrektheit ist hier nicht gefragt, aber die jämmerlichen Vorurteile dieser unaufgeklärten Zeit werden schonungslos offengelegt. Ron erfährt eine in ihrer zurückhaltenden Darstellung umso effektivere Wandlung zum Sympathieträger. Bezeichnend dabei ist seine Beziehung zum Transvestiten Rayon (Jared Leto mit fast sicheren Oscar-Chancen für diese bewegende Nebenrolle): Die "eklige Schwuchtel" im Nachbarbett des Krankenhauses wird erst zum Geschäftspartner und schließlich unmerklich zum besten Freund (während seine Macho-Kumpels Ron übergangslos fallen lassen). Nicht ausgespart wird die Fragwürdigkeit seines Geschäftsgebahrens; die FDA (Food and Drug Administration) u.a. mit Importen "für den Eigenbedarf" zu übertölpeln war vielleicht legitim, aber die IRS (Steuerbehörde) beobachtete nicht ohne Grund den anfänglich immensen Geldfluß mit Argwohn.
Abgesehen von Rayon sind die Nebenrollen eher skizzenhaft entwickelt. Jennifer Garner als sympathisierende Ärztin steuert die ihr innewohnende Warmherzigkeit bei, während Denis O'Hare (der soziopathische Vampirkönig Russell Edgington aus True Blood) als emotionsloser Klinikchef perfekt besetzt ist. Der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée wurde mit seiner für den Fremdsprachenoscar nominierten schrägen Komödie C.R.A.Z.Y und der netten Historienverfilmung Young Victoria (mit Emily Blunt als junger Königin) bekannt. Das knappe Budget und die furchtlose Herangehensweise des Drehbuchs von Melisa Wallack und Craig Borten sorgen für eine kantige Unmittelbarkeit, die auf Hochglanz polierten Hollywoodproduktionen wie etwa dem (inzwischen 20 Jahre alten und natürlich trotzdem bahnbrechenden) Betroffenheitsdrama Philadelphia abgehen. Trotz des deprimierenden Themas vergehen die zwei Kinostunden wie im Flug. Herausragend (9/10)!
Sonntag, 26. Januar 2014
Realistisches Sklavendrama: 12 Years a Slave (8/10)
Dies ist so ein Film, nach dem man sich schämt, ein Mitglied der menschlichen Rasse zu sein. Nachdem letztes Jahr bereits Tarantino (opernhaft überhöht) und Spielberg (als leicht trockenes Politikdrama) die historische Bürde der Sklaverei angingen, steuert der 44jährige Steve McQueen mit 12 Years a Slave nun den vielleicht realistischsten Beitrag zu diesem Thema bei. Basierend auf den 1853 veröffentlichten Erinnerungen von Solomon Northup, der durch üble Profiteure aus seiner bürgerlichen Existenz herausgerissen und in die Sklaverei verkauft wurde, erzählt der Film genau diese zwölf Jahre, nur durch wenige Rückblenden zum glücklichen Familienleben davor unterbrochen.
Eine realistische Darstellung ist natürlich nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Wieviele Demütigungen und Auspeitschungen kann der Zuschauer ertragen, bis er abstumpft? Effektiver ist die unterschwellige Bedrohung, die durch Willkürakte der weißen Aufseher geschürt wird. Besonders in Erinnerung bleibt eine nicht enden wollende Szene, in der Solomon zur Strafe am Hals aufgehängt wird, so daß er gerade noch mit den Zehenspitzen am Boden balancieren und sich so vor dem Ersticken bewahren kann. Fast schlimmer als seine Qual ist es zu beobachten, wie im Hintergrund das Plantagenleben seinen gewohnten Gang geht, bis ihm schließlich eine Mitsklavin hastig einen Schluck Wasser zu trinken gibt.
Chiwetel Ejiofor (der Operative aus Serenity) in der Hauptrolle ist eindrucksvoll, vermag aber keinen durchgängigen roten Faden durch die Handlung zu vermitteln. Es mag die Schuld des Drehbuchs des vorwiegend fürs Fernsehen tätigen John Ridley sein, daß der Film in seine einzelnen Episoden zerfällt, ohne den Verlauf der Jahre so recht sichtbar zu machen. Die Rückblenden sind zudem etwas unbeholfen integriert. Loben muß ich einmal die Musik von Hans Zimmer, der oft in vorhersehbarem Bombast schwelgt, hier aber einen sehr atmosphärischen Beitrag liefert.
Bei den weißen Sklaventreibern sind verschiedene Schattierungen vertreten, vom moderaten Ford (Allzweckwaffe Benedict Cumberbatch), der immerhin Skrupel hat und Solomon eher wie einen Preishengst behandelt, zu den Sadisten Tibeats (Paul Dano, seit Little Miss Sunshine erwachsen geworden) und insbesondere Edwin Epps (McQueens bevorzugter Darsteller Michael "Magneto" Fassbender mit seiner überfälligen ersten Oscar-Nominierung), dessen Wutausbrüche in ihrem Schrecken nur noch von der Kaltblütigkeit seiner Frau (Sarah Paulson) übertroffen werden. Die Oscar-Nominierung für die junge Lupita Nyong'o als Patsey scheint mir mehr der Quote geschuldet, ohne ihre mutige und kompetente Leistung mindern zu wollen.
Den Amerikanern tut es sicher gut, regelmäßig an ihre Schandtaten erinnert zu werden. 12 Years a Slave ist ein würdiger Beitrag in der Tradition von Spielbergs Amistad und Jonathan Demmes Morrison-Verfilmung Menschenkind/Beloved, kann aber nicht das letzte Wort zu diesem Thema sein und vermag dieses auch nicht recht in einen zeitlosen Zusammenhang zu übersetzen. Trotzdem Sehr gut (8/10).
Eine realistische Darstellung ist natürlich nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Wieviele Demütigungen und Auspeitschungen kann der Zuschauer ertragen, bis er abstumpft? Effektiver ist die unterschwellige Bedrohung, die durch Willkürakte der weißen Aufseher geschürt wird. Besonders in Erinnerung bleibt eine nicht enden wollende Szene, in der Solomon zur Strafe am Hals aufgehängt wird, so daß er gerade noch mit den Zehenspitzen am Boden balancieren und sich so vor dem Ersticken bewahren kann. Fast schlimmer als seine Qual ist es zu beobachten, wie im Hintergrund das Plantagenleben seinen gewohnten Gang geht, bis ihm schließlich eine Mitsklavin hastig einen Schluck Wasser zu trinken gibt.
