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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Mein Lieblingsfilm 2015: Love & Mercy (9/10)

Im Juni war ich einer von wenigen tausend Deutschen, die für Love & Mercy ein Kino besuchten. Auch die Blu-ray-Veröffentlichung der melancholischen Biographie des Musikers Brian Wilson blieb fast unbeachtet. Selbst in der Heimat der Beach Boys wollte das kaum jemand sehen. Das wird sich wohl auch durch die Golden-Globe-Nominerungen für Paul Dano und den Song One Kind Of Love (von Brians jüngstem Album No Pier Pressure) nicht ändern. Die Beach Boys waren wohl nie wirklich cool, und am wenigsten ihr Komponist, Arrangeur und vielleicht bester Sänger, Brian Wilson. Aber selbst fern von allen Surfstränden kann mir niemand erzählen, daß er nicht wenigstens eines seiner unsterblichen Lieder kennt. Zur Erinnerung ein paar Beispiele:

Fun, Fun, Fun
I Get Around
California Girls

Vielleicht ist Brian Wilson ja selbst schuld, daß er erst so spät zum Genie verklärt wurde (seinen ersten Grammy gewann er 2004). Er hätte ja sich ja auch im magischen Alter von 27 Jahren verabschieden können wie so viele andere Helden der frühen Popgeschichte. Stattdessen glitt er in einer Mischung aus Drogenmißbrauch und handfesten psychischen Schäden in die Vergessenheit (in den 70ern verbrachte er gut drei Jahre mit Depressionen im Bett). Love & Mercy konzentriert sich auf die zwei wichtigsten Phasen in seinem Leben: die 60er, als er 24jährig mit Pet Sounds eines der berühmtesten Alben der Rockgeschichte produzierte und danach fast dem Wahnsinn verfiel, und die 80er, als er seine persönlichen Dämonen (darunter in Gestalt seines "Psychiaters" Dr. Eugene Landy einen sehr handfesten) besiegte und in bescheidenem Maße seine Kreativität wiederfand. Seitdem hat er eine Handvoll durchaus schöner Soloalben veröffentlicht; mein Favorit darunter ist Brian Wilson Reimagines George Gershwin.



Paul Dano zeigt in seinem Spiel die Essenz des jungen Brian, ohne den Musiker nachzuäffen, dem er eigentlich nicht besonders ähnlich sieht. Schmerbauch und Haartolle sind nur Äußerlichkeiten, aber Dano zeigt sowohl die  Unsicherheit, ja Unbeholfenheit als auch die kreativen Sprünge und das meisterhafte "Dirigieren" seiner Studiomusiker. Brian Wilson war auch zu den Glanzzeiten der Beach Boys niemals der umschwärmte Frontman. Das überließ er schnell seinem forschen Cousin Mike Love, während er selbst sich ins Studio zurückzog und Musikgeschichte schrieb. Leider führte das dann zu Konflikten und schließlich zum berühmten Scheitern des "Smile"-Projektes, das die Bandkollegen dann zu Smiley Smile verwursteten. Trotz der Rekonstruktionsversuche in den letzten Jahrzehnten verbleiben von diesem Traumprojekt nur Bruchstücke, darunter allerdings einer der großartigsten, komplexesten Songs der Popgeschichte (und die meistverkaufte Single der Band):
Good Vibrations
und das wunderschöne, elegische Lieblingslied von Paul McCartney:
God Only Knows
Insbesondere für die Passagen aus den 60ern gelingt es dem Sound-Design des Films, den Zuschauer fast unmittelbar in den Kopf Brian Wilsons zu transportieren. Der war nicht nur der Entstehungsort jener unglaublichen Harmonien, sondern leider auch ein Debattierklub für dämonische Stimmen, die Brian seit seiner Kindheit quälten (als ihn sein Vater derart oft auf das rechte Ohr schlug, daß er auf dieser Seite praktisch taub wurde).


Zum Glück wird dieser Niedergang eines Genies filmisch verschränkt mit der Geschichte seiner Besserung und einem kleinen Happy End seiner späten Jahre. John Cusacks etwas verlebtes Gesicht spiegelt perfekt den zunächst mit Medikamenten zugedröhnten Brian Wilson, der durch die Liebe zur Autoverkäuferin Melinda Ledbetter sein Leben wieder in den Griff bekommt. Der einstige Teen Lover und Star von Being John Malkovich und High Fidelity wird inzwischen zu Unrecht unterschätzt. Er hätte bessere Rollen verdient und ist für mich in diesem Film Paul Dano ebenbürtig (der bekannt wurde als Bruder mit Schweigegelübde in Little Miss Sunshine und gemäß Hollywood-Logik als "Nebendarsteller" in die Preisverleihungssaison geht).


Im Zentrum der wunderbar melancholischen Szenen aus den 80ern steht Elizabeth Banks als Wilsons spätere zweite Ehefrau Melinda Ledbetter. Während ich sie in anderen Filmen oft ein wenig albern finde, gibt sie hier eine herzenswarme, nuancierte Darstellung. Natürlich ist ihre Figur idealisiert, schließlich sehen wir sie aus Brians Perspektive, als Rettungsengel in einer Zeit, in der Brian selbst seinem Bruder Carl nur noch peinlich war. Aber wir sehen doch eine starke, mitfühlende Frau, selbstbewußt und hinreißend. Sie weiß sich zu behaupten gegenüber dem mißbräuchlichen Dr. Landy, den der brillante Paul Giamatti (Sideways) als schmierigste, fieseste Figur des Kinojahres gestaltet und doch offenbar der realen Vorlage kaum gerecht wird.



Don't Worry Baby
Dem bisher nur als Produzent in Erscheinung getretene Regisseur Bill Pohlad ist mit Love & Mercy eine der schönsten Musikbiographien der letzten Jahrzehnte gelungen. Das Buch von Oren Moverman und Michael A. Lerner vermeidet weitgehend die ausgetretenen Pfade des Genres. Der Film ist nostalgisch ohne dick aufgetragene Sentimentalität, hat selbstverständlich einen tollen Soundtrack und hinterläßt ein schönes Gefühl, auch wenn für den Film wie für Brians Lieder gilt, was Brians Mitstreiter Mike Love einmal als unfreiwilliges Kompliment von sich gab:
Even his happy songs are sad. (Selbst seine fröhlichen Lieder sind traurig.)
Herausragend (9/10).

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Cate Blanchett jagt Meryl Streep: Carol (7/10)

Carol handelt von Therese, einer junge Spielwarenverkäuferin, die sich auf eine Affäre mit einer Kundin mittleren Alters einläßt. Ihr Schwarm Carol ist ein Fantasieprodukt der Autorin Patricia Highsmith, die eine flüchtige Begegnung fortsponn und zu einer lesbischen Romanze verarbeitete, die sie 1952 zunächst nur unter Pseudonym zu veröffentlichen wagte. Liebe zwischen zwei Frauen gab es 1950 noch nicht einmal als Wort, und so beginnt für Therese eine schwierige Entdeckungsreise, um diese unerklärlichen Gefühle zu erforschen.



Regisseur Todd Haynes (sein letzter Film war die konfuse Dylan-Biographie I'm not There) taucht tief in die New Yorker Nachkriegszeit ein, schwelgt geradezu in Ausstattungsdetails: Automobile, Grammophone, Photoapparate, aber auch Stoffgardinen, Sofabezüge und natürlich die Kostüme (die dreifache Oscar-Gewinnerin Sandy Powell hatte offenbar viel Freude am Kontrast zwischen der einfachen Therese und der reichen Carol). Die körnige 16mm-Fotografie unterstreicht das träumerische Porträt einer vergangenen Zeit. Es ist allerdings ein kalter Traum, der nicht zufällig zur Jahreswende spielt, und der auch passend besetzt ist. Cate Blanchett besitzt ja ohnehin eine eher kühle Schönheit, und die relativ ausdrucksschwache Rooney Mara komplimentiert sie in einem Duell um die schärfsten Wangenknochen. Immerhin bringt die 30jährige Rooney eine gewisse ätherische Zerbrechlichkeit mit (im Gegensatz zu ihrer kleinen Schwester Kate, die Reporterin aus House of Cards, die noch weniger Emotionen, aber zusätzlich eine unsympathische Verbissenheit ausstrahlt).


Jedenfalls ist klar, wer hier der Star ist, und so ist im Film der Fokus verschoben auf Cate Blanchetts Titelfigur, obwohl Therese klar die interessantere Entwicklung durchläuft. Das wird sich auch bei den Oscar-Nominierungen widerspiegeln, wo Cate Blanchett bei den Haupt- und Rooney Mara bei den Nebendarstellerinnen eingeordnet wird (bei den Globes sind beide für die Hauptrolle im Rennen). Mein Einwand dabei ist, daß Carols Geschichte genauso funktionieren würde, wenn sie sich in einen jüngeren Mann verliebt hätte (ihr wird in einer bitteren Scheidungsschlacht wegen "Unmoralität" das Sorgerecht für ihre dreijährige Tochter abgesprochen). Therese ist diejenige, die ihre Sexualität entdecken und ihren Weg jenseits der konventionellen Erwartungen finden muß (es gibt mehrere Männer in ihrem Bekanntenkreis, die sie gern heiraten würden).

So ist es schade, daß der Zuschauer nicht mehr Einblick in diese wortkarge junge Frau findet, die oft nur reagiert, nachdem sie sich (aus Neugier?) auf Carols Avancen eingelassen hat. Also hängt es vom Betrachter ab, welche Emotionen er auf Rooney Maras wohlgeschminktes Gesicht projiziert, während Cate Blanchett natürlich (gerade im Schlußteil) ihren Schmerz sichtbar machen kann. Vielleicht trägt sie diesmal sogar etwas dick auf. Aber solche gut gespielten Gefühlsausbrüche sind es leider, an denen die Akademie Schauspielkunst mißt. Jedenfalls glaube ich, daß die Bewertung dieses Melodrams subjektiver als üblich ausfallen muß. Ich selbst bin der Geschichte gern gefolgt, habe auch Anteil genommen, aber begeistert war ich auch wieder nicht. Das reicht für ein Gut (7/10).

Dienstag, 22. Dezember 2015

Nostalgischer Spaß: Das Erwachen der Macht (8/10)

Selbst denjenigen, die sich in den letzten Monaten dem Hype entziehen konnten, keine Star-Wars-Batterien kaufen mußten, keine Actionfiguren mit Harrison-Ford-Grimassen, keine Spielzeuglichtschwerter (die laut Spiegel eh nicht den EU-Leuchtmittelrichtlinien entsprechen), keinen Millenium Falcon aus Legosteinen als Geschenke verpackt haben, wird vor Beginn des eigentlichen Spektakels noch einmal eingehämmert, worum es diesem 30-Milliarden-Dollar-Imperium eigentlich geht. Aber kaum jemand stimmt in mein gequältes Stöhnen ein, als eine grottenschlechte, offenbar schwedische Joda-Kopie uns eine als Todesstern verkleidete IKEA-Hängeleuchte anpreist. Als dann die berühmten Schriftzüge auf der Leinwand anrollen, die vertrauten Fanfaren von John Williams erklingen und der erste Zerstörer den Sternenteppich verdunkelt, packt mich dann doch die Aufregung, und es beginnt ein nostalgischer Spaß, den auch die unnötige, die kurzweiligen 2 1/4 Stunden unterbrechende Kommerzpause kaum mindern kann. Ich versuche, in meinem Kommentar ohne wesentliche Spoiler auszukommen.



