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Sonntag, 29. September 2019

Klassiker auf Blu-ray #23: Local Hero (Bill Forsyth, 1983)

1982 war in Großbritannien die Welt schon nicht mehr in Ordnung. Das war zwar lange vor dem Brexit, aber Margaret Thatcher war schon einige Jahre im Amt, hatte den Falklandkrieg angezettelt, damit begonnen, das soziale Netz rigoros abzubauen und eine schonungslose Industrialisierung voranzutreiben. Da kommt in einem kleinen schottischen Fischerdorf der junge Amerikaner Mac MacIntire (Peter Riegert) an, Akquisiteur des Ölkonzerns Knox von Felix Happer (Burt Lancaster). Er soll das Dorf, den Strand und überhaupt alles bis eine Meile inland aufkaufen, für den Endpunkt einer Pipeline und den Bau einer Raffinerie. Entgegen den Erwartungen hängen die Dorfbewohner, repräsentiert vom Hotelier, Buchhalter und gelegentlichen Barkeeper Urquhart (Denis Lawson), überhaupt nicht an ihrem Lebensstil und ihren Fischgründen und geben in Gedanken bereits die verheißenen Millionen aus. Wer also wird zum Helden auserkoren, der die Idylle vor dem Ausverkauf retten kann?



Local Hero entspricht so gar nicht den gängigen Klischees. Es gibt kein Aufbäumen Davids gegen Goliath, keine überhitzten politische Diskussionen, keine Rettung in letzter Sekunde. Regisseur und Autor Bill Forsyth (Jahrgang 1946) hatte zuvor mit That Sinking Feeling (1979) und Gregory's Girl (1980) hübsche kleine Sozialdramen gedreht (die auch "Kitchen Sink Dramas" genannt wurden), doch niemand hatte von ihm ein solch lyrisches, universellen Werk erwartet. Es war ein Glücksfall des britischen Kinos, begünstigt von einem ansehnlichen, obwohl immer noch bescheidenen Budget von etwa vier Millionen Pfund, möglich durch den Sog des überraschenden Oscargewinners des Vorjahrs, die Stunde des Siegers ("Chariots of Fire"). Dieses konventionelle Sportdrama bleibt vor allem durch seinen Vangelis-Triumphmarsch im Gedächtnis, welchen Forsyth übrigens in einer kleinen Hommage kurz zitiert. Forsyth selbst hat das Filmemachen offenbar bereits 1999 aufgegeben, offenbar konnte er die Diskrepanz zwischen erforderlicher Anstrengung und künstlerischem Erfolg nicht überbrücken (das lese ich jedenfalls aus dem aktuellen Interview, welches das Kronjuwel der Jubiläumsedition ist).

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Local Hero lebt ganz von seinen Figuren, die vielleicht auch deshalb authentisch wirken, weil abgesehen von Burt Lancaster keine Stars besetzt wurden. Für mich ist dies allerdings, neben der Hauptrolle in Louis Malles Atlantic City, Lancasters bewegendste Altersrolle (er war gerade 70 und starb zehn Jahre später). Ansonsten ist allein der Glasgower Peter Capaldi berühmt geworden, damals als 24jähriger der schottische Vertreter Oldsen des Konzerns, inzwischen natürlich der 12. Doctor Who. Frauen lernen wir übrigens in dieser schottischen Männergesellschaft wenig kennen. Es gibt lediglich Urquharts bezaubernde Frau Stella (zu Darstellerin Jennifer Black bietet die IMDB nicht einmal ein Porträtfoto) und die diplomierte Meerjungfrau Marina (Jenny Seagrove), in die Oldsen verschossen ist. Die sich entwickelnde Romanze ist aber nur leise angedeutet, wie man überhaupt viel zwischen den Zeilen lesen muss. All das geschieht vor dem Hintergrund der herrlichen schottischen Locations (Forsyth gibt im Interview verschämt zu, dass er gemogelt und Bilder der West- und Ostküste gemischt hat). Ein besonderer Clou ist Happers Leidenschaft für den Sternenhimmel. Er hofft, einen Kometen zu entdecken und sinniert noch über den richtigen Namen: "Happers Komet" oder "Komet Happer" vielleicht? Daher hat Mac auch einen Nebenauftrag, nämlich auf gewisse Sternbilder zu achten und Sichtungen sofort zu melden. Hier kommt die rote Telefonzelle des Dorfs ins Spiel, ein Relikt, welches jungen Leuten heute höchstens noch als Tardis bekannt ist.



Und dann gibt es noch die besondere Zutat, die für sich allein vielleicht bereits Local Hero zu fortwährendem Ruhm gereicht. Und das ist natürlich die Filmmusik von Dire-Straits-Mastermind Mark Knopfler. Soundtracks waren mehr ein Hobby des Weltklassegitarristen. Sein berühmtester Film in dieser Funktion war 1987 Die Braut des Prinzen, aber dessen effektive Klanguntermalung unterschied sich grundsätzlich von Local Hero, in dem die Musik fast als eigener Charakter auftritt, sowohl bei der Untermalung der Landschaftsaufnahmen als auch bei den folkloristischen Amateur-Darbietungen beim Ceilidh-Tanz. Erst ganz am Ende ertönt das triumphale Saxofonsolo von Mike Brecker zum Titelsong. Knopfler war damals, nach dem Erfolg von Love over Gold (meines Lieblingsalbums von Dire Straits), auf der Höhe seiner Kompositionskunst, und Going Home bot im Folgejahr auch ein passendes Finale für das grandiose Live-Album Alchemy. Bill Forsyth gewann 1984 für Local Hero den BAFTA als bester Regisseur, Mark Knopfler ging leider leer aus. Die Amerikaner konnten mit der versponnenen schottischen Geschichte nichts anfangen (obwohl die Darsteller ihren schottischen Akzent stark unterdrückt hatten), bei den Oscars war von Local Hero nicht die Rede. Immerhin vergab Roger Ebert in seiner liebevollen Rezension die Höchstwertung von vier Sternen.

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Ich selbst habe Local Hero erst in meiner Studienzeit lieben gelernt, bei einer der vielen Retrospektiven in den Münsteraner Programmkinos. Erst jetzt, nachdem ich die mäßige DVD schon vor Jahren abgestoßen hatte, wurde der Film sorgfältig in 2K-Qualität neu abgetastet und ist nun in den USA (via Criterion) und im UK (via Spirit Entertainment) in hochwertigen Blu-ray-Ausgaben erschienen. Zum erwähnten halbstündigen Interview mit Bill Forsyth gesellt sich in meiner UK-Ausgabe ein Gespräch mit Mark Knopfler - die 70jährige Legende erinnert sich auch heute noch gern an die Zusammenarbeit und arbeitet gerade an einer Musical-Version der Geschichte. Vielleicht erbarmt sich ja noch ein deutscher Verlag dieses Kleinods - bis dahin empfehle ich den Import, möglichst vor dem Brexit (bei dem Zollprobleme vorprogrammiert sind).

Samstag, 21. September 2019

Mit Brad Pitt durch die Zeiten: Tarantinos 8 1/2 (7/10) und Ad Astra (5/10)

Nach einigen schwachen Darbietungen (Allied, War Machine) und einem privaten Pit Stop (Trennung von Angelina Jolie, Alkoholprobleme) zeigt Brad Pitt in diesem Jahr endlich mal wieder Starpower und ausgefeilte Figuren. Dabei könnten die beiden aktuellen Rollen des 55jährigen kaum unterschiedlicher sein. Vielleicht reicht es gerade deshalb im kommenden Frühjahr für seine vierte Oscar-Nominierung als Schauspieler (er gewann bereits einen Goldjungen als Produzent von 12 Years a Slave).



In Quentin Tarantinos "neuntem Film" Once Upon a Time... in Hollywood (im deutschen Verleihtitel wurden die Punkte weggelassen, um uns nicht zu überfordern) spielt Brad Pitt als Cliff Booth genauso brillant auf wie Co-Star Leonardo DiCaprio als Rick Dalton, wobei der Ältere (!) als Stuntdouble des Jüngeren möglicherweise in die Supporting-Kategorie verbannt werden wird. Die darstellerischen Leistungen sind auch schon das beste, was es über Tarantinos Epos zu vermelden gibt. Die drei Kinostunden sind selbst für Fans und Kenner des alten Hollywoods exzessiv, was leider auch für den Soundtrack gilt, wo bei einer Autofahrt schon mal fünf verschiedene Songs angespielt werden.

