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Samstag, 24. August 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Matchstick Men ("Tricks", 2003: 8/10)

Durch den Siegeszug des Streamingmarktes gibt es inzwischen viele ältere Filme aus der zweiten Reihe, die gar nicht mehr oder (wie gerade Addams Family Values) nur nachgelagert als Blu-ray veröffentlicht werden. Dafür kann man sie oft bei iTunes oder Amazon Prime für kleines Geld in HD-Qualität erstehen (wenn sie gerade nicht per Flatrate erhältlich sind). Man muss allerdings achtgeben, ob die Originalversion mitgeliefert wird (das ist leider wie in den Anfangszeiten von DVDs nicht selbstverständlich). Da ich nicht auf die Apple-App für meinen LG-Fernseher warten wollte, habe ich mir also zähneknirschend ein Apple TV danebengestellt und besitze inzwischen mehr digitale Filmkopien als DVDs. So habe ich etwa Shazam! fürs Heimkino bei iTunes gekauft, mit Dolby Vision, Dolby Atmos und 90 Minuten unterhaltsamen Extras. Aber mehr noch als bei aktuellen Filmen bieten die Anbieter eine Fundgrube für vergessene ältere Filme. Beim mauen Angebot des modernen Kinos finde ich immer mehr Trost beim Griff in die Klamottenkiste.



Matchstick Men sind Con-Artists, Trickbetrüger, was auch ein besserer deutscher Titel gewesen wäre als das schnöde Tricks. Roy (Nicolas Cage) und sein Protegé Frank (Sam Rockwell) gehören zu den besten ihres Fachs. Sie nehmen Geld von den Gierigen und verteilen es an die Bedürftigen (im Verhältnis 50/50). Abgesehen von diesem zweifelhaften Berufsethos könnten sie als Persönlichkeiten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Frank ist ein extrovertierter, impulsiver Lebemann, Roy dagegen ein von Neurosen geplagter Einzelgänger mit Hygienefimmel. Das ändert sich allerdings, als die 14jährige Angela (Alison Lohman) in sein Leben tritt, eine Tochter aus einer vor langer Zeit gescheiterten Beziehung, über deren Existenz er bislang höchstens heimlich spekuliert hatte. Sie trägt Unruhe in sein Leben, Schmutz auf den Teppich und Fastfood in die Küche. Nicht dass Roys bisherige Diät gesünder war, trotz all der guten Inhaltsstoffen von Dosen-Thunfisch. Aber mithilfe seines neuen Therapeuten (Bruce Altman) beginnt er an der neuen Vaterrolle aufzublühen. Es sieht so aus, als ob jede Änderung in Roys Routine eine Besserung sein könnte. Er lässt sich sogar von Frank breitschlagen, endlich wieder einen größeren Coup zu wagen. Der dann natürlich gehörig schief geht: Wer schwimmen geht, muss damit rechnen, nass zu werden.

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Matchstick Men war 2003 ein Flop an den Kinokassen, was ich wie so oft nicht so recht verstehe. Roger Ebert schrieb eine begeisterte ****-Rezension (seine Höchstwertung), aber die meisten Kritiker störten sich entweder an den Plotmechanismen (für mich funktioniert der Film allerdings auch noch, wenn man die Twists kennt) und der Darstellung von Nicolas Cage als psychisch labilem Sonderling. Wann immer solche psychischen Störungen ("mental illness") im Film porträtiert werden, gibt es extrem unterschiedliche Reaktionen und unversöhnliche Meinungen. Zum einen wird erwartet, dass die Störung repräsentativ für eine Patientengruppe ist, zum zweiten wird dem Darsteller schnell vorgeworfen zu chargieren. Sie wird nicht korrekt dargestellt, sie wird nicht ernstgenommen, sie wird übertrieben, das Porträt ist nicht typisch. Hier ist meine Meinung: Es gibt keine korrekte Art, eine solche Störung darzustellen. Jedes Krankheitsbild ist individuell, weder Neurotiker noch Autisten lassen sich über einen Kamm scheren. Wichtig ist mir die Konsistenz innerhalb der Erzählung. Und so verstehe ich nicht, warum das Publikum Jack Nicholson in Besser geht's nicht und Tom Hanks in Forrest Gump liebt, nicht aber Sigourney Weaver in Snow Cake oder Ben Affleck in The Accountant. Na ja, Zuschauer sind im Idealfall so individuell wie die Protagonisten.

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Uno, dos, tres. Was Matchstick Men betrifft, find ich, dass Nic Cage Roys Neurosen sogar klug unterspielt. Regisseur Ridley Scott unterstützt den Effekt oft mit raffinierten Kamera- und Schneide-Tricks. Wunderbar auch die kontrastierende Musikauswahl, etwa mit Sinatra-Liedern (Roy besitzt natürlich eine Vinyl-Sammlung). Es ist auch spaßig, Sam Rockwell (Three Billboards) in einer frühen Rolle zu sehen, kurz nach seinem herrlichen Auftritt als Redshirt in Galaxy Quest. Kein falscher Lotteriegewinn war auch das Casting der 23jährigen (!) Alison Lohman, die die 14jährige Angela verblüffend authentisch spielt, nur mit Zöpfen und einer Zahnspange ausgestattet. Sie ist inzwischen wohl zweifache Mutter, konzentriert sich laut IMDB auf  "Coaching" und nimmt nur noch gelegentlich Rollen an - schade!

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Wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, ist die Filmographie von Regisseur Ridley Scott recht durchwachsen. Trotzdem ist es schade, dass es nie für den Regie-Oscar gereicht hat (nicht einmal bei Gladiator konnte sich die Akademie für ihn entscheiden). In den letzten 20 Jahren gefielen mir eher seine "kleinen" Filme, neben Matchstick Men vor allem Ein gutes Jahr (2006), eine schöne Romanze zwischen Russell Crowe und Marion Cotillard. Tricks ist bei iTunes und Amazon für kleines Geld (momentan 3,99 Euro) in HD mit OV erhältlich, in guter Bild- und Tonqualität. Sehr gut (8/10).

Klassische Rezension: Galaxy Quest (2000)

Die meisten Parodien scheitern daran, daß sie zwar einen Gag nach dem anderen liefern, den Zuschauer aber nicht über die ganze Filmlänge hinweg bei der Stange halten können. Um dies zu vermeiden, ist eine eigenständige Handlung nötig, die eine solide Grundlage bietet. Dies ist in Galaxy Quest gelungen - und dies gleich auf mehreren Ebenen. Das Abenteuer selbst hat durchaus das Niveau einer durchschnittlichen Star-Trek-Folge. Doch wie in der Serie ist die äußere Handlung weniger wichtig als die Herausforderungen, die sich daraus für die Figuren ergeben. "Captain" Tim Allen lernt, daß er ohne seine Crew nichts wert ist; und "Alien" Alan Rickman gewinnt seine Selbstachtung zurück. Nebenbei darf Allen hemmungslos die Shatner-Kampftechnik demonstrieren, Sigourney Weaver ausführlich Blödsinn von sich geben, das Crewmitglied ohne Nachnamen um sein Leben bangen. Diejenigen Fans, die das Schiff besser als die Produktionsdesigner kennen, bekommen genauso ihr Fett weg wie die Werbebranche, die den Rummel geschickt vor ihren Schlitten spannt. Und bei exzellenten schauspielerischen Leistungen und einem guten Script sei es auch gestattet, sich an den grandiosen Spezialeffekten zu erfreuen. Nach dem Abspann möchte man am liebsten den Omega 6.000 starten, um den Film gleich nochmal zu genießen (8/10).