Es ist (fast) alles richtig, was bereits geschrieben wurde: Das Erwachen der Macht ist nicht nur Fortsetzung, sondern zum Teil auch ein Remake und Beginn einer Variation auf die ursprüngliche Trilogie. Aber auch wenn einem Fan vielleicht zu viel bekannt vorkommt, gelingt es J.J. Abrams doch weitgehend, das Feeling der alten Filme zu reproduzieren. Da gibt es Low-Tech-Raumschiffreparaturen, trottelige Sturmtruppen und altmodisch unbeholfene Lichtschwertduelle. Dabei sind allerdings die Effekte flüssiger, die Dialoge geschmeidiger und die Explosionen heftiger.

Geblieben sind jene handlungsdienlichen Zufälle, wie sie nur im Krieg der Sterne möglich sind. Und so treffen wir auf einem Wüstenplaneten namens Jakku, der auch Tatooine heißen könnte, die Helden der nächsten Generation. Und hier zeigt sich, insbesondere gegenüber den mißlungenen Prequels, ein Glücksgriff für die Episode VII. Die beiden 23jährigen Jungschauspieler aus London haben mit Sicherheit eine vielversprechende Karriere vor sich. Daisy Ridley als kesse Rey und John Boyega als tollpatschiger Finn sind sympathische Identifikationsfiguren mit schauspielerischem Talent und genügen nebenbei noch den erhöhten Anforderungen der heutigen auf politische Korrektheit ausgerichteten Filmwelt. Rey ist eben keine Prinzessin, sondern füllt eher die Schuhe von Luke Skywalker und braucht auch keine männlichen Haudegen, ihr aus der Patsche zu helfen. Über Finns Rolle will ich noch weniger sagen, um auch die ersten fünfzehn Minuten des Films nicht zu spoilern. Er steht für die Emanzipation einer bisher gesichtslosen Fraktion und ist nebenbei noch schwarz und komisch und weiß damit jedes Klischee weiträumig zu umschiffen. Zum Glück schließt die ethnische Diversität erst mal aus, daß sich Rey und Finn später als Geschwister entpuppen, denn ihre Romanze beginnt vielversprechend...



Auch die übrigen Rollen sind facettenreich, im Zweifel mit Briten besetzt. Domhnall Gleason (Ex Machina) als Nachfolger von Peter Cushing kommt dabei am schlechtesten weg, hier wäre sein Vater die bessere Wahl gewesen. Viel Aufhebens wurde im Vorfeld um die Rollen von Oscar-Gewinnerin Lupita Nyong'o (12 Years a Slave) und Game-of-Thrones-Star Gwendoline Christie (Brienne of Tarth) gemacht, aber leider verschwinden die beiden hinter dem Motion Capturing bzw. dem Visier einer Rüstung. Der gänzlich überflüssige Auftritt des 86jährigen Max von Sydow sollte vielleicht eine Hommage an Alec Guiness sein. Oscar Isaac als verwegenem X-Wing-Pilot gelang erneut das Kunststück, von mir nicht erkannt zu werden, und unter die Rebellen mischen sich auch die Abrams-Kumpel Ken Leung (Lost) und Greg Grunberg (Alias). Nur für schwule Liebesgeschichten scheint es in jener fernen Galaxie noch zu früh zu sein, wenn man mal von C3PO absieht, der mit R2D2 aber nur einen Kurzauftritt hat. Auch bei den Droids übernimmt mit dem knuddeligen BB-8 ein jüngerer Star das Ruder, windschnittiger und doch fast genauso anrührend.


Nicht nur mit Domhnall Gleason hat auch die Dunkle Seite der Macht eine Verjüngungskur durchgemacht. Als Darth-Vader-Verschnitt Kylo Ren fand ich den 32jährigen Adam Driver zutiefst unangenehm, auch wenn seine Figur durchaus stimmig erklärt wird (aber kann diese Heulsuse wirklich das Erzeugnis von ... - und ... sein - ach, sei's drum). Ohnehin fehlt das Mysterium des Darth Vader, das in den ersten Episoden so fabelhaft inszeniert worden war. Immerhin hat hier jemand den deutschen Begriff des Licht"schwerts" buchstäblich umgesetzt. Wie in der Episode IV bekommt man den fädenziehende Sith-Lord im Hintergrund nur kurz als Hologramm zu Gesicht. Andy Serkis legt ihn irgendwo zwischen Gollum und Thanos an, mit bisher wenig Persönlichkeit.



Ach ja, und dann waren da noch die "Altstars". Keine Überraschung ist es, daß Han Solo hier eine zentrale Rolle spielt. Harrison Ford sieht man seine 73 Jahre zwar an, aber er füllt immer noch die Leinwand wie kein anderer, und seine sarkastische Art bietet ein bewährtes Gegengewicht zu manch alberner Handlungswendung. Die Chemie mit Leia stimmt auch noch, und Carrie Fisher muß ich hier mal in Schutz nehmen. Sie tritt als elegante, selbstbewußte Dame auf und muß ihre 58 Lebensjahre nicht verstecken. Wenn ich daran denke, wie gleichaltrige Kolleginnen wie Daryl Hannah oder Melanie Griffith ihre Gesichter entstellen ließen, habe ich nichts als Respekt für Ms. Fisher, die die Schauspielerei ohnehin nur nebenbei betreibt und u.a. erfolgreiche (und lesenswerte) Romane veröffentlicht hat. In ihrem zu kurzen Auftritt vermag sie jedenfalls eine Menge Wärme und Weisheit zu vermitteln, auch wenn sie wieder durch eine, sagen wir, unkonventionelle Frisur gestraft ist (bei der Promotion, siehe Photo, ist sie dann besser gestylt). Mark Hamill hingegen hat ja ohnehin ein Charaktergesicht, das er als Riddler in The Flash und Professor in Kingsman effektvoll in Erinnerung gebracht hat. Ich vermute, daß er im Folgefilm mehr im Mittelpunkt stehen wird.



Also haben J.J. Abrams und Lawrence Kasdan (der mit Das Imperium schlägt zurück den für alle Zeiten besten Star-Wars-Film geschrieben hat) mit Hilfe von Michael Arndt (Little Miss Sunshine) gute Arbeit geleistet. Alles in allem ist der der realen Alterung der Darsteller angepaßte Zeitsprung plausibel, auch wenn ich nicht verstehe, daß die Guten immer noch dem "Widerstand" angehören. Hätte sich das mit dem Fall des Imperiums nicht umkehren müssen? Bei aller Freude muß ich ansonsten aber warnen, daß ein solcher Nostalgietrip wirklich nur einmalig gelingen kann (was Abrams leider bereits bei Star Trek bewiesen hat). Für die Fortsetzung müssen sich die Verantwortlichen wirklich etwas Neues ausdenken. Also bitte keine Figur in Carbonite einfrieren! The Empire Strikes Back bleibt unübertroffen und sollte nicht kopiert werden. Für Buch und Regie der Fortsetzung ist übrigens Rian Johnson zuständig, die Dreharbeiten haben bereits begonnen. Der gerade 42 Jahre alt gewordene Kalifornier ist bislang vor allem bekannt für Buch und Regie der mittelmäßigen SF-Merkwürdigkeit Looper (mit Joseph Gordon-Levitt als verstörend mißlungenem jungen Bruce Willis) und die Regie bei der von vielen als TV-Höhepunkt gefeierte Folge Ozymandias von Breaking Bad. Bis Mai 2017 muß ich jedenfalls J.J. Abrams, vielleicht neben Irvin Kershner, die beste Regie bei einem Star-Wars-Film bescheinigen. Da lag die Meßlatte bisher aber nicht besonders hoch. In diesem Sinne frohe Weihnachten!



Mit den genannten Einschränkungen habe ich mich tatsächlich für 12 bis 14 Parsecs beschwingt unterhalten gefühlt. Auf die dritte Dimension werde ich allerdings bei der Blu-ray verzichten. Sehr gut (8/10)!

Sonntag, 20. Dezember 2015

Zwischenruf an Emma Stone

Liebe Emma,

fast drei Jahre ist es her, daß ich mich gemeldet habe. Jetzt habe ich das Gefühl, Du könntest ein paar tröstende Worte gebrauchen. Sei gewiß, daß wir (ältere Männer) Dich immer noch schätzen und bewundern. In den USA stehst Du immer noch auf Platz Zwei der beliebtesten Jungschauspielerinnen, natürlich nach Jennifer Lawrence, aber vor Kristen Stewart, die sich erst langsam von ihren zwielichtigen Teenager-Rollen emanzipiert. Auch wenn die Spiderman-Millionen sicher noch nicht aufgebraucht sind, gründet sich Dein Ruhm momentan allerdings eher auf Talk-Shows und andere Fernsehauftritte. Schade übrigens, daß es mit der Star-Wars-Audition nicht geklappt hat.

Was das Kino betrifft, gab es nach der Euphorie über die Oscar-Nominierung (im "Besten" Film des Jahres) eine Durststrecke. In der Nachfolge von Scarlett Johansson konntest Du Woody Allen leider nicht zu filmischen Glanzleistungen inspirieren. Nach dem zweiten Flop verstehe ich, daß Du die dritte Hauptrolle in Folge dankend an Kristen Stewart abgegeben hast. Bei Woody weiß man halt nie.  Das mußte bereits vor gut 20 Jahren Jodie Foster feststellen, als er die zweifache Oscar-Gewinnerin mit Schatten und Nebel in einem seiner sperrigsten Filme besetzte.

Aber genug um den heißen Brei herumgetanzt: Was war los mit Aloha? Wie bist Du an ein Projekt geraten, das sich mit Clint Eastwoods dumpf-patriotischem, ziellosem American Sniper die zweifelhafte Ehre des Schlechtesten Films des Jahres teilt (und den bedauernswerten Bradley Cooper in der Hauptrolle)? Für den man neue Kategorien erfinden müßte, um sein Scheitern zu beschreiben? Als Du plötzlich als zackiger Captain der US Air Force auftauchtest, dachte ich noch, ich sei in eine M*A*S*H-artige Parodie geraten. Aber dann ging's erst richtig los mit Satelliten, Hackern, chinesischen Spionen, Atombomben in Privatbesitz, stummen Männergesprächen mit Untertiteln, Eingeborenen-Mystik, 10-Sekunden-Flashbacks, Hofstaat im Schlamm (war das wirklich der "echte" König des Inselreichs?), Verhandlungen um Handy-Empfang, Ex-Geliebte, unehelicher Tochter, zerhackstückelten Tänzen... Seit Jahren hat mich kein Film so ratlos zurückgelassen (selbst Roy Anderssons Songs From The Second Floor konnte ich noch mehr Sinn abtrotzen).

Und was ist mit Cameron Crowe? Ist er krank, bloß dem Alkohol und anderen Drogen verfallen, oder wurde er von Aliens entführt und durch eine Pflanze ersetzt? Wie inkompetent muß man sein, um Dich mit Bill Murray und Alec Baldwin agieren lassen, ohne den geringsten Unterhaltungswert herauszuschlagen? Wie schafft man es, Hawaii so lieblos zu fotografieren, daß jede Five-0-Folge mehr Lokalkolorit vermittelt? Ja, es ist 15 Jahre her, daß das ehemalige Wunderkind der Rockszene der 70er mit Almost Famous ein kraftvolles Denkmal setzte, und danach schien seine Kreativität langsam zu versiegen. Und sicher darf jeder Regisseur mal danebenliegen. Aber dieses Desaster muß doch vorhersehbar gewesen sein! Dabei muß man gar nicht darauf eingehen, daß Deine blonde Figur eine chinesisch-hawaiianische Mutter haben soll, was eine völlig am Thema vorbeigehende Diskussion um politische Korrektheit ausgelöst hatte. Die später geschasste Studiochefin Amy Pascal soll allerdings früh die Qualität des Drehbuchs bemängelt haben (um es freundlich auszudrücken), aber das konnte dieses Trainwreck offenbar nicht mehr stoppen (nicht zu verwechseln mit Amy Schumers amüsanter Komödie mit dem Titel Trainwreck).

