Suche im Blog

Samstag, 25. Mai 2019

Valar morghulis

Menschen denken in Geschichten.

So Tyrion Lannister, schillerndste Fernsehfigur der letzten zehn Jahre, und wer wollte ihm widersprechen? Auch wenn seine Weisheit als Hand der Königin doch arg gelitten zu haben scheint.

Embed from Getty Images

Menschen tendieren dazu, Geschichten nach ihrem Ende zu beurteilen, dem Ausgang. Am beliebtesten ist das Happy End ("und wenn sie nicht gestorben sind...") Dieses Prinzip wird auch gern auf die Realität angewandt. Eine nach zwanzig Jahren geschiedene Ehe gilt als gescheitert, auch wenn sie vielleicht 18 Jahre lang glücklich war, bis die Partner sich auseinander gelebt haben. Ein Kriegsverbrecher bekommt mit 90 Jahren doch noch seine gerechte Strafe, auch wenn er bis dahin den Häschern entkommen konnte. Und umgekehrt: Hauptsache, man versöhnt sich vor dem Tode noch mit seinen Angehörigen, auch wenn man sich zuvor jahrzehntelang nur gezankt hat.

Embed from Getty Images

Wie das Leben, so sind auch die besten Geschichten nicht derart schematisch. Und wer erinnert sich schon daran, wie die Odyssee endet? So kann mir auch eine lausige achte Staffel die Freude an Game of Thrones nur kurzzeitig nehmen. Übrigens ist nicht der Ausgang an sich lausig, sondern nur die Art, wie D&D (David Benioff und Daniel B. Weiss) darauf hinarbeiten. Die Scripte der finalen Staffel wirken so, als ob sie per Malen nach Zahlen entstanden sind. Erst wurden die Eckpunkte definiert, und dann hat man sie dilettantisch verbinden lassen. Das Dilemma Gärtner vs. Architekt haben andere schon ausführlich erhellt. Leider führt die Vorgehensweise dazu, dass jegliche emotionale Bindung zu den Figuren verlorengeht. Lediglich in der zweiten Episode (A Knight of the Seven Kingdoms) gab es ein paar rührende Momente. Entgegen den IMDB-Wertungen ist die allerletze Episode dann für mich nicht die schlechteste (ich würde sie mit 6/10 bewerten), aber insgesamt sind die Zuschauermeinungen vernichtend und können von D&D auch nicht auf Dauer geleugnet werden (auch wenn trotz 1,5 Millionen Unterzeichnern der Petition die achte Staffel nicht neu gedreht werden wird). D&D selbst haben offenbar soviel Plot Armour angehäuft, dass sie nun mit der Fortsetzung der Star-Wars-Saga beauftragt wurden. Noch ein Projekt, das mich nicht die Bohne interessiert.

Embed from Getty Images

Der Titel der Abschlussfolge, The Iron Throne, sagt eigentlich schon alles. Game of Thrones war in der Buchreihe A Song of Ice and Fire nur der Titel des ersten Bandes. Es ging in der Saga nie darum, wer am Ende auf dem eisernen Thron landet. So gehen in der letzten Staffel auch alle Metaphern flöten. Die Bedrohung durch die White Walkers kann schließlich auch als Personifizierung einer Klimakatastrophe interpretiert werden, die von den Menschen inmitten ihrer Machtintrigen ignoriert oder sogar instrumentalisiert wird ("Das Chaos ist eine Leiter!") Davon bleibt am Ende leider nichts übrig (und müssten wir am Ende nicht immer noch Winter haben?) Und auch wenn Meister Martin Fantasy-Konventionen untergraben will, muss Foreshadowing doch einen Payoff haben (sorry für die Anglizismen). In Hardhome sieht der Nachtkönig in Jon Snow wenn nicht einen gefürchteten Targaryen, dann zumindest einen ernstzunehmenden Gegner (erst recht, nachdem dieser durch Melisandre von den Toten erweckt wurde). Leider verraten D&D diese spannende Beziehung zugunsten einer Teenager-Romanze. Und auch wenn man Prophezeiungen und Mythen durchaus als Humbug entlarven darf, ergibt die Geschichte des dreiäugigen Rabens am Ende keinen Sinn. Vielleicht existiert dieser in den Köpfen von D&D, er ist am Bildschirm aber nicht zu erkennen. Auch wenn es genug Fans gibt, die uns das nachträglich zu erklären versuchen - es gilt das gesprochene Wort (bzw. das gezeigte Bild).

Embed from Getty Images

So reiht sich Game of Thrones ein in die Top-Serien mit schwachem Finale und ist damit in guter Gesellschaft: Die zweite Staffel von Twin Peaks war durchwachsen bis zum fulminanten Ende, zu dem sich Schöpfer Mark Frost und David Lynch noch einmal zusammenrauften. The West Wing bot nach dem Weggang von Aaron Sorkin nur noch ein Schattenkabinett, Buffy hätte besser nach Staffel 5 geendet (auch wenn wir dann auf das Geschenk Once More, With Feeling hätten verzichten müssen). Auch Lost wird gern zum Vergleich herangezogen, aber dessen Ende hat mich persönlich nicht besonders gestört (die offensichtliche Erklärung war für mich durchaus ausreichend). Bei den besten Fernsehserien geht es halt nicht um das Ziel, sondern um die Reise und die Wegbegleiter. Und  in dieser Hinsicht wird Game of Thrones lange unübertroffen bleiben.

Valar dohaeris.

Samstag, 4. Mai 2019

Die Hugo-Finalisten der Kategorie Roman 2019

Irgendwie hat sich die SF-Community in eine politisch korrekte Ecke steuern lassen. Unter den 30 Finalisten in den fünf Belletristik-Kategorien sind in diesem Jahr gerade mal drei männliche Autoren dabei, dazu mit Yoon Ha Lee eine quere Person. Diese Über-Kompensation bringt allerdings aus meiner Sicht einen erheblichen Qualitätsverlust mit sich. Sie ist auch nicht auf die Hugos beschränkt: Bei den Nebulas der amerikanischen Autorenschaft ergibt sich ein ähnliches Bild. Dort ist mit Witchmark von C.L. Polk sogar ein besserer Groschenroman in der Auswahl, mit einer farblosen Liebesgeschichte zwischen zwei männlichen Wesen (aus Zeitgründen war das im Vorfeld leider mein einziger Versuch, nominierungswürdige Werke zu finden). Bei den Romanen kann ich maximal drei preiswürdige Kandidaten erkennen:

1. Spinning Silver (Naomi Novik): siehe meine ausführliche Rezension.

2. Trail of Lightning (Rebecca Roanhorse)



Rebecca Roanhorse hat im letzten Jahr mit ihrer Kurzgeschichte "Welcome to your Authentic Indian Experience™" gewonnen. Dieser erste Band einer Urban Fantasy ist auch ihr erster veröffentlichter Roman. Er spielt in einer nahen Zukunft, nachdem weite Teile der USA überschwemmt und unbewohnbar geworden sind, in einem erweiterten Navajo-Reservat. Die präzise ethnische Einordnung der Heldin ist dann auch die Stärke dieses Debuts. Ansonsten entspringt die Ich-Erzählerin leider der Standardschablone der Urban Fantasy: eine Heldin ohne Selbstachtung, aber mit überirdischen Kräften, übermächtigen Freunden und überdurchschnittlichen Popkulturkenntnissen. Eher zweitrangig, aber für eine Einführung doch stark. Wohingegen mich Seanan McGuires October Daye auch nach drei (von bislang 12) Romanen noch nicht überzeugt hat (die Reihe ist in diesem Jahr wiederum als Beste Serie im Rennen). Was lobe ich mir doch Aaronovichs Peter Grant (inzwischen immerhin vom Constable zum Detective befördert), der auch nach sieben Bänden noch keine Halbgötter in seinem Stammbaum entdeckt hat und sich auch nicht zur Weltrettung berufen fühlt.

3. Space Opera (Catherynne M. Valente)



Die Erde muss an einem intergalaktischen Musikwettbewerb teilnehmen, um den Wert der Menschheit zu belegen (die Spezie, die den letzten Platz einnimmt, wird eliminiert). Dies ist die satirisch auf die Spitze getriebene Sicht einer Amerikanerin auf den European Song Contest. Bereits in der Vorrunde gibt es freundschaftliche Attentatsversuche. Und da Yoko Ono in dieser Zukunft leider schon verstorben ist, muss die abgehalfterte Punk-Glam-Band Decibel Jones & the Zeros antreten. Das ist amüsant, aber aufgrund der poetischen Allüren der Autorin auf Dauer auch ziemlich anstrengend. Die Hälfte hätte ich gern mehr als halbwegs verstanden, und weniger als die Hälfte weiß ich nicht halb so gut zu würdigen, wie sie es verdient hätte.

No Award

4. The Calculating Stars (Mary Robinette Kowal)



Die Puppenspielerin und Gelegenheitsautorin erzählt hier (und im angekündigten Folgeband) die Vorgeschichte der Lady Astronaut of Mars, ihrer Hugo-prämierten Novelette von 2014. Sie spielt in einem Parallelwelt-Amerika, dessen Hauptstadt 1952 von einem Meteor zerstört wird, was aufgrund verheerender Klimaprognosen zu einem Wettrennen bei der Besiedlung der Nachbarplaneten führt. Das ist zunächst packend erzählt, aber die SF-Seite dieses beschleunigten Weltraumprogramms wird immer mehr zum belanglosen Hintergrund der Lebens- und Leidensgeschichte der weinerlichen Ich-Erzählerin, die sich anfühlt, als wäre eine moderne Frau des 21. Jahrhunderts in die 50er Jahre zurücktransportiert worden und wunderte sich nun, warum sie von den Männern nicht als ebenbürtig anerkannt wird. Das ist ein fatal falscher Feminismus, der weder die historische Periode noch heutige Ungerechtigkeiten erhellt.