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Samstag, 6. Juli 2019

Spidey in Europa: Far From Home (8/10)

Nach einigen faden Beiträgen gibt es pünktlich zum US-amerikanischen Nationalfeiertag doch noch ein Comic-Feuerwerk. Das war auch notwendig nach dem dilettantischen Hellboy-Remake, das auch von Paul W. S. Anderson hätte stammen können (inklusive Auftritt seiner Ehefrau Milla Jovovitch), sowie Dark Phoenix, dem abschließenden, arg oberflächlichen X-Men-Abenteuer von Sony, ein Universum, das nun ebenfalls in Disney aufgeht (oder untergeht?) Ganz zu schweigen vom uninspirierten vierten Teil der Men in Black, das durch seine sympathischen Darsteller immerhin einen soliden Unterhaltungswert bot. Aber wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die letzte Fußnote zur Avengers-Phase 3 nochmal einen Höhepunkt liefern würde? Noch besser hätte es mir allerdings gefallen, wenn die Geschichte wirklich in sich abgeschlossen wäre und nicht nach den Credits noch zwei Megatwists geliefert hätte, die mir den Spaß ziemlich versauert haben. Aber es muss ja noch eine Phase 4 geben...

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Für die Amerikaner ist offenbar Europa viel weiter von zu Hause entfernt als etwa Titan, Heimatplanet von Thanos, auf dem sich Spidey nach dem zweiten Snap ja wohl eigentlich gestrandet hätte wiederfinden müssen? Stattdessen gibt es einen Haufen Europa-Klischees: das romantische Venedig, das malerische Prag, freundliche Niederländer, umtriebige Londoner, und mal wieder den Berliner Hauptbahnhof (wird der eigentlich jedesmal neu abgefilmt, oder gibt es Archivmaterial, aus dem sich Hollywood bei Bedarf bedient?) Sei's drum, es macht einfach Spaß, Peter Parker, Ned, MJ und Kumpanen auf Klassenfahrt zu begleiten. Natürlich nicht unbeobachtet, dafür sorgen Nick Fury und sein Sidekick Maria Hill (erfreulich, dass Cobie Smulders diesmal etwas länger zu sehen ist). Und Samuel L. Jackson ist mit seinen 70 Jahren immer noch in Hochform: Seine Blicke können töten, seine Sprüche foltern (Ned kommt dabei gut weg, er wird nur in Schlaf versetzt). Und das alles mit nur einem Auge (wer sich von ihm ohne Augenklappe bespaßen lassen will, dem sei die hübsche, allerdings auch blutige Buddy-Komödie The Hitman's Bodyguard empfohlen).

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Und dann gibt es noch das größte Spannungselement des Films: Was passiert zwischen Tante May (Marisa Tomei) und Happy (Jon Favreau)? Letzterer taucht jedenfalls immer wieder auf, auch wenn er die Vaterfigur nicht so draufhat. Es ist unklar, woher er seine Ressourcen hat - arbeitet er jetzt für SHIELD oder gehört sein Jet Stark Industries (sprich: Pepper Potts)? Aber wie man das von Happy gewohnt ist, kann er am Ende nicht mal einen Speer von einer Hellebarde unterscheiden. Ein weiteres Rätsel hat den passenden Namen Mysterio. Jake Gyllenhaal spielt nach mehreren moralinsauren Rollen endlich mal wieder locker auf (Fun Fact: 1991 war er in City Slickers Billy Crystals Sohn). Der Soldatenheld aus einer Paralleldimension entpuppt sich als geschickterer Mentor des jungen Peter Parker als Nick Fury, mit unvorhersehbaren Folgen...

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Dem Konzept der Paralleluniversen (Multiverse) kann ich nichts abgewinnen. Mir scheint die Idee, dass sich das Universum bei jeder Entscheidung verzweigt, nur eine Entschuldigung für Beliebigkeit. Schlimmstes Beispiel hierfür ist Marvels erster Oscar-Gewinner (!), Spider-Man: Into the Spiderverse. Dieses Machwerk ist ein übelkeiterregender Brei aus Erdbeeren und Erbsen, Ananas und Pilzen. Für einen Comic ist es eine nette Idee, Spider-Man im Chandler-Stil in Schwarzweiss zu inszenieren. Eine solche Figur mit anderen farbigen Inkarnationen interagieren zu lassen ist einfach nur Schwachsinn. Und damit habe ich mich noch nicht mal über Spiderschweinchen ausgelassen, oder das Mangamädel. Der Erfolg dieses handlungsfreien Traktats für politische Korrektheit ist der beste Beleg für die zunehmende Verdummung der westlichen Gesellschaft. Zum Glück gibt es trotz anfänglicher Bedenken keine Verknüpfung dieser Gurke mit dem Avengers-Universum (Disney hat immer schon die Zeichentrickvarianten separat von den Realfilmen gehalten, siehe auch Star Wars).

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Zur Mitte des Films nimmt Spider-Man: Far From Home eine recht düstere Wende, die die Marvel-typischen Materialschlachten einleitet. Macht aber nichts, damit musste man rechnen. Der Sieg über die Schurken ist ja eine Notwendigkeit. Aber kommt es am Ende zum Kuss zwischen Peter und MJ? Spideys Flamme ist mit Zendaya übrigens perfekt besetzt. Mit 22 sehen die Jungstars nicht mehr unbedingt wie 16 aus, aber ihr Verhalten passt super. Tom Holland ist mir nach anfänglichem Unbehagen doch ans Herz gewachsen, und Neds Liebesabenteuer mit Betty ist einfach herrlich. Darstellerin Angourie Rice ist übrigens die einzige Klassenkameradin mit korrektem Alter - sie überzeugte schon in Nice Guys als Ryan Goslings kecke Tochter Holly und in der ansonsten mittelmäßigen Black-Mirror-Episode Rachel, Jack and Ashley Too.

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Wenn Far From Home weniger ein Glied in der Avengers-Kette und mehr in sich geschlossen wäre, würde er sogar dem ersten Auftritt von Tobey Maguire Konkurrenz machen können. So ist dies für mich immerhin der beste Avengers-Film seit Thor: Ragnarök, und Spider-Man entwickelt sich immer mehr vom Comic Relief zum Herz des Teams. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 16. Juni 2019

Hugo-Finalisten 2019: Novellen und Kurzformen

Novellen

Bei den Novellen sind in diesem Jahr drei Neulinge und drei Wiederholungstäter im Rennen (nämlich die Gewinner der letzten drei Jahre).