Nun ja, Kopf hoch, Du hast ja bereits wieder einige Eisen im Feuer, darunter ein Projekt mit dem für Whiplash Oscar-nominierten Autorenfilmer Damien Chazelle. Bis dahin muß ich mich halt mit merkwürdigen Musikvideos und ähnlichen YouTube-Clips begnügen.

Mit den besten Wünschen für das neue Jahr

Paul Kahl

Klassische Rezension: Almost Famous (10/10)

Inzwischen nicht mehr in der Top250 der IMDB, gehört Almost Famous noch immer zu meinen Lieblingsfilmen nicht nur des Musikgenres. In meiner Rezension direkt nach dem Kinobesuch hatte ich damals noch nicht einmal die junge Anna Paquin als weiteres Groupie und  den großartigen Philip Seymour Hoffman als Musikjournalisten-Legende Lester Bangs erwähnt. Inzwischen habe ich natürlich den Film auf Blu-ray genossen. Hier also, als Gegengewicht zu Cameron Crowes jüngstem Desaster, meine jugendlich-enthusiastische Kritik von 2001 zum Höhepunkt seiner Karriere:

Manchmal (viel zu selten) gelingt es einem Kinofilm, in knapp zwei Stunden eine komplett eigene Welt zu erschaffen, mit Orten, die man persönlich besuchen, Ereignissen, die man miterleben, und Menschen, die man gern kennenlernen möchte. Almost Famous ist ein solcher Film. Er erzeugt eine unstillbare Sehnsucht nicht nur nach einer vergangenen Zeit, sondern auch nach der Unschuld und den Idealen der Jugend. Für immer möchte man in den 70ern verbleiben, als Simon & Garfunkel noch als jugendgefährdend galten, auch arme Rockstars schon als Helden verehrt wurden und Sex und Liebe so leicht verwechselbar waren. Wer möchte nicht ebenfalls mit "Stillwater" auf Tour gehen, mit dem jungen William an seinen Reportagen feilen und vielleicht einen Kuß des süßen Groupies Penny Lane erhaschen? Doch ach, der Alltag hat mich wieder, und mir bleibt nur die Hoffnung, daß Almost Famous noch vielen Zuschauern ein ähnlich glückliches Erlebnis verschaffen kann.

Die Handlung soll auf den Erinnerungen des Regisseurs und Autors (Oscar fürs beste Originaldrehbuch) Cameron Crowe beruhen, der tatsächlich schon als Jugendlicher für den "Rolling Stone" über berühmte Rockgruppen geschrieben hat. So ist der 15jährige hochbegabte, aber schüchterne William das Alter Ego des Autors. Seine Musikbesessenheit ist auch Protesthaltung gegen seine konservative alleinerziehende Mutter, vor der seine Schwester mit 18 in eine Ausbildung zur Stewardeß geflohen ist. William schreibt zunächst für lokale Musikmagazine, bis ein Redakteur des "Rolling Stone" auf ihn aufmerksam wird und ihm (ohne Kenntnis seines zarten Alters) den Auftrag zu einer umfangreichen Reportage über die aufstrebende (für den Film erfundene) Rockgruppe "Stillwater" erteilt. So kommt es, daß der lebensunerfahrene 15jährige, unter strengen Auflagen seiner Mutter (täglich anrufen, keine Drogen!) in den Tourbus zu Musikern, Roadies und Groupies steigt. Die kommenden Tage werden sein Leben verändern, er wird Freundschaft und Liebe, aber auch den Loyalitätskonflikt eines ehrgeizigen Journalisten kennenlernen. Nicht nur für ihn ist dies ein entscheidender Abschnitt, sondern auch für die Band an der Schwelle des kommerziellen Erfolgs, der eine schwere Krise bevorsteht, und für das Groupie (nein, Verzeihung: das "Band-Aid") Penny Lane ("Wir schlafen nicht mit den Musikern, wir blasen ihnen höchstens mal einen!"), das im Konflikt zwischen Schein und Realität gefangen scheint. Und so ist Almost Famous eine Geschichte über das Erwachsenwerden und den Zerfall von Idealen, gleichzeitig eine Reflexion über den Wandel des Musik"geschäfts" in den 70ern, als der Spaß an der Musik immer mehr zugunsten des Kommerz verdrängt wurde.

Ein Regisseur ist dann am besten, wenn er dem Stoff besonders verbunden ist. Eine solche Verbundenheit hat zu Meisterwerken wie Der große Frust von Lawrence Kasdan und Schindlers Liste von Stephen Spielberg geführt. Auch Cameron Crowe hat sich hier selbst weit übertroffen (z.B. gegenüber dem schon sehr guten Jerry Maguire, der ein ähnliches Thema im Sportbereich behandelt.) Offenbar hat er lange gezögert, diesen persönlichen Stoff anzugehen. Jetzt aber verdanken wir ihm einen herrlichen Musikfilm. Wenn ich das richtig verstanden habe, spielen die Darsteller der Band selbst die Songs im Stil der 70er Jahre, die u.a. von Peter Frampton beigesteuert wurden. Das wirkt authentisch und völlig ungekünstelt und trägt wesentlich zum Gelingen des Projektes bei. Natürlich gibt es daneben jede Menge Klassiker der 60er und 70er zu hören. Und dann ist da das exquisite Darstellerensemble, noch in den kleinsten Nebenrollen perfekt ausgesucht. Niemandem merkt man an, daß da Rollen verkörpert werden - die Schauspieler gehen in ihren Figuren auf. Das gilt für den unglaublichen Patrick Fugit in der Hauptrolle (der 17jährige wuchs zum Entsetzen der Crew während der Dreharbeiten um sieben Zentimeter und kam in den Stimmbruch) wie für Frances McDormand (Fargo), die als satirisch überspitzt gezeichnete, überbehütende Mutter völlig ohne Ironie und dadurch ungeheuer witzig daherkommt. Das gilt ebenfalls für die Band, insbesondere Billy Crudup als Gitarrist und Kopf der Gruppe, und vor allem für Kate Hudson als Penny Lane. Sie ist das Herz des Films - strahlend schön, komisch, unschuldig, verdorben, geheimnisvoll, innerlich zerrissen und doch voller Wärme. Wer hätte das der Tochter von Amerikas Darling Goldie Hawn zugetraut? Ihre Oscar-Nominierung war mehr als verdient.

Ich hoffe, ich habe deutlich gemacht, daß dies mehr als nur ein Geheimtip ist und auch keine besondere Vorliebe für Rockmusik der 70er voraussetzt. In den USA hat sich dieses Meisterwerk schleichend durchgesetzt und wird inzwischen in der IMDB-Liste der beliebtesten Filme aller Zeiten auf Platz 61 geführt. In Deutschland wird der Film nicht besonders gut vermarktet, aber vielleicht wird er doch mehr als nur fast berühmt. Ein zumindest deutschsprachiger älterer Herr war jedenfalls begeistert, und ihn hat Cameron Crowe in seiner Dankesrede für den Oscar auch besonders erwähnt: Regie-Altmeister Billy Wilder.

Samstag, 28. November 2015

Spielbergs bitterkalter Krieg: Der Unterhändler (8/10)

Als Martin Scorsese 2008 Ethan und Joel Coen den Oscar für die Beste Regie überreichte (für ihr atemberaubendes Meisterwerk No Country For Old Men), war dies auch eine Staffelübergabe an eine jüngere Generation. Aber während Martys Filme immer noch für Überraschungen gut sind, wirken die Werke seines vier Jahre jüngeren Mitstreiters Steven Spielberg doch mehr und mehr bieder und altmodisch. So tat er für das Historiendrama Bridge of Spies ("Der Unterhändler") gut daran, das Drehbuch des jungen TV-Autors Matt Charman durch eben jene Coen-Brüder überarbeiten zu lassen (die ja auch schon zwei Drehbuch-Oscars einheimsen konnten). Auch wenn manche Kritiker dadurch tonale Unebenheiten zu erkennen meinen, konnte ich eher einen frischen Wind verspüren, der den Zuschauer in den immer noch zu langen 140 Minuten mit dem nötigen Sauerstoff zum Durchhalten versorgte.

Tatsächlich erinnert die Geschichte vor allem im ersten Teil an Spielbergs Vorbild Frank Capra (Mr. Smith geht nach Washington), in ihren milden Appellen an die Werte der US-Verfassung und in der leicht naiven, aufrechten Figur des Anwalts James Donovan. Tom Hanks gibt den Verteidiger des russischen Spions und späteren Unterhändler mit einem Hauch von verschmitzter Ironie, die seinen Paraderollen als braver Durchschnittsbürger ansonsten gelegentlich fehlt. Vielleicht haben die Coens damit den immerhin als Komiker berühmt gewordenen 59jährigen Charakterdarsteller absichtlich noch mehr in die Nachfolge von Jimmy Stewart gestupst. Als Hommage an einen weiteren großen Regiepionier sieht man übrigens eine Filmreklame für Billy Wilders herrliche Berlin-Satire Eins, Zwei, Drei.

Gut gelungen fand ich die leichte historische Verdichtung, die den Bau der Berliner Mauer in den Februar 1962 verlegt. In diesem bitterkalten Winter fand der historische Gefangenenaustausch auf der Glienicker Brücke statt, und im Vorfeld beobachtet Donovan die Tragödie der Berliner Teilung. In einer leicht plakativen, aber emotional sehr effektiven Szene wird er aus der S-Bahn heraus Zeuge eines mißglückten Fluchtversuchs am Todesstreifen. Dem Film gelingt ein erstaunlich realistisches, möglicherweise leicht übertriebenes Bild des Mauerbaus in einer noch immer von Ruinen geprägten Stadt. Der Produktionsdesigner Adam Stockhausen hat ähnliche Wunder bereits für das Grand Budapest Hotel vollbracht Eher gediegen ist der Score: Da John Williams verhindert war, trug diesmal Thomas Newman die bedeutungsschwere Musik bei. Der mit seinen 60 Jahren vergleichsweise junge Komponist war zwar bereits 12mal für einen Oscar nominiert (u.a. für American Beauty, Findet Nemo und Skyfall), besonders aufgefallen ist mir sein Beitrag hier aber nicht.

Abgesehen von Hanks verzichtet Spielberg klugerweise auf große internationale Darsteller, auch wenn Kinoliebhabern natürlich in kleinen Rollen der bald 80jährige Alan Alda als Donovans Chef und die deutschen Stars Sebastian Koch (Das Leben der Anderen) als DDR-Unterhändler und Burghart Klaußner (Das weisse Band) als Geheimdienstleiter auffallen. Nicht erkannt habe ich den erstaunlichen Mark Rylance in der Rolle des russischen Spions Rudolf Abel, trotz seiner Hauptrolle im von mir sehr geschätzten Drama Intimacy von 2001. Der preisgekrönte britische Theaterschauspieler (u.a. drei Tonys!) macht sich auf der Kinoleinwand eher rar, aber für sein zurückgenommenes, humorvolles Porträt des russischen Künstlers und Patrioten ("würde es helfen?") ist er für mich erster Anwärter auf den Oscar für den Besten Nebendarsteller. Das erinnert mich an Joel Grey, der 1972 in Cabaret ebenfalls in einer kleinen Nebenrolle (als Conferencier) den Stars die Schau stahl und einen der acht Oscars verbuchen konnte.