5. Record of a Spaceborn Few (Becky Chambers)



Dies ist der dritte Roman im weitgehend friedlichen Universum einer fernen Zukunft. Den Vorgänger A Closed and Common Orbit hatte ich vor zwei Jahren noch einigermaßen wohlwollend beurteilt. Dies ist nun ein Langweiler ersten Grades, dessen Konzept, Episoden aus dem Leben einfacher Bewohner eines Generationenschiffs zu erzählen, einfach nicht aufgeht.

6. Revenant Gun (Yoon Ha Lee)
Diesen dritten Band um Kriegsführung mittels mathematischer Magie werde ich nicht einmal lesen, wenn er im Voters Package enthalten sein sollte (welches noch nicht verfügbar ist). Zu allem Überfluss ist die Reihe nun auch noch als Beste Serie im Rennen...

Samstag, 27. April 2019

Avengers: Endgame (7/3000)

Avengers: Endgame konzentriert sich auf die Ursprungs-Avengers und gibt ihnen einen würdevollen Abgesang. Captain Marvel hat eine überraschend kleine Rolle (aber trotzdem drei Frisuren) und spielt auch NICHT die befürchtete Dea ex machina. Was ist mit Thanos? Ohne zuviel zu verraten: Da der Titan das Hinspiel gewonnen hatte, muss er diesmal gleich zwei Rückspiele verlieren.

Embed from Getty Images

Das Endspiel hat drei Halbzeiten, als da wären:

1. "The Revenge of the Avengers", oder "Die Suche nach Ant-Man", oder "The Day After" (dieser Tag dauert allerdings fünf Jahre). Hawkeye lässt seinen inneren Badass raus, Thor trinkt sich einen Bierbauch an, Steve Rogers gründet die Anonymen Hinterbliebenen, Romanoff gibt die zweiäugige Furie, Iron Man wird zum (3000fach geliebten) Familienmensch, und der Hulk - ist sich endlich grün. Der Rest ist Staub...

Embed from Getty Images

2. "Zurück in die Zukunft" (nur ohne Gitarrensolo) - der Film mit den Walen. Nur dass diesmal die Unendlichkeitssteine die Rolle der Buckelwale übernehmen. Tony und Thor treffen verstorbene Familienmitglieder, der Hulk bekommt die Doktor-Seltsam-Lektion, Captain America infiltriert Hydra, Nebula prügelt sich mit sich selbst, Romanoff und Barton entdecken ihre Gefühle füreinander. Niemand möchte ein Selfie mit Scott Lang.

Embed from Getty Images

Ein Paradoxon kann selbst Kevin Feige nicht lösen: Von Jarvis kannten wir bisher nur die Stimme. Paul Bettany sprach Tony Starks KI, und als diese mit Ultron verschmolz, wurde Bettany zu Vision. Das Vorbild von Jarvis war Howard Starks Butler. Den konnte man aber nicht mehr mit Bettany besetzen, also bediente man sich ausnahmsweise bei der leider nach zwei Staffeln abgesetzten Fernsehserie (pfui) Agent Carter und zog James D'Arcy aus dem Zylinder. Als Howard Stark selbst ist aber (wie in den Vorgängerfilmen) John Slattery zu sehen und keineswegs Dominic Cooper. Alles klar? Wenigstens Hayley Atwell bleibt eine Konstante.

Embed from Getty Images

3. "Vom Winde verweht", oder "Die Rückkehr der Jung-Avenger". Hat irgend jemand geglaubt, das würde nicht passieren? Nicht nur, dass bereits im Juli mit Spider-Man: Far From Home die Coda der MCU-Phase III mit dem jüngsten Avenger anläuft (dessen Schulabschluss sich wohl um fünf Jahre verschoben hat), auch Fortsetzungen von Black Panther und Doctor Strange sind von der Disney-Buchhaltung fest eingeplant. Und für das Solo-Abenteuer "Rocket, Guardian of the Galaxy" hätte Disney James Gunn sicher nicht wieder angeheuert (leider müssen wir wegen dieser Komplikation noch Jahre auf Guardians 3 warten).

Embed from Getty Images

Auch für die Avengers gilt die neue Diversitätsquote, und so ist der Eignungstest für schwarze Helden getürkt. Auch peinlich und manipulativ: Captain Marvel stöhnt: "Das schaffe ich nicht allein", und schon scharen sich all die über zehn Jahre und 22 Filme etablierten weiblichen Helden um sie. Als da wären - äh - Gwyneth Paltrow mit modischem Helm, die Damenriege mit den unaussprechlichen Namen aus Black Panther, die Walküre (Tessa Thompson - yay!) auf ihrem fliegenden Pferd Aragorn (haha), die Guardiandame mit den Antennen, die rote Hexe, die Wespe. War's das? Vielleicht - mehr möchte ich nicht spoilern...

Embed from Getty Images

Für sich allein ist Avengers: Endgame ein heilloses Chaos, das keiner vernünftigen Dramaturgie folgt und ein Netz von Logiklöchern webt. Trotzdem bietet es drei recht kurzweilige Stunden. Und als Abschlussfilm für einige Alt-Avenger entlockt es auch den hartgesottensten Fans ein paar Tränen und ist bis dahin vor allem eine Retrospektive der MCU-Phasen I - III. Ehrenvoll ist immerhin das Fehlen einer Post-Credit-Szene. Auf das Teasern zukünftiger Bedrohungen wird diesmal verzichtet. Stattdessen steuert jeder der sechs ursprünglichen Avenger sein Autogramm bei. Einige werden wir wohl trotzdem in Zukunft wiedersehen, andere höchstens in Rückblenden. Mehr darf ich hier nicht verraten. Ach ja, die Bewertung. Keine Ahnung. Wie beim Vorgänger entscheide ich mich für einen Mittelwert. Gut (7/10).

Samstag, 6. April 2019

Kein Remake von Oli7er! - Shazam! (6/10)

So sehr ich auch Comicverfilmungen mag - es gibt viele Comicserien, die ich nie gelesen habe, und noch mehr Comichelden, von denen ich nie etwas gehört habe. Zu letzteren gehört definitiv Shazam - der 14jährige Lausbube Billy, der sich mittels des Zauberworts in den trotz Cape unzerstörbaren Muskelprotz Captain Marvel verwandeln kann. Aber Verzeihung, diesen Namen hat Marvel seinem Rivalen DC verbieten lassen. Auch wenn Billys Kumpel Freddie im Minutentakt neue Vorschläge macht ("Captain Sparklefingers"), bleibt es bei: Shazam.



Hat man das oberflächliche Waisendrama der ersten halben Stunde überstanden (das im obigen Trailer ganz gut zusammengefasst ist), beginnt die Geschichte doch Spaß zu machen. Wie im 50 Jahre alten Oscar-Gewinner Oliver! (Dickens' Oliver Twist als Musical) bewegt sich die Mischung aus Drama und Tanz (bzw. Superhelden-Action) hart an der Grenze zur Albernheit. Aber das DC-Universum kann die Komikspritze ganz gut vertragen. Ein spritziger Aquaman allein kann die bleierne Bedeutungsschwere der bisherigen Batman- und Superman-Geschichten nicht ausgleichen (vom Dark Knight ganz zu schweigen).

Embed from Getty Images

Als Shazam ist Zachary Levi ganz in seinem Element. Den unbeholfenen Charme des Teenagers im Erwachsenenkörper hat er im Grunde schon als Chuck perfektioniert. Den Körper hat er allerdings inzwischen mit reichlich Muskeln angereichert (auch wenn der Spandex-Anzug keinen freien Blick erlaubt). Diese neue Statur war bereits in seiner Gastrolle in The Marvelous Mrs. Maisel ein großes Geheimnis: Woher hatte ein vielgefragter Chirurg in den 50ern Zeit für Bodybuilding?

Embed from Getty Images

Ziemlich humorlos agiert dagegen Kingsmans Merlin Mark Strong als Billys Widersacher. Die Zweikämpfe der beiden fliegenden Blitze erinnern zudem an Superman vs. Zod. Die eigentlichen Bösewichte sind ohnehin die sieben Todsünden, hier materialisiert als wolkig-amorphe Kreaturen ohne Kontur. Es wäre doch eigentlich naheliegend gewesen, ihre Symbolik mit den Schwächen der Waisenkinder zu verknüpfen und den Sieg im bombastischen Finale damit auch zum Sieg über ihre Laster zu gestalten. Stattdessen bekommen wir die übliche Prügelei, allerdings mit einem netten Twist, den zumindest ich nicht erwartet hätte, und überdeutlicher Betonung der Familienwerte. Finchers Se7en war hier offenbar kein Vorbild.