Chiwetel Ejiofor (der Operative aus Serenity) in der Hauptrolle ist eindrucksvoll, vermag aber keinen durchgängigen roten Faden durch die Handlung zu vermitteln. Es mag die Schuld des Drehbuchs des vorwiegend fürs Fernsehen tätigen John Ridley sein, daß der Film in seine einzelnen Episoden zerfällt, ohne den Verlauf der Jahre so recht sichtbar zu machen. Die Rückblenden sind zudem etwas unbeholfen integriert. Loben muß ich einmal die Musik von Hans Zimmer, der oft in vorhersehbarem Bombast schwelgt, hier aber einen sehr atmosphärischen Beitrag liefert.
Bei den weißen Sklaventreibern sind verschiedene Schattierungen vertreten, vom moderaten Ford (Allzweckwaffe Benedict Cumberbatch), der immerhin Skrupel hat und Solomon eher wie einen Preishengst behandelt, zu den Sadisten Tibeats (Paul Dano, seit Little Miss Sunshine erwachsen geworden) und insbesondere Edwin Epps (McQueens bevorzugter Darsteller Michael "Magneto" Fassbender mit seiner überfälligen ersten Oscar-Nominierung), dessen Wutausbrüche in ihrem Schrecken nur noch von der Kaltblütigkeit seiner Frau (Sarah Paulson) übertroffen werden. Die Oscar-Nominierung für die junge Lupita Nyong'o als Patsey scheint mir mehr der Quote geschuldet, ohne ihre mutige und kompetente Leistung mindern zu wollen.
Den Amerikanern tut es sicher gut, regelmäßig an ihre Schandtaten erinnert zu werden. 12 Years a Slave ist ein würdiger Beitrag in der Tradition von Spielbergs Amistad und Jonathan Demmes Morrison-Verfilmung Menschenkind/Beloved, kann aber nicht das letzte Wort zu diesem Thema sein und vermag dieses auch nicht recht in einen zeitlosen Zusammenhang zu übersetzen. Trotzdem Sehr gut (8/10).
Scorsese forever: The Wolf of Wall Street (10/10)
Mit 71 Jahren ist Altmeister Martin Scorsese immer noch für Überraschungen gut. Wer hätte vom Neuerfinder des Krimis (Goodfellas, Casino, The Departed) und Schöpfer blutiger Sittengemälde (Taxi Driver, Die letzte Versuchung Christi, Gangs of New York) eine solch leichtfüßige Komödie erwartet, mit drei der kurzweiligsten, mehrfach zu lautem Lachen einladenden Kinostunden der letzten Jahre? Fast ist man erleichtert, daß das Wort "Fuck" angeblich über 500 Mal fällt, ohne daß Joe Pesci überhaupt mitspielt. Martys technische Brillanz fällt einem erst im Nachhinein auf, sie steht aber ganz im Dienst der Geschichte - und welch eine Geschichte dies ist!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
Drehbuchautor Terence Winter war bisher wesentlich an den erfolgreichen Fernsehserien Die Sopranos und Boardwalk Empire beteiligt. Nach zwei wenig erfolgreichen Originaldrehbüchern adaptierte er nun die Autobiographie von Jordan Belfort. "Wahre" Geschichten sind oft schwerer zu adaptieren als reine Fantasien, besonders wenn ihr Inhalt eigentlich zu absurd ist, um glaubhaft zu sein. Von den beiden möglichen Herangehensweisen hat sich Scorseses Team hier klug nicht für die dokumentarische, sondern die satirische entschieden. Konsequent aus der Sicht der Hauptfigur erzählt, mit direkt an die Kamera gerichteten eingestreuten Monologen, reisen wir mit ins Wunderland des Jordan Belfort, der Tausende von naiven, geldgierigen Kleinanlegern übers Ohr haut, damit Hunderte von Millionen Dollars scheffelt, und das alles im permanenten Kokain- und Tablettenrausch. NIcht im psychedelischsten Acidtrip könnte man sich den Zynismus hinter den Kulissen des Aktienhandels vorstellen, die kindischen Vergnügungen der Jungmillionäre, die skrupellosen Machenschaften dieser Nerds und Halbgebildeten. Und wie sonst nur im Märchen kam der Drahtzieher im wahren Leben mit einem blauen Auge (und ein paar Jahren im Luxusgefängnis) davon und wird leider auch an diesem Film mitverdient haben.
Obwohl ich kein großer Fan bin, muß ich Leonardo DiCaprio hier eine tolle Leistung bescheinigen. Es macht Spaß ihm zuzusehen und auch zuzuhören. Er hat ja an seiner Kleinjungenstimme in den letzten Jahren spürbar gearbeitet, um sie seinen zunehmend erwachsenen Rollen anzupassen. Zum virtuosen Telefonverkäufer Jordan Belfort paßt seine leicht künstliche Diktion perfekt. Zudem greift er endlich mal wieder auf sein komisches Talent zurück, mit dem er bereits vor 20 Jahren in Gilbert Grape begeistern konnte, und steuert einige köstliche Slapstick-Momente bei. Der Oscar wäre ihm damit fast sicher, wenn es nicht jene kurze Szene gäbe, in der ihn sein aussichtsreichster Mitbewerber, Matthew McConaughey (nominiert für Dallas Buyers Club), als sein Mentor Mark Hanna gnadenlos an die Wand spielt. Hier zeigt sich auch in seiner fünften Zusammenarbeit mit Scorsese, daß DiCaprio nicht das Format eines Robert DeNiro hat.
Neben DiCaprio ist auch Jonah Hill nach Moneyball zum zweiten Mal als Nebendarsteller oscar-nominiert, und man muß dem gelernten Komiker (hier mit gebleichten Zähnen und Hornbrille) lassen, daß er durchaus variable Figuren spielen kann und hier trotz aller Albernheiten in der zentralen Bromanze mit sehr viel Herz überzeugt. Aber die Entdeckung des Kinojahres ist sicherlich Margot Robbie. Sie ist mit ihren 23 Jahren nicht nur strahlend schön (und ihren vollen Körpereinsatz werden ihr nur wenige Spießer übel nehmen), sondern zeigt in ihrer relativ geringen Spielzeit auch verblüffend nuancierte Facetten von lasziv-verführerisch über verletzlich-eifersüchtig bis hin zu mütterlich-kämpferisch.
Vom U-Bahn-fahrenden FBI-Gegenpol Kyle Chandler (der Hilfssheriff aus Super 8) hätte ich gern mehr gesehen. Möglicherweise ist er Opfer der notwendigen Schnitte geworden, um das Werk auf publikumstaugliche drei Stunden zu kürzen. Ein bißchen mehr Normalität als Kontrast gäbe dem Zuschauer vielleicht Atempausen, könnten im Kino allerdings auch den Erzählfluß bremsen. Vielleicht ermöglicht der Erfolg diesmal wirklich eine längere Schnittfassung für das Heimkino.