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Langweilig wird es dann aber doch nicht, zumindest wenn man wie ich bei der Sichtung von Michelle Phillips und Cass Elliot (für Laien: Mama Michelle und Mama Cass) eine Gänsehaut bekommt und zumindest schmunzeln muss, wenn DiCaprios Rick Dalton in eine ikonische Szene von Gesprengte Ketten hineinprojiziert wird. Das ist übrigens auch im Film nur ein Wunschtraum, und der tatsächliche Star Steve McQueen wird hier verblüffend authentisch verkörpert von Damian Lewis. Nicht schmunzeln konnte ich allerdings über Mike Moh als Bruce Lee. Diese schlechte Karikatur ist eine unreflektierte Fortsetzung der Demütigungen, die die Actionlegende in Hollywood über sich ergehen lassen musste, bevor er sich (erst kurz vor seinem viel zu frühen Tod) mit seinem Meisterwerk Der Mann mit der Todeskralle ("Enter the Dragon") international Respekt verschaffte.

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Aber dies ist eine der wenigen nicht so gelungenen Szenen. Dafür gibt es zum Beispiel eine rührende Sequenz zwischen DiCaprio und der zehnjährigen Julia Butters am Set der TV-Western-Serie Lancer. Auch das Casting von Schauspielersprossen funktioniert. Insbesondere die 24jährige Margaret Qualley, Tochter von Andy McDowell, ist umwerfend als Manson-Jüngerin Pussycat, die sich von Cliff Booth zur Manson-Farm chauffieren lässt.

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Des weiteren tauchen auf: Dakota Fanning, Lena Dunham, Rumer Willis (Tochter von Bruce Willis und Demi Moore) Harley Quinn Smith (Tochter von Kevin Smith) und Maya Hawke (die Tochter von Ethan Hawke und Tarantino-Spezi Uma Thurman war gerade prominenter zu begutachten in der enttäuschenden dritten Staffel von Stranger Things). Und dann gibt es noch Cameos von Kurt Russell (als Erzähler), Al Pacino (hua!) und Bruce Dern. In den Credits unterscheidet Tarantino dann auch die normale Crew und "die Gang", zu der auch Zoë Bell und Michael Madsen gehören.

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Und immer wieder bringt Margot Robbie als Sharon Tate die Leinwand zum Leuchten. Robbie als Tate schaut sich übrigens Tate als Freya Karlson in einer Kinovorstellung von Rollkommando ("The Wrecking Crew") an. Das war eine Krimikomödie mit Dean Martin als Superspion Matt Helm, umgeben von vielen schönen Frauen (u.a. Nancy Kwan). Immer wenn der verlebte 50jährige verführerisch wirken sollte, stolzierte er mit alkoholseliger Grimasse auf das Opfer zu, und aus dem Off erklang einer seiner Hits (die auch heute noch Frauenherzen zum Schmelzen bringen können). Auch Tate bekommt am Ende ihre Portion Dino ab, aber bis dahin brilliert sie eher mit komischem Slapstick (Stuntkoordinator war übrigens: Bruce Lee). Würde sich heute niemand mehr für interessieren, wenn es nicht diese Tragödie gegeben hätte, die auch ihren Schatten über Tarantinos Epos wirft und am Ende dann auch zur (einzigen) Gewaltorgie Anlass gibt, die mir persönlich eher den Magen umgedreht hat.

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Ich persönlich habe ansonsten kein Problem mit Tarantinos Umdichtung der Realität. Man darf halt nicht vergessen, dass dies keine Dokumentation ist, sondern eine für den Meister typische Geschichtsstunde, die seine sehr persönliche Sicht auf die Periode wiedergibt (was ja auch der Leone-inspirierte Titel betont). Wenn also Dalton und Booth ins Schwärmen geraten: "Roman F*cking Polanski, Regisseur von Rosemarys Baby", dann sprechen sie nur als Stellvertreter für den Regisseur, denn Roman Polanski erlangte erst Jahre später mit seinem Meisterwerk Chinatown Kultstatus.

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Once Upon a Time... ist also keine Katastrophe wie The Hateful Eight, aber auch kein neues Pulp Fiction. Der Film ist eine Anreihung teilweise toller Szenen, findet aber keinen Spannungsbogen. Tatsächlich glaube ich, dass diesmal die angedrohte Zweitverwertung als Miniserie bei Netflix sinnvoll sein könnte, da die Struktur ohnehin schon episodisch ist. Tarantino will nach dem zehnten Film (als Regisseur) aufhören, wobei seine Zählweise eigenwillig ist: Kill Bill zählt als ein Film (in Ordnung), aber sein Grindhouse-Beitrag Death Proof müsste eigentlich nur halb zählen, womit wir bei 8 1/2 angelangt wären (Filmkenner: grinst). Meine Wertung: ein großzügiges Gut (7/10).



Noch nie ist ein Mensch für eine Aussprache mit dem entfremdeten Vater weiter gereist als Roy McBride: Ad Astra. Gleich der Neptun muss es sein, nach der Degradierung von Pluto der äußerste Planet unseres Sonnensystems, wobei Regisseur James Gray und sein unbekannter Co-Autor Ethan Gross offenbar mit Science nichts am Helm haben. Die Reise vom Mond zum Mars dauert drei Wochen, aber unterwegs fängt man einen Notruf ab, stoppt mal eben, um zu helfen, und düst dann weiter. So funktioniert Raketentechnik nicht. Auch kommt man auf dem Weg vom Mars zum Neptun nicht einfach an Jupiter und Saturn vorbei. Das ist eine Verkürzung des Planetensystems auf eine Dimension! Ansonsten hinterlässt McBride auf seiner Reise eine verblüffende Anzahl von Weltraumleichen (in naher Zukunft ist man sogar auf dem Mond nicht vor Piraten sicher). Da war selbst Passengers konzeptionell überzeugender, und Vergleiche mit Gravity lasse ich gar nicht erst zu.

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Na gut, dann ist dies also eine Science-Fiction-Hülle mit ein paar eingestreuten Actionszenen für ein Vater-Sohn-Drama. Das ist aber im Endeffekt auch nicht sehr überzeugend. Was im Gedächtnis bleibt, ist Brad Pitts zentrale Performance als Major Roy McBride, selbst ein Weltraumheld und doch überschattet von seinem legendären Vater. Tatsächlich sind alle anderen kaum mehr als Statisten: Liv Tyler als seine Ex, Ruth Negga als Mars-Administratorin, der 84jährige Donald Sutherland als Kollege von McBrides Vater, und schließlich der 72jährige Tommy Lee Jones als besonders stoischer Clifford McBride. Es erschließt sich mir allerdings nicht, warum man einen solchen Star castet und ihm dann nichts zu tun gibt. Aber eben: Brad Pitt, bedächtig, mit hypnotisierenden inneren Monologen, unterstützt von Max Richters sphärischen Weltraumklängen. Muss halt jeder selbst beurteilen, ob er diese zweistündige Reise mit ihm antreten möchte. Für mich war's annehmbar (5/10).

Samstag, 14. September 2019

Manege frei: Amazons "Carnival Row"

Momentan werfen Netflix und Amazon Prime in so schneller Folge neue Serien auf den Markt, dass kein normaler (arbeitender) Mensch da hinterherkommen kann, selbst wenn er sich nur auf Science Fiction & Fantasy beschränkt. Demnächst kommen dann noch Apple (November) und Disney (Frühjahr) hinzu. Und die meisten Streaming-Ergüsse werden von der Kritk wohlwollend aufgenommen, wenn nicht sogar umjubelt. Eine seltene Ausnahme war jüngst der Netflix-Rohrkrepierer Another Life, der kaum Fürsprecher gefunden hat. Was tut mir Starbuck Katee Sackhoff in der Hauptrolle leid, die aufgrund ihres Fitness-Regimes ohnehin schon älter als ihre 39 Jahre aussieht und dann zur Dompteurin einer Raumschiffbesatzung von 20jährigen verdonnert wird, die sich eher wie 10jährige verhalten.



Aber auch mit dem Netflix-Prestigeprojekt Der dunkle Kristall: Ära des Widerstands konnte ich nichts anfangen. Jim Hensons Film von 1982 ist auch heute noch hübsch anzusehen (bei Netflix in UHD-Qualität verfügbar), Handlung und Figuren haben seitdem aber eher noch an Komplexität verloren. Die Neuauflage (eigentlich eine Vorgeschichte) mäandert zwischen albern und leblos - unglaublich viel Aufwand wurde in die Modernisierung der Puppentechnik gesteckt, aber der Charme der Vorlage ist damit verloren gegangen.



Da hat diesmal Amazon Prime die Nase vorn, mit der ersten Staffel der neuen Fantasyserie Carnival Row. Sie spielt in einer dem viktorianischen London nachempfundenen Metropole mit einem Flüchtlingsproblem: Nach einem verheerenden Krieg strömen Feen, Faune, Zentauren und andere Fabelwesen in die Burgue. Anders als bei Bright kann Lindsay Ellis Carnival Row kein Lazy Worldbuilding vorwerfen. Die Welt beruht auf einem Konzept von Travis Beacham, der bislang eher für dumpfe Actionabenteuer (Pacific Rim) bekannt ist, diesmal aber eine stimmige Mythologie ausgearbeitet hat. Bei der Umsetzung wurde er unterstützt von René Echevarria, der als Produzent von Deep Space Nine bekannt ist, sich allerdings zwischenzeitlich mit Terra Nova ziemlich blamiert hatte. Herausgekommen ist eine düstere, atmosphärische Kulisse mit hohen Produktionsstandards und gediegenen Computereffekten, dazu weitgehend nachvollziehbare Figuren und eine spannende, einigermaßen schlüssige Geschichte. Da sind die Amazon-Millionen mal in die richtige Richtung geflossen.