Embed from Getty Images

Ansonsten bleiben die Darsteller recht blass, in schematisch angelegten Figuren. Die Pflegeeltern (Cooper Andrews aus The Walking Dead und die Spanierin Marta Milans) sind überperfekt, die Kinder meist erträglich. Asher Angel als Billy und Jack Dylan Grazer als Freddie sind ok, wobei Freddie so manche Szene stiehlt. Ansonsten gibt es das übergewichtige Kind, das hyperaktive Kind, das forsche Kind und eine 17jährige Harvard-Aspirantin, die mal wieder dem Hollywood-Klischee von Nerdigkeit entspricht, indem die 21jährige Darstellerin Grace Fulton keine klassische Schönheit ist, sondern eine interessante Schönheit.

Embed from Getty Images

Meine Meinung weicht mal wieder vom Kritikerspiegel ab, der Shazam! auf einen Podest hebt, auf dem dieser nette, aber deutlich zu lange Film nichts zu suchen hat. Ich ermutige durchaus zum Kinobesuch, werde ihn mir im Heimkino auch nochmals anschauen, aber zum Oscar-Gewinn wird es trotz des Rufzeichens nicht ausreichen, und DC tritt meines Erachtens eher auf der Stelle. Ordentlich (6/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Klassische Rezension: Se7en (1995, 6/10)



Eine packende, originelle Geschichte, mit Schwächen in der Charakterisierung der Figuren. Leider fehlen Fincher sowohl Vorstellungskraft als auch das Gefühl für Schauspieler und Dialoge, um daraus ein Meisterwerk zu machen. Ein Beispiel dafür ist die nichtssagende erste Begegnung der beiden Cops. Ein weiteres, gravierenderes die mißlungene Darstellung der  Beziehung des jungen Polizisten zu seiner Frau, die ja ein wichtiges Element für die Handlung ist. Wenn man jedoch die Liebe zweier Menschen durch einen trivialen Dialog zeigen muß ("Ich liebe dich wahnsinnig" - "Ich weiß"), zeugt das schon von viel Hilflosigkeit des Regisseurs. Auch der große Morgan Freeman weiß seiner Rolle keine Tiefe zu verleihen - als einziger beeindruckend ist Kevin Spacey als kühler Psychopath. Und wenn sich keine Sympathie für die Charaktere entwickelt, ist dem Zuschauer der Ausgang der Geschichte auch schon fast egal. Was bleibt, ist eine gute Grundidee, die einigermaßen spannend, wenn auch ohne Zuspitzung auf die Höhepunkte, ziemlich konventionell verfilmt wurde - die offenbar für Fincher typische negative Grundhaltung scheint aber eine große Fangemeinde anzuziehen. Die eigentlich passende "7" als Bewertung kann ich  leider nicht vergeben.

Klassische Rezension: Oliver! (1968, 7/10)


Erstaunlich, wie man aus einem so umfangreichen, komplexen und in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Roman ein solches amüsantes Nichts produzieren kann. Ich glaube nicht, daß Charles Dickens besonders glücklich mit dieser oberflächlichen Verfilmung gewesen wäre; die Musik plätschert so dahin, kaum ein Song bleibt im Gedächtnis haften, und der historische Hintergrund ist derart romantisiert, daß man sich in ein Märchen versetzt fühlt. Das ist natürlich auch eine Funktion von Musicals (dieses war übrigens das letzte, das den Oscar für den besten Film ergattern konnte). Und um nun auch Positives zu nennen, gibt es schon etliche sehenswerte Choreographien (Ehren-Oscar für Onna White), charmante Lausbuben (vor allem Jack Wild als "The Artful Dodger") und einen überragenden Ron Moody als Mr. Fagin. Er allein ist das Zuschauen (und Zuhören) wert, seine Auftritte haben die Spritzigkeit, die dem Film insgesamt fehlt, in ihm wird eine Dickenssche Karikatur lebendig. Gut auch Shani Wallis als Nancy, nicht so überzeugend dagegen Oliver Reed als Bill Sikes. Carol Reed hat seinen Oscar zwar zu Recht, aber (wie das so oft passiert) für den falschen Film erhalten (7/10).

Samstag, 23. März 2019

Endgültig Hugo-würdig: The Expanse

Die Qualitätskurve der TV-Serie The Expanse nimmt momentan den umgekehrten Verlauf der Neuauflage von Kampfstern Galactica (ab 2003). Die fing super-stark an, bot über zwei Staffeln die beste TV-Science-Fiction der Dekade und verlor sich dann in immer abstruseren (und düsteren) Handlungseinfällen. Zuletzt wurde uns verkauft, dass Starbuck und einige andere Hauptfiguren von Anfang an Zylonen-Schläfer gewesen sein sollten. Solche Twists um der Twists selbst sind leider typisch für das Fernsehen des 21. Jahrhunderts. Einer der Schuldigen ist J.J. Abrams, dessen Durchbruch, die Agentenserie Alias mit Jennifer Garner, anfangs ebenfalls tolle und gut vorbereitete Wendungen bot, bevor den Autoren dann nichts sinnvolles mehr einfiel (am Ende wurde dann sogar der langweiligsten Figur Michael Vaughn noch eine Geheimidentität untergeschoben).



The Expanse basiert allerdings auf einer auf neun Bände angelegten Serie von Romanen des Autorenteams James S.A. Corey. Das Pseudonym steht für Daniel Abraham und Ty Franck, die die Fernsehserie auch mitproduzieren. Und auch wenn mir der erste Band genauso wenig gefallen hatte wie die einführende Staffel, haben die beiden sicherlich ein Konzept für den Handlungsrahmen. In der nunmehr dritten Staffel (mit wie zuvor 13 Episoden) zahlt sich das nun langsam aus, und plötzlich flimmert endlich wieder eine würdige SF-Serie über unsere Bildschirme (na ja, flimmern tun moderne Fernseher eigentlich nicht mehr). Beinahe wäre es übrigens damit vorbei gewesen, aber nach der Absetzung durch SyFy (die nach der Umbenennung von SciFi vergessen haben, wie man gute Shows pflegt) ist glücklicherweise Amazon Prime Studios eingesprungen. Die ersten Staffeln hatte ich paradoxerweise noch auf Netflix gesehen (dort sind sie nicht mehr streambar), momentan gibt es nur die aktuelle dritte Staffel per Flatrate im Prime-Programm. Das wird sich sicher mit der kommenden vierten Staffel ändern.



Im 24. Jahrhundert hat die Menschheit das Sonnensystem weitgehend erschlossen. Es gibt drei Machtkonzentrationen: die von den Vereinten Nationen kapitalistisch-demokratisch geführte Erde, der militaristisch regierte Mars und den anarchistischen Asteroidengürtel ("Belt"). Die Raumfahrttechnik ist einigermaßen realistisch extrapoliert. Wir befinden uns allerdings nicht auf der Enterprise. Bei Notmanövern wird nicht einfach ein bisschen mit der Kamera gewackelt. Jene phantastischste aller Star-Trek-Techniken, nämlich die "Künstliche Schwerkraft" und der Beschleunigungsausgleich (bei Perry Rhodan heißt das Andruck-Konverter) werden uns nicht untergeschoben. Dafür kommt immer noch eine nützliche Erfindung des 20. Jahrhunderts zum Einsatz: der Sicherheitsgurt. Trotzdem sind die Beschleunigungen der Raketenantriebe von 5G und mehr gefährlich für Besatzung und Passagiere. Als Ausgleich hat die Medizintechnik Fortschritte gemacht. Knochenbrüche sind binnen Tagen geheilt, und sogar eine verletzte Wirbelsäule kann ersetzt werden. Allerdings ist dafür immer noch Schwerkraft Voraussetzung, entweder durch Beschleunigung oder (wie bei 2001: Odyssee im Weltall) durch einen rotierenden Zylinder.

Nachdem ich mir die Mühe gemacht hatte, diesen Abschnitt zu schreiben, fand ich bei Youtube folgende ausführliche Beschreibung des Expanse-Universums:



Im Zentrum der Erzählung steht die Rocinante, im Grunde ein Piratenschiff, nicht zufällig nach Don Quixotes treuem Gaul benannt, das die gemischte Besatzung sich von der marsianischen Marine ausgeliehen hat.Sie steht meist zwischen allen politischen Loyalitäten und hat entscheidenden Anteil an der Lösung der Krisen der bislang drei Handlungsstränge. In der ersten Staffel (10 Episoden, nach Leviathan Wakes) wird ein Protomolekül außersolarer Herkunft entdeckt, dessen Enträtselung wie ein Krimi-Thriller aufgebaut ist (mit Thomas Jane als Ermittler Joe Miller). In der zweiten Staffel wird diese Ermittlung zum Abschluss gebracht, und es entbrennt ein Krieg um die militärische Nutzung des Protomoleküls (Caliban's War). Mitte der dritten Staffel wird der Konflikt beigelegt, und die restlichen sieben Folgen (Abaddon's Gate) kreisen um das geheimnisvolle Objekt, das von einer Protomolekül-Konzentration konstruiert wird. Wahrscheinlich aufgrund der drohenden Absetzung wurde hier die Handlung stark beschleunigt. Fast zufällig sind dadurch ungeheuer packende 13 Folgen entstanden. Vermutlich noch in diesem Herbst soll es weitergehen.