6. Gods, Monsters and the Lucky Peach (Kelly Robson)
Eine Satire, bei der die Autorin den Witz vergessen hat. Zeitreisen als Kommerz, mit dem Handbuch für Projektmanagement statt der Bibel im Gepäck (es lebe Microsoft Project!)

5. Binti: The Night Masquerade (Nnedi Okorafor)
Der Abschluss der Trilogie, eigentlich zweiter Teil eines Romans, ist immer noch hübsch, kann aber kaum für sich allein stehen, wie ich schon im Vorjahr ausgeführt habe.

4. The Black God's Drums (Djèlí Clark)
Djèlí Clark ist zwar keine Frau, dafür aber schwarz und schwul. Die Stärke der Novelle liegen in der ethnischen Verwurzelung in einem alternativen New Orleans des 19. Jahrhunderts. Französischkenntnisse bei der Lektüre hilfreich.

3. The Tea Master and the Detective (Aliette de Bodard)
Bodard ist dieses Jahr mit ihrem Universe of Xuya, einer Reihe locker verbundener Novellen und Kurzgeschichten, auch Finalist für die Beste Serie. Vietnamesen im Weltall! Mal was anderes, aber auch anstrengend, vor allem der erste Band, "On a Red Station, Drifting". Die aktuelle Novelle "The Tea Master and the Detective" dagegen ist eine amüsante Variation des Doyleschen Rezepts, mit einer geheimnisvollen Gelehrten als Holmes und einer Raumschiff-KI als kriegsversehrtem Watson (ja, das Raumschiff brüht Tee). Gewann bereits den Nebula.

2. Artificial Condition (Martha Wells)
Die Fortsetzung der Murderbot-Memoiren ist nicht ganz so packend wie der Hugo-Gewinner vom Vorjahr, und natürlich ist der Überraschungseffekt flöten gegangen, sie macht aber immer noch Spaß. Martha Wells' "The Death of the Necromancer" habe ich allerdings nach der Hälfte wieder aufgegeben.

1. Beneath the Sugar Sky (Seanan McGuire)
Es sind einfach wunderbare, märchenhafte Geschichten, die Seanan McGuire in ihrer Reihe um die "Wayward Children" schreibt. "Unter dem Zuckerhimmel" ist eine magische Reise durch gleich mehrere Fabelwelten.

Noveletten

Hier wie bei den Kurzgeschichten fällt es mir wie immer schwer, eine Reihenfolge zu bestimmen. Die Beiträge sind übrigens auch in der Länge sehr unterschiedlich (+- 10.000 Wörter).

1. “If at First You Don’t Succeed, Try, Try Again” (Zen Cho)
Über Hartnäckigkeit, die Werdung eines Drachen und eine Art lesbische Liebe

2. When We Were Starless (Simone Heller)
Aliens treffen auf das Planetarium einer untergegangenen Zivilisation; das Führungshologramm erscheint ihnen als Geist und soll exorziert werden. Englischsprachige Geschichte einer Münchner Schriftstellerin!

3. “Nine Last Days on Planet Earth”  (Daryl Gregory)
Es regnet außerirdische Pflanzen, aber das Leben geht weiter. 

4. “The Last Banquet of Temporal Confections” (Tina Connolly)
Zutaten, die lebensechte Erinnerungen heraufbeschwören - 5D-Kino inklusive den Empfindungen der Opfer

No Award

5. "The Only Harmless Great Thing" (Brooke Bolander)
Elephantische Dystopie. Bolander ist einfach nicht mein Fall. Hat aber den Nebula gewonnen und gilt wohl als Favorit.

6. “The Thing About Ghost Stories” (Naomi Kritzer)
Meta-Geistergeschichte mit echter Geistergeschichte - leider weder gruselig noch sonstwie unterhaltsam

Kurzgeschichten

“The Secret Lives of the Nine Negro Teeth of George Washington” (P. Djèlí Clark)
 Facetten von Rassismus anhand der allegorischen neun Beutezähne des ersten amerikanischen Präsidenten. Gewann bereits den Nebula.

“The Court Magician” (Sarah Pinsker)
Pinsker hat zumindest nette Ideen. Hier geht es um einen Magier, der für jeden Zauberspruch ein Körperteil verlieren muss.

No Award

“The Tale of the Three Beautiful Raptor Sisters, and the Prince Who Was Made of Meat” (Brooke Bolander)

Für Bolander ganz amüsant, aber mir immer noch zu aggressiv feministisch.

“The Rose MacGregor Drinking and Admiration Society” (T. Kingfisher)
Rose MacGregor hat offenbar eindrucksvolle Brüste.

“A Witch’s Guide to Escape: A Practical Compendium of Portal Fantasies” (Alix E. Harrow)
Bibliothekare sind entweder Hexen oder?

6. “STET” (Sarah Gailey)
Hä?

Beste Serie

Wo ich schon mal dabei bin, hier ein paar Worte zur Besten Serie (eine Kategorie, von der ich immer noch nicht überzeugt bin). Diesmal habe ich mir ein ganz gutes Bild machen können.

1. The Laundry Files (Charles Stross)
Auch wenn ich die letzten Bände nicht mehr gelesen habe, war diese Reihe am Anfang doch ziemlich toll, wovon ich mich durch die Lektüre einer frühen Kurzgeschichte aus der Voters Package nochmals überzeugen konnte. Siehe auch meine Kritik zur Gewinner-Novelle Equoid von 2014.

2. The October Daye Series (Seanan McGuire)
Ich lese gerade Band fünf (von inzwischen 15, glaube ich), und mehr als gediegene Unterhaltung kommt immer noch nicht dabei rum. Aber na ja...

No Award

3. The Universe of Xuya (Aliette de Bodard)
Die Reihe erfüllt gerade so die geforderte Wortezahl. Das ist mir zu dünn.

4. Wayfarers (Becky Chambers)
Bestes Beispiel, warum ich die Kategorie nicht mag. Das ist einfach kein Hugo-Material. Siehe meine Gedanken zu den Roman-Finalisten.

5. The Centenal Cycle (Malka Older)
60 Jahre in der Zukunft gibt es eine Weltregierung, die in Bezirken à 100.000 Einwohnern gewählt wird. Mehr ein weltfernes politisches Manifest denn eine SF-Geschichte der Ethik-Expertin, bin ich da nicht reingekommen.

6. Machineries of Empire (Yoon Ha Lee)
 Die bisherigen drei Romane sind alle unter die Finalisten gekommen. Warum? Ist mir schleierhaft.

Samstag, 25. Mai 2019

Valar morghulis

Menschen denken in Geschichten.