Nicht billig waren sicher auch die Hauptdarsteller, die absolut gegen ihr Image besetzt sind. Orlando Bloom als Polizeidetektiv Philo ist mit ungepflegtem Bart und grummeliger Stimme kilometerweit vom ätherischen Legolas entfernt. Das ehemalige Top-Model und Valerians Laureline Cara Delevingne als Fee Vignette wird mancher überhaupt nicht erkennen. Sie ist mit dunklen Haaren, buschigen Augenbrauen, und zumeist grimmigem Gesichtsausdruck das Gegenteil vom Feenklischee. An die eher an Kolibris erinnernden Flügel übrigens muss man sich gewöhnen, denn sie widersprechen jedem Gefühl von Schwerkraft und Physik. Auch sprechen Feen offenbar mit schmutzigem englischem Akzent und fluchen gern - ade Tinkerbell!  Mir jedenfalls hat das verhinderte Liebespaar gut gefallen, auch wenn die Drehbücher ihnen gelegentlich merkwürdig unlogische Handlungen vorschreiben (warum lässt sich Vignette in der Bibliothek gefangennehmen?) Anfangs dachte ich übrigens, es gäbe nur weibliche Feen, oder nur diese könnten fliegen - später treten dann doch ein paar fliegende Männchen auf. Überhaupt ist Vignettes Einführung ein wenig konfus - zunächst wirkt sie wie eine taffe Soldatin, später geht sie ziemlich unbeholfen in Auseinandersetzungen.

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In den acht einstündigen Folgen geht es natürlich nicht nur um unsere romantischen Leads (auch wenn mir Folge 3 mit ihrem Rückblick auf das erste Treffen der beiden mit am besten gefallen hat). Es gibt verschiedene Handlungsstränge. Da wäre der politische: Jared Harris spielt den Kanzler Absolom Breakspear (die Burgue ist offenbar eine Art paralamentarischer Demokratie), Indira Varma (Ellaria Sand) seine intrigante Gattin, Artie Froushan seinen missratenen Sohn, und Caroline Ford die Tochter des Oppositionsführers Longerbane. Es wird hart gerungen um die Rechte der Flüchtlinge; manchmal mit Holzhammer-Parallelen zur heutigen Welt. Die Hauptreligion in Burgue verehrt übrigens den "Märtyrer", dessen Ebenbild an den Wänden hängt wie in Bayern die Cruzifixe, nur dass jener offenbar gehängt statt gekreuzigt wurde. Das ist eine plastische Illustration, wie Abbilder des Gekreuzigten auf Fremde wirken müssen...

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Dann gibt es den gesellschaftlichen Strang: Die Geschwister Imgogen (Tamzin Merchant) und Ezra (Andrew Gower) Spurnrose gehören zur Upper Class, wohnen im besten Viertel, haben Faun-Bedienstete (kurzzeitig muss sich auch Vignette als Dienstmädchen bei ihnen verdingen), aber nach unglücklichen Investitionen geraten sie in Geldnot. Da zieht gegenüber ein reicher junger Mann ein, den Imogen gern um die Finger wickeln würde  (Jane Austen lässt grüßen: Tamzin Merchant gab Georgiana Darcy gegenüber Keira Knightleys Eliza Bennet). Es gibt allerdings einen unerhörten Haken: der neue Nachbar ist ein Faun (mit Hufen und Gehörn) und damit gesellschaftlich natürlich nicht akzeptabel. Diese Geschichte hat ihre Stärken, wird dann aber leider etwas überhastet zum Abschluss gebracht.

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Und dann ist da Carnival Row, das Rotlichtviertel der Burgue. Hier treffen wir auf Vignettes Freundin und Ex-Geliebte, die Prostituierte Tourmaline (Karla Crome); den Schausteller Runyan Millworthy (Simon McBurney), der mit Kobolden eine Art Marionettentheater inszeniert; die Hellseherin Haruspex (Borg-Queen Alice Krige), Mitglieder eines Faun-Kults, und andere schillernde Figuren. Hier ermittelt auch Detektiv Philo, denn es geschehen Morde an nicht-menschlichen Immigranten. Schnell ist ein Verschnitt von Jack the Ripper gestoppt, aber für die schlimmsten Morde scheint ein übernatürliches Wesen verantwortlich zu sein, welches weder Mensch noch bekanntes Fabelwesen ist. Und die Mordopfer scheinen alle eine Verbindung zu Philo zu haben...

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Carnival Row versucht das Publikum von Game of Thrones zu ködern, mit unkaschierter Gewalt, überraschenden Wendungen, und auch einigen Sexszenen. Also Orlando Bloom kann auch mit über 40 Jahren noch ohne Scham seinen Oberkörper entblößen, und wer bin ich, mich zu beschweren, dass die 27jährige Cara Delevigne ihre Brüste zur Schau stellt (übrigens: die Flügel von Feen leuchten beim Orgasmus - ein Detail, welches in der Filmgeschichte bislang sträflich vernachlässigt wurde). Nicht alle Handlungsstränge funktionieren gleich gut, manche Dialoge knirschen gewaltig, aber immerhin wird versucht, die Geschichte von den Figuren her aufzubauen, nicht umgekehrt. Strittig ist das Pacing. Einige Folgen wurden als langweilig empfunden, weil "nichts passiert". Leider ist dies Symptom einer um sich greifenden Krankheit. Zuschauer haben keine Geduld mehr, lassen sich auf subtile Figurenentwicklungen nicht mehr ein. Mir persönlich waren viele Entwicklungen immer noch zu überhastet, ich hätte gern mehr Zeit mit den Charakteren verbracht. Natürlich ist es viel schwieriger, pfiffige Dialoge und überzeugenden Charakterbögen zu schreiben als Action und Twists. Kaum eine Serie kann auf so geniales Material wie die Romane von George R.R. Martin zurückgreifen. Man erinnere sich, dass in GoT viele der interessantesten Figuren nie eine Waffe in die Hand nahmen (Littlefinger, die Queen of Thorns). Aber nein, es muss Blut fließen, es muss geprügelt oder wenigstens gebumst werden. Aber ich als Senior gehöre eh nicht mehr zur Zielgruppe moderner Serien. Da ist es schon erstaunlich, dass ich in Carnival Row immerhin gediegene Unterhaltung gefunden habe. So bin ich doch gespannt auf die bereits beschlossene zweite Staffel.

Samstag, 31. August 2019

Filmware seziert: Der YouTube-Channel von Lindsay Ellis

Lindsay Ellis, Jahrgang 1984, hat in Filmschulen in New York und Los Angeles studiert und 2011 mit einem MFA (Master of Fine Arts) abgeschlossen. Seit 2008 hostet sie in verschiedenen Channeln Video-Essays mit Filmkritiken. Zeitweise war sie als Nostalgia Chick bekannt, bevor sie vor einigen Jahren mit ihrer Kollegin Angelina Meehan einen eigenen Channel gründete (Jüngere werden bemerken, dass ich mich nicht gut in dieser Medienlandschaft auskenne). Noch habe ich mich nicht allzu weit in die Vergangenheit zurückgearbeitet, aber ihre neueren Produktionen konzentrieren sich oft auf spezielle Aspekte von Filmen (und gelegentlich Fernsehserien), weniger auf die vollständige Analyse eines einzelnen Werks.

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Kennengelernt habe ich Ellis über ihre Hugo-Nominierung im aktuellen Jahr, in der Kategorie "Related Work", für ihre umfassende Analyse der Hobbit-Trilogie: The Hobbit Duology in 3 Parts. Zum ersten Mal habe ich mich benüßigt gefühlt, für diese Kategorie eine Stimme abzugeben, da ich dank des Voteres Package auch zwei weitere Beiträge gelesen habe: Jo Waltons informativ-unterhaltsame Informal History of the Hugos und Ursula LeGuins kluge Conversations on Writing. Gewonnen hat schließlich ein Regenbogen-Projekt, wie man überhaupt in diesem Jahr von den Regenbogen-Hugos sprechen kann, mit Entscheidungen, die ich persönlich absolut nicht unterschreiben kann.