Embed from Getty Images

Ich habe hoffentlich nicht den Eindruck erzeugt, dass die Rocinante als primitive Enterprise durchs Weltall düst und Konflikte löst (am ehesten ist sie mit der Serenity verwandt). Die Handlungsträger sind über das gesamte Sonnensystem verteilt und oft auch hochkarätig besetzt. Da gibt es etwa politische Intrigen in der UN, wo Chrisjen Avasarala (die Iranerin mit der rauchigen Stimme Shohreh Aghdashloo) im Hintergrund die Fäden zieht und sich gegen Kriegstreiber Sadavir Errinwright (Shawn Doyle) behaupten muss, eine geheime Forschungsstation des Großindustriellen Jules-Pierre Mao (charismatisch: François Chau) auf dem Jupitermond Io, marsianische Space Marines und die zentrale Belter-Station Tycho mit ihrem Boss Fred Johnson (Chad L. Coleman). Aber immer wieder kehrt die Erzählung zum Kernteam der Rocinante zurück: Kapitän James Holden, Ingenieurin Naomi, Pilot Alex und Mechaniker (und "Mädchen für alles") Amos.

Embed from Getty Images

Einer der Gründe für meine Einstiegsschwierigkeiten war sicher (neben der Tatsache, dass man mitten ins Belter-Chaos geworfen wird) die Besetzung von James Holden. Mit Steven Strait konnte ich mich einfach nicht anfreunden. Mit seiner (faktisch sicher korrekten) blassen Haut, seinem Mukkibudenkörper und den sinnlichen Lippen wirkt er mehr wie ein Gigolo als ein Kapitän. Holden soll natürlich kein James T. Kirk sein, aber ich habe mich immer noch nicht komplett an ihn gewöhnt (Steven Strait hat inzwischen einen Credit als Executive Producer und wird uns sicher erhalten bleiben). Auch mit Dominique Tipper als Naomi habe ich so meine Probleme, aber das liegt mehr an Naomis Persönlichkeit.. Dafür sind der abtrünnige Marsianer Alex (Cas Anvar) und "Jayne"-Variante Amos (Wes Chatham; harte Schale, weicher Kern) einfach fabelhaft.



In der dritten Staffel gibt es ein paar nennenswerte Neuzugänge. Zunächst ist da Bobbie Draper, eine der erwähnten marsianischen Space Marines. Wie cool ist das? Vielen Kritikern in der IMDB gefällt Frankie Adams nicht, aber mir ist sie schnell ans Herz gewachsen. Neben ihrer eindrucksvollen Statur und einem leicht exotischen Gesicht mit Aboriginee-Einschlag spricht die Neuseeländerin auch noch mit dem entzückenden Akzent ihrer Heimat (den ja Peter Jackson weltberühmt gemacht hat). Überhaupt scheint die Serie ihre Darsteller aus allen Ecken der Welt zu ermutigen, mit Akzent oder sogar Dialekt zu sprechen. Das macht das Zuhören zwar etwas mühsamer, aber auch unerhört authentisch. Gerade bei den Beltern geht mir das allerdings manchmal zu weit. Vielleicht war Gaststar Jared Harris (Staffel 1/2) schuld. Der Londoner, bekannt u.a. als Bösewicht in Codename U.N.C.L.E., spricht hier eher Gassen- als Queens-English. An sich ist es ja nachvollziehbar, dass sich die Sprache der Parias des Sonnensystems in ein hässliches Pigeon-English verwandelt (von den Hauptdarstellern spricht allein Naomi ähnlich).

Embed from Getty Images

In diese Kerbe schlägt auch Cara Gee als Camina Drummer, Vize von Fred Johnson und nun Kommandantin des (einzigen) Belter-Kriegsschiffes Behemoth. Die Kanadierin ist gemäß ihren Fotos eigentlich eine attraktive, stylische Frau. Mit Goth-Makeup, Belter-typischen Tätowierungen, dem harten Akzent und ihrer heiseren Stimme entringt sie dem Begriff "herb" eine ganz neue Bedeutung. Aber ihr Machtkampf mit ihrem ersten Offizier Ashford (fabelhaft verkörpert vom 70jährigen Veteran David Strathairn) ist eines der Highlights der dritten Staffel. Auch wenn man gelegentlich Untertitel zuschalten muss, um die beiden zu verstehen. Da tröstet das gepflegte Amerikanisch der Texanerin Elizabeth Mitchell als Pastorin Anna Volovodov, die im Auftrag der inzwischen zur UN-Generalsekretärin (falls ich das richtig verstanden habe) aufgestiegenen Chrisjen mit der Erdmarine zu Abbaddons Gate unterwegs ist. In Lost hatte ich sie als Konkurrentin von Evangeline Lilly manchmal gehasst, diesmal formt sie eine der sympathischsten Figuren.

Embed from Getty Images

Embed from Getty Images

2017 war ich noch unglücklich, dass der Folge Leviathan Wakes der Hugo als beste dramatische Präsentation (Kurzform) zugesprochen wurde (vor allem, weil der spätere Emmy-Gewinner San Junipero den Sieg verdient gehabt hätte). In diesem Jahr habe ich die Abschlussfolge Abaddon's Gate selbst nominiert, und sie ist noch vor Janet(s) mein Favorit, der besten Folge der ansonsten (auf hohem Niveau) durchwachsenen dritten Staffel von The Good Place. Jetzt hoffe ich, dass The Expanse bei Amazon noch lange Zeit die erreichte Qualität halten kann. Die Chancen stehen eigentlich gut, bei noch sechs verbleibenden Romanen als Vorlage.

Embed from Getty Images

Samstag, 16. März 2019

Mein erster Hugo-Favorit 2019: "Spinning Silver" von Naomi Novik

Schon vor drei Jahren zeigte Naomi Novik mit dem Hugo-nominierten Uprooted, dass ihr Talent auch jenseits der kommerziell erfolgreichen, am Ende aber ziemlich abgenudelten Temeraire-Serie noch tolle Garne spinnen kann. Spinning Silver ist nun der zweite Roman dieser Webart, irgendwo zwischen Fantasy und Märchen einzuordnen, fest in einem mystisch angehauchten Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Eher der Fantasy zugehörig sind die Ich-Erzähler (von denen es diesmal gleich mehrere gibt), ein detaillierter Weltenaufbau und die Ausarbeitung der Figuren über den Archetyp hinaus. Eher märchenhaft erscheint mir die Darstellung von Magie und die schicksalsbestimmte Handlung (die allerdings mit reichlich Überraschungen aufwartet)



Nach der polnisch beeinflussten Landschaft von Uprooted finden wir uns in Spinning Silver nun eher in einem zaristischen Russland wieder. Neben der Macht des Zaren gibt es allerdings das Reich der Staryk, kalte, arrogante Fremdlinge, die in einer parallelen Feenwelt hausen und im Winter die Wälder des Zarenreichs heimsuchen und so manche Bauerschaft tyrannisieren. Vor diesem Hintergrund sind alle möglichen Märchenmotive verwoben: Aschenputtel, Goldesel, Rumpelstilzchen, Schneekönigin. Es gibt Prinzessinnen, die eine ungehörige Eigeninitiative entwickeln, und Prinzen, die weniger edel als erwartet agieren.

Der Hauptteil der Geschichte ist erzählt aus der Sicht dreier junger Frauen: Miryem, Wanda und Irina. Später kommen einige Passagen aus der Sicht des jungen Zaren Mirnatius, Irinas Zofe Magreta und Wandas jüngerem Bruder Stepon hinzu. Hauptfigur und am plastischsten gezeichnet ist die etwa 19jährige Miryem (Miriam), Tochter eines jüdischen Geldverleihers, der sich allerdings aufgrund seiner Gutmütigkeit als schlechter Geschäftsmann herausstellt. Als die Familie, die von allen Dorfbewohnern nur ausgenutzt wird, nahe dem Hungertod ist, nimmt Miryem die Sache selbst in die Hand und fordert persönlich die Zahlungen der Schuldner ein, mit wachsendem Erfolg. Allerdings erweckt ihre Fähigkeit, auf diese Weise Silber in Gold zu verwandeln, die Aufmerksamkeit eines Staryk-Lords, der Gold über alles begehrt...

Einer von Miryems Schuldnern ist ein Alkoholiker und Witwer, der seine drei Kinder tyrannisiert, bis sich schließlich als Rückzahlung seine älteste Tochter Wanda als Dienstmädchen bei Miryems Familie verdingt. Wanda ist robust und fleißig, aber vollkommen ungebildet; Miryems Buchhaltung hält sie zunächst für Magie. Aber bald entwickelt sie, und später auch ihre Brüder Sergey und Stepon (was ein russischer Name sein mag, oder auch ein Wortspiel), freundschaftliche Bande mit Miryem, deren tagträumerischen Vater und der kränklichen Mutter. Deren Vater wiederum lebt übrigens als reicher Geschäftsmann in der Regionshauptstadt Vysnia, allerdings im jüdischen Viertel, welches noch kein Ghetto ist, aber doch abgegrenzt vom Rest der Stadt, die von einem Grafen regiert wird. Dessen Tochter Irina ist die dritte Erzählerin; sie ist zwar nicht besonders hübsch und überhaupt widerspenstig, aber der Graf hegt doch Hoffnungen, sie mittels einer List mit dem jungen Zaren zu verheiraten. Der birgt allerdings ein dunkles Geheimnis (und hier kommt Rumpelstilzchen ins Spiel)...