Leonardo DiCaprio wird nicht müde, Marty als größten lebenden Regisseur zu loben, und auch wenn man schwerlich so unterschiedliche Künstler in einen Topf werfen kann wie Ang Lee, Woody Allen, Quentin Tarantino, die Coens, Steven Spielberg oder Wim Wenders, will ich hier mal dem Titanic-Star zustimmen.Nach meiner persönlichen Meinung ist dies das sechste Meisterwerk Scorseses (nach Taxi Driver, New York New York, GoodFellas, Zeit der Unschuld, The Departed), und an dieser Liste sieht man schon die enorme Bandbreite vom Musical über das Kostümdrama zum Krimi. Kein lebender Regisseur kommt in dieser Hinsicht an ihn heran, und mit Billy Wilder und Alfred Hitchcock hat er damit in meinen Augen gleichgezogen. Bravo!
Sonntag, 19. Januar 2014
Überschätzter Kritikerliebling: Nebraska (5/10)
Alexander Payne, Jahrgang 1961, hat früh in seiner Karriere drei tolle Romanadaptionen (mit seinem Kollegen Jim Taylor) geschrieben und inszeniert:
Der 77jährige Hauptdarsteller Bruce Dern (Vater von David-Lynch-Muse Laura Dern) hat eine wechselhafte Karriere hinter sich, mit Nebenrollen für Kazan und Pollack in den 60ern und in der Gatsby-Verfilmung von 1974 sowie als Höhepunkt die Oscar-Nominierung für Sie kehren heim (1979). Seltene Hauptrollen bekam er im genreprägenden Lautlos im Weltall (1972) und Hitchcocks Schwanengesang Familiengrab (1976). Nach einem Cameo in Tarantinos Django Unchained ergatterte er nun eine weitere Oscar-Nominierung (Favoriten sind aber McConaughey und DiCaprio). Bruce Dern hat eine immense Präsenz und berührt als wortkarger, altersverwirrter Woody Grant durchaus, aber für eine Glanzleistung ist das Drehbuch zu dürftig.
Der Jubel über Nebraska ist für mich ein typisches Beispiel für die Entfremdung besonders amerikanischer Kritiker vom gesunden Menschenverstand. Beim AFI unter den zehn herausragenden Filmen des Jahres, bei den Oscars einer von acht nominierten besten Filmen, ist dies für mich die erste Enttäuschung des Jahres. Annehmbar (5/10).
- Election (1999, 8/10, mit Reese Witherspoon)
- About Schmidt (2002, 8/10, mit Jack Nicholson)
- Sideways (2004, 9/10, mit Paul Giamatti, Thomas Hayden Church und Virginia Madsen).
Der 77jährige Hauptdarsteller Bruce Dern (Vater von David-Lynch-Muse Laura Dern) hat eine wechselhafte Karriere hinter sich, mit Nebenrollen für Kazan und Pollack in den 60ern und in der Gatsby-Verfilmung von 1974 sowie als Höhepunkt die Oscar-Nominierung für Sie kehren heim (1979). Seltene Hauptrollen bekam er im genreprägenden Lautlos im Weltall (1972) und Hitchcocks Schwanengesang Familiengrab (1976). Nach einem Cameo in Tarantinos Django Unchained ergatterte er nun eine weitere Oscar-Nominierung (Favoriten sind aber McConaughey und DiCaprio). Bruce Dern hat eine immense Präsenz und berührt als wortkarger, altersverwirrter Woody Grant durchaus, aber für eine Glanzleistung ist das Drehbuch zu dürftig.
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| Bruce und Laura Dern |
Der Jubel über Nebraska ist für mich ein typisches Beispiel für die Entfremdung besonders amerikanischer Kritiker vom gesunden Menschenverstand. Beim AFI unter den zehn herausragenden Filmen des Jahres, bei den Oscars einer von acht nominierten besten Filmen, ist dies für mich die erste Enttäuschung des Jahres. Annehmbar (5/10).
Mittwoch, 15. Januar 2014
Auftakt der Preisverleihungen: Die Golden Globes 2014
In "Gravity" läßt sich George Clooney lieber allein ins Weltall treiben, als Zeit mit einer Frau seines eigenen Alters zu verbringen.
Tina Fey (30 Rock) und Amy Poehler (Parks and Recreation) sind die Stars moderner Komödien, die Witze oft im Sekundentakt bringen. Das denke man sich nun in Zeitlupe politisch korrekt verharmlost, dann hat man einen ungefähren Eindruck der Anfangsmoderation, in der obiger Spruch noch das Highlight war. Im Laufe des Abends kam noch ein guter Gag hinzu - Julia Louis-Dreyfus (Seinfeld), erstmalig für einen Kinofilm (!) nominiert, saß zu Beginn des Abends in herrlicher Arroganz bei den "Kinostars". Nachdem Amy Adams in dieser Kategorie gewonnen hatte, kehrte sie reumütig zum Katzentisch der Fernsehsternchen zurück.
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| Jacqueline Bisset |
Die "Golden Globes" sind diese merkwürdige Show ohne Schau, in der unzählige Stars und Sternchen in 25 Kategorien Preise anmoderieren; die Nachfrage ist so groß, daß manchmal drei Präsentatoren gleichzeitig auf der Bühne stehen. Aufgrund der Aufteilung Drama vs. Komödie/Musical und Kino vs. TV gibt es für die aus ca. 80 internationalen Reportern bestehende Jury reichlich Gelegenheit, Alt- und Jungstars zu hofieren, "Kunst" zu würdigen und Kommerz zu belohnen. Ein gefühltes Drittel des Abends verbringt man damit, die Moderatoren und Preisträgern auf dem komplizierten Gang zur Bühne zu beobachten (die Zuschauer sitzen an kleinen Tischen, an denen reichlich Alkohol fließt). Da stöckelt so manche junge Schauspielhoffnung lahm daher, während Altstars schon mal einen Sprint einlegen. Den Vogel schießt Emma Thompson ab, die mit ihren Designerschuhen in der einen und dem Champagnerglas in der anderen Hand anmoderiert und dann keine Hand für den Umschlag mit dem Gewinner frei hat.
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| Drew Barrymore |
Den Preis für das unvorteilhafteste Kleid heimste Drew Barrymore ein; die peinlichste Rede hielt die 69jährige, offenbar angesäuselte Jacqueline Bisset, die wohl (zu Recht) nicht mit dem Gewinn gerechnet hatte und eine Minute lang kein Wort herausbrachte, bevor sie ein paar unzusammenhängende Danksagungen und Altersweisheiten von sich gab. Jon Voigt zog aus seiner Nervosität bei seinem vierten Gewinn im 74. Lebensjahr immerhin noch einen Trost für die jüngeren Kollegen ("I'm nervous too, you know!"). Die beste Rede hielt überraschend der 43jährige Matthew McConaughey, bisher eher in Surferrollen mit Blick auf seinen Waschbrettbauch aufgefallen, jetzt aber zunehmend eine dynamische Präsenz auf der Leinwand. Sein energischer Vortrag hatte Verve und Struktur, ohne überprobt zu wirken.