So Tyrion Lannister, schillerndste Fernsehfigur der letzten zehn Jahre, und wer wollte ihm widersprechen? Auch wenn seine Weisheit als Hand der Königin doch arg gelitten zu haben scheint.

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Menschen tendieren dazu, Geschichten nach ihrem Ende zu beurteilen, dem Ausgang. Am beliebtesten ist das Happy End ("und wenn sie nicht gestorben sind...") Dieses Prinzip wird auch gern auf die Realität angewandt. Eine nach zwanzig Jahren geschiedene Ehe gilt als gescheitert, auch wenn sie vielleicht 18 Jahre lang glücklich war, bis die Partner sich auseinander gelebt haben. Ein Kriegsverbrecher bekommt mit 90 Jahren doch noch seine gerechte Strafe, auch wenn er bis dahin den Häschern entkommen konnte. Und umgekehrt: Hauptsache, man versöhnt sich vor dem Tode noch mit seinen Angehörigen, auch wenn man sich zuvor jahrzehntelang nur gezankt hat.

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Wie das Leben, so sind auch die besten Geschichten nicht derart schematisch. Und wer erinnert sich schon daran, wie die Odyssee endet? So kann mir auch eine lausige achte Staffel die Freude an Game of Thrones nur kurzzeitig nehmen. Übrigens ist nicht der Ausgang an sich lausig, sondern nur die Art, wie D&D (David Benioff und Daniel B. Weiss) darauf hinarbeiten. Die Scripte der finalen Staffel wirken so, als ob sie per Malen nach Zahlen entstanden sind. Erst wurden die Eckpunkte definiert, und dann hat man sie dilettantisch verbinden lassen. Das Dilemma Gärtner vs. Architekt haben andere schon ausführlich erhellt. Leider führt die Vorgehensweise dazu, dass jegliche emotionale Bindung zu den Figuren verlorengeht. Lediglich in der zweiten Episode (A Knight of the Seven Kingdoms) gab es ein paar rührende Momente. Entgegen den IMDB-Wertungen ist die allerletze Episode dann für mich nicht die schlechteste (ich würde sie mit 6/10 bewerten), aber insgesamt sind die Zuschauermeinungen vernichtend und können von D&D auch nicht auf Dauer geleugnet werden (auch wenn trotz 1,5 Millionen Unterzeichnern der Petition die achte Staffel nicht neu gedreht werden wird). D&D selbst haben offenbar soviel Plot Armour angehäuft, dass sie nun mit der Fortsetzung der Star-Wars-Saga beauftragt wurden. Noch ein Projekt, das mich nicht die Bohne interessiert.

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Der Titel der Abschlussfolge, The Iron Throne, sagt eigentlich schon alles. Game of Thrones war in der Buchreihe A Song of Ice and Fire nur der Titel des ersten Bandes. Es ging in der Saga nie darum, wer am Ende auf dem eisernen Thron landet. So gehen in der letzten Staffel auch alle Metaphern flöten. Die Bedrohung durch die White Walkers kann schließlich auch als Personifizierung einer Klimakatastrophe interpretiert werden, die von den Menschen inmitten ihrer Machtintrigen ignoriert oder sogar instrumentalisiert wird ("Das Chaos ist eine Leiter!") Davon bleibt am Ende leider nichts übrig (und müssten wir am Ende nicht immer noch Winter haben?) Und auch wenn Meister Martin Fantasy-Konventionen untergraben will, muss Foreshadowing doch einen Payoff haben (sorry für die Anglizismen). In Hardhome sieht der Nachtkönig in Jon Snow wenn nicht einen gefürchteten Targaryen, dann zumindest einen ernstzunehmenden Gegner (erst recht, nachdem dieser durch Melisandre von den Toten erweckt wurde). Leider verraten D&D diese spannende Beziehung zugunsten einer Teenager-Romanze. Und auch wenn man Prophezeiungen und Mythen durchaus als Humbug entlarven darf, ergibt die Geschichte des dreiäugigen Rabens am Ende keinen Sinn. Vielleicht existiert dieser in den Köpfen von D&D, er ist am Bildschirm aber nicht zu erkennen. Auch wenn es genug Fans gibt, die uns das nachträglich zu erklären versuchen - es gilt das gesprochene Wort (bzw. das gezeigte Bild).

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So reiht sich Game of Thrones ein in die Top-Serien mit schwachem Finale und ist damit in guter Gesellschaft: Die zweite Staffel von Twin Peaks war durchwachsen bis zum fulminanten Ende, zu dem sich Schöpfer Mark Frost und David Lynch noch einmal zusammenrauften. The West Wing bot nach dem Weggang von Aaron Sorkin nur noch ein Schattenkabinett, Buffy hätte besser nach Staffel 5 geendet (auch wenn wir dann auf das Geschenk Once More, With Feeling hätten verzichten müssen). Auch Lost wird gern zum Vergleich herangezogen, aber dessen Ende hat mich persönlich nicht besonders gestört (die offensichtliche Erklärung war für mich durchaus ausreichend). Bei den besten Fernsehserien geht es halt nicht um das Ziel, sondern um die Reise und die Wegbegleiter. Und  in dieser Hinsicht wird Game of Thrones lange unübertroffen bleiben.

Valar dohaeris.

Samstag, 4. Mai 2019

Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019

Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:

1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.

2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)



Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.

3. Space Opera (Catherynne M. Valente)



Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.

No Award

4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)



Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.

5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)



Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.

6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...

Samstag, 27. April 2019

Avengers: Endgame (7/3000)

Avengers: Endgame konzentriert sich auf die Ursprungs-Avengers und gibt ihnen einen würdevollen Abgesang. Captain Marvel hat eine überraschend kleine Rolle (aber trotzdem drei Frisuren) und spielt auch NICHT die befürchtete Dea ex machina. Was ist mit Thanos? Ohne zuviel zu verraten: Da der Titan das Hinspiel gewonnen hatte, muss er diesmal gleich zwei Rückspiele verlieren.

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Das Endspiel hat drei Halbzeiten, als da wären:

1. "The Revenge of the Avengers", oder "Die Suche nach Ant-Man", oder "The Day After" (dieser Tag dauert allerdings fünf Jahre). Hawkeye lässt seinen inneren Badass raus, Thor trinkt sich einen Bierbauch an, Steve Rogers gründet die Anonymen Hinterbliebenen, Romanoff gibt die zweiäugige Furie, Iron Man wird zum (3000fach geliebten) Familienmensch, und der Hulk - ist sich endlich grün. Der Rest ist Staub...

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2. "Zurück in die Zukunft" (nur ohne Gitarrensolo) - der Film mit den Walen. Nur dass diesmal die Unendlichkeitssteine die Rolle der Buckelwale übernehmen. Tony und Thor treffen verstorbene Familienmitglieder, der Hulk bekommt die Doktor-Seltsam-Lektion, Captain America infiltriert Hydra, Nebula prügelt sich mit sich selbst, Romanoff und Barton entdecken ihre Gefühle füreinander. Niemand möchte ein Selfie mit Scott Lang.