Mit seinen unterschiedlichen Erzählstimmen ist Spinning Silver komplexer als Uprooted und erfordert vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich persönlich hatte allerdings (anders als einige Rezensenten bei Amazon) keine Probleme, jeweils zu Beginn eines Abschnitts die Erzählerin zu identifizieren. Aufgrund der unterschiedlichen Bildungshintergründe unterscheidet sich auch ihr Sprachstil (besonders einfach drückt sich der vielleicht zwölfjährige Stepon aus). Es hat durchaus eine Weile gedauert, bis ich mich in der Geschichte zurechtfand. Besonders gefallen hat mir dann, wie schon beim Vorgänger, dass der Handlungsverlauf überhaupt nicht vorhersehbar ist. Die Welt ist faszinierend geschildert, das Schicksal der Figuren ist packend, und gegen Ende wird reichlich Spannung aufgebaut. Robin Hobb hätte die Charaktere sicherlich viel tiefgründiger ausgelotet, aber das wäre dann waschechte Fantasy (und mindestens in Trilogie-Länge). Auch die Romanze(n), hier nur angedeutet, hätte man mit viel Herzschmerz auspolstern können. Naomi Novik bleibt standfest und gibt ihrem Märchen nach knapp 500 kurzweiligen Seiten das gebührende Happy End, welches allerdings anders aussieht als bei den Gebrüdern Grimm.



Und wenn sie nicht erfroren sind, dann leben sie noch heute - zufrieden, wohlversorgt und im Kreise ihrer Freunde und Familien.

Freitag, 8. März 2019

Mehr Supergirl als Wonder Woman: Captain Marvel (7/10)

Captain Marvel hat alles, was das Herz eines Genre-Fans begehrt: Raumschiffe, Aliens, Laserduelle, Piloten, Agenten, Prügeleien, und sogar eine coole Katze. Das wäre ein toller Film, wenn es nicht bereits das 21. Marvel-Abenteuer wäre (mit Avengers: Endgame ist ihm der 22. dicht auf den Fersen). Im Kino habe ich mich schon gut amüsiert, aber im Nachhinein stellt sich ein gewisser Ermüdungseffekt ein. Zumal die Heldin, auch das ein Gesetz der Serie, gegenüber ihren Vorgängern nochmals einen draufsetzen muss: stärker als der Hulk,  technisch versierter als Iron Man, edler als Captain America, mystischer als Thor, beweglicher als Black Widow, nützlicher als Hawkeye ;-) Das ist mehr Supergirl als Wonder Woman, und ihre schier unendliche Macht könnte zumindest in einer Fortsetzung schnell langweilig werden. In den Foren wird schon diskutiert, ob Carol Danvers im Kampf gegen Superman bestehen könnte. Falsches Universum natürlich; gegen Thanos allerdings - wieviel wiegen die Unendlichkeitssteine?

Embed from Getty Images

Nichts auszusetzen habe ich an der Hauptdarstellerin Brie Larson. Auch andere hochgehandelte Kandidatinnen, etwa Emily Blunt (Edge of Tomorrow), hätten sich dem Drehbuch unterwerfen müssen. Der Hass, der der Oscar-Gewinnerin (Raum) nun entgegenschlägt, hat ohnehin nichts mit ihrer schauspielerischen Leistung zu tun. Da wird ihr doch tatsächlich vorgeworfen, dass Spider-Man Tom Holland den knackigeren Hintern hat. Und dass sie zu wenig lächelt! Immerhin wird sie einmal im natürlichen Habitat der Frauen gezeigt: in der Küche, beim Abwasch. Aber dann auch wieder als Kampfpilotin, wobei in dieser Rolle mehr ihre Freundin Maria Rambeau (Neuling Lashana Lynch) glänzen darf. So wird denn doch noch ein passender Beitrag zum Internationalen Frauentag draus.

Embed from Getty Images

Captain Marvel spielt 1995, und es spielt mit den technischen Wundern der 90er: Telefonzellen, Pager, Videocassetten, Audiodateien am Computer. Das ist für manchen Schmunzler gut, und überhaupt liegen die Stärken des Abenteuers in den intimen Momenten, etwa den Familienszenen mit Maria und ihrer knuffigen 11jährigen Tochter. Bei den Actionszenen hingegen verlor ich öfter die Orientierung; hier zeigt sich der Mangel an Erfahrung (oder Eignung) des Regie-Teams von Anna Boden und Ryan Fleck, die bislang für (meiner Meinung nach) mittelmäßige Indie-Filme bekannt waren. Sie verantworten auch gemeinsam mit Geneva Robertson-Dworet, die bereits die jüngste Tomb-Raider-Inkarnation verwurschtelt hatte, das zweckdienliche Drehbuch, das wie bei Marvel üblich viele weitere Handschriften erkennen lässt. Schön ist der Bezug zu den Guardians, aber im Endeffekt braucht man vor allem einen Protector, der die Avengers aus der Bredouille befreien kann...

Embed from Getty Images

Immerhin gibt uns die Zeitebene Gelegenheit, einen jüngeren Nick Fury kennenzulernen, noch ohne die Aura von Coolness und mit zwei gesunden Augen. Hier hat die Computertechnik des 21. Jahrhunderts ganze Arbeit geleistet, um Samuel L. Jackson zu verjüngen. Nur bei seinem Sidekick Phil Coulsen (Clark Gregg) gibt es gelegentlich einen WTF-Moment.

Embed from Getty Images
Embed from Getty Images

Nicht manipulieren musste man Annette Benings Alter, sie macht auch mit 60 noch eine gute Figur und hat sichtlich Spaß an ihrer Rolle (für eine fünfte Oscar-Nominierung wird's diesmal wohl trotzdem nicht reichen). Jude Law darf als Kree ohne Blaufärbung seinen spitzbübigen Charme spielen lassen, während Gemma Chan (Crazy Rich Asians) hinter ihrem Make-up zwar kaum zu erkennen ist, aber trotzdem noch die Blicke (zumindest dieses männlichen Zuschauers) anzieht. Ohnehin werden all diese Stars von einem Flerken in den Schatten gestellt, dessen Darsteller ich zur Vermeidung von Spoilern hier nicht nennen werde (unbedingt auf die zweite Post-Credit-Szene warten!). Oh, und es gibt gleich zu Beginn ein liebevolles Tribut an Stan Lee, welches ich ebenfalls nicht spoilern möchte.

Embed from Getty Images

Obschon schematisch, macht Captain Marvel doch viel Spaß und bietet einige visuelle Wunder, dazu sympathische Figuren und einige (zumindest für mich) überraschende Wendungen. Trotz der Querverweise ist es in sich geschlossener als die jüngste Avengers-Extravaganz. Daher (ohne vergleichen zu wollen) vergebe ich die gleiche Wertung wie für das überbewertete Spektakel des letzten Jahres: Gut (7/10).

Ceterum censeo tertiam dimensionem ignorandam esse.

Samstag, 2. März 2019

Wahnsinnig reiche ASIATEN (6/10)

Neben Black Panther gab es im amerikanischen Kinojahr 2018 noch ein weiteres kulturelles Phänomen. Crazy Rich Asians ist angeblich der erste amerikanische Film mit rein asiatischen Darstellern seit Jahrzehnten. Gemeint ist natürlich "der erste amerikanische Blockbuster". In den 90ern gab es schließlich durchaus profitable Filme von Ang Lee (seine Einwanderer-Trilogie mit dem Höhepunkt Das Hochzeitsbankett) und Wayne Wang (Töchter des Himmels - The Joy Luck Club). Trotzdem: Mit ähnlichem Enthusiasmus, mit dem Afroamerikaner Black Panther feierten, schlossen "Asienamerikaner" offenbar Crazy Rich Asians in ihr Herz. Viele zog es zum ersten Mal in ihrem Leben ins Kino. Da gibt es eine Marketinglücke, die jetzt zumindest mit Fortsetzungen ausgebeutet werden soll (die Romanvorlage von Kevin Kwan ist erster Band einer Trilogie).



Niemand würde auf die Idee kommen, einen Film namens "Wahnsinnig reiche Europäer" zu drehen und den dann um das schwedische Königshaus kreisen zu lassen (mit ein paar Dänen und Norwegern als exotischen Nebendarstellern). In Crazy Rich Asians kommen weder Inder noch Japaner vor, keine Vietnamesen, Koreaner und noch nicht einmal "echte" Chinesen. Es spielt im Stadtstaat Singapur, wo Malaisisch und Mandarin gesprochen wird, und die Hauptdarsteller sind zum Teil Amerikaner oder Briten mit ungefähr passender Herkunft, zum Teil Asiaten mit zumeist westlicher Filmerfahrung aus dem Großraum China. Doch selbst Singapur fühlte sich nicht angemessen repräsentiert. So wie es in Black Panther nicht um Afrikaner geht, interessiert sich Crazy Rich Asians nicht für Asiaten, sondern nur für das Selbstwertgefühl asienstämmiger US-Einwanderer. Das führte dann in den USA zum für eine romantische Komödie unerhörten Kassenumsatz von 175 Millionen Dollar (eine ansonsten für schwache Comicverfilmungen typische Größenordnung, siehe etwa X-Men: Apokalypse).