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| Matthew McConaughey |
Woody Allen, Cecil-B.-DeMille-Preisträger des Abends, überstrahlte in konzentrierter Abwesenheit die meisten der körperlich anwesenden Kollegen. Cate Blanchett gewann mit ihrem Globe für die Hauptrolle in Blue Jasmine ungefähr den zillionsten Preis für eine Darstellerin in seinen kaum 50 Filmen. Quasi als Bookends seines bisherigen Werks trug Emma Stone (Star seiner kommenden romantischen Komödie Magic in the Moonlight) eine kurze, prägnante Laudatio vor, während nach der obligatorischen und trotzdem unterhaltsamen Werkschau Woodys erste Muse und immer noch gute Freundin Diane Keaton die höchste Auszeichnung der HFPA für den Meister annahm und einen zur Gelegenheit gut passenden Spruch zitierte:
Ich möchte nicht in Ewigkeit weiterleben in meinen Werken, ich möchte in Ewigkeit weiterleben in meiner Wohnung.
Die eigentlichen Preise zu beurteilen fällt mir schwer, denn man hat in Deutschland (wie üblich) bis jetzt kaum Gelegenheit gehabt, die nominierten Werke in Kino oder Fernsehen zu erleben. Erfreulich der Regiepreis für Alfonso Cuarón (Gravity). Beste Komödie wurde American Hustle von "Silver-Linings"-Regisseur David O. Russell, bestes Drama Steve McQueens 12 Years a Slave, das immerhin kommende Woche in Deutschland anläuft (zur Unterscheidung zum toten Actionstar sei erläutert: dieser Steve McQueen ist schwarz, rundlich und gerade mal 42 Jahre alt). McQueens vorherige Arbeit Shame hat mir sehr gut gefallen; seine Filme sind allerdings schwere Kost. Freuen kann man sich auf den Gewinner des Drehbuchpreises, Her (Spike Jonze - Regisseur von Being John Malkovich), der hier erst im März zu sehen sein wird. Der Gewinner für die "Beste Hauptrolle/Komödie", Leonardo DiCaprio, fühlte sich in dieser Kategorie etwas fremd, dankte aber freundlich seinen Mitkomikern aus Scorseses neuer Tour de Force, The Wolf of Wall Street. Übrigens ohne Preis, aber mit viel Charme eroberte seine Leading Lady Margot Robbie zumindest mein Herz (sie war schon der beste Grund, die gescheiterte Serie PanAm anzuschauen, wo sie erfahrenen Kolleginnen wie Christina Ricci die Show stahl).
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| Margot Robbie und Jonah Hill |
Im Fernsehbereich gab es dann die erwarteten Preise für die Abschlußstaffel von Breaking Bad (bestes Drama). Hauptdarsteller Bryan Cranston bedankte sich bei allen, die dieser so lustigen und fröhlichen Show die Treue gehalten hatten; der gleiche Grund, aus dem ich die Serie nach dem Piloten nicht weiter verfolgt habe. Als Komödie gewann das völlig unbekannte Brooklyn 9-9, als Darstellerin konnte Moderatorin Amy Poehler mit ihrer Kollegin Tina Fey gleichziehen, die auch schon einen Globe zu Hause hat.
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| Bryan Cranston |
Irgendwas vergessen? Bestimmt - Schwamm drüber. Die ausgezeichneten Filme finden sich bestimmt auch unter den Oscar-Kandidaten, das Feld bei den Schauspielern scheint mir noch weit offen. Meryl Streep war zum 27. Mal nominiert, hat aber nur achtmal gewonnen. Jennifer Lawrence wird schon irgendwas absahnen, diesmal war es der Globe für die beste Nebenrolle. Die Leute mit den unaussprechlichen Namen sind auch noch nicht aus dem Rennen: Chiwetel Ejiofor, Barkhad Abdi, Lupita Nyong'o, Tam Honks, ...Disney hat dieses Jahr mit dem unglaublich erfolgreichen Die Eiskönigin/Frozen eine noch bessere Chance als letztes Jahr, endlich mal Pixar zu schlagen. Am Donnerstag wissen wir mehr, dann werden die Oscar-Nominierungen bekanntgegeben.
Mittwoch, 1. Januar 2014
Kino-Jahresüberblick 2013
Ein weiteres schwaches Kinojahr ist vorbei - oder bin ich nur die ewig gleichen Geschichten leid? Aus den 42 im Kino gesehenen Filmen liest sich die Top10 fast automatisch ab:
HERAUSRAGEND (9/10)
1. Gravity (Alfonso Cuarón)
Die angenehmste Überraschung des Jahres.
2. Before Midnight (Richard Linklater)
Für Kopf und Herz
3. Only Lovers Left Alive (Jim Jarmusch)
Vielleicht ein letztes Mal (?) Rückkehr des Meisters zu alter Form
SEHR GUT (8/10)
4. The World's End (Edgar Wright)
Britische Komik vom feinsten - bitte nicht verwechseln mit This is the End (siehe unten)!
5. Iron Man 3 (Shane Black)
Trotz Zugeständnissen ans junge Publikum die spaßigste Action des Jahres
6. Silver Linings Playbook (David O. Russell)
Jennifer Lawrence und Bradley Cooper in intelligenter, ungewöhnlicher Komödie
7. Die fantastische Welt von Oz (Sam Raimi)
Nach "Gravity" der beste Einsatz von 3D und die schönsten Bilder
8. Thor - Das dunkle Königreich
Ein weiteres zuverlässig unterhaltendes Avengers-Abenteuer
9. Flight (Robert Zemeckis)
Unaufdringliches Alkoholismus-Drama
10. Der Hobbit - Smaugs Einöde
Gegenüber dem ersten Teil in die falsche Richtung "verbessert". Es bleibt die Hoffnung auf die erweiterte Fassung
Weitere gelungene Filme (7/10), in alphabetischer Reihenfolge:
Enttäuschungen des Jahres:
Mehr oder weniger erwartet hatte ich den schwachen Holzhammerneustart von Superman. Abgesehen von Gravity gab's noch nicht viele Oscar-Hoffnungen, Der Butler (5/10) und Captain Phillips (4/10) konnten mich nicht überzeugen.
Die Ehre der schlechtesten Filme des Jahres teilen sich diesmal:
HERAUSRAGEND (9/10)
1. Gravity (Alfonso Cuarón)
Die angenehmste Überraschung des Jahres.
2. Before Midnight (Richard Linklater)
Für Kopf und Herz
3. Only Lovers Left Alive (Jim Jarmusch)
Vielleicht ein letztes Mal (?) Rückkehr des Meisters zu alter Form
SEHR GUT (8/10)
4. The World's End (Edgar Wright)
Britische Komik vom feinsten - bitte nicht verwechseln mit This is the End (siehe unten)!