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Ein Paradoxon kann selbst Kevin Feige nicht lösen: Von Jarvis kannten wir bisher nur die Stimme. Paul Bettany sprach Tony Starks KI, und als diese mit Ultron verschmolz, wurde Bettany zu Vision. Das Vorbild von Jarvis war Howard Starks Butler. Den konnte man aber nicht mehr mit Bettany besetzen, also bediente man sich ausnahmsweise bei der leider nach zwei Staffeln abgesetzten Fernsehserie (pfui) Agent Carter und zog James D'Arcy aus dem Zylinder. Als Howard Stark selbst ist aber (wie in den Vorgängerfilmen) John Slattery zu sehen und keineswegs Dominic Cooper. Alles klar? Wenigstens Hayley Atwell bleibt eine Konstante.

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3. "Vom Winde verweht", oder "Die Rückkehr der Jung-Avenger". Hat irgend jemand geglaubt, das würde nicht passieren? Nicht nur, dass bereits im Juli mit Spider-Man: Far From Home die Coda der MCU-Phase III mit dem jüngsten Avenger anläuft (dessen Schulabschluss sich wohl um fünf Jahre verschoben hat), auch Fortsetzungen von Black Panther und Doctor Strange sind von der Disney-Buchhaltung fest eingeplant. Und für das Solo-Abenteuer "Rocket, Guardian of the Galaxy" hätte Disney James Gunn sicher nicht wieder angeheuert (leider müssen wir wegen dieser Komplikation noch Jahre auf Guardians 3 warten).

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Auch für die Avengers gilt die neue Diversitätsquote, und so ist der Eignungstest für schwarze Helden getürkt. Auch peinlich und manipulativ: Captain Marvel stöhnt: "Das schaffe ich nicht allein", und schon scharen sich all die über zehn Jahre und 22 Filme etablierten weiblichen Helden um sie. Als da wären - äh - Gwyneth Paltrow mit modischem Helm, die Damenriege mit den unaussprechlichen Namen aus Black Panther, die Walküre (Tessa Thompson - yay!) auf ihrem fliegenden Pferd Aragorn (haha), die Guardiandame mit den Antennen, die rote Hexe, die Wespe. War's das? Vielleicht - mehr möchte ich nicht spoilern...

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Für sich allein ist Avengers: Endgame ein heilloses Chaos, das keiner vernünftigen Dramaturgie folgt und ein Netz von Logiklöchern webt. Trotzdem bietet es drei recht kurzweilige Stunden. Und als Abschlussfilm für einige Alt-Avenger entlockt es auch den hartgesottensten Fans ein paar Tränen und ist bis dahin vor allem eine Retrospektive der MCU-Phasen I - III. Ehrenvoll ist immerhin das Fehlen einer Post-Credit-Szene. Auf das Teasern zukünftiger Bedrohungen wird diesmal verzichtet. Stattdessen steuert jeder der sechs ursprünglichen Avenger sein Autogramm bei. Einige werden wir wohl trotzdem in Zukunft wiedersehen, andere höchstens in Rückblenden. Mehr darf ich hier nicht verraten. Ach ja, die Bewertung. Keine Ahnung. Wie beim Vorgänger entscheide ich mich für einen Mittelwert. Gut (7/10).

Samstag, 6. April 2019

Kein Remake von Oli7er! - Shazam! (6/10)

So sehr ich auch Comicverfilmungen mag - es gibt viele Comicserien, die ich nie gelesen habe, und noch mehr Comichelden, von denen ich nie etwas gehört habe. Zu letzteren gehört definitiv Shazam - der 14jährige Lausbube Billy, der sich mittels des Zauberworts in den trotz Cape unzerstörbaren Muskelprotz Captain Marvel verwandeln kann. Aber Verzeihung, diesen Namen hat Marvel seinem Rivalen DC verbieten lassen. Auch wenn Billys Kumpel Freddie im Minutentakt neue Vorschläge macht ("Captain Sparklefingers"), bleibt es bei: Shazam.



Hat man das oberflächliche Waisendrama der ersten halben Stunde überstanden (das im obigen Trailer ganz gut zusammengefasst ist), beginnt die Geschichte doch Spaß zu machen. Wie im 50 Jahre alten Oscar-Gewinner Oliver! (Dickens' Oliver Twist als Musical) bewegt sich die Mischung aus Drama und Tanz (bzw. Superhelden-Action) hart an der Grenze zur Albernheit. Aber das DC-Universum kann die Komikspritze ganz gut vertragen. Ein spritziger Aquaman allein kann die bleierne Bedeutungsschwere der bisherigen Batman- und Superman-Geschichten nicht ausgleichen (vom Dark Knight ganz zu schweigen).

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Als Shazam ist Zachary Levi ganz in seinem Element. Den unbeholfenen Charme des Teenagers im Erwachsenenkörper hat er im Grunde schon als Chuck perfektioniert. Den Körper hat er allerdings inzwischen mit reichlich Muskeln angereichert (auch wenn der Spandex-Anzug keinen freien Blick erlaubt). Diese neue Statur war bereits in seiner Gastrolle in The Marvelous Mrs. Maisel ein großes Geheimnis: Woher hatte ein vielgefragter Chirurg in den 50ern Zeit für Bodybuilding?

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Ziemlich humorlos agiert dagegen Kingsmans Merlin Mark Strong als Billys Widersacher. Die Zweikämpfe der beiden fliegenden Blitze erinnern zudem an Superman vs. Zod. Die eigentlichen Bösewichte sind ohnehin die sieben Todsünden, hier materialisiert als wolkig-amorphe Kreaturen ohne Kontur. Es wäre doch eigentlich naheliegend gewesen, ihre Symbolik mit den Schwächen der Waisenkinder zu verknüpfen und den Sieg im bombastischen Finale damit auch zum Sieg über ihre Laster zu gestalten. Stattdessen bekommen wir die übliche Prügelei, allerdings mit einem netten Twist, den zumindest ich nicht erwartet hätte, und überdeutlicher Betonung der Familienwerte. Finchers Se7en war hier offenbar kein Vorbild.

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Ansonsten bleiben die Darsteller recht blass, in schematisch angelegten Figuren. Die Pflegeeltern (Cooper Andrews aus The Walking Dead und die Spanierin Marta Milans) sind überperfekt, die Kinder meist erträglich. Asher Angel als Billy und Jack Dylan Grazer als Freddie sind ok, wobei Freddie so manche Szene stiehlt. Ansonsten gibt es das übergewichtige Kind, das hyperaktive Kind, das forsche Kind und eine 17jährige Harvard-Aspirantin, die mal wieder dem Hollywood-Klischee von Nerdigkeit entspricht, indem die 21jährige Darstellerin Grace Fulton keine klassische Schönheit ist, sondern eine interessante Schönheit.