Embed from Getty Images

Anderswo machte der Film niemanden reich. In Deutschland fiel der Marketingabteilung nichts besseres ein, als die Asiaten aus dem Titel zu entfernen. Als "Crazy Rich" gelangte die damit belanglose 08/15-Komödie nicht einmal in die Top100. Gern würde ich jetzt berichten, dass den deutschen Zuschauern da etwas entgangen ist. Ich wollte den Film mögen und hatte mir sogar die britische UHD-Blu-ray kommen lassen. Aber wenn man sich den kulturellen Ballast einmal wegdenkt, bleibt nur eine sehr schematische Komödie übrig, zwar mit sympathischen Darstellern, aber wenig Romanze, eher zum Schmunzeln als zum Lachen. Und wer sein Selbstwertgefühl darin findet, dass es auch in Asien fiese Milliardäre gibt, der tut mir schon ein wenig leid. Für den Vergleich mit dem schwedischen Königshaus muss ich mich schon fast entschuldigen, denn Gustav und Silvia leben sicher nicht im selben Prunk wie die vornehmste (=reichste) Familie von Singapur, unter matriarchischem Vorsitz von Eleanor Young (Michelle Yeoh) und ihrer greisen Mutter Ah Ma (die inzwischen 92jährige Lisa Lu) - die zu allem Überfluss auch noch Christen sind und damit für eine weitere Minderheit stehen (auch in Singapur weniger als 20 Prozent).

Embed from Getty Images

Das adrette junge Paar im Zentrum der Romanze, Rachel und Nick, wird gespielt von Constance Wu (Fresh Off the Boat) und Neuling Henry Golding, und mit einem besseren Script hätten sie sicher ein paar Funken schlagen können. So sind die Nebenfiguren weitaus interessanter, wenngleich ihre Handlungsstränge dann auch eher frustrierend zerfleddern. Michelle Yeoh (Tiger & Dragon) als Nicks Mutter Eleanor zeigt ihre Starqualität (sie hätte bessere Rollen verdient), und die Londonerin Gemma Chan als Nicks Schwester Astrid ist nicht nur bildhübsch, sondern vermag auch eine unterschwellige Melancholie zu vermitteln (sie hat mir auch gut gefallen im ansonsten oberflächlichen amerikanischen Remake von Echte Menschen). Die Show stiehlt allerdings eine gewisse Awkwafina, Rapperin, Trompetenvirtuosin, Mandarin-Expertin, die schon als nerdiger Hacker in Ocean's Eight ein spaßiger Farbtupfer war und hier die Leinwand zum Explodieren bringt (was bei der dahinplätschernden Geschichte und der augenermüdenden Ausstattung hochwillkommen ist).

Embed from Getty Images

Das Spannungsfeld zwischen der in New York aufgewachsenen Ökonomieprofessorin und dem Kronprinz der Milliardärsfamilie aus Singapur hätte sicher besser ausgeschlachtet werden können (und ist es nicht bezeichnend, dass Aschenputtel heutzutage einen akademischen Grad haben kann?) Die Regie von Jon M. Chu (Die Unfassbaren 2) wirkte auf mich ziemlich uninspiriert. Einzig die Musikauswahl mit einer Mischung aus Ost und West ist ganz nett. Ich habe eine Schwäche für angelsächsische Hits in chinesischer Interpretation: Money - oder auch hybride Originale: Waiting for Your Return. Und wer schon immer mal sehen wollte, wie man eine katholische Kirche für eine Hochzeit in einen Dschungel verwandelt (inklusive Bächlein, durch das die Braut zum Altar flaniert), der ist hier richtig aufgehoben. Ich selbst war vom Gebaren der Superreichen gelegentlich angeekelt, habe mich dann aber doch immer wieder von den netten Darstellern einfangen lassen. Nur das (Spoiler!) Happy End habe ich nicht so recht verstanden. Wird Rachel nun ihre Professur aufgeben, Nick sein Firmenerbe, oder wie will man sich arrangieren? Na ja, es müssen wohl noch Probleme für die Fortsetzung offenbleiben. Für die "erfolgreichste romantische Komödie seit einer Dekade" ziemlich mau. Tatsächlich hat das Genre eine Durststrecke (zuletzt herausragend war 2011, welch ein wahnsinniger Zufall, Crazy, Stupid, Love). Daher noch Ordentlich (6/10).

Samstag, 23. Februar 2019

Bitterböse Komödie: Vice (9/10)





Vice führt unwiderlegbare Beweise an für eine Tatsache, die in gewissen Kreisen natürlich als Fake News gebrandmarkt werden wird: Dick Cheney hat ein Herz. Zugegeben, es musste mehrere Infarkte durchleiden und wurde schließlich durch ein jüngeres ersetzt. Aber es existiert, es schlägt, es pumpt Blut durch seine Leibesfülle (immer noch - der ehemalige Vizepräsident ist gerade 78 geworden). Reine Spekulation von Adam McKays filmischer Biographie ist es hingegen, dass Cheney jemals Entscheidungen aufgrund von Gefühlen oder gar Empathie getroffen hat. Die herzerwärmende Szene, in der Cheney nach dem Coming Out seine lesbische Tochter Mary in die Arme schließt, ist allerdings ein raffinierter Drehbuchkniff, um ein Minimum an Sympathie für diesen unbeliebtesten Politiker der letzten fünfzig Jahre zu erzeugen. Damit nenne ich bewusst einen Zeitraum, der auch einen anderen Tricky Dick einschließt. Kaum zu glauben, dass 2009, zum Ende von Cheneys Amtszeit, noch 13 Prozent der Amerikaner zu ihm hielten!

Embed from Getty Images

Vor drei Jahren nahm sich der 50jährige Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay mit The Big Short die Bankenkrise vor. Im Nachfolger Vice geht es nun nicht nur um Dick Cheney, sondern um die US-amerikanische Politikkultur der letzten 30 Jahre. Und wieder zieht McKay alle satirischen Register, mit noch größerem künstlerischen Erfolg. Die Machart erinnert an Michael Moores polemische Dokumentationen (Fahrenheit 9/11), aber mit hochkarätig nachgespielten und dazuerfundenen Dramaszenen. Diesmal gibt es zwar nicht Margot Robbie in der Badewanne, aber immerhin Naomi Watts als Fox-Nachrichtensprecherin, dazu an Shakespeare angelehnte Dialoge und Jesse Plemmons als Kommentator aus dem einfachen Volk. Das ist stellenweise höchst komisch; am besten das "falsche" Ende nach einer Stunde, als alles auf ein Happy End weist, bis zu jenem fatalen Anruf von Bush Jr., der einen erfahrenen Mitstreiter sucht. Aber meist bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Unfassbar ist der Kontrast zur idealisierten Utopie von The West Wing, wo der Vizepräsident tatsächlich nur eine fotogene Schießbudenfigur war, nicht der Strippenzieher im Hintergrund, im Dienst der Rüstungs- und Energiekonzerne, insbesondere natürlich des Molochkonzerns Halliburton, als dessen CEO Cheney zwischen seinen Posten als Verteidigungsminister (unter Bush Sr.) und Vizepräsident (über Bush Jr.) ein kleines Vermögen anhäufte (wobei ihm Macht offenbar stets wichtiger war als Geld). Um seine Schlussrede im Film zu zitieren: Man muss sich mit der Realität auseinandersetzen, dass es Monster gibt in dieser Welt.

Embed from Getty Images

Christian Bale gehört nicht zu meinen Lieblingsschauspielern. Der 45jährige Dark Knight gab sein Debut im zarten Alter von 13 Jahren in Spielbergs Reich der Sonne, hat sich 2004 für Der Maschinist 30 Kilo runtergehungert und nun für Vice 20 Kilo zugefuttert, dazwischen 2011 als Muskelpaket einen Oscar für The Fighter gewonnen. Mit seiner diesjährigen vierten Nominierung ist er der Geheimfavorit hinter Rami Malek (obwohl mein Herz immer noch für Viggo Mortensen schlägt). Ich muss zugeben, dass Bale (und den Maskenbildnern) in der Darstellung von Dick Cheney über vier Jahrzehnte hinweg nicht nur eine verblüffende Mimikry gelungen ist, sondern dass er der Figur soviel Leben einhaucht, wie dies bei einem solchen undurchschaubaren Monster überhaupt möglich ist. Ihm zur Seite steht ein glänzendes Ensemble. McKay schöpft aus einem Fundus von Komikern mit dramatischem Potential, so etwa Steve Carell als schmieriger Donald Rumsfeld und Blödelbarde Tyler Perry als Colin Powell (Will Ferrell hat zum Glück nur produziert). Spot-on sind die Oscar-nominierten Nebendarsteller Sam Rockwell als George W. und Amy Adams als Cheneys Ehefrau Lynne (wenngleich mir ihre merkwürdigen Perücken aufgefallen sind). Ebenfalls hervorheben möchte ich Jesse Plemmons (übrigens mit Kirsten Dunst verlobt) als Erzähler Kurt mit einer mysteriösen Verbindung zur Hauptfigur (er spielte bereits in Hostiles an der Seite von Bale, ein vollkommen misslungener Western, über den ich ansonsten schweigen möchte), dazu Alison Pill (Scott Pilgrim, Midnight in Paris) als Mary Cheney, Justin Kirk (Weeds) als Cheneys schleimiger Chief of Staff und Eddie Marsan als Cheneys Chefberater (der Londoner mit dem Wieselgesicht taucht immer öfter in amerikanischen Filmen auf). In McKays nächstem Projekt soll Jennifer Lawrence die Hauptrolle übernehmen, ich bin schon sehr gespannt!