5. Iron Man 3 (Shane Black)
Trotz Zugeständnissen ans junge Publikum die spaßigste Action des Jahres
6. Silver Linings Playbook (David O. Russell)
Jennifer Lawrence und Bradley Cooper in intelligenter, ungewöhnlicher Komödie
7. Die fantastische Welt von Oz (Sam Raimi)
Nach "Gravity" der beste Einsatz von 3D und die schönsten Bilder
8. Thor - Das dunkle Königreich
Ein weiteres zuverlässig unterhaltendes Avengers-Abenteuer
9. Flight (Robert Zemeckis)
Unaufdringliches Alkoholismus-Drama
10. Der Hobbit - Smaugs Einöde
Gegenüber dem ersten Teil in die falsche Richtung "verbessert". Es bleibt die Hoffnung auf die erweiterte Fassung
Weitere gelungene Filme (7/10), in alphabetischer Reihenfolge:
- Alles eine Frage der Zeit (Richard Curtis)
- Blue Jasmine (Woody Allen)
- Die Tribute von Panem, Teil 2
- Die Unfassbaren (Louis Leterrier)
- Django Unchained (Tarantino)
- Fack ju Göhte - mit schon über 5 Millionen Zuschauern der erfolgreichste Film des deutschen Kinojahrs und keiner, dessen wir uns schämen müssen. Das kann ich übrigens für den prätentiösen Kritikerliebling Oh Boy (2/10) nicht sagen, der mich nur angeödet hätte, wenn ich mich nicht so über die Lorbeeren hätte ärgern müssen.
- Kon-Tiki - der norwegische Oscar-Beitrag 2012 ist spannend, wenngleich weder besonders authentisch noch tiefschürfend
- Lincoln (Spielberg)
- Ralph reicht's (Disney-Trickfilm)
- Wolverine: Weg des Kriegers (James Mangold)
Enttäuschungen des Jahres:
- alle "Science-Fiction"-Filme: Ender's Game (5/10), Star Trek Into Darkness (5/10), Pacific Rim (4/10), Elysium (3/10) sowie (nicht im Kino) Dredd (2/10) und Oblivion (6/10). Das Will-Smith-Desaster After Earth habe ich mir komplett gespart.
- die deprimierenden Filme von Woody Allen und den Coens
- die seichten Beiträge von Almodóvar und Sofia Coppola
Mehr oder weniger erwartet hatte ich den schwachen Holzhammerneustart von Superman. Abgesehen von Gravity gab's noch nicht viele Oscar-Hoffnungen, Der Butler (5/10) und Captain Phillips (4/10) konnten mich nicht überzeugen.
Die Ehre der schlechtesten Filme des Jahres teilen sich diesmal:
- The Lone Ranger
- Das ist das Ende: Seth Rogen und eine Schar von drittklassigen Komikern inszenieren witz- und spannungslos die Apokalypse
Jarmusch rehabilitiert das Vampir-Genre: Only Lovers Left Alive (9/10)
Im Werbeprogramm wird ein Trailer für die im März drohende Vampir-Akademie gezeigt. Man sollte meinen, daß nach dem Ende der Twilight-Filmchen das Thema langsam ausgereizt ist, da läuft mit Dracula sogar noch eine neue (totgeborene) Fernsehserie an. Das einst so vielversprechende True Blood wird immer blutiger und absurder, die Teenager-Variante Vampire Diaries dreht sich seit Jahren im Liebesdreieck der Hauptfiguren. Nun bringt zumindest im Kino Jim Jarmusch den Untoten ihre Würde und ihr Mysterium zurück.
Vampire wurden in Literatur und Film ja nicht erfunden, um schmachtvolle Blicke auszutauschen oder als in Leder gekleidete Actionhelden möglichst cool rüberzukommen. Jarmuschs Adam und Eve vertragen kein Tageslicht und ernähren sich von Blut(-konserven). Alles übrige bleibt im Dunkeln; nur so behalten sie die Aura des Geheimnisvollen. Sie verfolgen die Entwicklung der Menschheit seit vielen Jahrhunderten und erfreuen sich an kulturellen und technologischen Errungenschaften: Eve verschlingt Literatur in Dutzenden von Sprachen, Adam ist Virtuose auf der Renaissance-Laute wie auf der Violine und Eddie Cochrans Gretsch (er liebt Vintage-Instrumente). Gelegentlich leisten sie selbst einen Beitrag: Adam schob Schubert das Adagio eines Streichquartetts unter, und Eves Mentor (John Hurt) schrieb im 16. Jahrhundert unter Pseudonym Theaterstücke...
Aber die "Zombies" (so nennen sie frustriert die Menschen des 21. Jahrhunderts) haben sich in eine Sackgasse manövriert - davon zeugen Detroits Industrieruinen genauso wie Tangers trostlose Gassen mit ihren aufdringlichen Händlern; unverseuchte Blutkonserven sind schwer zu beschaffen. Nach jahrzehntelanger Fernbeziehung per Skype macht sich Eve auf die Reise nach Detroit, um den depressiven Adam aufzumuntern. Für handfeste Probleme aber sorgt ihre Schwester Ava (Mia "Alice" Wasikowska).
Man weiß, daß in Jarmusch-Filmen nicht viel passiert. Das kann toll sein (Stranger Than Paradise - 1984), aber auch ziemlich langweilig (The Limits of Control - 2009). Viel hängt von den Hauptdarstellern ab. Tom "Loki" Hiddleston als Adam ist perfekt besetzt: gebeugt von der Last der Jahrhunderte, exzentrisch wie der ultimative Rockstar, charismatisch selbst im Schlaf. Tilda Swinton ("Social Services" aus Moonrise Kingdom) als Eve entspricht mit ihrem albinotischen Äußeren zwar genau dem Klischee, ist ansonsten aber eher gegen ihren Typ besetzt: geduldig, weise, warmherzig, ist sie die perfekte Ergänzung zu ihrem depressiven Ehemann (ihre dritte offizielle Hochzeit ist keine 150 Jahre her und damit frisch in Erinnerung). Natürlich hätte man sich auch eine attraktive Frau in der Rolle wünschen können, aber egal. Der dritte Star ist hier eindeutig die Ausstattung. Besonders Adams Musikerbude bietet staunenswerte Details von Vinylplatten und Röhrenverstärkern bis hin zu modernster Aufnahmetechnik (der Stromgenerator funktioniert auf Basis vergessener Erfindungen von Tesla).
Jim Jarmusch hat in den USA wohl kaum noch eine Fangemeinde (die IMDB bietet aktuell ganze zwei Nutzerrezensionen), in Europa halten noch einige dem inzwischen 60jährigen König der Independants die Treue. Inzwischen veröffentlicht er nur noch alle vier Jahre einen Langfilm. Only Lovers Left Alive ist sein bestes Werk seit Ghost Dog - Der Weg des Samurai von 1999. Herausragend (9/10).