Der Kalte Krieg war offenbar eine reine Männerangelegenheit, was Spielberg natürlich entgegenkommt, denn für differenzierte Frauenfiguren ist er nicht gerade bekannt. Neben seinem Interesse an der geschichtlichen Periode ist er sich sicher auch der Parallelen zur heutigen Zeit bewußt. Allerdings war die amerikanische Paranoia der 50er vielleicht genauso irrational, aber doch deutlich anders gelagert als die heutige. Einen Ursprung der Durchlöcherung der Bürgerrechte kann man durchaus dorthin zurückverfolgen, aber über den heutigen Überwachungswahn der Geheimdienste kann man sich kaum so amüsieren wie über die damalige Furcht vor einem Atomkrieg und die entsprechenden abstrusen Verhaltensregeln, mit denen die Schulklasse von Donovans Sohn gedrillt wird (lernt von Bert the Turtle!) Die sentimentale Schlußszene um die Rückkehr des "Helden" mit einem bewundernden Blick von Donovans Ehefrau (Amy Ryan) ist dann ganz Spielberg. Seine siebte Nominierung als Bester Regisseur für seine beste Arbeit seit München (2005) sollte ihm sicher sein (er gewann 1994 und 1999 für seine beiden besten "ernsten" Filme, Schindlers Liste und Der Soldat James Ryan). Sehr gut (8/10).

Klassische Rezension: "Intimacy", Patrice Chéreau 2001 (9/10)

Aus aktuellem Anlaß hier meine "klassische" Rezension des Erotikdramas Intimacy, dessen Hauptdarsteller Mark Rylance gerade als Rudolf Abel in Spielbergs Bridge of Spies glänzen durfte:

Als vor fast 30 Jahren Bernardo Bertoluccis Der letzte Tango in Paris in die Kinos kam, stürzten sich die meisten Kritiken auf die für damalige Verhältnisse drastischen Sexszenen. Kaum fünf offenherzige Minuten sorgten für Diskussionsstoff und lockten wahrscheinlich mehr Zuschauer an als die offenbar zweitrangige Beobachtung, daß es hier ein kraftvolles Meisterwerk zu bestaunen gab, mit einem überwältigenden Marlon Brando und lange nachwirkenden Bildern. Intimacy zeigt in mehr als einer Hinsicht Parallelen dazu, auch wenn es (um die Wertung vorwegzunehmen) zwar beeindruckend, aber nicht von gleichem Rang ist.

Die Sexszenen, von den prüden Amerikanern (und Briten) als pornographisch angeprangert, mag die deutsche FSK hierzulande sogar 16jährigen zumuten. Und zu Recht darf man vermuten, daß in dieser Altersgruppe die Kenntnis von Aussehen und Funktion der menschlichen Geschlechtsorgane weit verbreitet ist und kaum eine sittliche Gefährdung durch den Anblick von etwas mehr Penis als üblich zu erwarten ist. Fernab von jeder Erotik leuchtet Chéreau den Liebesakt unerbittlich mit fahlem Licht aus, man hört nur das leidenschaftliche Stöhnen des Paares, und das ist eher peinlich als anregend. Jeden Mittwoch treffen sich die beiden zu dieser Verrichtung; sie reden nicht miteinander, ja wissen nicht einmal den Namen des anderen. Der Rest der Woche wird zunächst aus der Sicht des Mannes geschildert; es entsteht ein flüchtiges Mosaik seines Lebens - ein Job, der nur als Übergang gedacht war, eine Familie, die er im Stich gelassen hat, Kollegen, Nachbarn, Freunde (?). In dieser Leere wird plötzlich die flüchtige Beziehung zu einem Mittelpunkt seines Lebens, er versucht, mehr über die Frau herauszufinden, folgt ihr zu ihrer Wohnung, zu einer Kneipe...

Durch eine schnelle Schnittfolge, sparsame treibende Musikuntermalung (u.a. jüngere Popsongs von Bowie etc.) und grelle Kontraste zwischen klaustrophobischen Innenaufnahmen und den chaotischen Straßen Londons baut Chéreau eine fast hypnotische Spannung auf. Sein Thema ist die Haltlosigkeit des modernen Menschen, die Flüchtigkeit der Beziehungen, die verzweifelte Suche nach Bedeutung, Sinn, Individualität. Seine Analyse ist erschreckend, er bietet keine Hoffnung, lange vor dem physischen Tod sterben seine Charaktere ab und vegetieren nur noch dahin. Und wo Der letzte Tango tragisch ist, ist Intimacy trostlos; wo Bertolucci sich auf einen traumatisierten Menschen konzentriert, versucht Chéreau eine vermasste Gesellschaft zu zeigen. Damit hat er sich viel vorgenommen, und nicht alles gelingt. Gerade die Figur der Claire ist nicht völlig plausibel (was nicht an der großartigen Kerry Fox liegt); die Darstellung der Nebenfiguren leidet am Erzählstil, der sich manchmal in Andeutungen verliert. Leider kenne ich die zugrundeliegenden Geschichten von Hanif Kureishi nicht; sein Drehbuch zu Mein wunderbarer Waschsalon jedenfalls reicherte den schäbigen britischen Alltag mit einer gehörigen Portion Optimismus an. Der fehlt hier völlig, so daß man nach zwei kurzweiligen Stunden den Saal zwar mit schwirrendem Kopf, aber doch etwas niedergeschlagen verläßt. Herausragend (9/10).

Sonntag, 15. November 2015

Farbloses Theater: Steve Jobs (5/10)

Es ist jetzt fünf Jahre her, daß David Fincher Aaron Sorkins später Oscar-prämiertes Drehbuch Das Soziale Netzwerk zu einem zeitlosen Meisterwerk und gleichzeitig zum Porträt einer sehr speziellen Generation verdichtete. Die Biographie des Facebook-Gründers nahm sich allerhand Freiheiten, insbesondere in Rooney Maras Figur von Zuckerbergs Freundin, blieb aber dem Geist der Geschichte treu und bot faszinierende Einblicke in die Dynamik sozialer Netzwerke. All dies kann ich dem "Nachfolger" Steve Jobs leider nicht bescheinigen. Ursprünglich sollte Sorkins Drehbuch mit Christian Bale in der Titelrolle erneut von David Fincher inszeniert werden. Das war, wie man den Sony-Leaks entnehmen kann, dem Studio wohl zu teuer. So kam aus der zweiten Reihe der Brite Danny Boyle zum Zuge, der meiner (mal wieder abweichenden) Meinung nach allerdings seit Trainspotting nichts Begeisterndes mehr geliefert hat. Seine mit Oscars überhäufte Romanverfilmung Slumdog Millionaire fand ich nahezu bedenklich, weil sie das Konzept des unmöglichen Happy Ends in amerikanisierten Kitsch verwandelte (ohne das Buch gelesen zu haben, spricht die Erklärung des Märchenendes Bände: "Because it was written!") Siehe dazu auch die Reaktion von Salman Rushdie und anderen.

Ob allerdings Fincher viel mehr aus diesem Drehbuch über den umstrittenen iVisionär herausgeholt hätte, halte ich für unwahrscheinlich. Eine gesunde Dosis seiner inszenatorischen Kraft hätte dem arg intellektuellen Drei-Akter vielleicht gut getan. Ansonsten geht es mir hier wie den (Nicht-)Käufern des Macintosh: Zwei Ports sind einfach zu wenig. Die Schauspielkunst von Michael Fassbender als Steve Jobs und vor allem Kate Winslet als seiner Marketingchefin ist bewundernswert, aber den beiden allein gelingt es nur selten, den Zuschauer ins Geschehen zu ziehen. Wie er in seinem TV-Meisterwerk The West Wing gezeigt hat, kann Sorkin ja von morgens bis abends spannende Dialoge schreiben (er trug in den ersten Jahren mehr als die Hälfte der Scripte bei), aber diesmal versickern seine Einfälle eher im Teppich der prominent besetzen Nebenfiguren. Wozniak, Sculley und Hertzfeld bleiben blass, und mir ist nicht mal klar, ob sich Sorkin nun zu viele Freiheiten oder zu wenige genommen hat. Über den realen Steve Jobs oder seine Produkte erfährt man hier kaum etwas, und die Chronologie endet bei der Vorstellung des ersten iMac, der angesichts von iPod, iPhone und iPad heute bereits fast vergessen ist. Die zentrale Vater-Tochter-Beziehung des Stückes bleibt vage, auch weil Lisa wegen der Zeitsprünge durch drei verschiedene Schauspielerinnen dargestellt wird, was Anteilnahme zum Stückwerk macht.

Im Gegensatz zum veritablen Hit The Social Network ist Steve Jobs in den USA bereits gefloppt, und es liegt ganz bestimmt nicht an der Besetzung, auch nicht am stets anstrengenden Seth Rogen als Steve Wozniak, wie ein Analyst kühn behauptet hat. Weder Fincher noch Leonardo DiCaprio (als Jobs) hätten diese Sorkin'sche Gurke retten können. Gemessen an meinen geringen Erwartungen war das gerade noch: Annehmbar (5/10).

Freitag, 6. November 2015

Endgültig Mittelmaß: James Bond 007 - Spectre (6/10)

Nach vier Jahren Pause als "Reboot" angekündigt, vermochten Daniel Craig und das Produzententeam der zweiten Generation Broccoli/Wilson 2006 mit Casino Royale immerhin einen Film lang frischen Wind in das altehrwürdige Franchise zu bringen (Regisseur Martin Campbell überzeugte bei beiden Debuts der jüngsten Bonds). Beim vierten Auftritt von Craig möchte man sich ob des einsetzenden Verwesungsgeruchs eher in den Windschatten retten. Der 47jährige Hauptdarsteller zeigt jetzt schon deutliche Ermüdungserscheinungen, was im Vorfeld zu Publicity-Kapriolen geführt hatte (zum Vergleich: Roger Moore war in seinem letzten Auftritt bereits 58, Connery 53). Eigentlich hat Craig noch einen Vertrag über einen fünften Einsatz, der dann das silberne Jubiläum für Bond bedeuten würde (25 "offizielle" Filme) - nach den schlechten Erfahrungen mit dem 20. Film (Brosnans Abschied in Stirb an einem anderen Tag - mit dem unsichtbaren, eistanzenden Aston Martin) kann es einem jetzt schon grauen.

Mit jenem vierten Brosnan-Teil teilt sich Spectre nun auch die zweifelhafte Ehre des miesesten Titelliedes - ich zumindest kann mich nicht zwischen der abgehackten Madonna-Produktion von damals und Sam Smiths Gesäusel von heute entscheiden. Unverschämt ist inzwischen auch das Product Placement, dessen Highlights jetzt auch noch direkt vor dem mit 150 Minuten ohnehin überlangen Film in drei Werbefilmchen präsentiert werden (eine Uhr, zwei Autos). Offensichtlich und verfehlt ist leider auch das Casting des Bösewichts. Dabei meine ich nicht nur den Spectre-Boss, für den man besser einen Archetypen à la Donald Pleasance als die hier unterforderte Silberzunge Christoph Waltz gefunden hätte, sondern vor allem Andrew "Moriarty" Scott als M's intrigierender Vorgesetzter (selbst wer Sherlock nicht kennt, hat den Typen doch sofort durchschaut!) Der will übrigens eine privat finanzierte (!) globale Überwachungsmaschinerie in Gang setzen. Anders als im überragenden Vorbild, dem fulminanten Finale Deux Ex Machina der dritten Person-of-Interest-Staffel, ist hier übrigens der Countdown zur Freischaltung der Maschine ein reiner McGuffin, so wie überhaupt die meisten Spannungselemente verpuffen. Dazu gehören auch eine eher gemächliche Flugzeug-Autoverfolgungsjagd und eine Zugrangelei (die es in Liebesgrüße aus Moskau aber schon besser gab) mit dem Profiringer und Guardian of the Galaxy Dave Bautista.