Embed from Getty Images

Am Boxoffice ist Vice natürlich mehr oder weniger gefloppt. Lehrreiche Filme werden fast nie von denjenigen angeschaut, denen es nützen könnte. Und die jüngste Presidency hat der Farce ja noch einen draufgesetzt. Trump ist Cheney ohne den Mittelsmann. Ohne jedwede Subtilität treibt er jenes fragwürdige politische Kontrukt (Unitary Executive Theory) auf die Spitze, nach dem jede Handlunge des Präsidenten rechtmäßig ist, "da sie vom Präsidenten ausgeht". Das ist quasi die Unfehlbarkeitsdoktrin der katholischen Kirche auf die amerikanische "Demokratie" angewandt.

Embed from Getty Images

Bei den Globes gewann Bale als Komödiendarsteller (Green Book siegte in der Kategorie Musical/Komödie), ansonsten ging Vice bei den Preisverleihungen meist leer aus. Bei den Oscars wird es nicht anders aussehen. Von den Kandidaten haben mir dieses Jahr die Komödien, vor allem BlacKkKlansman und Vice, am besten zugesagt, vielleicht weil man den Realitäten unserer Welt ohnehin nur noch mit Humor ins Auge sehen kann. Herausragend (9/10).

Samstag, 16. Februar 2019

Schwarzer Humor: BlacKkKlansman (9/10)

Das Internet wimmelt nur so von "Experten", die dem Kassenknüller und Kultphänomen Black Panther jetzt auch den Oscar als Besten Film zusprechen wollen (einer von acht Nominierten ist er bereits). Dabei gibt es einen künstlerisch viel besseren Konkurrenten, der auch von Schwarzen Panthern handelt, allerdings nur ein Vierzehntel des Umsatzes gemacht hat: BlacKkKlansman. In Deutschland war das Zuschauerverhältnis nur 1:5, aber das Interesse am Kino hat hierzulande ohnehin stark nachgelassen. Die Werke von Ryan Coogler und Spike Lee haben übrigens in den USA jeweils mehr Umsatz gemacht als im Rest der Welt zusammen (das ist gerade wegen des stark wachsenden asiatischen Marktes ungewöhnlich).



BlacKkKlansman hat auf politischer Ebene genau das, was ich bei Black Panther vermisst hatte: eine spezifische, nachvollziehbare Geschichte, die ein Schlaglicht auf den alltäglichen amerikanischen Rassismus bis zum heutigen Tag wirft. Trotzdem bietet die Komödie, die man auch ein Drama mit komischen Untertönen nennen könnte, ebenfalls süffige Unterhaltung, über die fast exakt gleiche Laufzeit von 135 Minuten (und nicht so albern, wie der deutsche Trailer vermuten lässt). Das ist aber auch eine dolle Geschichte, die Spike Lee mit folgender Einblendung einführt:
Dis joint is based on some fo‘ real, fo‘ real sh*t

Es gab ihn wirklich: Ron Stallworth, erster schwarzer Polizeidetektiv in Colorado Springs, der (mithilfe eines weißen Kollegen, im Film "Flip Zimmerman") den Ku-Klux-Klan infiltrierte und so mehrere Anschläge verhindern konnte. Erst 2014 veröffentlichte er seine Geschichte als Tatsachenbericht. Spike Lees Autorenteam verlegt die Handlung um ein paar Jahre zurück (von 1978 nach 1971), um sie stärker mit Schlüsselmomenten der Bürgerrechtsbewegung verknüpfen zu können, erfand ihm als Freundin die Präsidentin eines Studentenverbands und machte aus seinem weißen Kollegen einen jüdiischen Polizisten, um ein erhöhtes Spannungspotential zu erzeugen. Solche Veränderungen halte ich nicht nur für legitim, sondern begrüße sie bei der Umsetzung von Büchern in Filmen. Für buchstäbliche Übertragungen gibt es Dokumentationen, und selbst die sind immer nur ein Blickpunkt auf die Wahrheit. Kinofilme müssen unterhalten und sollten dabei (wenn man Glück hat) ihre zugrundeliegenden Wahrheiten herausarbeiten. Und allein schon die aberwitzige Diskussion im Klan (bei der einem das Lachen im Halse steckenbleibt), ob man den Holocaust nun leugnen oder feiern sollte, rechtfertigt die Umdeutung von Flip Zimmermann.

Embed from Getty Images

Spike Lee ist einer der tragischen Helden des amerikanischen Kinos. Er wird im März 62 Jahr alt, und nach meinem Gefühl konnte er sein Potential in seiner Karriere bislang kaum realisieren. Filmtechnisch und als Geschichtenerzähler halte ich ihn für ebenbürtig mit seinen eine gute Dekade älteren New Yorker Kollegen Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Aber nicht nur seine Hautfarbe hat ihm im Weg gestanden. Immerhin hat er sich seit seinem Debut mit unabhängigen, kleinen Filmen (1986: She's Gotta Have It) hochgearbeitet zu mittelgroßen Studioproduktionen (1998: Malcolm X; 2006: Inside Man). Viele Stars gaben sich bei ihm die Ehre, oft mehrfach: Laurence Fishburn (School Daze), Samuel L. Jackson (Do the Right Thing), Denzel Washington (nach Mo' Better Blues noch dreimal), Wesley Snipes (Jungle Fever), Alfre Woodard (Crooklyn), Delroy Lindo (Clockers), Isaiah Washington (Girl 6), sowie auch gern seine Geschwister Joie, Cinqué und David und sein Vater Bill Lee (der hauptberufliche Bassist spielte u.a. für Bob Dylan und Peter, Paul & Mary). Dazu natürlich auch mal ein paar Weiße, darunter Danny Aiello, John Turturro, Harvey Keitel und Mira Sorvino.

Embed from Getty Images

Auch Spike Lee selbst spielte am Anfang regelmäßig mit, wobei ich schon den Eindruck habe, dass der 1,65 Meter kleine Schauspieler vor und hinter der Kamera mit Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen hatte. Mehr geschadet hat ihm wohl sein wütender, oft militanter Umgang mit Rassismus. Er tendiert ja unverhohlen eher zu Malcolm X als zu Martin Luther King. Da sein politischer Aktionismus ihn zeitweise künstlerisch beeinträchtigt hat, habe ich seine jüngsten Filme bislang gemieden (darunter auch das wohlwollend aufgenommene Chi-Raq und das Remake von Chan-Wook Parks Oldboy, das mir schon im Original nicht so zugesagt hatte). Umso größer meine Überraschung, welch wunderbarer Balanceakt ihm mit BlacKkKlansman gelungen ist. Ich sehe es eher als gelassenes Drama, das trotz des ernsten Stoffs zum Schmunzeln einlädt und sogar mit einem Happy End aufwartet. Der Regisseur lässt aber keinen Zweifel daran, dass hier zwar eine Schlacht gewonnen wurde, der Krieg aber noch in vollem Gange ist. Das hätte ich aber auch ohne den aufgesetzten Epilog erkannt, der Spike-Lee-typisch einen direkten Bezug zu rechsextremen Kundgebungen im Jahr 2017 herstellt.

Embed from Getty Images

Bei der Besetzung zeigt Spike Lee mal wieder ein feines Händchen. Die Titelrolle teilen sich John David Washington und Adam Driver. John David zeigt ähnliche Präsenz, wenngleich (noch?) nicht die gleiche Starqualität wie sein Vater Denzel Washington. Vielleicht liegt es auch an Bart und Afro, die sein Gesicht verstecken. Adam Driver mag ich selten, aber hier ist er einfach hervorragend. Star-Wars-Fans werden sicher dankbar vernehmen, dass er als Flip Zimmerman niemals sein Hemd auszieht. Übrigens muss man vielleicht erklären: Ron trat in Telefonaten mit dem KKK in Verbindung, zuletzt sogar mit dessen Bundeschef David Duke, während Flip ihn bei Meetings "vertrat". Als streithafte Black-Power-Studentenführerin Patrice brilliert Laura Harrier, in der ich niemals Spider-Man-Gespielin (und Vulture-Tochter) Liz wiedererkannt hätte. Auch die weiteren Polizeikollegen (darunter Veteran Robert John Burke und Steves Bruder Michael Buscemi) und die Klanmitglieder sind stimmig besetzt.

Embed from Getty Images

Der Film beginnt mit einer Hetzrede eines gewissen "Dr. Kennebrew Beauregard", den Alec Baldwin genüsslich in Saturday-Night-Live-Manier interpretiert. Als Gegengewicht gibt es gegen Ende einen besonderer Gastauftritt der 91jährige Bürgerrechtsikone Harry Belafonte (Matilda), als Zeitzeuge eines Lynchmordes.

Embed from Getty Images

Dazu gibt es zu Beginn und gegen Ende des Films zwei ungleiche Vorträge, die sicher absichtlich als ideologische Bookends platziert wurden. Rons erster Einsatz führt ihn zu einer Rede des Gewerkschaftsorganisators Kwame Ture (Corey Hawkins aus Kong: Skull Island und Straight Outta Compton), der mit geschliffener Rhetorik und warmherzigem Engagement die Black Power ausruft. Gegen Ende wird Ron dann als Leibwächter des Klanchefs David Duke Zeuge von dessen holpriger, in der Ausführung fast bemitleidenswerten Rede, die die White Supremacy zu beschwören versucht. Es ist ein besonderer Coup, David Duke vom unbeholfenen Star der Wilden Siebziger Topher Grace spielen zu lassen, der dafür auch nur eine ältere Variante von Eric Forman zum besten geben muss.