Vampire wurden in Literatur und Film ja nicht erfunden, um schmachtvolle Blicke auszutauschen oder als in Leder gekleidete Actionhelden möglichst cool rüberzukommen. Jarmuschs Adam und Eve vertragen kein Tageslicht und ernähren sich von Blut(-konserven). Alles übrige bleibt im Dunkeln; nur so behalten sie die Aura des Geheimnisvollen. Sie verfolgen die Entwicklung der Menschheit seit vielen Jahrhunderten und erfreuen sich an kulturellen und technologischen Errungenschaften: Eve verschlingt Literatur in Dutzenden von Sprachen, Adam ist Virtuose auf der Renaissance-Laute wie auf der Violine und Eddie Cochrans Gretsch (er liebt Vintage-Instrumente). Gelegentlich leisten sie selbst einen Beitrag: Adam schob Schubert das Adagio eines Streichquartetts unter, und Eves Mentor (John Hurt) schrieb im 16. Jahrhundert unter Pseudonym Theaterstücke...
Aber die "Zombies" (so nennen sie frustriert die Menschen des 21. Jahrhunderts) haben sich in eine Sackgasse manövriert - davon zeugen Detroits Industrieruinen genauso wie Tangers trostlose Gassen mit ihren aufdringlichen Händlern; unverseuchte Blutkonserven sind schwer zu beschaffen. Nach jahrzehntelanger Fernbeziehung per Skype macht sich Eve auf die Reise nach Detroit, um den depressiven Adam aufzumuntern. Für handfeste Probleme aber sorgt ihre Schwester Ava (Mia "Alice" Wasikowska).
Man weiß, daß in Jarmusch-Filmen nicht viel passiert. Das kann toll sein (Stranger Than Paradise - 1984), aber auch ziemlich langweilig (The Limits of Control - 2009). Viel hängt von den Hauptdarstellern ab. Tom "Loki" Hiddleston als Adam ist perfekt besetzt: gebeugt von der Last der Jahrhunderte, exzentrisch wie der ultimative Rockstar, charismatisch selbst im Schlaf. Tilda Swinton ("Social Services" aus Moonrise Kingdom) als Eve entspricht mit ihrem albinotischen Äußeren zwar genau dem Klischee, ist ansonsten aber eher gegen ihren Typ besetzt: geduldig, weise, warmherzig, ist sie die perfekte Ergänzung zu ihrem depressiven Ehemann (ihre dritte offizielle Hochzeit ist keine 150 Jahre her und damit frisch in Erinnerung). Natürlich hätte man sich auch eine attraktive Frau in der Rolle wünschen können, aber egal. Der dritte Star ist hier eindeutig die Ausstattung. Besonders Adams Musikerbude bietet staunenswerte Details von Vinylplatten und Röhrenverstärkern bis hin zu modernster Aufnahmetechnik (der Stromgenerator funktioniert auf Basis vergessener Erfindungen von Tesla).
Jim Jarmusch hat in den USA wohl kaum noch eine Fangemeinde (die IMDB bietet aktuell ganze zwei Nutzerrezensionen), in Europa halten noch einige dem inzwischen 60jährigen König der Independants die Treue. Inzwischen veröffentlicht er nur noch alle vier Jahre einen Langfilm. Only Lovers Left Alive ist sein bestes Werk seit Ghost Dog - Der Weg des Samurai von 1999. Herausragend (9/10).
Sonntag, 29. Dezember 2013
SF-Klassiker #4: Time and Again/Von Zeit zu Zeit (Jack Finney, 1970)
Jack Finney (1911 - 1995) war ein profilierter amerikanischer Autor von Krimis und Thrillern, der aber vor allem durch seine wenigen Ausflüge in die Science Fiction berühmt ist. Sein bekanntestes Werk, "Die Körperfresser kommen" bzw. "Invasion of the Body Snatchers" (1955), eine Art Horrorparodie auf die Kommunisten-Paranoia seiner Landsleute, wurde bisher viermal verfilmt, am erfolgreichsten 1978 durch Philip Kaufman (mit Donald Sutherland, Leonard Nimoy und Jeff Goldblum).
Im 1970 erschienenen "Von Zeit zu Zeit" reist der Ich-Erzähler, Simon Morley, in der wohl sanftesten vorstellbaren Weise durch die Zeit. Im wesentlichen durch Selbsthypnose bewegt er sich zwischen "seinem" New York und einem nur unvollkommen durch frühe Fotographien und Zeichnungen dokumentierten New York des Jahres 1882. Und es ist der Kontrast dieser "nur" 90 Jahre auseinander liegenden Perioden, der den Roman mit Leben und Spannung erfüllt. Dabei ist der wesentliche Unterschied nicht die Technologie, sondern die Einstellung der Menschen zu ihrer Zeit. In den 1880ern gibt es sicher eher mehr Armut, Krankheit und Elend als in unserer "modernen" Zivilisation. Aber es gibt auch noch eine alltägliche Gelassenheit und eine stille Freude am Leben, die späteren Generationen abhanden gekommen sind. Illustriert wird dies etwa durch einen geselligen Abend der Pension, in der Simon unterkommt. Ohne Ablenkung durch Fernsehen oder andere moderne Medien vergnügen sich die Bewohner mit Charaden, Musizieren und Zaubertricks. Gesprächsthemen sind der Zeitung entnommene Ereignisse: die Gerichtsverhandlung gegen einen notorischen Mörder, Modeentwicklungen, Klatsch.
So verstehe zumindest ich die These des Autors, die man weitere 40 Jahre nach Entstehung durchaus weiterspinnen kann. Der zugrundeliegende Kontrast hat sich seitdem ja noch deutlich verschärft. Stilistisch gesehen mag gerade die erste Hälfte des Romans dem heutigen Leser etwas zäh vorkommen. Finney beschreibt Situationen und Menschen gern bis in die kleinsten Details. Aber genau diese Detailversessenheit macht für mich den Sog der Geschehnisse aus. Der Lesegenuß entsteht daraus, sich entführen zu lassen in diese fast noch greifbare und doch so entfernte Welt des 19. Jahrhunderts, mit Schlittenfahrten und von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Erst im letzten Drittel spitzen sich die Ereignisse zum Thriller mit anschließender spannender Verfolgungsjagd zu. Die Figuren wirken plastisch, Charakterentwicklungen stehen aber nicht im Vordergrund. Nicht erwarten sollte man besonders feministische Positionen. Die Frauen sind durchaus sympathisch, erscheinen aber recht passiv und fremdbestimmt - wohl korrekt für 1882, vielleicht auch für 1970 noch die Norm. Manchmal scheint auch eine Art idealistischer Naivität durch: in merkwürdiger Erinnerung blieb mir eine Passage über "fröhliche kannibalistische Zulus" (Position 3541).