Das Hobbit-Projekt fußt auf Ellis' Liebe für die HdR-Trilogie, die ihre Generation ähnlich geprägt hat wie Star Wars (oder in meinem Fall eher Star Trek) die meine. Umso größer ihre Enttäuschung über Peter Jacksons Mittelerde-Folgeprojekt. Minutiös und doch unterhaltsam erklärt sie die turbulente Entstehungsgeschichte und die verheerenden künstlerischen Konsequenzen. Für den dritten Teil ist sie dann sogar (allein, nur in Begleitung von Angelina) nach Neuseeland gereist und hat u.a. ein aufschlussreiches Interview mit John Callen geführt. Und dass dieser Name niemandem etwas sagt, spricht schon für sich, denn Callen war in der Rolle von Oin zu sehen, eines jener Zwerge, die in der Trilogie mehr und mehr zu Statisten degradiert wurden. Im Gespräch geht es vor allem um die Ausbeutung neuseeländischer Fachkräfte und das erpresserische Vorgehen der US-amerikanischen Studios, die schließlich die Bildung von Gewerkschaften verhindern und gleichzeitig noch etliche Millionen zusätzliche Steuerersparnisse bei der neuseeländischen Regierung durchdrücken konnten. Ellis' Urteil über die Hobbit-Trilogie fällt deutlich drastischer aus als meines, der ich in meiner Naivität bis zum Schluss noch gehofft hatte, dass sich zumindest eine abgerundete Geschichte aus dem Chaos schälen würde. Na ja, im Zweifel sind die Hormone Schuld, wenn ich Tauriel mochte...



Ausgehend von der Hugo-nominierten Duology habe ich mich also mal ein bisschen umgeschaut und war zunächst erschrocken von den vorherrschend behandelten Themen der letzten Jahre. Zunächst einmal hat Ellis diese Faszination mit Disney, insbesondere Disney-Trickfilmen der letzten 30 Jahre. Sie erklärt das selbst in ihrer Q&A damit, dass dies Thema ihrer ersten Seminare an der Filmhochschule war. Übrigens sind ihre Essays auch dann sehenswert, wenn man den speziellen Film selbst nicht gesehen hat oder auch je sehen möchte (etwa jener über den Glöckner von Notre Dame). Besonders aufschlussreich sind auch die kulturelle Einordnung bezüglich Rassismus- und Feminismusfragen (ohne dass das aufdringlich dogmatisch wird) und ihre Hintergrundinformationen zu den Vorgängen im Studio. Hervorzuheben ist ihr vernichtender Blick auf das Remake von Beauty and the Beast, und dabei erwähnt sie noch nicht einmal die überproduzierten, seelenlosen Neuaufnahmen der ursprünglich hübschen Lieder.



Ellis' zweite Obsession gilt merkwürdigerweise ... den Transformern. Es mag an traumatischen Kindheitserlebnissen liegen, sie scheint sich auch mit dem zugehörigen Spielzeug (eigentlich die Quelle der Tragödie) und den Comics auszukennen. Jedenfalls kann es kaum ein größeres Opfer für die Filmwissenschaft geben, als Michael Bays Transformer-Filme freiwillig mehrfach anzuschauen, wie es wohl notwendig war für ihre Reihe The Whole Plate (Transformers und Filmwissenschaften), in der sie jeweils ein theoretisches Konstrukt anhand dieser Blockbuster erörtert. Am besten hat mir dabei die Feminismus-Episode The Male Gaze gefallen, die sehr anschaulich erklärt, wie der Regisseur den Inhalt von Dialogen und Handlung untergräbt, indem er die Kamera auf die Schauwerte von Megan Fox fokussiert. Weniger gelungen vielleicht die Abhandlung über Marxismus, die doch sehr an der Oberfläche bleibt. Und dann vergleicht Ellis noch Star Wars mit der faschistischen Ästhetik von Leni Riefenstahl...



Neben diesen beiden Schwerpunkten gibt es natürlich auch immer wieder Essays zu anderen Filmen, die Ellis entweder angesprochen oder auch angewidert haben. Manchmal vermisse ich allerdings eine Leidenschaft für ihre Subjekte, ob positiv oder negativ. Selten gerät sie ins Schwärmen, meist verpackt sie ihre Gefühle in Ironie. Begeisterung ist am ehesten in ihrem Beitrag zu Guardians of the Galaxy, Vol. 2 zu bemerken, ein Film, der sie offenbar auf sehr persönlicher Ebene angesprochen hat. Manchmal versteckt sie sich auch hinter neutraler Theorie, etwa wenn sie in My Monster Boyfriend auf eine Wertung des Anlasses, nämlich The Shape of Water, komplett verzichtet und sich stattdessen in den Tiefen der (Horror-)Filmgeschichte verliert. Auf der anderen Seite kann sie vernichtend gut erklären, warum Bright der schlechteste Film der letzten zehn Jahre ist, übrigens ohne ein einziges Mal den Autor Max Landis zu nennen. Das ist natürlich Sarkasmus, sei es aufgrund seines schlechten Benehmens im Zuge der #MeToo-Bewegung oder weil eigentlich nur das Outline von ihm stammt und dann von Regisseuer David Ayer komplett verhunzt wurde. Jedenfalls stimme ich vollständig mit Ellis' Analyse überein und hatte doch auch beim zweiten Sehen großen Spaß am Netflix-Hit.



Ellis' Erfolg (mit momentan fast 800.000 Abonnenten und schon mal mehreren Millionen Abrufen pro Video) beruht natürlich auch auf ihrer Präsentation, dem satirischen Ton und dem cleveren Schnitt ihrer Co-Autorin Angelina Meehan. Wenn Ellis ein Aspekt besonders stört, hat sie eine patentwürdige Art sich zu winden etabliert. Anderseits kann sie in kürzester Zeit eine Höllenvielfalt von Informationen vermitteln. Dabei finde ich ihre Schneewittchen-Ästhetik eher zweifelhaft, mir gefällt Lindsay besser bei Aufnahmen außerhalb des Studios, mit natürlicher Hautfarbe, etwa in der örtlichen Cheese Factory (die offenbar in der Big Bang Theory katastrophal misrepräsentiert ist). Im genannten Auftritt erklärt sie übrigens das Thema Fair Use und Product Placement, welches natürlich auch zu ihrem Geschäftsmodell gehört Aber auch dies ist bei Ellis mit feiner Ironie gewürzt, wenn sie im jüngsten Video etwa wieder ihre Funyans futtert oder zum Ende auf die ihrer Faulheit entgegenkommenden Audible-Optionen von Amazon zu sprechen kommt. Schlussendlich will und soll sie natürlich auch Geld verdienen, und wer würde es ihr verübeln - insbesondere, wenn so aufschlussreiche Beiträge wie ihre jüngste Duologie zu Games of Thrones dabei rauskommt. Die sollte man übrigens wirklich erst nach der letzten Staffel anschauen!




Wem übrigens die beiden Episoden zu lang sind, gibt es hier eine kürzere, wenngleich etwas trocken erzählte Analyse aus einem anderen Channel, von Daniel Netzel (selbstverständlich ebenfalls mit Spoilern):


Samstag, 24. August 2019

Aus der Klamottenkiste gestreamt: Matchstick Men ("Tricks", 2003: 8/10)

Durch den Siegeszug des Streamingmarktes gibt es inzwischen viele ältere Filme aus der zweiten Reihe, die gar nicht mehr oder (wie gerade Addams Family Values) nur nachgelagert als Blu-ray veröffentlicht werden. Dafür kann man sie oft bei iTunes oder Amazon Prime für kleines Geld in HD-Qualität erstehen (wenn sie gerade nicht per Flatrate erhältlich sind). Man muss allerdings achtgeben, ob die Originalversion mitgeliefert wird (das ist leider wie in den Anfangszeiten von DVDs nicht selbstverständlich). Da ich nicht auf die Apple-App für meinen LG-Fernseher warten wollte, habe ich mir also zähneknirschend ein Apple TV danebengestellt und besitze inzwischen mehr digitale Filmkopien als DVDs. So habe ich etwa Shazam! fürs Heimkino bei iTunes gekauft, mit Dolby Vision, Dolby Atmos und 90 Minuten unterhaltsamen Extras. Aber mehr noch als bei aktuellen Filmen bieten die Anbieter eine Fundgrube für vergessene ältere Filme. Beim mauen Angebot des modernen Kinos finde ich immer mehr Trost beim Griff in die Klamottenkiste.



Matchstick Men sind Con-Artists, Trickbetrüger, was auch ein besserer deutscher Titel gewesen wäre als das schnöde Tricks. Roy (Nicolas Cage) und sein Protegé Frank (Sam Rockwell) gehören zu den besten ihres Fachs. Sie nehmen Geld von den Gierigen und verteilen es an die Bedürftigen (im Verhältnis 50/50). Abgesehen von diesem zweifelhaften Berufsethos könnten sie als Persönlichkeiten allerdings nicht unterschiedlicher sein. Frank ist ein extrovertierter, impulsiver Lebemann, Roy dagegen ein von Neurosen geplagter Einzelgänger mit Hygienefimmel. Das ändert sich allerdings, als die 14jährige Angela (Alison Lohman) in sein Leben tritt, eine Tochter aus einer vor langer Zeit gescheiterten Beziehung, über deren Existenz er bislang höchstens heimlich spekuliert hatte. Sie trägt Unruhe in sein Leben, Schmutz auf den Teppich und Fastfood in die Küche. Nicht dass Roys bisherige Diät gesünder war, trotz all der guten Inhaltsstoffen von Dosen-Thunfisch. Aber mithilfe seines neuen Therapeuten (Bruce Altman) beginnt er an der neuen Vaterrolle aufzublühen. Es sieht so aus, als ob jede Änderung in Roys Routine eine Besserung sein könnte. Er lässt sich sogar von Frank breitschlagen, endlich wieder einen größeren Coup zu wagen. Der dann natürlich gehörig schief geht: Wer schwimmen geht, muss damit rechnen, nass zu werden.