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Meine Meinung weicht mal wieder vom Kritikerspiegel ab, der Shazam! auf einen Podest hebt, auf dem dieser nette, aber deutlich zu lange Film nichts zu suchen hat. Ich ermutige durchaus zum Kinobesuch, werde ihn mir im Heimkino auch nochmals anschauen, aber zum Oscar-Gewinn wird es trotz des Rufzeichens nicht ausreichen, und DC tritt meines Erachtens eher auf der Stelle. Ordentlich (6/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Klassische Rezension: Se7en (1995, 6/10)



Eine packende, originelle Geschichte, mit Schwächen in der Charakterisierung der Figuren. Leider fehlen Fincher sowohl Vorstellungskraft als auch das Gefühl für Schauspieler und Dialoge, um daraus ein Meisterwerk zu machen. Ein Beispiel dafür ist die nichtssagende erste Begegnung der beiden Cops. Ein weiteres, gravierenderes die mißlungene Darstellung der  Beziehung des jungen Polizisten zu seiner Frau, die ja ein wichtiges Element für die Handlung ist. Wenn man jedoch die Liebe zweier Menschen durch einen trivialen Dialog zeigen muß ("Ich liebe dich wahnsinnig" - "Ich weiß"), zeugt das schon von viel Hilflosigkeit des Regisseurs. Auch der große Morgan Freeman weiß seiner Rolle keine Tiefe zu verleihen - als einziger beeindruckend ist Kevin Spacey als kühler Psychopath. Und wenn sich keine Sympathie für die Charaktere entwickelt, ist dem Zuschauer der Ausgang der Geschichte auch schon fast egal. Was bleibt, ist eine gute Grundidee, die einigermaßen spannend, wenn auch ohne Zuspitzung auf die Höhepunkte, ziemlich konventionell verfilmt wurde - die offenbar für Fincher typische negative Grundhaltung scheint aber eine große Fangemeinde anzuziehen. Die eigentlich passende "7" als Bewertung kann ich  leider nicht vergeben.

Klassische Rezension: Oliver! (1968, 7/10)


Erstaunlich, wie man aus einem so umfangreichen, komplexen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Roman ein solches amüsantes Nichts produzieren kann. Ich glaube nicht, daß Charles Dickens besonders glücklich mit dieser oberflächlichen Verfilmung gewesen wäre; die Musik plätschert so dahin, kaum ein Song bleibt im Gedächtnis haften, und der historische Hintergrund ist derart romantisiert, daß man sich in ein Märchen versetzt fühlt. Das ist natürlich auch eine Funktion von Musicals (dieses war übrigens das letzte, das den Oscar für den besten Film ergattern konnte). Und um nun auch Positives zu nennen, gibt es schon etliche sehenswerte Choreographien (Ehren-Oscar für Onna White), charmante Lausbuben (vor allem Jack Wild als "The Artful Dodger") und einen überragenden Ron Moody als Mr. Fagin. Er allein ist das Zuschauen (und Zuhören) wert, seine Auftritte haben die Spritzigkeit, die dem Film insgesamt fehlt, in ihm wird eine Dickenssche Karikatur lebendig. Gut auch Shani Wallis als Nancy, nicht so überzeugend dagegen Oliver Reed als Bill Sikes. Carol Reed hat seinen Oscar zwar zu Recht, aber (wie das so oft passiert) für den falschen Film erhalten (7/10).

Samstag, 23. März 2019

Endgültig Hugo-würdig: The Expanse

Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).



The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.



Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.

Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:



Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.

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Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.

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Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.



In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).

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In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.

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2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.

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Samstag, 16. März 2019

Mein erster Hugo-Favorit 2019: "Spinning Silver" von Naomi Novik

Schon vor drei Jahren zeigte Naomi Novik mit dem Hugo-nominierten Uprooted, dass ihr Talent auch jenseits der kommerziell erfolgreichen, am Ende aber ziemlich abgenudelten Temeraire-Serie noch tolle Garne spinnen kann. Spinning Silver ist nun der zweite Roman dieser Webart, irgendwo zwischen Fantasy und Märchen einzuordnen, fest in einem mystisch angehauchten Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Eher der Fantasy zugehörig sind die Ich-Erzähler (von denen es diesmal gleich mehrere gibt), ein detaillierter Weltenaufbau und die Ausarbeitung der Figuren über den Archetyp hinaus. Eher märchenhaft erscheint mir die Darstellung von Magie und die schicksalsbestimmte Handlung (die allerdings mit reichlich Überraschungen aufwartet)



Nach der polnisch beeinflussten Landschaft von Uprooted finden wir uns in Spinning Silver nun eher in einem zaristischen Russland wieder. Neben der Macht des Zaren gibt es allerdings das Reich der Staryk, kalte, arrogante Fremdlinge, die in einer parallelen Feenwelt hausen und im Winter die Wälder des Zarenreichs heimsuchen und so manche Bauerschaft tyrannisieren. Vor diesem Hintergrund sind alle möglichen Märchenmotive verwoben: Aschenputtel, Goldesel, Rumpelstilzchen, Schneekönigin. Es gibt Prinzessinnen, die eine ungehörige Eigeninitiative entwickeln, und Prinzen, die weniger edel als erwartet agieren.

Der Hauptteil der Geschichte ist erzählt aus der Sicht dreier junger Frauen: Miryem, Wanda und Irina. Später kommen einige Passagen aus der Sicht des jungen Zaren Mirnatius, Irinas Zofe Magreta und Wandas jüngerem Bruder Stepon hinzu. Hauptfigur und am plastischsten gezeichnet ist die etwa 19jährige Miryem (Miriam), Tochter eines jüdischen Geldverleihers, der sich allerdings aufgrund seiner Gutmütigkeit als schlechter Geschäftsmann herausstellt. Als die Familie, die von allen Dorfbewohnern nur ausgenutzt wird, nahe dem Hungertod ist, nimmt Miryem die Sache selbst in die Hand und fordert persönlich die Zahlungen der Schuldner ein, mit wachsendem Erfolg. Allerdings erweckt ihre Fähigkeit, auf diese Weise Silber in Gold zu verwandeln, die Aufmerksamkeit eines Staryk-Lords, der Gold über alles begehrt...