Während für H.G. Wells 1895 seine Zeitmaschine vor allem einen erzählerischer Kniff darstellte, mit dem er seine Allegorie auf die vorherrschenden Ideologien eine anschauliche Gestalt geben konnte, behandelten viele der späteren Zeitreisegeschichten wissenschaftlichen Aspekte und das Problem von Zeitparadoxen (Was passiert, wenn ich in die Vergangenheit reise und verhindere, daß meine Eltern sich kennenlernen?) Finneys Roman ist sich möglicher Paradoxen bewußt. Auf einer abstrakten Ebene ist er auch eine Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie, Laut IMDB ist erst jetzt eine Verfilmung in Planung - es bleibt abzuwarten, ob der Grundton der Vorlage erhalten bleibt, oder ob der Stoff nur zu einem weiteren futuristischen Thriller mit Twist verarbeitet wird.
Die Kindle-Edition ist tadellos formatiert und fehlerfrei aufbereitet. Sie enthält die aus verschiedenen historischen Quellen zusammengestellten Schwarzweiß-Fotografien und -Zeichnungen, die auf dem 6-Zoll-Bildschirm naturgemäß arg klein geraten (dafür empfiehlt es sich, parallel ein Tablet bereitzuhalten).
Im 1970 erschienenen "Von Zeit zu Zeit" reist der Ich-Erzähler, Simon Morley, in der wohl sanftesten vorstellbaren Weise durch die Zeit. Im wesentlichen durch Selbsthypnose bewegt er sich zwischen "seinem" New York und einem nur unvollkommen durch frühe Fotographien und Zeichnungen dokumentierten New York des Jahres 1882. Und es ist der Kontrast dieser "nur" 90 Jahre auseinander liegenden Perioden, der den Roman mit Leben und Spannung erfüllt. Dabei ist der wesentliche Unterschied nicht die Technologie, sondern die Einstellung der Menschen zu ihrer Zeit. In den 1880ern gibt es sicher eher mehr Armut, Krankheit und Elend als in unserer "modernen" Zivilisation. Aber es gibt auch noch eine alltägliche Gelassenheit und eine stille Freude am Leben, die späteren Generationen abhanden gekommen sind. Illustriert wird dies etwa durch einen geselligen Abend der Pension, in der Simon unterkommt. Ohne Ablenkung durch Fernsehen oder andere moderne Medien vergnügen sich die Bewohner mit Charaden, Musizieren und Zaubertricks. Gesprächsthemen sind der Zeitung entnommene Ereignisse: die Gerichtsverhandlung gegen einen notorischen Mörder, Modeentwicklungen, Klatsch.
So verstehe zumindest ich die These des Autors, die man weitere 40 Jahre nach Entstehung durchaus weiterspinnen kann. Der zugrundeliegende Kontrast hat sich seitdem ja noch deutlich verschärft. Stilistisch gesehen mag gerade die erste Hälfte des Romans dem heutigen Leser etwas zäh vorkommen. Finney beschreibt Situationen und Menschen gern bis in die kleinsten Details. Aber genau diese Detailversessenheit macht für mich den Sog der Geschehnisse aus. Der Lesegenuß entsteht daraus, sich entführen zu lassen in diese fast noch greifbare und doch so entfernte Welt des 19. Jahrhunderts, mit Schlittenfahrten und von Pferden gezogenen Straßenbahnen. Erst im letzten Drittel spitzen sich die Ereignisse zum Thriller mit anschließender spannender Verfolgungsjagd zu. Die Figuren wirken plastisch, Charakterentwicklungen stehen aber nicht im Vordergrund. Nicht erwarten sollte man besonders feministische Positionen. Die Frauen sind durchaus sympathisch, erscheinen aber recht passiv und fremdbestimmt - wohl korrekt für 1882, vielleicht auch für 1970 noch die Norm. Manchmal scheint auch eine Art idealistischer Naivität durch: in merkwürdiger Erinnerung blieb mir eine Passage über "fröhliche kannibalistische Zulus" (Position 3541).
Während für H.G. Wells 1895 seine Zeitmaschine vor allem einen erzählerischer Kniff darstellte, mit dem er seine Allegorie auf die vorherrschenden Ideologien eine anschauliche Gestalt geben konnte, behandelten viele der späteren Zeitreisegeschichten wissenschaftlichen Aspekte und das Problem von Zeitparadoxen (Was passiert, wenn ich in die Vergangenheit reise und verhindere, daß meine Eltern sich kennenlernen?) Finneys Roman ist sich möglicher Paradoxen bewußt. Auf einer abstrakten Ebene ist er auch eine Reflexion über den verantwortungsvollen Umgang mit Technologie, Laut IMDB ist erst jetzt eine Verfilmung in Planung - es bleibt abzuwarten, ob der Grundton der Vorlage erhalten bleibt, oder ob der Stoff nur zu einem weiteren futuristischen Thriller mit Twist verarbeitet wird.
Die Kindle-Edition ist tadellos formatiert und fehlerfrei aufbereitet. Sie enthält die aus verschiedenen historischen Quellen zusammengestellten Schwarzweiß-Fotografien und -Zeichnungen, die auf dem 6-Zoll-Bildschirm naturgemäß arg klein geraten (dafür empfiehlt es sich, parallel ein Tablet bereitzuhalten).
Montag, 23. Dezember 2013
Leicht enttäuschender Action-Overload: Der Hobbit - Smaugs Einöde (8/10)
Als ich 8 war, fand ich im Kleiderschrank keinen Weg nach Narnia.
Als ich 11 war, kam keine Einladung nach Hogwarts.
Als ich 12 war, hat mich kein Satyr zum Camp Half-Blood abgeholt.
Gandalf, ich zähle darauf, daß Du mich an meinem 50. Geburtstag zu einem Abenteuer mitnimmst!
Ähnlich wie Die Gefährten in der HdR-Trilogie dient Eine unerwartete Reise als Einführung in die Welt und die Charaktere der neuen Hobbit-Filme. Die durch 15 zusätzliche Minuten abgerundete Blu-ray-Fassung bietet ein wunderbares Heimkinoerlebnis, in dem die Actionszenen nicht mehr übertrieben lang wirken und sich immerhin einige der Zwerge langsam als eigene Persönlichkeiten etablieren. In der Fortsetzung geht es nach einem Prolog, in dem die Bedeutung des Arkenstones illustriert wird, sofort richtig zur Sache. Die Reise zum einsamen Berg gerät zur Hetzjagd, und die magische Unverwundbarkeit von Legolas scheint sich nun endgültig auf alle 13 Zwerge zu erstrecken (der Liebling vieler weiblicher Fans bekommt immerhin einmal gewaltig was auf die Nase). Je mehr Computereffekte eingesetzt werden, desto irrealer erscheinen die Kämpfe.