Und was ist mit den Bond-Girls? Da wurde soviel Aufhebens darum gemacht, daß mit der 50jährigen Monica Bellucci mal eine Frau passenden Alters ran darf, und dann ist die Italienerin gerade mal für gefühlte fünf Minuten zu sehen. Bei der Kußszene strebte Regisseur Sam Mendes wohl Sinnlichkeit an. Dazu hätte er aber besser mal bei Hitchcock nachgeschaut, der das bereits 1964 mit Sean Connery und Tippi Hedren in Marni perfekt inszeniert hatte. Jedenfalls bleibt alles beim alten, Bond schnappt sich kurz darauf die 30jährige Französin Madeleine Swann (Léa Seydoux), die all ihr Fachwissen als Doktorin der Psychologie aufwenden muß für die Erkenntnis, daß Bond "ein guter Mann" ist. Was sie davon überzeugt hat, bleibt unklar, vielleicht hat sie beeindruckt, wie 007 in Tangier das Mäuschen verschont hat, obwohl es seine Hintermänner nicht verraten wollte. Seydoux, die ihren Durchbruch mit dem überambitionierten Erotikdrama Blau ist eine warme Farbe hatte, ist sympathisch und sieht erfreulicherweise gar nicht nach Hollywood aus. Eine emotionale Bindung ihrer Figur zu Bond vermochte ich aber nicht zu entdecken. Die hübscheste Frau des Films ist ohnehin die 39jährige Naomi Harris als Moneypenny, ein Castingversehen, das immerhin mit einer der sexistischeren Bond-Traditionen bricht.

Während Ralph Fiennes in seinem ersten kompletten Auftritt als "M" blaß bleibt, weiß immerhin Ben Whishaw als "Q" zu glänzen. Seine Rolle ist ausnahmsweise ein gut durchdachtes Update des altmodischen Quartiermeisters, den Desmond Llewelyn bis 1999 (in meinem Lieblings-"Brosnan" Die Welt ist nicht genug) so unvergleichlich porträtiert hatte. Überhaupt macht Spectre immer dann Spaß, wenn die Bond-Traditionen zitiert oder variiert werden. Aber warum soll ich mir einen mittelmäßigen Neuaufguß anschauen, wenn die Originale in Top-Qualität fürs Heimkino zur Verfügung stehen? Für das immense Budget hätte man drei gut ausgestattete Originale drehen können. Wenn ich drüber nachdenke, so ist das sogar geschehen. Meine drei Lieblingsthriller des aktuellen Jahres, Kingsman, Spy und Codename U.N.C.L.E. (ja, ich mochte den, auch wenn er nicht wirklich ein Original war) haben zusammen weniger gekostet als Spectre allein. Tom Cruise hat für  MI:5 dagegen mehr als der Hälfte des Bond-Budgets verpulvert und mich auch nicht überzeugt. Im Verhältnis zum Aufwand bedeutet meine Wertung also ein ziemlich jämmerliches Zeugnis: Ordentlich (6/10).

Natürlich gäbe es noch mehr zu sagen, aber man findet inzwischen eh Hunderte von durchaus fundierten (und selbstverständlich kontroversen) Analysen im Internet. Ausnahmsweise sei mal auf die scharfsinnige und unterhaltsame Kritik der Fünf Filmfreunde hingewiesen, die allerdings reichlich Spoiler zur Filmhandlung enthält.

Samstag, 24. Oktober 2015

Neu auf Blu-ray: Die "Brenner"-Box

Nach meiner Kritik zu Das ewige Leben sollte klar sein, daß ich Brenner-Fan bin (auch wenn ich noch keinen der Romane gelesen habe). Da war die Box mit allen vier Filmen natürlich Pflichtkauf, auch wenn die ersten beiden Teile nur als Upscales geliefert werden. Dafür gibt's jede Menge Interviews und Szenen vom Dreh, die oft fast genauso unterhaltsam wie die Filme selbst sind. Beim Wiederschauen war ich übrigens verblüfft, welch unterschiedliche Geschichten um den unfreiwilligen Ermittler dort entstanden sind. Neben dem (vorläufigen?) Abschluß gefiel mir die Einführung schon immer am besten, daher hier meine Kritik von 2001:

Es ist kein Geheimnis, daß "die Österreicher" von den Deutschen ein wenig belächelt werden. Politisch folgen sie manch fragwürdigen Götzen, sind von spießiger Lebensart, halt ein kleines Volk mit einem großen Minderwertigkeitskomplex. So weit die Vorurteile - es gibt aber auch eine andere Seite. Wer einmal den großartigen Wiener Liedermacher und Schrammelgitarristen Roland Neuwirth erlebt hat, kann "den Österreicher" weder für humorlos noch spießig halten. Im Gegenteil kann er sehr gut über sich selbst lachen. Dies hat auch der österreichische Film schon bewiesen, zum Beispiel mit dem herrlichen Road-Movie Indien, ebenfalls mit Josef Hader in einer Hauptrolle. Komm, süßer Tod ist ein weiterer Beleg dafür.

Wolfgang Murnberger verfilmte einen Krimi von Wolf Haas. Das Drehbuch haben die beiden mit Josef Hader zusammen verzapft. Eigentlich ist es mehr eine Wild-West-Geschichte geworden, zwischen den Rettungsdiensten "Die Kreuzretter" (Cowboys) und dem "Rettungsbund" (Indianer). Und die Polizei (Kavallerie) kommt immer zu spät... Brenner (Hader: sympathisch und zum Brüllen komisch) war bei der Polizei, bis er mit der Frau seines Vorgesetzten... Nun ist er Kreuzretter, sein Chef zum Glück ledig. Dafür hat der eine Menge Traubenzucker in der Schublade. Ein Piefke (Deutscher) kommt auch vor - er faßt Angelika in der Kneipe an die Brust und darf österreichische Gastfreundschaft ... Und daß ausgerechnet der Zivi am Ende - aber ich will ja nichts verraten! Überhaupt habe ich die Kriminalhandlung nicht ganz verstanden - aber das macht gar nichts. Zwischendrin gibt es so viele Leichen, daß die Leichtverletzten allein nach Hause humpeln müssen. Aber verprügelt zu werden ist gar nicht so schlimm, wenn man danach per Mitleidstour bei Barbara Rudnik landen kann...

Es ist offenbar nicht leicht, diesen Film zu beschreiben. Ich versuch's noch mal. Wir haben hier einen schwarzhumorigen Krimi, der seine Figuren ernst nimmt, weil er sie über sich selbst lachen läßt (alle, die überleben). Die Charaktere sind nur angedeutet und lassen doch eine Tiefe ahnen, die in 90 Minuten nicht auszuloten ist. Es gibt brillante Dialoge (für uns Nordlichter mit hilfreichen Untertiteln) und einen nicht minder vor Witz sprühenden Off-Kommentar. Kamera und Schnitt sind sehr modern, was keine MTV-Ästhetik bedeuten soll, sondern: einfallsreich, zweckdienlich, überraschend, übertreibend, präzise, Schockeffekte abmildernd. Die skurrile Musik paßt sich nahtlos ein und stammt von einer Gruppe namens "Sofa Surfers", die ich auf meinem Sofa nicht surfen lassen würde. Keine Familienunterhaltung also, aber ein intelligentes, höchst kurzweiliges, gegen Ende gnadenlos spannendes, vor satirischer Kraft strotzendes Werk. Sehr gut (8/10)!

Sonntag, 18. Oktober 2015

Botaniker im All: Der Marsianer (6/10)

Eigentlich hatte ich nach Interstellar nur wenig Lust, nochmals Matt Damon im Raumanzug zu ertragen. Und der zugrunde liegende Roman von Andy Weir, von SF-Kennern nicht gerade respektiert, liest sich wohl eher wie ein Do-It-Yourself-Handbuch zum Überleben auf dem Mars. Tatsächlich nahm ein erschreckend hoher Prozentsatz amerikanischer Zuschauer an, Der Marsianer beruhe auf einer wahren Geschichte. Immerhin haben Genre-Altmeister Ridley Scott und Drehbuchautor Drew Goddard (Cabin in the Woods) dem drögen Stoff genug Leben eingehaucht, um die 140 Minuten (eine Minute pro Million Meilen Reisestrecke) unterhaltsam und einigermaßen abwechslungsreif zu gestalten. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht ganz los, bloß einen aus den Fugen geratenen NASA-Werbefilm zu erleben.

Was passiert, ist banal: Während der dritten Marsmission geraten die gelandeten Astronauten in einen Sturm (alle Beteiligten geben übrigens zu, daß das in der dünnen Marsatmosphäre nicht passieren könnte) und müssen ihren Kollegen Mark Watley zurücklassen, in der begründeten Annahme, er sei von Trümmerteilen erschlagen worden. Der Botaniker hat allerdings überlebt und muß sich nun von selbst angebauten, mit seinen Exkrementen gedüngten Kartoffeln ernähren. Es dauert Monate, bis ihm eine Kommunikation mit NASA gelingt, und es beginnt ein Wettlauf mit der Zeit um seine Rettung. Klar ist, daß er bis zur nächsten regulären Landung in vier Jahren nicht überleben kann.Eines kann ich mir dabei nicht erklären: Warum schickt man einen Botaniker zum Mars? Und wenn Watley nun Zoologe gewesen wäre, hätte er dann Karnickel statt Kartoffeln gezüchtet?

Zunächst ist es durchaus spannend zuzusehen, mit welch erfindungsreichen Mitteln Watley seine Probleme löst. Mehr und mehr stellt sich aber heraus, daß der Marsianer ein Teflon-Held ist. Angst und Frustration perlen von ihm ab, wenn er ein Hindernis nach dem andern mittels "der Wissenschaft" überwindet ("I'm going to science the shit out of you!"). Er ist eher verwandt mit Edgar Rice Burroughs' John Carter als mit Sandra Bullocks Ryan Stone. Während Gravity ganz nah dran war an seiner Hauptfigur, beobachten wir Mark Watley fast aus dem Orbit, und von dort sieht man halt nur die - für manche durchaus attraktive - Oberfläche, wenn etwa in der ersten Hälfte Matt Damon mehr als einmal seinen muskelbepackten Oberkörper entblößt (gegen Ende sieht man dann nur noch ein abgemagertes Body-Double).

Ein gefühltes Drittel des Films zeigt die Anstrengungen der NASA, eine Rettungsmission auf die Beine zu stellen, und ab und zu Watleys Kollegen auf ihrer Rückreise in der Ares 3. Bei der Besetzung der zahlreichen Nebenrollen konnte Sir Ridley aus dem vollen schöpfen, was aber ein gewisses Ungleichgewicht erzeugt. Jeff Daniels, Chiwetel Ejiofor und "Boromir" Sean Bean  als NASA-Funktionäre sagen brav ihre Texte auf, und Nachwuchstars aus der zweiten Reihe (Kate Mara, Sebastian Stan) haben glorifizierte Komparsenrollen. Lediglich Jessica Chastain als Kommandantin der Ares wirkt authentisch, ansonsten hinterlassen immerhin "Kublai Khan" Benedict Wong und die junge Mackenzie Davis als NASA-Techniker einen bleibenden, sympathischen Eindruck.