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Matchstick Men war 2003 ein Flop an den Kinokassen, was ich wie so oft nicht so recht verstehe. Roger Ebert schrieb eine begeisterte ****-Rezension (seine Höchstwertung), aber die meisten Kritiker störten sich entweder an den Plotmechanismen (für mich funktioniert der Film allerdings auch noch, wenn man die Twists kennt) und der Darstellung von Nicolas Cage als psychisch labilem Sonderling. Wann immer solche psychischen Störungen ("mental illness") im Film porträtiert werden, gibt es extrem unterschiedliche Reaktionen und unversöhnliche Meinungen. Zum einen wird erwartet, dass die Störung repräsentativ für eine Patientengruppe ist, zum zweiten wird dem Darsteller schnell vorgeworfen zu chargieren. Sie wird nicht korrekt dargestellt, sie wird nicht ernstgenommen, sie wird übertrieben, das Porträt ist nicht typisch. Hier ist meine Meinung: Es gibt keine korrekte Art, eine solche Störung darzustellen. Jedes Krankheitsbild ist individuell, weder Neurotiker noch Autisten lassen sich über einen Kamm scheren. Wichtig ist mir die Konsistenz innerhalb der Erzählung. Und so verstehe ich nicht, warum das Publikum Jack Nicholson in Besser geht's nicht und Tom Hanks in Forrest Gump liebt, nicht aber Sigourney Weaver in Snow Cake oder Ben Affleck in The Accountant. Na ja, Zuschauer sind im Idealfall so individuell wie die Protagonisten.

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Uno, dos, tres. Was Matchstick Men betrifft, find ich, dass Nic Cage Roys Neurosen sogar klug unterspielt. Regisseur Ridley Scott unterstützt den Effekt oft mit raffinierten Kamera- und Schneide-Tricks. Wunderbar auch die kontrastierende Musikauswahl, etwa mit Sinatra-Liedern (Roy besitzt natürlich eine Vinyl-Sammlung). Es ist auch spaßig, Sam Rockwell (Three Billboards) in einer frühen Rolle zu sehen, kurz nach seinem herrlichen Auftritt als Redshirt in Galaxy Quest. Kein falscher Lotteriegewinn war auch das Casting der 23jährigen (!) Alison Lohman, die die 14jährige Angela verblüffend authentisch spielt, nur mit Zöpfen und einer Zahnspange ausgestattet. Sie ist inzwischen wohl zweifache Mutter, konzentriert sich laut IMDB auf  "Coaching" und nimmt nur noch gelegentlich Rollen an - schade!

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Wie ich schon mehrfach ausgeführt habe, ist die Filmographie von Regisseur Ridley Scott recht durchwachsen. Trotzdem ist es schade, dass es nie für den Regie-Oscar gereicht hat (nicht einmal bei Gladiator konnte sich die Akademie für ihn entscheiden). In den letzten 20 Jahren gefielen mir eher seine "kleinen" Filme, neben Matchstick Men vor allem Ein gutes Jahr (2006), eine schöne Romanze zwischen Russell Crowe und Marion Cotillard. Tricks ist bei iTunes und Amazon für kleines Geld (momentan 3,99 Euro) in HD mit OV erhältlich, in guter Bild- und Tonqualität. Sehr gut (8/10).

Klassische Rezension: Galaxy Quest (2000)

Die meisten Parodien scheitern daran, daß sie zwar einen Gag nach dem anderen liefern, den Zuschauer aber nicht über die ganze Filmlänge hinweg bei der Stange halten können. Um dies zu vermeiden, ist eine eigenständige Handlung nötig, die eine solide Grundlage bietet. Dies ist in Galaxy Quest gelungen - und dies gleich auf mehreren Ebenen. Das Abenteuer selbst hat durchaus das Niveau einer durchschnittlichen Star-Trek-Folge. Doch wie in der Serie ist die äußere Handlung weniger wichtig als die Herausforderungen, die sich daraus für die Figuren ergeben. "Captain" Tim Allen lernt, daß er ohne seine Crew nichts wert ist; und "Alien" Alan Rickman gewinnt seine Selbstachtung zurück. Nebenbei darf Allen hemmungslos die Shatner-Kampftechnik demonstrieren, Sigourney Weaver ausführlich Blödsinn von sich geben, das Crewmitglied ohne Nachnamen um sein Leben bangen. Diejenigen Fans, die das Schiff besser als die Produktionsdesigner kennen, bekommen genauso ihr Fett weg wie die Werbebranche, die den Rummel geschickt vor ihren Schlitten spannt. Und bei exzellenten schauspielerischen Leistungen und einem guten Script sei es auch gestattet, sich an den grandiosen Spezialeffekten zu erfreuen. Nach dem Abspann möchte man am liebsten den Omega 6.000 starten, um den Film gleich nochmal zu genießen (8/10).

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Samstag, 6. Juli 2019

Spidey in Europa: Far From Home (8/10)

Nach einigen faden Beiträgen gibt es pünktlich zum US-amerikanischen Nationalfeiertag doch noch ein Comic-Feuerwerk. Das war auch notwendig nach dem dilettantischen Hellboy-Remake, das auch von Paul W. S. Anderson hätte stammen können (inklusive Auftritt seiner Ehefrau Milla Jovovitch), sowie Dark Phoenix, dem abschließenden, arg oberflächlichen X-Men-Abenteuer von Sony, ein Universum, das nun ebenfalls in Disney aufgeht (oder untergeht?) Ganz zu schweigen vom uninspirierten vierten Teil der Men in Black, das durch seine sympathischen Darsteller immerhin einen soliden Unterhaltungswert bot. Aber wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die letzte Fußnote zur Avengers-Phase 3 nochmal einen Höhepunkt liefern würde? Noch besser hätte es mir allerdings gefallen, wenn die Geschichte wirklich in sich abgeschlossen wäre und nicht nach den Credits noch zwei Megatwists geliefert hätte, die mir den Spaß ziemlich versauert haben. Aber es muss ja noch eine Phase 4 geben...

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Für die Amerikaner ist offenbar Europa viel weiter von zu Hause entfernt als etwa Titan, Heimatplanet von Thanos, auf dem sich Spidey nach dem zweiten Snap ja wohl eigentlich gestrandet hätte wiederfinden müssen? Stattdessen gibt es einen Haufen Europa-Klischees: das romantische Venedig, das malerische Prag, freundliche Niederländer, umtriebige Londoner, und mal wieder den Berliner Hauptbahnhof (wird der eigentlich jedesmal neu abgefilmt, oder gibt es Archivmaterial, aus dem sich Hollywood bei Bedarf bedient?) Sei's drum, es macht einfach Spaß, Peter Parker, Ned, MJ und Kumpanen auf Klassenfahrt zu begleiten. Natürlich nicht unbeobachtet, dafür sorgen Nick Fury und sein Sidekick Maria Hill (erfreulich, dass Cobie Smulders diesmal etwas länger zu sehen ist). Und Samuel L. Jackson ist mit seinen 70 Jahren immer noch in Hochform: Seine Blicke können töten, seine Sprüche foltern (Ned kommt dabei gut weg, er wird nur in Schlaf versetzt). Und das alles mit nur einem Auge (wer sich von ihm ohne Augenklappe bespaßen lassen will, dem sei die hübsche, allerdings auch blutige Buddy-Komödie The Hitman's Bodyguard empfohlen).

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Und dann gibt es noch das größte Spannungselement des Films: Was passiert zwischen Tante May (Marisa Tomei) und Happy (Jon Favreau)? Letzterer taucht jedenfalls immer wieder auf, auch wenn er die Vaterfigur nicht so draufhat. Es ist unklar, woher er seine Ressourcen hat - arbeitet er jetzt für SHIELD oder gehört sein Jet Stark Industries (sprich: Pepper Potts)? Aber wie man das von Happy gewohnt ist, kann er am Ende nicht mal einen Speer von einer Hellebarde unterscheiden. Ein weiteres Rätsel hat den passenden Namen Mysterio. Jake Gyllenhaal spielt nach mehreren moralinsauren Rollen endlich mal wieder locker auf (Fun Fact: 1991 war er in City Slickers Billy Crystals Sohn). Der Soldatenheld aus einer Paralleldimension entpuppt sich als geschickterer Mentor des jungen Peter Parker als Nick Fury, mit unvorhersehbaren Folgen...