Einer von Miryems Schuldnern ist ein Alkoholiker und Witwer, der seine drei Kinder tyrannisiert, bis sich schließlich als Rückzahlung seine älteste Tochter Wanda als Dienstmädchen bei Miryems Familie verdingt. Wanda ist robust und fleißig, aber vollkommen ungebildet; Miryems Buchhaltung hält sie zunächst für Magie. Aber bald entwickelt sie, und später auch ihre Brüder Sergey und Stepon (was ein russischer Name sein mag, oder auch ein Wortspiel), freundschaftliche Bande mit Miryem, deren tagträumerischen Vater und der kränklichen Mutter. Deren Vater wiederum lebt übrigens als reicher Geschäftsmann in der Regionshauptstadt Vysnia, allerdings im jüdischen Viertel, welches noch kein Ghetto ist, aber doch abgegrenzt vom Rest der Stadt, die von einem Grafen regiert wird. Dessen Tochter Irina ist die dritte Erzählerin; sie ist zwar nicht besonders hübsch und überhaupt widerspenstig, aber der Graf hegt doch Hoffnungen, sie mittels einer List mit dem jungen Zaren zu verheiraten. Der birgt allerdings ein dunkles Geheimnis (und hier kommt Rumpelstilzchen ins Spiel)...

Mit seinen unterschiedlichen Erzählstimmen ist Spinning Silver komplexer als Uprooted und erfordert vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich persönlich hatte allerdings (anders als einige Rezensenten bei Amazon) keine Probleme, jeweils zu Beginn eines Abschnitts die Erzählerin zu identifizieren. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungshintergründe unterscheidet sich auch ihr Sprachstil (besonders einfach drückt sich der vielleicht zwölfjährige Stepon aus). Es hat durchaus eine Weile gedauert, bis ich mich in der Geschichte zurechtfand. Besonders gefallen hat mir dann, wie schon beim Vorgänger, dass der Handlungsverlauf überhaupt nicht vorhersehbar ist. Die Welt ist faszinierend geschildert, das Schicksal der Figuren ist packend, und gegen Ende wird reichlich Spannung aufgebaut. Robin Hobb hätte die Charaktere sicherlich viel tiefgründiger ausgelotet, aber das wäre dann waschechte Fantasy (und mindestens in Trilogie-Länge). Auch die Romanze(n), hier nur angedeutet, hätte man mit viel Herzschmerz auspolstern können. Naomi Novik bleibt standfest und gibt ihrem Märchen nach knapp 500 kurzweiligen Seiten das gebührende Happy End, welches allerdings anders aussieht als bei den Gebrüdern Grimm.



Und wenn sie nicht erfroren sind, dann leben sie noch heute - zufrieden, wohlversorgt und im Kreise ihrer Freunde und Familien.

Freitag, 8. März 2019

Mehr Supergirl als Wonder Woman: Captain Marvel (7/10)

Captain Marvel hat alles, was das Herz eines Genre-Fans begehrt: Raumschiffe, Aliens, Laserduelle, Piloten, Agenten, Prügeleien, und sogar eine coole Katze. Das wäre ein toller Film, wenn es nicht bereits das 21. Marvel-Abenteuer wäre (mit Avengers: Endgame ist ihm der 22. dicht auf den Fersen). Im Kino habe ich mich schon gut amüsiert, aber im Nachhinein stellt sich ein gewisser Ermüdungseffekt ein. Zumal die Heldin, auch das ein Gesetz der Serie, gegenüber ihren Vorgängern nochmals einen draufsetzen muss: stärker als der Hulk,  technisch versierter als Iron Man, edler als Captain America, mystischer als Thor, beweglicher als Black Widow, nützlicher als Hawkeye ;-) Das ist mehr Supergirl als Wonder Woman, und ihre schier unendliche Macht könnte zumindest in einer Fortsetzung schnell langweilig werden. In den Foren wird schon diskutiert, ob Carol Danvers im Kampf gegen Superman bestehen könnte. Falsches Universum natürlich; gegen Thanos allerdings - wieviel wiegen die Unendlichkeitssteine?

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Nichts auszusetzen habe ich an der Hauptdarstellerin Brie Larson. Auch andere hochgehandelte Kandidatinnen, etwa Emily Blunt (Edge of Tomorrow), hätten sich dem Drehbuch unterwerfen müssen. Der Hass, der der Oscar-Gewinnerin (Raum) nun entgegenschlägt, hat ohnehin nichts mit ihrer schauspielerischen Leistung zu tun. Da wird ihr doch tatsächlich vorgeworfen, dass Spider-Man Tom Holland den knackigeren Hintern hat. Und dass sie zu wenig lächelt! Immerhin wird sie einmal im natürlichen Habitat der Frauen gezeigt: in der Küche, beim Abwasch. Aber dann auch wieder als Kampfpilotin, wobei in dieser Rolle mehr ihre Freundin Maria Rambeau (Neuling Lashana Lynch) glänzen darf. So wird denn doch noch ein passender Beitrag zum Internationalen Frauentag draus.

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Captain Marvel spielt 1995, und es spielt mit den technischen Wundern der 90er: Telefonzellen, Pager, Videocassetten, Audiodateien am Computer. Das ist für manchen Schmunzler gut, und überhaupt liegen die Stärken des Abenteuers in den intimen Momenten, etwa den Familienszenen mit Maria und ihrer knuffigen 11jährigen Tochter. Bei den Actionszenen hingegen verlor ich öfter die Orientierung; hier zeigt sich der Mangel an Erfahrung (oder Eignung) des Regie-Teams von Anna Boden und Ryan Fleck, die bislang für (meiner Meinung nach) mittelmäßige Indie-Filme bekannt waren. Sie verantworten auch gemeinsam mit Geneva Robertson-Dworet, die bereits die jüngste Tomb-Raider-Inkarnation verwurschtelt hatte, das zweckdienliche Drehbuch, das wie bei Marvel üblich viele weitere Handschriften erkennen lässt. Schön ist der Bezug zu den Guardians, aber im Endeffekt braucht man vor allem einen Protector, der die Avengers aus der Bredouille befreien kann...

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Immerhin gibt uns die Zeitebene Gelegenheit, einen jüngeren Nick Fury kennenzulernen, noch ohne die Aura von Coolness und mit zwei gesunden Augen. Hier hat die Computertechnik des 21. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet, um Samuel L. Jackson zu verjüngen. Nur bei seinem Sidekick Phil Coulsen (Clark Gregg) gibt es gelegentlich einen WTF-Moment.

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Nicht manipulieren musste man Annette Benings Alter, sie macht auch mit 60 noch eine gute Figur und hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle (für eine fünfte Oscar-Nominierung wird's diesmal wohl trotzdem nicht reichen). Jude Law darf als Kree ohne Blaufärbung seinen spitzbübigen Charme spielen lassen, während Gemma Chan (Crazy Rich Asians) hinter ihrem Make-up zwar kaum zu erkennen ist, aber trotzdem noch die Blicke (zumindest dieses männlichen Zuschauers) anzieht. Ohnehin werden all diese Stars von einem Flerken in den Schatten gestellt, dessen Darsteller ich zur Vermeidung von Spoilern hier nicht nennen werde (unbedingt auf die zweite Post-Credit-Szene warten!). Oh, und es gibt gleich zu Beginn ein liebevolles Tribut an Stan Lee, welches ich ebenfalls nicht spoilern möchte.