Die entscheidende Rettungsaktion gelingt übrigens nur mit Hilfe der chinesischen Weltraumbehörde, eine schöne Geste, die man zwar als Anbiederung an den asiatischen Markt verstehen kann, die aber wohl schon im Roman vorkam. Das ändert aber nichts daran, daß wir es hier mit kommerziellem Kino des kleinsten gemeinsamen Nenners zu tun haben, Science Fiction Light sozusagen, die bei den Hugo-Wählern genauso durchfallen wird wie zuletzt das überkandidelte Interstellar. Ridley Scott hat schon mit dem wurmstichigen  Prometheus nicht gerade an seine Klassiker Alien und Blade Runner anknüpfen können. Der Marsianer hat immerhin einen durchgehenden Unterhaltungswert. Ordentlich (6/10).

Sonntag, 11. Oktober 2015

Gemischte Gefühle: Alles steht Kopf (6/10)

Und wieder so ein Kritiker-Juggernaut! Dieser 15. Pixar-Langfilm ist bereits auf Platz 63 der IMDB-Top 250 geschossen. Und doch häufen sich dort Kommentare frustrierter Eltern, deren Kinder sich gelangweilt und/oder überfordert gefühlt haben. Tatsächlich kann ich keine geeignete Altersgruppe für diesen Film identifizieren, und auch keine Eigenschaften, die über die gewohnte Basisqualität der Trickfilmschmiede hinausragen. Alles steht Kopf bietet weder die emotionale Achterbahnfahrt von Findet Nemo! noch die verspielte Originalität der Monster AG, weder die Eleganz von Wall-E noch die fröhliche Spannung der Unglaublichen, weder die aberwitzige Geschichte von Ratatouille noch den unendlichen Charme meines Pixar-Favoriten Oben. Überhaupt erzeugt Inside Out gerade für eine Geschichte über personifizierte Gefühle kaum eine emotionale Bindung zum Zuschauer (bis es zum Schluß dann arg sentimental wird). Natürlich gibt es ein paar sehenswerte Szenen (mein Favorit ist die Halle der abstrakten Gedanken, in der die Figuren kubistisch zerlegt werden), und die Gedankenwelt mit ihrem Kurz- und Langzeitgedächtnis und den durch Plattformen versinnbildlichten Schlüsselerlebnissen ist liebevoll ausgestaltet. Aber die handelnden Figuren bleiben blass: Freude, Kummer, Wut, Angst und Ekel (welches, durchaus plausibel, auch für die Eitelkeit zuständig ist) agieren weitgehend beliebig. Kritiker lieben es jedoch, wenn sie an einen Film ihre philosophischen Ergüsse andocken können, auch wenn diese mit dem Inhalt bald nichts mehr zu tun haben. Ich persönlich habe mich zwar nicht gelangweilt, kann aber auch nicht auf ein besonderes Erlebnis zurückblicken. Ordentlich (6/10).

Samstag, 3. Oktober 2015

SF-Klassiker #8: Hieros Reise (Sterling E. Lanier, 1973)

Obwohl an sich eher Fantasy, entspringen immerhin die Voraussetzungen dieses postapokalyptischen Romans der Science Fiction. Im achten Jahrtausend unserer Zeitrechnung, fünftausend Jahre nach einem katastrophalen Atomkrieg, sind die Menschen nicht mehr die Herrscher der Natur, sondern müssen in einer feindseligen Umgebung um ihr Leben kämpfen. Schreckliche Mutationen sind durch den Strahleneinfluß entstanden: riesige Frösche und Schnecken, übergroße Raubkatzen und Fledermäuse, undefinierte Monster am Grunde von Teichen und Seen. Überhaupt geht der Trend in Richtung Gigantomanie, Godzilla läßt grüßen. Es gibt aber auch freundliche Entwicklungen, und die Menschen kultivieren neue Haustiere, die an Elche, Büffel oder Känguruhs erinnern. In den Nachfahren von Bären, Bibern und Hauskatzen finden sie sogar Verbündete, die Intelligenz und Kultur entwickelt haben. Leider gibt es auch weniger wohlgesonnene Intelligenzen unter dem Sammelnamen der "Unreinen", die natürlich die Weltherrschaft anstreben und die Macht des Atoms wiederbeleben wollen. Ihre Anführer haben telepathische Fähigkeiten, wie auch einige Auserwählte der "Guten". Die ziemlich klare Grenze zwischen Gut und Böse erinnert stark an Tolkien, etwaige Grauzonen werden schnell als Mißverständnisse aufgeklärt.

Der Titelheld Hiero ist für mich eine der originellsten Figuren der Fantasy schlechthin. Nominell ein Mönch und Nachfahre kanadischer Ureinwohner ("Indianer"), ist er Soldat, Gelehrter und Priester in einer Person, ein Lederstrumpf der Zukunft, teils konservativ, teils progressiv. Sein bei Ottowa gelegenes Kloster scheint eher protestantisch geprägt; tatsächlich trifft er im "Süden" (=Delaware) auf eine für ihn pervertierte, an Katholizismus angelehnte religiöse Sekte mit Zölibat und arroganten Würdenträgern. Er selbst darf durchaus heiraten, eine Prinzessin sollte es aber schon sein ;-) Und wie es sich für einen solchen Helden gehört, wachsen seine Fähigkeiten an den Herausforderungen, und im Bedarfsfall finden sich neue Verbündete.

Hieros Reise ist eine klassiche Abenteuergeschichte, in der Tradition des Goldenen Zeitalters der Science Fiction. Die Figuren sind zweidimensional, aber liebevoll gezeichnet, und die Welt ist mit atemberaubender Fantasie gestaltet. Abwechslungsreiche Hindernisse sorgen für kaum nachlassende Spannung, und trotzdem fühlt man sich geborgen in der Gesellschaft dieses postapokalyptischen Odysseus. Ein abschließendes Happy End steht nie in Frage, auch wenn Hieros offizieller Auftrag, die Erforschung und Reaktivierung der mystischen vor-apokalyptischen "Computer", ein wenig bizarr erscheint. Auch die ökologische Botschaft wirkt aufgesetzt und naiv, das war in den 70ern (zu Zeiten der "Ölkrisen") allerdings im Trend. Dem Lesevergnügen tut das alles keinen Abbruch, und Hiero hat zu Recht auch heute noch viele Fans.

Die Kindle-Ausgabe ist leider mit über acht Euro unverschämt teuer, vor allem wenn man die grauenvolle Formatierung berücksichtigt. Zwar sind wohl viele Druckfehler gegenüber einer früheren Edition korrigiert worden, aber immer noch sind die Absätze durch viel Leerraum getrennt, und darüber hinaus finden sich viele Umbrüche mitten im Satz, was den Lesefluß deutlich stört. Den Nachfolgeband (The Unforsaken Hiero, 1983) gab es meines Erachtens schon mal im Shop, momentan ist er leider nicht mehr zu finden. Er ist genauso lesenswert wie der erste Band (diese Rezension bezieht sich im Grunde auf beide Romane), den Abschluß der geplanten Trilogie ist dem Autor leider vor seinem Tod nicht mehr gelungen.

Ambivalenter Drogenthriller: Sicario (4/10)

Denis Villeneuve vermag selbst einem Autobahnstau an der mexikanischen Grenze noch eine atemlose Spannung zu verleihen. Ein wichtiges Element dabei ist die rastlose musikalische Untermalung von Jóhann Jóhannsson (Oscar-nominiert für Die Entdeckung der Unendlichkeit). Leider wirkt diese Spannung rein mechanisch, sie gründet weder in besonderer Anteilnahme an den Figuren noch in einem packenden Handlungsverlauf. Die dargestellte Grausamkeit hat zwar eine unmittelbare Wirkung auf den Zuschauer, ordnet sich aber nicht in ein übergreifendes Motiv ein. Das Erstlingsscript des Gelegenheitsschauspielers Taylor Sheridan möchte ambivalent sein, wirkt aber beliebig, und das Ergebnis zeigt zu keinem Zeitpunkt Wahrhaftigkeit.

Die folgenden Ausführungen enthalten Spoiler!

Thematisch muß man den Drogenthriller (unvorteilhaft) mit Soderberghs Meisterwerk Traffic vergleichen. Vielschichtigkeit kann man Sicario allerdings nicht vorwerfen, und die Handlung entpuppt sich am Ende als noch geradliniger als erwartet. Emily Blunt (Edge of Tomorrow) spielt die idealistische FBI-Agentin Kate, die ein CIA-Team bei einem Schlag gegen ein mexikanisches Drogenkartell unterstützen soll. Sie soll die Identifikationsfigur für den Zuschauer sein und wird von der bizarren Vorgehensweise der Kollegen genauso überrollt wie wir. Da gibt es Schußwechsel inmitten von Zivilisten, paramilitärische Einsätze an der Grenze nach Mexiko, Folter und Exekutionen. Schließlich stellt sich heraus, daß Kates Anwesenheit die Operation des CIA sogar teilweise legitimiert, denn dieser darf auf amerikanischem Boden nicht ohne Verbindung mit einer weiteren Behörde agieren. Die Motivation der CIA-Agenten (angeführt von einem unpassend dauerheiteren Josh Brolin) bleibt unklar, ein übergeordnetes Ziel könnte die Konzentration des Drogenhandels auf ein einziges, von Amerikanern lenkbares Kartell sein. Vielleicht wird auch nur, eher holprig, die Rachegeschichte des Sicarios (=Hitman) Alejandro erzählt, vom ausgerechnet für Traffic Oscar-prämierten Benicio Del Toro eher routiniert als charismatisch dargestellt. Das zwischendurch immer mal wieder aufgegriffene, platt ominös angelegte Familienidyll eines seiner späteren Opfer bleibt Staffage. Das endgültige Scheitern des Films zeigt sich in meinem Wunsch als Zuschauer, daß Kate am Ende Alejandro einfach abgeknallt hätte. Dabei soll die Entscheidung ihrer Figur ja eigentlich die moralische Überlegenheit zurückgewinnen, die ihr im Laufe der Geschichte mehr und mehr entglitten war.

Villeneuve gesellt sich damit zu einer Reihe von Regisseuren (etwa Michael Mann, Brian de Palma), die das Medium zwar technisch beherrschen, aber selten inhaltlich bereichern. Das belegen auch sein mittelmäßiges, Oscar-nominiertes Familiendrama Die Frau die singt von 2010 und sein grauenvoller Selbstjustiz-Thriller Prisoners (mit Jake Gyllenhall und Hugh Jackman) vom vorletzten Jahr. Es ist merkwürdig, daß der Kanadier jetzt mit seinem Landsmann Jean-Marc Vallée befreundet zu sein scheint. Der Regisseur von Dallas Buyers Club und Wild könnte künstlerisch kaum weiter von ihm entfernt sein. Den allgemeinen Jubel für Sicario (IMDB-Schnitt: 8,1/10, Metascore: 83/100) kann ich jedenfalls nicht teilen. Erträglich (4/10).

"Klassische" Rezension: Steven Soderberghs "Traffic" (2000, 10/10)

Vier miteinander verflochtene Episoden werfen ein Schlaglicht auf den amerikanischen Drogenmarkt. Mit spröden, dokumentarisch anmutenden Bildern, durch Farbfilter verfremdet, die mexikanischen Szenen gar in untertiteltem Spanisch, wird die Geschichte einiger typischer Vertreter dieser Welt erzählt: der Drogenbeauftragte der Regierung (Michael Douglas), dessen Tochter selbst der Sucht verfällt; die FBI-Agenten (Don Cheadle und Luis Guzmán), die ihre Hoffnung auf die Überführung eines Drahtziehers nicht aufgeben, aber meist nur kleine Fische an der Angel haben; die Frau eines verhafteten Drogenbosses (Catherine Zeta-Jones), die nach kurzem Schock ihre Skrupel über Bord wirft und die Geschäfte ihres Mannes weiterführt; der mexikanische Cop (Benicio del Toro), der verzweifelt an seinen Idealen festhält, aber im Sumpf der Korruption zu versinken droht.