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Dem Konzept der Paralleluniversen (Multiverse) kann ich nichts abgewinnen. Mir scheint die Idee, dass sich das Universum bei jeder Entscheidung verzweigt, nur eine Entschuldigung für Beliebigkeit. Schlimmstes Beispiel hierfür ist Marvels erster Oscar-Gewinner (!), Spider-Man: Into the Spiderverse. Dieses Machwerk ist ein übelkeiterregender Brei aus Erdbeeren und Erbsen, Ananas und Pilzen. Für einen Comic ist es eine nette Idee, Spider-Man im Chandler-Stil in Schwarzweiss zu inszenieren. Eine solche Figur mit anderen farbigen Inkarnationen interagieren zu lassen ist einfach nur Schwachsinn. Und damit habe ich mich noch nicht mal über Spiderschweinchen ausgelassen, oder das Mangamädel. Der Erfolg dieses handlungsfreien Traktats für politische Korrektheit ist der beste Beleg für die zunehmende Verdummung der westlichen Gesellschaft. Zum Glück gibt es trotz anfänglicher Bedenken keine Verknüpfung dieser Gurke mit dem Avengers-Universum (Disney hat immer schon die Zeichentrickvarianten separat von den Realfilmen gehalten, siehe auch Star Wars).

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Zur Mitte des Films nimmt Spider-Man: Far From Home eine recht düstere Wende, die die Marvel-typischen Materialschlachten einleitet. Macht aber nichts, damit musste man rechnen. Der Sieg über die Schurken ist ja eine Notwendigkeit. Aber kommt es am Ende zum Kuss zwischen Peter und MJ? Spideys Flamme ist mit Zendaya übrigens perfekt besetzt. Mit 22 sehen die Jungstars nicht mehr unbedingt wie 16 aus, aber ihr Verhalten passt super. Tom Holland ist mir nach anfänglichem Unbehagen doch ans Herz gewachsen, und Neds Liebesabenteuer mit Betty ist einfach herrlich. Darstellerin Angourie Rice ist übrigens die einzige Klassenkameradin mit korrektem Alter - sie überzeugte schon in Nice Guys als Ryan Goslings kecke Tochter Holly und in der ansonsten mittelmäßigen Black-Mirror-Episode Rachel, Jack and Ashley Too.

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Wenn Far From Home weniger ein Glied in der Avengers-Kette und mehr in sich geschlossen wäre, würde er sogar dem ersten Auftritt von Tobey Maguire Konkurrenz machen können. So ist dies für mich immerhin der beste Avengers-Film seit Thor: Ragnarök, und Spider-Man entwickelt sich immer mehr vom Comic Relief zum Herz des Teams. Sehr gut (8/10).

Sonntag, 16. Juni 2019

Hugo-Finalisten 2019: Novellen und Kurzformen

Novellen

Bei den Novellen sind in diesem Jahr drei Neulinge und drei Wiederholungstäter im Rennen (nämlich die Gewinner der letzten drei Jahre).

6. Gods, Monsters and the Lucky Peach (Kelly Robson)
Eine Satire, bei der die Autorin den Witz vergessen hat. Zeitreisen als Kommerz, mit dem Handbuch für Projektmanagement statt der Bibel im Gepäck (es lebe Microsoft Project!)

5. Binti: The Night Masquerade (Nnedi Okorafor)
Der Abschluss der Trilogie, eigentlich zweiter Teil eines Romans, ist immer noch hübsch, kann aber kaum für sich allein stehen, wie ich schon im Vorjahr ausgeführt habe.

4. The Black God's Drums (Djèlí Clark)
Djèlí Clark ist zwar keine Frau, dafür aber schwarz und schwul. Die Stärke der Novelle liegen in der ethnischen Verwurzelung in einem alternativen New Orleans des 19. Jahrhunderts. Französischkenntnisse bei der Lektüre hilfreich.

3. The Tea Master and the Detective (Aliette de Bodard)
Bodard ist dieses Jahr mit ihrem Universe of Xuya, einer Reihe locker verbundener Novellen und Kurzgeschichten, auch Finalist für die Beste Serie. Vietnamesen im Weltall! Mal was anderes, aber auch anstrengend, vor allem der erste Band, "On a Red Station, Drifting". Die aktuelle Novelle "The Tea Master and the Detective" dagegen ist eine amüsante Variation des Doyleschen Rezepts, mit einer geheimnisvollen Gelehrten als Holmes und einer Raumschiff-KI als kriegsversehrtem Watson (ja, das Raumschiff brüht Tee). Gewann bereits den Nebula.

2. Artificial Condition (Martha Wells)
Die Fortsetzung der Murderbot-Memoiren ist nicht ganz so packend wie der Hugo-Gewinner vom Vorjahr, und natürlich ist der Überraschungseffekt flöten gegangen, sie macht aber immer noch Spaß. Martha Wells' "The Death of the Necromancer" habe ich allerdings nach der Hälfte wieder aufgegeben.

1. Beneath the Sugar Sky (Seanan McGuire)
Es sind einfach wunderbare, märchenhafte Geschichten, die Seanan McGuire in ihrer Reihe um die "Wayward Children" schreibt. "Unter dem Zuckerhimmel" ist eine magische Reise durch gleich mehrere Fabelwelten.

Noveletten

Hier wie bei den Kurzgeschichten fällt es mir wie immer schwer, eine Reihenfolge zu bestimmen. Die Beiträge sind übrigens auch in der Länge sehr unterschiedlich (+- 10.000 Wörter).

1. “If at First You Don’t Succeed, Try, Try Again” (Zen Cho)
Über Hartnäckigkeit, die Werdung eines Drachen und eine Art lesbische Liebe

2. When We Were Starless (Simone Heller)
Aliens treffen auf das Planetarium einer untergegangenen Zivilisation; das Führungshologramm erscheint ihnen als Geist und soll exorziert werden. Englischsprachige Geschichte einer Münchner Schriftstellerin!

3. “Nine Last Days on Planet Earth”  (Daryl Gregory)
Es regnet außerirdische Pflanzen, aber das Leben geht weiter. 

4. “The Last Banquet of Temporal Confections” (Tina Connolly)
Zutaten, die lebensechte Erinnerungen heraufbeschwören - 5D-Kino inklusive den Empfindungen der Opfer

No Award

5. "The Only Harmless Great Thing" (Brooke Bolander)
Elephantische Dystopie. Bolander ist einfach nicht mein Fall. Hat aber den Nebula gewonnen und gilt wohl als Favorit.

6. “The Thing About Ghost Stories” (Naomi Kritzer)
Meta-Geistergeschichte mit echter Geistergeschichte - leider weder gruselig noch sonstwie unterhaltsam

Kurzgeschichten

“The Secret Lives of the Nine Negro Teeth of George Washington” (P. Djèlí Clark)
 Facetten von Rassismus anhand der allegorischen neun Beutezähne des ersten amerikanischen Präsidenten. Gewann bereits den Nebula.

“The Court Magician” (Sarah Pinsker)
Pinsker hat zumindest nette Ideen. Hier geht es um einen Magier, der für jeden Zauberspruch ein Körperteil verlieren muss.

No Award

“The Tale of the Three Beautiful Raptor Sisters, and the Prince Who Was Made of Meat” (Brooke Bolander)

Für Bolander ganz amüsant, aber mir immer noch zu aggressiv feministisch.

“The Rose MacGregor Drinking and Admiration Society” (T. Kingfisher)
Rose MacGregor hat offenbar eindrucksvolle Brüste.

“A Witch’s Guide to Escape: A Practical Compendium of Portal Fantasies” (Alix E. Harrow)
Bibliothekare sind entweder Hexen oder?

6. “STET” (Sarah Gailey)
Hä?

Beste Serie

Wo ich schon mal dabei bin, hier ein paar Worte zur Besten Serie (eine Kategorie, von der ich immer noch nicht überzeugt bin). Diesmal habe ich mir ein ganz gutes Bild machen können.

1. The Laundry Files (Charles Stross)
Auch wenn ich die letzten Bände nicht mehr gelesen habe, war diese Reihe am Anfang doch ziemlich toll, wovon ich mich durch die Lektüre einer frühen Kurzgeschichte aus der Voters Package nochmals überzeugen konnte. Siehe auch meine Kritik zur Gewinner-Novelle Equoid von 2014.

2. The October Daye Series (Seanan McGuire)
Ich lese gerade Band fünf (von inzwischen 15, glaube ich), und mehr als gediegene Unterhaltung kommt immer noch nicht dabei rum. Aber na ja...

No Award

3. The Universe of Xuya (Aliette de Bodard)
Die Reihe erfüllt gerade so die geforderte Wortezahl. Das ist mir zu dünn.

4. Wayfarers (Becky Chambers)
Bestes Beispiel, warum ich die Kategorie nicht mag. Das ist einfach kein Hugo-Material. Siehe meine Gedanken zu den Roman-Finalisten.