Embed from Getty Images

Es ist eine Schande, dass Spike Lee in diesem Jahr bei den Academy Awards seine erste Nominierung als bester Regisseur bekommen hat. Zuvor war nur seine Dokumentation 4 Little Girls nominiert, sowie sein Drehbuch von Do The Right Thing. Gewonnen hat die Kategorie 1990 der (vergleichsweise) schwächste Film im Wettbewerb, der gefällige Club der Toten Dichter. Do The Right Thing halte ich für einen der besten Filme der 80er, und immer noch einen der besten Filme über Rassismus. Er ging damals nicht einmal für den Besten Film des Jahres ins Oscar-Rennen. Im Zuge der neuen politischen Korrektheit vergab die amerikanische Akademie 2016 einen Ehrenpreis an Spike Lee - immerhin. Für BlacKkKlansman stehen die Chancen auch nicht besonders - bei den BAFTAs hat es gerade für den Drehbuchpreis gereicht. Ich persönlich würde lieber einen Marathon mit Spike Lees schwächsten Werken schauen als auch nur 10 Minuten des haushohen Favoriten für den Besten Film (und BAFTA-Gewinners) Roma. Für mich ist BlacKkKlansman Spike Lees bester Joint seit eben Do The Right Thing. Herausragend (9/10).

Dies ist meine Rangliste der Oscar-Kandidaten:

BlacKkKlansman (9/10)
The Favourite (8/10)
Green Book (8/10)
A Star Is Born (8/10)
Black Panther (8/10)
Bohemian Rhapsody (5/10)
Roma (3/10)
Vice (? - kommt erst im März in unsere Kinos)

BlacKkKlansman habe ich mir übrigens als UHD-Blu-ray aus England besorgen müssen. Bild- und Tonqualität sind exzellent, aber die Extras leider mehr als mager.

Samstag, 9. Februar 2019

Driving Dr. Shirley: Green Book (8/10)



Das Grüne Buch für motorisierte Neger (so benannt nach dem Herausgeber, Victor Hugo Green, aber auch dem grünen Cover) war zwischen 1936 und 1966 ein wichtiger Begleiter für Schwarzamerikaner, insbesondere wenn sie in die Südstaaten reisten. Es listet Motels und Restaurants auf, in denen sie willkommen sind, und warnt u.a. vor "Sundown towns", in denen es Schwarzen verboten ist, sich nach Sonnenuntergang innerhalb der Stadtgrenzen zu bewegen. Das war offenbar auch 1962 noch gängige Praxis, als der Jamaika-stämmige Pianovirtuose Dr. Don Shirley zu einer Tour durch den "Tiefen Süden" aufbrach. Als Fahrer und Bodyguard engagierte er den Bouncer Tony "Lip" Vallelonga, und der musste sowohl seine Lippe (er nennt sich selbst einen genialen "Bullshitter") als auch seine Muskeln spielen lassen, um seinen Boss heil durch die Rassismushölle zu chauffieren. Die Konzertauftritte selbst, oft in Herrschaftshäusern, mit Unterstützung zweier russischer Kollegen an Kontrabass und Cello, wirken zunächst wie Kunstoasen in einer Wüste von Banausen, aber hinter der Fassade der Superreichen und Mächtigen verbergen sich die gleichen Dünkel und Vorurteile wie im Hinterland ("Wir haben die [farbigen] Bediensteten gefragt, was Ihnen wohl schmecken könnte...")

Embed from Getty Images

Green Book basiert auf Interviews, die Tonys Sohn Nick Vallelonga mit seinem Vater und Dr. Shirley (mit Titeln u.a. in Musik und Psychologie) geführt hatte (die beide 2013 verstarben). Das nach langer Entwicklungszeit mit Regisseur Peter Farrelly und dessen Kumpel Brian Hayes Currie fertiggestellte Produkt geht nun bei der Akademie als Originaldrehbuch ins Oscar-Rennen. Niemand muss sich also wundern, dass die Hauptfigur des Films Nicks Vater Tony ist. Es handelt sich nicht um eine Biographie von Don Shirley, und die nachträglichen Einwände von Shirleys Familie halte ich daher für sinnlos. Natürlich ist anzunehmen, dass die Freundschaft der beiden ungleichen Männer im Film stark übertrieben wird (auch wenn es durchaus verbriefte Aussagen Shirleys in diese Richtung gibt). Aber es ist nun mal Hollywood-Praxis, eine solche "wahre" Geschichte in zwei Stunden auf einen unterhaltsamen Kern zu reduzieren. Und die Begegnung zwischen dem derben, ungebildeten Italoamerikaner mit Mafia-Verbindungen und dem mehrsprachigen, vielgereisten Feingeist bietet genug Potential für Sentiment, aber auch Überraschungen. Immer wieder kollidieren die Welten des Familienmenschen und die des einsamen Künstlers, und dabei lernen beide dazu.

Embed from Getty Images

Schwerer als die Frage nach der Echtheit der Freundschaft wiegt schon der Vorwurf, dass der Film den alltäglichen Rassismus des Jahres 1962 verharmlost, oft verbunden mit Anfeindungen an den Regisseur, der bislang gemeinsam mit seinem Bruder Bobby Farrelly für meist überalberne Komödien bekannt ist (einsamer Glanzpunkt 1998: Verrückt nach Mary). Für mich wurden durchaus genug Repressalien gezeigt. Für meinen Geschmack hat Peter Farrelly genau den richtigen Ton für diesen Film getroffen, der weder Politthriller noch Anprangerung sein will, sondern nur eine kleine, warmherzige Geschichte erzählt, einen winzigen Mosaikstein im Porträt der 60er Jahre durch das Hollywood-Kino, welches sicher noch nicht abgeschlossen ist. Und er hat zwei glanzvolle Darsteller zu Oscar-Nominierungen geführt.

Embed from Getty Images

Mahershala Ali, in Hidden Figures noch Eye Candy, müsste eigentlich ein großer Star sein. Er hat eine Ausstrahlung, die mich an James Stewart erinnert, aber aufgrund seiner Hautfarbe ist er bislang auf Nebenrollen beschränkt. Das könnte ihm in diesem Jahr immerhin (nach Moonlight) den zweiten Oscar einbringen. Nächste Woche wird er schon 45, aber vielleicht klappt's ja noch mit den Hauprollen. Und, ich widerspreche mir, eigentlich spielt er in Green Book die zweite Hauptrolle, und stärker als zuvor zeigt er, was in ihm steckt. Sein Porträt eines Genies zwischen allen Stühlen, weder in der schwarzen Kultur verwurzelt noch vom weißen Publikum als Mensch anerkannt, ist absolut erstaunlich. Seinen Gegenpart hatte ich im Trailer erst gar nicht erkannt. Viggo Mortensen hat sich für die Rolle des Bodyguards nicht nur zehn Kilo angefuttert, sondern ist auch sonst in Tonys Haut geschlüpft, in seinen Sprachrhythmen und der Körpersprache, ohne jemals in Richtung Karikatur zu geraten. Das wäre wohl einfach gewesen, denn Tony Lip war nach seiner Chauffeurskarriere als Schauspieler u.a. in den Sopranos zu sehen. Aber Viggo schafft eine ganz eigene Figur, gerade zu Beginn nicht gerade sympathisch, aber immer nachvollziehbar. Und dafür, dass er 2001 bereits einen 87jährigen gespielt hat, trumpft der 60jährige mit unerschöpflicher Energie auf und überzeugt nun als junger Familienvater. Ihm zur Seite steht die wunderbare Linda Cardellini (Hawkeyes Ehefrau) in einer kleinen, aber wichtigen Rolle, auch als Empfängerin von Tonys (historisch verbürgten) Liebesbriefen, die mit etwas Poesienachhilfe von Don entstanden.

Embed from Getty Images

Es ist jetzt 30 Jahre her, dass Morgan Freeman die damals 80jährige Jessica Tandy zu ihrem Oscar-Gewinn chauffierte. Driving Miss Daisy ("Miss Daisy und ihr Chauffeur") war auch damals schon kein Meisterwerk, setzte aber ein Zeichen mit seinem Gewinn als Bester Film. In diesem Jahr sind die Voraussetzungen umgekehrt. Aber wieder gilt der Passagier als sicherer Oscar-Kandidat, und wieder würde ich diese Ehre eher dem Fahrer gönnen. Außerdem hoffe ich nicht, dass die Akademie in zwei Wochen diese Mücke einer Botschaft zum Elefanten des Besten Films macht. Das würde in meinen Augen das Verdienst dieses schönen Films eher schmälern, und wenn man schon um Proporz bemüht ist, sollte man den Hauptpreis eher an Black Panther vergeben. Viel wichtiger finde ich, dass mit Octavia Spencer eine schwarze Produzentin an Green Book beteiligt ist. Und übrigens: Ich hätte Peter Farrelly ja eine Nominierung als bester Regisseur gegönnt, aber viel erschrockener war ich, dass Urgestein Spike Lee in diesem Jahr zum ersten Mal in dieser Kategorie nominiert ist (vor drei Jahren wurde er bereits mit dem Ehrenoscar abgespeist, aber dazu voraussichtlich nächste Woche mehr). In einem Jahr ohne herausragenden Beitrag gilt der Golden-Globe-Gewinner immer noch als Top-Favorit für die Oscars. Bei mir kommt es wie die bisher gesichteten Konkurrenten über ein Sehr gut nicht hinaus (8/10).

Embed from Getty Images