Steven Soderbergh hat wieder einmal ein vorzügliches Ensemble versammelt. Trotzdem ist er selbst der eigentliche Star (und hat daher auch zu Recht den Regie-Oscar gewonnen). Neben der künstlerischen Anerkennung kommt ein kaum zu erwartender Erfolg an den Kinokassen. Ich muß zugeben, daß ich nicht weiß, wie er das gemacht hat. Man kann sich kaum ein sperrigeres, unzugänglicheres Thema aussuchen, und dann greift er noch tief in die inszenatorische Trickkiste. Ihm gelingt es, über fast zweieinhalb Stunden eine unglaubliche Spannung aufzubauen. Das Zusehen erfordert Aufmerksamkeit, aber schnell wird man dafür belohnt und regelrecht ins Geschehen hineingesaugt. Jede Geschichte für sich hätte das nicht vermocht - es gibt kaum Action, emotionale Momente werden nicht ausgekostet, sondern geschickt auf den Punkt gebracht, um dann zum nächsten Handlungsstrang überzublenden. Soderbergh hat einen neuen Ton gefunden, eine Filmsprache, die trotz aller künstlerischer Tricks wahrhaftig und unterhaltsam ist. Damit ist er in meinen Augen erfolgreicher als andere seiner Kollegen. Im letzten Jahr waren das z.B. Paul Thomas Anderson mit dem ähnlich langen, aber viel anstrengenderen und schlußendlich unbefriedigenden Magnolia, außerdem Michael Mann mit dem technisch beeindruckenden, aber inhaltsleeren Insider.

American Beauty, das Meisterwerk des letzten Kinojahres, karikiert vordergründig eine amerikanische wohlhabende Durchschnittsfamilie. Eigentlich aber ist es eine Ode an die Schönheit des Lebens. Traffic, der bisher beste Film des aktuellen Jahres, hat natürlich auch einen "doppelten Boden" (um einen Lieblingsbegriff von Marcel Reich-Ranicki zu benutzen). Sein Thema ist tatsächlich die Drogenproblematik, aber es handelt sich nicht um eine umfassende Analyse der Situation, wie man anhand der Handlungsbeschreibung vermuten könnte. Die Aussage ergibt sich vielmehr aus der Art der Schilderung. Keine Figur ist Herr der Situation; wir erleben sozusagen die Froschperspektive des kleinen Mannes. Und was der vom Gesamtmosaik erkennen kann, ist so unscharf und verwackelt wie die Bilder von Kameramann Soderbergh (!). Obwohl das Drehbuch allen Handlungssträngen eine Art Happy End zugebilligt, wird gezeigt, daß die Situation sich durch ihre Komplexität jeder umfassenden Darstellung entzieht und eine Gesamtlösung kaum denkbar erscheint. Die bisherige filmerische  Herangehensweise an dieses Thema war die Isolation eines einzelnen Verbrechers oder Verbrecher-Syndikates. Allein diese Vereinfachung schafft die Illusion der Lösbarkeit des Problems. Traffic dagegen führt uns schonungslos die Naivität einer Politik vor Augen, die eine Beendigung von Anbau und Verbreitung der Drogen allein durch polizeiliche Maßnahmen für möglich hält. Es wird die Doppelzüngigkeit der Moralapostel gegeißelt, die illegale Drogen verdammen, gleichzeitig aber reichlich dem Alkohol zusprechen (der für amerikanische Jugendliche offenbar schwerer zu beschaffen ist als Heroin). Das Grundproblem ist nicht der Zugang zu Betäubungsmitteln, sondern die Langeweile und Perspektivelosigkeit, die junge Menschen in die Arme der Dealer treibt. Umgekehrt macht Geld allein offenbar respektable Bürger, auch wenn ihr Vermögen ganz offensichtlich nicht mit legalen Mitteln erwirtschaftet wurde.

Das erste Meisterwerk des neuen Jahrzehnts (10/10).

Sonntag, 27. September 2015

Gut gemacht: True Detective (Staffel 1)

Der Kritikerliebling True Detective gehört zumindest in der ersten Staffel zu den Serien, bei denen die Fans ihrem Namen gerecht werden und diese fantatisch verteidigen. Zu den 1-Stern-Kritiken auf Amazon beispielsweise finden sich haufenweise unverschämte Kommentare, in denen den dummen, ignoranten oder fehlgeleiteten Rezensenten erklärt wird, warum sie sich irren. Es ist überhaupt schwer, eine begründete negative Kritik zu finden. Die Lobhudelei ist wie eine Lawine, von der selbst vorsichtige Einwände überrollt werden. Dabei haben selbst anspruchsvolle Zuschauer das Recht, eine Serie nicht zu mögen und dies auch auszusprechen. Fernsehserien unterliegen ja viel stärker als Kinofilme dem subjektiven Eindruck, und bei den Kritiken gibt es zudem ein unumgängliches Paradox: Entweder man beschränkt sich auf die Besprechung des Piloten oder der ersten paar Folgen, oder man muß sich durch die komplette Staffel quälen, um eine abgerundete Meinung darlegen zu können.

Bei True Detective hält sich der Aufwand immerhin in Grenzen, da es sich um acht einstündige Episoden handelt, die ähnlich wie bei Sense8 ein erzählerisches Ganzes ergeben und anders als dort sogar in sich abgeschlossen sind - die zweite Staffel soll eine völlig neue Geschichte mit frischen Figuren und Darstellern erzählen (und kam nicht mehr so gut an). Hier also meine bescheidene Meinung dazu: Ich fand das nicht so doll. Woody Harrelson und der frischgebackene Oscar-Gewinner Matthew McConaughey sind zwar stets sehenswert. Auch Ausstattung, Kameraführung und sonstige schauspielerische Leistungen sind erste Sahne. Ich bin auch nicht (wie manche andere) eingeschlafen vor Langeweile, aber inhaltlich gibt es eine Menge Probleme:
  •  Die komplizierte Erzählstruktur erfüllt im Nachhinein keinen Zweck außer der Erzeugung von künstlicher Spannung. Die beiden interviewenden Polizisten in der "Gegenwart" bleiben Staffage, sie haben schlußendlich mit der Aufklärung nichts zu tun.
  • Es wird eine Verschwörungstheorie postuliert und verfolgt. Am Ende mag es eine solche Verschwörung gegeben haben, in der Auflösung wird aber lediglich ein dritter Täter dingfest gemacht. Das ist für mich Verrat am Zuschauer.
  • Die hochgelobten Charakterisierungen bleiben für mich fragmentarisch, vor allem die des Familienvaters Marty. Die Darstellung der Beziehung zu seinen Töchtern fand ich nicht mehr elliptisch, sondern nur noch kryptisch.
  • Rusts "philosophische" Monologe wirbeln nur altbekannte Klischees auf. Alles wiederholt sich? Wir sind doch nicht im Wheel of Time!
Hier kommt mein Haupteinwand: Wem soll das denn Spaß machen? Wie kann man Freude an den schönen Bildern von Louisiana haben, wenn doch die Geschichte über Kindesentführungen, Folterungen, Morde und gescheiterte Existenzen derart deprimierend geraten ist? Schöpfer Nic Pizzolatto (er schrieb alle acht Folgen) möchte in der Tradition von Twin Peaks stehen, hat aber offenbar nur die düstere Seite dieser bahnbrechenden Show in Erinnerung, nicht aber den Kaffee, den Kirschkuchen und die Donuts, die kleinen Triumphe und die großen Erfolge, das erotische Knistern und den Herzschmerz, die Doppelbödigkeit und die Bodenständigkeit, die Sympathen und die Ekel, den Riesen und den tanzenden Zwerg...

Für mich ist True Detective damit leider nur ein schwarzes Loch am Firmament (wer die Staffel bis zum Ende verfolgt hat, wird den Bezug verstehen).

Sonntag, 20. September 2015

Wolfgang Beckers dritter Streich: Ich und Kaminski (8/10)

Vor knapp zwei Jahren hat es mich (ausgerechnet in Luxemburg) in eine Vorstellung von Fack ju Göhte (im Ausland auch bekannt als "Suck Me Shakespeer") verschlagen. Obwohl ich eigentlich 20 Jahre zu alt für den Spaß war, habe ich mich trotzdem köstlich amüsiert (und mir daraufhin im Heimkino sogar noch den ebenfalls sehenswerten Vorgänger von Regisseur Bora Dagtekin, Türkisch für Anfänger, angeschaut). In die mit allgemein mäßigen Kritiken gestartete Fortsetzung mit dem wenig phantasievollen Namen Fack ju Göhte 2 (meine Alternativvorschläge: "Masafacka Schilla" oder "Dämm ju Lässing") strömen gerade Millionen von bildungsfernen Jugendlichen, während ich mich in den zum Premierentag kaum halbgefüllten Saal 3 des Berliner Zoopalastes schleiche, um deutsche Filmkunst zu bestaunen. Regissuer Wolfgang Becker hat in 20 Jahren nur drei Filme gemacht, aber Das Leben ist eine Baustelle (1997) mit Jürgen Vogel und Christiane Paul und Good Bye Lenin! (2003) mit Daniel Brühl, Katrin Saß und Chulpan Khamatova setzten Glanzpunkte des deutschen Kinos. Nun hat er mit Ich und Kaminski einem offenbar eher mittelmäßigen Roman von Daniel Kehlmann ein Maximum an Unterhaltungswert und Gehalt entrungen.

Gleich zu Beginn lernen wir in einer brillanten Collage den fiktiven Maler Manuel Kaminski kennen, Schüler von Matisse, "der einzige Künstler des 20. Jahrhunderts, der nicht von Picasso beeinflußt wurde". In der Popart-Szene der 60er wurden seine Werke plötzlich weltberühmt, nicht zuletzt durch die Werbung eines übereifrigen Galeristen ("diese Bilder wurden von einem Blinden gemalt"). Man sieht historische Filmaufnahmen von Kaminski mit Warhol, den Beatles, Hitchcock - die Eingangssequenz ist eine Hommage an den Historienulk Zelig, dessen Schöpfer  Woody Allen hier auch selbst als Mitglied des Rateteams bei der amerikanischen "Was bin ich"-Vorlage "What's My Line?" auftaucht.

Was bringt es schon, die Geschichte vom blinden Künstler und seinem selbsternannten Biographen hier auszubreiten? Das gesamte deutsche Feuilleton stemmt sich vergebens gegen den Untergang dieses Kleinods im Kino. Es hat zwar keine Sympathieträger zu bieten - das muß eine Satire auch nicht - und es ist trotzdem fesselnd, dem Kotzbrocken Sebastian Zöllner mit seinem arroganten Bärtchen und seinen Großstadt-Allüren zuzuschauen, wie er sich bei Kaminski mit allen Tricks einschleicht und ihn schließlich zum Rendezvous mit der Jugendliebe in Richtung (belgischer) Küste entführt, während sein Kartenhaus aus in Rückblenden gezeigten fragwürdigen Interviews mit zwielichtigen Zeitzeugen mehr und mehr in sich zusammenbricht.