5. The Centenal Cycle (Malka Older)
60 Jahre in der Zukunft gibt es eine Weltregierung, die in Bezirken à 100.000 Einwohnern gewählt wird. Mehr ein weltfernes politisches Manifest denn eine SF-Geschichte der Ethik-Expertin, bin ich da nicht reingekommen.

6. Machineries of Empire (Yoon Ha Lee)
 Die bisherigen drei Romane sind alle unter die Finalisten gekommen. Warum? Ist mir schleierhaft.

Samstag, 25. Mai 2019

Valar morghulis

Menschen denken in Geschichten.

So Tyrion Lannister, schillerndste Fernsehfigur der letzten zehn Jahre, und wer wollte ihm widersprechen? Auch wenn seine Weisheit als Hand der Königin doch arg gelitten zu haben scheint.

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Menschen tendieren dazu, Geschichten nach ihrem Ende zu beurteilen, dem Ausgang. Am beliebtesten ist das Happy End ("und wenn sie nicht gestorben sind...") Dieses Prinzip wird auch gern auf die Realität angewandt. Eine nach zwanzig Jahren geschiedene Ehe gilt als gescheitert, auch wenn sie vielleicht 18 Jahre lang glücklich war, bis die Partner sich auseinander gelebt haben. Ein Kriegsverbrecher bekommt mit 90 Jahren doch noch seine gerechte Strafe, auch wenn er bis dahin den Häschern entkommen konnte. Und umgekehrt: Hauptsache, man versöhnt sich vor dem Tode noch mit seinen Angehörigen, auch wenn man sich zuvor jahrzehntelang nur gezankt hat.

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Wie das Leben, so sind auch die besten Geschichten nicht derart schematisch. Und wer erinnert sich schon daran, wie die Odyssee endet? So kann mir auch eine lausige achte Staffel die Freude an Game of Thrones nur kurzzeitig nehmen. Übrigens ist nicht der Ausgang an sich lausig, sondern nur die Art, wie D&D (David Benioff und Daniel B. Weiss) darauf hinarbeiten. Die Scripte der finalen Staffel wirken so, als ob sie per Malen nach Zahlen entstanden sind. Erst wurden die Eckpunkte definiert, und dann hat man sie dilettantisch verbinden lassen. Das Dilemma Gärtner vs. Architekt haben andere schon ausführlich erhellt. Leider führt die Vorgehensweise dazu, dass jegliche emotionale Bindung zu den Figuren verlorengeht. Lediglich in der zweiten Episode (A Knight of the Seven Kingdoms) gab es ein paar rührende Momente. Entgegen den IMDB-Wertungen ist die allerletze Episode dann für mich nicht die schlechteste (ich würde sie mit 6/10 bewerten), aber insgesamt sind die Zuschauermeinungen vernichtend und können von D&D auch nicht auf Dauer geleugnet werden (auch wenn trotz 1,5 Millionen Unterzeichnern der Petition die achte Staffel nicht neu gedreht werden wird). D&D selbst haben offenbar soviel Plot Armour angehäuft, dass sie nun mit der Fortsetzung der Star-Wars-Saga beauftragt wurden. Noch ein Projekt, das mich nicht die Bohne interessiert.

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Der Titel der Abschlussfolge, The Iron Throne, sagt eigentlich schon alles. Game of Thrones war in der Buchreihe A Song of Ice and Fire nur der Titel des ersten Bandes. Es ging in der Saga nie darum, wer am Ende auf dem eisernen Thron landet. So gehen in der letzten Staffel auch alle Metaphern flöten. Die Bedrohung durch die White Walkers kann schließlich auch als Personifizierung einer Klimakatastrophe interpretiert werden, die von den Menschen inmitten ihrer Machtintrigen ignoriert oder sogar instrumentalisiert wird ("Das Chaos ist eine Leiter!") Davon bleibt am Ende leider nichts übrig (und müssten wir am Ende nicht immer noch Winter haben?) Und auch wenn Meister Martin Fantasy-Konventionen untergraben will, muss Foreshadowing doch einen Payoff haben (sorry für die Anglizismen). In Hardhome sieht der Nachtkönig in Jon Snow wenn nicht einen gefürchteten Targaryen, dann zumindest einen ernstzunehmenden Gegner (erst recht, nachdem dieser durch Melisandre von den Toten erweckt wurde). Leider verraten D&D diese spannende Beziehung zugunsten einer Teenager-Romanze. Und auch wenn man Prophezeiungen und Mythen durchaus als Humbug entlarven darf, ergibt die Geschichte des dreiäugigen Rabens am Ende keinen Sinn. Vielleicht existiert dieser in den Köpfen von D&D, er ist am Bildschirm aber nicht zu erkennen. Auch wenn es genug Fans gibt, die uns das nachträglich zu erklären versuchen - es gilt das gesprochene Wort (bzw. das gezeigte Bild).

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So reiht sich Game of Thrones ein in die Top-Serien mit schwachem Finale und ist damit in guter Gesellschaft: Die zweite Staffel von Twin Peaks war durchwachsen bis zum fulminanten Ende, zu dem sich Schöpfer Mark Frost und David Lynch noch einmal zusammenrauften. The West Wing bot nach dem Weggang von Aaron Sorkin nur noch ein Schattenkabinett, Buffy hätte besser nach Staffel 5 geendet (auch wenn wir dann auf das Geschenk Once More, With Feeling hätten verzichten müssen). Auch Lost wird gern zum Vergleich herangezogen, aber dessen Ende hat mich persönlich nicht besonders gestört (die offensichtliche Erklärung war für mich durchaus ausreichend). Bei den besten Fernsehserien geht es halt nicht um das Ziel, sondern um die Reise und die Wegbegleiter. Und  in dieser Hinsicht wird Game of Thrones lange unübertroffen bleiben.

Valar dohaeris.

Samstag, 4. Mai 2019

Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019

Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:

1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.

2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)



Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.

3. Space Opera (Catherynne M. Valente)



Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.

No Award

4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)



Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.

5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)



Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.

6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...

Samstag, 27. April 2019

Avengers: Endgame (7/3000)

Avengers: Endgame konzentriert sich auf die Ursprungs-Avengers und gibt ihnen einen würdevollen Abgesang. Captain Marvel hat eine überraschend kleine Rolle (aber trotzdem drei Frisuren) und spielt auch NICHT die befürchtete Dea ex machina. Was ist mit Thanos? Ohne zuviel zu verraten: Da der Titan das Hinspiel gewonnen hatte, muss er diesmal gleich zwei Rückspiele verlieren.

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Das Endspiel hat drei Halbzeiten, als da wären:

1. "The Revenge of the Avengers", oder "Die Suche nach Ant-Man", oder "The Day After" (dieser Tag dauert allerdings fünf Jahre). Hawkeye lässt seinen inneren Badass raus, Thor trinkt sich einen Bierbauch an, Steve Rogers gründet die Anonymen Hinterbliebenen, Romanoff gibt die zweiäugige Furie, Iron Man wird zum (3000fach geliebten) Familienmensch, und der Hulk - ist sich endlich grün. Der Rest ist Staub...

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2. "Zurück in die Zukunft" (nur ohne Gitarrensolo) - der Film mit den Walen. Nur dass diesmal die Unendlichkeitssteine die Rolle der Buckelwale übernehmen. Tony und Thor treffen verstorbene Familienmitglieder, der Hulk bekommt die Doktor-Seltsam-Lektion, Captain America infiltriert Hydra, Nebula prügelt sich mit sich selbst, Romanoff und Barton entdecken ihre Gefühle füreinander. Niemand möchte ein Selfie mit Scott Lang.

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Ein Paradoxon kann selbst Kevin Feige nicht lösen: Von Jarvis kannten wir bisher nur die Stimme. Paul Bettany sprach Tony Starks KI, und als diese mit Ultron verschmolz, wurde Bettany zu Vision. Das Vorbild von Jarvis war Howard Starks Butler. Den konnte man aber nicht mehr mit Bettany besetzen, also bediente man sich ausnahmsweise bei der leider nach zwei Staffeln abgesetzten Fernsehserie (pfui) Agent Carter und zog James D'Arcy aus dem Zylinder. Als Howard Stark selbst ist aber (wie in den Vorgängerfilmen) John Slattery zu sehen und keineswegs Dominic Cooper. Alles klar? Wenigstens Hayley Atwell bleibt eine Konstante.

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3. "Vom Winde verweht", oder "Die Rückkehr der Jung-Avenger". Hat irgend jemand geglaubt, das würde nicht passieren? Nicht nur, dass bereits im Juli mit Spider-Man: Far From Home die Coda der MCU-Phase III mit dem jüngsten Avenger anläuft (dessen Schulabschluss sich wohl um fünf Jahre verschoben hat), auch Fortsetzungen von Black Panther und Doctor Strange sind von der Disney-Buchhaltung fest eingeplant. Und für das Solo-Abenteuer "Rocket, Guardian of the Galaxy" hätte Disney James Gunn sicher nicht wieder angeheuert (leider müssen wir wegen dieser Komplikation noch Jahre auf Guardians 3 warten).