Unerklärlich, warum bei 160 Minuten Laufzeit das Durchqueren des düster-magischen Mirkwoods so schnell vorbei ist (ausgelassen wird z.B., daß Bombur vom Flußwasser trinkt und tagelang schlafend transportiert werden muß). Auch im Königreich der Waldelben hätte man sich länger aufhalten können. Stattdessen gibt es als Höhepunkt ein nicht enden wollendes, wahnwitziges Duell der Zwerge mit dem (zugegeben sehr gelungen animierten) Drachen Smaug, und vorher endlos sich wiederholende Schlachten mit Ork-Statisten. Die HFR-3D-Bilder sind wie im ersten Teil angenehm und gelegentlich atemberaubend. Wenig im Gedächtnis bleibt diesmal die Musik von Howard Shore, auch das von Ed Sheeran gesungene Lied zum Abspann konnte mich nicht begeistern.
Trotzdem vergehen die fast drei Stunden wie im Flug, und es gibt es genug Szenen zum Staunen und Schmunzeln. Die (vom Jackson-Team erfundene) Elbin Tauriel sorgt sogar für ein wenig Romantik. Der dynamischen Darstellung von Lost-Star Evangeline Lilly merkt man nicht an, daß sie gerade Mutter geworden war - trotz ihrer leicht mißglückten Ohrprotesen ist sie Lee Pace (als Legolas' Vater Thranduil) und Orlando Bloom an Ausstrahlung ebenbürtig. Als schleimiger Bürgermeister von Laketown glänzt Stephen Fry, als Beorn überzeugt der Schwede Mikael Persbrand - von ihm hätte man gern mehr gesehen. Auch Luke Evans als Bogenschütze Bard ist sympathisch - ihm hat man sogar eine komplette Familie gespendet. Für etwas epischen Pathos sorgt Gandalfs Konfrontation mit dem Übel von Dol Guldur, die fast als zweiter Handlungsstrang angelegt ist.
Es bleibt zu hoffen, daß die erweiterte Heimkinofassung einige dieser Probleme mindern kann. Bis dahin vergebe ich leicht enttäuschte 8/10 Punkte (Sehr gut).
Rätselhaft, wenig authentisch und depressiv: Inside Llewyn Davis (5/10)
Inside Llewyn Davis ist ein deprimierendes Porträt eines Musikers, der niemals gelebt hat, und ein Zerrspiegel einer Zeit, die es niemals gab. Das Drehbuch soll auf den Erinnerungen von Dave Van Ronk beruhen und spielt zu Beginn des Folkrevivals Anfang der 60er. Nach dem wenigen, das ich über diesen Folksänger weiß, war er zwar kommerziell tatsächlich wenig erfolgreich, aber mit seinem charismatischen Auftreten und einfallsreichen Repertoire Vorbild für etliche spätere Stars (er war Mitte der 90er Mitwirkender beim Nostalgie-Event Lifelines von Peter, Paul & Mary). Der bisher recht unbekannte Oscar Isaac spielt (durchaus kompetent) einen mittelmäßigen, desillusionierten Folksänger, der überhaupt nicht in diese Zeit des Aufbruchs paßt. Die New Yorker Szene in Greenwich Village kann damals unmöglich so dröge wie im Film dargestellt gewesen sein. Wo ist die Begeisterung des Neuanfangs geblieben, aus der sich Ikonen der 60er wie Joan Baez und Peter, Paul & Mary (die übrigens Millionen von Alben verkauften) etablierten, die den Nährboden für eine Generation hervorragender Liedermacher wie Phil Ochs, Eric Anderson,Tom Paxton und Paul Simon und den Pop-Folk der späten 60er bildete, mit den Lovin' Spoonful, den Byrds, den Mamas & Papas?
Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).
Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.
Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).
Stark Sands' Figur soll wohl auf Tom Paxton beruhen und singt auch dessen Hit "The Last Thing On My Mind", kommt aber als weichgespülter Swooner rüber und hat überhaupt nichts mit diesem kantigen, engagierten Liedermacher zu tun. Mit Justin Timberlake und Carey Mulligan ("Jim & Jean") singt er "500 Miles", ein Titel des Debutalbums von PPM. Timberlakes moderner (wenngleich leicht zurückgenommener) Gesangsstil paßt überhaupt nicht in die Periode, und Carey Mulligan wirkt recht ausdruckslos. Vorbild war vielleicht Judy Collins, sicher nicht (wie einige Rezensenten vermuten) die explosive Bühnenpersönlichkeit Mary Travers. Llewyn Davis jedenfalls (der Vorname ist walisisch und spricht sich Lu-in) scheint komplett erfunden (siehe Artikel This Film is not about Dave Van Ronk).
Konzeptionell wäre es vielleicht reizvoll gewesen, die mittelmäßige, traurige Hauptfigur (Davis singt bezeichnenderweise "Hang Me, Oh Hang Me" von Van Ronks ersten Album) in Kontrast zu setzen mit der Begeisterung der sich neu findenden Folkszene (deren Mentoren wie Woody Guthrie und Pete Seeger übrigens noch aktiv waren: Die vorerst letzte Reunion der Weavers fand 1963 in der Carnegie Hall statt). Stattdessen wird die komplette Szene durch die depressive Brille der Hauptfigur gefiltert, und am Ende wird dann ein Auftritt Bob Dylans als Erscheinen des Heilsbringers stilisiert. Dieser singt übrigens seine nur leicht abgewandelte Version "Farewell" des irischen Traditionals "The Leaving of Liverpool", kein Glanzstück seines Repertoires. Es ist typischer historischer Revisionismus, die Folkszene der 60er auf Dylan zu reduzieren. Der Nuschler wurde überhaupt erst bekannt durch begeisterte Interpretationen anderer Künstler, und durch sein geringes politisches Engagement und seine frühe Wendung zur E-Gitarre war er mehr Außenseiter als Galeonsfigur.
Was den Film über weite Strecken rettet, sind die typischen Coen-Zutaten: brillante Dialoge, lakonisch-komische Szenen (John Goodman hat ein herrliches Cameo als zugedröhnter Jazzmusiker) und ein bis zwei Katzen, von denen eine möglicherweise Ulysses (Odysseus) heißt. Leider sind dies die einzigen Parallelen zum überaus vergnüglichen O Brother, Where Art Thou, dessen Soundtrack eine Liebeserklärung an die Bluegrassmusik war. Ein trauriger Eintrag in der beeindruckenden Filmographie der Coens. Als liebevolle Parodie auf das spätere Nostalgie-Revival dieser Folkszene sei übrigens A Mighty Wind des Teams um Christopher Guest empfohlen. Annehmbar (5/10).
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