Ich und Kaminski mutet eher europäisch als deutsch an, erinnert mit seinem handwerklichen Geschick bei der Integration von Kaminskis Gemälden in die Filmbilder ein wenig an Wes Anderson. Dazu passen die handverlesenen Darsteller, von Daniel Brühl als Zöllner und Bond-Oberbösewicht Jesper Christensen als Kaminski bis hin zu den Cameos, etwa Josef Hader als uriger Zugschaffner oder Jördis Triebel (die patente Bäuerin aus Emmas Glück) als Zöllners Ex-Freundin. Und zum Schluß verblüfft Geraldine Chaplin nicht nur mit soliden Deutschkenntnissen, sondern auch einem komischen Timing, das ihrem Vater alle Ehre macht. Sehr gut (8/10).

Dienstag, 15. September 2015

Tolle Fortsetzung des Hugo-Gewinners: "The Dark Forest" von Cixin Liu

Nachdem die trisolare Invasionsflotte gestartet ist, bleiben der Menschheit 400 Jahre, Technologien zur Verteidigung der Erde zu entwickeln. Die "Sophons" der Aliens befinden sich bereits im Orbit und verhindern Fortschritte der theoretischen Physik und damit die Erschließung höherdimensionaler Quanteneffekte (sie verfälschen z.B. Experimente der Teilchenbeschleuniger). Daher bleibt nur die Fortentwicklung herkömmlicher Mittel: Atombomben, Kernfusion, bessere Space Shuttles, effektivere Computer. Zu diesem Zweck wird weltweit das Kriegsrecht ausgerufen, und unter der Führung der UNO und des neugegründeten PDC (Planetary Defence Council) gehen zunächst alle Anstrengungen in diese Richtung. Neben der technologischen Schranke muß die Menschheit jedoch auch mit zunehmendem Defätismus der Militärs und einer Escapismus-Bewegung ringen, die die Flucht eines kleinen (aber welchen?) Teils der Menschheit in Generationenschiffen plant.

Die Sophons erlauben den Trisolariern (und damit ihren menschlichen Verbündeten von der ETO) darüber hinaus eine vollständige Überwachung aller irdischen Planungen. Dagegen sollen die von der UN eingesetzten sogenannten "Wallfacers" steuern, vier ausgewählte Persönlichkeiten, die weitgehende Handlungsfreiräume und Ressourcen zur Verfügung gestellt bekommen, ihre Pläne aber geheimhalten. Einer dieser Wallfacers ist Luo Ji, ein chinesischer Soziologe und die wichtigste Hauptfigur des Romans. Im Prolog begegnet er in einer schönen Staffelübergabe (übrigens aus der Sicht einer Ameise geschildert) der "Heldin" Ye Wenjie des ersten Romans. Ihm zur Seite steht außerdem Shi Qiang, der Polizist/Geheimdienstagent, der bereits in The Three-Body Problem eine Schlüsselrolle bei der Zerschlagung der ETO hatte. Er muß Luo Ji schnell mehrfach vor Anschlägen der Trisolarier schützen, denn diese scheinen ihn unverständlicherweise als größte Bedrohung ihrer Pläne anzusehen. Dabei ist Luo Jis Berufung als Wallfacer umstritten, denn er war zuvor in der Öffentlichkeit überhaupt nicht in Erscheiung getreten, weder als Wissenschaftler noch als Politiker. Und lange sieht es so aus, als ob Luo Ji seine Privilegien nur nutzt, um sich ein schönes Leben zu gönnen.

Eine weitere Hauptfigur ist Zhang Beihai, der einer der ersten Offiziere der neu gegründeten chinesischen Weltraum-Streitkräfte wird. Als "politischer Kommissar" ist er uns Westlern sicher am fremdesten. Der Autor versucht zwar Parallelen zu ziehen, etwa zum Kaplan einer christlichen Streitmacht, aber solche Ideologiewächter zeugen doch von einem kompett anderen Verständnis von Truppenmoral. Parallel beschreibt Liu episodenhaft die Stimmungslage beim einfachen chinesischen Volk. Für mich sind das wertvolle Einblicke in eine in Europa weitgehend unbekannte Gesellschaft, mit komplett anderer Generationendynamik. So tief gehen die Porträts der westlichen Figuren naturgemäß nicht (die anderen drei Wallfacers stammen aus USA, England und Venezuela). Der Autor bringt aber durchaus amüsante Referenzen an die westliche Popkultur an, bis hin zum Vergleich einer Situation mit einer Szene aus Wolfgang Beckers internationalem Kinohit Goodbye Lenin.

Die Gründung der Sternenflotte und die Anstrengungen der Wallfacer (die sich bald mit von Trisolar gesteuerten Gegenpolen, den Wallbreakern, gegenübersehen) bilden den ersten Teil des Romans, in einer Welt, die uns wenige Jahr in der Zukunft noch relativ vertraut vorkommt. Der zweite Teil jedoch spielt 200 Jahre später, als die erste Probe der Trisolarier das Sonnensystem erreicht. Luo Ji, Shi Qiang, Zhang Beihai und andere haben die Jahrhunderte im Kälteschlaf verbracht, um zu diesem ersten Krisenzeitpunkt eingreifen zu können. Sie wachen auf in einer völlig veränderten Umgebung, über die ich nicht viel verraten möchte, denn die Schilderung dieser detailliert ausgearbeiteten, in sich schlüssigen Utopie bietet eine der großen Lesefreuden des Romans. Die Kälteschläfer gelten als Relikte aus einer fernen Vergangenheit und werden mit ihren düsteren Vorahnungen von ihren Nachfahren lange nicht ernst genommen. Sie ahnen als einzige, daß die moderne Menschheit trotz aller technischen Fortschritte den Trisolariern vielleicht doch nur wie die Ameise des Prologs gegenübersteht. Aber Luo Ji hat noch einen Trumpf parat, denn er hat die Galaxis als jenen dunklen Wald erkannt, auf den sich der Titel des Romans bezieht.

"The Dark Forest" ist für mich viel mehr als eine Fortsetzung des aktuellen Hugo-Gewinners, es ist ein eigenständiges Meisterwerk in der Tradition von Vernor Vinge und David Brin, dessen Hugo-Nominierung für 2016 sicher sein sollte. Ich persönlich bin ja skeptisch, ob selbst eine solch klare Bedrohung von außen die Menschheit auf längere Sicht zur Zusammenarbeit bewegen würde (selbst ihre Bemühungen zur Eingrenzung des Klimawandels sind ja ziemlich jämmerlich). Aber Cixin Liu präsentiert plausible Szenarien und wartet mit einer Fülle faszinierender Ideen für die nähere und ferne Zukunft auf (eigentlich müßte man den Autor Liu Cixin nennen, in der Reihenfolge <Nachname Vorname>, wie es in China üblich und bei den Figuren der Fall ist). Ich bin schon sehr gespannt auf den Abschlußband, der im nächsten Jahr erscheinen soll.

Die Kindle-Edition ist bereits zu einem fairen Preis erhältlich und recht gut formatiert, auch wenn mich die grobe Kapitelaufteilung gestört hat, die allerdings der Vorlage entsprechen wird. Gelegentlich sind mir einige unerklärliche Druckfehler aufgefallen (z.B. "years" statt "ears" auf Seite 96), da sind vielleicht ein paar Passagen beim Korrekturlauf überschlagen worden. Schön ist inzwischen die Integration der Fußnoten durch Einblendfenster, die sich beim Klicken auf die Referenznummer direkt auf der aktuellen Seite öffnen.

Donnerstag, 3. September 2015

SF-Klassiker #7: Das Ende der Ewigkeit (Isaac Asimov, 1955)

1955 war ein "Computer" noch ein Mensch, der Berechnungen vornahm. Bei Asimov half ihm dabei immerhin ein "Computaplex", das mit Lochkarten gefüttert wurde. Während solche technischen Details nach 60 Jahren eher zum Schmunzeln einladen, fasziniert die Grundidee von Das Ende der Ewigkeit auch heute noch. Im 23. Jahrhundert entdeckt die Menschheit die Möglichkeit von Zeitreisen, zwar nicht in die Zeit vor dieser Entdeckung, dafür beliebig weit in die Zukunft. Es wird eine eigene Organisation gegründet, die "Ewigkeit", die fortan auf einer Ebene unabhängig von der Menschheitsgeschichte existiert und diese durch sorgfältig geplante Eingriffe steuert. Ihre Mitglieder rekrutieren sich aus Männern, die nachweislich in ihrer eigenen Zeitschiene keinen Einfluß auf ihr Zeitalter haben und deren "Entnahme" daher keine Konsequenzen hat (Frauen scheinen vielleicht aufgrund ihrer potentiellen Mutterrolle ungeeignet). Die Arbeit in der Ewigkeit ist durch eine rigide Bürokratie geprägt, die aus Beobachtern, Computern, Technikern und anderen Spezialisten besteht.

Andrew Harlan wird als Teenager aus dem 95. Jahrhundert rekrutiert und macht zunächst eine vielversprechende Karriere. Durch sein ungewöhnliches Hobby, ein geschichtliches Interesse an den unerreichbaren Jahrhunderten vor der Gründung der Ewigkeit, wird er sogar zum Protogé des Vorsitzenden des Ewigkeitsrats,  Laban Twissell. Aber dann verliebt er sich in Noÿs, eine Frau aus dem 482. Jahrhundert, und sein Weltbild und sein Berufsethos werden auf eine harte Probe gestellt. Denn diese Beziehung ist zwar, wenn nicht verboten, so doch zum Scheitern verurteilt, denn jegliche noch so kleine Realitätsveränderung durch die Techniker der Ewigkeit kann zur Veränderung oder gar zum Verschwinden eines einzelnen Menschen aus dieser Zeitebene führen.

Asimovs Roman ist zunächst, wie Mitte des letzten Jahrhunderts weit verbreitet, von einer deterministischen Sichtweise geprägt. Die Auswirkungen eines Eingriffs in die Menschheitsgeschichte sind für Jahrhunderte im voraus kalkulierbar. Den Planeten gefährdende Entwicklungen werden so im Keim erstickt, das Überleben der menschlichen Zivilisation ist oberste Priorität. Diese Aufgabe der Ewigkeit findet allerdings streng im Verborgenen statt. Offiziell ist die Ewigkeit eine Handelsorganisation, die Waren und Wissen zwischen den Jahrhunderten vermittelt. Es werden der Menschheit jedoch zum Schutz eines stabilen Geschichtsverlaufs viele Entdeckungen vorenthalten, vom Heilmittel gegen Krebs bis zur Entwicklung interstellarer Raumfahrt. In der Ewigkeit selbst sammeln sich das Wissen und die Kunstwerke vieler Epochen an, die durch die Manipulation des Zeitverlaufs "vernichtet" wurden.

In der Auflösung stellt Asimov die Annahmen des Lesers geschickt auf den Kopf. Noÿs, der Gegenstand von Harlans Liebe, ist gar nicht so passiv wie vermutet, die Ewigkeit ist keine perfekte Heilsorganisation, und die Entscheidungen des Ewigkeitsrates über das Schicksal der Menschheit erscheinen plötzlich recht fragwürdig. Gerade in dieser Hinsicht ist der Roman immer noch modern, indem er den Zufall als wichtigen Faktor der sozialen Evolution anerkennt. Diesen Gedanken könnte man sogar analog auf das aktuelle Thema genetischer Manipulationen anwenden. Das Resultat gliedert den ansonsten alleinstehenden Roman übrigens beiläufig in Asimovs berühmten (und IMHO leicht überschätzten) Foundation-Zyklus um ein galaktisches Imperium ein. Das ändert für mich aber nichts an seinem Stellenwert in Asimovs umfangreichen Werk - wobei dieses immer noch gekrönt wird durch seinen brillanten Hugo-Gewinner von 1973, "Lunatico, oder die nächste Welt" (The Gods Themselves).