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Obschon schematisch, macht Captain Marvel doch viel Spaß und bietet einige visuelle Wunder, dazu sympathische Figuren und einige (zumindest für mich) überraschende Wendungen. Trotz der Querverweise ist es in sich geschlossener als die jüngste Avengers-Extravaganz. Daher (ohne vergleichen zu wollen) vergebe ich die gleiche Wertung wie für das überbewertete Spektakel des letzten Jahres: Gut (7/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Samstag, 2. März 2019

Wahnsinnig reiche ASIATEN (6/10)

Neben Black Panther gab es im amerikanischen Kinojahr 2018 noch ein weiteres kulturelles Phänomen. Crazy Rich Asians ist angeblich der erste amerikanische Film mit rein asiatischen Darstellern seit Jahrzehnten. Gemeint ist natürlich "der erste amerikanische Blockbuster". In den 90ern gab es schließlich durchaus profitable Filme von Ang Lee (seine Einwanderer-Trilogie mit dem Höhepunkt Das Hochzeitsbankett) und Wayne Wang (Töchter des Himmels - The Joy Luck Club). Trotzdem: Mit ähnlichem Enthusiasmus, mit dem Afroamerikaner Black Panther feierten, schlossen "Asienamerikaner" offenbar Crazy Rich Asians in ihr Herz. Viele zog es zum ersten Mal in ihrem Leben ins Kino. Da gibt es eine Marketinglücke, die jetzt zumindest mit Fortsetzungen ausgebeutet werden soll (die Romanvorlage von Kevin Kwan ist erster Band einer Trilogie).



Niemand würde auf die Idee kommen, einen Film namens "Wahnsinnig reiche Europäer" zu drehen und den dann um das schwedische Königshaus kreisen zu lassen (mit ein paar Dänen und Norwegern als exotischen Nebendarstellern). In Crazy Rich Asians kommen weder Inder noch Japaner vor, keine Vietnamesen, Koreaner und noch nicht einmal "echte" Chinesen. Es spielt im Stadtstaat Singapur, wo Malaisisch und Mandarin gesprochen wird, und die Hauptdarsteller sind zum Teil Amerikaner oder Briten mit ungefähr passender Herkunft, zum Teil Asiaten mit zumeist westlicher Filmerfahrung aus dem Großraum China. Doch selbst Singapur fühlte sich nicht angemessen repräsentiert. So wie es in Black Panther nicht um Afrikaner geht, interessiert sich Crazy Rich Asians nicht für Asiaten, sondern nur für das Selbstwertgefühl asienstämmiger US-Einwanderer. Das führte dann in den USA zum für eine romantische Komödie unerhörten Kassenumsatz von 175 Millionen Dollar (eine ansonsten für schwache Comicverfilmungen typische Größenordnung, siehe etwa X-Men: Apokalypse).

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Anderswo machte der Film niemanden reich. In Deutschland fiel der Marketingabteilung nichts besseres ein, als die Asiaten aus dem Titel zu entfernen. Als "Crazy Rich" gelangte die damit belanglose 08/15-Komödie nicht einmal in die Top100. Gern würde ich jetzt berichten, dass den deutschen Zuschauern da etwas entgangen ist. Ich wollte den Film mögen und hatte mir sogar die britische UHD-Blu-ray kommen lassen. Aber wenn man sich den kulturellen Ballast einmal wegdenkt, bleibt nur eine sehr schematische Komödie übrig, zwar mit sympathischen Darstellern, aber wenig Romanze, eher zum Schmunzeln als zum Lachen. Und wer sein Selbstwertgefühl darin findet, dass es auch in Asien fiese Milliardäre gibt, der tut mir schon ein wenig leid. Für den Vergleich mit dem schwedischen Königshaus muss ich mich schon fast entschuldigen, denn Gustav und Silvia leben sicher nicht im selben Prunk wie die vornehmste (=reichste) Familie von Singapur, unter matriarchischem Vorsitz von Eleanor Young (Michelle Yeoh) und ihrer greisen Mutter Ah Ma (die inzwischen 92jährige Lisa Lu) - die zu allem Überfluss auch noch Christen sind und damit für eine weitere Minderheit stehen (auch in Singapur weniger als 20 Prozent).

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Das adrette junge Paar im Zentrum der Romanze, Rachel und Nick, wird gespielt von Constance Wu (Fresh Off the Boat) und Neuling Henry Golding, und mit einem besseren Script hätten sie sicher ein paar Funken schlagen können. So sind die Nebenfiguren weitaus interessanter, wenngleich ihre Handlungsstränge dann auch eher frustrierend zerfleddern. Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Nicks Mutter Eleanor zeigt ihre Starqualität (sie hätte bessere Rollen verdient), und die Londonerin Gemma Chan als Nicks Schwester Astrid ist nicht nur bildhübsch, sondern vermag auch eine unterschwellige Melancholie zu vermitteln (sie hat mir auch gut gefallen im ansonsten oberflächlichen amerikanischen Remake von Echte Menschen). Die Show stiehlt allerdings eine gewisse Awkwafina, Rapperin, Trompetenvirtuosin, Mandarin-Expertin, die schon als nerdiger Hacker in Ocean's Eight ein spaßiger Farbtupfer war und hier die Leinwand zum Explodieren bringt (was bei der dahinplätschernden Geschichte und der augenermüdenden Ausstattung hochwillkommen ist).

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Das Spannungsfeld zwischen der in New York aufgewachsenen Ökonomieprofessorin und dem Kronprinz der Milliardärsfamilie aus Singapur hätte sicher besser ausgeschlachtet werden können (und ist es nicht bezeichnend, dass Aschenputtel heutzutage einen akademischen Grad haben kann?) Die Regie von Jon M. Chu (Die Unfassbaren 2) wirkte auf mich ziemlich uninspiriert. Einzig die Musikauswahl mit einer Mischung aus Ost und West ist ganz nett. Ich habe eine Schwäche für angelsächsische Hits in chinesischer Interpretation: Money - oder auch hybride Originale: Waiting for Your Return. Und wer schon immer mal sehen wollte, wie man eine katholische Kirche für eine Hochzeit in einen Dschungel verwandelt (inklusive Bächlein, durch das die Braut zum Altar flaniert), der ist hier richtig aufgehoben. Ich selbst war vom Gebaren der Superreichen gelegentlich angeekelt, habe mich dann aber doch immer wieder von den netten Darstellern einfangen lassen. Nur das (Spoiler!) Happy End habe ich nicht so recht verstanden. Wird Rachel nun ihre Professur aufgeben, Nick sein Firmenerbe, oder wie will man sich arrangieren? Na ja, es müssen wohl noch Probleme für die Fortsetzung offenbleiben. Für die "erfolgreichste romantische Komödie seit einer Dekade" ziemlich mau. Tatsächlich hat das Genre eine Durststrecke (zuletzt herausragend war 2011, welch ein wahnsinniger Zufall, Crazy, Stupid, Love). Daher noch Ordentlich (6/10).