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Auch für die Avengers gilt die neue Diversitätsquote, und so ist der Eignungstest für schwarze Helden getürkt. Auch peinlich und manipulativ: Captain Marvel stöhnt: "Das schaffe ich nicht allein", und schon scharen sich all die über zehn Jahre und 22 Filme etablierten weiblichen Helden um sie. Als da wären - äh - Gwyneth Paltrow mit modischem Helm, die Damenriege mit den unaussprechlichen Namen aus Black Panther, die Walküre (Tessa Thompson - yay!) auf ihrem fliegenden Pferd Aragorn (haha), die Guardiandame mit den Antennen, die rote Hexe, die Wespe. War's das? Vielleicht - mehr möchte ich nicht spoilern...

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Für sich allein ist Avengers: Endgame ein heilloses Chaos, das keiner vernünftigen Dramaturgie folgt und ein Netz von Logiklöchern webt. Trotzdem bietet es drei recht kurzweilige Stunden. Und als Abschlussfilm für einige Alt-Avenger entlockt es auch den hartgesottensten Fans ein paar Tränen und ist bis dahin vor allem eine Retrospektive der MCU-Phasen I - III. Ehrenvoll ist immerhin das Fehlen einer Post-Credit-Szene. Auf das Teasern zukünftiger Bedrohungen wird diesmal verzichtet. Stattdessen steuert jeder der sechs ursprünglichen Avenger sein Autogramm bei. Einige werden wir wohl trotzdem in Zukunft wiedersehen, andere höchstens in Rückblenden. Mehr darf ich hier nicht verraten. Ach ja, die Bewertung. Keine Ahnung. Wie beim Vorgänger entscheide ich mich für einen Mittelwert. Gut (7/10).

Samstag, 6. April 2019

Kein Remake von Oli7er! - Shazam! (6/10)

So sehr ich auch Comicverfilmungen mag - es gibt viele Comicserien, die ich nie gelesen habe, und noch mehr Comichelden, von denen ich nie etwas gehört habe. Zu letzteren gehört definitiv Shazam - der 14jährige Lausbube Billy, der sich mittels des Zauberworts in den trotz Cape unzerstörbaren Muskelprotz Captain Marvel verwandeln kann. Aber Verzeihung, diesen Namen hat Marvel seinem Rivalen DC verbieten lassen. Auch wenn Billys Kumpel Freddie im Minutentakt neue Vorschläge macht ("Captain Sparklefingers"), bleibt es bei: Shazam.



Hat man das oberflächliche Waisendrama der ersten halben Stunde überstanden (das im obigen Trailer ganz gut zusammengefasst ist), beginnt die Geschichte doch Spaß zu machen. Wie im 50 Jahre alten Oscar-Gewinner Oliver! (Dickens' Oliver Twist als Musical) bewegt sich die Mischung aus Drama und Tanz (bzw. Superhelden-Action) hart an der Grenze zur Albernheit. Aber das DC-Universum kann die Komikspritze ganz gut vertragen. Ein spritziger Aquaman allein kann die bleierne Bedeutungsschwere der bisherigen Batman- und Superman-Geschichten nicht ausgleichen (vom Dark Knight ganz zu schweigen).

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Als Shazam ist Zachary Levi ganz in seinem Element. Den unbeholfenen Charme des Teenagers im Erwachsenenkörper hat er im Grunde schon als Chuck perfektioniert. Den Körper hat er allerdings inzwischen mit reichlich Muskeln angereichert (auch wenn der Spandex-Anzug keinen freien Blick erlaubt). Diese neue Statur war bereits in seiner Gastrolle in The Marvelous Mrs. Maisel ein großes Geheimnis: Woher hatte ein vielgefragter Chirurg in den 50ern Zeit für Bodybuilding?

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Ziemlich humorlos agiert dagegen Kingsmans Merlin Mark Strong als Billys Widersacher. Die Zweikämpfe der beiden fliegenden Blitze erinnern zudem an Superman vs. Zod. Die eigentlichen Bösewichte sind ohnehin die sieben Todsünden, hier materialisiert als wolkig-amorphe Kreaturen ohne Kontur. Es wäre doch eigentlich naheliegend gewesen, ihre Symbolik mit den Schwächen der Waisenkinder zu verknüpfen und den Sieg im bombastischen Finale damit auch zum Sieg über ihre Laster zu gestalten. Stattdessen bekommen wir die übliche Prügelei, allerdings mit einem netten Twist, den zumindest ich nicht erwartet hätte, und überdeutlicher Betonung der Familienwerte. Finchers Se7en war hier offenbar kein Vorbild.

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Ansonsten bleiben die Darsteller recht blass, in schematisch angelegten Figuren. Die Pflegeeltern (Cooper Andrews aus The Walking Dead und die Spanierin Marta Milans) sind überperfekt, die Kinder meist erträglich. Asher Angel als Billy und Jack Dylan Grazer als Freddie sind ok, wobei Freddie so manche Szene stiehlt. Ansonsten gibt es das übergewichtige Kind, das hyperaktive Kind, das forsche Kind und eine 17jährige Harvard-Aspirantin, die mal wieder dem Hollywood-Klischee von Nerdigkeit entspricht, indem die 21jährige Darstellerin Grace Fulton keine klassische Schönheit ist, sondern eine interessante Schönheit.

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Meine Meinung weicht mal wieder vom Kritikerspiegel ab, der Shazam! auf einen Podest hebt, auf dem dieser nette, aber deutlich zu lange Film nichts zu suchen hat. Ich ermutige durchaus zum Kinobesuch, werde ihn mir im Heimkino auch nochmals anschauen, aber zum Oscar-Gewinn wird es trotz des Rufzeichens nicht ausreichen, und DC tritt meines Erachtens eher auf der Stelle. Ordentlich (6/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Klassische Rezension: Se7en (1995, 6/10)



Eine packende, originelle Geschichte, mit Schwächen in der Charakterisierung der Figuren. Leider fehlen Fincher sowohl Vorstellungskraft als auch das Gefühl für Schauspieler und Dialoge, um daraus ein Meisterwerk zu machen. Ein Beispiel dafür ist die nichtssagende erste Begegnung der beiden Cops. Ein weiteres, gravierenderes die mißlungene Darstellung der  Beziehung des jungen Polizisten zu seiner Frau, die ja ein wichtiges Element für die Handlung ist. Wenn man jedoch die Liebe zweier Menschen durch einen trivialen Dialog zeigen muß ("Ich liebe dich wahnsinnig" - "Ich weiß"), zeugt das schon von viel Hilflosigkeit des Regisseurs. Auch der große Morgan Freeman weiß seiner Rolle keine Tiefe zu verleihen - als einziger beeindruckend ist Kevin Spacey als kühler Psychopath. Und wenn sich keine Sympathie für die Charaktere entwickelt, ist dem Zuschauer der Ausgang der Geschichte auch schon fast egal. Was bleibt, ist eine gute Grundidee, die einigermaßen spannend, wenn auch ohne Zuspitzung auf die Höhepunkte, ziemlich konventionell verfilmt wurde - die offenbar für Fincher typische negative Grundhaltung scheint aber eine große Fangemeinde anzuziehen. Die eigentlich passende "7" als Bewertung kann ich  leider nicht vergeben.

Klassische Rezension: Oliver! (1968, 7/10)


Erstaunlich, wie man aus einem so umfangreichen, komplexen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Roman ein solches amüsantes Nichts produzieren kann. Ich glaube nicht, daß Charles Dickens besonders glücklich mit dieser oberflächlichen Verfilmung gewesen wäre; die Musik plätschert so dahin, kaum ein Song bleibt im Gedächtnis haften, und der historische Hintergrund ist derart romantisiert, daß man sich in ein Märchen versetzt fühlt. Das ist natürlich auch eine Funktion von Musicals (dieses war übrigens das letzte, das den Oscar für den besten Film ergattern konnte). Und um nun auch Positives zu nennen, gibt es schon etliche sehenswerte Choreographien (Ehren-Oscar für Onna White), charmante Lausbuben (vor allem Jack Wild als "The Artful Dodger") und einen überragenden Ron Moody als Mr. Fagin. Er allein ist das Zuschauen (und Zuhören) wert, seine Auftritte haben die Spritzigkeit, die dem Film insgesamt fehlt, in ihm wird eine Dickenssche Karikatur lebendig. Gut auch Shani Wallis als Nancy, nicht so überzeugend dagegen Oliver Reed als Bill Sikes. Carol Reed hat seinen Oscar zwar zu Recht, aber (wie das so oft passiert) für den falschen Film erhalten (7/10).